Categories
English Roman

Sara Gruen – At the Water’s Edge

If finding the monster was what it was going to take to make Ellis feel whole again, then so be it. I just hoped there was a monster to be found.

Kürzlich scrollte ich in der Overdrive eLibrary durch die Neuerscheinungen und stieß dabei auf dieses Buch, was mich sofort daran erinnerte, dass mir Wasser für die Elefanten von derselben Autorin so gut gefallen hatte, dass ich neben dem Kindle-Buch nun auch eine Paperback-Ausgabe im Regal stehen habe.

Die dadurch hohe Erwartungshaltung wurde nur teilweise eingelöst. Die Leserin verfolgt Maddie auf ihrer Reise nach Schottland. Ihr Ehemann Ellis und dessen Kompagnon (Spießgeselle würde auch passen) Hank wollen in Schottland nach dem Monster von Loch Ness suchen, um die angekratzte Familienehre wiederherzustellen. In der ungewohnten Umgebung beginnt Maddie schnell, ihren Ehemann mit anderen Augen zu sehen. Sie knüpft Freundschaftsbeziehungen zu den Menschen vor Ort und entfernt sich immer weiter von ihrem früheren Leben. Es kommt schließlich zum Showdown, in dem Maddies Ehemann Ellis sein wahres Gesicht zeigt.

Zu Beginn war mir die Protagonistin so unsympathisch, dass es einige Zeit gedauert hat, bis ich mich in die Geschichte reinfinden konnte. Zu einem späteren Zeitpunkt störte mich dann das Umkippen in das klassische „starker Mann, schwache Frau“-Schema; ich hätte es lieber gesehen, wenn Maddie sich etwas mehr selbst gerettet hätte, als gerettet zu werden. Alles in allem war es eine entspannte Lektüre, die mich einige Abende lang unterhalten hat.

Categories
Krimi Roman

Klaudia Zotzmann-Koch – Mord und Schokolade

Krimis lese ich in letzter Zeit eher selten (der Blick ins Archiv hat diese gefühlte Wahrheit bestätigt), die letzten Krimis dienten rein dem Zweck der Ermittlung von Variablen für Geocaches. Aber da ich nun mal eine Abwechslung von all den bildungswissenschaftlichen Texten brauchte, die ich in letzter Zeit gelesen habe, kam mir dieser „Genuss-Krimi“ (gilt das schon als eigenes Genre?) gerade recht.

Die Protagonistin Paula Anders ist eine bestechend bodenständige Antiheldin, die aufgrund familiärer Beziehungen und einer gewissen Neugierde in einen Mordfall verwickelt wird. Auf die eine oder andere Art sind tatsächlich alle teilnehmenden Personen in diesen Fall irgendwie verwickelt, sei es als (mehr oder weniger unschuldiges) Opfer, als Täter*innen oder als Zeug*innen.

Zum Genuss tragen Kaffee, heiße Schokolade und Hildesheimer Lokalkolorit bei. Obwohl ich die Stadt selbst noch nie besucht habe, fühlte ich mich in die beschriebenen Gassen der Innenstadt hinein versetzt. Das Fachwerkhaus, in dem Paula Anders ihre Köstlichkeiten herstellt, wird regelrecht zu einem Sehnsuchtsort. Obwohl sich Paula in diesem Roman vehement gegen einen Onlineshop für ihre edlen Kreationen wehrt, lässt sich der Eindruck nicht vermeiden, dass sie diesen vielleicht in einer der Fortsetzungen doch noch bekommen wird.

Randnotiz: Klaudia betreibt gemeinsam mit ihrem Partner die Mastodon-Instanz literatur.social, ein soziales Netzwerk für Büchermenschen. Für die Instanz habe ich das „Lese-Mastodon“ als Key Visual gestaltet. Ihr findet auch mich auf Mastodon auf dieser Instanz unter @Columbia@literatur.social.links: Bücherstapel mit Katze, rechts: Mastodon mit Brille und Buch vor dem Rüssel

Disclaimer: Ich bin mit der Autorin befreundet und habe das Buch als Dankeschön für grafische Unterstützung geschenkt bekommen. Dass meine Meinung davon komplett unbeeinflusst bleibt, kann ich nicht garantieren. Wie meine anderen Posts ist dies jedoch keine Werbung, sondern meine subjektive in Worte gefasste Meinung.

Categories
Erfahrungsbericht

Cait Flanders – The Year of Less

Each time I craved it, I had to stand in the moment, pay attention to what had triggered the craving, and change my reaction.

Die Autorin beschreibt in diesem Buch nicht nur ihre Entscheidung, ein Jahr lang nicht einzukaufen (Lebensmittel und andere Notwendigkeiten ausgenommen), sondern vor allem wie sie ihre eigenen Gewohnheiten (habits) in der Zeit davor und danach verändert hat. Sie erzählt schonungslos von ihrem Alkoholismus (zu Beginn des shopping bans war sie bereits 17 Monate trocken) und den anderen Verdrängungsmechanismen, die darauf folgten. Es gibt viele Möglichkeiten, wie wir uns davon ablenken können, uns mit den schwierigen Dingen in unserem Leben auseinanderzusetzen. Unser Einkaufsverhalten ist eines davon. Die Autorin beschreibt anschaulich, wie sie sich selbst vorgekaukelt hat, durch den Kauf von einem bestimmten Artikel eine andere Person werden zu können. Oder eine bessere Version von ihrem bisherigen Selbst. Dies lenkt uns aber nur davon ab, uns zu fragen, welche Leere wir damit eigentlich ausfüllen wollen.

The real thing to celebrate was that I had felt things and I kept living.

Der radikale Verzicht auf das Einkaufen führte bei der Autorin zu einer intensiven Auseinandersetzung mit ihren eigenen Bedürfnissen. Den Einkaufsverzicht kombinierte sie mit einem gründlichen Hinterfragen aller bereits gesammelten Habseligkeiten, worauf dann das Loswerden von mehr als der Hälfte dieser Habseligkeiten folgte.

Mir selbst ist bei meinem kürzlichen Anlauf, in meiner Wohnung etwas aufzuräumen und auszumisten, erst so richtig bewusst geworden, wie viele Dinge ich besitze, die ich tatsächlich schon ewig nicht mehr verwendet habe. Für mich besteht die Schwierigkeit darin, nicht zu wissen, was mit den Dingen geschehen soll. Ein Beispiel: Über die Jahre haben sich Unmengen an Kabeln angesammelt, manche sind inzwischen überholt, manche waren irgendwo dabei, manche wurden nie benutzt. Sie wegzuwerfen bringt sie zwar aus meiner Wohnung weg, macht sie aber gleichzeitig zu Müll. Dinge, die für andere Menschen noch nützlich sein können, sind vergleichsweise einfach. Zwei Gegenstände konnte ich bereits erfolgreich  verkaufen. Aber es gibt so viele Dinge, die zumindest oberflächlich nicht mehr (sinnvoll) zu gebrauchen sind: Das schriftbasierte Gesellschaftskartenspiel, das auf der alten Rechtschreibung (vor 1996!) beruht. Die Kompaktkamera, deren Akku kaputt gegangen ist (ohne einen neuen Akku zu kaufen, ist unklar, ob die Kamera überhaupt noch funktioniert, der Kauf eines neuen Akkus könnte daher völlig sinnlos sein). Ein Dämpfeinsatz, über dessen Erwerb ich tatsächlich lange sinniert hatte, aber weil er eben nur einen mittleren einstelligen Eurobetrag kostete (genau weiß ich das nicht mehr), habe ich ihn dann doch gekauft (und in den letzten vier Jahren vielleicht zwei Mal benutzt).

Während des Lesens dieses Buches habe ich auch versucht, meine eigenen Mechanismen zu hinterfragen. Mein Einkaufsverhalten habe ich in den letzten Jahren ohnehin Stück für Stück geändert, ich kaufe kaum noch Kleidung, weniger als fünf Bücher pro Jahr, bei allem, was nicht Verbrauchsmaterial ist, denke ich ewig darüber nach, ob ich das wirklich brauche. Meine Schwierigkeit besteht eher darin, dass ich mich schwer von Dingen trennen kann, wenn diese durch Entfernung zu Müll würden und dadurch, dass sie bei mir bleiben, noch eine Chance auf Nützlichkeit haben. Die Kehrseite ist ja auch: Wenn ich jetzt diese Dose mit den übrig gebliebenen Schrauben entsorge und nächstes Monat dann eine Schraube brauche, muss ich dann wieder Schrauben kaufen.

Das Hinterfragen des eigenen Konsumverhaltens kann in meinen Augen nur positive Effekte zeigen. Wir haben schon so viel und wollen immer noch mehr. Dank der ständig neuen Bedürfnisse, die die Werbetreibenden in uns zu wecken versuchen, werden wir auch niemals genug haben können. Es muss nicht gleich ein shopping ban sein, aber ein kurzes Innehalten vor einem Einkauf kann uns in manchen Situationen vielleicht schon bewusst machen, dass wir bereits genug haben.

It wasn’t much, but it was enough.
It was enough. I had enough.
I was enough.

Randnotiz: Bei Büchern, die ich nicht in der Bücherei bekommen kann, frage ich mich im Allgemeinen vor dem Kauf, ob ich sie jetzt sofort lesen möchte. Meistens ist das nicht der Fall und ich verschiebe den Kauf auf später. Kürzlich ist es mir tatsächlich passiert, dass ich ein Buch gefunden habe, das ich sofort lesen wollte. Die Kaufmöglichkeiten dieses englischsprachigen Buchs beschränkten sich für meinen europäischen Standort auf Amazon und Kobo. Im Gespräch mit einer befreundeten Autorin habe ich anschließend versucht, herauszufinden, bei welcher Kaufoption der höchste Anteil vom Kaufpreis bei der Autor*in landet. Leider ist das für die Käufer*innen im Einzelfall nicht so einfach herauszufinden. Die kurze Antwort für eBooks lautet: Alles außer Amazon.

Randnotiz 2: Im selben Zusammenhang habe ich mich gefragt, ob es sinnvoller ist, ein eBook zu kaufen oder ein gedrucktes Buch. Das gedruckte Buch kann ich weitergeben; wenn ich es nicht behalten will, muss ich es sogar loswerden; es ist ein Gegenstand, der zu Müll werden kann. Ein eBook hingegen verbraucht keinen physischen Platz; ich kann es aber auch nicht weiterreichen an Menschen, die daran auch noch Freude haben könnten. Es mag übertrieben erscheinen, sich über ein einzelnes Buch solche Gedanken zu machen, aber genau das macht das Hinterfragen der eigenen Gewohnheiten aus.

Randnotiz 3: Ich habe das Buch, das ich sofort lesen wollte, (noch) nicht gekauft.

[EDIT: 24. November 2019] Randnotiz 4: Mir ist aufgefallen, dass ich eigentlich auch darüber schreiben wollte, wie die Autorin mit den Reaktionen ihres Umfelds auf die Veränderung ihres Konsumverhaltens umgegangen ist. Sie beschreibt, dass viele Bekannte ihr eigenes Konsumverhalten ihr gegenüber rechtfertigten oder dass Menschen das Gefühl hatten, mit ihr nun nicht mehr über Einkäufe oder damit in Zusammenhang stehende Themen sprechen zu können. Sie schreibt, dass sie aufgrund ihrer Entscheidung, keinen Alkohol mehr zu trinken, aus gesellschaftlichen Situationen ausgeschlossen wurde. Sie beschreibt Unverständnis und sogar, dass Menschen aus ihrem Umfeld sie in Versuchung führten, ihre für sich selbst aufgestellten Regeln zu brechen.

Diese Reaktionen des Umfelds sind eine wichtige Ursache, die uns davon abhält oder es uns schwerer macht, unsere Gewohnheiten, unser Verhalten zu verändern. Das Verhalten von anderen können wir nicht ändern, wir können uns aber darauf gefasst machen, dass unsere eigene Veränderung nicht nur positive Reaktionen auslösen wird. Wir können uns bereits vorab überlegen, wie wir mit solchen Situationen umgehen wollen. Und vor allem dann, wenn diese Situationen auftreten, können wir sie reflektieren und uns bewusst machen, dass diese Reaktionen eigentlich wenig über unser eigenes Verhalten aussagen, sondern mehr darüber, in welchen Lebensbereichen diese Personen mit sich selbst nicht im Reinen sind. Diese Reaktionen zeigen uns nicht (nur) unsere eigenen Schwächen auf sondern vor allem jene der Personen, die unsere Entscheidungen in Frage stellen oder kritisieren.

Categories
Roman

Lilian Faschinger – Wiener Passion

Dieses war das dritte Werk, das ich für einen Literatur-Geocache benötigte. Schon beim Herausnehmen des dicken Hardcover-Bandes aus dem Regal der Bücherei-Zweigstelle habe ich innerlich gestöhnt, einerseits, weil die Bücher gerade noch in den Rucksack passten und andererseits, weil ich mir unsicher war, wie ich mit einem so langen Werk in der mir inzwischen bekannten geschwurbelten Ausdrucksweise der Autorin zurecht kommen würde.

Die Geschichte wird aus drei Ich-Perspektiven heraus entwickelt. Die zwei zeitgenössischen Ich-Stimmen Magnolia Brown und Josef Horvath lernen sich im Wien der Jetzt-Zeit (das Buch ist 1999 erschienen, also eher die damalige Jetzt-Zeit) kennen. Magnolia ist nach Wien gekommen, um ihre Gesangskünste zu verbessern und etwas über Anna Freud zu lernen, die sie in einem geplanten Broadway-Musical darstellen soll. Sie lebt bei ihrer Tante und findet in einer Truhe ein Heft, in dem Rosa Havelka (geborene Tichy) ihre Lebensgeschichte erzählt. Rosa kam in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Wien, die Zeitspanne ihrer Lebensgeschichte umfasst unter anderem den Tod des Kronprinzen Rudolf sowie der Kaiserin Elisabeth.

Obwohl die oben bereits erwähnte, sehr umfangreiche Ausdrucksweise der Autorin die Geschichte etwas sperrig macht, versteckt sich in diesem Roman ein Familienepos, das mehrere Generationen umfasst. Gerade die Unterscheidung der Ich-Stimmen hat mir am Anfang Schwierigkeiten bereitet und nebenbei hatte ich ja immer noch die Fragen im Kopf, die für das Geocache-Rätsel zu beantworten waren. Das erfreuliche Ergebnis war jedoch überraschend: Trotz einiger Unsicherheiten bei den Antworten (sowohl in diesem als auch in einem anderen der drei Werke, die das Rätsel umfasste), konnte ich die korrekten Antworten bereits im ersten Versuch ermitteln. Jetzt geht es an die Feldarbeit. Einerseits muss natürlich die Cache Location aufgesucht werden und andererseits steht damit auch der nächste Ausflug in eine Bücherei-Zweigstelle bevor, um Material für das nächste Literatur-Rätsel zu sammeln.

Categories
Roman

Sally Rooney – Normal People

Irgendwie hatte ich die beiden Bücher der Autorin verwechselt und dachte eigentlich, ich würde das andere lesen, was mich interessanterweise lange davon abgehalten hat, zu sehen, worum es in diesem Buch eigentlich geht. Mit dem Thema Normalität und was das eigentlich bedeutet, habe ich mich in diesem Jahr intensiv beschäftigt und aus dieser Richtung betrachtet, gibt das Buch unendlich viele Antworten auf diese Frage.

Die Geschichte beschreibt die Beziehung von Marianne und Connell, die sich ausgehend vom High-School-Alter über die Jahre hinweg stetig verändert. Zu Beginn wird Marianne als Außenseiterin beschrieben, eine Person, die sich nicht darum kümmert, was andere von ihr denken, die ihr eigenes Ding macht und ihre eigene Persönlichkeit lebt, während Connell beliebt ist, einen großen Freundeskreis hat und in allen Dingen dazugehört. Beim Wechsel aufs College verändert sich dieses Verhältnis, plötzlich ist Marianne beliebt und begehrt und Connell zweifelt an sich selbst und an seinen Lebensentscheidungen.

Im Verlauf des Buches blickt die Leser*in immer tiefer in die Persönlichkeit und die Hintergründe der beiden Protagonist*innen und irgendwann kam auch für mich der Moment, wo mir trotz der falschen Erwartungshaltung klar wurde, dass es darum geht, dass sich das, was wir unter Normalität verstehen, auf der Basis unserer eigenen Perspektive verändert. In der chaos-nahen Szene (dazu gehören der deutsche Chaos Computer Club CCC und der österreichische Chaos Computer Club Wien sowie alle chaosnahen Hackspaces und Vereine) wird oft davon gesprochen, dass wir uns auf Chaos-Veranstaltungen endlich unter normalen Leuten befinden. Mich hat das immer schon etwas befremdet, weil es dieses Gefühl des Nicht-Dazugehörens, was viele Menschen im Chaos offenbar in ihrem regulären Leben empfinden, einfach nur umkehrt und ausdrückt, dass nun alle anderen nicht dazugehören.

Beim Versuch, das Wort normal zu definieren, ohne dabei Wertungen vorzunehmen, bin ich bisher immer bei der Definition gelandet, dass das normal ist, was die Mehrheit tut oder als normal empfindet. Auf einer Chaos-Veranstaltung ist das dementsprechend nicht dasselbe wie auf einem Ärztekongress oder in einer vollbesetzten Straßenbahngarnitur.

Wenn wir aber unseren Standpunkt verändern, dann können wir auch definieren, was für uns selbst normal ist. Für mich ist es normal, täglich mit meinem Hund spazieren zu gehen, das tue ich an der Mehrheit aller Tage im Jahr (ausgenommen Urlaube, wo der Hund anderweitig betreut wird). Für mich ist es normal, mein Auto nur dann zu verwenden, wenn es notwendig ist, um Personen oder Dinge zu transportieren oder wenn es aus Zeit- oder Ortsgründen absolut nicht anders möglich ist. Für mich ist es normal, beim Einkaufen darauf zu achten, dass ich möglichst wenig Plastik einkaufe. Was wir also als normal empfinden, das können wir selbst bestimmen, das müssen wir uns nicht von der Mehrheitsbevölkerung vorschreiben lassen. Manchmal werden wir dafür Kommentare und vielleicht sogar Kritik einstecken müssen (darum wird es auch im übernächsten Post noch gehen). Aber immerhin können wir wissen, dass wir selbst über unser Verständnis von Normalität entscheiden.

Categories
Roman

John Williams – Stoner

He had never got in the habit of introspection, and he found the task of searching his motives a difficult and slightly distasteful one; he felt that he had little to offer to himself and that there was little within him which he could find.

Dieses Buch stand schon so lange auf meiner Leseliste, dass ich nicht mehr nachvollziehen kann, wo es hergekommen ist. In der Merkliste in der Overdrive eLibrary App hatte ich es auch drin und dann kam der Impuls durch Lithub, wo der Roman auf einer Liste der besten College-Romane auftauchte. Den Link finde ich gerade nicht mehr, da die Liste allerdings meinen eigenen liebsten College-Roman nicht enthielt, kann ich sie ohnehin nicht ganz ernst nehmen.

Dem Buch vorangestellt ist eine Einleitung von John McGahern, die das Buch in einen literarischen Kontext einordnet. Leider wird dabei so viel vom Inhalt verraten, dass ich nach der Einleitung beinahe das Gefühl hatte, ich müsste das Buch nicht mehr lesen. Nahezu alle wichtigen Lebensstationen des Protagonisten William Stoner werden in der Einleitung nicht nur erwähnt, sondern auch in den Gesamtkontext seiner Lebensgeschichte gestellt. Dadurch enthält das Buch keine Überraschungen mehr, die Entwicklung seines Lebens, die Navigation durch schwierige Entwicklungen sowohl im Arbeitsbereich als auch im Liebesleben wird vorweg genommen.

Das Buch ist in meinen Augen ein klassischer Entwicklungsroman, der die wichtigsten Lebensthemen im Kontext seiner Zeit behandelt. Ich würde vorschlagen, die Einleitung erst nach dem Buch zu lesen. An dieser Stelle wäre die Einordnung in meinen Augen sehr sinnvoll.

Categories
English Roman

Ling Ma – Severance

We’re selected. The fact that we’re immune to something that took out most of the population, that’s pretty special. And the fact that you’re still here, it means something.

Das Szenario einer epidemischen Krankheit, die einen Großteil der Weltbevölkerung auslöscht, hat mich seit The Stand fasziniert. Das Zusammenbrechen einer Gesellschaft und wie die Überlebenden damit umgehen stellt der Leser*in die Frage, wie sie selbst in so einer Situation reagieren würde. Eine Katastrophensituation solchen Ausmaßes (wie sie in anderer Ausprägung auch in Black Out oder Under The Dome beschrieben wird) bringt die wahre Natur des Menschen zum Ausdruck.

I have always lived in the myth of New York more than in its reality. It is what enabled me to live for so long, loving the idea of something more than the thing itself.

Die Autorin Ling Ma erzählt die Geschichte der Überlebenden Candace auf zwei Zeitebenen. Eine Zeitebene beschreibt, was vor der Epidemie passiert und wie sich Candace in der zerfallenden Stadt New York zurecht findet, bevor sie sich schließlich versehentlich aus ihrem Büro aussperrt und daraufhin beschließt, dass es Zeit ist, die Stadt zu verlassen. Die andere Zeitebene beschreibt, was passiert, nachdem Candace von einer Gruppe Überlebender, die sich unter der Leitung eines selbst ernannten Gurus nach Chicago durchschlägt, gefunden wurde.

Candace wurde in China geboren und war mit ihren Eltern im Kindesalter nach Amerika ausgewandert. Während die Mutter auf eine Rückkehr drängt, ist der Vater überzeugt davon, dass nur Amerika die für das eigene Kind erwünschten Zukunftschancen bietet. Die erwachsene und inzwischen verwaiste Candace sieht sich ständig damit konfrontiert, ihre Chancen ungenutzt zu lassen und den Wünschen ihrer Eltern für ein besseres Leben nicht zu genügen.

I just want for you what your father wanted: to make use of yourself, she finally said. No matter what, we just want you to be of use.

Nicht die Epidemie, nicht das langsame Zusammenbrechen der Infrastruktur und der Gesellschaft im Allgemeinen, nicht die Einsamkeit sind es, die schließlich einen unaufhaltbaren Veränderungsprozess in der Protagonistin auslösen. Erst die Konfrontation mit einer weiteren Instanz, die ihr Regeln auferlegt und ihr Leben kontrollieren will, ist der Wendepunkt, an dem es kein Zurück mehr gibt. Und selbst an dieser Stelle hätte Candace vermutlich noch mitgespielt. Aber es geht jetzt eben nicht mehr allein um sie selbst.

When other people are happy, I don’t have to worry about them. There is room for my happiness.

Für mich überraschend war die Tatsache, dass die Beschreibung des Überlebens den geringsten Teil des Buches annimmt, nahezu alle wesentlichen Ereignisse geschehen, bevor die epidemische Krankheit überhaupt zum ersten Mal erwähnt wird. Die Rückblicke sind nicht notwendig, um das Geschehen nach der Epidemie zu erklären, sie sind das eigentliche Geschehen. Durch eine Krise wird die eigene Geschichte nicht ausgelöscht. Sie nimmt eine neue Wendung, aber sie trennt uns nicht von unserer Vergangenheit. Und sie lässt uns wachsen.

Categories
Fantasy Roman

Leo Perutz – Das Mangobaumwunder

Nun hab ich auch das dritte Buch für den Literatur-Geocache zum Autor Leo Perutz geschafft. Wenn man die Bücher knapp nacheinander liest, stellt sich schon ein gewisser Ermüdungseffekt in Bezug auf die angewandten literarischen Mittel und die Charakterisierung der Figuren ein. Das Alter der Geschichte ist deutlich spürbar, gerade im Gehabe des verliebten Dr. Kircheisens zeichnen sich deutlich die Gepflogenheiten einer längst vergangenen Zeit ab. Aber immerhin blieb der Knalleffekt (der deutliche Anleihen an einem wesentlich älteren Werk nimmt) bis knapp vor dem Ende verborgen. Das Rätsel ließ sich übrigens nach einer kleineren Korrektur bei den Variablen im dritten Versuch lösen.

Categories
Essays Memoir

Alexander Chee – How to Write an Autobiographical Novel

There was something I wanted to feel, and I felt it only when I was writing.

Dieser Lithub-Artikel über normale Lebensgeschichten enthielt unter anderem diese Buchempfehlung. Das Wort normal wollte ich eigentlich nicht mehr verwenden, aber das englische Wort regular im Titel des Artikels ist wohl tatsächlich in dieser Bedeutung zu verstehen, wie aus dem ersten Absatz deutlich hervorgeht. Die Autorin Mary Laura Philpott war übrigens lange Mitarbeiterin von Parnassus und hat mit I miss you when I blink in diesem Jahr selbst ein Memoir-in-essays veröffentlicht. In unserer pluralistischen Gesellschaft verliert das Wort normal im Sinne von normal ist, was die Mehrheit macht ohnehin zunehmend seine Bedeutung. Ein von der gesellschaftlich geprägten Normalitätsvorstellung abweichendes Leben zu führen, wird jedoch immer noch hauptsächlich negativ gesehen. Alternativ hatte ich in letzter Zeit das Wort gewöhnlich ausprobiert, es hat jedoch den Nachteil, dass es dem Gewöhnlichen einen negativen Beigeschmack verleiht.

You succeed, you celebrate, you stop writing. You don’t succeed, you despair, you stop writing. Just keep writing. Don’t let your success or failure stop you. Just keep writing.

Alexander Chee beschreibt in seinem Memoir-in-essays natürlich nicht nur, wie er einen autobiographischen Roman geschrieben hat. Das Schreiben dieses Romans war für ihn die Aufarbeitung eines Kindheitstraumas, ein Missbrauch durch einen Chorleiter. Schonungslos mit sich selbst erzählt der Autor, wie tief er die eigene Scham jahrelang in sich vergraben hatte und wie sich ihm durch das Schreiben und eine Therapie schließlich eine Art Ausweg aus einer dunklen Ecke seiner Erinnerungen eröffnete.

I was really only broken, moving through the landscape as if I were not, and taking all my pride in believing I was passing as whole.

Nebenbei beschreibt er die Entwicklung der Schwulenszene in New York und setzt politische Akzente mit Episoden aus seiner Zeit in einer Bewegung, die sich gegen die Diskriminierung von AIDS-Kranken eingesetzt hat. Er erzählt aus seiner Lehrtätigkeit und reflektiert dabei tiefgreifend, wie er seinen Schüler*innen zu vermitteln versucht, dass Schreiben eben nicht sinnlos ist, dass es einerseits die Schreibenden selbst verändert und andererseits auch bei den Leser*innen eine Veränderung bewirken kann. Er schreibt über das Zustandekommen von Beziehungen, was Beziehungen ausmacht („you each allow yourself new identities with each other“) und wie es uns gelingen kann, trotz aller negativen Entwicklungen nicht den Mut zu verlieren und weiterzuschreiben.

Categories
English Roman

David Levithan – Someday

What I’m learning is that the heart has the capacity to love so many people. I used to think I had to give that capacity to just one person, and never hold back any love for myself. But how wrong I was.

Nach Every day und Another day, in dem der Autor die Geschichte des Kennenlernens von Rhiannon und A aus beider Perspektive beschreibt, folgt mit Someday eine Fortsetzung, die überraschenderweise noch mehr Fragen aufwirft als sie beantwortet.

Am Ende der beiden vorhergehenden Bücher hat A sich entschlossen, den Kontakt zu Rhiannon abzubrechen. Natürlich können sie einander nicht vergessen und nehmen schließlich den Kontakt wieder auf. Beide erkennen, dass ihre Beziehung zu Beginn darunter gelitten hat, dass sie sich nicht in gewöhnliche Beziehungskonzepte pressen lässt. Wenn die bekannten Beziehungsmuster nicht zu passen scheinen, kann eine Beziehung nicht erfolgreich sein, das denken sowohl A als auch Rhiannon. In diesem Buch definieren Rhiannon und A ihre Beziehung neu: Sie muss nicht exklusiv sein. Sie muss nicht den gängigen Vorstellungen einer lebenslangen Beziehung entsprechen. Sie muss nicht einer klassischen Beziehungsentwicklungslinie (mir fällt leider wirklich keine bessere deutsche Version für relationship escalator ein) folgen. All diese Ansprüche haben eine Beziehung zuvor verhindert. In dieser Fortsetzung konzentrieren sich beide darauf, was sie einander geben können, was sie zusammen haben können und daraus entsteht etwas völlig Neues. Das Sprengen von gesellschaftlichen Vorstellungen und Rahmenbedingungen und Schaffen von Räumen für eigene Ideen abseits der gängigen Normalitätsfolien schafft Möglichkeiten, die zuvor undenkbar waren. Diese ermutigenden Botschaften zwischen den Zeilen sind eine der besonderen Leistungen des Autors.

But if it becomes normal for us – that’s good. That’s all we can ask for.

Zumindest so spannend wie der Beziehungsaspekt war für mich die Tatsache, dass nun auch andere Personen wie A zu Wort kommen. Dadurch wird die Perspektive auf die Frage, was eine Person ausmacht, erneut erweitert. Die körperwandernden Personen beschreiben ähnliche aber zugleich vollkommen unterschiedliche Erfahrungen. Worauf es ankommt, ist wie die Person mit einer Situation umgeht. Täglich treffen wir Entscheidungen, die sich nicht nur auf uns selbst, sondern auch auf andere Personen auswirken. Ob wir dabei hauptsächlich auf unseren eigenen Vorteil schauen oder auf das Wohl anderer Menschen oder sogar auf das große Ganze – das macht in meinen Augen einen wesentlichen Aspekt der Persönlichkeit aus.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch kurz das Konzept Body neutrality erwähnen, das sich im weitesten Sinn auch im Text verorten lässt. Bei diesem Gegenkonzept zu Body positivity geht es nicht darum, den eigenen Körper um jeden Preis schön zu finden, sondern darum, dass es auf den Körper nicht so ankommt: der Mensch im Körper ist wichtiger als wie der Körper aussieht. Das Hadern mit dem eigenen Körper lässt sich im Allgemeinen nicht von einem Tag auf den anderen (und vielleicht überhaupt nie) vollständig ablegen. Aber der Gedanke, sich von der Doppelbelastung, den eigenen Körper perfektionieren und gleichzeitig den unperfekten Körper lieben zu müssen, verabschieden zu können, kann nicht oft genug geteilt werden.

But the whole point of love is to write your own version of normal.