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Roman

Marjana Gaponenko – Wer ist Martha?

Mit einem verzückten Lächeln schaut Lewadski durch das Opernglas auf die Bühne und sieht – nichts. Er schaut viel weiter, er schaut in seine eigene Freude hinein.

Zu Anfang des Buches erhält der Protagonist Lewadski ein Todesurteil: Krebs. Der Professor der Ornithologie verweigert sich dem Rat des Arztes und bricht stattdessen nach Wien auf, um seine letzte Zeit auf Erden zu genießen. Seine Erlebnisse gleiten zusehends ins Illusionäre ab, immer absurder werden die Gespräche, die der menschenscheue Lewadski mit anderen Menschen im Hotel in Wien führt. Für mich gab es einen Knackpunkt, an dem ich plötzlich sicher war, dass es sich hier um Träume oder Visionen handelt und ab diesem Punkt fragte ich mich dann, ob Lewadski überhaupt nach Wien gefahren ist oder ob schon von Anfang an die Diagnose seinen Geist verwirrt hat. Antworten darauf gibt der Roman keine. Vieles bleibt der Vorstellungskraft der Leser*in überlassen. 

Es war der Zauber des Abschieds, ein Versprechen, das sich fern von dieser Welt erfüllen wollte.

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Roman Thriller

Kanae Minato – Geständnisse

Aber wer weiß, wenn ich etwas richtig Scheußliches anstellte, dann würde sie vielleicht endlich zu mir zurückkommen.

Rache, Wertigkeit und Wertlosigkeit sind die zentralen Themen dieses Thrillers. Jedes Kapitel wird aus der Sicht einer anderen Person erzählt, nur die Lehrerin Yuko kommt zu Beginn und zum Ende zu Wort und zündet in jedem dieser Kapitel die sprichwörtliche Bombe. Durch die unterschiedlichen Perspektiven der einzelnen Protagonist*innen ergibt sich ein facettenreiches psychologisches Bild der Wertigkeit und Wertlosigkeit in der japanischen Kultur. Scham, Sprachlosigkeit und fehlgeleitete gesellschaftliche Prägung treiben gleich mehrere Personen zu unvorstellbaren Handlungen. Missverständnisse, die niemals aufgeklärt werden, weil die beteiligten Personen nicht miteinander sprechen (können), führen letztendlich zur Katastrophe. 

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Memoir

Abigail Thomas – What Comes Next and How to Like It

After a nap or in the middle of the night I wake up and realize I have no idea what town I’m in or what street I live on. Which direction are my feet pointing, which way is north, where are the windows and doors in this bedroom? It takes me a moment, but then there are the warm bodies and sweet snores of my dogs, and I know it doesn’t really matter where I am.

Der Lithub-Artikel, aus dem ich mir dieses Buch notiert hatte, ist inzwischen auch schon fast zwei Jahre alt. Die Autorin des Artikels, Mary Laura Philpott, hat 2019 mit I Miss You When I Blink selbst ein Memoir veröffentlicht, das ich auch auf der Leseliste habe. In dem Artikel argumentiert sie mit der Nachfrage nach Büchern, die „normale“ (hier ist das Wort schon wieder …) Lebensgeschichten thematisieren. Ihrem Standpunkt schließe ich mich an: Menschen wollen nicht nur Sensationsgeschichten lesen, sie wollen Bücher lesen, in denen sie sich selbst (oder eine frühere oder vielleicht sogar zukünftige Version von sich selbst) wiederfinden.

They pull down books in which they find some version of themselves as they are now or were in the past or hope to be one day.

What Comes Next and How to Like It ist eben keine Sensationsgeschichte. Die Autorin beschreibt ihr Alltagsleben, mit ihrer Familie, ihren Hunden, ihrer Kunst (Malen und Schreiben) und ihren Schwierigkeiten. Sie thematisiert den Alterungsprozess, den spürbaren Verfall ihres Körpers, aber auch ihre (immer wieder scheiternden) Versuche, ihre schlechten Angewohnheiten in den Griff zu bekommen. [Ich möchte an dieser Stelle keine Wertung darüber abgeben, ob es sich bei dem thematisierten problematischen Alkoholkonsum bereits um eine Sucht handelt, das geht aus dem Buch nicht hervor und ist im Allgemeinen eine sehr große Grauzone.]

There is only what is. Anger is a distraction. Anger removes me from grief, and the opportunity to be helpful.

Das Buch besteht aus zumeist sehr kurzen Episoden, manchmal nur eine halbe oder eine ganze Seite, wenige Kapitel sind mehrere Seiten lang. Dadurch gewinnen die Alltagsbeobachtungen eine bestimmte Klarheit, als würde die Leserin durch eine Lupe auf bestimmte Aspekte des Lebens der Autorin schauen. Die Kürze der einzelnen Kapitel kann aber auch als Metapher auf die Kürze des Lebens allgemein gelesen werden. Unsere Wahrnehmung von Zeit verändert sich im Verlauf des Alterungsprozesses, ist aber auch abhängig von dem, was wir mit unserer Zeit anfangen. Tage, die wir mit Sinn füllen, erscheinen uns kurz, während Tage, die wir mit Warten (zum Beispiel auf das Ergebnis einer medizinischen Untersuchung) verbringen (müssen), sich endlos anfühlen.

Es sind keine banalen Alltagsbeobachtungen, sondern Reflexionen darauf, wie sich Geschehnisse anfühlen. Wir erfahren, wie sich die Autorin fühlt, wenn sie von der Affäre und später der Krebserkrankung ihrer Tochter erfährt. Sie reflektiert intensiv ihre persönlichen Beziehungen zu ihrer Familie und ihrem Freund Chuck; sie betrachtet ihre Wunden, um sie heilen zu sehen. Es ist ein sehr persönlicher Prozess, der mir die Idee des eigenen Schreibens wieder etwas näher gelegt hat. Wer wie ich schreibend seine Gedanken ordnet, wird in diesem Buch bestimmt die eine oder andere Version von sich selbst wiederfinden.

Randnotiz: An dieser Stelle möchte ich endlich mal den großartigen Podcast 3 Books with Neil Pasricha empfehlen. Ich habe inzwischen die ersten zehn Episoden gehört (der Podcast erscheint monatlich, aktuell sind 48 Episoden verfügbar) und jede Folge hat mich in irgendeiner Form persönlich berührt. Neil Pasricha befragt in jeder Folge eine Person nach ihren three most formative books. Die Gespräche drehen sich aber nicht ausschließlich um Bücher, sondern auch um persönliche Interessen, die Beziehung zu Büchern oder zur Buchbranche allgemein. Ein absoluter Lichtblick in meinem Podcatcher.

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Sachbuch

Douglas Thomas, John Seely Brown – A New Culture of Learning

Drei Anläufe hat es gebraucht, bis ich dieses Buch tatsächlich fertig gelesen habe. Das liegt nicht daran, dass es nicht interessant wäre oder schwer zu lesen, es ist mir einfach aus dem Blickfeld gerutscht. Entdeckt hatte ich es im Rahmen meines Bildungswissenschaftsstudiums vor zwei Semestern und das Konzept und der zukunftsweisende Titel haben mich überzeugt, dass ich es lesen sollte.

The key to questioning is not typical problem solving. It is innovation.

Die Autoren beschreiben anhand verschiedener Beispiele, warum traditionelle Lerntheorien in unser heutigen Wissensgesellschaft nicht mehr ausreichend funktionieren. Anhand des Beispiels einer World-of-WarcraftRaid-Gemeinschaft wird erklärt, wie Menschen heute komplexe Prozesse lernen und sich verändernden Umgebungsbedingungen anpassen.

In the new culture of learning, people learn through their interaction and participation with one another in fluid relationships that are the result of shared interests and opportunity.

Diese Form des Lernens erfordert keine Lehrperson, die einen Lehrstoff vermittelt. Lernende lernen voneinander, in dem sie zusehen, wie andere Menschen Probleme lösen, selbst Dinge tun und experimentieren, um herauszufinden, was am besten funktioniert. Jahrhundertelang funktionierte unser Bildungssystem derart, dass Schüler*innen Fragen gestellt bekommen, deren Antworten die Lehrenden bereits kennen. Auf die komplexen Fragen der heutigen Zeit (Klimawandel) gibt es jedoch keine einfachen Antworten.

The point is that no matter what direction he goes in or what he finds, more questions await. And the questions he asks are limited only by his imagination. We call this style of learning inquiry.

Beim Lesen habe ich mich immer wieder an den Lernstil von John Dewey erinnert. John Dewey schrieb der Erfahrung im Lernen den höchsten Wert zu. Kinder sollten gemeinsam in der Gruppe Dinge erschaffen und daran lernen. Sowohl der Gemeinschaftsaspekt als auch das Erfahrungslernen finden sich in der neuen Kultur des Lernens wieder. Es geht nicht darum, was wir bereits wissen, es geht darum, was wir noch lernen können und vor allem wie wir das lernen können (schreibt Siemens in seiner Konnektivismustheorie).

Die praktische Anwendung dieser Erkenntnisse steht jedoch weitgehend in den Sternen.

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Roman

Kate Tempest – Worauf du dich verlassen kannst

Aber Leon hatte das Leben nie so gesehen. Leon sah, dass das Leben mal abscheulich und mal schön und manchmal beides sein konnte, aber nie schal. Er wusste, dass jede kleinste Begebenheit wahrgenommen, empfunden, genossen werden musste, dass man entweder für oder gegen sie kämpfen musste.

Irgendwie kann ich mit dieser Geschichte nach wie vor nichts anfangen. Der Beginn zieht sich in die Länge, es werden in Rückblenden immer wieder die Geschichten der Eltern der eigentlichen Protagonisten erzählt. Das soll vermutlich Kontext geben, dauert aber für mein Gefühl einfach zu lang.

Alle Protagonist*innen sind mit ihrem Leben unzufrieden: die ehrgeizige Becky will endlich ein richtiges Engagement als Tänzerin, der ziellose Pete weiß mit seinem Leben überhaupt nichts anzufangen, Harry und Leon wollen mit ihren Drogengeschäften so viel verdienen, dass sie ihr eigenes Lokal eröffnen und aus dem Geschäft aussteigen können. Die Dreiecksgeschichte, die sich zwischen Becky, Pete und Harry anbahnt, hätte mehr Potenzial, verschwindet aber schließlich komplett hinter der Enthüllung, wer eigentlich alles in diese Drogengeschäfte verwickelt ist.

Am Ende hatte ich das Gefühl, dass sich nichts verändert, nichts weiterentwickelt hätte. Aber vielleicht ist das genau der Punkt: Dass wir im Leben nicht darauf warten dürfen, dass sich für uns alles zum besten wendet, weil wir es selbst in die Hand nehmen müssen. Und manchmal müssen wir Dinge auch loslassen, so wie ich dieses Buch jetzt loslassen werde …

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Roman

Sally Rooney – Conversations With Friends

You can love more than one person, she said.

That’s arguable.

Why is it any different from having more than one friend? You’re friends with me and you also have other friends, does that mean you don’t really value me?

Diese Geschichte enthält dermaßen viel Konfliktpotential, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Im Zentrum der Geschichte steht Frances, eine Studentin, die Gedichte schreibt und im Großen und Ganzen nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Gemeinsam mit ihrer Freundin (und Ex-Partnerin) Bobbi lernt sie im Rahmen einer Veranstaltung das Ehepaar Melissa und Nick kennen. Daraus entwickelt sich langfristig ein komplexes Beziehungsgeflecht mit einer Unzahl an Stolpersteinen.

All my delusional beliefs about my own value and my pretensions to being a kind of person I wasn’t.

Frances’ Verhalten in Beziehungen wird von vielen Faktoren beeinflusst. Mit ihrem Vater hat sie ein schwieriges Verhältnis, ihre Mutter wirft ihr vor, ihren Vater nie geliebt zu haben. Frances hält sich selbst für wertlos und fordert ihre Mitmenschen heraus, in dem sie sie hintergeht, ihnen die kalte Schulter zeigt oder sie schlicht beleidigt. Wenn diese dann erwartungsgemäß abweisend reagieren, fühlt sich Frances in ihrer Wertlosigkeit bestätigt. Sie redet sich selbst ein, ohnehin keine Macht zu haben, was ihr erlaubt, andere Menschen zu verletzen, da sie ohnehin nicht die Macht hat, diese Menschen zu verletzen.

You can’t control what she thinks of you anyway. […] What you’re doing now is deceiving her just for the illusion of control, which probably isn’t worth it.

Schließlich kommt auch noch eine medizinische Komponente ins Spiel. Frances wird mit Endometriose diagnostiziert (eine chronische Erkrankung, bei der Zellen ähnlich der Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter produziert werden, was zu massiven Schmerzen führen kann). Die Krankheit scheint Frances endgültig von einem „normalen Leben“, das sie sich innerlich wünscht, abzuschneiden.

Die Darstellung einer sich aus einer ungünstigen Situation heraus entwickelnden Polybeziehung ist mit einigen für mich nachvollziehbaren Schilderungen von Eifersucht, Selbstzweifeln und anderen Emotionen in diesem Zusammenhang verbunden. Die Unmittelbarkeit, mit der ich diese Emotionen nachempfinden konnte, hat mich einerseits sehr berührt und andererseits aber auch befremdet. Als außenstehende Leserin konnte ich immer wieder sehen, dass die Personen einfach nicht (ehrlich) miteinander kommunizieren. (Wenn wir selbst Teil dieser Kommunikation sind, haben wir diesen Überblick üblicherweise nicht.) Wenn sie kommunizieren, dann bringen sie ihre Gefühle nicht zum Ausdruck. Natürlich machen wir uns verletzlich, wenn wir unseren Partnern unsere Sorgen und Ängste in Bezug auf die Partnerschaft anvertrauen. Aber das Vertrauen, dieser Person die eigene Verletzlichkeit auch zumuten zu können, ist in meinen Augen eine Säule einer langfristigen Partnerschaft.

Well, but what does it mean for a relationship to ‘work out’?

Die Frage, was es bedeutet, dass eine Beziehung „funktioniert“, gewinnt im Polykontext eine andere Bedeutung. Klassische, monogame Beziehungen haben selbst dann, wenn dies nicht unmittelbar ausgesprochen ist, üblicherweise ein „bis dass der Tod uns scheidet“ als Ziel. Dass dieses Ziel heutzutage immer weniger erreicht wird, macht unsere Welt zu einem Museum gescheiterter Beziehungen (das gibt es übrigens tatsächlich: Museum of Broken Relationships in Zagreb). Den Erfolg von Beziehungen an einem Maßstab zu messen, fühlt sich kalt und unnötig an, aber trotzdem tun wir es Tag für Tag. Wenn unsere Kriterien nun aber auf schönen Erinnerungen oder gemeinsam erlebten Höhepunkten oder voneinander gelernten Lebenserfahrungen beruhen würden, dann könnten wir auch beendete (und eben nicht gescheiterte) Beziehungen als Erfolg betrachten.

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Roman

Martin Suter – Der letzte Weynfeldt

Ein Literatur-Geocache hat mich zu diesem Werk greifen lassen, das ich dann überraschend schnell weggelesen habe. Eigentlich gibt es in dem Buch keine wirklich sympathischen Protagonist*innen. Der titelgebende Adrian Weynfeldt wird als langweiliger Spießer beschrieben, der von seinem Freundeskreis nur geduldet wird, weil er alle zum Essen einlädt (und auf andere Arten finanziell unterstützt). Dass die „Freunde“ Weynfeldt derart ausnutzen, lässt diese als gierige, oberflächliche Personen dastehen. Die Begegnung mit Lorena stürzt Weynfeldt in eine Situation der Unsicherheit. Lorena selbst schlägt sich mit Gaunereien wie Ladendiebstahl und Erpressung durch und scheint ihr Interesse an Weynfeldt nur vorzutäuschen. Bis zum großen Finale bleibt offen, ob Weynfeldt das gefälschte Bild in die Auktion genommen hat und ob Lorena vielleicht doch echte Gefühle für ihn entwickelt hat. Das klingt nach einem eher gemächlichen Spannungsbogen, hat mich aber tatsächlich gut unterhalten.

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Roman

Mitch Albom – The Magic Strings of Frankie Presto

Die Geschichte meiner ersten Begegnung mit Mitch Albom habe ich im Post zu The First Phone Call from Heaven vor vier Jahren erzählt. Aktuell herrscht in meinem Leben eine Stimmung vor, die nach genau dieser Medizin verlangt: Geschichten, die eine Art Sinn im Leben finden; die ein Gefühl der Möglichkeit vermitteln; die uns zeigen, dass das Leben immer weiter geht.

Erzählt wird die Lebensgeschichte von Frankie Presto, erzählt wird sie von der personifizierten Musik. Das klingt zuerst etwas seltsam, fühlt sich aber in der Geschichte derart organisch an, dass die Absurdität schnell in den Hintergrund gerät. Die Musik erzählt, wie Menschen direkt nach ihrer Geburt nach Talenten greifen, die in Form von Farben um sie herumschweben. Die Musik begleitet Frankie durch sein ganzes Leben und kann daher als Einzige von seinem kompletten Lebensweg berichten. Wie sich später herausstellt, stimmt das nicht vollständig, aber die dunkle Figur, die immer wieder beiläufig erwähnt wird, enthüllt ihre Identität erst gegen Ende des Buchs.

Frankies Lebensgeschichte nimmt immer wieder unerwartete Wendungen, der wahre Familienhintergrund wird in sehr kleinen Etappen enthüllt. Frankie lernt berühmte Musiker aus verschiedenen Dekaden kennen, reist mit Django Reinhardt nach Amerika, tritt als Vertretung von Elvis Presley auf und erlebt schließlich beim legendären Woodstock Festival 1969 eine entscheidende Wendung seines Lebens. Die titelgebenden magic strings sind sechs Stück Gitarrensaiten, die Frankie von seinen unbekannten leiblichen Eltern bekommen hat (ohne dies zu wissen) und von denen jeweils eine in entscheidenden Situationen seines Lebens blau glüht.

Die Geschichte fühlt sich teilweise selbst wie komponiert an, plätschert manchmal etwas dahin und steuert dabei aber immer schon auf den nächsten Höhepunkt zu. Die Musik als Erzählstimme erweist sich als Kunstgriff, der Mediationen über die Seltsamkeiten der Menschheit an sich erlaubt. Diese Möglichkeit hätte auch in einem mahnenden Zeigefinger enden können, wird jedoch nicht übermäßig ausgenutzt. Ein kunstvoll verwobener Roman mit musikalischem Background, Empfehlung von meiner Seite.

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Erfahrungsbericht Sachbuch

Brené Brown – Daring Greatly

Mit The Gifts of Imperfection habe ich mich Ende 2018 auseinandergesetzt und seitdem hatte ich Daring Greatly auf der Leseliste. Den Impuls, es jetzt zu lesen, gab dann Katrin Rönicke in der Jahresabschlussfolge vom Lila Podcast. Zu Beginn wollte mir dieses Buch einfach nicht so nahe gehen und doch habe ich eine große Menge an Zitaten notiert, die ich für verschiedene andere Projekte brauchen kann.

Vulnerability isn’t good or bad: It’s not what we call a dark emotion, nor is it always a light, positive experience. Vulnerability is the core of all emotions and feelings. To feel is to be vulnerable.

Der durchgängige rote Faden ist hier das Konzept der Verletzlichkeit oder Verwundbarkeit (Vulnerability). Um Watzlawick („Man kann nicht nicht kommunizieren!“) zu paraphrasieren: Wir können nicht nicht fühlen. Daher können wir uns auch der Verletzlichkeit nicht entziehen. Die wirklich relevante Frage ist, wie wir mit unserer eigenen Verletzlichkeit umgehen. Wenn wir uns verletzlich fühlen, wenn negative Gefühle uns unter Druck setzen, wie reagieren wir dann? Greifen wir die andere Person an, die möglicherweise dieses Gefühl in uns ausgelöst hat? Ziehen wir uns zurück und fühlen uns schlecht? Oder können wir zu unserer Verletzlichkeit stehen und daran wachsen?

Shame resilience is the ability to say, “This hurts. This is disappointing, maybe even devastating. But success and recognition and approval are not the values that drive me. My value is courage and I was just courageous. You can move on, shame.”

Meine abstrakte Zusammenfassung kann die Vielfältigkeit des Inhalts nicht ausreichend wiedergeben. Die Autorin, die seit Langem zu den Themen Shame, Wholeheartedness und Vulnerability forscht, sammelt eine Vielzahl an Beispielen aus den Lebensbereichen Familie, Partnerschaft und Beruf, die einerseits zeigen, wie in unserer Gesellschaft oft mit Situationen der Verletzbarkeit umgegangen wird und andererseits, wie es stattdessen sein könnte, wenn sich Menschen mehr auf ihre eigenen Gefühle besinnen würden. In The Gifts of Imperfection war auch self-compassion, also Mitgefühl mit sich selbst, ein wichtiges Thema. Wichtig ist hierbei und genauso beim Thema Verletzlichkeit, dass wir uns dieser Gefühle erstmal bewusst werden. Hier kommt üblicherweise das ganze mindfulness-Thema (Achtsamkeit) ins Spiel, das ich nur kurz erwähne, weil es sich für mich immer noch sehr esoterisch anfühlt. In den letzten Monaten habe ich aber immer wieder ausprobiert, in unangenehmen oder stressigen Situationen eine kurze Pause einzulegen und mich zu fragen, was ich jetzt eigentlich gerade empfinde. Was bedeutet dieses negative Gefühl jetzt genau, wo kommt es her? Mir hat die Metapher What are the gremlins saying? sehr gefallen. Darunter versteht die Autorin die negativen Stimmen in unserem eigenen Kopf, die uns davon abhalten wollen, ein Risiko einzugehen (zum Beispiel auf einer Bühne zu sprechen, an einem Wettbewerb teilzunehmen oder ein schwieriges Gespräch in Angriff zu nehmen). Wenn wir analysieren, was uns die Gremlins sagen, werden wir feststellen, dass es oft auf eine Form von nicht gut genug zurückführt. (Hiermit wäre übrigens wiederum die Verknüpfung zu The Gifts of Imperfection hergestellt.)

One of the biggest surprises in this research was learning that fitting in and belonging are not the same thing. In fact, fitting in is one of the greatest barriers to belonging.

Die Unterscheidung zwischen Dazugehören und Sich anpassen im obigen Zitat war für mich ein Augenöffner. Der Druck, wie die anderen sein zu müssen, um dazuzugehören, verfolgt mich seit meiner Teenagerzeit. Es gab sogar schon Situationen, wo ich es als besondere Fähigkeit verstanden habe, mich sozialen Gruppen gut anpassen zu können. In den letzten Jahren ist mir das immer schwerer gefallen und ich habe dann auch Situationen erlebt, in denen ich mich nicht mehr anpassen wollte und Freundschaften dann nicht mehr funktioniert haben. True to yourself ist übrigens gar nicht so einfach nach vielen Jahren des Anpassens.

Show up. Contribute. Care.

Ganz am Ende des Buches hat mich dann die vorgeschlagene Wertedefinition so richtig erwischt. In schwierigen Situationen geht es nicht immer ums Gewinnen oder Verlieren oder darum, das Richtige zu tun oder zu sagen. Manchmal ist das Mutigste schon, dass wir einfach nur da sind und uns der Situation stellen. Negative Gefühle lassen sich nicht vermeiden, aber wir können entscheiden, wie wir damit umgehen. Wir können uns entscheiden, den Gremlins nicht zuzuhören und unseren Weg zu gehen.

Sometimes the bravest and most important thing you can do is just show up. … Daring greatly is not about winning or losing. It’s about courage.

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Novelle

Arthur Schnitzler – Traumnovelle

Mit den so genannten Klassikern ist es ja immer so eine Sache. Schon im Deutschunterricht habe ich (oft vergeblich) nach der eigentlichen/tieferen/versteckteren Bedeutung gesucht, die dann im Referat enthalten sein sollte, weil die Lehrkraft das gerne hören will. Diese reflexhafte zielgerichtete Aufmerksamkeit hat sich bis heute nicht verändert.

Da ich nun aber gleichzeitig nach den Variablen für ein Geocache-Rätsel suchte, sind mir die tieferen Inhalte definitiv verborgen geblieben. Gerade habe ich den Klappentext gelesen, der die Worte „symbolischer Opfertod“ enthält und auf die Tiefenpsychologie Sigmund Freuds verweist, die in diesem Werk in Literatur umgesetzt wurde. Die unerfüllten Begierden waren schon ziemlich offensichtlich, die anderen Verbindungen erschließen sich aber möglicherweise nur, wenn entweder schon eine vertiefte Kenntnis von Sigmund Freuds Werken vorhanden ist oder gleichzeitig mit der Lektüre die Auseinandersetzung damit erfolgt. Bei mir verbleibt das Gefühl, dass mehr dahinter steckt, als allein die Lektüre der Novelle enthüllt.