Alexandra Tobor – Sitzen vier Polen im Auto

Wie ich auf Alexandra Tobor gekommen bin, habe ich schon voriges Jahr zu Minigolf Paradiso geschrieben. Seitdem hatte ich auch ihr erstes Buch auf der Bücherei-Liste, jetzt bin ich endlich dazu gekommen.

Die Autorin beschreibt Aspekte ihrer Kindheit in Polen, in der ein Quelle-Katalog wie ein Heiligtum aus einer anderen Welt wirkt. Die Produktvielfalt im Westen ist auch in der späteren Erzählung wieder ein Thema, als die Familie nach Westdeutschland ausgewandert ist – in das (scheinbar) „gelobte Land“ BRD. Der Weg zur eigenen Wohnung im Land der Wunder stellt sich jedoch als deutlich steiniger heraus als erwartet. Das Mädchen Alexandra bleibt wegen ihrer unmodischen Kleidung und der (zuerst) fehlenden Sprachkenntnisse lange eine Außenseiterin in der Schule.

„Sie müssen sich schon anpassen, wenn Sie hier ein schönes Leben haben wollen, meine Liebe. Ich kaufe meiner Ewa zum Beispiel nur Markenkleidung. Das ist hier ziemlich wichtig.“

Besonders befremdend fand ich eine Geschichte, in der erzählt wird, wie Alexandras Mutter sich mit einer anderen aus Polen ausgewanderten Mutter unterhält, die jedoch schon einige Jahre in Deutschland lebt. Diese Mutter verbietet ihrem Kind den Kontakt mit anderen Polen und kauft für sie nur Markenkleidung, sie versucht, sich von ihrer Vergangenheit abzugrenzen. Sie hat es geschafft, dazuzugehören, nun will sie nicht riskieren, ihren gehobenen Status zu verlieren, indem sie sich mit Neuankömmlingen aus Polen abgibt. Diese Reaktion ist einerseits nachvollziehbar, andererseits aber auch schockierend, wenn man bedenkt, dass sie noch vor wenigen Jahren in derselben Situation war, in der sie dringend jemanden gebraucht hätte, der ihr im unbekannten Land zur Seite steht.

Immer wieder wird auch erwähnt, dass sich Alexandra für ihre bescheidenen Lebensverhältnisse schämt. Von einer anderen Familie wird sie eingeladen, weil diese wünscht, dass ihre Tochter mit Kindern anderer Herkunft spielt (worüber diese natürlich nicht begeistert ist). Natürlich beneidet Alexandra das unhöfliche Mädchen um ihr vieles Spielzeug, ist aber gleichzeitig überrascht über deren rauhen Umgangston. Als umgekehrt Alexandras Mutter aus Höflichkeit dieses Mädchen zu Alexandras Geburtstag einlädt, kommt es zum Konflikt, weil das verwöhnte Kind nach einer Kuchengabel verlangt.

Viele dieser Episoden wirken klischeehaft überzogen und als Leser krümmt man sich bei der Beschreibung von Dominiks deutscher Unterschichtmutter. Das sollte jedoch nicht dazu verleiten, die Geschichte dieser Auswandererfamilien gering zu schätzen. In einem Medium-Artikel beschrieb Alexandra Tobor kürzlich, warum sie es wichtig findet, diese Geschichten zu erzählen. Nicht nur Kinder, sondern alle Menschen brauchen Vorbilder. Sie suchen nach Geschichten, an denen sie sich orientieren, mit denen sie sich identifizieren können.

Weil wir mit unseren Geschichten gestalten, wie gut die kommenden Generationen mit sich und der Gesellschaft klarkommen werden.

Monika Held – Der Schrecken verliert sich vor Ort

Es war schwer, dieses Buch zu lesen und es ist schwer, darüber zu schreiben. Gleichzeitig ist es wichtig, sich daran zu erinnern. Gerade in diesen Zeiten, in denen Trump-Anhänger den Judenhass neu aufflammen lassen, ist es wichtig, sich daran zu erinnern, welche Greueltaten in der NS-Zeit in Konzentrationslagern verübt wurden. Von Menschen. Von Menschen, die ein Leben hatten, die Kinder hatten, die genausogut auf der anderen Seite hätten landen können.

An dieser Stelle sei verwiesen auf die Frage, ob man intolerante Menschen und deren Einstellungen tolerant behandeln sollte.

Die Autorin erzählt in diesem Buch von den Überlebenden. Wie sie es schaffen, mit den Schuldgefühlen zu leben, weil sie überlebt haben. Wie es ihnen gelingt, weiter zu kämpfen, obwohl sie ihre Kräfte in der Zeit im Konzentrationslager aufgebraucht haben könnten. Von Menschen, die verbittert sind, aber auch von Menschen, die immer noch an das Gute glauben.

Alexandra Tabor – Minigolf Paradiso

Wer Kobolde heraufbeschwört, darf sich nicht wundern, wenn ein kleiner Metal-Troll dabei rausspringt.

Einer meiner liebsten Unterhaltungspodcasts ist Die Wrintheit von Holger Klein und Alexandra Tobor. Sehr gut unterhalten hat mich dann auch Alexandra Tobors zweiter Roman Minigolf Paradiso. Seit Langem habe ich mal wieder ein Buch gekauft, nur um der Autorin mal extra etwas zurückzugeben für die vielen unterhaltsamen Stunden.

Die Geschichte ist ein wilder Road Trip mit allerlei Irrungen und Wirrungen. Die jugendliche Malina hadert mit ihrer Mutter, die die polnische Herkunft verleugnet und die Familiengeschichte unter den Teppich kehrt. Als die Eltern auf Urlaub fahren, entdeckt Malina auf einer alten Videokassette einen Hinweis auf den möglichen Aufenthaltsort des totgeglaubten Großvaters. Mangels anderer Verpflichtungen macht sie sich auf, die Familiengeschichte selbst aufzudecken und etwas über ihre Herkunft herauszufinden. Auf der Reise trifft sie Elvis, riesige Plüschbären, Metal-Trolle, verständnisvolle Nonnen und zuletzt auch den Cousin, mit dem sie als Kind vor dem Auswandern gespielt haben soll.

Truth be told: Am meisten Spaß dürften diejenigen mit diesem Buch haben, die jetzt Mitte 30 sind und ihre Jugend in den 90er-Jahren verlebt haben. Das Buch ist gespickt mit Trivia aus der Zeit, die im Betreuten Lesen noch zusätzlich mit weiteren Details ergänzt werden. Bei mir hat der Nostalgiefaktor voll eingeschlagen und in Kombination mit dem flüssigen, originellen Schreibstil liest sich das Buch wie eine Tafel Trauben-Nuss-Schokolade. Empfehlung!

„Dann weißt du ja, dass es manchmal besser ist, irgendwas zu wissen, als gar nichts. Ganz egal, ob es stimmt oder nicht. Das Leben ist zufällig und chaotisch. So etwas wie einen Sinn gibt es nicht. Aber das ist eine sehr grausame Erkenntnis. Sie kann uns in den Wahnsinn treiben. Wenn ich den Leuten Sagen erzähle, die sie mir ihren Ahnen verbinden, gebe ich ihnen ein kleines Stück Kontrolle über ihr Leben zurück.“

Andrzej Stasiuk – Tagebuch danach geschrieben

Ich trieb mich herum in der Hoffnung, Idee und Plan würden sich auf ganz natürliche Weise ergeben. Der Sinn würde sich am Ende offenbaren, weil ein Sinn existiert. Deshalb ging ich jedes Jahr auf Reisen, immer weiter und weiter.

Eine kurzfristige Flaute auf der Leseliste hat mich dazu getrieben, Leselisten von anderen Leuten zu plündern. Daher finden sich auf meiner Leseliste jetzt großteils die Werke dieser EM-Liste. Dieses Buch des polnischen Autors Andrzej Stasiuk ist das erste davon.

Der Autor reist von Polen aus nach Süden und Osten und hält seine Erlebnisse im Telegrammstil fest. Seine Aufzeichnungen sind düster und immer wieder fragt man sich, warum er sich das immer wieder antut, wo er doch sicher auch an angenehmere Orte reisen könnte.

Ich wünschte an Orte zurückzukehren, die unverändert waren. Alles sollte wie erstarrt auf mich warten. Ich wollte zurück zu meinen ersten Gefühlen, so wie man auf seine erste Liebe zurückkommt. Gelungen ist mir das nie, versucht habe ich es immer.

Eine Auswahl der einzelnen Erlebnisse wiederzugeben, ist sinnlos, man muss das Gesamtwerk lesen, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Der folgende Absatz bezieht sich nicht auf seine Reisen in den Süden, sondern auf die Niederlande, auf Orte, die von vielen Menschen bereist werden, wo man gewesen sein muss.

Dort empfinde ich nichts. Ich sehe mir die Formen an. Vergleiche die Preise in den Kneipen. Mir gefallen die Autos. Doch wenn ich versuche, mir eine Erzählung vorzustellen, eine Geschichte, die dort passieren könnte, kommt mir nichts in den Sinn.

Stück für Stück wird klar, dass der Autor durch seine Reisen in die scheinbar zerstörten und disfunktionalen Länder im Süden und Osten (beispielsweise die Ruinen von Srebrenica) einen anderen Blick auf seine eigene Heimat gewinnt. Eine Reise nach Westen könnte ihm diesen Blickwinkel nicht eröffnen. Erst das, was fehlt, ermöglicht ihm, zu sehen, was seine Heimat eigentlich ausmacht.

Nicole Krauss – Die Geschichte der Liebe

Nachdem sie weg war, brach die Welt zusammen. Kein Jude war mehr sicher. Es gab Gerüchte über unfassbare Dinge, und weil wir sie nicht fassen konnten, glaubten wir sie nicht, bis wir keine Wahl mehr hatten und es zu spät war.

Obwohl einer der Alternativtitel für das Buch im Buch „Wörter für alles“ lautet, fehlen mir beinahe die Worte, um zu beschreiben, wie sehr mir dieser Roman gefallen hat. Ich werde drei bis fünf Exemplare kaufen müssen, um sie an alle zu verschenken, denen das auch gefallen könnte.

Das Buch beginnt und endet mit Leo Gursky, polnischer Jude, als Junge überlebte er die ersten Überfälle der Nazis auf sein Heimatdorf Slonim, später konnte er nach Amerika flüchten. Seine Gedanken sind immer bei Alma, in die er verliebt ist, die bereits vor ihm nach Amerika auswandern konnte. Als er sie schließlich findet, ist sie mit einem anderen verheiratet.

Auf einer weiteren Zeitebene lernen wir Alma Singer kennen. Ihr Vater ist vor Jahren gestorben, ihr Bruder erinnert sich kaum noch an ihn und sucht Zuflucht in intensiv gelebtem jüdischem Glauben, er hält sich für einen möglichen nächsten Messias. Almas Mutter ist in ihrer Arbeit versunken und existiert nur als Schatten ihrer selbst, bis sie von einem Unbekannten den Auftrag erhält, „Die Geschichte der Liebe“ zu übersetzen. Das Buch, das sie von Almas Vater geschenkt bekommen hat.

Jeder zusätzliche Hinweis auf den kunstvoll verschlungenen Inhalt würde zu viel verraten. Ganz grob erinnert die Storyline (jüdischer Hintergrund, Verlust der Familie, Suche nach den verloren geglaubten Verwandten) an ein Buch, das ich letztes Jahr gelesen habe: Solange am Himmel Sterne stehen. Im Vergleich dazu fehlen hier der Zuckerguss und die Sterne, dafür sind die Charaktere fein gezeichnet und jeder lose Faden führt am Ende zu einem perfekten Ganzen. Definitiv die bessere Geschichte. Eben die Geschichte der Liebe. Leseempfehlung.

Reading Challenge: A book that was originally written in a different language
(Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel „The History of Love“ bei W.W. Norton & Company, New York)

Volker Kutscher – Die Akte Vaterland

Sie ahnte, nein, wusste mit einer plötzlichen Bestimmtheit, dass Worte zu wenig waren angesichts der unglaublichen Unverschämtheit, die sich die Reichsregierung in diesem Augenblick herausnahm. … Die preußische Demokratie hatte soeben ihr Ende gefunden.

Die Bücherei hat es mir angetan. Den Bookworm habe ich zwar noch immer nicht gefunden, aber trotzdem (oder gerade deshalb) gefällt mir die Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz so gut, dass ich mir die Bücher gerade lieber von dort hole, als sie weiterhin in der Onleihe auszuborgen. Einen Teil meiner Bücherliste habe ich kürzlich daraufhin gecheckt, welche der Bücher es überhaupt in der Hauptbücherei gibt. Jetzt brauche ich kurzfristig nur mehr die Verfügbarkeit zu checken. Außerdem darf man die Papierbücher für 4 Wochen ausleihen während man für die digitalen Exemplare bekanntlich zur zwei Wochen Zeit hat. Ein weiterer Vorteil.

Unter anderem habe ich mir den 4. Teil der Gereon-Rath-Reihe ausgeliehen. Mir gefällt nach wie vor der geschichtliche Aspekt sehr gut. Die Geschichte ist im Berlin der 20er-Jahre angesiedelt, die Machtergreifung durch die Nazis steht kurz bevor, in diesem Roman sorgt die Aufhebung des Verbots der SA für Wirbel, ein Putschversuch enthebt die aktuelle Polizeiführung ihres Amtes.

Von all dem bekommt unser Protagonist Gereon Rath kaum etwas mit, er weilt im masurischen Treuburg, versinkt beinahe im Moor und wird dann von dem des Mordes verdächtigten „Indianer“ gleich mehr als einmal gerettet. Seine Beziehung mit Charly, die nach ihrer Rückkehr aus Paris als Kommissaranwärterin einen holprigen Start ihrer Karriere hinnehmen muss, geht ebenfalls in die nächste Phase.

Sowohl das politische Thema als auch Charlys Probleme, als Frau in der Polizeimannschaft ernst genommen zu werden, thematisiert der Autor nicht mit dem Holzhammer, sondern er lässt die betroffenen Figuren zweifeln und hadern und teilweise auch dazulernen. Zum Glück ist der fünfte Fall auch bereits erschienen und in der Hauptbücherei zu haben ;-)

„Haben Sie vielen Dank, dass wir uns treffen konnten“, sagte Rath, obwohl es ihm widerstrebte, sich bei einem Unterweltkönig wie Marlow zu bedanken. Aber er war auf dessen Hilfe angewiesen und so biss er in den sauren Apfel. Immer mal wieder. Jedes Mal schmeckte der Apfel saurer. Und jedes Mal hatte er sich ein bisschen mehr an den sauren Geschmack gewöhnt.

Reading Challenge: A mystery or thriller
(leider passt nichts anderes …)

Astrid Rosenfeld – Adams Erbe

„Adam, wie könnte mich das langweilen? Das sind die Momente, die zählen. Davon hat man immer nur eine Handvoll.“

Was wie eine scheinbar harmlose Familiengeschichte beginnt, entpuppt sich langsam als Blick auf die Schrecken der Nazizeit. Doch Hauptthema ist stets die Liebe. Wir lernen erst Edward Cohen kennen, seine Mutter, seine Großmutter Lara, die uns später in der Rückblende als resolute junge Frau begegnen wird. Ein faszinierender Kunstgriff, den Menschen, den man schon als Großmutter kennt, plötzlich als jungen Menschen beschrieben zu sehen. Diese Großmutter Lara erkennt in Edward stets die Ähnlichkeit zu seinem Großonkel Adam, dessen Schicksal Großvater Moses niemals verwinden konnte. Edward wächst im Schatten dieser Ähnlichkeit auf, doch niemand erzählt Edward die Geschichte dieses Adam. Nach dem Tod der Großmutter findet Edward ein Buch, das Licht auf Adams Geschichte wirft.

Hitler war die Sphinx unter unseren Nazis. Seine schwammigen Gesichtszüge schienen sich jeder Deutung zu entziehen. Wir hatten mittlerweile zumindest eine Theorie über den Führer aufgestellt. Wir waren uns sicher, dass er heimlich trank, obwohl immer behauptet wurde, dass er wie ein Asket lebte.

Auch Adam hat eine resolute Großmutter, Edda, die ihm nicht nur beibringt, in den Gesichtern der Leute zu lesen, um so festzustellen, ob man ihnen vertrauen kann. Nein, Edda ist Adams Hauptbezugsperson, denn seine Mutter weint stets um die toten Männer, erst Adams Vater, der gebrochen aus dem Krieg zurückgekehrt ist, dann den Doktor, der sie verlässt, bevor die Schrecken der Nazizeit tatsächlich beginnen. Edda ist es auch, die Adam schließlich die Flucht nach Polen ermöglicht. Denn Adam sucht Anna, in die er verliebt ist und die nach Polen deportiert wurde. Seine Familie hingegen plant die Emigration nach London.

Wie nimmt man Abschied von einer Dame mit Blau-schwarzen Haaren, die einen die Freiheit gelehrt hat? Wie sagt man adieu zu einer Frau in rotem Samt, die einen blutrünstigen Tyrannen in einen komischen Säufer verwandeln kann?

Adams Geschichte führt ihn nach Polen, wo er als Rosenzüchter seine jüdische Herkunft verbergen muss. Die Suche nach Anna bleibt vorerst erfolglos. Doch Adams gesamtes Leben ist nur von der Suche nach Anna beherrscht. Obwohl er sie schon so lange nicht mehr gesehen hat, bleibt Annas Leben sein einziges Ziel. Immer wieder muss er von seiner Liebe erzählen, den ein anderes Leben kennt er nicht. Zuletzt führt ihn die Suche nach Anna ins Warschauer Ghetto, ein Schicksal, dessen Ende man sich denken kann. Der Autorin gelingt es dabei, so eindrückliche Bilder zu schaffen. Das Findelkind Herakles hat noch nie in seinem Leben eine echte Blume gesehen und will Adam nicht glauben, dass Blumen nicht aus Papier sind. „Du bist verrückt.“ Er kennt nur die Realität des Ghettos und wird zeit seines Lebens die Wunder der Welt niemals sehen.

Auch wenn Adams Geschichte zu keinem Happy End führt, so führen doch die letzten leuchtenden Seiten die Liebesgeschichte zu einem versöhnlichen Ende. Denn Adam hat sein Leben der Liebe gewidmet. Und auch wenn er es nicht weiß, hat er auf seine Art alles richtig gemacht.