Alberto Manguel – Eine Geschichte der Neugierde

Für jedes neue literarische Unternehmen existiert bereits ein Modell, und unsere Bibliotheken erinnern uns ständig daran, dass es absolute Originalität nicht gibt.

Dieses Buch lag jetzt monatelang neben meinem Bett. Das lag zum einen daran, dass es so dick ist und daher nicht zum Lesen unterwegs taugt und zum anderen daran, dass die einzelnen Kapitel in sich abgeschlossen sind und in einem Stück gelesen werden sollten, um den Faden nicht zu verlieren. Der Autor beschäftigt sich in diesem Buch mit den essentiellen Fragen des Lebens und versucht anhand Dantes „Göttlicher Komödie“ diese zu beantworten oder zumindest den Nebel um diese Antworten soweit zu lichten, dass sich ein Teil des Weges aufzeigt.

Dantes Commedia mag nur die Vision eines einzelnen Mannes sein, dennoch ist sie von geradezu universeller Gültigkeit. Dantes intimste Erfahrungen, seine Überzeugungen, sein Zweifel und seine Furcht, sein Verständnis von Ehre und sozialer Verpflichtung entstammen einer Welt, die nicht von ihm kreiert wurde. Sie entstanden in einem Universum, das von einem Gott geschaffen wurde, dessen Wege nicht hinterfragt werden können.

Was wollen wir wissen?

Unsere heutigen Bildungssysteme tun im Großen und Ganzen so, als wäre das unvermeidliche Scheitern keine notwendige Etappe auf dem Weg zur Erkenntnis. Weil sie nur noch an messbarer Effizienz und finanziellem Profit interessiert sind, ermutigen unsere Bildungsinstitutionen die ihnen anvertrauten Jugendlichen nicht mehr zum Denken um des Denkens willen oder zum zweckfreien Gebrauch der Einbildungskraft.

In diesem Kapitel geht der Autor nicht nur der Frage nach, was Wissen und Erkenntnis überhaupt ist und wie wir uns jemals eines Wissens sicher sein können, sondern er untersucht auch die Bedeutung der Frage an sich. Das Lesen und Erzählen von Geschichten ist genauso ein Ausdruck von Neugierde, wir suchen in Geschichten Antworten auf Fragen, die wir (noch) nicht formulieren können, die aber in unserem Selbst schlummern und unsere täglichen Entscheidungen beeinflussen. Die Neugierde kann uns einerseits antreiben, nach Antworten zu suchen, aber auch an verbotene oder gefährliche Orte führen. Als Beispiel wird hier unter anderem die Geschichte von Pandora aus der griechischen Mythologie angeführt.

Das Scheitern ist tatsächlich ein integraler Bestandteil jeder künstlerischen oder wissenschaftlichen Bemühung. Die Kunst muss sich selbst aufgrund ihres Scheiterns immer neu erfinden, genau wie die Wissenschaften am meisten durch Fehler lernen.

Wer bin ich?

Unsere Identität scheint davon abzuhängen, was andere von uns halten. Heute starren wir in die Bildschirme unserer elektronischen Geräte wie Narziss, der in seine Quelle blickt. Wir hoffen in unserer Identität versichert oder bestärkt zu werden, jedoch nicht von der uns unmittelbar umgebenden Umwelt oder den Vorgängen in unserem Innenleben, sondern durch die allzu oft belanglosen Posts anderer, die unsere Existenz virtuell registrieren und deren Vorhandensein wir im Gegenzug bestätigen.

Auf seiner Reise durch die Kreise der Hölle und des Läuterungsbergs soll Dante nicht nur die Seelen der anderen erkennen lernen, sondern auch seine eigene. Die Frage danach, was unsere Identität bestimmt, konnte von der Wissenschaft nach wie vor nicht beantwortet werden. Der Essentialismus beispielsweise behauptet, dass soziale Kategorien biologisch fundiert sind und daher robust gegenüber situativen Einflüssen. Daraus leitet sich eine Bestimmung der Identität überwiegend durch das genetische Material ab. Der Mensch entwickelt sich jedoch immer in Auseinandersetzung mit seiner Umwelt und die Einflüsse dieser Umwelt wiederum werden von jedem Menschen abhängig von seinen genetischen Vorgaben und aber auch seinen bisherigen Erfahrungen unterschiedlich verarbeitet. Es gibt keinen „fertigen“ Zustand der Identität, diese verändert sich im Lebensverlauf und ist damit etwas Fluides, das nicht an einem Punkt der Entwicklung festgehalten oder dokumentiert werden kann.

Bis zu einem gewissen Grad sind wir vielleicht jemand, von dem wir einst glaubten, es zu sein, der uns nun aber verlorengegangen ist.

In einem gewissen Sinne muss das auch so sein und ist gut so. Vor einigen Tagen habe ich im Gespräch mit Freundinnen von einer Änderung meiner Einstellung zu einem bestimmten Thema erzählt. Vor einigen Jahren war ich mir dieser Problematik schlicht nicht bewusst und falls ich darüber nachgedacht hätte, hätte ich wohl befunden, dass ich daran sowieso nichts ändern kann. Auf der einen Seite bin ich natürlich der selbe Mensch, der ich vor 15 Jahren war. Auf der anderen Seite sehe ich nun aber viele Dinge klarer oder anders, habe dazu gelernt, habe meine Meinung(en) hinterfragt und teilweise auch revidiert. Dieser Entwicklungsprozess verändert unsere Einstellung zu unserer Umwelt, jedoch nicht den Kern unserer Identität, wenn wir annehmen, dass der Kern unserer Identität bereits genetisch vor unserer Geburt festgelegt wurde.

Welche Konsequenzen ergeben sich aus unseren Handlungen?

Nach Oppenheimers Ansicht ergaben sich aus diesen erschütternden Konsequenzen nicht zwangsläufig Grenzen für die Neugierde selbst, allerdings durchaus für die Zwecke, für die die Neugierde instrumentalisiert werden kann.

J. Robert Oppenheimer war als Koordinator des Manhattan-Projekts für den Bau der Atombombe verantwortlich. Dem obigen Zitat geht eine Analyse von Oppenheimers Neugierde voraus, „die ihn dazu trieb, selbst den fundamentalen, atomaren Aufbau des Universums zu hinterfragen“. Die Konsequenzen seiner Neugierde, die sich unter anderem in der Zerstörung von Hiroshima und im Leid von einer ungezählten Menge an Menschen äußerten, musste er vor sich selbst rechtfertigen.

Die Frage nach den Konsequenzen von Handlungen und der Verantwortung der Wissenschaft wird unter anderem auch in Friedrich Dürrenmatts Komödie Die Physiker behandelt. Das Stück wird vom 24. bis 27. April und 30. Mai bis 1. Juni 2019 vom Theater Delphin in Wien gezeigt, einer herzliche Empfehlung von meiner Seite.

Was ist Wahrheit?

Wenn alles vorherbestimmt wäre, könne sündhaftes Verhalten nicht als falsch oder richtig gewertet werden, und auch der Zorn wäre dann nur eine mechanische Reaktion auf ein bereits vorherbestimmtes Ereignis.

Der Glaube daran, dass alles vorherbestimmt ist, hat sich für mich immer schon wie eine Ausrede angefühlt. Es nimmt den Menschen aus der Verantwortung, über sein Handeln und seine Entscheidungen reflektieren und die Konsequenzen bedenken zu müssen (siehe oben bei Oppenheimer). Der freie Wille und die Möglichkeit der Reflektion und der Einsicht sind das, was den Menschen von Tieren und Robotern unterscheidet. Wir haben die Pflicht, diese Fähigkeiten auch zu nutzen und daraus nicht nur wissenschaftliches Wissen zu generieren sondern auch über dessen Nutzung und die Konsequenzen nachzudenken.

Randnotiz: Heute protestiert Wikipedia gegen die geplante europäische Urheberrechtsreform mit einer 24-stündigen Abschaltung.

Nach Abstimmung der Wikipedia-Gemeinschaft wird die Online-Enzyklopädie am Donnerstag, 21. März 2019 aus Protest gegen Teile der EU-Urheberrechtsreform abgeschaltet. Wikimedia Österreich unterstützt den Protest der Community und hat darüber hinaus zusammen mit anderen netzpolitischen Organisationen ein Statement erarbeitet, das am 14. März 2019 veröffentlicht wurde.

Aus diesem Grund enthält dieser Beitrag mit Ausnahme derjenigen zum Theater Delphin und zum Wikipedia-Protestaufruf keine externen Links. Informationen zu weiteren geplanten Protesten gibt es bei Save The Internet.

Peter Handke – Wunschloses Unglück

Selten wunschlos und irgendwie glücklich, meistens wunschlos und ein bißchen unglücklich.

Ein Geocaching-Literatur-Rätsel stieß mich auf Peter Handke. Ich bin mir ziemlich sicher, dass seinerzeit im Deutsch-Unterricht eine(r) meiner SchulkolegInnen ein Referat darüber gehalten hat, erinnern konnte ich mich jedoch nur mehr daran, dass Handke darin vom Leben seiner Mutter erzählt.

Fein säuberlich schickte sie ihm eine beglaubigte Testamentskopie per eingeschriebenem Brief, noch am selben Abend beging sie Selbstmord durch eine Überdosis Tabletten. Auf den ersten Seiten geht Peter Handke darauf ein, dass das Aufschreiben der Geschichte für ihn auch therapeutische Wirkung hat, im weiteren Verlauf schreibt er einmal auch über die Schwierigkeit, die richtigen Formulierungen zu finden, die aber die Geschichte keinesfalls verfälschen dürfen. Eine schwierige Aufgabe, wenn man über lange zurückliegende Geschehnisse schreibt, die man selbst gar nicht oder nur sehr peripher (als kleines Kind) erlebt bzw. wahrgenommen hat.

Aufwachsen in der Großfamilie auf dem Land, keine eigenen Bedürfnisse haben dürfen, keine Möglichkeiten. Dem neugierigen Mädchen wird vom Großvater der Wunsch etwas zu lernen, einfach nur irgendwas abgeschlagen, immer wieder vom Tisch gewischt. Bis sie mit 15 Jahren schließlich geht und sich im Tourismus vom Stubenmädchen aus hocharbeitet. Der Anschluss an Deutschland und bald darauf der Krieg kommt dazwischen, eine erste Liebe, eine schnelle Schwangerschaft, Heirat mit einem anderen, den sie jedoch nicht liebt (das Kind braucht einen Vater). Der Krieg trennt die Familie, erst 1948 kehrt die Mutter in ihr Heimatdorf zurück, weitere Kinder folgen. Ausscheren ist auf dem Dorf nicht gern gesehen:

Spontan zu leben – am Werktag Spazierengehen, sich ein zweites Mal verlieben, als Frau allein im Gasthaus einen Schnaps trinken–, das hieß schon, eine Art von Unwesen treiben; „spontan“ stimmte man höchstens in einen Gesang ein oder forderte einander zum Tanz auf.

Schließlich leidet sie unter immer stärkeren Kopfschmerzen, jeder tägliche Handgriff wird zur Qual. Sie stößt sich an Ecken und Kanten, erinnert sich an nichts mehr, verirrt sich beim Spazierengehen, verliert jedes Zeit- und Ortsgefühl. Aus heutiger Sicht würde man wohl eine akute Depression diagnostizieren, damals vermutete der Arzt einen eingeklemmten Nerv. Sie wird schließlich von einem Nervenarzt behandelt, eine Zeitlang geht es ihr besser. Doch wie es weiter vorn im Buch heißt, wusste sie wohl, dass ihre Zukunft bereits vorbei war.

Auf den letzten Seiten versammelt der Autor Erinnerungen, Anekdoten, Reflexionen, jetzt ist er nicht mehr der Erzähler, jetzt erinnert er sich an die Frau, die seine Mutter war. Ein schmerzhaftes, persönliches Buch.

Katia Mann – Meine ungeschriebenen Memoiren

Statt frei zu erfinden, stützte Thomas Mann sich am liebsten auf Wirklichkeit. Er fand lieber, als dass er erfand, Schauplätze, Grundzüge von Personen und vieles mehr. Er eignete sich das Gegebene an, durchdrang es auf seine Weise, beseelte es, wie er es nannte, mit seinem Künstlertum.

Ganz ehrlich, zu diesem Buch hätte ich sicher nicht gegriffen, hätte nicht die Reading Challenge nach Memoiren verlangt. Kürzlich war ich im Carla Nord, um ein paar übrig gebliebene Sachen zu spenden und wollte dort „einen kurzen Blick“ in die Bücherabteilung werfen. Genau. Stellt sich raus, die Bücherabteilung ist in so einer Art Container, der an die große Lagerhalle dran gebaut ist. Zwischen den Regalen fließt das Sonnenlicht durch den Raum und Reihe um Reihe stehen dort Bücher aller Kategorien. Es hat länger gedauert. Und ich habe nur die Romane und die englischen Bücher durchgeschaut, die anderen Kategorien nur im Vorbeigehen gestreift.

Natürlich hatten wir im Deutschunterricht irgendwann die Buddenbrooks besprochen und vermutlich auch den Zauberberg. Trotzdem verbinde ich nichts mit Thomas Mann, seine Familiengeschichte war mir deshalb völlig neu. Katia Mann beschreibt in Gesprächen (aufgezeichnet von Elisabeth Plessen und Katias und Thomas Sohn Michael) ihre Lebenszeit, ihre Beziehung zu Thomas Mann (zumeist wird er mit vollem Namen genannt, nur an wenigen Stellen nennt sie ihn Tommy) und zu ihren Kindern. Interessant fand ich speziell die Passagen, wo es um die politischen Verflechtungen diverser historischer Zeitgenossen ging. Ihre Charakterisierungen von Persönlichkeiten aus der Kunst sprühen vor Witz (etwa die wenig charmante aber ausgefeilte Beschreibung von Alma Mahler-Werfel). Sie beschreibt eine Parallelgesellschaft unter den Emigranten, in der neben freundschaftlichen Gefühlen oft Neid und Missgunst stehen. Ein Zeitdokument.

Reading Challenge: A memoir

NOTE: Das ist übrigens der Moment, wo ich mir eingestehen muss, dass sich das dieses Jahr nicht mehr ausgehen wird. Interessant, dass es mir gerade in diesem Jahr nicht gelungen ist, den Schnitt von einem Buch pro Woche aufrecht zu erhalten. War in diesem Jahr noch weniger Zeit als im Jahr davor? Wo kommt die ganze Zeit hin?

Nicole Krauss – Die Geschichte der Liebe

Nachdem sie weg war, brach die Welt zusammen. Kein Jude war mehr sicher. Es gab Gerüchte über unfassbare Dinge, und weil wir sie nicht fassen konnten, glaubten wir sie nicht, bis wir keine Wahl mehr hatten und es zu spät war.

Obwohl einer der Alternativtitel für das Buch im Buch „Wörter für alles“ lautet, fehlen mir beinahe die Worte, um zu beschreiben, wie sehr mir dieser Roman gefallen hat. Ich werde drei bis fünf Exemplare kaufen müssen, um sie an alle zu verschenken, denen das auch gefallen könnte.

Das Buch beginnt und endet mit Leo Gursky, polnischer Jude, als Junge überlebte er die ersten Überfälle der Nazis auf sein Heimatdorf Slonim, später konnte er nach Amerika flüchten. Seine Gedanken sind immer bei Alma, in die er verliebt ist, die bereits vor ihm nach Amerika auswandern konnte. Als er sie schließlich findet, ist sie mit einem anderen verheiratet.

Auf einer weiteren Zeitebene lernen wir Alma Singer kennen. Ihr Vater ist vor Jahren gestorben, ihr Bruder erinnert sich kaum noch an ihn und sucht Zuflucht in intensiv gelebtem jüdischem Glauben, er hält sich für einen möglichen nächsten Messias. Almas Mutter ist in ihrer Arbeit versunken und existiert nur als Schatten ihrer selbst, bis sie von einem Unbekannten den Auftrag erhält, „Die Geschichte der Liebe“ zu übersetzen. Das Buch, das sie von Almas Vater geschenkt bekommen hat.

Jeder zusätzliche Hinweis auf den kunstvoll verschlungenen Inhalt würde zu viel verraten. Ganz grob erinnert die Storyline (jüdischer Hintergrund, Verlust der Familie, Suche nach den verloren geglaubten Verwandten) an ein Buch, das ich letztes Jahr gelesen habe: Solange am Himmel Sterne stehen. Im Vergleich dazu fehlen hier der Zuckerguss und die Sterne, dafür sind die Charaktere fein gezeichnet und jeder lose Faden führt am Ende zu einem perfekten Ganzen. Definitiv die bessere Geschichte. Eben die Geschichte der Liebe. Leseempfehlung.

Reading Challenge: A book that was originally written in a different language
(Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel „The History of Love“ bei W.W. Norton & Company, New York)

Lucinda Riley – Der Lavendelgarten

Es könnte einfach nur eine kitschige Lovestory sein. Aber der historische Background und die Geschichte der „Großmutter“ Constanze, die als SOE-Agentin vom englischen Regime nach Frankreich geschickt wird, um im Untergrund gegen die Deutschen zu arbeiten, wertet diesen Roman enorm auf. Die Hauptprotagonistin der Jetztzeit ist Emilie de la Martinières, die sich ziemlich naiv in die Arme eines Mannes wirft, der sich am Ende als grandioser Hochstapler herausstellt. Was der Leser durchaus schon auf den ersten Seiten ahnen kann. Doch der historische Background und wie sich letztendlich das Familiengewirr der de la Martinières auflöst, kann durchaus gefallen. Als „sicherer Hafen“ hat mich dieses Buch durch die letzten Wochen begleitet und damit schon einen überaus wichtigen Zweck erfüllt. Manchmal braucht man eine „schicksalhafte Liebe“ (siehe dramatisch-romantischer Klappentext …), um sich mal kurz aus dem eigenen Alltag zu verabschieden.

RANDNOTIZ: Dieses Jahr scheint das Jahr des Wiederlesens zu werden. Seit dem Wochenende verfolgt mich die Idee, die Saga vom Dunklen Turm nochmal zu lesen. Das hatte mich vor Jahren durch meine Studienzeit begleitet und Teile davon hatten durchaus eine Anziehungskraft, obwohl ich nicht so begeistert davon war, wie der damalige Lebensbegleiter. In der Onleihe hab ich leider nicht alle Bücher gefunden (was soll das? warum nur Teil 2, 3, 5 und 7 einer Serie vorrätig haben? wer denkt sich sowas aus?). Vielleicht werd ich doch eine digitale Investition tätigen.

Zsuzsa Bank – Die hellen Tage

Selten weiß man am Beginn des letzten Absatzes eines Buches so offensichtlich, dass es der letzte Absatz sein wird. Nicht, weil man sieht, dass der Rest der Seite leer ist oder weil man sieht dass es die letzte Seite ist. Denn so genau weiß man das am Kindle nicht. Bei 99% können noch mehrere Seiten Roman kommen oder vom Verlag für unverzichtbar befundene Informationen. In diesem Fall wusste ich inhaltlich, das kann nur der letzte Absatz sein. Weil der Schluss einfach stimmt.

Aja war durchs große Tor über die grauen Steinstufen und die Backsteingänge unserer Schule gelaufen und hatte alles sofort in Besitz genommen, als hätten sich die Dinge um sie angeordnet, sobald sie aufgetaucht war, als habe sie jeden Winkel, jede Tür und hinter den Treppen jeden Gang sogleich gekannt und sich darum so sicher und leicht bewegt, sicherer und leichter als alle anderen zwischen Formeln und Fragen, zwischen Zahlen und Wörtern, die sie auseinandernahm und zusammensetzte, wie es ihr einfiel, und mit denen sie zu jonglieren wusste, so wie Zigi mit den Reifen aus Holz, die er hintereinander hochjagte und mit den Füßen auffing.

Aber nicht nur der Schluss stimmt, sondern auch alles, was davor steht. Es wäre falsch, zu sagen, dass die Geschichte dahinplätschert, weil man diese Formulierung zumeist als Kritik auffasst (ich selbst sehe das auch so). Es ist alles im Fluss und auch wenn Katastrophen das Leben der Protagonisten erschüttern, ist stets klar, dass es weitergeht.

Er und Aja nahmen die Welt auf ihre Weise auseinander und setzten sie nach ihrer eigenen Vorstellung wieder zusammen, Aja mit Formeln und Ziffern, mit denen sie den menschlichen Körper wie unter einer Lupe absuchte, und Karl, indem er seine Umgebung in Stücke teilte, passend zu den zwei Sekunden, die seinem Kopf die Zeit vorgaben und seinen Lebenstakt schlugen, als könne er noch immer Hinweise auf seinen Bruder finden, die Fetzen der Welt aneinanderreihen und so ihre Lücken schließen.

Der Roman erzählt die Geschichte der Kinder Seri, Aja und Karl – jedes für sich mit einer Familiengeschichte gezeichnet – und in Rückblenden auch die Geschichte ihrer Eltern, wobei die Mütter klar im Vordergrund stehen. Die Väter kommen nur als Nebenfiguren vor, obwohl sie die Geschichte durch ihre (Nicht-)Anwesenheit natürlich wesentlich beeinflussen.

Auch die Freiheit spielt eine große Rolle – die wahre Freiheit, die die drei Hauptpersonen als Kinder genießen – und die spätere eingebildete Freiheit, als sie nach Rom gehen, um sich von ihrem beschaulichen Leben im ländlichen Kirschblüte zu befreien. Doch von seiner Familiengeschichte kann man sich nicht befreien, sie begleitet einen durchs ganze Leben.

Dieser Roman hat mich durch einige der dunkelsten Tage (und Nächte) dieses Jahres begleitet und ich wüsste keinen, der besser gepasst hätte. Ein Zufallstreffer übrigens, auf den ich gestoßen bin, als ich dringend ein Kindle-Buch kaufen musste. Zum Verschenken, Selberlesen und Teilen. Möglicherweise mein Buch des Jahres.

Barbara Hodgson – Die Krinoline bleibt in Kairo

Pyramide(c)leonardobc/SXC

Reisen ist … eines der traurigsten Vergnügen des Lebens. Wenn man sich in einer fremden Stadt wohl fühlt, so ist es immer, weil man schon anfängt, dort einheimisch zu werden. Aber unbekannte Länder durchstreifen, eine Sprache reden hören, die man nur notdürftig versteht, menschliche Gestalten sehen, die sich weder an unsre Vergangenheit noch an unsre Zukunft knüpfen: das ist Einsamkeit und Absonderung ohne Ruhe und ohne Würde. (Mme. de Stael)

Passenderweise hat mich dieses Buch auf meiner österlichen Wochenendreise begleitet. Von Stockerau aus über Wien, Linz, Golling-Abtenau nach München und anschließend wieder retour haben ausgereicht, um sich mit reisenden Frauen von 1650 bis 1900 zu beschäftigen. Nach heutigen Massstäben erscheint es äußerst faszinierend, dass Menschen sich ohne Notwendigkeit all diesen Strapazen aussetzten. Heute sind so viele Menschen ständig mit dem Auto unterwegs und finden die öffentlichen Verkehrsmittel unzureichend und unbequem. Da möchte man doch manchmal an die äußerst unbequeme Postkutsche erinnern, mit der man Wien nach Linz seinerzeit länger brauchte als heute von Wien nach New York.

Frauen unterschiedlicher Nationalitäten begaben sich bereits damals auf die Reise, um unbekannte Gegenden auf unserer Welt zu erforschen und schreckten im Ernstfall auch nicht davor zurück, sich ohne Begleitung durch den Amahonas-Dschungel zu quälen. Krankheiten forderten gerade auf Schiffsreisen oder in tropischen Gebieten unzählige Todesopfer unter den Reisenden. Gerade in fortgeschrittenem Alter mussten die Reisenden daher immer wieder damit rechnen, die Heimat nicht wiederzusehen. Und doch erlangten gerade die Reiseberichte von Frauen eine derartige Popularität, dass sich immer neue Pionierinnen fanden, die die Welt erkundeten.

Bei der Krinoline handelt es sich übrigens um den in dieser Zeit üblichen Reifrock, den man zur Besteigung der Pyramiden besser nicht tragen sollte.

NOTE: Erstes Buch im Kindle-App am iPhone (Kurt Vonnegut: Cat’s Cradle). Erste Eindrücke brauchbar, wenn auch nicht sonnengeeignet.

Denis Diderot – Jacques, der Fatalist

Pferd_(c)_Bernd-Boscolo/PIXELIO

JACQUES: „Wenn; wenn das Meer kochen würde, gäb’s viel Kochfisch, sagt man. Verdammt, Herr, eben haben sie geglaubt, ich liefe in große Gefahr, und nichts war daran; jetzt glauben Sie, Sie wären in großer Gefahr, und da ist womöglich noch weniger dran. Wir alle in diesem Haus haben einer vor dem anderen Angst; was nur beweist, dass wir allesamt Dummköpfe sind …“

So spricht der fatalistische Diener Jacques zu seinem Herrn. Jacques glaubt einzig und allein an das Schicksal, indem geschrieben steht, was geschehen wird, weshalb es auch nutzlos ist, sich großartig darum zu bemühen oder zu bekümmern. Jacques und sein Herr sind unterwegs zu einem bis zum Schluss unbekannten Ziel und erzählen sich dabei allerhand Geschichten unterbrochen wiederum durch Begegnungen mit Personen wie etwa der wackeren Wirtin, die selbst eine Geschichte beizusteuern hat.

DER HERR: „Herr Jacques, lassen Sie sich hängen, da das Schicksal es so will und Ihr Pferd es sagt; aber werden Sie nicht unverschämt: hören Sie mit Ihren dreisten Vermutungen auf und liefern Sie mir rasch die Geschichte Ihres Hauptmanns.

Nicht nur Jacques, dessen Liebesgeschichte dem geneigten Leser bis zum Schluss vorenthalten wird, hat einiges aus seinem Leben zu berichten. Als Jacques schließlich durch einen hartnäckigen Husten am Erzählen gehindert wird, kommt auch der Herr dazu, seine Geschichte zu erzählen, was letztendlich zum Ziel der Reise führt. Der Autor wendet sich immer wieder direkt an den Leser.

„Jacques“ hingegen ist ein albernes Gespinst von Begebenheiten, manche wahr, manche erfunden, anmutlos aufgeschrieben und unordentlich verstreut. – Um so besser, meinen „Jacques“ wird man desto weniger lesen. Wie Sie’s auch drehen und wenden, Sie sind im Unrecht.

Mit allerhand Referenzen auf seine Zeitgenossen amüsiert sich der Autor Diderot und führt den Leser absichtlich auf abwegige Pfade, man muss schon mitdenken, um zwischen all den verstreuten Geschichten den Anschluss zu bewahren und stets zu wissen, wer gerade die Hauptperson der aktuellen Geschichte darstellt. So bleibt die Geschichte immerhin spannend, denn der rote Faden wechselt ständig und das Schicksal zeigt den Reisenden ständig neue Wege. Ein kurzweiliger Klassiker mit hohem Dialoganteil.

Jostein Gaarder – Der seltene Vogel

Sprung übers Fahrrad am Flughafen Tempelhof

Eine Möglichkeit ist natürlich, einfach das Licht auszuknipsen. Der Zeitscanner wandert ja nicht mit der Lampe in der Hand durch die Dunkelheit. Sobald ich das Licht ausgeschaltet habe, kann mein Nachbar in meinem Schlafzimmer nicht mehr sehen als ich selber. Viele historische Morde sind noch immer unaufgeklärt aus dem einfachen Grund, weil sie im Dunkeln begangen wurden.

Jostein Gaarder überrascht mich immer wieder mit neuen Richtungen. Begonnen mit Sofies Welt über Das Orangenmädchen bis zu Vita brevis muss ich einfach bei jedem Buch dieses Autors zugreifen. Dieser Band von Erzählungen hat mich daher einen Tag lang durch Berlin begleitet. Dafür habe ich sogar meinen eigens vorausgewählten Berlinkrimi Volker Kutscher: Der nasse Fisch links liegen gelassen. Gerade als Reisebegleitung kann ich diese Erzählungen wärmstens empfehlen, da der dünne Band nicht beschwert, was man von den Themen der Erzählungen nicht gerade behaupten kann, diese werfen nämlich so einige Fragen auf.

Die Erzählungen bewegen sich in unterschiedlichen Richtungen, ein zentrales Thema kristallisiert sich aber mit der Zeit heraus. Fragen über die Entstehung des Lebens, die Entstehung des Universums, das menschliche Bewusstsein kehren ein ums andere Mal wieder. Das obige Zitat stammt aus einer der längeren Erzählungen, die ein düsteres Bild der Zukunft entwirft, in der die Menschen ihre Wohnungen nicht mehr verlassen, weil sie sich durch den „Zeitscanner“ die Geschichte auf ihre Bildschirme zaubern können. Da aber jeder nur mehr in der Vergangenheit herumsurft, entsteht keine neue Geschichte mehr. Jeder kann jeden beobachten, auch wenn dies kaum interessant sein dürfte, da niemand mehr etwas tut.

Wie ist es möglich, dass die Welt mir nicht zustimmt, wenn ich behaupte, es sei verrückt, hier zu sein? Was hat die Welt, das ich nicht habe? Was habe ich, woran es der Welt fehlt? Niemand, niemand sieht die Welt wie ich.

Ein Kunstkritiker wird von seinem Redakteur dazu aufgefordert, die Sonne zu rezensieren und verliert sich schließlich immer mehr in Fragen zur Entstehung und zur Bedeutung der Welt. Fragen, die sich die meisten Menschen nicht stellen, und wer sich damit beschäftigt, wird dann oft zum Außenseiter und Missverstandenen.

Gleich zwei Erzählungen drehen sich darum, wie Menschen damit umgehen, wenn sie erfahren, dass sie todkrank sind und nicht mehr lange zu leben haben. Für Jenny führt dies zu einer Buddha-artigen Nirwana-Erfahrung, während Jonny einen Porzellanladen kurz und klein schlägt. Was geht vor in einem Menschen, der von der eigenen Sterblichkeit überrascht wird? Wird unsere Zeit wertvoller, wenn wir wissen, dass uns nicht mehr viel davon bleibt?

Giovanni Boccaccio – Das Dekameron

Weintrauben (c) nkzs / SXC

„Daher bitte ich Euch um der Liebe willen, die ich Euch entgegenbringe, mir auch die Eure nicht zu versagen, sondern Euch meiner Jugend zu erbarmen, die sich nach Euch verzehrt wie Eis am Feuer!“

Würde ich meine Posts betiteln, dieser erhielte die Überschrift „Hedonismus in Zeiten der Pest“. Die Rahmenhandlung lässt sieben Damen und drei junge Herren eine von der Pest heimgesuchte Stadt verlassen, um sich in angenehmer Atmosphäre nach Möglichkeit zu vergnügen. Zu diesem Zwecke verbringen sie den Großteil des Tages mit dem Erzählen von Geschichten. Zehn Tage lang erzählt jeder der zehn Beteiligten jeweils eine Geschichte. Die Geschichten bieten dabei eine große Themenvielfalt, auch wenn sich natürlich die meisten um die Liebe drehen.

Wenn nun schon der an sich standhafte Mann nicht umhinkann, eine Frau, die ihm gefällt – von Weibern, die sich anbieten, ganz zu schweigen –, zu begehren, und alles daransetzt, diese Frau zu besitzen, was ihm nicht alle vier Wochen einmal, sondern täglich unzählige Male passiert, wie kannst du dann von einer Frau, die schon ihrer Natur nach unbeständig ist, erwarten, dass sie allen Bitten, Schmeicheleien, Geschenken und tausenderlei Verführungskünsten widerstehen soll, die ein schlauer Mann anwendet, der sie begehrt?

Noch so einiges mehr lässt Boccaccio seine Protagonisten über das Wesen der Frau sagen. Dies mag der damaligen Zeit angemessen erscheinen, erscheint aber heute doch zutiefst befremdlich. Das obige Zitat wird von einer Frau gesprochen, diese bezichtigen sich also selbst aller möglichen Schwächen und Unarten. Die Herren üben sich da eher noch in vornehmer Zurückhaltung und zeigen ihre Verachtung der Damen nur indirekt über die erzählten Geschichten.

Vielleicht wäre ich in dieser Hinsicht nicht so großzügig gewesen, wenn man auch Frauen so selten und mit soviel Schwierigkeiten fände wie einen guten Freund.

Diese Stelle sticht insofern hervor, als dass sich der Bezug auf das Sprichwort herstellen lässt, das besagt, Männer/Frauen mögen kommen und gehen, Freunde jedoch bleiben für immer. Das ist ein interessanter Kontrast in all diesen Geschichten, in denen immer wieder aus Liebe gestorben oder zumindest die Absicht dazu bekundet wird. So zeigt sich hier ein breites Feld an Geschichten, das alle möglichen Emotionen im Portfolio hat.