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Sachbuch

Douglas Thomas, John Seely Brown – A New Culture of Learning

Drei Anläufe hat es gebraucht, bis ich dieses Buch tatsächlich fertig gelesen habe. Das liegt nicht daran, dass es nicht interessant wäre oder schwer zu lesen, es ist mir einfach aus dem Blickfeld gerutscht. Entdeckt hatte ich es im Rahmen meines Bildungswissenschaftsstudiums vor zwei Semestern und das Konzept und der zukunftsweisende Titel haben mich überzeugt, dass ich es lesen sollte.

The key to questioning is not typical problem solving. It is innovation.

Die Autoren beschreiben anhand verschiedener Beispiele, warum traditionelle Lerntheorien in unser heutigen Wissensgesellschaft nicht mehr ausreichend funktionieren. Anhand des Beispiels einer World-of-WarcraftRaid-Gemeinschaft wird erklärt, wie Menschen heute komplexe Prozesse lernen und sich verändernden Umgebungsbedingungen anpassen.

In the new culture of learning, people learn through their interaction and participation with one another in fluid relationships that are the result of shared interests and opportunity.

Diese Form des Lernens erfordert keine Lehrperson, die einen Lehrstoff vermittelt. Lernende lernen voneinander, in dem sie zusehen, wie andere Menschen Probleme lösen, selbst Dinge tun und experimentieren, um herauszufinden, was am besten funktioniert. Jahrhundertelang funktionierte unser Bildungssystem derart, dass Schüler*innen Fragen gestellt bekommen, deren Antworten die Lehrenden bereits kennen. Auf die komplexen Fragen der heutigen Zeit (Klimawandel) gibt es jedoch keine einfachen Antworten.

The point is that no matter what direction he goes in or what he finds, more questions await. And the questions he asks are limited only by his imagination. We call this style of learning inquiry.

Beim Lesen habe ich mich immer wieder an den Lernstil von John Dewey erinnert. John Dewey schrieb der Erfahrung im Lernen den höchsten Wert zu. Kinder sollten gemeinsam in der Gruppe Dinge erschaffen und daran lernen. Sowohl der Gemeinschaftsaspekt als auch das Erfahrungslernen finden sich in der neuen Kultur des Lernens wieder. Es geht nicht darum, was wir bereits wissen, es geht darum, was wir noch lernen können und vor allem wie wir das lernen können (schreibt Siemens in seiner Konnektivismustheorie).

Die praktische Anwendung dieser Erkenntnisse steht jedoch weitgehend in den Sternen.

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Erfahrungsbericht Sachbuch

Brené Brown – Daring Greatly

Mit The Gifts of Imperfection habe ich mich Ende 2018 auseinandergesetzt und seitdem hatte ich Daring Greatly auf der Leseliste. Den Impuls, es jetzt zu lesen, gab dann Katrin Rönicke in der Jahresabschlussfolge vom Lila Podcast. Zu Beginn wollte mir dieses Buch einfach nicht so nahe gehen und doch habe ich eine große Menge an Zitaten notiert, die ich für verschiedene andere Projekte brauchen kann.

Vulnerability isn’t good or bad: It’s not what we call a dark emotion, nor is it always a light, positive experience. Vulnerability is the core of all emotions and feelings. To feel is to be vulnerable.

Der durchgängige rote Faden ist hier das Konzept der Verletzlichkeit oder Verwundbarkeit (Vulnerability). Um Watzlawick („Man kann nicht nicht kommunizieren!“) zu paraphrasieren: Wir können nicht nicht fühlen. Daher können wir uns auch der Verletzlichkeit nicht entziehen. Die wirklich relevante Frage ist, wie wir mit unserer eigenen Verletzlichkeit umgehen. Wenn wir uns verletzlich fühlen, wenn negative Gefühle uns unter Druck setzen, wie reagieren wir dann? Greifen wir die andere Person an, die möglicherweise dieses Gefühl in uns ausgelöst hat? Ziehen wir uns zurück und fühlen uns schlecht? Oder können wir zu unserer Verletzlichkeit stehen und daran wachsen?

Shame resilience is the ability to say, “This hurts. This is disappointing, maybe even devastating. But success and recognition and approval are not the values that drive me. My value is courage and I was just courageous. You can move on, shame.”

Meine abstrakte Zusammenfassung kann die Vielfältigkeit des Inhalts nicht ausreichend wiedergeben. Die Autorin, die seit Langem zu den Themen Shame, Wholeheartedness und Vulnerability forscht, sammelt eine Vielzahl an Beispielen aus den Lebensbereichen Familie, Partnerschaft und Beruf, die einerseits zeigen, wie in unserer Gesellschaft oft mit Situationen der Verletzbarkeit umgegangen wird und andererseits, wie es stattdessen sein könnte, wenn sich Menschen mehr auf ihre eigenen Gefühle besinnen würden. In The Gifts of Imperfection war auch self-compassion, also Mitgefühl mit sich selbst, ein wichtiges Thema. Wichtig ist hierbei und genauso beim Thema Verletzlichkeit, dass wir uns dieser Gefühle erstmal bewusst werden. Hier kommt üblicherweise das ganze mindfulness-Thema (Achtsamkeit) ins Spiel, das ich nur kurz erwähne, weil es sich für mich immer noch sehr esoterisch anfühlt. In den letzten Monaten habe ich aber immer wieder ausprobiert, in unangenehmen oder stressigen Situationen eine kurze Pause einzulegen und mich zu fragen, was ich jetzt eigentlich gerade empfinde. Was bedeutet dieses negative Gefühl jetzt genau, wo kommt es her? Mir hat die Metapher What are the gremlins saying? sehr gefallen. Darunter versteht die Autorin die negativen Stimmen in unserem eigenen Kopf, die uns davon abhalten wollen, ein Risiko einzugehen (zum Beispiel auf einer Bühne zu sprechen, an einem Wettbewerb teilzunehmen oder ein schwieriges Gespräch in Angriff zu nehmen). Wenn wir analysieren, was uns die Gremlins sagen, werden wir feststellen, dass es oft auf eine Form von nicht gut genug zurückführt. (Hiermit wäre übrigens wiederum die Verknüpfung zu The Gifts of Imperfection hergestellt.)

One of the biggest surprises in this research was learning that fitting in and belonging are not the same thing. In fact, fitting in is one of the greatest barriers to belonging.

Die Unterscheidung zwischen Dazugehören und Sich anpassen im obigen Zitat war für mich ein Augenöffner. Der Druck, wie die anderen sein zu müssen, um dazuzugehören, verfolgt mich seit meiner Teenagerzeit. Es gab sogar schon Situationen, wo ich es als besondere Fähigkeit verstanden habe, mich sozialen Gruppen gut anpassen zu können. In den letzten Jahren ist mir das immer schwerer gefallen und ich habe dann auch Situationen erlebt, in denen ich mich nicht mehr anpassen wollte und Freundschaften dann nicht mehr funktioniert haben. True to yourself ist übrigens gar nicht so einfach nach vielen Jahren des Anpassens.

Show up. Contribute. Care.

Ganz am Ende des Buches hat mich dann die vorgeschlagene Wertedefinition so richtig erwischt. In schwierigen Situationen geht es nicht immer ums Gewinnen oder Verlieren oder darum, das Richtige zu tun oder zu sagen. Manchmal ist das Mutigste schon, dass wir einfach nur da sind und uns der Situation stellen. Negative Gefühle lassen sich nicht vermeiden, aber wir können entscheiden, wie wir damit umgehen. Wir können uns entscheiden, den Gremlins nicht zuzuhören und unseren Weg zu gehen.

Sometimes the bravest and most important thing you can do is just show up. … Daring greatly is not about winning or losing. It’s about courage.

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Sachbuch

Hannah Fry – Hello World

Understanding our own flaws and weaknesses – as well as those of the machine – is the key to remaining in control.

Dieses Buch sammelt den aktuellen Stand der algorithmischen Technik und Forschung. An unzähligen Beispielen aus verschiedenen Bereichen erklärt die Autorin, wie Algorithmen funktionieren, wo sie gute Resultate liefern können, woran sie in der Vergangenheit gescheitert sind und woran sie in der Zukunft vermutlich auch noch scheitern werden. Eines der wichtigsten Themen ist jedoch das Verhältnis zwischen Mensch und Computer. Die Ergebnisse, die uns ein Computer (und der dahinterstehende Algorithmus) liefert, werden von Menschen kaum hinterfragt. Zitiert werden dazu etwa Forschungsergebnisse, die zeigen, wie durch gezielte Anordnung von Suchmaschinenergebnissen Wahlentscheidungen beeinflusst werden konnten.

It’s just this bias we all have for computerized results – we don’t question them.

Die erste Supermarkt-Kundenkarte hat Tesco erfunden. Damals wurde nicht gesammelt, WAS die Kunden einkaufen, sondern nur wann sie einkaufen und wieviel Geld sie dabei ausgeben. Allein daraus konnte Tesco schon so viele Schlüsse ziehen, dass sie mit gezielter Werbung ihre Kunden dazu verleiten konnten, noch mehr Geld auszugeben. Kein Wunder, dass heutzutage keine Einzelhandelskette mehr ohne Kundenkarte auskommen will.

Look carefully enough at someone’s shopping habits and they’ll often reveal all kinds of detail about who they are as a person.

Auch das Surfverhalten von Personen wird von unzähligen Trackern überwacht und aufgezeichnet (um dem entgegenzuwirken empfehlen sich Ad- und Tracking-Blocker wie zum Beispiel Ghostery). Die Autorin erklärt an einem sehr anschaulichen Beispiel, dass Surfverhalten und Browser Histories sehr einfach de-anonymisiert werden können. Es reicht eine einzige Webseite mit einem Login in einer Browser History, um die gesamte History einer Person zuordnen zu können.

That was the deal that we made. Free technology in return for our data and the ability to use it to influence and profit from you.

Ausführlich erklärt wird auch eine Studie, in der Forscher*innen aus einer Kombination von (freiwilligen) Persönlichkeitstests auf Facebook und der Auswertung von Likes ein Modell entwickelt haben, indem sie aus den Facebook-Likes auf die Persönlichkeit einer Person schließen können. Eine ausreichend große initiale Menge von Personen (Stichprobe), die ihre Daten freiwillig hergeben, genügt, um daraus Regeln abzuleiten und Schlüsse auf andere Personen, die ihre Daten nicht in dieser Form freigegeben haben, ziehen zu können.

The entire history and practice of modern medicine is built on the finding of patterns in data.

Im medizinischen Bereich werden Algorithmen schon seit Längerem genutzt, um etwa Zellbiopsien auf krankhafte Veränderungen zu untersuchen. Die Debatte um selbstfahrende Autos und wie diese entscheiden (sollen), wenn es darum geht, welche Menschenleben gerettet werden sollen, wurde in den Medien vergleichsweise ausführlich geführt. Und auch im Bereich der Verbrechensprävention werden Algorithmen eingesetzt. Die ursprüngliche Idee bestand darin, Verbrechen auf Karten zu vermerken und dadurch Orte zu finden, an denen sich Verbrechen häufen. Dort können dann durch stärkere Polizeipräsenz entweder Verbrechen verhindert werden oder durch schnelle Reaktion die Täter gefasst werden. Im Podcast Reply All wurde darüber auch in einer Doppelfolge berichtet.

How good is good enough? Once you’ve built a flawed algorithm that can calculate something, should you let it?

Bei all diesen Anwendungsbereichen stellt sich jedoch die Frage: wie gut kann und muss ein Algorithmus sein, um bessere Entscheidungen zu treffen, als Menschen sie treffen würden? Wieviel Fehler ist akzeptabel? Was sind die Konsequenzen? Wie viele unnötige Mastektomien werden gemacht, weil ein Algorithmus Krebszellen diagnostiziert hat, die eigentlich gesund waren? Welche Folgen ergeben sich daraus, dass Menschen sich auf den Autopilot ihres Fahrzeugs verlassen? Wie viele unschuldige Leben sind es wert, dass mehr Schuldige gefasst werden?

What about innocent until proven guilty?

Alle diese Fragen werden aktuell zu wenig bedacht, es wird geforscht und umgesetzt, was technisch möglich ist und womit sich Geld verdienen lässt. Die Entscheidung, welche Daten wir preisgeben, kann nicht allein den Konsumenten überlassen werden. So lange Algorithmen als Betriebsgeheimnis gelten und nicht nachvollzogen werden kann, wie Algorithmen tatsächlich Daten verarbeiten und Entscheidungen treffen, ist eine informierte Entscheidung von Einzelpersonen gar nicht möglich. Wir brauchen gesetzliche Regulierungen und Kontrollmechanismen, die den Missbrauch von Daten verhindern (und damit meine ich nicht etwas so Lästiges und Ineffektives wie Cookie-Warnungen). Vor allem aber brauchen wir das Bewusstsein, dass Computer und Algorithmen nicht allmächtig sind, dass sie fehlerhaft sind und dass ihre Entscheidungen daher auch fehlerhaft sein können.

But how do you decide on that trade-off between privacy and protection, fairness and safety? […] Is that a price we’re willing to pay to reduce crime?

Einen interessanten Vortrag zum Thema Bias in Algorithmen gab es von pascoda im Rahmen der PrivacyWeek 2018.

 

 

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Sachbuch

Emily & Amelia Nagoski – Burnout

Selbsthilfebücher für Frauen gibt es zuhauf. Erst war ich spektisch, als ich die Empfehlung bei Parnassus las, aber dann hat mich das Konzept doch so schnell überzeugt, dass ich das Buch sogar sofort lesen wollte und daher die Kindle-Version gekauft habe.

Die Autorinnen versuchen genau das Gegenteil der traditionellen Selbsthilfe: mit den bekannten Traditionen zu brechen. Ratschläge für Frauen, die sich gestresst fühlen oder allgemein irgendwie unzufrieden mit ihrem Leben sind, orientieren sich oft an materiellen Dingen: (mehr) Sport, Ernährung, mindfulness/Achtsamkeit, Körperpflege, gratitude/Dankbarkeit. Ich hatte in der Vergangenheit des Öfteren das Gefühl, dass viele dieser Dinge nur ein zusätzliches To-Do sind, das wir als Frauen auch noch erledigen sollten und wenn wir das nicht unterbringen, dann sind wir selbst schuld, wenn wir uns nicht wohl fühlen. Diese Sichtweise teilen auch die Autorinnen. Nichts davon ist schädlich an sich, vieles kann uns tatsächlich weiterhelfen, aber meistens nur kurzfristig, wenn sich an den strukturellen Gegebenheiten nichts ändert. Diese strukturellen Gegebenheiten und was wir tatsächlich dagegen tun können, sind das Thema dieses Buchs.

Das Buch betrachtet das Phänomen Burnout durch die Brille der Wissenschaft. Studien zu diversen Themen werden zititert, die Qualität dieser Studien wird naturgemäß variieren und Forschungsergebnisse sind im Allgemeinen auch mit etwas Vorsicht zu genießen. Vertrauenerweckend fand ich jedoch, dass die Autorinnen zu Beginn auch erklären, dass Forschungsergebnisse immer vorläufig sind. Sie stellen kein fertiges Wissen dar, sie „beweisen“ nichts, sie liefern uns nur das, was wir mit dem aktuellen Stand der Wissenschaft und ihrer Methodik wissen können. Forschungsergebnisse müssen wiederholt geprüft und bisweilen auch verworfen werden. Sie sind niemals endgültig. Weiters weisen die Autorinnen darauf hin, dass die im Buch zitierten Forschungsergebnisse sich auf Frauen in dem folgenden Sinn beziehen: Personen, die in einem Körper mit weiblichen Geschlechtsorganen geboren wurden, in der entsprechenden Geschlechterrolle erzogen wurden und sich auch selbst als Frau in einem psychologischen und sozialen Sinn wohl fühlen. Diese Einschränkung ist notwendig, da es aufgrund zu geringer Fallzahlen nahezu keine Ergebnisse zu Transgender- oder Nonbinary-Personen gibt.

Im Zusammenhang mit Burnout denken vermutlich die meisten Menschen an schwierige und anstrengende Job-Situationen: Lehrkräfte, Ärztinnen und Ärzte, Sozialarbeiter*innen, Menschen, deren Job es ist, für das Wohlbefinden anderer Menschen zu sorgen. Die Doppelbelastung durch Job und Familie belastet Eltern insbesondere. Der Druck des Kapitalismus und des ständigen Vergleichs mit anderen in den sozialen Medien trägt weiters zur Beschleunigung des Alltags bei. Neben diesen äußeren Stressfaktoren können jedoch auch innere Stressfaktoren, die weder für die Betroffenen noch für Außenstehende so einfach wahrnehmbar sind, das Wohlbefinden beeinträchtigen: zum Beispiel Selbstkritik, Identität, Erinnerungen oder Zukunftsängste.

Stressfaktoren sind der Löwe (oder Säbelzahntiger) der heutigen Zeit. Sie erzeugen Stresshormone in unserem Körper, die nicht abgebaut werden, denn wir laufen selten vor unseren Säbelzahntigern davon. Wir müssen uns beherrschen, lächeln, unsere Gefühle unterdrücken, nicht aus der Reihe tanzen. Das beste Mittel, um diese Stresshormone abzubauen, ist laut den Autorinnen Sport (jegliche körperliche Betätigung im Prinzip). Dabei verändern sich Atemrythmus und Herzschlag und wenn die Phase der körperlichen Betätigung vorbei ist, kann sich der Körper entspannen und damit ist der aktuelle Stress fürs Erste abgebaut. Andere Möglichkeiten sind der Austausch mit uns nahestehenden Menschen, der Sicherheit gibt, der uns zeigt, dass wir nicht (mehr) in Gefahr sind (kein Säbelzahntiger in Sicht). Entspannungstechniken, die auf der bewussten Anspannung und Entspannung von Muskeln basieren, können einen ähnlichen Effekt ausüben. Was definitiv nicht funktioniert: sich selbst zu sagen, dass alles in Ordnung ist. Es geht hier nicht um eine Verstandesentscheidung. Stress kann nicht vom Gehirn alleine bewältigt werden, sondern muss vom gesamten Körper verarbeitet werden.

Eine wichtige Begrifflichkeit ist das Human Giver Syndrome. Damit bezeichnen die Autorinnen das Gefühl oder die Vorstellung, den Menschen in unserer Umgebung schuldig zu sein, dass wir in jedem Moment ruhig, glücklich, großzügig gegenüber allen sind. Gelingt uns das nicht, legen wir uns das selbst als persönliches Versagen aus und mindern somit unser Selbstwertgefühl. Dieses Verhalten beruht auf der gesellschaftlichen Struktur, die Frauen jahrhundertelang als Menschen zweiter Klasse behandelt hat, die einzig und allein auf der Welt sind, um zu dienen. In diesem Zusammenhang beklagen die Autorinnen auch einen Mangel an weiblicher Solidarität: Frauen, die aus dem traditionellen weiblichen Rollenbild ausbrechen, aufstehen und ihren eigenen Weg gehen, bekommen oft zu hören, was sie sich eigentlich einbilden, was mit ihnen falsch ist und dass sie sich gefälligst an die Regeln halten sollen (get back in line). Dieses Phänomen basiert oft auf Neid. Wenn ich mich an die Regeln halten muss, dann soll die andere das auch.

In weiteren Kapiteln wird das Thema Körperbild und Selbstwahrnehmung hinterfragt und der Body Mass Index als Messinstrument kritisiert. (Für mich ein interessantes Detail am Rande: Menschen am unteren Ende des BMI-Normalbereichs haben in vielen Bereichen ein höheres Gesundheitsrisiko als Menschen, die laut BMI-Skala als übergewichtig gelten.) Die Bedeutung von Schlaf für das körperliche Wohlbefinden wird ebenfalls thematisiert. Viele andere Themen sind den meisten Leser*innen sicher bekannt (Perfektionismus macht uns unglücklich, self-compassion), werden jedoch von den Autorinnen nicht nur behauptet sondern in ihre Bestandteile dekonstruiert und analysiert.

Der populärwissenschaftliche Zugang in Verbindung mit popkulturellen Themen und dem Erzählen von Geschichten macht das scheinbar trockene Thema lebendig und nahbar. Für mich waren einige neue Blickwinkel dabei und ich kann dieses Buch nur jeder gestressten Frau (und ihren Partnern, Kindern, Bezugspersonen) empfehlen.

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Sachbuch

Susan Orlean – The Library Book

The library is a gathering pool of narratives and of the people who come to find them. It is where we can glimpse immortality; in the library, we can live forever.

Schon der Titel lässt erahnen, dass es sich bei diesem Werk um eine Liebeserklärung an die Institution Bibliothek (Library) handelt. Die Autorin erzählt jedoch nicht nur von ihren eigenen Erfahrungen, sondern nimmt diese zum Anlass, tief in das Thema einzutauchen.

My mother imbued me with a love of libraries. The reason why I finally embraced this book project – wanted, and then needed, to write – was my realization that I was losing her.

Ein wichtiger Handlungsstrang ist der Brand der Los Angeles Public Library im Jahr 1986. Die Autorin beleuchtet in tiefgehenden Recherchen den Zustand der Bibliothek vor und nach dem Brand, lässt Zeitzeugen zu Wort kommen und webt ein dichtes Netz, das zum Ziel hat, Licht auf das Feuer und die darauf folgenden Aufbauarbeiten zu werfen. Die Brandursache konnte niemals vollständig geklärt werden. Ein Verdächtiger wurde festgenommen, vor Gericht gestellt und aus Mangel an Beweisen nicht verurteilt. Die Lebensgeschichte dieses mutmaßlichen Brandstifters nimmt ebenfalls eine wichtige Rolle im Buch ein. Aus den Recherchen der Autorin lässt sich schließen, dass der junge Mann eher zufällig mit dem Brand in der Bibliothek in Zusammenhang kam und sich der auf ihn fallende Verdacht hauptsächlich wegen seiner ständig wechselnden Aussagen erhärtete. Obwohl das Gerichtsverfahren mit einem Freispruch endete, beeinflusste die öffentliche Wahrnehmung seiner Verbindung mit dem Bibliotheksbrand sein weiteres Leben.

People think of libraries as the safest and most open places in society. Setting them on fire is like announcing that nothing, and nowhere, is safe. The deepest effect of burning books is emotional.

Beleuchtet wird aber auch die Rolle der Bibliothek in den vergangenen Jahrhunderten bis zum heutigen Tag. Bibliotheken sind offene Orte, sie bieten Platz für Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft und anderen persönlichen Merkmalen. Sie sind Orte des Wissens und des Lernens, der Ruhe, aber auch der Gemeinschaft. Die Autorin begleitet viele Menschen, die in der Los Angeles Public Libary arbeiten, durch ihren Arbeitsalltag und beschreibt die Begegnungen mit den BesucherInnen der Bibliothek und die vielen anderen angebotenen Aktivitäten wie zum Beispiel Story Times für Kinder unterschiedlicher Altersgruppen oder Sprachkurse. Im letzten Kapitel berichtet die Autorin von einem Besuch beim Marktführer im Bereich Online-Verleih-Systeme Overdrive. Die letzten Jahrzehnte haben bereits gezeigt, dass Bibliotheken durch das Internet nicht aussterben werden. Genau genommen sind sie wichtiger denn je. Neue Technologien vereinfachen den Zugang, machen jedoch die traditionellen Funktionen von Bibliotheken nicht obsolet.

Als Beispiel möchte ich noch ein Detail hervorheben, das mich persönlich begeistert hat. Das historische Gebäude der Los Angeles Public Library wurde von Bertram Goodhue geplant. Im Buch beschreibt die Autorin in mehreren Absätzen seinen Ansatz, dass ein Gebäude eine Geschichte erzählen sollte. Seine Form, seine Kunst, Ornamente, alle Elemente zusammen sollten wie ein Buch gelesen werden können und die Geschichte darüber erzählen, was in dem Gebäude passiert. In meinen Augen ist das ein wunderbarer, fachübergreifender Zugang, der Architektur von reiner Zweckmäßigkeit auf eine künstlerische Ebene hebt. Bertram Goodhue war jedoch nicht nur Architekt, sondern hat unter anderem auch die Schriftart Cheltenham erschaffen.

It declares that all these stories matter, and so does every effort to create something that connects us to one another, and to our past and to what is still to come.

EDIT [20. Dezember 2019]: Es gibt eine Podcast-Episode von The Maris Review, in der Susan Orlean über die Geschichte des Buches spricht und unter anderem erzählt, warum ein Feuer in einer Bibliothek in Los Angeles eine besondere Bedeutung hat (mit Verweisen auf die aktuellen Waldbrände). Via Lithub.

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Erfahrungsbericht Sachbuch

Brené Brown – The Gifts of Imperfection

Mir ist kürzlich klar geworden, dass ich mich in einer Art Krise befinde. Schon seit einigen Wochen hatte ich das Gefühl, dass ich nie mit allem fertig werde, dass ich zu jeder Zeit, egal was ich tue, immer auch noch mindestens drei andere Sachen tun sollte. Ein konstantes Gefühl der Überforderung, das ich aber hartnäckig dadurch zu bekämpfen versuchte, so viel wie möglich erledigt zu bekommen. Bis dann der Moment da war, an dem mir klar war, dass es so nicht weiter gehen kann. Dass ich eine Pause einlegen muss, um mir darüber klar zu werden, was ich ändern muss.

Eines der Symptome dieser konstanten Überforderung war, dass ich kaum Zeit zum Lesen hatte. Wenige Augenblicke zwischendurch oder spät am Abend, wenn keinerlei Energie mehr da war, um die Zeit irgendwie produktiv zu nutzen. Die Verarbeitung dieser Krise hat mich daran erinnert, dass ich diese Zeit brauche, um zur Ruhe zu kommen, um einerseits Abstand von mir selbst und dem ganzen Leben zu gewinnen und andererseits um neue Einsichten zu gewinnen über mich selbst und über das ganze Leben.

In solchen Situationen greifen dann vielleicht auch andere Menschen zu Büchern, um die sie im Prinzip schon des Öfteren herumgeschlichen sind, aber sich durch den luftigen Untertitel (Let Go of Who You Think You’re Supposed to Be and Embrace Who You Are) oder dieses Gefühl, keine Selbsthilfebücher zu brauchen, abschrecken haben lassen. Obwohl das Buch viele Tipps beinhaltet, habe ich es dann doch nicht direkt als Selbsthilfebuch empfunden. Diese induzieren bei mir meist Reaktionen wie etwa:

  • Jo eh, das ist ja logisch, da brauch ich doch kein Buch dafür.
  • Jo eh, aber bleiben wir realistisch, das funktioniert doch in der Realität niemals.
  • Jo eh, für bestimmte besonders begabte oder beschenkte Personen wird das sicher funktionieren.

Bei diesem Buch geht es mehr um eine Einstellung zu sich selbst und zum Leben. Der übergreifende Bogen ist der Umgang mit dem Gefühl, nicht (gut/schön/erfolgreich) genug zu sein. Es geht darum, unseren Perfektionismus hinter uns zu lassen. Dabei geht es jedoch nicht um tatsächliche Perfektion sondern mehr um unsere Vorstellung davon, wie Dinge zu sein haben. Wir alle haben Standards und Maßstäbe, die wir an uns selbst und an unser Leben anlegen und wenn es uns nicht gelingt, diese zu erfüllen, fühlen wir uns nicht gut genug. Wenn wir nur härter arbeiten würden, dann wären wir endlich glücklich. Diese Gefühle verhindern jedoch, sich tatsächlich glücklich zu fühlen.

Sufficiency isn’t an amount at all. It is an experience, a context we generate, a declaration, a knowing that there is enough, and that we are enough.

Ein wichtiger Punkt ist auch die Tatsache, dass wir oft zu viel Wert darauf legen, was andere von uns denken. Neben unseren eigenen Maßstäben sollten wir uns auch von den Maßstäben anderer Menschen nicht abwerten lassen. Das Konzept true to yourself hat bei mir nie wirklich Wurzeln geschlagen. Jetzt sehe ich es als das Festhalten an den eigenen Werten, auch wenn diese Werte anderen nicht so wichtig sind oder von ihnen sogar mit Augenrollen bedacht werden.

We want to be able to control what other people think about us so that we can feel good enough.

Es wird nicht die letzte Krise gewesen sein und ich werde mir dieses Buch für meine eigene Bibliothek besorgen müssen, damit ich im Ernstfall darauf zurückgreifen kann, um mich wieder daran zu erinnern, was true to yourself eigentlich bedeutet. Zum Abschluss sei noch gesagt, dass die Autorin soziologische Forschung betreibt, ihre Erkenntnisse beruhen also nicht nur auf ihren eigenen Erfahrungen, sondern auf der Analyse von Interviews mit unzähligen Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensumständen. Sie verwendet dazu die Methodik der Grounded Theory und hat damit mein Interesse geweckt, mich mit dieser Forschungsmethodik näher auseinanderzusetzen.

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Sachbuch

Barry Swartz – The Paradox of Choice

Der Autor beschäftigt sich in diesem Buch mit der Frage, wie Menschen eine Entscheidung treffen und welche Faktoren diesen Entscheidungsfindungsprozess beeinflussen. Die Ausgangssituation: Noch nie gab es so viel Freiheit für Menschen, zu wählen, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Das beginnt bei der Frage der Ausbildung, des Wohnorts, des Partners und endet bei den kleinen alltäglichen Entscheidungen wie dem Kauf einer Hose oder der Auswahl einer Mahlzeit in einem Restaurant.

Generell scheint es logisch und wird vom Autor auch mit wissenschaftlichen Studien belegt, dass die Möglichkeit, zu wählen, auf Menschen einen positiven Effekt hat. Wir wollen die Kontrolle haben und uns frei entscheiden können. Wenn die Möglichkeiten, die uns zur Auswahl zur Verfügung stehen, jedoch so umfangreich sind, dass wir sie nicht mehr überblicken können, dann kehrt sich diese Möglichkeit der freien Entscheidung in einen negativen Effekt um.

Ein wissenschaftliches Beispiel dazu: Studenten dürfen aus einer Auswahl an Schokoladensorten kosten und bekommen anschließend eine Schokoladensorte ihrer Wahl oder ein anderes Geschenk als Dankeschön. Dabei zeigte sich, dass Studenten, die aus einer kleineren Auswahl an Schokoladensorten auswählen durften, eher dazu neigen, die Schokolade als Dankeschön zu wählen anstatt des anderen Geschenks. Mit ihrer Auswahl waren sie dann auch noch viel zufriedener als jene Studenten, die mit einer größeren Auswahl an Schokoloadensorten konfrontiert waren.

Daraus leitet Schwartz ab, dass eine größere Auswahl eher zu dem Gefühl führt, etwas verpasst zu haben oder möglicherweise die falsche Auswahl zu treffen. Er beschreibt das Konzept der Opportunity Costs: jede Auswahl bedeutet auch, andere Optionen nicht gewählt zu haben, diese entgangenen Möglichkeiten werden als Opportunity Costs (Alternativkosten) bezeichnet.

Comparisons are the only meaningful benchmark.

Der Autor beschreibt weiters, warum Vergleiche zur Unzufriedenheit beitragen. Einerseits steht uns nur der Vergleich als Möglichkeit zur Verfügung, um die Qualität einer Entscheidung zu bemessen. Andererseits kann ein Vergleich dazu führen, dass wir mit einer Entscheidung unzufrieden sind, die wir ohne Vergleich gar nicht erst in Frage gestellt hätten. Wenn im Restaurant das Gericht, für das wir uns nicht entschieden haben, an den Nebentisch getragen wird und viel ansprechender aussieht als dasjenige, das vor uns steht, dann wird die eigene Entscheidung dadurch erst abgewertet, die entgangene Möglichkeit vor Augen zu haben.

Das Buch schließt mit einigen Empfehlungen, wie wir uns der Fülle an Möglichkeiten und notwendigen Entscheidungen stellen können. Die Zusammenfassung: entscheiden, welche Entscheidungen wirklich wichtig sind. Ein Gericht in einem Restaurant auszuwählen, ist eine Entscheidung, die genau für diesen einen Tag wichtig ist, aber definitiv keine langfristigen Auswirkungen haben wird (potenzielle Salmonellenvergiftungen mal ausgenommen …). Die Entscheidung für eine Ausbildung oder einen Arbeitsplatz hingegen sollte abgewogen und nach rationalen Kriterien bewertet werden.

We must decide, individually, when choice really matters and focus our energies there, even if it means letting many other opportunities pass us by. The choice of when to be a chooser may be the most important choice we have to make.

Für alle, die an Speisekarten nicht nur wegen der Rechtschreibfehler verzweifeln, kann dieses Buch Hilfe auf der Basis wissenschaftlicher Fundierung bereitstellen. Trotz der vielen Beschreibungen von Experimenten ist es nicht trocken geschrieben und bietet viele Beispiele aus der Praxis. Ein deutschsprachiges Werk zum selben Thema habe ich übrigens bereits 2015 gelesen: Bas Kast – Ich weiß nicht, was ich wollen soll. Auch wenn sich die Inhalte teilweise überschneiden, ist es keine Zeitverschwendung, beide Bücher zu lesen, da sich die Zugänge unterscheiden und unterschiedliche Aspekte beleuchtet werden.

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Sachbuch

Clay Shirky – Here Comes Everybody

… the point is that once a group has come together, those kinds of issues of community control aren’t simple.

Der Autor beschreibt in diesem Buch die neuen Möglichkeiten der Gemeinschaftsbildung, die sich über das Internet und die darauf basierende Software ergeben. Er untersucht dabei die Entstehung von weltweit erfolgreichen Projekten wie zum Beispiel der Wikipedia oder dem Betriebssystem Linux.

…groups are not just simple aggregations of individuals.

Ein langes Kapitel beschäftigt sich mit der Veränderung des Zeitungswesens aufgrund der „neuen Medien“. Der Autor vergleicht die Veränderungswirkung des Internets mit derjenigen, die sich durch die Veränderung des Buchdrucks ergeben hat. Bis zu diesem Zeitpunkt konnten Bücher nur in mühsamer Handarbeit kopiert werden. Die Kirche versuchte, die Verbreitung des Buchdrucks zu verhindern, weil sie um ihr Monopol fürchtete. Der Beruf des Schreibers starb zwar tatsächlich durch den Buchdruck langfristig aus, es wurden jedoch unzählige neue Tätigkeiten geschaffen und durch die wesentlich erweiterten Zugriffsmöglichkeiten auf Informationen auf Papier erweiterte sich auch die Zielgruppe. Ängste vor dem Aussterben (der Zeitungen, des Journalismus, bestimmter Professionen) sind auch heute durch die Veränderungen auf Basis des Internets allgegenwärtig.

Communications tools don’t get socially interesting until they get technologically boring. The invention of a tool doesn’t create change; it has to have been around long enough that most of society is using it.

Das obige Zitat referenziert vage auf die Erfindung der Wiki-Software, die jedoch erst durch das Projekt freie Enzyklopädie globale Verbreitung erlangte. Der Autor legt dar, dass die Erfindung einer Software (einer Technologie, einer Kommunikationsmethode) allein noch keine Veränderung hervorruft. Es muss sich eine kritische Masse an NutzerInnen finden, die diese Technologie für ihre Zwecke nutzen und dadurch wiederum das Medium selbst verändern.

Increased options for communication in groups don’t just mean we will get more of the patterns we already recognize; they also mean we will also get more new kinds of patterns. More is different, even for people who understand that more is different, which explains in part our persistent difficulties in getting technology predictions right.

Mit Voraussagen hält sich der Autor weise zurück. Das Buch stammt aus dem Jahr 2008 und in den vergangenen 10 Jahren haben sich zweifellos noch viele weitere Veränderungen ergeben, die in einer aktualisierten Ausgabe Platz fänden. Ausgeklammert werden hier großteils die negativen Auswirkungen der vereinfachten Gruppenbildung im Internet wie zB Hatespeech und Cybermobbing. Das Buch zeichnet ein hoffnungsfrohes Bild unserer digitalisierten Gegenwart und Zukunft, ohne dabei auf die Ungleichheiten hinzuweisen, die selbstverständlich auch in diesem Bereich existieren. Ein etwas kritischerer Blick wäre mir persönlich lieber gewesen.

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Sachbuch

Laura Vanderkam – Off the Clock: Feel Less Busy While Getting More Done

Warum lesen Menschen Bücher über Zeitmanagement? In ihrer Einleitung erklärt die Autorin unter anderem, dass Bücher über Zeitmanagement hauptsächlich von Menschen gelesen werden, die ohnehin schon organisiert, aber immer auf der Suche nach weiteren Verbesserungsmöglichkeiten sind. Das trifft auf mich auch irgendwie zu. Tatsächlich hat mich aber an diesem Buch angesprochen, dass es nicht nur darum geht, wie man möglichst viel in möglichst wenig Zeit erledigt bekommt. Es geht mehr um das Gefühl, tatsächlich genug Zeit zu haben für alle Dinge, die einer/einem wichtig sind. Obwohl ich mich selbst eher organisiert fühle und auch das Gefühl habe, viele Dinge im Leben erledigt zu bekommen, beschleicht mich immer wieder das Gefühl, das nie genug Zeit für alles da ist. Es gibt immer Dinge, die auf die lange Bank geschoben werden müssen, weil sie keine Priorität erreichen. Es gibt immer wieder Bücher, die ich nicht auf die Leseliste setze, weil diese sowieso schon unfassbar lang ist und ich die Bücher lokal nicht bekommen kann. Es gibt immer wieder Projektideen, die in einem Someday-Maybe-Modus verschimmeln, weil sie viel Zeit und ein hohes Ausmaß an Lernaufwand erfordern.

Consequently, much of the literature telling people to slow down and smell the roses may as well be like the old man in the grocery store telling you to enjoy every moment. It is impossible. Worse, it adds insult to injury by making you feel like you are a bad person for noticing that life has tough moments.

Die Autorin hat umfassende Forschung betrieben zu den Fragen, warum manche Menschen das Gefühl haben, ihre Zeit gut zu nutzen und für alle wichtigen Dinge Zeit zu haben und andere nicht. Immer wieder kommt sie dabei zu dem verblüffenden Ergebnis, das jene Menschen, die besonders produktiv sind oder wirken, nicht mehr Zeit mit Arbeit verbringen als andere. Sie organisieren ihre Zeit nur anders und – was viel wichtiger ist – sie erleben sie bewusster. Menschen, die ihren Arbeitsweg nicht nur absolvieren, sondern Strategien entwickeln, um diese Zeit produktiv zu nutzen (im Zug ein Buch lesen anstatt Social Media, im Auto Podcasts hören anstatt Radiowerbung), haben weniger das Gefühl, diese Zeit wäre verloren.

Ein in vielen Produktivitätsdiskursen vorkommendes Thema ist das Setzen von Prioritäten: die wichtigste Aufgabe des Tages zuerst erledigen. Wer seinen Tag mit dem Beantworten von E-Mails beginnt, hat später kaum noch Energie für die tatsächlichen kreativen Arbeiten. (Das Buch geht natürlich schon sehr deutlich von einem großteils selbst organisierten Arbeitstag mit der Möglichkeit der freien Prioritätensetzung aus.) Was jedoch hier wenig bedacht wird, sind die vielen Umstände, die die Erledigung von bestimmten Dingen (Arzttermine, jegliche Art von Erledigungen, die zu Geschäftszeiten stattfinden müssen) nur zu Tageszeiten möglich machen, die eigentlich für diese wesentliche Arbeit genutzt werden könnten und sollten.

Why is today different from all other days? Why should my brain bother holding on to the existence of this day as it curates the museum of my memories?

Ein langes Kapitel widmet sich auch den Erinnerungen, die uns Zeit im Rückblick länger erscheinen lassen. Ein Standard-Arbeitstag bleibt kaum in Erinnerung. Bei einem Arbeitstag, der von einem Konzert oder einem Fahrradausflug mit Kollegen gekrönt wird, sieht die Sachlage schon deutlich anders aus. Erinnerungen zu pflegen gibt uns das Gefühl, unsere Zeit sinnvoll genutzt zu haben.

One of the most potent ways people keep themselves from lingering and savoring? Thinking about other places they should be or other things they should be doing.

Was ich mir selbst mitgenommen habe, ist der Tipp, die eigenen Erwartungen herunterzuschrauben. Perfektion ist nicht erforderlich (wenn nicht gerade am offenen Herzen operiert wird). Viele Dinge haben wir aus Routine schon immer so gemacht, obwohl sie uns Zeit kosten, die wir für anderes sinnvoller (meaningful) einsetzen könnten. Der hier angesprochene Hauptbereich des perfekten Haushalts bietet bei mir nicht mehr viel Spielraum, aber ich bin jetzt auf der Suche nach anderen Bereichen, in denen ich meine Erwartungen an mich selbst zurückschrauben kann.

Wer für ein Buch keine 3 Stunden Zeit hat: das Grundkonzept erklärt sie auch in 12 Minuten in diesem TED-Talk.

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Erfahrungsbericht Sachbuch

Laurie Penny – Unspeakable Things

Asking nicely for change gets you nowhere.

Im Lila Podcast wurden immer wieder mal die Bücher von Laurie Penny und Caitlin Moran erwähnt, da hatte ich irgendwann beschlossen, mir selbst ein Bild über diese feministische Literatur machen zu wollen. Bei Laurie Pennys Unspeakable Things handelt es sich um ein ordentliches Stück Gesellschaftskritik.

In this nominally freer and more equal world, most women end up doing more work, for less reward, and feeling pressured to conform more closely to gender norms.

Sie analysiert die (westliche) Gesellschaft dieses neuen Jahrhunderts auf Veränderungen im Verhältnis zwischen Frauen und Männern und vor allem auf die Nachteile, die für viele Frauen in einer vermeintlich freier gewordenen Welt nach wie vor bestehen.

The best way to stop girls achieving anything is to force them to achieve everything.

In dieser vermeintlich besseren und erneuerten Welt können Mädchen und Frauen auf dem Papier alles werden, was sie wollen. Gesetze zur Gleichbehandlung legen fest, dass Frauen in allen Bereichen dieselben Chancen haben sollen wie Männer. Obwohl dies in der Realität ohnehin nicht zutrifft, führt es dazu, dass auf Frauen ein größerer Druck ausgeübt wird: Sie können nicht nur alles werden und haben, es wird auch von ihnen erwartet, dass sie ALLE Lebensbereiche unter einen Hut bringen. Erfolgreich Karriere machen, Kinder bekommen und erziehen, dabei immer gut aussehen und auch noch Zeit für Selbstverwirklichung und Hobbies haben. Die 24 Stunden, die jedem von uns dafür täglich zur Verfügung stehen, reichen jedoch einfach nicht aus und die Tatsache, dass wir alles haben KÖNNTEN, lässt jede Frau, die nicht ALLES schafft, wie eine Verliererin dastehen.

Women and girls in particular don’t need any more rules for living and working and grooming and loving. There are already too many rules, most of them contradictory.

Unser Leben ist geprägt von gesellschaftlichen Regeln, was man tun darf und was man tun soll und vor allem was man alles NICHT tun soll. Ein weibliches Aussehen, aber bitte kein zu kurzer Rock, sonst braucht sich eine Frau über Belästigungen nicht zu wundern. Kinder bekommen, aber bitte sofort zurück in den Job (wegen der Pensionszeiten und der eigenen finanziellen Unabhängigkeit), wer jedoch seine Kinder nicht täglich mit einer pädagogisch wertvollen Geschichte ins Bett bringt, gilt als Rabenmutter.

What the stereotype of the bra-burning, hairy-legged feminist is really supposed to suggest is that feminism, that politics itself, makes a woman ugly. That women’s liberation is a threat to traditional ideas of femininity, of a woman’s social role.

Feminismus ist noch immer mit Vorurteilen behaftet. Nach wie vor fühlen sich viele Männer sofort zurückgewiesen und angegriffen, wenn Frauen ihren eigenen Weg gehen und sich nicht darum scheren, was Männer von ihnen denken. Daraus ergibt sich eine Verteidigungshaltung: „Ich bin ja nicht so ein Mann, der Frauen unterdrückt, ich bin nicht Teil des Problems und sollte deshalb auch in Ruhe gelassen werden und mich nicht damit beschäftigen müssen.“ Natürlich kann ein einzelner Mann nicht für strukturelle Misogynie verantwortlich gemacht werden. Aber es ist wichtig, dass sich jede und jeder Einzelne bewusst macht, dass selbst ein Mann, der sich im Alltag Frauen gegenüber korrekt verhält, von den Privilegien des weißen Mannes auf Kosten von Frauen profitiert.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Frauen selbst glauben, sie hätten jetzt alle Möglichkeiten. Sie reden sich erfolgreich ein, dass es ihnen nichts ausmacht, den Großteil der Familien- und Hausarbeit zu erledigen und machen ihr eigenes Glück vom reibungslosen Funktionieren der Familie abhängig. Dabei sollten jedoch auch wir Frauen nicht vergessen, dass es unzählige andere gibt, die mit weniger finanziellen Möglichkeiten ausgestattet sind, die in Ländern leben, wo die Gleichberechtigung nicht mal auf dem Papier existiert oder die schlicht durch besondere Umstände (wie zum Beispiel chronische Krankheiten) dem Erwartungsdruck unmöglich standhalten können. Dabei müssen wir nicht mal ins Ausland schauen, alleinerziehende Frauen (und Männer) sind in Österreich die am meisten von Armut bedrohte Gruppe. Gleichberechtigung ist erst dann hergestellt, wenn sie tatsächlich auch alle gesellschaftlichen Schichten umfasst. Chancengleichheit existiert als Idee auf dem Papier und erfordert täglichen Kampf, um sie tatsächlich Realität werden zu lassen.