Susan Orlean – The Library Book

The library is a gathering pool of narratives and of the people who come to find them. It is where we can glimpse immortality; in the library, we can live forever.

Schon der Titel lässt erahnen, dass es sich bei diesem Werk um eine Liebeserklärung an die Institution Bibliothek (Library) handelt. Die Autorin erzählt jedoch nicht nur von ihren eigenen Erfahrungen, sondern nimmt diese zum Anlass, tief in das Thema einzutauchen.

My mother imbued me with a love of libraries. The reason why I finally embraced this book project – wanted, and then needed, to write – was my realization that I was losing her.

Ein wichtiger Handlungsstrang ist der Brand der Los Angeles Public Library im Jahr 1986. Die Autorin beleuchtet in tiefgehenden Recherchen den Zustand der Bibliothek vor und nach dem Brand, lässt Zeitzeugen zu Wort kommen und webt ein dichtes Netz, das zum Ziel hat, Licht auf das Feuer und die darauf folgenden Aufbauarbeiten zu werfen. Die Brandursache konnte niemals vollständig geklärt werden. Ein Verdächtiger wurde festgenommen, vor Gericht gestellt und aus Mangel an Beweisen nicht verurteilt. Die Lebensgeschichte dieses mutmaßlichen Brandstifters nimmt ebenfalls eine wichtige Rolle im Buch ein. Aus den Recherchen der Autorin lässt sich schließen, dass der junge Mann eher zufällig mit dem Brand in der Bibliothek in Zusammenhang kam und sich der auf ihn fallende Verdacht hauptsächlich wegen seiner ständig wechselnden Aussagen erhärtete. Obwohl das Gerichtsverfahren mit einem Freispruch endete, beeinflusste die öffentliche Wahrnehmung seiner Verbindung mit dem Bibliotheksbrand sein weiteres Leben.

People think of libraries as the safest and most open places in society. Setting them on fire is like announcing that nothing, and nowhere, is safe. The deepest effect of burning books is emotional.

Beleuchtet wird aber auch die Rolle der Bibliothek in den vergangenen Jahrhunderten bis zum heutigen Tag. Bibliotheken sind offene Orte, sie bieten Platz für Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft und anderen persönlichen Merkmalen. Sie sind Orte des Wissens und des Lernens, der Ruhe, aber auch der Gemeinschaft. Die Autorin begleitet viele Menschen, die in der Los Angeles Public Libary arbeiten, durch ihren Arbeitsalltag und beschreibt die Begegnungen mit den BesucherInnen der Bibliothek und die vielen anderen angebotenen Aktivitäten wie zum Beispiel Story Times für Kinder unterschiedlicher Altersgruppen oder Sprachkurse. Im letzten Kapitel berichtet die Autorin von einem Besuch beim Marktführer im Bereich Online-Verleih-Systeme Overdrive. Die letzten Jahrzehnte haben bereits gezeigt, dass Bibliotheken durch das Internet nicht aussterben werden. Genau genommen sind sie wichtiger denn je. Neue Technologien vereinfachen den Zugang, machen jedoch die traditionellen Funktionen von Bibliotheken nicht obsolet.

Als Beispiel möchte ich noch ein Detail hervorheben, das mich persönlich begeistert hat. Das historische Gebäude der Los Angeles Public Library wurde von Bertram Goodhue geplant. Im Buch beschreibt die Autorin in mehreren Absätzen seinen Ansatz, dass ein Gebäude eine Geschichte erzählen sollte. Seine Form, seine Kunst, Ornamente, alle Elemente zusammen sollten wie ein Buch gelesen werden können und die Geschichte darüber erzählen, was in dem Gebäude passiert. In meinen Augen ist das ein wunderbarer, fachübergreifender Zugang, der Architektur von reiner Zweckmäßigkeit auf eine künstlerische Ebene hebt. Bertram Goodhue war jedoch nicht nur Architekt, sondern hat unter anderem auch die Schriftart Cheltenham erschaffen.

It declares that all these stories matter, and so does every effort to create something that connects us to one another, and to our past and to what is still to come.

Brené Brown – The Gifts of Imperfection

Mir ist kürzlich klar geworden, dass ich mich in einer Art Krise befinde. Schon seit einigen Wochen hatte ich das Gefühl, dass ich nie mit allem fertig werde, dass ich zu jeder Zeit, egal was ich tue, immer auch noch mindestens drei andere Sachen tun sollte. Ein konstantes Gefühl der Überforderung, das ich aber hartnäckig dadurch zu bekämpfen versuchte, so viel wie möglich erledigt zu bekommen. Bis dann der Moment da war, an dem mir klar war, dass es so nicht weiter gehen kann. Dass ich eine Pause einlegen muss, um mir darüber klar zu werden, was ich ändern muss.

Eines der Symptome dieser konstanten Überforderung war, dass ich kaum Zeit zum Lesen hatte. Wenige Augenblicke zwischendurch oder spät am Abend, wenn keinerlei Energie mehr da war, um die Zeit irgendwie produktiv zu nutzen. Die Verarbeitung dieser Krise hat mich daran erinnert, dass ich diese Zeit brauche, um zur Ruhe zu kommen, um einerseits Abstand von mir selbst und dem ganzen Leben zu gewinnen und andererseits um neue Einsichten zu gewinnen über mich selbst und über das ganze Leben.

In solchen Situationen greifen dann vielleicht auch andere Menschen zu Büchern, um die sie im Prinzip schon des Öfteren herumgeschlichen sind, aber sich durch den luftigen Untertitel (Let Go of Who You Think You’re Supposed to Be and Embrace Who You Are) oder dieses Gefühl, keine Selbsthilfebücher zu brauchen, abschrecken haben lassen. Obwohl das Buch viele Tipps beinhaltet, habe ich es dann noch nicht direkt als Selbsthilfebuch empfunden. Diese induzieren bei mir meist Reaktionen wie etwa:

  • Jo eh, das ist ja logisch, da brauch ich doch kein Buch dafür.
  • Jo eh, aber bleiben wir realistisch, das funktioniert doch in der Realität niemals.
  • Jo eh, für bestimmte besonders begabte oder beschenkte Personen wird das sicher funktionieren.

Bei diesem Buch geht es mehr um eine Einstellung zu sich selbst und zum Leben. Der übergreifende Bogen ist der Umgang mit dem Gefühl, nicht (gut/schön/erfolgreich) genug zu sein. Es geht darum, unseren Perfektionismus hinter uns zu lassen. Dabei geht es jedoch nicht um tatsächliche Perfektion sondern mehr um unsere Vorstellung davon, wie Dinge zu sein haben. Wir alle haben Standards und Maßstabe, die wir an uns selbst und an unser Leben anlegen und wenn es uns nicht gelingt, diese zu erfüllen, fühlen wir uns nicht gut genug. Wenn wir nur härter arbeiten würden, dann wären wir endlich glücklich. Diese Gefühle verhindern jedoch, sich tatsächlich glücklich zu fühlen.

Sufficiency isn’t an amount at all. It is an experience, a context we generate, a declaration, a knowing that there is enough, and that we are enough.

Ein wichtiger Punkt ist auch die Tatsache, dass wir oft zu viel Wert darauf legen, was andere von uns denken. Neben unseren eigenen Maßstäben sollten wir uns auch von den Maßstäben anderer Menschen nicht abwerten lassen. Das Konzept true to yourself hat bei mir nie wirklich Wurzeln geschlagen. Jetzt sehe ich es als das Festhalten an den eigenen Werten, auch wenn diese Werte anderen nicht so wichtig sind oder von ihnen sogar mit Augenrollen bedacht werden.

We want to be able to control what other people think about us so that we can feel good enough.

Es wird nicht die letzte Krise gewesen sein und ich werde mir dieses Buch für meine eigene Bibliothek besorgen müssen, damit ich im Ernstfall darauf zurückgreifen kann, um mich wieder daran zu erinnern, was true to yourself eigentlich bedeutet. Zum Abschluss sei noch gesagt, dass die Autorin soziologische Forschung betreibt, ihre Erkenntnisse beruhen also nicht nur auf ihren eigenen Erfahrungen, sondern auf der Analyse von Interviews mit unzähligen Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensumständen. Sie verwendet dazu die Methodik der Grounded Theory und hat damit mein Interesse geweckt, mich mit dieser Forschungsmethodik näher auseinanderzusetzen.

Barry Swartz – The Paradox of Choice

Der Autor beschäftigt sich in diesem Buch mit der Frage, wie Menschen eine Entscheidung treffen und welche Faktoren diesen Entscheidungsfindungsprozess beeinflussen. Die Ausgangssituation: Noch nie gab es so viel Freiheit für Menschen, zu wählen, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Das beginnt bei der Frage der Ausbildung, des Wohnorts, des Partners und endet bei den kleinen alltäglichen Entscheidungen wie dem Kauf einer Hose oder der Auswahl einer Mahlzeit in einem Restaurant.

Generell scheint es logisch und wird vom Autor auch mit wissenschaftlichen Studien belegt, dass die Möglichkeit, zu wählen, auf Menschen einen positiven Effekt hat. Wir wollen die Kontrolle haben und uns frei entscheiden können. Wenn die Möglichkeiten, die uns zur Auswahl zur Verfügung stehen, jedoch so umfangreich sind, dass wir sie nicht mehr überblicken können, dann kehrt sich diese Möglichkeit der freien Entscheidung in einen negativen Effekt um.

Ein wissenschaftliches Beispiel dazu: Studenten dürfen aus einer Auswahl an Schokoladensorten kosten und bekommen anschließend eine Schokoladensorte ihrer Wahl oder ein anderes Geschenk als Dankeschön. Dabei zeigte sich, dass Studenten, die aus einer kleineren Auswahl an Schokoladensorten auswählen durften, eher dazu neigen, die Schokolade als Dankeschön zu wählen anstatt des anderen Geschenks. Mit ihrer Auswahl waren sie dann auch noch viel zufriedener als jene Studenten, die mit einer größeren Auswahl an Schokoloadensorten konfrontiert waren.

Daraus leitet Schwartz ab, dass eine größere Auswahl eher zu dem Gefühl führt, etwas verpasst zu haben oder möglicherweise die falsche Auswahl zu treffen. Er beschreibt das Konzept der Opportunity Costs: jede Auswahl bedeutet auch, andere Optionen nicht gewählt zu haben, diese entgangenen Möglichkeiten werden als Opportunity Costs (Alternativkosten) bezeichnet.

Comparisons are the only meaningful benchmark.

Der Autor beschreibt weiters, warum Vergleiche zur Unzufriedenheit beitragen. Einerseits steht uns nur der Vergleich als Möglichkeit zur Verfügung, um die Qualität einer Entscheidung zu bemessen. Andererseits kann ein Vergleich dazu führen, dass wir mit einer Entscheidung unzufrieden sind, die wir ohne Vergleich gar nicht erst in Frage gestellt hätten. Wenn im Restaurant das Gericht, für das wir uns nicht entschieden haben, an den Nebentisch getragen wird und viel ansprechender aussieht als dasjenige, das vor uns steht, dann wird die eigene Entscheidung dadurch erst abgewertet, die entgangene Möglichkeit vor Augen zu haben.

Das Buch schließt mit einigen Empfehlungen, wie wir uns der Fülle an Möglichkeiten und notwendigen Entscheidungen stellen können. Die Zusammenfassung: entscheiden, welche Entscheidungen wirklich wichtig sind. Ein Gericht in einem Restaurant auszuwählen, ist eine Entscheidung, die genau für diesen einen Tag wichtig ist, aber definitiv keine langfristigen Auswirkungen haben wird (potenzielle Salmonellenvergiftungen mal ausgenommen …). Die Entscheidung für eine Ausbildung oder einen Arbeitsplatz hingegen sollte abgewogen und nach rationalen Kriterien bewertet werden.

We must decide, individually, when choice really matters and focus our energies there, even if it means letting many other opportunities pass us by. The choice of when to be a chooser may be the most important choice we have to make.

Für alle, die an Speisekarten nicht nur wegen der Rechtschreibfehler verzweifeln, kann dieses Buch Hilfe auf der Basis wissenschaftlicher Fundierung bereitstellen. Trotz der vielen Beschreibungen von Experimenten ist es nicht trocken geschrieben und bietet viele Beispiele aus der Praxis. Ein deutschsprachiges Werk zum selben Thema habe ich übrigens bereits 2015 gelesen: Bas Kast – Ich weiß nicht, was ich wollen soll. Auch wenn sich die Inhalte teilweise überschneiden, ist es keine Zeitverschwendung, beide Bücher zu lesen, da sich die Zugänge unterscheiden und unterschiedliche Aspekte beleuchtet werden.

Clay Shirky – Here Comes Everybody

… the point is that once a group has come together, those kinds of issues of community control aren’t simple.

Der Autor beschreibt in diesem Buch die neuen Möglichkeiten der Gemeinschaftsbildung, die sich über das Internet und die darauf basierende Software ergeben. Er untersucht dabei die Entstehung von weltweit erfolgreichen Projekten wie zum Beispiel der Wikipedia oder dem Betriebssystem Linux.

…groups are not just simple aggregations of individuals.

Ein langes Kapitel beschäftigt sich mit der Veränderung des Zeitungswesens aufgrund der „neuen Medien“. Der Autor vergleicht die Veränderungswirkung des Internets mit derjenigen, die sich durch die Veränderung des Buchdrucks ergeben hat. Bis zu diesem Zeitpunkt konnten Bücher nur in mühsamer Handarbeit kopiert werden. Die Kirche versuchte, die Verbreitung des Buchdrucks zu verhindern, weil sie um ihr Monopol fürchtete. Der Beruf des Schreibers starb zwar tatsächlich durch den Buchdruck langfristig aus, es wurden jedoch unzählige neue Tätigkeiten geschaffen und durch die wesentlich erweiterten Zugriffsmöglichkeiten auf Informationen auf Papier erweiterte sich auch die Zielgruppe. Ängste vor dem Aussterben (der Zeitungen, des Journalismus, bestimmter Professionen) sind auch heute durch die Veränderungen auf Basis des Internets allgegenwärtig.

Communications tools don’t get socially interesting until they get technologically boring. The invention of a tool doesn’t create change; it has to have been around long enough that most of society is using it.

Das obige Zitat referenziert vage auf die Erfindung der Wiki-Software, die jedoch erst durch das Projekt freie Enzyklopädie globale Verbreitung erlangte. Der Autor legt dar, dass die Erfindung einer Software (einer Technologie, einer Kommunikationsmethode) allein noch keine Veränderung hervorruft. Es muss sich eine kritische Masse an NutzerInnen finden, die diese Technologie für ihre Zwecke nutzen und dadurch wiederum das Medium selbst verändern.

Increased options for communication in groups don’t just mean we will get more of the patterns we already recognize; they also mean we will also get more new kinds of patterns. More is different, even for people who understand that more is different, which explains in part our persistent difficulties in getting technology predictions right.

Mit Voraussagen hält sich der Autor weise zurück. Das Buch stammt aus dem Jahr 2008 und in den vergangenen 10 Jahren haben sich zweifellos noch viele weitere Veränderungen ergeben, die in einer aktualisierten Ausgabe Platz fänden. Ausgeklammert werden hier großteils die negativen Auswirkungen der vereinfachten Gruppenbildung im Internet wie zB Hatespeech und Cybermobbing. Das Buch zeichnet ein hoffnungsfrohes Bild unserer digitalisierten Gegenwart und Zukunft, ohne dabei auf die Ungleichheiten hinzuweisen, die selbstverständlich auch in diesem Bereich existieren. Ein etwas kritischerer Blick wäre mir persönlich lieber gewesen.

Laura Vanderkam – Off the Clock: Feel Less Busy While Getting More Done

Warum lesen Menschen Bücher über Zeitmanagement? In ihrer Einleitung erklärt die Autorin unter anderem, dass Bücher über Zeitmanagement hauptsächlich von Menschen gelesen werden, die ohnehin schon organisiert, aber immer auf der Suche nach weiteren Verbesserungsmöglichkeiten sind. Das trifft auf mich auch irgendwie zu. Tatsächlich hat mich aber an diesem Buch angesprochen, dass es nicht nur darum geht, wie man möglichst viel in möglichst wenig Zeit erledigt bekommt. Es geht mehr um das Gefühl, tatsächlich genug Zeit zu haben für alle Dinge, die einer/einem wichtig sind. Obwohl ich mich selbst eher organisiert fühle und auch das Gefühl habe, viele Dinge im Leben erledigt zu bekommen, beschleicht mich immer wieder das Gefühl, das nie genug Zeit für alles da ist. Es gibt immer Dinge, die auf die lange Bank geschoben werden müssen, weil sie keine Priorität erreichen. Es gibt immer wieder Bücher, die ich nicht auf die Leseliste setze, weil diese sowieso schon unfassbar lang ist und ich die Bücher lokal nicht bekommen kann. Es gibt immer wieder Projektideen, die in einem Someday-Maybe-Modus verschimmeln, weil sie viel Zeit und ein hohes Ausmaß an Lernaufwand erfordern.

Consequently, much of the literature telling people to slow down and smell the roses may as well be like the old man in the grocery store telling you to enjoy every moment. It is impossible. Worse, it adds insult to injury by making you feel like you are a bad person for noticing that life has tough moments.

Die Autorin hat umfassende Forschung betrieben zu den Fragen, warum manche Menschen das Gefühl haben, ihre Zeit gut zu nutzen und für alle wichtigen Dinge Zeit zu haben und andere nicht. Immer wieder kommt sie dabei zu dem verblüffenden Ergebnis, das jene Menschen, die besonders produktiv sind oder wirken, nicht mehr Zeit mit Arbeit verbringen als andere. Sie organisieren ihre Zeit nur anders und – was viel wichtiger ist – sie erleben sie bewusster. Menschen, die ihren Arbeitsweg nicht nur absolvieren, sondern Strategien entwickeln, um diese Zeit produktiv zu nutzen (im Zug ein Buch lesen anstatt Social Media, im Auto Podcasts hören anstatt Radiowerbung), haben weniger das Gefühl, diese Zeit wäre verloren.

Ein in vielen Produktivitätsdiskursen vorkommendes Thema ist das Setzen von Prioritäten: die wichtigste Aufgabe des Tages zuerst erledigen. Wer seinen Tag mit dem Beantworten von E-Mails beginnt, hat später kaum noch Energie für die tatsächlichen kreativen Arbeiten. (Das Buch geht natürlich schon sehr deutlich von einem großteils selbst organisierten Arbeitstag mit der Möglichkeit der freien Prioritätensetzung aus.) Was jedoch hier wenig bedacht wird, sind die vielen Umstände, die die Erledigung von bestimmten Dingen (Arzttermine, jegliche Art von Erledigungen, die zu Geschäftszeiten stattfinden müssen) nur zu Tageszeiten möglich machen, die eigentlich für diese wesentliche Arbeit genutzt werden könnten und sollten.

Why is today different from all other days? Why should my brain bother holding on to the existence of this day as it curates the museum of my memories?

Ein langes Kapitel widmet sich auch den Erinnerungen, die uns Zeit im Rückblick länger erscheinen lassen. Ein Standard-Arbeitstag bleibt kaum in Erinnerung. Bei einem Arbeitstag, der von einem Konzert oder einem Fahrradausflug mit Kollegen gekrönt wird, sieht die Sachlage schon deutlich anders aus. Erinnerungen zu pflegen gibt uns das Gefühl, unsere Zeit sinnvoll genutzt zu haben.

One of the most potent ways people keep themselves from lingering and savoring? Thinking about other places they should be or other things they should be doing.

Was ich mir selbst mitgenommen habe, ist der Tipp, die eigenen Erwartungen herunterzuschrauben. Perfektion ist nicht erforderlich (wenn nicht gerade am offenen Herzen operiert wird). Viele Dinge haben wir aus Routine schon immer so gemacht, obwohl sie uns Zeit kosten, die wir für anderes sinnvoller (meaningful) einsetzen könnten. Der hier angesprochene Hauptbereich des perfekten Haushalts bietet bei mir nicht mehr viel Spielraum, aber ich bin jetzt auf der Suche nach anderen Bereichen, in denen ich meine Erwartungen an mich selbst zurückschrauben kann.

Wer für ein Buch keine 3 Stunden Zeit hat: das Grundkonzept erklärt sie auch in 12 Minuten in diesem TED-Talk.

Laurie Penny – Unspeakable Things

Asking nicely for change gets you nowhere.

Im Lila Podcast wurden immer wieder mal die Bücher von Laurie Penny und Caitlin Moran erwähnt, da hatte ich irgendwann beschlossen, mir selbst ein Bild über diese feministische Literatur machen zu wollen. Bei Laurie Pennys Unspeakable Things handelt es sich um ein ordentliches Stück Gesellschaftskritik.

In this nominally freer and more equal world, most women end up doing more work, for less reward, and feeling pressured to conform more closely to gender norms.

Sie analysiert die (westliche) Gesellschaft dieses neuen Jahrhunderts auf Veränderungen im Verhältnis zwischen Frauen und Männern und vor allem auf die Nachteile, die für viele Frauen in einer vermeintlich freier gewordenen Welt nach wie vor bestehen.

The best way to stop girls achieving anything is to force them to achieve everything.

In dieser vermeintlich besseren und erneuerten Welt können Mädchen und Frauen auf dem Papier alles werden, was sie wollen. Gesetze zur Gleichbehandlung legen fest, dass Frauen in allen Bereichen dieselben Chancen haben sollen wie Männer. Obwohl dies in der Realität ohnehin nicht zutrifft, führt es dazu, dass auf Frauen ein größerer Druck ausgeübt wird: Sie können nicht nur alles werden und haben, es wird auch von ihnen erwartet, dass sie ALLE Lebensbereiche unter einen Hut bringen. Erfolgreich Karriere machen, Kinder bekommen und erziehen, dabei immer gut aussehen und auch noch Zeit für Selbstverwirklichung und Hobbies haben. Die 24 Stunden, die jedem von uns dafür täglich zur Verfügung stehen, reichen jedoch einfach nicht aus und die Tatsache, dass wir alles haben KÖNNTEN, lässt jede Frau, die nicht ALLES schafft, wie eine Verliererin dastehen.

Women and girls in particular don’t need any more rules for living and working and grooming and loving. There are already too many rules, most of them contradictory.

Unser Leben ist geprägt von gesellschaftlichen Regeln, was man tun darf und was man tun soll und vor allem was man alles NICHT tun soll. Ein weibliches Aussehen, aber bitte kein zu kurzer Rock, sonst braucht sich eine Frau über Belästigungen nicht zu wundern. Kinder bekommen, aber bitte sofort zurück in den Job (wegen der Pensionszeiten und der eigenen finanziellen Unabhängigkeit), wer jedoch seine Kinder nicht täglich mit einer pädagogisch wertvollen Geschichte ins Bett bringt, gilt als Rabenmutter.

What the stereotype of the bra-burning, hairy-legged feminist is really supposed to suggest is that feminism, that politics itself, makes a woman ugly. That women’s liberation is a threat to traditional ideas of femininity, of a woman’s social role.

Feminismus ist noch immer mit Vorurteilen behaftet. Nach wie vor fühlen sich viele Männer sofort zurückgewiesen und angegriffen, wenn Frauen ihren eigenen Weg gehen und sich nicht darum scheren, was Männer von ihnen denken. Daraus ergibt sich eine Verteidigungshaltung: „Ich bin ja nicht so ein Mann, der Frauen unterdrückt, ich bin nicht Teil des Problems und sollte deshalb auch in Ruhe gelassen werden und mich nicht damit beschäftigen müssen.“ Natürlich kann ein einzelner Mann nicht für strukturelle Misogynie verantwortlich gemacht werden. Aber es ist wichtig, dass sich jede und jeder Einzelne bewusst macht, dass selbst ein Mann, der sich im Alltag Frauen gegenüber korrekt verhält, von den Privilegien des weißen Mannes auf Kosten von Frauen profitiert.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Frauen selbst glauben, sie hätten jetzt alle Möglichkeiten. Sie reden sich erfolgreich ein, dass es ihnen nichts ausmacht, den Großteil der Familien- und Hausarbeit zu erledigen und machen ihr eigenes Glück vom reibungslosen Funktionieren der Familie abhängig. Dabei sollten jedoch auch wir Frauen nicht vergessen, dass es unzählige andere gibt, die mit weniger finanziellen Möglichkeiten ausgestattet sind, die in Ländern leben, wo die Gleichberechtigung nicht mal auf dem Papier existiert oder die schlicht durch besondere Umstände (wie zum Beispiel chronische Krankheiten) dem Erwartungsdruck unmöglich standhalten können. Dabei müssen wir nicht mal ins Ausland schauen, alleinerziehende Frauen (und Männer) sind in Österreich die am meisten von Armut bedrohte Gruppe. Gleichberechtigung ist erst dann hergestellt, wenn sie tatsächlich auch alle gesellschaftlichen Schichten umfasst. Chancengleichheit existiert als Idee auf dem Papier und erfordert täglichen Kampf, um sie tatsächlich Realität werden zu lassen.

Gretchen Rubin – The Four Tendencies

2011 hatte ich bereits The Happiness Project gelesen (und irgendwann später nochmal) und damals ein gewisses Maß an Sympathie für die Autorin empfunden, die ihr Privatleben so schamlos in einem Buch über Gewohnheiten (hat jemand bessere Vorschläge für eine Übersetzung des englischen habits?) und wie man sie verändert oder beibehält ausschlachtet. Nun hat sie ihre eigenen Erkenntnisse und die Reaktionen anderer Menschen auf dieses Projekt genutzt, um daraus ein pseudowissenschaftliches personality framework zu entwerfen, das alle Menschen in 4 Kategorien einsortiert. Das Unterscheidungskriterium ist dabei, wie jeder Einzelne auf innere und äußere Erwartungen (expectations) reagiert. Hier die 4 Typen in Kürze:

Upholder: kommt mit inneren und äußeren Erwartungen problemlos klar, tut einfach, was zu tun ist, reagiert mit Unverständnis, warum andere Leute das nicht auch können.

Questioner: widersteht äußeren Erwartungen und kommt mit inneren Erwartungen gut klar, hinterfragt alles und will immer ganz genau wissen, warum etwas so gemacht werden soll, wenn das aber klar ist, schreitet der Questioner zur Tat.

Obliger: erfüllt äußere Erwartungen, hat aber Schwierigkeiten, Erwartungen an sich selbst einzuhalten, dieser Mensch braucht einen Partner zum Sport, weil er nicht in der Lage ist, für sich selbst etwas Gutes zu tun, weil er immer das Wohl seiner Mitmenschen vor sein eigenes stellt.

Rebel: widersteht allem, will sich an nichts binden, bricht Regeln, nur um sie zu brechen und kann daher sogar selbst aufgestellte Regeln nicht einhalten.

Aus dieser kurzen Beschreibung ist deutlich zu erkennen, dass es sich hier um sehr extreme Persönlichkeitstypen handelt. Natürlich gibt es Überschneidungsbereiche. Die Autorin meint, sie könne jeden Menschen eindeutig einem Typ zuordnen, mir ist das bei mir selbst nach zweimaligem Lesen der in Frage kommenden Typen nicht gelungen. Das Quiz dazu fühlt sich an wie ein Beziehungstest im Bravo. Natürlich muss die Autorin selbst vollständig überzeugt von ihrem Konzept sein, sonst hätte sie wohl kaum ein Buch darüber schreiben können. Da eine wissenschaftliche Untersuchung des Konzepts noch aussteht, bin ich weiterhin der Ansicht, dass es Menschen gibt, die sich an den Schnittpunkten der Kategorien befinden. Vielleicht verschwimmen die Tendenzen auch mit zunehmendem Alter, wenn Menschen (egal wie) gelernt haben, mit ihren persönlichen Stärken und Schwächen umzugehen.

Das Buch enthält bestimmt einige Anregungen, wie man mit sich selbst, seinem Partner oder anderen nahestehenden Menschen besser umgehen lernen kann – soweit diese sich eindeutig einer der Kategorien zuordnen lassen. Meine (hoch gesteckten) Erwartungen hat es leider nicht erfüllt.

Ulrich Beck, Elisabeth Beck-Gernsheim – Fernliebe

Die Beiträge zur Gesellschaftstheorie, die heute international die größte Aufmerksamkeit finden, folgen einem anderen Muster. Ihr Ziel ist es, angesichts eines Chaos sozialer Ereignisse und Phänomene, die uns überrollen, einen konzeptionellen Orientierungsrahmen zu schaffen mit den Mitteln einer generalisierten Diagnose der sich rapide verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse.

Im Rahmen der Auseinandersetzung mit Ulrich Becks Risikogesellschaft ist mir dann auch dieses Buch in die Hände gesprungen, das zum Glück deutlich einfacher zu lesen war. Die Autoren entwerfen hier das soziologische Konzept der Weltfamilien und erläutern in unzähligen Variationen, wie solche Weltfamilien entstehen, was sie von traditionellen Familien unterscheidet und mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben. Dabei werden auch viele gesellschaftliche Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte gestreift, deren Zusammenhänge für den Nicht-Soziologen oft nicht auf der Hand liegen.

…, den verschiedenen Varianten von Weltfamilien ist eines gemeinsam, eine Irritation: Sie passen nicht zusammen mit unseren bisherigen Vorstellungen von dem, was den Charakter der Familie ausmacht, was zur „Natur der Familie“ gehört, immer und überall. Sie stellen einige unserer vertrauten, als selbstverständlich vorausgesetzten Grundannahmen von Familie in Frage.

Die Themen sind fast ausschließlich solche, die sehr polarisierende Gefühle hervorrufen. Zum Beispiel Heiratsmigration gibt es etwa sehr reißerische Medienberichte, die das schlimme Schicksal von Frauen ausschlachten, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben als Katalogbräute in ein westliches Land verschachert werden. Selten wird jedoch hinterfragt, welches Leben diese Frauen führen würden, wären sie in ihrem Herkunftsland geblieben.

Eine andere Art der Weltfamilie bilden Familien, in denen ein oder sogar beide Elternteile im (reicheren) Ausland arbeiten, um die zurück gelassenen Kinder zu ernähren. Ihren eigenen Kindern entfremdete Mütter kümmern sich als Kindermädchen um die Kinder reicher Eltern, damit diese ihrem Beruf nachgehen können. Diese reichen Familien können sich dabei noch der Illusion hingeben, einen Beitrag zur Entwicklungshilfe zu leisten.

„Appetit wird geweckt von der Möglichkeit“, hat der Technikphilosoph Hans Jonas schon vor Jahrzehnten gesagt. Dies belegt die gegenwärtige Expansion des Kinderwunsches. Mit der Pluralisierung der Lebensformen erweitert sich die Klientel der Reproduktionsmedizin.

Die Möglichkeiten und Folgen der Reproduktionsmedizin hat Ulrich Beck schon in Risikogesellschaft besprochen. Hier werden noch detaillierter die Entwicklungen im Bereich Familie beleuchtet. Die Tatsache, dass Menschen heutzutage auch noch in höherem Alter Kinder bekommen können, verändert die Gesellschaft auf vielfältige Weise. Die Entscheidung für eine Familie wird oft verschoben bis zu dem Zeitpunkt, an dem es auf natürlichem Wege nicht mehr klappt.

Anders betrachtet entspringen aus den Möglichkeiten der Samenspender und Leihmütter Kinder, die sich später nach den Grundlagen ihrer Identität fragen. Die genetischen Anlagen können nicht außer Acht gelassen werden. Auch wenn ein Kind zwei vollwertige „soziale“ Elternteile hat, wird irgendwann die Frage nach den biologischen Eltern ein Thema. Die Reproduktionsmedizin wird kritisch beleuchtet: Unterschiedliche gesetzliche Regelungen erlauben ein beinahe unkontrolliertes Ausnutzen der medizinischen Möglichkeiten. Die in westlichen Gesellschaften verbotene Leihmutterschaft etwa ist in Indien erlaubt und hat sich zu einem regelrechten Wirtschaftszweig entwickelt. Die psychologischen Folgen für die Leihmütter, die die Kinder, die sie 9 Monate in ihrem Körper wachsen lassen, oft nicht mal zu Gesicht bekommen, werden von der anderen Seite, den Wunsch-Eltern scheinbar nicht bedacht.

Was im Verständnis der Mehrheitsgesellschaft „Integration“ heißt, bedeutet im Verständnis der Minderheit: Wieviel Vergessen der eigenen Sprache und Herkunft ist notwendig, um dazuzugehören? Wie wird es möglich, sich dem zu widersetzen?

Ein wichtiger Teil der Kategorie Weltfamilien sind Ehegemeinschaften zwischen Menschen unterschiedlicher ethnischer und/oder nationaler Herkunft. Sie sind mit spezifischen Problemen konfrontiert. Neben den tatsächlich bestehenden Konflikten, die sich aus der unterschiedlichen Herkunft und damit der Sozialisation in unterschiedlichen Kulturen ergeben, haben sie auch mit Anfeindungen der Gesellschaft zu rechnen. Der Verdacht der Scheinehe schwebt oft nicht nur angedeutet über ihnen, viele Hürden sind zu überwinden, bevor eine solche Ehe überhaupt geschlossen werden kann. Und eine Ehe ist oft nötig, damit die Partner zusammenleben können. Dies kehrt den Prozess, der sich in westlichen Gesellschaften etabliert hat – kennenlernen, zusammenleben, ausprobieren, wie und ob das gemeinsame Leben funktioniert, dann erst Ehe, Haus, Kinder – um, und macht eine Ehe notwendig, damit das gemeinsame Leben und Ausprobieren überhaupt erst stattfinden kann.

Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen in einem größeren Kontext hat mir bis jetzt einige interessante Erkenntnisse gebracht. Dabei stelle ich mir auch die Frage, ob sich so mancher Konflikt vermeiden ließe, wenn mehr Menschen einen Blick über den Tellerrand ihres eigenen Lebens wagen und sich intensiver mit den Schicksalen anderer Menschen auseinander setzen würden. Die modernen Medien liefern uns dazu alle Möglichkeiten, es gibt keine Ausrede mehr dafür, sich zu verstecken und den Kopf in den Sand zu stecken.

Ulrich Beck – Risikogesellschaft

Zu Beginn meines Weiterbildungsprojekts im vergangenen Jahr hatte ich die mit dieser Thematik verbundenen Bücher hier ausgeklammert. Inzwischen möchte ich aber nicht darauf verzichten, zumindest die thematisch verwandten Bücher hier zu dokumentieren, weil es für mich eine völlig neue spannende Richtung und Sichtweise auf das Leben und die Gesellschaft darstellt.

Zu Beginn etwas Kontext: Der deutsche Soziologe Ulrich Beck erlangte mit seinem 1986 erschienenen Buch Risikogesellschaft internationale Beachtung. Er thematisiert darin umfassend die gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich in Verbindung mit zunehmenden Umweltproblemen und der Globalisierung ergeben. 31 Jahre nach seiner Erscheinung ist dieses Werk noch immer ein vergleichsweise aktueller Beitrag im Bereich der Sozialisationstheorien. Die gesellschaftlichen Veränderungen, die der Autor analysierte, sind inzwischen weit fortgeschritten, viele seiner Prognosen können als erfüllt angesehen werden.

Möglichst kurz gefasst könnte man sagen, dass Beck den Glauben an den Fortschritt kritisiert. Er beschäftigt sich ausführlich damit, dass viele technologische Entwicklungen einfach umgesetzt werden, ohne an die Veränderungen zu denken, die sich daraus für die Umwelt und die Gesellschaft ergeben. Ein damals aktuelles Thema war das Waldsterben aufgrund von Luftverschmutzung und unkontrollierter Abgabe von Giftstoffen an das Grundwasser. Aus heutiger Sicht hat sich zumindest in den entwickelten Gesellschaften Mitteleuropas einiges in diesem Bereich verbessert, gleichzeitig hat die Leugnung des Klimawandels in vielen anderen Ländern nach wie vor Hochkonjunktur. Der Autor führt umfassend aus, welche Rolle die Wissenschaft, die Forschung und die in diesem Bereich tätigen Unternehmen spielen. Er deckt die Verflechtungen auf und argumentiert etwa, dass die Festlegung von Schadstoff-Grenzwerten gleichzeitig eine Legitimation eines bestimmten Maßes an Umweltverschmutzung darstellt.

Im sozialen Bereich beschäftigt sich der Autor mit den Veränderungen, die das Fortschreiten der Industrialisierung für die Lebensformen der einzelnen Menschen mit sich gebracht hat. Die Emanzipation der Frau hat zu umfassenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt geführt, die Politik hinkt diesen Veränderungen immer hinterher. Er argumentiert sehr pointiert, dass viele moderne Männer zwar inzwischen in Worten selbstverständlich die Gleichstellung der Frau proklamieren, in der Praxis hängen jedoch Mann und Frau doch zumeist in ihren traditionellen Rollen fest. An dieser Tatsache hat sich nach meiner Ansicht auch bis heute nicht viel verändert.

Ein Ausblick in die Zukunft ist stets eine schwierige Sache, meine eigene Einschätzung ist jedoch, dass wir uns heute mit der Digitalisierung bereits mitten in der nächsten Phase der gesellschaftlichen Veränderung befinden. Auch jetzt schreitet die technologische Entwicklung schneller voran, als der einzelne Mensch und die Politik mithalten können. Es bleibt spannend, zu beobachten, welche gesellschaftlichen Veränderungen sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zeigen werden.

Edward R. Tufte – Envisioning Information

Clutter and confusion are failures of design, not attributes of information.

Diese großartige Empfehlung habe ich aus Presentation Zen. Schon lange hat mir kein Buch zum Thema Design so sehr gefallen, dass ich es mir unbedingt für meine eigene Bibliothek wünsche.

Edward R. Tufte untersucht und kategorisiert in diesem Sammelband unterschiedliche Formen, Daten grafisch darzustellen. Er vergleicht positive und negative Beispiele und identifiziert die entscheidenden Elemente, die ein gut lesbares und für den Leser verständliches Design ausmachen. Er räumt aber auch mit vielen Missverständnissen (oder Ausreden der Designer, wenn man böse sein will) auf. Er vertritt einerseits die Ansicht, dass Daten niemals unübersichtlich und verwirrend sein können. Es ist die Aufgabe des Designers, sie übersichtlich und klar darzustellen. Das bedeutet jedoch nicht, sie dabei zu vereinfachen oder vermeintlich unnütze Teile wegzulassen. Kosmetisches Beiwerk ist per se unerwünscht. Entweder die Daten sprechen für sich oder sie haben keine Daseinsberechtigung.

Chartjunk promoters imagine that numbers and details are boring, dull, and tedious, requiring ornament to enliven. Cosmetic decoration, which frequently distorts the data, will never salvage an underlying lack of content. If the numbers are boring, then you’ve got the wrong numbers.

Es muss erwähnt werden, dass die Erstausgabe dieses Werks 1990 erschienen ist. Die dargestellten Konzepte sind jedoch zeitlos und könnten auch auf unseren heutigen Smartphones, Tablets und Smart Watches Anwendung finden. Der Autor beschreibt etwa das Problem, dass der Nutzer eines Computers ständig mit wechselnden Kontexten konfrontiert ist. Jedes Programm hat eine andere Darstellung, andere Menüs und Optionen, der Nutzer muss sich immer wieder umstellen und an die neue Umgebung anpassen. An diesem Problem hat sich seit 1990 kaum etwas verändert (außer vielleicht die Kompetenz der Computernutzer, sich auf diese wechselnden Kontexte einzustellen).

In user interfaces for computers, a problem undermining information exchange between human and software is „constant context switches. By this we mean that the user is not presented with one basic display format and one uniform style of interaction, but instead, with frequent changes. … This means that users constantly have to adjust to a changing visual environment rather than focusing on the data.“

Allein schon wegen der vielen Beispiele zur Gestaltung von Fahrplänen und Routen von Zügen möchte ich mir dieses Buch gern ins Regal stellen. Besonders die japanischen Beispiele sind optisch sehr elegant gelöst, die Leserichtung eröffnet hier deutlich andere Möglichkeiten als wir sie aus europäischen Verhältnissen kennen. Eine Empfehlung für alle, die sich in irgendeiner Form mit Daten und Grafik beschäftigen (müssen)!