Laurie Penny – Unspeakable Things

Asking nicely for change gets you nowhere.

Im Lila Podcast wurden immer wieder mal die Bücher von Laurie Penny und Caitlin Moran erwähnt, da hatte ich irgendwann beschlossen, mir selbst ein Bild über diese feministische Literatur machen zu wollen. Bei Laurie Pennys Unspeakable Things handelt es sich um ein ordentliches Stück Gesellschaftskritik.

In this nominally freer and more equal world, most women end up doing more work, for less reward, and feeling pressured to conform more closely to gender norms.

Sie analysiert die (westliche) Gesellschaft dieses neuen Jahrhunderts auf Veränderungen im Verhältnis zwischen Frauen und Männern und vor allem auf die Nachteile, die für viele Frauen in einer vermeintlich freier gewordenen Welt nach wie vor bestehen.

The best way to stop girls achieving anything is to force them to achieve everything.

In dieser vermeintlich besseren und erneuerten Welt können Mädchen und Frauen auf dem Papier alles werden, was sie wollen. Gesetze zur Gleichbehandlung legen fest, dass Frauen in allen Bereichen dieselben Chancen haben sollen wie Männer. Obwohl dies in der Realität ohnehin nicht zutrifft, führt es dazu, dass auf Frauen ein größerer Druck ausgeübt wird: Sie können nicht nur alles werden und haben, es wird auch von ihnen erwartet, dass sie ALLE Lebensbereiche unter einen Hut bringen. Erfolgreich Karriere machen, Kinder bekommen und erziehen, dabei immer gut aussehen und auch noch Zeit für Selbstverwirklichung und Hobbies haben. Die 24 Stunden, die jedem von uns dafür täglich zur Verfügung stehen, reichen jedoch einfach nicht aus und die Tatsache, dass wir alles haben KÖNNTEN, lässt jede Frau, die nicht ALLES schafft, wie eine Verliererin dastehen.

Women and girls in particular don’t need any more rules for living and working and grooming and loving. There are already too many rules, most of them contradictory.

Unser Leben ist geprägt von gesellschaftlichen Regeln, was man tun darf und was man tun soll und vor allem was man alles NICHT tun soll. Ein weibliches Aussehen, aber bitte kein zu kurzer Rock, sonst braucht sich eine Frau über Belästigungen nicht zu wundern. Kinder bekommen, aber bitte sofort zurück in den Job (wegen der Pensionszeiten und der eigenen finanziellen Unabhängigkeit), wer jedoch seine Kinder nicht täglich mit einer pädagogisch wertvollen Geschichte ins Bett bringt, gilt als Rabenmutter.

What the stereotype of the bra-burning, hairy-legged feminist is really supposed to suggest is that feminism, that politics itself, makes a woman ugly. That women’s liberation is a threat to traditional ideas of femininity, of a woman’s social role.

Feminismus ist noch immer mit Vorurteilen behaftet. Nach wie vor fühlen sich viele Männer sofort zurückgewiesen und angegriffen, wenn Frauen ihren eigenen Weg gehen und sich nicht darum scheren, was Männer von ihnen denken. Daraus ergibt sich eine Verteidigungshaltung: „Ich bin ja nicht so ein Mann, der Frauen unterdrückt, ich bin nicht Teil des Problems und sollte deshalb auch in Ruhe gelassen werden und mich nicht damit beschäftigen müssen.“ Natürlich kann ein einzelner Mann nicht für strukturelle Misogynie verantwortlich gemacht werden. Aber es ist wichtig, dass sich jede und jeder Einzelne bewusst macht, dass selbst ein Mann, der sich im Alltag Frauen gegenüber korrekt verhält, von den Privilegien des weißen Mannes auf Kosten von Frauen profitiert.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Frauen selbst glauben, sie hätten jetzt alle Möglichkeiten. Sie reden sich erfolgreich ein, dass es ihnen nichts ausmacht, den Großteil der Familien- und Hausarbeit zu erledigen und machen ihr eigenes Glück vom reibungslosen Funktionieren der Familie abhängig. Dabei sollten jedoch auch wir Frauen nicht vergessen, dass es unzählige andere gibt, die mit weniger finanziellen Möglichkeiten ausgestattet sind, die in Ländern leben, wo die Gleichberechtigung nicht mal auf dem Papier existiert oder die schlicht durch besondere Umstände (wie zum Beispiel chronische Krankheiten) dem Erwartungsdruck unmöglich standhalten können. Dabei müssen wir nicht mal ins Ausland schauen, alleinerziehende Frauen (und Männer) sind in Österreich die am meisten von Armut bedrohte Gruppe. Gleichberechtigung ist erst dann hergestellt, wenn sie tatsächlich auch alle gesellschaftlichen Schichten umfasst. Chancengleichheit existiert als Idee auf dem Papier und erfordert täglichen Kampf, um sie tatsächlich Realität werden zu lassen.

Gretchen Rubin – The Four Tendencies

2011 hatte ich bereits The Happiness Project gelesen (und irgendwann später nochmal) und damals ein gewisses Maß an Sympathie für die Autorin empfunden, die ihr Privatleben so schamlos in einem Buch über Gewohnheiten (hat jemand bessere Vorschläge für eine Übersetzung des englischen habits?) und wie man sie verändert oder beibehält ausschlachtet. Nun hat sie ihre eigenen Erkenntnisse und die Reaktionen anderer Menschen auf dieses Projekt genutzt, um daraus ein pseudowissenschaftliches personality framework zu entwerfen, das alle Menschen in 4 Kategorien einsortiert. Das Unterscheidungskriterium ist dabei, wie jeder Einzelne auf innere und äußere Erwartungen (expectations) reagiert. Hier die 4 Typen in Kürze:

Upholder: kommt mit inneren und äußeren Erwartungen problemlos klar, tut einfach, was zu tun ist, reagiert mit Unverständnis, warum andere Leute das nicht auch können.

Questioner: widersteht äußeren Erwartungen und kommt mit inneren Erwartungen gut klar, hinterfragt alles und will immer ganz genau wissen, warum etwas so gemacht werden soll, wenn das aber klar ist, schreitet der Questioner zur Tat.

Obliger: erfüllt äußere Erwartungen, hat aber Schwierigkeiten, Erwartungen an sich selbst einzuhalten, dieser Mensch braucht einen Partner zum Sport, weil er nicht in der Lage ist, für sich selbst etwas Gutes zu tun, weil er immer das Wohl seiner Mitmenschen vor sein eigenes stellt.

Rebel: widersteht allem, will sich an nichts binden, bricht Regeln, nur um sie zu brechen und kann daher sogar selbst aufgestellte Regeln nicht einhalten.

Aus dieser kurzen Beschreibung ist deutlich zu erkennen, dass es sich hier um sehr extreme Persönlichkeitstypen handelt. Natürlich gibt es Überschneidungsbereiche. Die Autorin meint, sie könne jeden Menschen eindeutig einem Typ zuordnen, mir ist das bei mir selbst nach zweimaligem Lesen der in Frage kommenden Typen nicht gelungen. Das Quiz dazu fühlt sich an wie ein Beziehungstest im Bravo. Natürlich muss die Autorin selbst vollständig überzeugt von ihrem Konzept sein, sonst hätte sie wohl kaum ein Buch darüber schreiben können. Da eine wissenschaftliche Untersuchung des Konzepts noch aussteht, bin ich weiterhin der Ansicht, dass es Menschen gibt, die sich an den Schnittpunkten der Kategorien befinden. Vielleicht verschwimmen die Tendenzen auch mit zunehmendem Alter, wenn Menschen (egal wie) gelernt haben, mit ihren persönlichen Stärken und Schwächen umzugehen.

Das Buch enthält bestimmt einige Anregungen, wie man mit sich selbst, seinem Partner oder anderen nahestehenden Menschen besser umgehen lernen kann – soweit diese sich eindeutig einer der Kategorien zuordnen lassen. Meine (hoch gesteckten) Erwartungen hat es leider nicht erfüllt.

Ulrich Beck, Elisabeth Beck-Gernsheim – Fernliebe

Die Beiträge zur Gesellschaftstheorie, die heute international die größte Aufmerksamkeit finden, folgen einem anderen Muster. Ihr Ziel ist es, angesichts eines Chaos sozialer Ereignisse und Phänomene, die uns überrollen, einen konzeptionellen Orientierungsrahmen zu schaffen mit den Mitteln einer generalisierten Diagnose der sich rapide verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse.

Im Rahmen der Auseinandersetzung mit Ulrich Becks Risikogesellschaft ist mir dann auch dieses Buch in die Hände gesprungen, das zum Glück deutlich einfacher zu lesen war. Die Autoren entwerfen hier das soziologische Konzept der Weltfamilien und erläutern in unzähligen Variationen, wie solche Weltfamilien entstehen, was sie von traditionellen Familien unterscheidet und mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben. Dabei werden auch viele gesellschaftliche Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte gestreift, deren Zusammenhänge für den Nicht-Soziologen oft nicht auf der Hand liegen.

…, den verschiedenen Varianten von Weltfamilien ist eines gemeinsam, eine Irritation: Sie passen nicht zusammen mit unseren bisherigen Vorstellungen von dem, was den Charakter der Familie ausmacht, was zur „Natur der Familie“ gehört, immer und überall. Sie stellen einige unserer vertrauten, als selbstverständlich vorausgesetzten Grundannahmen von Familie in Frage.

Die Themen sind fast ausschließlich solche, die sehr polarisierende Gefühle hervorrufen. Zum Beispiel Heiratsmigration gibt es etwa sehr reißerische Medienberichte, die das schlimme Schicksal von Frauen ausschlachten, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben als Katalogbräute in ein westliches Land verschachert werden. Selten wird jedoch hinterfragt, welches Leben diese Frauen führen würden, wären sie in ihrem Herkunftsland geblieben.

Eine andere Art der Weltfamilie bilden Familien, in denen ein oder sogar beide Elternteile im (reicheren) Ausland arbeiten, um die zurück gelassenen Kinder zu ernähren. Ihren eigenen Kindern entfremdete Mütter kümmern sich als Kindermädchen um die Kinder reicher Eltern, damit diese ihrem Beruf nachgehen können. Diese reichen Familien können sich dabei noch der Illusion hingeben, einen Beitrag zur Entwicklungshilfe zu leisten.

„Appetit wird geweckt von der Möglichkeit“, hat der Technikphilosoph Hans Jonas schon vor Jahrzehnten gesagt. Dies belegt die gegenwärtige Expansion des Kinderwunsches. Mit der Pluralisierung der Lebensformen erweitert sich die Klientel der Reproduktionsmedizin.

Die Möglichkeiten und Folgen der Reproduktionsmedizin hat Ulrich Beck schon in Risikogesellschaft besprochen. Hier werden noch detaillierter die Entwicklungen im Bereich Familie beleuchtet. Die Tatsache, dass Menschen heutzutage auch noch in höherem Alter Kinder bekommen können, verändert die Gesellschaft auf vielfältige Weise. Die Entscheidung für eine Familie wird oft verschoben bis zu dem Zeitpunkt, an dem es auf natürlichem Wege nicht mehr klappt.

Anders betrachtet entspringen aus den Möglichkeiten der Samenspender und Leihmütter Kinder, die sich später nach den Grundlagen ihrer Identität fragen. Die genetischen Anlagen können nicht außer Acht gelassen werden. Auch wenn ein Kind zwei vollwertige „soziale“ Elternteile hat, wird irgendwann die Frage nach den biologischen Eltern ein Thema. Die Reproduktionsmedizin wird kritisch beleuchtet: Unterschiedliche gesetzliche Regelungen erlauben ein beinahe unkontrolliertes Ausnutzen der medizinischen Möglichkeiten. Die in westlichen Gesellschaften verbotene Leihmutterschaft etwa ist in Indien erlaubt und hat sich zu einem regelrechten Wirtschaftszweig entwickelt. Die psychologischen Folgen für die Leihmütter, die die Kinder, die sie 9 Monate in ihrem Körper wachsen lassen, oft nicht mal zu Gesicht bekommen, werden von der anderen Seite, den Wunsch-Eltern scheinbar nicht bedacht.

Was im Verständnis der Mehrheitsgesellschaft „Integration“ heißt, bedeutet im Verständnis der Minderheit: Wieviel Vergessen der eigenen Sprache und Herkunft ist notwendig, um dazuzugehören? Wie wird es möglich, sich dem zu widersetzen?

Ein wichtiger Teil der Kategorie Weltfamilien sind Ehegemeinschaften zwischen Menschen unterschiedlicher ethnischer und/oder nationaler Herkunft. Sie sind mit spezifischen Problemen konfrontiert. Neben den tatsächlich bestehenden Konflikten, die sich aus der unterschiedlichen Herkunft und damit der Sozialisation in unterschiedlichen Kulturen ergeben, haben sie auch mit Anfeindungen der Gesellschaft zu rechnen. Der Verdacht der Scheinehe schwebt oft nicht nur angedeutet über ihnen, viele Hürden sind zu überwinden, bevor eine solche Ehe überhaupt geschlossen werden kann. Und eine Ehe ist oft nötig, damit die Partner zusammenleben können. Dies kehrt den Prozess, der sich in westlichen Gesellschaften etabliert hat – kennenlernen, zusammenleben, ausprobieren, wie und ob das gemeinsame Leben funktioniert, dann erst Ehe, Haus, Kinder – um, und macht eine Ehe notwendig, damit das gemeinsame Leben und Ausprobieren überhaupt erst stattfinden kann.

Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen in einem größeren Kontext hat mir bis jetzt einige interessante Erkenntnisse gebracht. Dabei stelle ich mir auch die Frage, ob sich so mancher Konflikt vermeiden ließe, wenn mehr Menschen einen Blick über den Tellerrand ihres eigenen Lebens wagen und sich intensiver mit den Schicksalen anderer Menschen auseinander setzen würden. Die modernen Medien liefern uns dazu alle Möglichkeiten, es gibt keine Ausrede mehr dafür, sich zu verstecken und den Kopf in den Sand zu stecken.

Ulrich Beck – Risikogesellschaft

Zu Beginn meines Weiterbildungsprojekts im vergangenen Jahr hatte ich die mit dieser Thematik verbundenen Bücher hier ausgeklammert. Inzwischen möchte ich aber nicht darauf verzichten, zumindest die thematisch verwandten Bücher hier zu dokumentieren, weil es für mich eine völlig neue spannende Richtung und Sichtweise auf das Leben und die Gesellschaft darstellt.

Zu Beginn etwas Kontext: Der deutsche Soziologe Ulrich Beck erlangte mit seinem 1986 erschienenen Buch Risikogesellschaft internationale Beachtung. Er thematisiert darin umfassend die gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich in Verbindung mit zunehmenden Umweltproblemen und der Globalisierung ergeben. 31 Jahre nach seiner Erscheinung ist dieses Werk noch immer ein vergleichsweise aktueller Beitrag im Bereich der Sozialisationstheorien. Die gesellschaftlichen Veränderungen, die der Autor analysierte, sind inzwischen weit fortgeschritten, viele seiner Prognosen können als erfüllt angesehen werden.

Möglichst kurz gefasst könnte man sagen, dass Beck den Glauben an den Fortschritt kritisiert. Er beschäftigt sich ausführlich damit, dass viele technologische Entwicklungen einfach umgesetzt werden, ohne an die Veränderungen zu denken, die sich daraus für die Umwelt und die Gesellschaft ergeben. Ein damals aktuelles Thema war das Waldsterben aufgrund von Luftverschmutzung und unkontrollierter Abgabe von Giftstoffen an das Grundwasser. Aus heutiger Sicht hat sich zumindest in den entwickelten Gesellschaften Mitteleuropas einiges in diesem Bereich verbessert, gleichzeitig hat die Leugnung des Klimawandels in vielen anderen Ländern nach wie vor Hochkonjunktur. Der Autor führt umfassend aus, welche Rolle die Wissenschaft, die Forschung und die in diesem Bereich tätigen Unternehmen spielen. Er deckt die Verflechtungen auf und argumentiert etwa, dass die Festlegung von Schadstoff-Grenzwerten gleichzeitig eine Legitimation eines bestimmten Maßes an Umweltverschmutzung darstellt.

Im sozialen Bereich beschäftigt sich der Autor mit den Veränderungen, die das Fortschreiten der Industrialisierung für die Lebensformen der einzelnen Menschen mit sich gebracht hat. Die Emanzipation der Frau hat zu umfassenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt geführt, die Politik hinkt diesen Veränderungen immer hinterher. Er argumentiert sehr pointiert, dass viele moderne Männer zwar inzwischen in Worten selbstverständlich die Gleichstellung der Frau proklamieren, in der Praxis hängen jedoch Mann und Frau doch zumeist in ihren traditionellen Rollen fest. An dieser Tatsache hat sich nach meiner Ansicht auch bis heute nicht viel verändert.

Ein Ausblick in die Zukunft ist stets eine schwierige Sache, meine eigene Einschätzung ist jedoch, dass wir uns heute mit der Digitalisierung bereits mitten in der nächsten Phase der gesellschaftlichen Veränderung befinden. Auch jetzt schreitet die technologische Entwicklung schneller voran, als der einzelne Mensch und die Politik mithalten können. Es bleibt spannend, zu beobachten, welche gesellschaftlichen Veränderungen sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zeigen werden.

Edward R. Tufte – Envisioning Information

Clutter and confusion are failures of design, not attributes of information.

Diese großartige Empfehlung habe ich aus Presentation Zen. Schon lange hat mir kein Buch zum Thema Design so sehr gefallen, dass ich es mir unbedingt für meine eigene Bibliothek wünsche.

Edward R. Tufte untersucht und kategorisiert in diesem Sammelband unterschiedliche Formen, Daten grafisch darzustellen. Er vergleicht positive und negative Beispiele und identifiziert die entscheidenden Elemente, die ein gut lesbares und für den Leser verständliches Design ausmachen. Er räumt aber auch mit vielen Missverständnissen (oder Ausreden der Designer, wenn man böse sein will) auf. Er vertritt einerseits die Ansicht, dass Daten niemals unübersichtlich und verwirrend sein können. Es ist die Aufgabe des Designers, sie übersichtlich und klar darzustellen. Das bedeutet jedoch nicht, sie dabei zu vereinfachen oder vermeintlich unnütze Teile wegzulassen. Kosmetisches Beiwerk ist per se unerwünscht. Entweder die Daten sprechen für sich oder sie haben keine Daseinsberechtigung.

Chartjunk promoters imagine that numbers and details are boring, dull, and tedious, requiring ornament to enliven. Cosmetic decoration, which frequently distorts the data, will never salvage an underlying lack of content. If the numbers are boring, then you’ve got the wrong numbers.

Es muss erwähnt werden, dass die Erstausgabe dieses Werks 1990 erschienen ist. Die dargestellten Konzepte sind jedoch zeitlos und könnten auch auf unseren heutigen Smartphones, Tablets und Smart Watches Anwendung finden. Der Autor beschreibt etwa das Problem, dass der Nutzer eines Computers ständig mit wechselnden Kontexten konfrontiert ist. Jedes Programm hat eine andere Darstellung, andere Menüs und Optionen, der Nutzer muss sich immer wieder umstellen und an die neue Umgebung anpassen. An diesem Problem hat sich seit 1990 kaum etwas verändert (außer vielleicht die Kompetenz der Computernutzer, sich auf diese wechselnden Kontexte einzustellen).

In user interfaces for computers, a problem undermining information exchange between human and software is „constant context switches. By this we mean that the user is not presented with one basic display format and one uniform style of interaction, but instead, with frequent changes. … This means that users constantly have to adjust to a changing visual environment rather than focusing on the data.“

Allein schon wegen der vielen Beispiele zur Gestaltung von Fahrplänen und Routen von Zügen möchte ich mir dieses Buch gern ins Regal stellen. Besonders die japanischen Beispiele sind optisch sehr elegant gelöst, die Leserichtung eröffnet hier deutlich andere Möglichkeiten als wir sie aus europäischen Verhältnissen kennen. Eine Empfehlung für alle, die sich in irgendeiner Form mit Daten und Grafik beschäftigen (müssen)!

Andreas Flitner – Reform der Erziehung

Das Entscheidende in allen Vorgängen der Erziehung ist offenbar die Art und Weise, wie ein Kind den Mut zum Selbstsein, wie es Vertrauen in sein Lernvermögen und wie es ein Bewusstsein der eigenen Individualität gewinnen und »erlernen« kann.

Etwas verspätet bin ich nun auch mit meiner Ferienergänzungslektüre fertig geworden. Der Autor versammelt in diesem Buch diverse Reformtendenzen in der Erziehung im 20. Jahrhundert. Er beruft sich zu Beginn auf Ellen Key, die das Jahrhundert des Kindes vorhergesagt hatte. Der Trend der Pädagogik vom Kinde aus beeinflusste tatsächlich die meisten Strömungen, mit denen sich Flitner in diesem Buch thematisch auseinandersetzt.

Wer sich dafür interessiert, wird ohnehin selbst zum Buch greifen müssen. Ich hab mir 2.700 Wörter notiert und will hier nur das Grundthema widergeben:

Grundgedanken der Reformpädagogik:

  • Eine Veränderung der Welt durch Erziehung ist möglich.
  • Jugend als Potenzial der Erneuerung der Gesellschaft.
  • Das Natürliche erhalten, anstatt es zu unterwerfen und anzupassen.
  • Folge: Unsicherheit des Traditionsverlusts. Zweifel an allen Regeln.

In den folgenden Kapiteln beschäftigt sich der Autor unter anderem mit dem Verhältnis von Kunst und Erziehung und der Entwicklung des Gestaltens innerhalb des Schulbetriebs, mit der Verknüpfung von Schule und Arbeit und den Entwicklungen, die durch den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft hervorgerufen wurden. Mit Bezug zu Dewey wird auch das Verhältnis von Schule und Demokratie hinterfragt und auf die Wichtigkeit verwiesen, die das Erleben von Demokratie auf das Demokratieverständnis ganzer Generationen haben kann. Einen wichtigen Einfluss auf die Pädagogik bildete auch die Psychoanalyse Sigmund Freuds. Entwicklung und Lebenswelten von Kindern wurden aus einer neuen Perspektive betrachtet.

In den letzten Kapiteln analysiert der Autor aktuelle Entwicklungen unserer Lebenswelt und fragt, wie sich diese auf unsere Kinder auswirken werden:

  • Gehorsam ist nicht mehr das Wichtigste in der Erziehung, Kinder sollen sich entfalten dürfen.
  • Der Zeittakt der Eltern bestimmt Disziplin und Umgangsweisen, Kinder werden schon früh in das durchorganisierte Zeitraster integriert.
  • Die Auswirkungen des Fernsehens (und heute noch viel mehr: des Internets) als Gegenprogramm zu kontinuierlicher Lern- und Bildungsarbeit sind noch viel zu wenig untersucht.
  • Räume, die Kinder selbst entdecken können, sind selten geworden, Spielplätze sind gestaltet.
  • Das Klima innerhalb der Familie ist von hohen Erwartungen bestimmt, Eltern und Kinder verstehen sich als Partner (dies kann auch zu einer Entfremdung von der Außenwelt führen).

Diese Analyse kommt zu dem Schluss, dass Pädagogik ständig der Reform bedarf. Sie muss sich anpassen an die sich immer schneller verändernde Lebenswelt der Heranwachsenden und wir beobachten an unserem Schulsystem, das die Schule mit den Veränderungen der Gesellschaft nicht Schritt halten kann. Es reicht nicht, den jungen Menschen nur Wissen einzuflößen, sie müssen lernen, wie sie sich in der Welt zurechtfinden. Nicht Wissen alleine bringt uns weiter, sondern wir müssen auch die Fähigkeit haben, Wissen anzuwenden.

»Lernen« als bloße Übernahme gegenwärtiger Wissensstände führt oft nur zu dürftigem Erfolg. Lernen fordert immer auch ein Verstehen der Wege, ein Bearbeiten der Fragestellungen, die zum gegenwärtigen Wissen geführt haben.

Luise Berg-Ehlers – Unbeugsame Lehrerinnen

Von allen ihren Ausführungen aber scheint eine kaum hinreichende Beachtung gefunden zu haben, vielleicht weil sie gleichermaßen schwer und leicht zu realisieren ist: Lehrerinnen und Lehrer können nur dann überzeugend und einfühlsam wirken, wenn sie sich an ihr eigenes Kindsein, an die Sorgen, Ängste und Freuden erinnern, die ihre Kindheit bestimmten. Oder, wie es Key ausdrückt: „Selbst wie das Kind zu werden, ist die erste Voraussetzung, um Kinder zu erziehen.“

Meine „Ferien“ wollte ich unter anderem dazu nutzen, etwas Sekundärliteratur – in unterschiedlichen Richtungen mit meinem Thema verwandt – zu lesen, um so den Horizont und den Umfang besser erfassen zu können. Möglichkeiten dafür gibt es ohne Ende.

Dieser Band befasst sich mit Frauenpersönlichkeiten in der Geschichte des Lehrens. Wenig überraschend dabei ist, dass sich Frauen, die Lehrerin sein wollten, oft in irgendeiner Form mit der Gesellschaft auseinandersetzen mussten. Erst im 19. Jahrhundert war es für Frauen möglich, einen Universitätsabschluss zu absolvieren. Bildung ist ein zentrales Element für Freiheit, oft waren es Lehrerinnen, die für die Rechte der Frauen und Mädchen kämpften und diesem Kampf ihr Leben widmeten. Ein interessantes Detail ist etwa, dass Frauen als Lehrerinnen in Deutschland lange Zeit zur Ehelosigkeit gezwungen wurden. Mit der Heirat verloren sie ihre staatliche Stelle als Lehrerin – als verheiratete Frau brauchten sie im Verständnis der damaligen Zeit nicht mehr zu arbeiten.

Und wenn eine Lehrerin wie Tagrid Yousef an einer Schule arbeitet, die zahlreiche Jugendliche mit Migrationshintergrund besuchen, dann wird sie zu einem Rollenvorbild für all jene Mädchen, die noch ihren Weg zwischen den Welten finden wollen, wie es die junge Tagrid einst erfolgreich tat.

Einen wichtigen Punkt stellt die Vorbildwirkung dar, die Lehrerinnen speziell für Mädchen immer einnahmen und auch heute noch einnehmen. Schon mit Erzieherinnen im Kindergarten aber noch mehr später mit Lehrerinnen in der Schule verbringen Kinder große Mengen an Zeit. Sie prägen entscheidend, wie sich ein Kind in der Gesellschaft wahrnimmt und sind für viele Kinder die erste Bezugsperson außerhalb der Familie.

Im letzten Kapitel befasst sich die Autorin mit der Rolle der Lehrerin oder Erzieherin in Literatur und Film. Die Beschreibung des Lehrpersonals in Harry Potter (und anderer bekannter Figuren wie Mary Poppins) fand ich persönlich etwas plump geraten. Allerdings lassen sich hier Parallelen zu den Erziehungsmetaphern finden und die Rollen analysieren, die Lehrerinnen von den Medien und damit der Gesellschaft zugeschrieben werden. Frauen generell unterliegen ja unterschiedlichsten Erwartungen der Gesellschaft, für Lehrerinnen gilt das noch in besonderem Maße, da sie eine offizielle Vorbildwirkung für ihre Schützlinge haben. Der Lehrberuf ist damit nicht nur bloß ein Arbeitsplatz sondern eine Berufung, die nicht jeder ausfüllen kann.

Laura Schwerzmann – Kleingärten

Das urbane Gärtnern ist Trend und Gegenwelt.

Auch dieses Buch entstammt (wie der letzte Blog Post zum Thema Solidarische Ökonomie) einer Idee, der ich kurzfristig nachrecherchiert habe, bis jetzt aber kaum die Zeit gefunden habe, mich ernsthaft damit zu beschäftigen. Im Prinzip kann man das fast schon als Meta-Recherche bezeichnen, so weit hab ich mich inzwischen vom Thema entfernt.

Dieser Band liest sich wie eine Diplomarbeit (was es möglicherweise auch ist, die Hochschule für Technik Rapperswil, Abteilung Landschaftsarchitektur ist mit Logo auf dem Cover vermerkt). Er untersucht die Geschichte der Kleingärten in unterschiedlichen Formen in den Städten Zürich und Winterthur. Es werden sowohl die geschichtliche Entwicklung der Kleingärten (wie so vieles begann diese zur Zeit der Industrialisierung) aber auch neue Formen des Urban Gardening thematisiert.

Der Zeithorizont entscheidet stark mit, wie die Gärten sich entwickeln. Sind es temporäre Gärten, werden Gefässe bepflanzt und kurzlebige Pflanzen gewählt. Ist der Garten dauerhaft geplant, kann eine parkähnliche Anlage entstehen.

In den beschriebenen Schweizer Städten entstehen moderne Gemeinschaftsgärten (in Abgrenzung von traditionellen Kleingärten, in Österreich Schrebergarten genannt) meist als Zwischennutzung auf Flächen, die zur Bebauung vorgesehen sind. Damit bleiben die Projekte temporär, die Hochbeete müssen abgebaut und transportiert werden können. Eine langfristige Bindung der Teilnehmer an das Projekt ist somit auch nicht möglich.

Meist hat jede Person oder Familie ein eigenes Beet, das sie selbständig bepflanzen kann, daneben gibt es Gemeinschaftsflächen wie beispielsweise einen Kräutergarten oder Frühbeete, die von allen gemeinsam gepflegt werden.

Als eigener Gartentyp wird der interkulturelle Garten besprochen. Hier geht es nicht nur um die klassischen Garten-Vorteile Bewegung und Beschäftigung an der frischen Luft und die Herstellung von Nahrungsmitteln sondern vor allem um den Austausch mit anderen Menschen. Solche interkulturellen Gärten werden oft mit Sprach- oder Kochkursen und anderen gemeinschaftlichen Angeboten angereichert, um den Austausch entsprechend zu fördern.

Wie intensiv ein interkultureller Austausch stattfindet, hängt stark von dem Mass an aktiver Auseinandersetzung mit den Mitgärtnern vor dem Hintergrund des Gartens ab. Je mehr Austausch mit Aktivitäten gefördert wird, umso erfolgreicher ist also ein interkultureller Garten in seinen spezifischen Zielsetzungen.

Auch der regionalen Vertragslandwirtschaft, wie ich sie aus den Erzählungen der Kaltmamsell über das Kartoffelkombinat kenne, ist ein Kapitel gewidmet. Dabei organisiert ein Verein oder eine Genossenschaft den Anbau von Gemüse, das dann an die Abonennten verteilt wird. Im Kartoffelkombinat wird auch der gemeinschaftliche Aspekt betont, die Abonennten helfen etwa beim Packen der Ernteanteile oder beim Einkochen von Sugo für die kalte Jahreszeit.

Zum Abschluss liefert die Autorin Argumentationshilfen über die Vorteile von städtischen Gartenprojekten. Der Trend zum Urban Gardening ist zwar nicht mehr neu, hat aber vermutlich seinen Zenit noch nicht erreicht. Jedes Fleckchen Grün in der Stadt ist zu begrüßen.

Elisabeth Voß – Wegweiser Solidarische Ökonomie

Manchmal erstaunt es mich ja selbst, auf welche literarischen Abwege mich meine wirren Projektideen führen. Dieser dünne Band hat mir zwar nicht wirklich bei meiner Projektplanung weitergeholfen, aber trotzdem einige interessante Einsichten gebracht.

Es beginnt mit der Definition des Begriffs Solidarische Ökonomie. Das Leitthema ist: jeder darf nicht nur auf seinen eigenen Vorteil achten, sondern sollte so handeln, dass es für alle gut ist. Die aktuell vorherrschende Wirtschaftsweise wird als das genaue Gegenteil charakterisiert: Wenige profitieren von der Ausbeutung von Vielen. Ökonomische Ausbeutung ist die materielle Basis von Herrschaft, Ökonomie ist die materielle Basis gesellschaftlicher Verhältnisse. Bei der solidarischen Ökonomie stehen hingegen Menschen und ihre Bedürfnisse im Mittelpunkt: Ökonomie ist für die Menschen da (und nicht umgekehrt).

Die herrschende, an Kapitalinteressen orientierte Wirtschaftsweise ist nicht in der Lage, weltweit menschenwürdige Lebensverhältnisse herzustellen. Sie lässt sich weder unter sozialen, noch unter ökologischen, noch unter ökonomischen Gesichtspunkten rechtfertigen.

In weiteren Kapiteln werden einige Merkmale solidarischer Projekte erläutert. Nutzen steht vor Gewinn: Das Befriedigen konkreter menschlicher Bedürfnisse steht als Motiv und Antrieb hinter dem Projekt. Menschen arbeiten für sich selbst und nicht für den Profit anderer. Die Auswirkung von Privatisierungen auf die Infrastruktur werden ebenso thematisiert wie die Regionalbewegung (lokal sozial und ökologisch handeln). In loser Folge werden weiters verschiedene Projektformen mit Beispielen aufgezählt, ohne auf die zugrundeliegenden Strukturen näher einzugehen.

Denn die Fähigkeit zur Selbstorganisation aus eigener Kraft ist ein Privileg derer, die über die notwendigen materiellen und immateriellen Voraussetzungen verfügen.

Oft fehlt es gerade denen, die am meisten Selbsthilfe benötigen würden, an den Mitteln, um das auf die Beine zu stellen. Daher hat dieses ganze Mikrokredit-Konzept, wie es Muhammad Yunus etwa mit seiner Grameen Bank umsetzt, so gut funktioniert. In dem Moment, in dem die Menschen dieses winzige bißchen Kapital hatten, konnten sie sich damit selbst etwas aufbauen.

Die Vorhaben solidarischer Ökonomien sind Experimente, immer im Werden, nie perfekt. Sie sind angreifbar und gefährdet, denn der kapitalistische Markt mit seiner objektiv ökonomischen Macht und seinen subjektiv psychischen Auswirkungen stellt eine permanente Bedrohung dar. Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein und aktiv gegenzusteuern.

Realistisch betrachtet wird kaum ein solidarisches Projekt tatsächlich die Weltwirtschaft verändern. Aber es muss auch nicht im kleinen Rahmen bleiben, wie etwa die Fair Trade-Bewegung in den letzten Jahrzehnten bewiesen hat. Dass das Ziel ein unerreichbares Ideal ist, sollte uns nicht davon abhalten, auf dieses Ideal hinzuarbeiten und auf diesem Weg die Welt ein Stück weit zu verbessern.

Dee Joy Coulter – Original Mind

Im Jänner hatte ich irgendwie zwei Tage so viel Luft, dass ich mich mit Feuereifer auf eine neue (Schnaps-)Idee stürzen und sofort zum Recherchieren in die Bücherei laufen musste. Dass ich in den darauf folgenden Wochen dann nicht mal Zeit hatte, die ausgeliehenen Bücher überhaupt zu lesen, geschweige denn anderweitig an der Schnapsidee zu arbeiten, ist schon wieder eine andere Geschichte …

Dieses Buch hatte ich mir geholt, weil es an das Entwicklungsthema anknüpft, das mich im Rahmen eines anderen Projekts beschäftigt hat. Viele Wissenschaftler haben versucht, Stufen zu definieren, in denen die Entwicklung des Menschen abläuft. Einer der bekanntesten ist wohl Jean Piaget. Er forschte unter anderem nach den Stufen des moralischen Urteils und stellte Theorien über die Stadien der kognitiven Entwicklung auf.

Dee Joy Coulter untersucht das Thema mit einem etwas populärwissenschaftlicheren Ansatz. Sie hat Erfahrungen in unterschiedlichsten pädagogischen Bereichen gesammelt und lässt diese Erkenntnisse überblickshaft in dieses Buch einfließen. In den ersten Kapiteln geht es vorrangig um die Entwicklung der Wahrnehmung bei Säuglingen. Die Autorin gibt auch immer wieder Tipps zu Übungen, die der Leser durchführen kann, um seine eigene Wahrnehmung zum kindlichen Geist zurückzuführen.

Speziell interessant fand ich das Kapitel über die Phase des Sprechenlernens. Es gibt zwei Sprachareale im Gehirn, die das Verstehen (Wernicke-Areal) und das Selbst-Ausdrücken (Broca-Areal) steuern. Die Fähigkeit des Verstehens entwickelt sich schneller als die eigene Sprachfähigkeit. Ein dritter Sprachbereich steuert das innere Sprechen, also das Nachdenken vor dem Sprechen. Kinder, die gerade sprechen lernen, müssen neue Worte erst innerlich verarbeiten.

Wenn ein Kind neue Begriffe lernt, bewegt es sich hin und her zwischen der äußeren Welt, in der es den neuen Worten begegnet, und der inneren Welt, wo es den Worten nachspürt und sie zuordnet.

Kinder, die schon sprechen können, können teilweise Regeln verstehen und auch wiederholen, sind aber nicht in der Lage, sie einzuhalten.

Es kann für die Bezugspersonen schwer zu begreifen sein, dass diese Kinder zwar Regeln wiederholen können, ihr Gehirn jedoch noch nicht fähig ist, diese einzuhalten. … Um sich entsprechend zu verhalten, muss die innere Sprachregion erst stärker sein als die ach so verlockenden motorischen Impulse. Dazu muss das Kind erst besser sprechen lernen, und das dauert seine Zeit. Bis dahin halten sich Kinder nur aus Angst vor dem Ärger der Erwachsenen an Regeln und nicht aus eigenem Antrieb.

In einem weiteren Kapitel beschäftigt sich die Autorin mit schriftunkundigen Kulturen und den kognitiven Veränderungen, die sich ergeben, wenn Menschen erst als Erwachsene mit dem Konzept Schrift in Berührung kommen.

Die Schriftkundigen lebten jetzt in zwei Welten: der Welt der erlebten Erfahrung, der primären Realität, die sie mit der schriftunkundigen Bevölkerung gemeinsam hatten, und in der sekundären Realität des geschriebenen Wissens, welches sie aus Büchern gewonnen hatten. Ihre Kenntnis geschriebener Geschichten verwandelte auch die innere Ordnung ihrer Erinnerungen und förderte ihre Fähigkeit zum zukunftsorientierten Planen.

Es folgt in diesem Kapitel ein übersichtlicher Abriss der Entwicklungen, die der Buchdruck auslöste. Zuerst wurde die Bibel gedruckt und verbreitet, auch in andere Sprachen übersetzt und damit auch für die Bevölkerung lesbar. Die Menschen beginnen, lesen zu lernen. Der nächste Schritt im kulturellen Wandel geht dann über zum lesen, um zu lernen. Es folgt das Zeitalter der Aufklärung (ab der Mitte des 17. Jahrhunderts). Die Menschen beginnen, das Gelesene in Frage zu stellen. Durch den Buchdruck konnten Wissenschaftler ihre Ergebnisse vervielfältigen und verteilen, umfangreichere Dokumentationen wissenschaftlicher Arbeit wurden möglich.

Die Denkmuster der neu schriftkundigen Bevölkerung wurden schnell abstrakter. Die Menschen begannen, alles, was sie lasen oder dachten, mit dem Verstand zu prüfen. Die Philosophen fingen an, die religiösen Überzeugungen zu hinterfragen.

Der entscheidende Punkt dieses Kapitels ist, wie sich der Übergang von einer oralen Kultur auf eine Schriftkultur auf die Gesellschaft und die einzelnen Menschen ausgewirkt hat. Alles, was man niederschreiben kann, muss man sich nicht mehr merken. Man hat also nicht mehr den Zwang, alles exakt wiedergeben zu müssen und hat daher mehr geistige Ressourcen, um neue Ideen zu generieren. Das könnte eine Erklärung dafür sein, warum es so hilfreich ist, sich einen Plan für die Woche zu machen. Alles, was dann aufgeschrieben ist, muss man sich nicht mehr merken und kann später nachschauen und dann ist der Kopf frei für andere Ideen.

Wer sich wirklich intensiv wissenschaftlich mit Entwicklungsfragen beschäftigen will, wird Coulters Ausführungen teilweise etwas esoterisch finden. Viele ihrer Anleitungen für die Erweiterung des Geistes haben auch mich kopfschüttelnd zurückgelassen. Es gelingt ihr jedoch, eine Brücke zu schlagen und die wissenschaftlichen Fakten übersichtlich zu präsentieren und mit der Lebensrealität des Lesers zu verknüpfen.