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Roman

Holly Ringland – The Lost Flowers of Alice Hart

CN: Gewalt eines Mannes gegen Frau, Tochter und Tiere, Feuer, Alkoholmissbrauch, Depression


Being around him was like being outside without shelter during stormy weather, always watching the sky.

Dieses Buch hatte ich schon länger auf der Wunschliste, vom großen A ist auch eine Verfilmung als Serie erschienen. Das Buch beginnt mit Alice Hart als Kind, die den Launen ihres gewalttätigen Vaters auszuweichen versucht. Sie lernt früh, dass sie nicht aus der Reihe tanzen darf, dass jeder Verstoß gegen (ungeschriebene) Regeln zu Konsequenzen führt – für Alice selbst oder für ihre Mutter. Wir sehen aber auch ein Mädchen, das ihren Vater trotz allem liebt, da sie nichts anders kennt. Es zerbricht einem fast das Herz, als die kleine Alice eines Tages von zuhause ausreißt und in der Bibliothek auf Sally trifft. Durch die Augen von Sally sehen wir erstmals, wie vernachlässigt Alice tatsächlich ist.

Nach einem Brand, bei dem Alice’ Eltern umkommen und Alice nur knapp überlebt, landet sie bei ihrer Großmutter June, von deren Existenz Alice bisher keine Ahnung hatte. Auf Junes Blumenfarm lernt Alice ein neues Leben kennen. Sie wächst heran in der Gesellschaft von Frauen, die aus verschiedenen Gründen Zuflucht bei June gesucht haben. Es kommt zum dramatischen Bruch, als Alice erfährt, dass June ihre Jugendliebe an die Einwanderungsbehörde verraten hat. Wir sehen, dass das stürmische Temperament ihres Vaters auch in Alice selbst vorhanden ist.

She lunged at the rose-covered house, tearing at the vines, cutting herself on thorns. She tore and grabbed and cried, swept into a rampage of rage and grief and humilitation. A sudden downpour of cold rain broke her trance. Alice stood stunned as she came back into her senses.

Erneut stellt sich Alice einem Neubeginn. Diesmal lässt sie aus eigenem Willen ihr bisheriges Leben hinter sich. Dieser Teil war für mich am Schwierigsten zu lesen, denn er beschreibt, wie Alice die Muster ihrer Kindheit wiederholt. Sie gerät an einen besitzergreifenden, jähzornigen, eifersüchtigen Mann. Einen Mann, der ihr an allem die Schuld gibt, sie für seine Ausbrüche verantwortlich macht und sie schließlich aus ihrem Job zu drängen versucht.

Alice nodded slowly, a flushing fool. What was wrong with her? It was all in her head. She was making the man a monster.

Häusliche Gewalt ist ein viel zu aktuelles Thema und die beschriebenen Muster sind wohlbekannt. Zu oft machen Menschen es sich einfach mit der Frage „Warum geht sie nicht einfach?“. Einen guten Überblick über das Thema findet ihr in dieser Folge des Lila Podcast: Wenn Zuhause nicht sicher ist – Was tun bei häuslicher Gewalt?

Wie beginnt Gewalt – und warum bleibt sie oft unsichtbar? In dieser Folge spricht Özge mit Miriam Peters, die sich mit dem Projekt Land Grazien darauf spezialisiert hat, Betroffenen von partnerschaftlicher Gewalt in ländlichen Regionen zu helfen. Content Warnung: Es geht in dieser Folge um häusliche, psychische & sexualisierte Gewalt, Femizide und traumatische Erfahrungen. Bitte hör diese Folge nicht allein, wenn dich die Themen stark belasten. Du bist selbst von häuslicher Gewalt betroffen? Hier findest du Hilfe.  Gemeinsam mit Miriam Peters spricht Özge über toxische Beziehungsmuster, emotionale Manipulation, Gaslighting, Macht & Kontrolle — und darüber, was Betroffenen wirklich hilft, sich zu befreien.

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Roman

Øivind Hånes – Permafrost

CN (möglicherweise unvollständig): Krieg, Tod, Kälte, unfassbare menschliche Grausamkeit


Diesen Post schreibe ich mit noch mehr Verspätung als üblich. Die letzten Wochen waren von einer extrem hohen Arbeitsbelastung und einer privaten Ausnahmesituation überschattet. Jetzt hoffe ich, dass sich alles wieder einpendelt.

Trotzdem erinnere ich mich an das Buch, weil es eine wirklich grausame Kriegsgeschichte enthält. Nach dem Tod seiner Mutter finden Jonas und seine Schwester Hinweise auf den verschwundenen, totgeglaubten Vater, die die Mutter geheim gehalten hat. Jonas reist in die Taiga, um den Spuren nachzugehen.

Warum hat sie es ihnen verschwiegen? Warum hat ihre Mutter ihnen nicht erzählen wollen, was sie wusste? Aber wenn sie es getan hätte, wäre er jetzt nicht hier.

Er trifft dort die Lehrerin Olga, deren Familie ebenfalls eine komplexe Geschichte durchlebt hat. Zwischen Jonas’ Suche nach den Spuren seines Vaters im früheren russischen Gefangenenlager wird eine Episode mit Gefangenen auf einem Transportschiff erzählt, das im Eis stecken bleibt. Es kommt zu einer unfassbaren Grausamkeit, die mir noch immer den Atem stocken lässt, weil sie durchaus wahr sein könnte.

Das Seelenstoffbassin, all das, was dort beginnt, wo die Geschichte endet. Aber dieser Mensch, der ihm den Rücken zuwendet, ist der noch da? Schwer zu sehen, jetzt, der Wagen ist so fern. […] Vielleicht ist es nur ein Schatten, weiß er das nicht mehr? Deshalb konnte er ja nicht brennen.

Neben dem tatsächlichen Geschehen wird ausführlich Jonas’ komplexes Innenleben geschildert. Seine Gedankenströme springen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft herum. Der Autor arbeitet teilweise mit wilden Metaphern, um das Gefühlschaos verständlich zu machen. Es ist ein schwieriges, ungewöhnliches Buch.

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Kurzgeschichten

Michiko Aoyama – What you are looking for is in the library

CN: –


What are you looking for?
When Ms Komachi asked me this question, my first thought was: I’m still searching. Searching for somewhere I can be accepted as I am. Just one place is all I need. Somewhere to be at peace.

Eins meiner Herzwesen hat mir dieses Buch mitgebracht, laut eigener Aussage „wegen des Japan- und Library-Bezugs“. Das Cover meiner Ausgabe zeigt den Blick aus einem japanischen Fenster, auf dem Fensterbrett sitzt eine schwarze Katze neben einem Bücherstapel, einer Pflanze und einer Tasse, draußen hinter der Katze blüht ein Kirschbaum. Für mich außerdem bemerkenswert: Das Cover enthält zwei Schmuckfarben in glänzendem Grün und Rosa, ein seltener Aufwand bei Paperbacks.

Das Buch besteht aus fünf Kapiteln, die jeweils von einer Person erzählt werden, die in ihrem Leben irgendwie feststeckt. Unterschiedliche Lebensalter und -situationen führen diese Menschen auf verschiedenen Wegen in die gleiche Bibliothek, wo sie auf die exzentrische Librarian Ms Komachi treffen. Bei ihrer Frage What are you looking for? geht es mehr oder weniger offensichtlich nicht nur um Bücher. Sie überreicht den Besucher:innen Listen mit Buchempfehlungen, die zumindest eine Überraschung enthalten. Es sind unerwartete Bücher wie ein Kinderbuch über zwei Mäuse, die im Wald ein großes Ei finden oder ein Buch über die Evolutionstheorie, in dem auch beschrieben wird, wie Charles Darwin damit berühmt wurde, während Alfred Russel Wallace, der die Idee zuerst veröffentlicht hatte, immer in Darwins Schatten stand. Solche Empfehlungen können uns nur menschliche Librarians (oder andere buch-affine Wesen) geben. Algorithmen oder LLMs werden uns immer nur „mehr vom selben“ (more of the same) empfehlen.

Es sind diese besonderen Bücher, die den Protagonist:innen dann neue Wege aufzeigen. Zusammen mit diesen Listen erhalten die Besucher:innen auch noch ein Bonus Gift: eine kleine Figur, die Ms Komachi mittels Needle Felting erstellt hat. Zwei dieser Figuren, ein Flugzeug und eine Bratpfanne, sind auf der Rückseite des Einbands neben Büchern und einem Bonsai zu sehen.

‘Things change, even if you want them to stay the same. At the same time, you can try to change, but you will still remain the same.’

Gerade im hektischen und finsteren Dezember war mir dieses herzerwärmende Buch ein großer Trost. Es erinnert uns daran, dass es in (nahezu) jedem Lebensalter Möglichkeiten für neue Wege gibt, wenn wir nur mit offenen Augen und Herzen danach Ausschau halten. Große Empfehlung.

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Roman

Lena Wolf – Winterzauber auf Sylt

CN: Tod der Partnerperson (lange vor der Romanhandlung passiert)


„Ein Buch so herzerwärmend und einladend wie Schokolade vorm Kamin.“ So hieß es in der Beschreibung in der Onleihe und genau das habe ich zu dem Zeitpunkt gebraucht. An nur zwei Abenden vertiefte ich mich in diese Geschichte, die extrem lange braucht, um zum Punkt zu kommen. Es war ein bißchen, wie in manchen Krimiserienfolgen oder Horrorfilmen, wo du die Protagonist:innen anschreien willst, dass sie nicht in dieses Haus gehen sollen, weil es müsste ihnen doch längst klar sein, dass das ihr Verderben wird. Hier wollte ich schreien, dass doch längst klar ist, dass irgendwas nicht stimmt und dass es mit Geld und dem Haus zu tun hat, war auch schon lange offensichtlich. Die Auflösung überschaubar, am Ende alles paletti.

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Roman

Jesmyn Ward – Salvage The Bones

CN: Naturkatastrophe (Hurrikan Katrina), Gewalt gegen Tiere, Hundekampf, Gewalt gegen Menschen, sexuelle Handlungen, Tod eines Elternteils, Alkoholmissbrauch


I will not let him see until none of us have any choices about what can be seen, what can be avoided, what is blind, and what will turn us to stone.

Eigentlich schreibe ich mir immer gern auf, warum ein Buch auf meiner Leseliste landet, wo der Tipp herkam, idealerweise mit Link und dem Text, der mich dazu gebracht hat, es lesen zu wollen. Eine Schwachstelle in meinem System sind die eReader-Apps der Bibliotheken auf meinem Telefon. Wenn ich ein empfohlenes Buch direkt dort finde und es auf meine Wunschliste setzen kann, dann entfällt die Notiz, woher der Tipp kam. In der Libby-App kann ich Tags vergeben, was aber nicht wirklich zu meiner Handhabung von Notizen passt, in der Onleihe-App habe ich überhaupt keine Möglichkeit gefunden, irgendetwas zu den Büchern zu notieren.

Nun habe ich viele Worte gebraucht, um zu erzählen, dass ich nicht mehr weiß, warum dieses Buch auf meiner Leseliste war. Es war weit unten in der Libby-App, da die neuen Bücher oben in die Liste kommen, muss es schon lange dort gewesen sein. Ich stürzte mich hinein, ohne nochmal nachzuforschen oder den Klappentext zu lesen. Achtung, es folgen Spoiler. (Ohne die kann ich über dieses Buch nicht schreiben.)

Das Buch erzählt die zehn Tage im Leben einer Familie, bevor Hurrikan Katrina ihre Welt aus den Angeln hebt. Im ersten Kapitel / am ersten Tag werden Hundewelpen geboren, später findet die einzige Tochter der mutterlosen Familie (die Mutter hat die Geburt des jüngsten Sprößlings nicht überlebt) heraus, dass sie schwanger ist. Der Hurrikan, auf den das Buch zusteuert, bleibt zuerst im Hintergrund. Alle fünf Personen der Familie sind mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt (Schwangerschaft, Basketball-Camp, Machtkämpfe, die stellvertretend von Hunden ausgetragen werden). Das Ausmaß der Zerstörung übersteigt schließlich die schlimmsten Erwartungen.

Im Nachwort konnte ich erfahren, dass die Autorin den Hurrikan selbst erlebt hat. In gewisser Weise verarbeitet sie vermutlich in Romanform ihr eigenes Trauma. Das Buch wurde 2011 mit dem National Book Award For Fiction ausgezeichnet. Der Kategorie-5-Hurrikan hat im Südosten der USA massive Schäden angerichtet und sich damit wohl in die Herzen und Gehirne vieler Menschen eingebrannt. Dieses Buch legt davon Zeugnis ab. Es zeigt aber auch eine Familie, die sich bereits vor dem Hurrikan in einer schwierigen Lage befindet und im Verlauf der Geschichte näher zusammenfindet.

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Roman

Valerie Springer – Ein paar Tage in einer fremden Stadt

CN: sexueller Missbrauch und Gewalt in der Familie, Unfalltod einer geliebten Person, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Sexismus


Er sah sein Leben, seine bisher verbrachten Jahrzehnte, plötzlich wie auf einem Computerbildschirm, aufgespalten in herunterfallende Tetris-Blöcke, die er verzweifelt und unter immer größerem Zeitdruck ineinander verschachteln musste. Wenn er es nicht schaffte, würde er verlieren. Würde er sich selbst verlieren, vollständig. Game over.

Wieder mal ein Buch aus der Kategorie Literatur-Geocache, irgendwie funktioniert meine Organisation da gerade am Besten. Das Buch erzählt auf zwei Zeitebenen vom Leben des Protagonisten Hubertus, dessen hervorstechende Eigenschaft ein absoluter Geruchssinn ist. Die Leser:in erfährt vom jugendlichen Hubertus, vom Vater gegängelt und unterdrückt, Hubertus unfähig, sich aufzulehnen, die ältere Schwester Sophia selbst Opfer des Vaters, die Mutter passiv und hauptsächlich darauf bedacht, die Fassade zu wahren („Man bewahrte Stillschweigen über die Abgründe der anderen.“). Erst die Liebe zum Lehrmädchen Lucy lässt Hubertus aufwachen und seine Haltung zum Leben hinterfragen.

Arbeit war seine Methode, um durchzuhalten. Es war dies die Methode vieler, vielleicht der meisten Menschen. Es war keine schlechte Methode, aber es gäbe auch andere.

20 Jahre später gibt Hubertus einem spontanen Impuls nach und fährt zu einem Vortrag nach Florenz. Dort lernt er Kalliope kennen, deren Geruch Hubertus an seine frühere Liebe Lucy erinnert. In Rückblenden erfährt die Leser:in von Lucys Schicksal und erlebt mit, wie Hubertus an seinen Lebensentscheidungen zu zweifeln beginnt. Er ist Geruchsforscher geworden, hat aber entschieden, im Privaten seinen Geruchsempfindungen nicht zu folgen und diese auszublenden oder sogar gezielt zu übertünchen. Dadurch hat er sich von der Welt quasi abgegrenzt, ohne dies überhaupt zu bemerken.

Die Begegnung mit Kalliope wühlt Hubertus auf und lässt ihn hinterfragen, ob er seine Kindheit und Jugend wirklich hinter sich gelassen hat. Ein Versuch, die Puzzleteile eines Lebens neu zusammenzusetzen, damit sie ein anderes Bild ergeben.

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Krimi Roman

Christian Schleifer – Perchtoldsdorfer Schweigen

CN: Mord, Gewalt, Nationalsozialismus, Brand, Feuer, Vergewaltigung


Während ich die letzten beiden langen und aufwändigen Blog Posts vor mir hergeschoben habe, brauchte ich zur Ablenkung einen unanstrengenden Krimi. Es wurde der zweite Band von Christian Schleifers Perchtoldsdorf-Reihe, den ich zusammen mit dem ersten Teil aus einem Bücherschrank gefischt hatte.

Im ersten Teil spielte sich das Geschehen im Rahmen eines Sommertheaters ab, im zweiten Teil steht ein (erfundener) Nazi-Bunker unter den Perchtoldsdorfer Weinbergen im Zentrum. Der Anfang ist sehr clever geschrieben: aus der Perspektive einer unbekannten Person wird der Bunker erstmals beschrieben, erst ganz zum Schluss löst sich auf, wer das denn nun war.

Rund um den Nazi-Bunker wird viel Geschichte thematisiert. Ein jüdisches Weingut, dessen Inhaberfamilie im Rahmen des Nationalsozialismus verfolgt und deportiert wurde. Wie der Name dieses Weinguts und der Familie aus den Geschichtsakten getilgt wurde, um jede Spur davon zu vernichten. Wie durch die Entdeckung des Bunkers unter den Weinbergen und den darin befindlichen Dokumenten aufgedeckt wird, was damals tatsächlich passiert ist.

Ein unterhaltsam geschriebener Lokalkrimi, der sich nicht davor scheut, auch schwierige Themen anzusprechen und den aktuellen Mordfall mit mehreren Familiengeschichten sinnvoll verknüpft.

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English Roman

Emma Straub – This Time Tomorrow

CN: Krankheit und Tod eines Elternteils, Trauer (möglicherweise noch mehr, das ich leider nicht rekonstruieren kann)


It was the worst fact of parenthood, that what you did mattered so much more than anything you said.

Auch dieser Post wurde leider verschleppt und wird deshalb oberflächlicher ausfallen müssen, als ich es mir wünschen würde. Wie schon im vorherigen Buch/Post geht es auch hier um das Thema Zeitreisen, allerdings in einem deutlich anderen Setting.

Die Protagonistin wacht am Morgen nach ihrem 40. Geburtstag nach einem Abend mit zu vielen alkoholischen Getränken in ihrem Jugendzimmer auf und stellt fest, dass sie wieder 16 Jahre alt ist. Ihr Vater, den sie noch am Vortag im Krankenhaus besucht hat, sitzt am Frühstückstisch und gratuliert ihr zum Geburtstag.

Was zuerst nach einer Geschichte klingt, wie sie Material für sehr schlechte Filmkomödien sein könnte, wird von der Autorin verwandelt in eine Meditation über den Lauf der Zeit und die Entscheidungen, die unseren Lebensverlauf prägen. Was sind die Dinge, die uns wirklich wichtig sind in unserem Leben? Was wäre passiert, wenn wir in dieser einen Situation anders entschieden hätten? Wären wir wirklich glücklicher als wir es gerade sind?

Obwohl die Protagonistin alles Mögliche ausprobieren darf, um diese Fragen zu beantworten, liegt die Antwort dann doch woanders. Wir müssen nicht durch die Zeit reisen, um herauszufinden, was in unserem Leben wirklich wichtig ist.

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English Roman

Elizabeth Strout – Oh William!

CN: Trauer, 2. Weltkrieg, Konzentrationslager, PTSD, Depression, Fehlgeburt, Gewalt, Essstörung, Suizidgedanken

Unter der Buchbeschreibung: ein Exkurs zu Archiven mit historischen Speisekarten.


I feel invisible – as I have said – and yet in that situation I had the strangest sensation of both being invisible and yet having a spotlight on my head that said: This young woman knows nothing.

Aus Alltagsgründen ist dieser Post leider der Verschleppung zum Opfer gefallen. Die Autorin lässt hier eine ihrer bekannten Figuren auftreten: Lucy Barton (bisher hier gelesen und beschrieben: My Name is Lucy Barton). In diesem Buch dreht es sich hauptsächlich um Lucys ersten Ehemann William. Die Zeitebenen sind teilweise etwas verwirrend, denn Lucys zweiter Ehemann ist kürzlich verstorben. Beschrieben wird ihre jetzige Beziehung zu ihrem früheren Ehemann William und den zwei gemeinsamen Töchtern.

What a strange thing life is.

Wer diesen Erzählstil mag, wird sich darin unfassbar wohl fühlen. Es wird nicht gespart an lebenswichtigen Themen, doch zumeist aus der Zukunft in Rückblenden erzählt. Dadurch gewinnen selbst die dramatischen Ereignisse eine gewisse Ruhe im Sinne von „wir können alles überleben“. Lucy Barton beschreibt ihr Leben, ihre Begegnungen mit bekannten aber auch unbekannten Menschen und kommt letztlich zum Schluss, dass wir niemals einen Menschen wirklich kennen können. Nicht mal uns selbst. Diese Erkenntnis, die sich hoffnungslos anfühlen könnte, ist in Wirklichkeit das Versprechen, dass wir uns immer neu entdecken können. Uns selbst, aber auch die Menschen um uns, von denen wir glauben, sie zu kennen.

We do not know anybody, not even ourselves!


Kürzlich bin ich auf einen Artikel gestoßen, der sich mit den kulturellen Eigenschaften von Speisekarten beschäftigt (how to read menus as cultural texts?). Dabei wurden viele interessante Aspekte angesprochen:

  • Speisekarten können durch die Wahl der Sprache (mit)bestimmen, wer dort essen darf. Eine Speisekarte ausschließlich in französischer Sprache in einem nicht-französisch-sprachigen Land verlangt dementsprechend ein gewisses kulturelles Kapital von seinen Besucher:innen.
  • Früher stand eine ausführliche Speisekarte mit vielen Auswahlmöglichkeiten für die Qualität des Restaurants. Heute wird zumeist eine kürzere Speisekarte als hochwertig angesehen. Die Lieferrestauraunts, die Pizza, Schnitzel, Nudeln, Burger und was auch immer anbieten, machen oft genug nichts davon gut. Das weltberühmte Restaurant noma in Kopenhagen bietet überhaupt nur ein Menü für alle Gäste an.
  • In Japan ist es nicht nur üblich, Abbildungen der Gerichte in Speisekarten oder auf Plakaten abzudrucken. Es gibt auch viele Restaurants, wo Plastikmodelle der Speisen den Besucher:innen vorab zeigen, worauf sie sich einlassen. Die gleiche Praxis wird in den USA tendenziell als billig empfunden.

Schaufenster eines Restaurants in Japan, die angebotenen Speisen sind als Plastikmodelle in schräg zur Betrachter:in geneigten Tellern abgebildet

Reingekippt bin ich auf das Thema auch, weil mich in dem Stockerau-Buch die Speisekarte aus den 1970er-Jahren so amüsiert hatte. Am Ende des Artikels sind mehrere Büchereien genannt, die eine Sammlung von historischen Speisekarten haben und diese auch (zumindest teilweise) online zur Verfügung stellen.

  • Mit dem Angebot der New York Public Library konnte ich leider nichts anfangen. Die Suchfunktion gibt mir eine Fehlermeldung und wenn ich einzelne Speisekarten anklicke, werden die Bilder nicht angezeigt. Ist aber vielleicht nur bei mir so …
  • Mehr Erfolg hatte ich in der Conrad N. Hilton Library. Mit dem Suchbegriff „Austria“ hatte ich schnell eine Speisekarte des „Liesinger Stadtkellers“ aus dem Jahr 1950 gefunden. Wie auch die Speisekarte in dem oben genannten Buch, ist diese Speisekarte mit Schreibmaschine geschrieben, Basis ist eine Art Briefpapier, das in rot und schwarz gedruckt den Namen und die wichtigsten Informationen zum Lokal enthält. Zusätzlich in rot gedruckt sind einige dekorative Objekte an den Rändern links und rechts sowie eine Werbung für Swiss Air am unteren Rand der Seite.
    Die angebotenen Speisen sind zahlreich und sehr variabel. Allein schon die Liste der Vorspeisen ist international. Sie enthält unter anderem
    Hors d’ oevre varie de LUXE (sic!), eine Schwedenplatte, Russische s Ei (sic!), Ung. Eiersalat, Ital. Fleischsalat, Bayr. Ochsenmaulsalat und Strassburger Gansleber in Terrine m.Toast.
    Bemerkenswert ist auch, das die Preise sehr variieren: Mit 6.50 Schilling ist das Russische Ei die billigste kalte Vorspeise, demgegenüber stehen die Hors d’ oevre varie de LUXE mit 48.– Schilling. Dabei handelt es sich auch insgesamt um das teuerste Gericht der Karte, keine der Hauptspeisen schlägt mit mehr als 28.– Schilling zu Buche.
  • In der digital menu collection der University of Washington konnte ich nichts finden mit den Suchbegriffen nach europäischen Ländern. Also habe ich etwas herumgestöbert und fand hier Beispiele für die oben genannten Themen: das mexikanische Restaurant Casa Lupita in Seattle hatte im Jahr 1975 eine umfangreiche Speisekarte, das teuerste Gericht ist das Deluxe Mexican Dinner um 6.45 $. Bei Tacos, Burritos, Chalupas und Enchiladas kann aus mehreren Füllvarianten ausgewählt werden. Enchiladas ohne Fleisch sind günstiger als jene mit Huhn oder Rind.
    In einer deutlich anderen Liga spielt da der Seattle Yacht Club mit seinem luncheon menu, approximately 1975. Schon die Titelseite sticht heraus mit dem vielen Weißraum und der großzügigen Serifenschrift. Trotz Recherche mittels identifont und whatthefont konnte ich die Schriftart nicht einwandfrei identifizieren. Im Speisenangebot ist eine umfangreiche Auswahl an Sandwiches, „all the above served with fruit cup, cottage cheese or potato salad“. Auf der dritten Seite der Speisekarte werden dann verschiedene Speisen unter der Überschrift „This and That“ angeboten. Diese Speisekarte ist auf beigefarbenem Papier gedruckt mit mindestens drei Farben (rot, schwarz und grau). Die gesamte Aufmachung der Speisekarte wirkt deutlich wertiger als diejenige des oben genannten mexikanischen Restaurants Casa Lupita, obwohl bei den Preisen gar nicht so viel Unterschied besteht.

Die Recherche zu diesen historischen Speisekarten ist einer der Gründe, warum ich diesen Post verschleppt habe. Ich hätte mich noch ewig durch die Archive klicken können. Wenn ihr also eine ähnliche Begeisterung verspürt, rate ich euch, nehmt euch Zeit, ihr werdet sie brauchen.

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Roman

Jessica Lind – Mama

CN: Geburt, Einsamkeit, Gewalt gegen Tiere


Es war ihr, als wäre die Hütte losgelöst von der Zeit. Es ist auch eine Erklärung dafür, warum sie hier den anderen begegnet ist.

  • Vibes von Marlen Haushofers „Die Wand“ schweifen durch diese Geschichte (jedoch ohne die fürs Überleben notwendigen Alltagsdinge).
  • Verwoben ist die Einsamkeit im Wald mit einem Verlust von Zeit und Verstand (?) ausgelöst durch Kinderwunsch und Geburt. Es könnte als Allegorie auf postpartale Depression verstanden werden.
  • Auch die Hündin und der Jäger stellen Symbole dar, die ich jedoch nicht (für mich) zufriedenstellend entschlüsseln konnte. Die Hündin als Symbol für die Angst, dass dem eigenen Kind etwas Schlimmes zustoßen könnte? Dass vielleicht sie selbst das Schlimme sein könnte, das ihrem Kind zustößt? Der Jäger als Symbol für den Vater, der trotz Anwesenheit nie dieselbe Verbindung zu dem Kind haben kann wie die Mutter, die es monatelang in ihrem Körper mit sich getragen hat?

Viel Interpretationsspielraum in dieser Geschichte um Elternschaft und die damit verbundenen Ängste und Sorgen.

Randnotiz: Der Multichecker hat mir im Browser auf dem Smartphone stets eine falsche Antwort angezeigt. Beim Versuch am Computer hingegen hat alles gestimmt. Erkenntnis: dem Multichecker ist auch nicht immer zu trauen.