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Roman Thriller

Kanae Minato – Geständnisse

Aber wer weiß, wenn ich etwas richtig Scheußliches anstellte, dann würde sie vielleicht endlich zu mir zurückkommen.

Rache, Wertigkeit und Wertlosigkeit sind die zentralen Themen dieses Thrillers. Jedes Kapitel wird aus der Sicht einer anderen Person erzählt, nur die Lehrerin Yuko kommt zu Beginn und zum Ende zu Wort und zündet in jedem dieser Kapitel die sprichwörtliche Bombe. Durch die unterschiedlichen Perspektiven der einzelnen Protagonist*innen ergibt sich ein facettenreiches psychologisches Bild der Wertigkeit und Wertlosigkeit in der japanischen Kultur. Scham, Sprachlosigkeit und fehlgeleitete gesellschaftliche Prägung treiben gleich mehrere Personen zu unvorstellbaren Handlungen. Missverständnisse, die niemals aufgeklärt werden, weil die beteiligten Personen nicht miteinander sprechen (können), führen letztendlich zur Katastrophe. 

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Krimi Roman

Jo Nesbo – Die Fährte

Frauen haben nicht diese Eitelkeit, was Macht angeht. Sie brauchen nicht die sichtbare Macht, sie brauchen nur so viel Macht, um zu bekommen, was sie wollen.

Bei diesem Harry Hole-Roman habe ich mir intensiv gewünscht, ich hätte die Reihe in der richtigen Reihenfolge gelesen. Vorsicht, es folgt ein Spoiler. Da ich mit Leopard begonnen habe, weiß ich bereits, wie die Beziehung zwischen Ravel und Harry sich entwickeln wird, ich weiß, welches düstere Schicksal Harry bevorsteht. Das lässt die Ereignisse in einem anderen Licht erscheinen. Und nimmt einen Teil der Spannung weg. Wobei man natürlich durch dieses Wissen den Verlauf der Geschichte und vor allem die clever gesetzte Schlussnote ganz anders interpretieren kann.

Die Wendungen folgen so rasch aufeinander, dass man sich kaum ein paar Seiten auf eine eigene Interpretation der Geschehnisse verlassen kann. Im einen Moment denkt man, der müsste der Mörder sein und drei Seiten später ist klar, diese Person kann es nicht gewesen sein. Und die tatsächliche Auflösung setzt dem Ganzen dann wahrlich eine Krone auf. Darauf kommt bestimmt kein Leser … da muss man schon das wirre Gehirn eines Krimiautors haben. Als Leser kann man diese Situation natürlich schön genießen. Wer Krimis liest, sollte an Harry Hole nicht vorbeigehen.

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Roman

John Irving – Letzte Nacht in Twisted River

Vielleicht trug dieser Moment der Sprachlosigkeit dazu bei, dass Daniel Baciagalupo Schriftsteller wurde. Diese Momente, in denen man weiß, dass man etwas sagen sollte, einem die richtigen Worte aber nicht einfallen – als Schriftsteller kann man diesen Momenten nicht genug Bedeutung beimessen.

Es ist ein raues Pflaster. Das Holzfällerörtchen Twisted River, in dem der Koch Dominic mit seinem Sohn Danny lebt. Aus ihrem beschaulichen Leben im Kochhaus wird jedoch eine lebenslange Flucht, nachdem der 12-jährige Danny versehentlich die Geliebte seines Vaters mit einer Bratpfanne erschlägt, weil er sie für einen Bären hält. So absurd, dass es schon wieder zu gut erfunden ist …

Pläne, Pläne, Pläne – wir schmieden Pläne für die Zukunft, als würde diese Zukunft garantiert eintreffen!

Mehrmals bauen sich Danny, der unter einem Pseudonym zum Bestsellerautor wird, und sein Vater Dominic eine neue Existenz auf. Auf der Flucht vor dem Cowboy, der sich wegen des Todes der Indianerin an Dominic rächen will, müssen beide Frauen zurücklassen und immer wieder ihre Heimat aufgeben. Letztendlich landen sie sogar außer Landes – in Toronto, wo sie der Cowboy dann doch noch aufspürt. Gerade auf den Fersen des alten Freundes Ketchum, der die beiden stets zu ihrer Sicherheit außerhalb der USA sehen wollte.

Wie passend, dass die sterblichen Überreste eines Kochs in einer Dose Arnes’ New York Steak Spiee untergebracht waren! Dominic Baciagalupo, dachte sein Sohn, der Schriftsteller, hätte sich darüber womöglich köstlich amüsiert.

Es ist schwierig, diese Geschichte zusammenzufassen, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt. Sie erzählt den größten Teil von Dannys, Dominica und Ketchums Leben und auch viele Geschichten zu den Personen, die ihnen auf ihrem Weg begegnen und sie ein Stück begleiten. Ich kann noch immer nicht identifizieren, wieso mich diese Geschichte deutlich kälter gelassen hat, als etwa Gottes Werk und Teufels Beitrag oder Bis ich dich finde. Die großen Lebensthemen bleiben nicht aus. Auch Bezüge zu geschichtlichen Ereignissen wie dem Vietnamkrieg verdeutlichen die Zeitebenen und zeichnen beinahe wie nebenbei ein Bild der amerikanischen Gesellschaft. Trotzdem glänzen die emotionalen Beziehungen von Dominic und Danny durch Abwesenheit gerade der großen Emotionen. Der Fokus liegt eindeutig auf den Vater-Sohn-Beziehungen. Und trotzdem freuen wir uns über den nochmaligen Auftritt der Heldin Lady Sky …

So versuchen wir unsere Helden am Leben zu erhalten; deshalb erinnern wir uns an sie.

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Krimi Roman

Michael Dibdin – Vendetta

I wandered off, neither knowing nor caring where I went. All places were equal now. My feet brought me here, like a horse that knows its own way home. He would be far away, I thought, speeding through the corridors of light in his big white car.

Nur sehr langsam kommt die Geschichte um Aurelio Zen in Gang. Da es sich dabei wiederum um eine Reihe handelt, langweilt sich vermutlich der Leser, der mit der Person bereits bekannt ist, noch mehr während der langen Beschreibungen der Arbeitskollegen, der Situation von Zens Mutter und seiner hoffnungslosen Verliebtheit in Kollegin Tania.

Erst als Zen in korrupten, politischen Untiefen zu versinken droht und schließlich allein nach Sardinien geschickt wird, obwohl ihm ein Mordkommando auf den Fersen ist, kommt etwas Schwung und Dynamik in die Handlung. Eine erste Klimax ergibt die herrlich bewerkstelligte Demaskierung von Zens Inkognito (er ist als Schweizer Reto Gurnter unterwegs). Der tatsächlich Höhepunkt folgt auf dem Fuß, wobei sich hier schließlich das Gefühl durchsetzt, der Autor hätte es „zu Ende bringen wollen“. Die Einzelheiten erklärt Zen seiner Kollegenschar, hier wäre eine etwas raffiniertere Auflösung wünschenswert gewesen.

Alles in allem nicht das schlechteste Werk, das Amazon letztes Jahr zu Weihnachten verschenkt hat. Wird sich zeigen, ob ich noch schaffe, alle zu lesen, bevor dieses Jahr wieder Weihnachten vor der Tür steht …

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Klassiker Roman

Nathaniel Hawthorne – Der scharlachrote Buchstabe

Wintersonne

Ich habe die Schwäche, Leute, die nicht gerade besonders unangenehm sind, gewöhnlich ganz gut leiden zu können. Ich sehe zuerst immer die guten Seiten meines Gegenübers, wenn solche da sind, und beurteile den Menschen danach. Weil die meisten dieser alten Zollbeamten gute Seiten hatten und weil die väterliche und beschützende Stellung, die ich ihnen gegenüber einnahm, freundschaftlichen Regungen zuträglich war, mochte ich sie bald alle gern.

Hier haben wir wieder mal einen Autor, der im Plauderton erst seine eigene berufliche Lage schildert, um schließlich mit einer Geschichte aufzuwarten, die von Schmerzen und Sünde nur so trieft. Jahrelanges Leiden und Büßen ereilt den Sünder, dessen Sünde offenbar wird. Vergebung war damals nicht so das Hauptthema.

Einmal trat dieser merkwürdige, unheimliche Ausdruck in Pearls Augen, als Hester gerade, wie es Mütter gern tun, ihr eigenes Spiegelbild darin suchte. Plötzlich war es ihr – denn einsame Frauen, die ein Kummer drückt, werden oft von unerklärlichen Wahnvorstellungen heimgesucht –, als sehe sie in dem kleinen schwarzen Spiegel nicht ihr eigenes verkleinertes Abbild, sondern ein fremdes Gesicht.

Kurzgefasst: Die Sünderin Hester Prynne wird an den Pranger gestellt, sie hat ein Kind geboren, will nicht sagen von wem, ihr Mann ist verschollen. Für ihr Leben wird sie mit dem scharlachroten A gekennzeichnet, dass sie fortan immer an ihrer Brust zu tragen hat. In einer einsamen Hütte zieht sie das Kind auf, ein Mädchen, das ihr Ein und Alles ist. Erst nach vielen Jahren enthüllt der Autor die Vaterschaft, gerade als sich für die an der Sünde Beteiligten ein Ausweg zu bieten scheint, greift das Schicksal ein und vereitelt die Pläne der Liebenden.

Es wäre der Betrachtung und Untersuchung wert, ob Haß und Liebe nicht im Grunde dasselbe sind. Beide können sich nur bei einem hohen Grad von Vertrautheit und Herzenskenntnis voll entfalten; im Haß und in der Liebe ist ein jeder in seinem triebhaften und geistigen Leben auf den anderen angewiesen, und der leidenschaftlich Liebende wie der nicht weniger leidenschaftlich Hassende bleiben verzweifelt und elend zurück, wenn ihnen ihr Gegenüber entzogen wird.

Wikipedia nennt das Buch „eines der bedeutendsten Werke der amerikanischen Literatur“. Ich kann das nicht ganz nachvollziehen. Ich kann mir diese Geschichte sehr gut dramatisiert vorstellen, als Film oder als Musical, da es soviel Interpretationsspielraum zulässt. Die Gefahr durch den Arzt Chillingworth erschien mir beim Lesen der Geschichte nicht so plastisch, eine Bedrohung nicht greifbar. Eine Musicalfassung gibt es laut Wikipedia nicht, das wäre doch vielleicht mal ein spannendes Projekt für Frank Wildhorn und seine großen Balladen? Dann würde vielleicht auch ich die tieferen Töne dieser Geschichte verstehen.

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Roman

Salvatore Niffoi – Die barfüßige Witwe

Endstation made with Cam+

„Aber wenn wir alt sind, haben wir uns dann immer noch so lieb wie jetzt?“
„Wir haben uns auch noch lieb, wenn wir gestorben sind, Mintò!“

Es erscheint als bemerkenswerte Ironie, dass es Salvatore Niffoi einerseits gelingt, dieses Versprechen sterben zu lassen und andererseits in der Erfüllung dieses Versprechens andere sterben zu lassen. Es entspinnt sich eine Liebesgeschichte zwischen Mintonia und Micheddu, der im trostlosen Sardinien der Zwischenkriegszeit vom Kleinkriminellen schließlich zum gesuchten Banditen wird. Gegen die Widerstände der Familien heiraten die beiden, versuchen sich in der kargen Landschaft ein Leben aufzubauen. Doch eine Intrige reißt sie auseinander: das Buch beginnt mit dem Tod Micheddus, er wurde ermordet, angeblich in Notwehr. Seine Frau will dies natürlich nicht glauben. In ihrer Lebensbeichte erzählt sie die Entstehung dieser unmöglich scheinenden Liebe, angefangen von ihrer Kindheit über die Heirat und die trostlose Zeit ihrer Ehe, die sie zumeist getrennt verbringen, Micheddus schließlich unleugbar werdende Affären, bis zur Zeit nach Micheddus Tod. Sein zweites Kind trägt Mintonia noch im Bauch.

Nur Blut sag ich in meinen Augen, bitteres Blut, das mir glühend in den Kopf stieg. Tziu Imbeces Ratschläge, das Beispiel von Mannai Gantina, die in ihrem Leben keine einzige Fliege getötet hatte, die Bücher, die ich wie Brot unter den Eichen konsumiert hatte, der Unterricht bei Mastru Ramiro liefen an mir herunter wie Wasser auf den wächsernen Blättern der Steineiche. In mir kochte ein ursprünglicher Hass, der sich von nichts und niemandem bändigen ließ.

Letztendlich lässt sich der Hass nur durch Rache beruhigen. Auge um Auge, so hält es die Familienjustiz in diesen dunklen Tagen in einsamen Dörfern, wo es kaum eine Zukunft gibt, schon gar nicht für Mintonia, die Frau des ermordeten Banditen Micheddu. Ihre Rache erschüttert und berührt zugleich. Eine einfühlsame Geschichte über eine unmögliche Liebe.

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Roman

Petra Balzer de Garcia – Die Reben von Scala Dei

„Dass der Herr auch den Kelch Wein nimmt und ihn den Seinen reicht, zeigt, dass er uns nicht nur das geben will, was wir unbedingt brauchen. Er denkt uns auch zu, was uns Freude macht. Wie das Brot für all das steht, was wir zum Leben nötig haben, so der Wein für das, was uns des Lebens froh werden lässt.“

Es scheint ein recht feiner historischer Roman zu sein. Der junge Maure Raschid muss fliehen, denn die Christen erobern die Stadt Siurana, über die bisher seine Mutter Azia herrschte. Raschid muss sich als Christ ausgeben, um zu überleben. Der Weinhändler Bobo nimmt den Jungen als Lehrling unter seine Fittiche.

Raschids neues Leben nimmt seinen Lauf, schließlich verliebt er sich sogar in die schöne Alba, die mit Guillem, dem Sohn des Eroberers von Siurana, verheiratet wird. Und genau dieser Aspekt macht den Roman in weiterer Folge unglaubwürdig. Die Autorin verfängt sich in ihrer Geschichte, in die sie alles reinpacken will. Der religiöse Konflikt von Raschid, der mit seinem späteren Mentor Prior Père die Kartause Scala Dei gründet und deren Weinberge bewirtschaftet, bleibt vollkommen außen vor. Natürlich gelingt ihm letztendlich die Rache und alles wendet sich zum Guten, dies geschieht jedoch in furchterregender Geschwindigkeit und wirkt etwas an den Haaren herbeigezogen unglaubwürdig. Als wäre der Abgabetermin nahegerückt und daher musste der Deus ex machina die Geschichte zu einem guten Ende bringen.

Raschid war übel vor Unruhe und Furcht. Sicher, er war frei. Doch einen Tag zuvor war er dem Tod noch so nah gewesen. Nichts war von Dauer, dessen war er sich so gewiss wie nie zuvor.

Die Handlung ist in Katalonien angesiedelt (was mich ursprünglich veranlasst hat, zu dem Roman zu greifen). Hier wäre eine Übersichtskarte hilfreich, um die Reise von Raschid verfolgen zu können. Die Städte Siurana und Barcelona sind als Schauplätze auch heute zu finden. Auch die Eroberung der maurischen Stadt Siurana durch die Christen ist historisch bekannt. An diesen Fakten lehnt sich Petra Balzer de Garcia mit ihrem Roman an, die von ihr entworfene Liebesgeschichte über die Grenzen der Stände hinweg kann jedoch nicht überzeugen, so sehr ihre Beschreibungen des Weinbaus und Raschids Entwicklung zum Weinbauer auch gefallen.