CN: Alkohol- und Drogenmissbrauch, Abhängigkeit, sexuelle Handlungen, Covid19-Pandemie, Depression, BDSM
Eine Notiz aus Lithub, die in einer meiner Literatur-Inboxes gelandet ist. Aus Gründen, die sogar mich später nicht mehr interessieren werden, habe ich mir dieses Buch auf Apple Books gekauft und zügig durchgelesen.
Es ist das, als was es in dem Artikel beschrieben wird und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – hat es mich nicht gepackt. Die Kapitel werden abwechselnd aus der Sicht der fünf Protagonist:innen erzählt, die miteinander in loser Verbindung stehen. Allesamt sind sie in ihren Dreißigern und schon vor der Covid19-Pandemie mehr oder weniger in einem Stillstand der Mittelmäßigkeit gefangen. Als Gemeinsamkeit ist mir aufgefallen, dass in allen Beziehungen eine exzentrische Person auftaucht, die den Alltag aufrüttelt, die abweichende Wege geht und bei den Protagonist:innen ein Hinterfragen ihres Selbst, ihrer sexuellen Identität und ihrer Lebensentscheidungen auslöst.
Da ist die selbstbezogene Tonkünstlerin, in die sich die strikt vernunftorientierte Antonia Hals über Kopf verliebt. Da ist der drogenabhängige Hedonist, mit dem Aaron seine unterdrückte Homosexualität auslebt und erst daran erkennt, das seine langjährige Beziehung mit Cassie mehr durch Ko-Abhängigkeit definiert wird als durch Liebe. Da ist die exzentrische Performance-Künstlerin, die ihre Sexualität auch als Werkzeug ihrer Kunst benutzt und dem strauchelnden Schriftsteller Malcolm vor Augen führt, dass er im Leben nichts riskiert hat.
Everything I did, artistically and romantically and otherwise, was oriented around simply not losing what I already had.
Die Disruption von Pandemie und Lockdown und die Folgen der komplexen Beziehungen, die mit den oben beschriebenen Charakteren entstehen, gehen in unterschiedlichste Richtungen. Sind unsere Protagonist:innen am Ende besser dran als vorher? Das lässt sich schwer sagen (ausgenommen Aaron, der zumindest aktuell seine Substanzabhängigkeit überwunden hat). Diese Unklarheit, diese Ziellosigkeit ist es vermutlich auch, die mich mit einem unbequemen Gefühl zurücklässt. Es ist mir zu nah an der Wirklichkeit, zu nah an der lähmenden Realität der Covid19-Pandemie, die noch nicht so lange zurückliegt, wie es in den Medien oft dargestellt wird, zu nah an den Folgen, die manche Menschen dauerhaft aus dem Leben gerissen haben (durch Tod oder Long Covid). Zu nah dran, als dass ich jetzt noch weiter darüber nachdenken wollen würde.
CN: Tod und Gewalt im Film, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Suizid
Für die USA besaß Hollywood stets eine zwiespältige Bedeutung: Einerseits galt es als unfassbarer Sündenpfuhl, als Ort der Dekadenz und Skandale, des moralischen Abgrunds; andererseits erschien es als ultimative Bestätigung des American Dream, als die weit sichtbare Verwirklichung des in der Verfassung verbürgten Rechts auf das »pursuit of happiness«.
Robert Lorenz beschäftigt sich in diesem Buch mit Filmen, die nicht nur aus Hollywood kommen, sondern auch Hollywood zum Thema haben. Die Protagonist:innen dieser Filme sind allzuoft angelehnt an die realen Persönlichkeiten im Filmbusiness. Für die Autor:innen dieser Filme ist es natürlich ein Leichtes, aus den realen Begebenheiten und Eigenheiten der exzentrischen Charaktere des Filmbusiness zu schöpfen.
Diese Charaktere werden in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens und ihrer Karrieren gezeigt. Es beginnt mit dem Traum, ein berühmter Filmstar zu werden, mit dem so viele junge Frauen und Männer nach Hollywood kommen (What Price Hollywood?, A Star Is Born, 1937 und 1954). Der Traum erfüllt sich natürlich nur für die wenigsten von ihnen. Und selbst diese werden zumeist nicht dauerhaft glücklich. Gerade A Star Is Born zeigt dabei gleichzeitig den Aufstieg sowie den Abstieg, der oft von Alkohol- und Drogenmissbrauch begleitet ist.
Im Grunde berührt die Entstehungsgeschichte der 1954er Auflage von A Star Is Born den Nukleus der Filmhandlung: die ebenso schöpferischen wie zerstörerischen Mechanismen des Showgeschäfts, die unabänderliche Nähe von Auf- und Abstieg innerhalb einer Starkarriere. Und beide – der fiktive Film wie dessen reale Entstehung – haben dieselbe Protagonistin: Judy Garland.
Andere Filme zeigen diejenigen, deren großer Stern bereits gesunken ist. Hier kommt mein Interesse zum Tragen, ich bin wegen einer Recherche zu Sunset Boulevard bei diesem Buch gelandet. Hier sehen wir die Hollywood-Diva aus der Stummfilmzeit, die mit dem Tonfilm einfach nichts anfangen kann und der Zeit nachtrauert, als ihr die Welt zu Füßen lag. Lorenz schreibt von ihrer „am eigenen Ruhm erkrankte[n] Seele“. Ähnlich frustrierend ergeht es den Protagonistinnen von What Ever Happened to Baby Jane?, in dem gleich zwei Schwestern in erbittertem Kampf um den vergangenen Ruhm dem Abgrund entgegen driften.
Die edlen Materialien, die im Innern verbaut sind, die erlesenen Möbel und Accessoires, als das wirkt hier seltsam tot, wie die Stille eines Mausoleums, und führt den Zuschauer:innen die Tragik einer ungleichzeitigen Existenz vor Augen: Wie bedeutungs- und trostlos der materielle Wohlstand ist, wenn alles andere aus den Räumen entwichen, wenn die Ressource aus Ruhm und Anerkennung ausgerechnet für jene Menschen versiegt ist, die doch gerade davon – und manchmal nur davon – zehren.
Neben den Stars der Hollywood-Filme spielen auch die Produzenten (damals ausnahmslos Männer) eine wesentliche Rolle. Portraitiert werden sie zumeist als egozentrische Mistkerle, die ihre Untergebenen schamlos ausnutzen, um auf ihrem Rücken möglichst viel Geld zu scheffeln. Die oben bereits genannte Judy Garland ist ein bekanntes Beispiel für die menschenfeindlichen Methoden, unter denen die Darsteller:innen damals zu leiden hatten: Laut ihren eigenen Aussagen wurden ihr und den anderen Teenagerstars Amphetamine (zum Aufputschen) und Barbiturate (abends zum Schlafen) verabreicht, damit sie mit den stressigen Arbeitsbedingungen der Filmstudios mithalten konnten. Für Garland führte dies zu einem lebenslangen Kampf gegen Suchtkrankheit und schließlich zu einem Tod durch Überdosis.
The Day of the Locust ist ein Anti-Hollywoodfilm. Zeigen What Price Hollywood? oder die beiden A Star Is Born-Filme die Gescheiterten als unglückliche Ausnahmen, die sich von einem im Grundsatz intakten System nicht mehr integrieren lassen, so sucht man in The Day of the Locust vergebens nach einem positiven Aspekt der Filmstadt. So gut wie niemand im Film hat zu irgendeiner Form von Glück gefunden.
Interessant fand ich auch, dass Anfang des 20. Jahrhunderts Hollywood als Filmmetropole noch gar nicht existierte. New York und Chicago waren damals die Metropolen, von denen aus die Geldgeber operierten. Ein Konsortium an großen Filmfirmen – die Motion Picture Patents Company (MPCC) – hielt alle relevanten Patente, die notwendig waren, um eine funktionierende Filmkamera herzustellen. Jedes Filmunternehmen musste also Lizenzgebühren an dieses Konsortium zahlen. Um diesem finanziellen Druck zu entgehen, siedelten sich Filmstudios in Kalifornien an, „um so weit wie nur irgend möglich von den an der Ostküste beheimateten Patenteignern zu drehen (und um sich notfalls über die mexikanische Grenze aus dem Staub machen zu können).“
Zwischen all der berechtigten Kritik schwingt natürlich des Autors Liebe zum Hollywood-Film immer mit. Wortgewaltig beschreibt er die Villen der Stars, wie sie als Kulissen in den Filmen zu sehen sind. Seine Beschreibungen erwecken die Filmsets mehr zum Leben als die wenigen Screenshots, die am Ende jedes Kapitels einen Eindruck des Films zeigen sollen. Positiv ist mir aufgefallen, dass nahezu durchgehend eine genderneutrale Sprache oder mit Doppelpunkt gegenderte Berufsbezeichnungen verwendet werden (zB Regisseur:innen). Die Frage nach dem Verlag, der sich das antutgefallen lässt dermaßen fortschrittlich zeigt, hat eine unerwartete Antwort: Das Buch ist im Selbstverlag bei Books on Demand (BoD) erschienen.
CN: Prostitution, Tod durch Unfall, Religion, Drogenmissbrauch (Heroin), Krieg (Vietnam), Suizidgedanken, Prostitution, 9/11
A man high in the air while a plane disappears, it seems, into the edge of the building. One small scrap of history meeting a larger one. As if the walking man were somehow anticipating what would come later.
Dieses Buch hatte ich ganz unten auf meiner Merkliste in der Overdrive eLibrary, es muss dort also ungefähr so lange stehen, wie ich dieses Angebot der Büchereien Wien nutze. Dass ich das Buch gerade jetzt – 25 Jahre nach 9/11 – gelesen habe, war reiner Zufall. Die Geschichte beginnt mit der Beschreibung einer wahren Begebenheit: Philip Petit balancierte am 7. August 1974 auf einem Stahlseil zwischen den Türmen des World Trade Centers. Von diesem Ereignis ausgehend erfindet Collum McCann eine Geschichte, die Jahrzehnte umspannt und Protagonist:innen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten miteinander in Verbindung bringt.
Beginnend mit zwei Brüdern, die vor den Konflikten zwischen Nord- und Südirland aus Dublin nach Amerika fliehen, entfaltet sich ein Panorama an unterschiedlichen Charakteren. Während Corrie sich als Mönch betrachtet, der den lokalen Prostituierten aus Nächstenliebe sein Badezimmer zur Verfügung stellt, hadert sein Bruder Ciaran mit dem in vieler Hinsicht lebensfeindlichen New York, das er sich ganz anders vorgestellt hat. Im Gegensatz dazu lernen die Leser:innen Claire kennen, die mit ihrem Mann, der als Richter arbeitet, auf der Park Avenue residiert. Claire teilt aber das Schicksal vier anderer Frauen: Sie alle haben einen oder mehrere Söhne im Vietnamkrieg verloren.
Es wäre ein Spoiler, die sich im Verlauf der Geschichte nur langsam aufdeckenden Verbindungen auch nur anzudeuten. Eines haben die Protagonist:innen jedoch allesamt gemeinsam: Keine:r ist wirklich glücklich. Alle haben Verluste erlitten oder bereuen falsche Entscheidungen. Jede:r kämpft mit der Vergangenheit und gleichzeitig mit einer Zukunft, die aufgrund der erlebten Vergangenheit unerträglich scheint.
Im Nachwort erklärt der Autor, dass abgesehen von Philip Petit alle Figuren und Ereignisse erfunden sind. Nichtsdestotrotz bleibt es ein trauriger Roman, weil jedes einzelne Schicksal genauso gut war sein könnte und in ähnlicher Form vermutlich immer wieder vorkommt. Der melodische Schreibstil hat mich jedoch sehr in seinen Bann gezogen. Obwohl die Kapitel keine Cliffhanger haben, wollte ich immer weiter leisen. Somit habe ich es dann in wenigen Tagen durch den nicht eben kurzen Roman geschafft. Der Schluss will versöhnlich sein. Wir brauchen schließlich einen Lichtblick, um weiterhin gegen die Dunkelheit zu kämpfen.
We stumble on, now, we drain the light from the dark, to make it last.
CN: Drogenkonsum, Sexismus, Ableismus, Unfall, Panikattacken, Tod eines nahen Angehörigen
Schreiben ist gerade wieder schwierig, daher ist schon einige Zeit vergangen, seit ich dieses Buch als Teil unseres Hugo-Awards-Nominees-Buchclubs gelesen habe. Es hat mich jedenfalls in seiner Vielschichtigkeit begeistert.
Die Protagonistin Zelu ist eine selbstbestimmte Frau, die nicht nach den Regeln der Gesellschaft oder ihrer Familie spielen will. Im Alter von zwölf Jahren ist sie aus einem Baum gestürzt und kann sich seitdem nur noch im Rollstuhl fortbewegen. Als schwarze, behinderte Frau erlebt sie immer wieder sexistische und ableistische Beleidigungen. Doch sie weigert sich aktiv, die Rolle anzunehmen, die ihr von Familie und Gesellschaft zugeteilt wird. Sie nutzt autonome Taxis, um sich fortzubewegen und nimmt später die Möglichkeit an, durch ein modernes Exoskelett-Projekt wieder gehen zu können.
But I’d heard Zelu loud and clear. She blamed herself and her arrogance for all that had happened, no matter what anyone said or what her logical brain knew. She couldn’t help it. It was how she’d been able to accept what she was. She had to own it. But the problem is, blame comes with guilt, and guilt is heavy, and that pressure just keeps building.
Ihre aus Nigeria stammende Familie steht in ständigem Konflikt mit Zelu. Lange war mir nicht klar, warum ihre Familie sich so sehr dagegen wehrt, dass Zelu selbständig leben möchte. Erst gegen Ende hin habe ich verstanden, dass Zelus Familie ihr die Schuld für ihre Behinderung gibt. Mit ihrem Fall aus dem Baum hat sie sich selbst zur Belastung für ihre Familie gemacht. Jede neue Aufregung, die Zelu nun in die Familie trägt, wird als weitere Zumutung empfunden.
Stories were the greatest currency to us, greater than power, greater than control. Stories were our food, nourishment, enrichment. To consume a story was to add to our code, deepen our minds. We felt it the moment, we took it in. We were changed. It was like falling. It was how we evolved.
Zelu erlangt durch einen Roman über Roboter Berühmtheit. Die Kapitel dieses Romans sind immer wieder zwischen den Kapiteln über Zelu eingestreut. In ihrem Buch geht es um Roboter, die eine von Menschen entvölkerte Erde bewohnen. Manche dieser Roboter sind auf der Suche nach Geschichten, andere verlangt es nach Macht (was die Roboter auf eine zutiefst irritierende Weise menschlich wirken lässt). Eine aus der Not entstandene Freundschaft zwischen dem humanoiden Roboter Ankara und dem körperlosen Robotergeist Iyele zeigt auf, dass die verfeindeten Roboterspezies eigentlich gar nicht so unterschiedlich sind, wie es auf den ersten Blick wirkt.
Es gäbe noch so viel mehr über dieses Buch zu schreiben. Für den Moment muss es reichen, dass ich mit diesem Blog Post einen Bann durchbrochen habe. Hoffentlich bringen die nächsten Tage weitere Fortschritte.
CN: Dieses Buch kann als das verstanden werden, was heute oft als inspiration porn kritisiert wird, ist im Kontext seiner Zeit aber ein wichtiges historisches Dokument. Im Kontext der Zeit werden auch Themen wie Krieg, Holocaust und Rassismus thematisiert.
Helen Keller wurde 1880 in Alabama geboren. Im Alter von 19 Monaten erkrankte sie schwer und verlor im Zuge dieser Krankheit ihr Seh- und Hörvermögen, die Ursache ist bis heute nicht vollständig geklärt. Sie wurde also als Kleinkind, das gerade im Begriff ist, die Welt zu erkunden von zwei zentralen Sinneswahrnehmungen abgeschnitten, diese Erfahrung mag ich mir nicht mal vorstellen.
Ich wusste, dass meine Mutter und meine Freunde nicht, wie ich, Zeichen benutzten, wenn sie etwas mitteilen wollten, sondern mit ihren Mündern sprachen.
Bemerkenswert ist, dass sie sich von ihren Behinderungen nicht aufhalten lässt. Frustriert über ihr Unvermögen, sich verständlich zu machen, kämpfte sie immer wieder mit Zornesausbrüchen. Ihr Leben erfährt eine erneute Wendung, als ihre Eltern eine Privatlehrerin für sie finden, die ihr neue Kommunikationswege eröffnet und für ihr weiteres Leben prägend sein wird. Helen lernt das Alphabet, das ihre Lehrerin ihr in die Hand schreibt, erlernt in weiterer Folge das Braille-Alphabet und erlangt durch das Lesen vielfältige Kenntnisse über die Welt. Ich war immer wieder überrascht über ihren unstillbaren Wissensdurst, der sie schließlich alle möglichen Widerstände überwindend an die Universität führt.
Besonders poetisch sind ihre Beschreibungen, wie sie die Welt wahrnimmt, wie und was sie ohne Seh- und Hörvermögen spürt, wie hier in ihrer Beschreibung ihres ersten Besuchs am Strand:
Ich spürte das Rasseln der Kiesel, wenn die Wassermassen zurückrollten. Der ganze Strand war ihrem heftigen Ansturm ausgesetzt und die Luft pulsierte von ihrem Rhythmus. Die Wellen rollten zurück und formierten sich neu zu noch mächtigeren Brechern. Fasziniert und angespannt zugleich klammerte ich mich an den Felsen und spürte das gewaltige Krachen und Donnern der Brandung!
Es kann nicht unerwähnt bleiben, dass Helen in der privilegierten Situation aufwuchs, dass ihre Eltern nicht nur den Willen, sondern auch die finanziellen Mittel und Kontakte (unter anderem zu Alexander Graham Bell, der sich zeitlebens für die Ausbildung von gehörlosen Menschen einsetzte) hatten, um ihr die Ausbildung und ständige Begleitung durch eine Privatlehrerin zu ermöglichen. Nichtsdestotrotz erscheint ihre Willenskraft und ihre unermüdliche Arbeit beinahe überirdisch, noch dazu in der damaligen Zeit.
Das vorliegende Buch beschreibt die ersten 20 Jahre ihres Lebens, ihre weitere Lebensgeschichte ist jedoch nicht weniger bemerkenswert (zum Beispiel hier auf Wikipedia nachzulesen). Ihre zunehmende Bekanntheit nutzte sie, um sich für die Ausbildung von behinderten Kindern und später für viele andere soziale Themen einzusetzen.
So viele Jahre später ist es leider immer noch (oder wieder) eine Tatsache, dass es behinderten Menschen außerordentlich erschwert wird, Bildung und Beschäftigung zu finden und an der Gesellschaft teilzuhaben. Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einer Freundin, in dem wir uns über Protestformen austauschten, in dem sie meinte, die Gesellschaft würde sich eben langsam verändern und radikale Proteste würden diesen Prozess eher behindern, weil sie grob gesagt „unsympathisch“ auf die Mehrheitsgesellschaft wirkten (sehr verkürzt dargestellt, das ganze Gespräch würde den Rahmen sprengen). Helen Keller hat (aus meiner Sicht) auf Aufklärung und Verständnis gesetzt und trotzdem ist es nach so langer Zeit noch nicht selbstverständlich, dass behinderten und chronisch kranken Menschen die Unterstützung gegeben wird, die sie zur Teilhabe benötigen. Unsere Welt ist komplexer geworden und es mag im Alltag überfordernd sein, die vielen verschiedenen Bedürfnisse unterschiedlicher Menschen und ihrer Lebensumstände zu verstehen und zu berücksichtigen. Was mir jedoch gerade das Herz bricht, ist, dass es so viele Menschen gibt, die das nicht mal versuchen wollen.
Mir selbst hat – wie auch Helen Keller – lange das Lesen andere Perspektiven auf die Welt ermöglicht. Heute kenne ich persönlich und über das Internet viele Menschen, die mit den unterschiedlichsten Herausforderungen in ihrem Alltag konfrontiert sind und dabei viel zu oft Abwertung und mangelnde Unterstützung erfahren. Uns, die versuchen wollen, eine Welt zu schaffen, in der allen Menschen gleich viel Wert beigemessen wird, in der allen Menschen die gleiche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht wird, bleibt nur, die Hoffnung nicht zu verlieren, und weiter für Verständnis und Solidarität einzutreten. In jedweder Form, die wir für richtig halten.
Mit dem Jahresrückblick 2025 unter der Buchbesprechung.
You’re still living in a world where truth matters, where facts are important. They aren’t anymore. They’re fluid and we’re losing facts as fast as we’re losing water.
Über Louise Penny und ihre Krimireihe um Inspektor Gamache und das fiktive kanadische Dörfchen Three Pines habe ich schon viel geschrieben. Auf die aktuelle Fortsetzung habe ich einige Wochen gewartet und sie dann rechtzeitig in den Weihnachtsferien endlich bekommen.
The power of words. All wars start with words. All conflicts start with early warnings that are ignored.
Das Geniale und gleichzeitig extrem Beunruhigende an diesem Buch ist die Nähe zur aktuellen Situation. Offene Lügen und versteckte Halbwahrheiten machen es schwierig, zu entscheiden, wem wir vertrauen können. Mit diesen deutlichen Verbundenheiten war mir der Roman fast zu nahe an der aktuellen weltpolitischen Situation, um unterhaltsam (im Sinne von temporärem Eskapismus) zu sein. Gleich mehrere Personen gibt es in diesem Roman, von denen wir nicht wissen, wo ihre Loyalität tatsächlich liegt. Die Hinweise darauf ändern sich auch immer wieder, manchmal muss Gamache sehr kurzfristig entscheiden, ob er einer Person in diesem Moment vertrauen kann oder nicht. Eine Ministerin beauftragt ihre Security-Mitarbeiterin mit einem ungerechtfertigten Haftbefehl, um ihre Integrität zu testen. Alles in allem habe ich dieses Buch wegen der großen Nähe zur aktuellen politischen Lage in Nordamerika vielleicht weniger genossen als andere in der Reihe. Gleichzeitig verstehe ich auch, warum die Autorin diese Themen anspricht und ihre Plattform nutzt, um auf die Lügen und Halbwahrheiten hinzuweisen und vielleicht die eine oder den anderen dazu zu motivieren, genauer hinzuschauen und zu hinterfragen.
Isn’t that the best way to misdirect? To hide the lie inside a truth?
Mein Jahr war in einem Wort: wechselhaft. Viel Reisen bis August. Ab der Jahreshälfte insgesamt deutlich besser als davor. Dann aber geprägt von einer großen persönlichen Veränderung, die mir viel abverlangt hat, das ich mir in der ersten Jahreshälfte gar nicht vorstellen konnte. Eines bleibt, wie es immer war: Der Wahnsinn hat immer Saison.
Ein paar Einblicke:
Der Jänner begann mit einem Jahresanfangsurlaub in Slowenien. Maribor und Ljubljana haben mir sehr gefallen. Auch die Zugfahrten haben gehalten, was sie versprochen haben.
Im Februar folgte die erste Hacktour des Jahres ins Atomkraftwerk in Zwentendorf. Es waren viele Besucher:innen auch aus anderen Bundesländern angereist, darüber habe ich mich besonders gefreut. Später im Jahr folgten Hacktours ins Schildermalermuseum in Wien und ins Gartenbaukino (leider ist der Bericht immer noch nicht fertig …). Außerdem unternahm ich mit dem Radfahrer eine Winterwanderung am Semmering.
Der März brachte keine großen Veränderungen abgesehen von der Ankunft meines neuen Arbeitsgeräts: ein Macbook Air M4 2025, das mich die nächsten Jahre durch meinen Arbeits- und auch sonstigen Alltag begleiten wird.
Der April war geprägt durch die erste große Reise des Jahres. Per Interrail fuhr ich durch Italien bis an die Côte d’Azur, wo ich den Fotografen traf. Diese Reise habe ich ausführlich auf meinem Geocaching-Blog dokumentiert: Bolzano/Bozen, Genova/Genua, Cannes, Antibes, Cuneo, Trento.
Im Rahmen meines Berlin-Besuchs Anfang Juli schipperten wir auf dem Tegeler See. Danach ging mir mit einigen Aufs und Abs die Lust am Geocaching abhanden, obwohl ich meine selbst ausgedachte Geocaching-Challenge trotzdem lange vor der Zeit vollenden konnte. Ich hatte mir vorgenommen, meine Liste gelöster Mystery-Caches zu reduzieren und durchschnittlich pro Woche einen Cache aus dieser Liste zu finden. Natürlich waren das oft mehr als einer und dann lange gar nichts. Leider bin ich an einem Abend (und später wieder) umgefallen und habe der Liste wieder viele neue (einfach zu lösende) Mystery Caches hinzugefügt. Dementsprechend könnte ich vermutlich nächstes Jahr wieder genau dasselbe machen.
Der Juli brachte außerdem die erste Instanz des Poly Dog Picknicks, bei dem sich drei Hunde und fünf Erwachsene im Augarten verlustierten. Weiters begab sich eine Geburtstagsfeier auf der Donauinsel, bei der Lupo, der Hund, immer wieder extrem nah am Wasser in Lauerstellung ging (untypisch für ihn wegen Wasserscheuheit). Später stellte sich heraus: eine Wasserschlange hatte fette Beute gemacht und hätte diese lieber in Ruhe am Ufer verspeist. Beim diesjährlichen Besuch in Raabs an der Thaya gelang mir die Lösung eines Geocaching-Rätsels, die uns zu einem Schacht führte, wo einst Probebohrungen für einen möglichen österreichischen Standort für das CERN vorgenommen worden waren. Und dann wurde im Juli noch eine neue Erdenbürgerin geboren, die wir in unserer erweiterten Familie herzlichst willkommen heißen!
Anfang August brachte den zweiten großen Urlaub des Jahres: eine Woche Strand in Benalmádena südlich von Málaga mit Freundin und ihren beiden Teenager-Kids. Ich habe nur einen einzigen Geocache gefunden und ansonsten eine Woche ernsthaft relaxt. Kein Ausflug in die Stadt (es war auch viel zu heiß), einfach nur Tag für Tag am Strand oder am Pool verschwenden, essen, trinken, existieren. Später im August durfte ich an einer semi-privaten Führung durch das Theater an der Wien teilnehmen (hier aufgeschrieben). Mein Jubel darüber, dass wir sowohl ans Fundament der Drehbühne als auch in den dritten Rang zu den Stehplätzen durften, war grenzenlos.
Ab September war ich mit der bereits oben erwähnten persönlichen Veränderung befasst, ich durfte aber auch Himbeeren ernten, Feuermelder tauschen, eine Geocache-Nemesis besiegen, eine (nicht von mir organisierte) Tour auf dem Wiener Zentralfriedhof besuchen, einen monatelangen Kampf mit einem Internetanbieter ausfechten, einen Hackathon ausrichten und ein daraus entstandenes Projekt abwickeln, meine Niblinge auf einen Ausflug ins Ikono Wien entführen, Chili-Öl herstellen und eine weitere Erdenbürgerin willkommen heißen.
Meine selbst ausgedachte Buch-Challenge konnte ich auf den letzten Metern auch noch vollenden. In meinem Regal der ungelesenen Bücher stehen viele Werke schon sehr lange. Immerhin konnte ich davon 12 Stück nun in den gelesenen Zustand überführen, die #12in2025 wurden also erfüllt. Weggelegt habe ich tatsächlich keins davon, obwohl das explizit erlaubt war. Vielleicht wähle ich für nächstes Jahr die Wunschlisten meiner eBook-Apps. Da gibt es auch ausreichend Bücher, die da schon länger draufstehen. Eine andere Idee hat sich erst gegen Ende des Jahres materialisiert: Es gibt so viele Länder auf der Welt, von denen ich nichts weiß. Bereisen kann ich sie nicht alle, lesen darüber sollte aber möglich sein. Zum heutigen Tag hab ich mich noch nicht entschieden. Insgesamt 55 Bücher im Jahr 2025 verbloggt, das entspricht dem üblichen Durchschnitt. Meine Buch-Highlights 2025: John Wiswell – Someone You Can Build a Nest in (ein Teil unseres Mini-Buchclubs), Suzanne Collins – Sunrise on the Reaping (ein überraschend aufgetauchtes Hunger-Games-Prequel mit der Geschichte, auf die ich gewartet hatte: wie hat Haymitch die Hunger Games gewonnen?) und N. K. Jemisin‘s Broken-Earth-Serie.
Ein neues Erwerbsarbeitsprojekt hat sich Ende des Jahres materialisiert. Das passt gut zum oben erwähnten privaten Veränderungsprojekt, birgt aber auch Herausforderungen. Ein neues Layout, zwölf neue Abgabetermine, Wechseln zwischen den verschiedenen drei Layouts, manchmal mehrmals an einem Arbeitstag. Das wird noch spannend.
Persönlich wünsche ich mir für 2026 harmonische Beziehungen, ein gutes Ergebnis des nach wie vor andauernden Veränderungsprozesses und neue Erfahrungen, an denen ich hoffentlich wachsen kann. Für die Welt wünsche ich mir ein Umkehren. Eine Abkehr von kriegerischen Handlungen, Heilung für all die Menschen, die von diesen betroffen waren und sind und einen deutlichen Schwenk weg von Techno-Kapitalismus hin zu mehr Bewusstsein für die Klimakatastrophe, das sich in ernsthaften politischen Veränderungen äußert. Was ich dazu tun kann, soll geschehen, als einzelne Person kann ich jedoch nur einen kleinen Beitrag leisten. Als positiven Abschluss entlasse ich alle, die bis hierher mitgelesen haben mit ein paar Tierfotos.
CN: Tod eines Hauptcharakters, Gewalt, toxische Beziehung, sexuelle Belästigung, Suizid, Depression, Essstörung, Sexismus
Ein wundervoller Roman über eine wundervolle Freundschaftsbeziehung, kreativen Austausch und Videospiele. Wenn euch das irgendwie anspricht, dann hört hier auf und lest lieber das Buch ;-)
Im Weiteren werde ich ein paar Dinge beschreiben, die mir besonders gefallen haben (und versuchen, dabei nichts von der Geschichte zu verraten, aber siehe oben …).
Mir hat gefallen, wie Sams Behinderung nicht nur die Geschichte beeinflusst, sondern dass auch erklärt wird, wie sie sich auf seine Emotionen und Beziehungen auswirkt. Er möchte nicht schwach auf seine Mitmenschen wirken und gleichzeitig ist er so frustriert über seinen Körper, der ihn immer wieder im Stich lässt. An einer Stelle wird das so formuliert, dass Sam sich am glücklichsten fühlt, wenn er vergessen kann, überhaupt einen Körper zu haben. Dieses Unwohlsein in seinem eigenen Körper, diese große Verletzlichkeit bringt er in die Spiele ein, die er mit Sadie entwickelt.
Sometimes she didn’t even like him, but the truth was, she didn’t know if an idea was worth pursuing until it had made its way through Sam’s brain, too. It was only when Sam said her own idea back to her – slightly modified, improved, synthesized, rearranged – that she could tell if it was good.
Sadie und Sam lernen sich als Jugendliche kennen. Als sie als junge Erwachsene ihr erstes eigenes Spiel veröffentlichen, wird Sadie mit dem Patriarchat in der Gaming-Industrie konfrontiert. Sie fühlt sich nicht ernst genommen, die Verdienste werden Sam zugeschrieben, schließlich macht sie selbst Sam dafür verantwortlich, sie in den Hintergrund gedrängt zu haben. Gabrielle Zevin hat ein ausgezeichnetes Gespür dafür, wie sich strukturelle Ungerechtigkeiten auf eine kreative Freundschaftsbeziehung auswirken können. Sadies Unsicherheit über ihre eigenen kreativen Entscheidungen (wie sie sich im obigen Zitat auch widerspiegeln) gepaart mit der sexistischen Atmosphäre der Gaming-Industrie führen in ihrer kreativen Freundschaft langfristig immer wieder zu Konflikten.
She had thought she arrived. But life was always arriving. There was always another gate to pass through. (Until, of course, there wasn’t.)
Sadies Frustration mit ihren (Miss-)Erfolgen kann ich gut nachvollziehen. Ich muss mich immer wieder erinnern, dass es keinen Zustand geben wird, den ein Mensch erreichen kann und dann ist alles gut. Es bleibt alles immer im Fluss.
Auch der Titel wird im Buch ausgezeichnet erklärt: Ein Spiel kann immer wieder von vorn begonnen werden. Es ist eine unendliche Serie von Tomorrows, beim nächsten Versuch könnten wir gewinnen.
Für mich war besonders schön, dass der Fokus auf der kreativen Freundschaftsbeziehung zwischen Sadie und Sam lag. Es wird verdeutlicht, dass romantische Beziehungen nicht zwingend immer das Wichtigste im Leben sein müssen. Wie die gemeinsam ausgelebte Kreativität sich in Sadies und Sams Leben in Erfolge und Misserfolge verwandelt, wie diese Zusammenarbeit kreativer Geister ihrer beider Leben prägt, zeigt eindrucksvoll, dass romantische Gefühle nicht das Einzige sind, das Menschen fürs Leben aneinander binden kann. Herrlich illustriert wurde das auch in der Szene, als Sam von Sadie und Marx im Krankenhaus besucht wird und die diensthabende Krankenschwester rätselt, in welcher Beziehung die drei wohl zueinander stehen.
Randnotiz: Nach der Buchbesprechung findet ihr einen umfangreichen Bericht zu den aktuellen Ausstellungen des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe mit vielen Fotos.
CN (für Buch und Text zum Buch): Alkoholkonsum, Rassismus, Polizeigewalt, Mord, sexuelle Handlungen, sexueller Kindesmissbrauch, Erwähnung des 2. Weltkriegs (inkl. Holocaust, Antisemitismus, KZ-Überlebende)
But if he got a whiff of that thirty thousand dollars I knew that nothing would hold him back. He would have killed me for that much money.
In diesem Jahr hab ich mir einen Anlauf auf mehr Kreativität in meinem Alltag zum Vorsatz genommen. Das funktioniert mit wechselndem Erfolg. Da aber dazu gehört, dass ich einfach nicht aufhöre, auch wenn es mal eine Zeit lang nicht so gut klappt, ist das Projekt Experiment nach wie vor am Laufen.
Dieses Buch habe ich im Rahmen einer Recherche über das Leben in Los Angeles in den 1950er-Jahren gelesen. Das hat sehr gut funktioniert, ich habe viele Hinweise notieren können, in welche Richtungen ich weiter recherchieren kann. Und meine allererste Kernfrage (würde eine Frau im Alter von 22 Jahren mit einem Job in den Paramount Studios ein eigenes Auto gehabt haben?) konnte ich auch schon mit ziemlich guter Sicherheit beantworten: Ja, sie muss wohl ein Auto gehabt haben, sonst hätte sie diese Arbeit nicht machen können. Mosley schreibt in seinem Buch auch ganz deutlich, dass im damaligen L.A. jeder Weg mit dem Auto zurückgelegt wurde.
Neben den Rechercheergebnissen fand ich in diesem Roman eine interessante Hauptfigur vor: Easy Rawlins, schwarz, Kriegsveteran, Eigentümer eines kleinen Hauses (mit Hypothek natürlich), der versehentlich in die zwielichtige Gesellschaft gerät, aus der er sich nach seinem Umzug von Houston nach Los Angeles eigentlich fernhalten wollte.
Sehr verblüfft stellte ich erst nach der Lektüre fest, dass dieses Buch erst 1990 veröffentlicht wurde und der Autor nicht nur noch lebt, sondern auch für September 2025 ein weiteres Buch der Reihe angekündigt ist. Eine Krimiserie reizt mich ja immer sehr und jetzt habe ich auch noch Recherche als zusätzlichen Grund … es gibt jedoch auch noch andere literarische Kandidaten für diese Zeit und über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse sollte ich mich eher in Non-Fiction informieren. Es gibt jedenfalls noch sehr viel zu lesen und lernen.
Während meines Besuchs der #gpn23 in Karlsruhe hatte ich auch die Gelegenheit, mir die aktuellen Ausstellungen des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) anzusehen. Drei thematisch sehr unterschiedliche Ausstellungsbereiche ringen aktuell um die Aufmerksamkeit der Besucher:innen. Ich habe im dritten Stock begonnen und werde im Folgenden die Ausstellungen auch von oben nach unten beschreiben.
zkm_gameplay – the next level
Blue Guy (2020), Peter Schönwandt
Am Beginn werden die Besucher:innen von einem der Pac-Man-Geister begrüßt, ein Kunstwerk von Peter Schönwandt, das aus 4.339 Tastenkappen von Computertastaturen besteht. In weiterer Folge sind verschiedene Spielekonsolen aus den 1980ern und 1990ern zu sehen. An mehreren Stationen können auch ältere sowie neuere Spiele ausprobiert werden, angefangen von Commodore 64 und Atari über verschiedene Generationen von Nintendo– und Sega-Konsolen bis zu neueren Spielen wie Journey. Die Ausstellung zeichnet passend zum Thema mit verschiedenen Levels die Entwicklung der Computerspiele nach. Ein Fokus liegt dabei auf unterschiedlichen Eingabemethoden, die sich in den letzten 50 Jahren konstant weiter entwickelt haben.
Choose Your Filter!
Artzilla Siebdrucke (2009), Tobias Leingruber in Zusammenarbeit mit Seckel, DosenDave, Ewok
Im selben Stockwerk beschäftigt sich die Ausstellung Choose your filter! mit Browser Art seit den Anfängen des World Wide Web. Verschiedene Künstler:innen haben zum Beispiel Browser-Erweiterungen programmiert, die Webseiten anders interpretieren, als sie ursprünglich gedacht wurden. Zu sehen sind etwa verschiedene Varianten der Browser-Erweiterung Abstract Browsing von Raphaël Rozendaal. Diese Erweiterung ersetzt „die Elemente einer Webseite, also Texte, Bilder oder Videos, durch farbige Rechtecke“. Verschiedene Farbkombinationen wechseln nach dem Zufallsprinzip. Rozendaal wählt auch gezielt Kompositionen aus und überträgt sie in großformatige Textilwerke (Tapisserien). Diese ziehen in einer Ausstellung, in der viel auf Computerbildschirmen stattfindet, automatisch den Blick auf sich.
Abstract Browsing (2014–2022), Raphaël Rozendaal
See You. Begegnungen mit der Kunsthalle Karlsruhe
Das mittlere Geschoss des Ausstellungsbereichs bietet einen Einblick in die Sammlung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, die aktuell wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Der Rundgang durch die Sammlung beginnt mit vielen sakralen Werken aus der Zeit etwa ab 1500. Altarbilder zeigen etwa Christus am Kreuz oder Maria mit dem Kind.
Einige Werke, die mich beeindruckt haben:
Die Melancholie im Garten des Lebens von Mathis Gerung (1558): Allein vor einem weißen Vorhang hängt dieses Bild, das gleichzeitig an Bruegel und an moderne Wimmelbilder erinnert. Ich nahm mir Zeit, die vielen verschiedenen Menschengruppen und Tiere zu betrachten: üppige nackte Damen in einem Badebecken ohne Wasser, Ritter in Prachtkleidung, die im Begriff sind, aufeinander einzustechen, neben zwei Gauklern sitzt ein weißer Hund, einen Tanzbär habe ich entdeckt, viele Pferde sind ebenfalls zu sehen. Aus dem Ausstellungstext:
Gedankenverlorenes, törichtes Treiben beherrscht die Szenen im »Garten des Lebens«. In dessen Mitte kauert die Melancholie und sinnt schwermütig dem Sinn menschlichen Tuns nach. Das Werk ist ein einzigartiges Zeugnis für die Alltags-, Mentalitäts-, Sozial- und Kulturgeschichte des mittleren 16. Jahrhunderts.
Augenbetrüger-Stillleben von Samuel van Hoogstraten (1627–1678)
Augenbetrüger-Stillleben von Samuel van Hoogstraten (1627–1678): Diese hyperrealistisch (Trompe-l’œil) wirkende Abbildung einer Sammlung von Alltagsgegenständen hat meinen Blick sofort auf sich gezogen. Die dreidimensional wirkende Darstellung in harmonisierenden Farbtönen von crème, rot, ocker und braun ließ mich an meine eigene Pinwand denken, an der ich über das Jahr hinweg Fotos und Erinnerungsstücke sammle. Aus dem Ausstellungstext:
Täuschend echt anmutende Objekte sind hier dargestellt. Ihre Auswahl ist alles andere als beliebig. Einige weisen, wie ein Selbstbildnis, auf den Künstler selbst hin. Die Kette mit dem Porträt Kaiser Ferdinands III. ist Samuel van Hoogstratens Markenzeichen. Er gilt als Begründer des damals wie heute beliebten Genres der gemalten Steckbretter.
Ausschnitt aus „Stillleben mit Blumen und Goldpokalen“ von Clara Peeters (1612)
Stillleben mit Blumen und Goldpokalen von Clara Peeters (1612): Mir war bisher nicht bewusst, dass Stillleben, die nicht aus Blumen und Obst bestehen, einen derartigen Reiz auf mich ausüben könnten. Auf diesem Bild sind mir die Muscheln rechts unten aufgefallen. Jede der vier Muscheln hat eine andere Form und Färbung, die Darstellung ist unglaublich detailliert: Der rosa schillernde Farbrand der vordersten Muschel, der Lichtschimmer auf der zweiten Muschel, der Schwung des schwarz-silber gemusterten Gehäuses ganz hinten. Erst das Lesen des Beschreibungstexts machte mich darauf aufmerksam, dass in den Details des rechten Pokals die Spiegelung der Künstlerin zu sehen ist:
Alle Objekte sind übersichtlich auf einer Tischplatte arrangiert: Viele davon konnte man in barocken Kunstkammern finden. Plastisch, präzise und mit ihrem individuellen stofflichen Charakter hat Clara Peeters, eine frühe Vertreterin der Stilllebenmalerei, sie wiedergegeben. Sich selbst hat sie in den Spiegelungen des rechten Pokals verewigt.
Reitende Amazone, den Speer schleudernd von Franz von Stuck (entworfen 1897, gegossen nach 1905)
Reitende Amazone, den Speer schleudernd von Franz von Stuck (entworfen 1897, gegossen nach 1905): Zwischen den Gemälden sind im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder auch Skulpturen zu sehen. Auf mehreren Sockeln wurden aus Bronze gegossene Skulpturen von Franz von Stuck gezeigt. Speziell bei dieser Skulptur einer weiblichen Gestalt auf einem Pferd fiel mir ins Auge, wie detailreich die Körper der Frau und des Pferds gestaltet sind. Auf dem Foto ist nicht zu erkennen, wie klein diese Skulptur ist (64,5 x 46,6 x 17,3 cm), sie steht auf einem Sockel, um auf Augenhöhe betrachtet werden zu können. Umso bemerkenswerter erscheint es mir, wie detailreich die Anatomie von Pferd und Reiterin nachgebildet wurde.
die vielen großen Namen, die dort einfach so mehr oder weniger unbewacht herumhängen. Als ich völlig überrascht vor einem echten Rubens stand, schaute ich mich unwillkürlich nach der Security um (als hätte ich etwas zu verbergen).
Wenn ihr euch für diese Ausstellung interessiert, aber nicht die Gelegenheit habt, nach Karlsruhe zu kommen, dann empfehle ich euch die Touren auf der Webseite der Kunsthalle Karlsruhe. Eine Kombination aus Text, Bild und Audio lässt euch die Ausstellung aus verschiedenen thematischen Blickwinkeln erleben.
The Story That Never Ends – Die Sammlung des ZKM
Schon etwas erschöpft und mit Eindrücken überflutet gelangte ich wieder ins Erdgeschoss des Ausstellungsbereichs, in dem sich die aktuelle Dauerausstellung des ZKMs The Story That Never Ends speziell weiblichen und feministischen Perspektiven der Medienkunst widmet.
Canopus aus der Serie Planetarium (1990) von Nam June Paik
Die gezeigten Werke beinhalten Fotocollagen (zB die Serie „Phantom Limb“ von Lynn Hershman Leeson, in der sie weibliche Körper mit Technik verschmilzt), abstrakte Malerei, futuristisch wirkende Skulpturen (zB Canopus von Nam June Paik, in dem er „seine Vorstellungen von einem global zirkulierenden Bilderstrom“ durch das Medium Video sichtbar machte) und analytische Videokunst, die wie viele andere Objekte die gesellschaftlichen Auswirkungen des Massenmediums Fernsehen und dessen Einfluss auf die politischen Verhältnisse kritisch betrachten.
Informationen zu den Ausstellungen und Veranstaltungen findet ihr auf der Webseite des ZKM.
CN: sexuelle Handlungen, Gewalt, Mordkomplott, Vernachlässigung eines Tiers (bis zum Tod), Sexismus
Nur wenn wir an Dylans Wort glauben, werden wir den Weg ins Licht finden. Es ist gänzlich egal, was auf dieser Welt passiert, es zählt allein die Erlösung, die auf uns wartet, wenn wir unbeirrt seinen Aussagen folgen.
Aus der Reihe: Gelesen wegen eines Literatur-Geocaches. Nach Ende der Lektüre bin ich ehrlich enttäuscht. Das hätte eine echt gute Geschichte werden können. Die Idee, dass eine Gruppe von Bob-Dylan-Anhänger:innen aus dessen Texten Befehle für das Weltgeschehen ableitet, verspricht viel Potenzial. Zu Beginn wird äußerst unterhaltsam argumentiert, mit welchen Textbestandteilen Bob Dylan etwa den Fall der Berliner Mauer oder den Erhalt des Nobelpreises für Literatur vorhergesagt haben soll. Selbst als der Protagonist (er teilt den Namen des Autors) von einem fanatischen isländischen Professor nach Washington D.C. geschickt wird, um dort mit Hillary Clinton an einem Mordkomplott gegen Donald Trump zu arbeiten, überwiegt noch der Unterhaltungsaspekt. Die Auflösung jedoch hat mich nicht überzeugt und das gilt auch für viele andere Teile der Geschichte.
Der Protagonist Stefan Kutzenberger stolpert durch die Geschichte, philosophiert immer wieder über das eigene Leben und die (Fehl-)Entscheidungen, die ihn dorthin geführt haben, wo er sich nun befindet. Dieses Philosophieren bringt ihn möglicherweise zur letztendlich moralisch richtigen (?) Entscheidung, kann aber zumindest die aus meiner Sicht völlig unnötigen Ereignisse wie den Tod des Kalbs oder die Episode im Bettkasten nicht ausgleichen. Dieser planlose Stefan Kutzenberger hat mehr schlechtes Gewissen, weil er einem Hotelpagen mangels (US-$-)Bargeld kein Trinkgeld geben kann, als wegen des verhungerten Kalbs. Dass er dann auf einmal entdeckt, dass von seiner Hand kein Mensch sterben darf, ist für mich nicht ausreichend nachvollziehbar.
Die Anhänger:innen der Bob-Dylan-Gesellschaft halten Kutzenberger für „auserwählt“ aufgrund von Fakten, die völlig aus dem Zusammenhang gerissen eine herrliche Verschwörungstheorie einen mehr oder weniger überzeugendenVerschwörungsmythos ergeben. Von dieser satirischen Grundidee hätte ich gerne mehr gelesen und dafür weniger männliches Phantasieren über die Bedeutung des eigenen Lebens und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Nichtsdestotrotz empfinde ich tiefes Mitleid mit dem Autor: Die aktuelle zweite Amtszeit Donald Trumps muss sich mit diesem Buch im eigenen Portfolio noch viel schlimmer anfühlen, als sie es ohnehin schon ist.
CN: sexuelle Handlungen, Waffen, Tod einer Partnerperson, Begräbnis
Baedecker felt a brief lifting of spirit. Here in the high, thin air the demanding gravity of the massive planet seemed slightly – ever so slightly – lessened.
In letzter Zeit hatte ich ja bereits öfter darüber gejammert, dass mich meine Notizen so im Stich lassen. Bei diesem Buch fällt das noch mehr ins Gewicht, weil es mir nämlich nicht besonders gefallen hat und ich nun wirklich gerne wüsste, wo diese Empfehlung hergekommen ist. (Ich habe Lithub im Verdacht, habe aber nichts Konkretes finden können.)
Baedecker could remember the first real crash of lightning, which, in an uncanny instant of suspended time before everyone ran for shelter, froze people, cars, benches, grass, buildings, and Baedecker himself in a stroboscopic flash of light that briefly made all the world a single frozen frame in an unwatched film.
Weil ich Ablenkung brauchte, bin ich in das Buch einfach reingesprungen und war relativ schnell ziemlich genervt. Es wird immer wieder zwischen verschiedenen Zeiten und Orten gesprungen und nicht mal eine Leerzeile trennt diese Teile voneinander. Da verabredet sich der Protagonist in einem Satz mit seinem Sohn zum Essen und im nächsten Satz ist es eine Woche später und er sitzt im Flugzeug. Nicht nur, dass diese Sprünge nicht mal eine Leerzeile wert sind, es wird auch einfach viel weggelassen bzw. einfach nicht erzählt. Da springt der Protagonist in einem Paraglider von einer Klippe (was immerhin das Ende eines Kapitels ist) und im nächsten Kapitel hat er davon zwar eine Beinverletzung davon getragen, aber der Rest wird einfach übersprungen. Ob die fehlenden Leerzeilen bei Orts- und Zeitsprüngen eine künstlerische Entscheidung sind oder der späteren Erstellung des eBooks geschuldet, bleibt unklar, ich fand es jedenfalls extrem anstrengend.
Scott did not seem to be listening. He pushed the hair out of his eyes and frowned in concentration. “Sometimes I prayed that you wouldn’t go, and sometimes I prayed that you wouldn’t die up there …” Scott paused and looked right at his father. “But most of the time, you know what I prayed? I prayed that when you did die there, they’d bring you back and bury you in Houston or Washington, D.C., or somewhere so I wouldn’t have to look up at night and see your grave hanging up there for the rest of my life.”
Der Inhalt? Ein ehemaliger Astronaut hat eine schlechte Beziehung zu seinem Sohn. Er besucht ihn in Indien, um ihn aus den Fängen eines Gurus zu retten (was ihm erst später im Buch mit einem Hubschraubereinsatz gelingt). Der Sohn lässt den Vater abblitzen, stellt ihm aber noch seine Freundin vor. Mit der der ehemalige Astronaut dann auch eine Affäre beginnt (das war der Moment, wo ich mir sicher war, dass das Buch schon älter sein muss, sowas würde heute wohl kaum mehr geschrieben). Dass später herauskommt, dass der Sohn das wohl absichtlich eingefädelt hat, weil er dachte, die beiden würden gut zusammenpassen, macht das Ganze auch nicht mehr viel besser. Wir lesen also über die Midlife-Crisis eines weißen Mannes, der alle wichtigen Beziehungen in seinem Leben seiner Karriere geopfert hat und nun versucht, Gräben zuzuschütten.
There’re places of power – yeah – no doubt about that. […] You have to help make them. You have to be in the right place at the right time and know it. […] Even places of power are useless unless you’re prepared to bring something to them.
Viele Worte, um auszudrücken, dass das Buch einfach nicht für mich war. Wenn ich doch nur noch wüsste, woher das auf meine Liste gekommen ist …
Ende November besuchte ich mit dem Fotografen die Werkschau zur Fotografin Mary Ellen Mark in der Galerie Westlicht. Mich hat wohl der Titel The Lives of Women angesprochen und den Fotografen muss ich zu Fotoausstellungen ja sowieso nicht überreden ;-)
[Anmerkung: Alle weiteren Zitate entstammen dem Ausstellungstext.]
Mary Ellen Mark gilt „als eine der wichtigsten Vertreter:innen einer humanistisch geprägten Dokumentarfotografie“. In ihrer Arbeit hat sie sich auf marginalisierte Personengruppen konzentriert und ist dabei tief in deren prekäre Lebenswelten eingetaucht. Für ihr erstes umfangreiches Langzeitprojekt verbrachte sie gemeinsam mit der Autorin und Therapeutin Karen Folger Jacobs sechs Wochen in der geschlossenen psychiatrischen Abteilung Ward 81 im Oregon State Hospital. Die beiden Frauen verbrachten den Alltag mit den Patientinnen und lernten diese in ihren vielen Facetten intensiv kennen.
Großes Interesse zeigt Mary Ellen Mark auch an der Welt des Zirkus und der Artist:innen. In Indien und Mexiko recherchierte sie tief ins Detail und „erhielt tiefe Einblicke in eine Welt, die von Mut, Gemeinschaft und Entbehrungen geprägt war“. Ein Bild aus dieser Serie hat mich besonders berührt. Es zeigt ein Mädchen im Volksschulalter, das auf dem Rüssel eines Elefanten sitzt. Sie trägt eine Art Bikini mit Metallverzierungen und Strümpfe, aber keine Schuhe. Mit dem linken Arm hält sie den Rüssel des Elefanten, sie lehnt auch ihren Kopf in diese Richtung. Die rechte Hand hält sie zur Faust geballt. Mit tief traurigem Gesichtsausdruck blickt sie in die Kamera, als würde sie innerlich anklagen, dass sie zwar fotografiert wird, aber dadurch ihr Leben nicht besser wird.
Ein etwas weniger sozial brisantes Projekt sind Marks Fotografien von Zwillingspaaren. Dieses Projekt wurde von ihr vollständig selbst finanziert, um die größtmögliche Kontrolle zu bewahren.
Sie war fasziniert von dem Nebeneinander von Einzigartigkeit und Verbundenheit und dem Gedanken, dass sich trotz nahezu identischer Erbanlagen zwei eigenständige Leben und Persönlichkeiten entwickeln.
Einen großen Teil der Ausstellung bilden Portraits von Menschen aus vielen verschiedenen Regionen der USA. Sie fotografierte Menschen „bei Kinder-Schönheitswettbewerben und in Single-Bars“, schreckte aber auch vor Ku-Klux-Klan-Treffen nicht zurück. Mark selbst sagte, ihre Reisen durch Amerika hätten ihre Vision als Fotografin definiert. Gerade das konnte ich leider nicht nachvollziehen. Die Sammlung an Bildern aus mehr als drei Jahrzehnten, die keinem roten Faden oder auch nur einer Zeitlinie folgen, hat mich eher verwirrt zurück gelassen. Gleichzeitig hätte ich von den oben genannten thematischen Projekten wie Ward 81 und Indian Circus gerne mehr gesehen. Aber dazu müsste ich dann wohl die Bücher kaufen … Das habe ich soeben auf ihrer Webseite nachgeholt.