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Erfahrungsbericht Memoir

Oliver Sacks – On The Move. Mein Leben

CN dieses Buch: Krankheit, Wachkoma, Sterben
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Vor einigen Jahren hatte ich bereits ein Buch von Oliver Sacks gelesen, das sich mit seiner Arbeit mit Wachkomapatienten beschäftigt. Es gelingt ihm dabei, komplizierte Krankheitsverläufe und Patientengeschichten auch für nicht medizinisch ausgebildete Leser:innen zugänglich zu machen. In seiner Autobiografie erzählt er, wie er zur Medizin, bzw. spezifischer zur Neurologie und zum Schreiben gekommen ist, wie ihn seine Familie beeinflusst hat, aber auch von vielen Persönlichkeiten, mit denen er im Rahmen seiner wissenschaftlichen Karriere zusammen gearbeitet hat.

Die deutsche Übersetzung erschien mir nicht so gelungen. Wobei ich mich immer wieder frage, ob das tatsächlich an einer schlechten Übersetzung liegt, oder ob mir der Plauderton, in dem der Autor seine Lebensgeschichte Revue passieren lässt, im englischen Original vielleicht gar nicht negativ aufgefallen wäre.

Nichtsdestotrotz bietet das Buch umfassende Einblicke in das Leben eines forschenden Neurologen, spart aber auch seine privaten Erfahrungen als (mehr oder weniger offen) homosexueller Mann nicht aus. Vielleicht hat mich auch die intensiv positive Grundstimmung irritiert, mit dem Oliver Sacks an seine Lebensgeschichte heran geht. Auch erlebte Rückschläge betrachtet er im Allgemeinen als Lerngelegenheiten. Eine Perspektive, die sich vermutlich erst mit steigendem Alter einnehmen lässt.

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Roman

Jacquelyn Mitchard – The Good Son

CN dieses Buch: Drogenmissbrauch, Tod, Totschlag, Suizid, Suizidgedanken, Gewalt
CN dieser Post: Drogenmissbrauch, Totschlag, Tod, Gewalt


No part of this process was easy, no part was going the way I had hoped it would. But I had no choice.

Dieses Buch beginnt an dem Tag, als Theas Sohn Stefan aus dem Gefängnis entlassen wird. Er wurde für schuldig befunden, seine Freundin Belinda unter Einfluss von Drogen erschlagen zu haben. Die Anklage lautete auf Totschlag, Stefan war vor diesem Vorfall unbescholten und hat sich in seiner Zeit im Gefängnis mehr als vorbildlich verhalten. Als er nach etwas mehr als zwei Jahren auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen wird, beginnt für ihn und seine Familie eine Zeit, die sich als noch schwerer erweist als die Zeit, die er tatsächlich im Gefängnis verbracht hat.

In Rückblenden wird erzählt, was zu der aktuellen Situation geführt hat. In Gesprächen wird die Beziehung zwischen Stefan und Belinda beleuchtet, es wird hinterfragt, was zu dieser Gewalttat geführt haben kann (so ungerechtfertigt sie natürlich ist) und Stück für Stück enthüllt, welche Gefühle die einzelnen beteiligten Personen in diesem Drama erleben und verarbeiten müssen.

Before today, was it because deep down, despite my stance to the contrary, I was ashamed of my son? Yes. A part of me resented the way his wrongdoing had muddied up my security, my serenity, my own space on earth. And now, the door to our front porch suddenly looked like the portal to hell.

Gegenüber der Protagonistin Thea, die ihren verurteilten Sohn weiter liebt, obwohl er ihr manchmal Angst macht, steht Jill, die Mutter der ermordeten Belinda. Ihre Trauer begräbt und befeuert sie in einer fortwährenden Kampagne gegen den Mörder ihrer Tochter im Rahmen einer von ihr gegründeten Organisation, die auf Gewalt in Beziehungen aufmerksam machen soll. Stefan selbst kann sich an die Ereignisse in der Todesnacht von Belinda nicht erinnern, davor sagt er, niemals gewalttätig gegenüber ihr oder einer anderen Person gewesen zu sein, was jedoch viele nicht glauben.

Die Geschichte geht sehr in die Tiefe und beleuchtet sowohl die Gefühle der beiden Mütter, als auch die Gefühle des verurteilten Sohns, der sich das Verbrechen an seiner Freundin selbst nicht erklären kann und damit weiterleben muss, dass etwas geschehen ist, für das er verantwortlich ist und dass er nicht rückgängig machen kann. Es ist ein Lebensereignis, das nicht nur sein Leben in ein eindeutiges Vorher und Nachher spaltet. Dieses Buch erzählt von Menschen in Lebenssituationen, die wir alle niemals erleben wollen. Und hilft dabei, sich bewusst zu machen, dass nicht immer alles so eindeutig ist, wie es uns scheint.

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English Erfahrungsbericht Memoir

Cheryl Strayed – Wild

CN dieses Buch: Krankheit, Sterben, Tod, Drogenmissbrauch, Abtreibung, Suizid, Mord, Trauma
CN dieser Post: Trauma


Als ich letztes Jahr das Buch von Christine Thürmer über ihre Erlebnisse auf den großen amerikanischen Trails gelesen hatte, blieb ich mit einem Gefühl zurück, als ob da etwas gefehlt hätte. Genau diese Ebene ist in Cheryl Strayeds Wandergeschichte zu finden. Sie verarbeitet in ihrer Zeit auf dem Pacific Crest Trail den frühen Tod ihrer Mutter, gescheiterte Beziehungen, die Gefahr einer ernsthaften Suchterkrankung und eine generelle Ziellosigkeit in ihrem Leben. Dadurch ist dieses Buch weniger die Geschichte einer Wanderung, sondern mehr eine Coming-of-Age-Story, an dessen Ende eine veränderte Cheryl auf der Brücke zwischen Washington und Oregon steht.

But this time she just gazed at me and said, “Honey,” the same as she had when I’d gotten angry about her socks. The same as she’d always done when she’d seen me suffer because I wanted something to be different than it was and she was trying to convince me with a single word that I must accept things as they were.

Wie Christine Thürmer spart auch Cheryl Strayed ihre mangelnde Vorbereitung, ihre Schwierigkeiten auf dem Trail und ihre körperlichen Strapazen nicht aus. Die emotionalen Strapazen ihres Lebens, die sie auf dieser Wanderung verarbeitet, stehen jedoch im Vordergrund. Sie schreibt so schonungslos über ihre Familienmitglieder, dass ich mich manchmal fragte, was ihre Geschwister wohl davon halten, so porträtiert zu werden.

Im 3Books Podcast von Neil Pasricha kam Cheryl Strayed übrigens kürzlich in Episode 98 zur Sprache, als IN-Q ihre Kolumnensammlung Tiny Beautiful Things als eines seiner 3 most formative books erwähnte (in Episode 69 war Cheryl Strayed selbst zu Gast). Dabei beschrieb Neil auch das Cover seiner Ausgabe von Wild, das so auch in meiner eBook-Version enthalten ist (aus dem Gedächtnis sinngemäß zitiert): „… it’s basically Reese Witherspoons face with a giant backpack …“. Was mich überrascht hat, war, dass ich sie nicht erkannt hatte auf diesem Buchcover, obwohl ich gerade kürzlich erst Little Fires Everywhere geschaut habe. In der Filmversion von Wild aus dem Jahr 2014 wirkt sie einfach völlig anders als in ihrer Rolle als Vorstadtmutter in Little Fires Everywhere (2020).


Randnotiz: Die Stornoversicherung nervt mich noch immer mit ständigen Nachfragen nach anderen Dokumenten bezüglich meiner Covid-Erkrankung. Die Nerven, die mich das bisher gekostet hat, wiegen den Geldbetrag inzwischen ziemlich auf. Das war für lange Zeit die letzte Versicherung, die ich abgeschlossen habe. Das Unternehmen dahinter ist übrigens refundable.me.

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English Erfahrungsbericht Memoir

Ruth Reichl – Save Me the Plums

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Die Autorin Ruth Reichl war von 1999 bis 2009 Chefredakteurin des Magazins Gourmet, das vom bekannten Verlag Condé Nast herausgegeben wurde. In diesem Buch schreibt sie über ihren Aufstieg von ihrer Rolle als Restaurantkritikerin zur Gestalterin eines renommierten Food-Magazins. Sie gibt Einblicke in die Prozesse, die hinter der Produktion eines solchen Magazins ablaufen, sie lässt die Leserin in die Testküche schauen und erklärt die komplexen Bezüge zwischen den verschiedenen Abteilungen. Die Dominanz der Anzeigenkundschaften, die wiederum von Herausgeberseite an die Chefredaktion und von dort an die anderen Abteilungen weitergegeben wird, war mir nicht vollständig neu. In einem amerikanischen Verlag wie Condé Nast steht für die Beteiligten jedoch immer noch mehr auf dem Spiel.

Ruth Reichl erzählt von ihrer eigenen Faszination mit dem Magazin in ihrer Kindheit und Jugend, es wird deutlich, wieviel es ihr bedeutet, jetzt die Geschicke dieses Traums in der Hand zu haben. Sie beschreibt den Kampf zwischen Tradition und Fortschritt, wie schwierig es ist, neue Ideen durchzusetzen, ohne die langjährigen Leser*innen und Anzeigenkundschaften zu vergrämen. Jeder kontroverse Artikel kann ein Dealbreaker sein, und selbst eine Ausgabe mit einem Cupcake auf der Titelseite kann eine Revolution inklusive Gegenrevolution auslösen:

The battle raged for more than a year, and while I’ll admit I stirred the pot and printed the letters, I never really understood what the fuss was all about. Now, looking back, it is very clear. Gourmet cried, “Let them eat cupcakes!” and our readers got the message. The exclusive little world of food was growing both larger and more inclusive, and those who’d thought they’d owned it didn’t like it one bit.

Es ist ein Einblick in eine interessante Welt, deren Ende wie vieles in der Magazinbranche von der zunehmenden Verbreitung des Internets eingeläutet wurde. Auch diesen Übergang hat Ruth Reichl noch in ihrer Rolle als Chefredakteurin miterlebt. Sie beschreibt hier ihre fassungslose Reaktion auf das Unverständnis der Entscheidungsebenen des Verlags. Überlebt hat daher nur die ausgelagerte Rezeptsammlung Epicurious. Das Printmagazin Gourmet wurde 2009 eingestellt.

Ruth Reichl erzählt auch von vielen Begegnungen mit Menschen, die wir üblicherweise nur aus den Medien kennen. Das folgende Zitat beschreibt eine Begegnung mit der Schauspielerin Frances McDormand, die auf die Bitte einer unbekannten Person um ein Autogramm folgendermaßen reagiert haben soll:

Fran frowned down at the paper for so long I thought she was going to refuse. At last she accepted the pen. “I’m just an actor, and no more interesting than you are.” She scribbled her name. “Probably not as interesting, actually. You should pay more attention to yourself and less to people like me. You’ll be better off that way.”

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English Erfahrungsbericht Memoir

Kristin Newman – What I Was Doing While You Were Breeding

CN dieses Buch: Die Autorin schreibt Comedy und macht in ihrem Buch viele Scherze über Themen, die manchen Leser:innen vielleicht nicht gefallen: Rassismus, Geschlechtsteile, Kolonialismus, Krankheit, Drogenmissbrauch, Vergewaltigung.

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Randnotiz vorab: Ich habe nicht ausreichend recherchiert und dieses Buch mit einer völlig falschen Erwartungshaltung gelesen. Genau genommen habe ich die Autorin mit einer anderen Reiselustigen verwechselt, was zu einer zunehmenden Irritation führte. Das könnte dazu beigetragen haben, dass ich mit dem Buch nicht besonders glücklich war.

I realized they didn’t look at travel the way I looked at it, like medicine, like my chance to right all of the wrongs that might exist in my life.

Was mir gerade klar geworden ist, als ich das obige Zitat, das ich beim Lesen markiert habe, abgeschrieben habe, ist: Diese Sicht auf das Reisen ist wiederum nicht meine Sicht. Irgendwie hatte ich seit Längerem das Gefühl, dass meine Reisen eigentlich gar nicht zählen, weil ich nie ziellos durch irgendein Land oder einen Kontinent unterwegs war oder in Hostel-Schlafsälen geschlafen habe. Der Grund ist dafür ist aber ganz einfach, dass ich das halt nie wollte. Was mich nicht zu einer schlechteren Reisenden macht. Es ist einfach nur ein anderer Weg. Fortsetzung meiner Gedanken zum Reise-Thema im nächsten Post, der sich ebenfalls mit einem Travel Memoir beschäftigen wird.

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English Roman

Emily St. John Mandel – Station Eleven

CN dieses Buch: Mord, Tod, Krankheit, Pandemie, Epidemie
CN dieser Post: Pandemie, Sterben, Krankheit


Was für eine Geschichte … ich musste am Anfang des Buchs nachschauen, wann das veröffentlicht wurde, und es ist beängstigend wenig lange her (2014). Ich möchte mir nicht vorstellen, was die Autorin empfunden hat, als es 2020 mit der aktuellen Situation losging …

Es handelt sich aber hier nicht nur um eine Geschichte, die die Katastrophe und ihre Nachwirkungen beschreibt. Viele Rückblicke zeigen die Charaktere in ihrem Leben VOR der Katastrophe, was auch notwendig ist, um diese dann in berührend unterschiedlichen Szenarien sterben zu lassen. Ohne diese Geschichten VOR der Pandemie gäbe es die Frage nicht, wer denn wohl überleben wird und wie.

Of all of them there at the bar that night, the bartender was the one who survived the longest. He died three weeks later on the road out of the city.

Eine großartige Verknüpfung ist jedoch die Geschichte des titelgebenden Comics Station Eleven, der einen großen Teil der Protagonisten miteinander verbindet. Wer diese Geschichte erfindet und wie sie in die Hände derer gelangt, die sie nach der Katastrophe weiterhin mit sich tragen, ist sehr clever angelegt und war für mich nicht vorhersehbar.

If you are the light, if your enemies are darkness, then there’s nothing that you cannot justify. There’s nothing you can’t survive, because there’s nothing that you will not do.

Wie bei anderen Weltuntergangsgeschichten stellen sich auch hier irgendwann die Protagonisten die Frage, warum manche Menschen überlebt haben und andere sterben mussten. Ein Prophet, der daraus eine Licht-und-Schatten-Situation generiert, fehlt natürlich auch nicht. Die vielen Rückblenden ermöglichen eine überdeutliche Beschreibung des VORHER und NACHHER („the divide between a before and an after, a line drawn through his life“).

Unerwartet kommt auch der Funken Hoffnung, der sich am Ende des Buchs spontan einschleicht.

If there are again towns with streetlights, if there are symphonies and newspapers, then what else might this awakening world contain?

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Erfahrungsbericht

Christine Thürmer – Laufen. Essen. Schlafen

CN dieses Buch: –
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Immer wieder interessiere ich mich ja für temporäre alternative Lebensformen. Hier dreht es sich um das so genannte thruhiking, das Wandern auf der gesamten Länge eines der großen amerikanischen Trails: Pacific Crest Trail, Continental Divide Trail und Appalachian Trail. Die Wandernden sind dabei monatelang unterwegs, die Saison wird von den Wetterverhältnissen begrenzt, daher ist auch eine bestimmte Kilometerzahl pro Tag erforderlich. Die Autorin beschreibt ihre Recherche vor dem Aufbruch und ihre Erfahrungen auf den Trails: die besondere Gemeinschaft unter den Wandernden und die Unterstützung der so genannten trail angels, die den Wandernden unterschiedliche Hilfeleistungen zukommen lassen.

Natürlich ist so eine Wanderung mit diversen Strapazen verbunden: Kälte, Hunger, einseitige Ernährung, Verletzungen und so weiter. Christine Thürmer spart diese Aspekte nicht aus, macht aber deutlich, dass es eher das Gesamterlebnis ist, das unzählige Wanderer auf diese Wege lockt. Und trotzdem hatte ich mir irgendwie mehr erwartet. Vielleicht hätte ich doch lieber Wild lesen sollen …

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English Essays Sachbuch

Olivia Laing – The Trip to Echo Spring

CN dieses Buch: Alkoholismus, Sucht, Suizid
CN dieser Post: Alkoholismus


Olivia Laing habe ich in einem meiner liebsten Buchgeschäfte (Shakespeare and Sons in Berlin) entdeckt, es war ein reiner Spontankauf: The Lonely City. Mit ihrem Roman Crudo konnte ich nicht so viel anfangen, aber ihre Non-Fiction-Texte sind in meinen Augen unschlagbar. Es scheint, egal, mit welchem Thema sie sich befasst, sie findet die Verbindung zwischen den unterschiedlichen Aspekten und betrachtet die beteiligten Personen mit Empathie, Verständnis und Mitgefühl, jedoch ohne die sprichwörtliche rosarote Brille.

Controlling the imagination is one thing, but what if as well as telling yourself soothing stories you found a substance, a magical substance, that could do it for you, providing what you might call mechanical relief from the mechanical oppressions of modern life? This is the practice Petros Levounis termed self-medication: the use of alcohol to blot out feelings that are otherwise unbearable.

In diesem Buch untersucht sie die Verbindungen zwischen Alkoholkonsum und dem Schreiben anhand der Lebensgeschichten von sechs Schriftstellern, die zu unterschiedlichen Zeiten zwischen 1896 und 1988 gelebt haben. Teilweise ergeben sich dabei natürlich Überschneidungen und Bekanntschaften. Besonders interessant finde ich, dass sich die Autorin den beschriebenen Personen im Rahmen eines Road Trips nähert, der sie auf Umwegen durch die USA führt. Sie besucht dabei Orte, die für die verschiedenen Autoren (ja, leider ausschließlich Männer) von besonderer Bedeutung waren. Zwischen dem tiefen Eintauchen in die Leben und Lebenswerke der Schriftsteller erzählt sie daher auch von ihren Erlebnissen und Begegnungen, von Menschen und Gesprächen, von Beobachtungen und Gefühlen, die ihre Reise prägen. Ein literarischer Road Trip sozusagen. Was Besseres kann es für mich eigentlich kaum geben.

The overwhelming infantile wail of that need need need, too urgent even for punctuation. If you carry that sense of starvation – for love, for nourishment, for security – with you into adulthood, what do you do? You feed it, I suppose, with whatever you can find to stave off the awful, annihilating sense of dismemberment, disintegration, of being torn apart, of losing the integrity of the self.

Auch ein psychologischer Anteil kommt nicht zu kurz. Aus den Biographien und Korrespondenzen der Schriftsteller versucht sie, die Motivationen und Voraussetzungen zu ergründen, die zum Alkoholmissbrauch und schließlich lebensbedrohlichem Alkoholismus führen. Dabei spielen nicht nur genetische Faktoren eine Rolle, sondern auch die soziale Entwicklung im Verlauf der Kindheit. Sie zitiert etwa eine Studie, die einen Zusammenhang zwischen Ergebnissen eines Trauma-Scores und der späteren Wahrscheinlichkeit eines Suchtverhaltens nachweist (Vincent J. Felitti: The Origins of Addiction: Evidence from the  Adverse Childhood Experiences Study).

Later, she [Deborah Kerr in der Rolle der Hannah in The Night of the Iguana] delivers one of the most beautiful lines in all Williams’s work: ‘Nothing human disgusts me unless it’s unkind.’ So much of him is in that statement: tolerant, non-judgmental, determined to drag out into the light all the shameful clutter of psychopathology our species has evolved.

Die besprochenen Autoren waren mir teilweise bekannt (F. Scott Fitzgerald – The Great Gatsby habe ich selbst schon gelesen, A Streetcar Named Desire habe ich in der deutschen Übersetzung Endstation Sehnsucht irgendwann vor langer Zeit im Rahmen des Theaters der Jugend auf der Bühne gesehen, zu Ernest Hemingway gab es in meiner Schulzeit ein Referat über Der alte Mann und das Meer), teilweise kenne ich sie zwar namentlich, aber nicht anhand ihrer Werke (John Cheever, John Berryman, Raymond Carver).

Erläutert wird außerdem das 12-Schritte-Programm von Alcoholics Anonymous. Ich war einigermaßen überrascht, dass diese Organisation bereits 1935 gegründet wurde, sie besteht also schon so lang, dass die jüngeren der hier besprochenen Autoren bereits an Meetings teilgenommen haben. Die Erfahrungen dieser Autoren bilden somit auch einen Einblick in die frühen Jahre dieser Organisation.

Das titelgebende Echo Spring ist übrigens kein Ort im klassischen Sinn, sondern tatsächlich eine Metapher für den Schnapsschrank (im engl. Liquor Cabinet). Olivia Laing wirft in diesem Buch deutlich mehr als einen Blick auf ein schwieriges Thema, das Generationen von Frauen, Männern, Kindern und Familien betrifft. Sie analysiert Mechanismen und stellt schonungslos dar, welche Zerstörungskraft Alkoholmissbrauch und Alkoholismus entfalten können (sowohl auf den Körper der Betroffenen, als auch auf ihren Geist und ihre sozialen Beziehungen). Gleichzeitig lässt sie die Möglichkeit der Gesundung (im engl. recovery) nicht außer acht.

We’re all of us like that boy sometimes. I mean we all carry something inside us that can be rejected; that can look silver in the light. You can deny it, or try and throw it in the garbage, by all means. You can despise it so much you drink yourself halfway to death. At the end of the day, though, the only thing to do is to take a hold of yourself, to gather up the broken parts. That’s when recovery begins. That’s when the second life – the good one – starts. 

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English Roman

Dave Eggers – Heroes of the Frontier

CN dieses Buch: sexuelle Handlungen, Geschlechtsteile
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Courage was the beginning, being unafraid, moving ahead, through small hardships, not turning back. Courage was simply a form of moving forward.

Manchmal weiß ich nicht mehr, warum ich ein Buch überhaupt auf die Liste gesetzt habe. Und hier hatte ich mir irgendwie etwas vollkommen anderes erwartet. The Circle (vom selben Autor) habe ich nur als Film gesehen und hier war ich dann von der Protagonistin Josie und ihren Zweifeln an ihrem Leben und ihren Lebensentscheidungen schon sehr überrascht. In Rückblenden erzählt sie von ihrer Kindheit und der Trennung von ihren Eltern, vom konstant abwesenden Vater ihrer eigenen Kinder, ihrer Karriere als Zahnärztin, die mit einem Rechtsstreit endet. Ihr Leben scheint eine Abfolge von schwierigen Situationen zu sein, unterbrochen nur durch kurze Momente der Ruhe, in denen sowas wie Hoffnung aufkommen kann.

Genau dasselbe passiert auch auf der Reise durch Alaska, die in der Jetzt-Zeit des Buchs stattfindet. Mit ihren Kindern Paul und Ana stolpert Josie von einem holprigen Tag in den nächsten. Auf den letzten Seiten fing ich langsam an, mich zu fragen, wie dieses Buch nur zu einem halbwegs erträglichen Ende kommen kann. Dann war ich kurz enttäuscht über den vermeintlich letzten Satz. Und dann kam noch ein Kapitel mit nur einem einzigen Satz. Der hat mich dann wieder mit dem Buch (und dem Leben) versöhnt. Ein schöner Blick auf unsere Zweifel an uns selbst und an unseren Entscheidungen. Und ein Aufruf, niemals aufzugeben und immer weiter zu gehen.

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English Roman

Elizabeth Strout – Olive, Again

CN dieses Buch: Suizid, Sterben
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People either didn’t know how they felt about something or they chose never to say how they really felt about something. And this is why he missed Olive Kitteridge.

Da mir das erste Buch mit Geschichten um Olive Kitteridge so gut gefallen hat, und gerade auch wirklich eine Zeit für diese Art von Lektüre ist, habe ich mir gleich das zweite Buch ausgeliehen. Und bin jetzt schon traurig, dass es vermutlich kein weiteres Buch mehr mit ihr geben wird.

This is a hell of a world we live in. […]
Such a simple statement, but it was completely true.

Zu beschreiben, warum diese Geschichten so beruhigend auf mich wirken, ist mir schon beim ersten Buch nicht gut gelungen. Jetzt, wo sich die Leserin mit der Sprödigkeit und dem Unverständnis von Olive für bestimmte Lebenshaltungen und Werte akklimatisiert hat, kommt allerdings noch mehr zum Tragen, was sie eigentlich auszeichnet. Sie kann die wahre Traurigkeit in den Menschen, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden, wahrnehmen und bestätigen. Gleichzeitig ist ihr aber vollkommen unklar, was mit der Beziehung zu ihrem eigenen Sohn und seiner Familie nicht stimmt.

For a long time, Olive sat on the bed; she was just looking through the glass at the dark field. It seemed to her she had never before completely understood how far apart human experience was.

Am meisten berührt hat mich die Geschichte mit der Poetin Andrea. Olive führt mit ihr im Diner ein spontanes Gespräch über die Einsamkeit, hauptsächlich über Andreas einsames Leben aufgrund ihrer relativen Berühmtheit. Andrea veröffentlicht später ein Gedicht, das Olive zwar nicht beim Namen nennt, aber so deutlich beschreibt, dass es eindeutig ist, wer gemeint ist. In dem Gedicht schreibt Andrea Olive die gesamte Einsamkeit zu. In der Reflexion über dieses Gespräch (aus der auch das obige Zitat stammt) scheint Olive erst wirklich klar zu werden, wie unterschiedlich menschliche Empfindungen und Wahrnehmungen sein können. Sie lernt aus diesem Gespräch. In vieler Hinsicht steht Olive fest zu ihrer Meinung und lässt diese auch durch nichts und niemanden erschüttern. Aber dort, wo es um tief gehende menschliche Emotionen geht, dort kann sie und dort können wir alle immer noch etwas lernen.

You all know who you are. If you just look at yourself and listen to yourself, you know exactly who you are. And don’t forget it.

In einer anderen Geschichte erzählt eine ehemalige Schülerin von Olive, wie ihnen die Lehrerin Mrs. Kitteridge damals den Rat gegeben hat, nur auf sich selbst zu hören. Wir wissen bereits, wer wir sind, wir müssen uns nur die Zeit nehmen, auf uns selbst zu hören und uns nicht ablenken lassen von den Erwartungen der Gesellschaft oder dem, was andere Menschen für oder von uns wollen. Ein wunderbarer Rat für junge Menschen, aber auch für ältere Semester, die sich ihres Weges nicht mehr sicher sind.

Brené Brown schließt ihren Podcast Unlocking Us meistens (immer?) mit diesem Satz:

Stay awkward, brave and kind.

Genau das sehe ich in Olive Kitteridge. Genau das würde ich mir wünschen, in mir selbst und in anderen Menschen zu sehen.