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English Roman

Andrew Martin – Down Time

CN: Alkohol- und Drogenmissbrauch, Abhängigkeit, sexuelle Handlungen, Covid19-Pandemie, Depression, BDSM


Eine Notiz aus Lithub, die in einer meiner Literatur-Inboxes gelandet ist. Aus Gründen, die sogar mich später nicht mehr interessieren werden, habe ich mir dieses Buch auf Apple Books gekauft und zügig durchgelesen.

Es ist das, als was es in dem Artikel beschrieben wird und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – hat es mich nicht gepackt. Die Kapitel werden abwechselnd aus der Sicht der fünf Protagonist:innen erzählt, die miteinander in loser Verbindung stehen. Allesamt sind sie in ihren Dreißigern und schon vor der Covid19-Pandemie mehr oder weniger in einem Stillstand der Mittelmäßigkeit gefangen. Als Gemeinsamkeit ist mir aufgefallen, dass in allen Beziehungen eine exzentrische Person auftaucht, die den Alltag aufrüttelt, die abweichende Wege geht und bei den Protagonist:innen ein Hinterfragen ihres Selbst, ihrer sexuellen Identität und ihrer Lebensentscheidungen auslöst.

Da ist die selbstbezogene Tonkünstlerin, in die sich die strikt vernunftorientierte Antonia Hals über Kopf verliebt. Da ist der drogenabhängige Hedonist, mit dem Aaron seine unterdrückte Homosexualität auslebt und erst daran erkennt, das seine langjährige Beziehung mit Cassie mehr durch Ko-Abhängigkeit definiert wird als durch Liebe. Da ist die exzentrische Performance-Künstlerin, die ihre Sexualität auch als Werkzeug ihrer Kunst benutzt und dem strauchelnden Schriftsteller Malcolm vor Augen führt, dass er im Leben nichts riskiert hat.

Everything I did, artistically and romantically and otherwise, was oriented around simply not losing what I already had.

Die Disruption von Pandemie und Lockdown und die Folgen der komplexen Beziehungen, die mit den oben beschriebenen Charakteren entstehen, gehen in unterschiedlichste Richtungen. Sind unsere Protagonist:innen am Ende besser dran als vorher? Das lässt sich schwer sagen (ausgenommen Aaron, der zumindest aktuell seine Substanzabhängigkeit überwunden hat). Diese Unklarheit, diese Ziellosigkeit ist es vermutlich auch, die mich mit einem unbequemen Gefühl zurücklässt. Es ist mir zu nah an der Wirklichkeit, zu nah an der lähmenden Realität der Covid19-Pandemie, die noch nicht so lange zurückliegt, wie es in den Medien oft dargestellt wird, zu nah an den Folgen, die manche Menschen dauerhaft aus dem Leben gerissen haben (durch Tod oder Long Covid). Zu nah dran, als dass ich jetzt noch weiter darüber nachdenken wollen würde.

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English Roman

Matt Haig – The Midnight Library

CN: Suizid, Tod von Familienangehörigen, Tod eines Haustiers, Alkohol- und Drogenmissbrauch


Die Protagonistin Nora ist an einem Tiefpunkt angelangt. Alles in ihrem Leben, das nicht schon vorher schlecht war, scheint gerade kaputt zu gehen. Ihr Leben fühlt sich so sinnlos an, dass sie es selbst beenden will. Anstatt im erhofften Nichts anzukommen, findet sie sich in einer Bibliothek wieder, in der ihre frühere Vertrauensperson Mrs. Elm ihr verschiedene andere Lebensentwürfe anbietet. Nora bekommt die Chance, ihre regrets auszubügeln und auszuprobieren, wo andere Lebensentscheidungen sie hingeführt hätten. Wäre sie als Olympionikin, als Rockstar, als Gletscherforscherin glücklich geworden? Die Antworten sind natürlich kompliziert und führen Nora am Ende zu einer unerwarteten Erkenntnis.

Trotz des traurigen Themas und der vielen schmerzhaften Erfahrungen, die Nora macht, ist das überspannende Thema dieses Buchs die Hoffnung. Mittels Metaphern wie Schach (das Spiel ist nicht vorbei, so lange noch Figuren auf dem Brett stehen, auch ein Bauer kann zu einer Königin werden) und der beispielhaften Illustration, dass wir manche Entwicklungen in unserem Leben einfach nicht beeinflussen können, wird verdeutlicht, dass es das perfekte Leben nicht gibt. Wir sind selbst dafür verantwortlich, das Beste aus unserem Leben zu machen. Auch wenn das manchmal fürchterlich schwer ist.

It was as though she had reached some state of acceptance about life – that if there was a bad experience, there wouldn’t only be bad experiences. She realised that she hadn’t tried to end her life because she was miserable, but because she had managed to convince herself that there was no way out of her misery.

PS: Kriegt Hugo noch sein eigenes Buch?

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Roman

Petra Piuk – Toni und Moni

CN: Gewalt (Beziehungsgewalt, Gewalt gegen Kinder und Tiere, sexuelle Gewalt), Alkoholmissbrauch, Mord, Suizid


Die einen oder anderen ahnen es vielleicht: wieder ein Buch aus meiner Liste der österreichischen Literatur-Geocaches. So langsam wird es Zeit, dass ich auch mal wieder welche suchen gehe. Die Liste der gelösten Mysteries ist inzwischen wieder so lange wie vor der #52in2025-Aktion. Die #52in2026 habe ich sträflich vernachlässigt. Ich mache den viel zu heißen Sommer verantwortlich.

In der Heimat gibt es: ein gutes Essen, ein gutes Trinken und gute Menschen. Aber keine Gutmenschen. Das darf man bitte nicht verwechseln.

Der Untertitel „Anleitung zum Heimatroman“ parodiert bereits, was sich im obigen Zitat abzeichnet: Es handelt sich eher um einen Anti-Heimatroman, in dem sich noch dazu die Autorin Petra Piuk (als sie selbst), die Frau Schriftstellerin, die Großcousine als Feindbild der Dorfgemeinschaft (zwei Alter Egos der Autorin) und die Lektorin Tanja um das Wesen eines erfolgreichen Heimatromans duellieren. Auch die Leser:innenschaft kommt in Form von Leser:innenbriefen zu Wort.

Während ein Heimatroman traditionell schöne Landschaft, gute Menschen und eine überschaubare Liebesgeschichte mit einem Happy End in Form (zumindest) einer Hochzeit zu haben hat, wird in dieser Satire auf den Heimatroman der Bodensatz der patriarchalen Gesellschaft, die sich gerade in den kleinen Dörfern so hartnäckig gehalten hat (oder hält?) in den Vordergrund gerückt. Männer machen, was sie wollen; Frauen haben zu funktionieren und die Klappe zu halten. In der Person des Toni zeigt sich deutlich, wie sich diese Einstellung von einer Generation auf die andere überträgt. Toni meint, ein Recht auf die Moni zu haben, in die er seit seiner Kindheit verliebt ist. Dieses Recht nimmt er sich notfalls auch mit Gewalt, was dann zu dem gewünschten Schein-Happy-End führt, denn schließlich muss die schwangere Moni nun den Toni heiraten, anstatt in der bösen Großstadt ihrem Berufswunsch nachzugehen.

Um seinen1 Zweck nicht zu verfehlen, sollte eine Patronenhülse immer gefüllt sein. Im Gegensatz zu einer WORTHÜLSE, die auch LEER sein kann. Eine leere Bierhülse hingegen sollte man umgehend durch eine volle ersetzen. 

Das Buch ist in kürzesten Kapiteln verfasst. Fortschritte der „Handlung“ des Heimatromans wechseln sich ab mit Vor-, Zwischen- und Schlussbemerkungen, Aussagen der Dorfbewohner:innen (zum Beispiel zu geeigneten Erziehungsmaßnahmen wie der „gesunden Watschen“), Liedtexten (aus Radio Schlagerglück) und Ausschnitten aus Zeitungsartikeln. Dazu gehört zum Beispiel eine Aufzählung von Nachrichten-Headlines, die allesamt so genannte „Familientragödien“ beschreiben (was heute eigentlich Femizid genannt werden sollte wird). Auch andere „aktuelle“ Themen werden angerissen. Ein „Mensch ärgere dich nicht“-Spiel macht die Autorin zu einer Metapher für die Flucht von Verzweifelten übers Mittelmeer (bezugnehmend auf die Flüchtlingskrise in Europa 2015/2016). An anderer Stelle zitiert sie den FPÖ-Politiker Norbert Hofer, der während seiner Kandidatur zum Bundespräsidenten 2016 mit folgender Aussage aufhorchen ließ: „Sie werden sich noch wundern, was alles geht!“

Eine Tracht gibt es nicht nur in Form von Prügel, sondern auch in Form von Kleidung. Und die Kleidertracht ist schön im Gegensatz zur Tracht Prügel, die aber manchmal sein muss, weil WAS SEIN MUSS, MUSS SEIN. Darüber herrscht im Dorf Eintracht. 

Gewürzt wird dieses bereits sehr vielseitige Potpourri mit einer umfangreichen Auswahl all der Redewendungen, die sich von Generation zu Generation weiter vererben („WAS AUF DEN TISCH KOMMT, WIRD GEGESSEN“ oder „SO ETWAS KOMMT IN DEN BESTEN FAMILIEN VOR“). Die Redewendungen sind in Versalien gesetzt.

Zum Ende hin rutscht die Geschichte in den Keller des schwarzen Humors ab. Was allerdings nur konsequent ist, wenn die Natur der Geschichte als Anti-Heimatroman bedacht wird. Was bleibt, ist eine tiefgreifende Frustration über die Auswüchse des Patriarchats, das sich so hartnäckig in unserem Alltag festklammert.

  1. Müsste das nicht ihren Zweck heißen? Die Hülse verfehlt ihren Zweck?  ↩︎
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English Roman

Vincenzo Latronico – Perfection

CN: sexuelle Handlungen


Aus einem Lithub-Artikel (den ich nicht abgespeichert habe und jetzt nicht mehr finde) über kurze novels habe ich dieses Buch ausgewählt, weil es in der Overdrive eLibrary verfügbar war. Warum nicht mal eine kurze Ablenkung zwischendurch? Wie es diese „Geschichte“ jedoch auf diese Empfehlungsliste geschafft hat, ist mir weitgehend unklar.

In einem langen ersten Kapitel wird eine Wohnung in ausführlichstem Detail beschrieben. Es fühlte sich an, als würde ich den sehr ausführlichen Alternativtext eines IKEA-Katalogs lesen. Da es aber ohnehin ein kurzes Buch sein sollte, blieb ich dran, bis sich endlich Protagonist:innen zeigten.

Anna and Tom lived in a bubble, one even more insular and limited than those just starting to appear on social media. 

Anna und Tom sind aus einem nicht näher beschriebenen südlichen Land nach Berlin gezogen, um dort ihren kreativen Tätigkeiten nachzugehen. Hier können sie sich endlich entfalten und sogar neu erfinden. Sie teilen ein Büro, in dem sie lange Arbeitstage verbringen. An den Wochenenden ziehen sie mit anderen Expats von Parties zu Galerien zu Clubbings, bis schließlich der Montag die nächste Arbeitswoche einläutet.

And yet, for whatever reason, they never seemed to find what they were looking for. 

Mit (viel zu) vielen Worten wird beschrieben, was wir als Instagram-Illusion kennen: Die Fotos anderer Menschen sind so perfekt, dass sie uns an unserem eigenen langweiligen Leben zweifeln lassen. Das Gras ist woanders immer grüner, die Speisen auf besonderen Keramiktellern sind perfekt ausgeleuchtet, die Sonnenuntergänge endlos, die Träume werden wahr. Mit dem kleinen Problem, dass ein auf einem Foto festgehaltener Moment der Perfektion nie das wahre Leben widerspiegeln kann.

Achtung, es folgt ein schamloser Spoiler.


Der Witz an der ganzen Sache ist, dass Anna und Tom am Ende ihre Erfüllung darin finden, diese Art von Illusion für andere zu erschaffen. Anstatt die Perfektion für sich selbst woanders zu suchen, basteln sie an einem Stück Perfektion für andere. Vermutlich ist es dieser Zirkelschluss, der genial genug erscheinen mag, um die Langeweile dieses Buchs wegzuwischen. Für mich war das aber nicht genug.

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Fantasy Roman

Nora Bendzko – Die Götter müssen sterben

CN: Gewalt, Tod, Krieg, Inzest, abgetrennte Gliedmaßen, Feuer, Verstümmelung, Vergewaltigung, Tod von Angehörigen, Mord an Kindern … (Ich bin echt nicht zart besaitet, aber hier wird an Greueln kaum etwas ausgelassen.)


Vor einiger Zeit hatte ich auf Mastodon nach speziellen Leseempfehlungen gefragt, die Ergebnisse hatte ich dann in diesem Post aufgelistet. Nora Bendzko wurde damals zwar nicht genannt, wurde mir aber von einer lieben Person als Reaktion auf diese Frage geliehen. Seit letztem Jahr stand das Buch in meinem Regal der ungelesenen Bücher, das ich von der Couch aus sehen kann. Immer wieder starrte ich auf den Titel, der in seiner direkten Brutalität schon die Gewalt andeutet, die das Buch entscheidend prägt.

Die Geschichte basiert auf Personen und Erzählungen aus der griechischen Mythologie. Im Zentrum steht der Amazonenstamm unter der Königin Penthesilea. Die Amazonen werden als grausame Kriegerinnen beschrieben, die sich vom Durst nach Gewalt und Blut mitreißen lassen. Ihre göttliche Hüterin ist Artemis, der die Königinnen der Amazonen ihre männlichen Nachkommen opfern. Denn die Tradition der Amazonen verlangt es, dass die Königinnen nur weibliche Kinder aufziehen dürfen. Der Kriegsgott Ares fordert es für sich, als alleiniger Vater diese Kinder zeugen zu dürfen. Damit geht natürlich auch einher, dass Ares mit seinen eigenen Töchtern immer wieder Nachkommen zeugt. In der Schlacht um die Stadt Troja stehen sich schließlich Göttinnen und Götter, Königinnen und Helden, Amazonen und Griechen in einem grausamen Vernichtungskampf gegenüber.

Es ist ein ziemliches Kontrastprogramm, dass es der Autorin gleichzeitig gelingt, moderne feministische Konzepte in die Gesellschaft der Amazonen einfließen zu lassen. Homosexuelle Liebe wird nicht nur akzeptiert, sondern als gleichwertig anerkannt. Nicht-binäre Personen (hier Vielselige genannt) und asexuelle Charaktere finden ebenfalls einen Platz in dieser Gesellschaft. Bis zum Schluss konnte ich es für mich nicht miteinander in Einklang bringen, dass eine Gesellschaft gleichzeitig so fortschrittlich und gewaltvoll sein soll. Das Nachwort der Autorin bringt ein bißchen Licht ins Dunkel. Nora Bendzko schreibt, dass es „nicht in ihrem Interesse“ war, „das Gewalttätige und Furchteinflößende auszublenden“. Sie schreibt weiter über die „transformative Kraft von Wut“, die sie in ihren Amazonen auf ermächtigende Art wirken lässt. Und doch bleibt bei mir ein schaler Beigeschmack zurück. Warum sollte eine weiblich regierte Gemeinschaft genauso gewaltvoll herrschen wie eine männlich dominierte?

Trotz dieser Kritikpunkte muss ich zugeben, dass ich das Buch in nur vier Tagen weggelesen habe, weil es einfach mitreißend geschrieben ist. Die Perspektive wechselt zwischen verschiedenen Personen, was zu „natürlichen“ Cliffhangern führt, weil sich diese Personen einfach an unterschiedlichen Orten aufhalten und somit verschiedene Ereignisse erleben. Bei so manchem Detail musste ich innerlich den Kopf schütteln, aber es ist halt Fantasy. Wo das silberne Auge einer Göttin zum Zankapfel wird, brauchen wir uns auch von unrealistischen Schlachtszenen und Wunderheilungen nicht ablenken lassen.

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English Fantasy Roman

Alix E. Harrow – The Everlasting

CN: Gewalt, Tod, Krieg, Verstümmelung, Verlust der Eltern, Verlust der Partnerperson, Politik


Als ich dieses Buch endlich zur Hand nahm, wusste ich bereits, dass es den Hugo Award 2026 für Best Novel gewonnen hatte. Was mich allerdings mehr abgelenkt hat, war der Gedanke, wie wohl meine Mitlesenden im Hugo-Award-Buchclub darüber denken würden.

Zeitreise-Geschichten finde ich im Allgemeinen einerseits verwirrend und andererseits scheinen mir irgendwo immer die Vorgaben zu brechen. Ein (zufällig gewähltes) Beispiel dafür: Du kannst nicht in einen Teil deiner vergangenen Lebenszeit (zB deine eigene Kindheit) zurückreisen. Oft kommt es mir dann so vor, als wären diese Regeln absichtlich so kompliziert gestaltet, dass selbst bei einem Bruch immer irgendwo ein Schlupfloch ist. Wodurch die Leser:in so verwirrt wird, dass es sich gar nicht mehr lohnt, den Prämissen überhaupt zu folgen. Um diesen winzigen Aspekt vorwegzunehmen: Bei diesem Buch konnte ich bei aufmerksamem Lesen binnen weniger Tage keinen offensichtlichen Bruch entdecken.

Once there was a woman who wanted more than she was given. She wanted it so badly that she shattered time itself beneath her heel and pieced it back together in the way that suited her best. History no longer simply happened, like an accident; it was told, like a story. And the queen told it many times. 

Zu Beginn hatte ich Schwierigkeiten, in die Geschichte hineinzukommen. Der Beginn des ersten Kapitels aus Owen Mallorys Perspektive beginnt mit der Zeitangabe „several years after the war“, wodurch zumindest ich dazu verleitet wurde, eine Verortung in unserer realen Geschichtsebene zu versuchen. Ein vergeblicher und unnötiger Versuch, denn das Buch spielt in dem fiktiven Staat Dominion, der Ähnlichkeiten zu Großbritannien aufweist, aber seine eigene Welt darstellt. In dieser Welt lernen wir Owen als neurotischen, psychisch instabilen Kriegsveteranen und Wissenschaftler kennen, der sich an ein angeblich nicht existierendes Buch klammert. Bis ihm ein Brieföffner in die Hand gerammt wird und er sich an einem anderen Ort und einer anderen Zeit wiederfindet.

Es ist schwierig, über den Zeitreise-Aspekt dieser Geschichte zu schreiben, ohne zu viel zu verraten. Die Zeitreise stellt die Basis für den romantischen und den politischen Teil. Hier stellte ich außerdem Parallelen zu unserem anderen Hugo-Award-Favoriten Death of the Author fest: Hier wie dort wird explizit auf die Bedeutung von Geschichten verwiesen. Die Geschichten, die Menschen sich über ihre Gesellschaft und ihre Vergangenheit erzählen, liefern die Form, in die wir unsere Persönlichkeiten und Erfahrungen einordnen (how we make sense of the world). Das Ziel der Antagonistin in diesem Buch ist es, die Geschichte so lange (und so oft) zu manipulieren, bis sie zu dem gewünschten Ergebnis gelangt.

It is not a lesson, until we learn it. It is not a story, until we tell it. And every story serves someone.

Als große Stärke des Buchs empfand ich die differenzierten Charaktere. Neben den Hauptfiguren Una, Owen und Vivian (lt. meiner Mitlesenden die perfekte super-villain) haben auch die Nebenfiguren Hintergründe, Wünsche und Fehler. Owens Beziehung zu seinem Vater, die in einer späteren Zeitebene eine überraschende Tiefe erhält. Owens Kollegen: Harrison, selbst ein Opfer von Vivians Machtstreben, und Gilda Sawbridge, die trotz ihrer sehr unterschiedlichen Schicksale immer an die Wahrheit der Wissenschaft glaubt. Sogar der letzte lebende Drache, den Una auf Befehl der Königin erlegen soll, hat so viel Persönlichkeit, dass ich mich selbst beim hörbaren Seufzen vor lauter Mitleid für das Tier erwischte.

In der Verbindung von Romantasy und Zeitreise versteckt Alix E. Harrow Anmerkungen über Gender oder Rassismus. An einer Stelle lässt sie Una darüber sinnieren, ob sie lieber als Mann wahrgenommen werden will (der sie nicht ist) oder lieber daran scheitern will, das Weibliche zu repräsentieren, das sie ist. Rassismus gegenüber den Feinden des Königreichs Dominion erfährt Owen, der zwar in Dominion geboren ist, aber aufgrund seines Aussehens als Ausländer wahrgenommen wird. Ich sehe hier keinen mahnenden Zeigefinger, ich sehe Ergänzungen zu den Geschichten, die nicht nur unsere Vergangenheit, sondern auch unsere Gegenwart und Zukunft formen.

Wenn ihr mit (heterosexueller) Romantasy gar nichts anfangen könnt, dann wird euch dieses Buch vermutlich keine Freude bereiten. Der Romantik-Aspekt ist trotz des ganzen Blut-Vergießens wesentlicher Bestandteil der Geschichte. In dieser Romantasy steckt aber auch eine Parabel auf die Frage nach der Wahrheit und woran wir diese überhaupt erkennen können, wenn wir nicht wissen, wer von den Geschichten, die uns erzählt werden, gerade profitiert.

It is not a lesson, until we learn it. It is not a story, until we tell it. And every story serves someone.

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Roman

Colum McCann – Let The Great World Spin

CN: Prostitution, Tod durch Unfall, Religion, Drogenmissbrauch (Heroin), Krieg (Vietnam), Suizidgedanken, Prostitution, 9/11


A man high in the air while a plane disappears, it seems, into the edge of the building. One small scrap of history meeting a larger one. As if the walking man were somehow anticipating what would come later.

Dieses Buch hatte ich ganz unten auf meiner Merkliste in der Overdrive eLibrary, es muss dort also ungefähr so lange stehen, wie ich dieses Angebot der Büchereien Wien nutze. Dass ich das Buch gerade jetzt – 25 Jahre nach 9/11 – gelesen habe, war reiner Zufall. Die Geschichte beginnt mit der Beschreibung einer wahren Begebenheit: Philip Petit balancierte am 7. August 1974 auf einem Stahlseil zwischen den Türmen des World Trade Centers. Von diesem Ereignis ausgehend erfindet Collum McCann eine Geschichte, die Jahrzehnte umspannt und Protagonist:innen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten miteinander in Verbindung bringt.

Beginnend mit zwei Brüdern, die vor den Konflikten zwischen Nord- und Südirland aus Dublin nach Amerika fliehen, entfaltet sich ein Panorama an unterschiedlichen Charakteren. Während Corrie sich als Mönch betrachtet, der den lokalen Prostituierten aus Nächstenliebe sein Badezimmer zur Verfügung stellt, hadert sein Bruder Ciaran mit dem in vieler Hinsicht lebensfeindlichen New York, das er sich ganz anders vorgestellt hat. Im Gegensatz dazu lernen die Leser:innen Claire kennen, die mit ihrem Mann, der als Richter arbeitet, auf der Park Avenue residiert. Claire teilt aber das Schicksal vier anderer Frauen: Sie alle haben einen oder mehrere Söhne im Vietnamkrieg verloren.

Es wäre ein Spoiler, die sich im Verlauf der Geschichte nur langsam aufdeckenden Verbindungen auch nur anzudeuten. Eines haben die Protagonist:innen jedoch allesamt gemeinsam: Keine:r ist wirklich glücklich. Alle haben Verluste erlitten oder bereuen falsche Entscheidungen. Jede:r kämpft mit der Vergangenheit und gleichzeitig mit einer Zukunft, die aufgrund der erlebten Vergangenheit unerträglich scheint.

Im Nachwort erklärt der Autor, dass abgesehen von Philip Petit alle Figuren und Ereignisse erfunden sind. Nichtsdestotrotz bleibt es ein trauriger Roman, weil jedes einzelne Schicksal genauso gut war sein könnte und in ähnlicher Form vermutlich immer wieder vorkommt. Der melodische Schreibstil hat mich jedoch sehr in seinen Bann gezogen. Obwohl die Kapitel keine Cliffhanger haben, wollte ich immer weiter leisen. Somit habe ich es dann in wenigen Tagen durch den nicht eben kurzen Roman geschafft. Der Schluss will versöhnlich sein. Wir brauchen schließlich einen Lichtblick, um weiterhin gegen die Dunkelheit zu kämpfen.

We stumble on, now, we drain the light from the dark, to make it last. 

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Roman

Emily Tesh – The Incandescent

CN: Tod, Gewalt, Gefahr, Verlust der Eltern


Als ich dieses Buch begonnen hab, stand die Veröffentlichung der Hugo Awards gerade bevor, als ich fertig wurde, war mir die Entscheidung bereits bekannt. Wenn ihr euch dafür interessiert, kennt ihr das Siegerbuch vermutlich schon, wenn nicht, findet ihr es hier.

Der Fantasy-Aspekt in diesem Buch hat hauptsächlich mit Magie zu tun. Die Geschichte spielt in einem Großbritannien, das dem heutigen sehr ähnelt: Die Jugendlichen haben Smartphones und andere moderne Gadgets und sind von diesen kaum zu trennen. An einer Stelle wird angemerkt: „a middle schooler didn’t need a little demon box in their pocket all the time“. In der Geschichte ist es tatsächlich so gemeint, dass kleine Dämonen sich oft in elektronischen Geräten einnisten, es passt aber auch wunderbar als Metapher auf die aktuelle Zeit. Vielleicht nenne ich mein nächstes Smartphone „demon box“.

Der Hauptschauplatz dieser Geschichte ist die Internatsschule Chetwood, in der neben den klassischen Schulfächern auch Magie unterrichtet wird. Erzählt wird aus der Sicht von Dr. Walden, die in Chetwood einer magischen Abteilung vorsteht und nur noch wenig selbst unterrichtet. Zu Beginn des Buchs ist kaum klar, welches Geschlecht Walden hat, selbst in ihren eigenen Gedanken bezeichnet sie sich als Dr. Walden. Damit wird ausgedrückt, dass in ihrer Lehrer:innenpersönlichkeit ihr Geschlecht keine Bedeutung hat, aber auch, dass sie ihr gesamtes Selbst in dieser Lehrer:innenpersönlichkeit aufgehen hat lassen.

Dr Walden as the self she had made, the home she possessed, a person with knowledge and experience and power and status and a place to belong. 

Im Verlauf des Buchs reflektiert sie viel über das Schul- und Unterrichtssystem, die Schwierigkeiten des Unterrichtens, die sich hauptsächlich aus dem System ergeben, in dem das Unterrichten statt findet. Auch damit ist das Buch eindeutig in unserer aktuellen Zeit verankert, wo es für Schüler:innen aus privilegierten Familien deutlich einfacher ist, einen erfolgreichen Schulabschluss zu machen, als für Schüler:innen aus sozial schlechter gestellten Verhältnissen.

Mit der Zeit bricht Waldens Lehrer:innenpersönlichkeit auf. Sie bemerkt, dass sie die Maske, die für sie auch Schutz bedeutet, nicht mehr aufrecht erhalten kann. (Es gibt Situationen, in denen Walden bewusst „ihr Gesicht richtet“. Da habe ich mich sehr gut drin wieder erkannt.) Im Gespräch mit Schüler:in Nikki, die aufgrund ihres besonderen magischen Talents ein Ziel für höhere Dämonen ist, muss Walden sich auf ihr anderes Selbst besinnen, um dem Ziel ihrer Lehrer:innenpersönlichkeit nachzukommen: Um Nikki zu überzeugen, ihre Ausbildung fortzusetzen, reicht es nicht, Walden, die Lehrer:in zu sein. Sie muss sich auf ihre eigenen Zweifel, Kämpfe und ihre Vergangenheit besinnen. Auf die Erfahrungen, die sie zu der Person gemacht haben, die sie heute ist.

All of which brings us to the personhood question. Is a demon a person? Do we need to treat it as we must, morally, treat other people?

Besonders spannend fand ich auch ein Kapitel, in dem in einer Unterrichtsstunde die Frage diskutiert wird, ob ein Dämon eine Person ist. Die ethischen Regeln von Chetwood bestimmen, dass Magie nicht dazu eingesetzt werden darf, um anderen Personen zu schaden. Die Frage, ob ein Dämon eine Person ist, ist daher von entscheidender Bedeutung. In diesem Zusammenhang ist es auch sehr spannend, mit welchem Input Walden ihre Schüler:innen aus diesem Gespräch entlässt: Der wesentliche Unterschied ist, dass Dämonen nicht sozial sind. Sie denken nur an sich selbst, sie bilden keine Gruppen, sie arbeiten nicht zusammen. Wer den Gedanken weiter denkt, mag zu dem Schluss kommen, dass demnach Hunden, Katzen oder anderen sozialen Tieren Persönlichkeitsstatus zukommen mag. Kann es aber demnach Menschen geben, die nicht sozial handeln und daher als Dämonen betrachtet werden können? Mit diesem Gedankenanstoß möchte ich diesen Post schließen und mich dem abtauenden Gefrierschrank zuwenden.

You do not have to. Nothing binds you here. A self is a home is a purpose is a life. But above all those, a self is a choice. 

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Roman

Herbert Dutzler – Letzter Gipfel

CN: Mord, Gewalt, Alkoholmissbrauch


Nach den letzten doch eher deprimierenden Büchern brauchte ich dringend Abwechslung. Das Einfachste schien dabei der Griff zu einem Lokalkrimi, der noch dazu mit einem Geocache verbunden ist. Leider entspricht auch Herbert Dutzlers Werk nicht meinen Anforderungen an einen Lokalkrimi. Ein sexistisches Klischee bleibt ein sexistisches Klischee, auch wenn es von einem etwas einfältigen Inspektor vorgetragen und von seiner deutlich moderneren Frau korrigiert wird.

An zumindest einer Stelle wird angedeutet, dass das Mordopfer aufgrund ihres „unmoralischen“ Lebenswandels ermordet wurde – und damit zumindest eine Mitschuld trägt. Auch das wird im nächsten Absatz relativiert, aber es steht so da. An anderer Stelle werden abfällige sexistische Bemerkungen in männlichen Stammtischrunden verurteilt, aber auch diese Bemerkungen stehen eben so da. An anderer Stelle wird einem Herrn ein zweifelhafter Lebenswandel unterstellt, weil er … ein Wasserbett hat.

Diese Regionalkrimis erfreuen sich offenbar eines zahlungskräftigen Publikums, sonst würden sie nicht so inflationär veröffentlicht, verfilmt und von Geocacher:innen in „Literatur“-Geocaches verarbeitet. Für mich ist das leider nichts, wie ich immer wieder feststellen muss.

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Roman

Chimamanda Ngozi Adichie – Half of a Yellow Sun

CN: Mord, Genozid, Trauma, Rassismus, Landminen, Bürgerkrieg, Hunger, Flucht, sexuelle Gewalt


In diesem Epos erzählt die Autorin in fiktionalisierter Form vom Bürgerkrieg in Süd-Nigeria Ende der 1960er-Jahre. Es wird aus drei Perspektiven erzählt; die Personen stehen miteinander in Verbindung. Olanna ist eine Nigerianerin aus einer reichen Familie, Ugwu stammt aus einem armen Dorf und arbeitet bei Olannas Partner Odenigbo als Houseboy. Richard ist Engländer, recherchiert für ein Buch und interessiert sich für die lokale Kunst. Er beginnt eine Beziehung mit Olannas Schwester Kainene.

Bevor es zu den dramatischen Tagen des Bürgerkriegs kommt, stehen Beziehungsverwirrungen, Fragen der Lebensführung und der Gesellschaft im Vordergrund. Die verschiedenen Völkergruppen in der Region stehen immer wieder miteinander in Konflikt. Affären und deren Folgen reißen Freundesgruppen und Familien auseinander. Erst die furchtbare Hungerkatastrophe des Kriegs lässt die zuvor Getrennten wieder zusammenrücken.

Es war nicht einfach, zu lesen, wie Kinder rausgeschickt werden, um Eidechsen und Heuschrecken zu jagen, weil es sonst einfach nichts zu essen gibt. Von einer Krankheit, die von Mangel an Protein in der Nahrung ausgelöst wird, hatte ich bisher nie gehört. Wikipedia nennt diesen Bürgerkrieg „eine der schlimmsten humanitären Katastrophen der Neuzeit“ und zeigt sogar ein Foto von nahezu nackten Kindern mit Hungerödemen. Ich denke, das Buch will (auch) zeigen, wie selbst in den dunkelsten Zeiten Menschen zusammenhalten und an eine bessere Zukunft glauben, für die sie auch kämpfen. Es ist aber aufgrund der detaillierten Beschreibung der Kriegsgräuel auch schwierig zu lesen.

They sat on wooden planks and the weak morning sun streamed into the roofless class as she unfurled Odenigbo’s cloth flag and told them what the symbols meant. Red was the blood of the siblings massacred in the North, black was for mourning them, green was for the prosperity Biafra would have, and, finally, the half of a yellow sun stood for the glorious future.