Silvia Bovenschen – Nur Mut

„Du musst dich ständig gestalten und umbauen und dabei kontrollieren, ob dein Selbstentwurf noch auf der Höhe aktueller Vorgaben ist. Du musst permanent darüber nachdenken, was du bist und wie du bist und wie du sein könntest, bis du im Zuge dessen gar nicht mehr dazu kommst, zu sein.“

Vier alte Damen, eine verwirrte Jugendliche und ihr Verehrer in einer Villa. Konfliktpotenzial ist ausreichend vorhanden. Interessant sind hauptsächlich die Probleme und die sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten der vier Damen, die kaum etwas gemeinsam haben außer dem Alter. Jede hat ihr Kreuz zu tragen und geht damit auf ihre eigene Weise um. Das geht mehr oder weniger gut, bis es programmgemäß zum Eklat kommen muss.

„Heiliger Bimbam“, sagte Nadine. (Das war auch nicht besser – so etwas sagte man in den fünfziger Jahren, wenn ein Kompottschüsselchen heruntergefallen war.)

Die Dialoge sind spritzig verfasst, es beeindruckt, mit welcher Leichtigkeit die Autorin sowohl die Jugendsprache der desinteressierten Dörte als auch die unterschiedlichen Altersperspektiven der vier Damen einzufangen weiß.

„Vor diesem Schlag war ich ein planendes Wesen. Mit diesem Schlag habe ich mich verbraucht. Nach diesem Schlag werde ich mich für eine sehr kleine Zeit in der neuen Eigenliebe wärmen. Mein Leben hat keine Richtung mehr. Es gibt kein Ziel mehr. Es gibt nichts mehr zu tun. Jetzt bin ich für andere nur noch gefährlich.“

Auf die Katastrophe folgt eine fantastische Episode, die das vorangegangene Gefühl, ein Theaterstück zu lesen, zerstört. Noch während die vier Damen den Salon verwüsten, kann sich der Leser vorstellen, dieses Stück mit Erni Mangold (in der Rolle der Nadine?) in der Josefstadt auf der Bühne zu sehen. Die Rahmenhandlung erscheint mir allerdings nur als halbherzige Rechtfertigung der fantastischen Episode, in der die Lebensfehler der Damen auf den Punkt gebracht werden. Ein unterhaltsames Lehrstück über das Alter mit der Botschaft zwischen den Zeilen: Du wirst eher die Dinge bereuen, die du nicht getan hast, als die, die du getan hast.

Markus Zusak – I am the messenger

Usually we walk around constantly believing ourselves. ‘I’m ok,’ we say. ‘I’m all right.’ But sometimes the truth arrives on you, and you can’t get it off. That’s when you realize that sometimes it isn’t even an answer – it’s a question. Even now, I wonder how much of my life is convinced.

Es gibt Geschichten, die kann man einfach nicht ansatzweise wiedergeben, weil man ohne zu spoilern das Feeling nicht einfangen kann. Das ist definitiv so eine Geschichte. Es ist unmöglich, den Protagonisten Ed und seine Veränderung im Rahmen der Geschichte zu beschreiben, ohne zu viel zu verraten. Eine großartig erzählte Geschichte. Es gibt kaum eine Wendung, die der Leser kommen sehen kann, jede Seite hält eine neue Überraschung bereit, mit der unmöglich zu rechnen war.

Zu behaupten, das Buch wäre selbst eine Nachricht (message) wäre zu plakativ und würde der Geschichte nicht gerecht. Leseempfehlung.

Carlos Ruiz Zafón – Der Mitternachtspalast

Die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass die Zukunft ihr unerträglich viel Zeit geben würde, die Fehler der Vergangenheit zu bereuen.

Dieses Buch steht seit über zwei Jahren bei mir im Regal (damals hatte ich mir tatsächlich eine Kaufnotiz per Post-It ins Buch geklebt, eine Angewohnheit, die sich nicht lange gehalten hat). Zur Ablenkung brauchte ich eine Geschichte, die unterhält, ohne zu viel Hirnkapazität zu erfordern und Carlos Ruiz Zafon erschien mir hier als passend. Erst während des Lesens hatte ich mich daran erinnert, dass das letzte Buch, das ich von ihm gelesen hatte (Der dunkle Wächter), mich nicht sonderlich begeistert hatte.

Auch bei diesem Buch handelt es sich um einen klassischen Schauerroman. Es beginnt als Krimi, stellt sich jedoch bald als Gruselgeschichte heraus. Gleich mehrere Versionen hat sich der Autor für die Vorgeschichte der Protagonisten Ben und Sheere einfallen lassen, die von den beiden und ihren Freunden im Verlauf des Buches aufgedeckt werden. Unerwartete Wendungen, spannende Szenen in einem verfallenen Bahnhofsgebäude und ein Phantom, das direkt aus den Katakomben der Oper entfleucht sein könnte, garantieren eine hohe Verfilmbarkeit des Materials. (Während ich nach einer potentiellen Verfilmung im Internet suche, stelle ich fest, dass es sich dabei wohl um den zweiten Teil der Nebel-Trilogie handelt, dessen dritten Teil ich bereits gelesen habe. Die Trilogie scheint jedoch keine direkten Verknüpfungen untereinander zu haben.)

Wer sich an der Existenz von Geistern und deren Rachegelüsten nicht stört (oder sich vielleicht sogar daran erfreut), kann mit diesem Buch ein paar unterhaltsame Stunden verleben. Nicht mehr und nicht weniger.

Julya Rabinowich – Dazwischen: Ich

Ich werde nie sein wie die. Sogar wenn ich die tollste Ausrüstung hätte und ein schönes eigenes Zimmer und täglich zum Friseur liefe. Meine Angst wäre noch da. Mein Ducken, wenn sich jemand zu schnell in meiner Nähe bewegt. Ich muss mich daran gewöhnen. Einfach nie so sein zu können wie die anderen mit ihren schönen Sachen. Und ihrem selbstbewussten Lachen. Da kann ich noch so geschickt am Seil klettern.

Die Protagonistin dieses Romans ist die jugendliche Madina. Mit ihrer Familie musste sie aus einem Kriegsgebiet flüchten, ihrem Vater drohte Verfolgung und Tod. Nun lebt sie als Flüchtling in Österreich, ihre Familie wartet angespannt auf den Asylbescheid.

Schon der Titel beschreibt den Zustand, in dem sich Madina, aber auch ihr Bruder und ihre Eltern befinden. Madina ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, sich in ihrem neuen Leben zurechtzufinden und dazuzugehören, und der Erinnerung an ihr altes Leben. Sie denkt an ihre Freundin zurück, sie vermisst ihre Großmutter, die zurückbleiben musste, weil die Reise für sie zu beschwerlich war. Sie klammert sich an ihre Freundin Laura, die ihre einzige Verbindung in ihrem neuen Leben ist. Bei Amtswegen übersetzt sie für ihren Vater und schwankt zwischen der Scham über den Zustand ihrer Familie und der Wut auf das System, auf die immer neuen Sachbearbeiter, denen sie ihre Geschichte immer wieder erzählen muss und die ihr doch nicht weiterhelfen können. Sie will so sein wie ihre Mitschüler und fühlt sich als Außenseiterin.

Auch Madinas Eltern sind zerrissen. Sie haben es schwerer, im neuen Leben anzukommen. Sie sollen sich anpassen, wollen aber ihre Werte nicht verraten. Madinas Vater befürchtet, seine Tochter könnte durch den gesellschaftlichen Umgang verdorben werden. Er versucht, sie einzusperren, ist aber gleichzeitig auf ihre Hilfe angewiesen. Eine unlösbare Spannung, die sich weiter steigert, als Madina mehr über ihre Familiengeschichte erfährt.

Wir wissen zu wenig darüber, was eine Entwurzelung mit der Persönlichkeit von Menschen anstellt. Sozialisation prägt entscheidend unsere Wertvorstellungen und unsere Sicht auf die Gesellschaft. Wird nun ein Mensch aus dem herausgerissen, was er bisher kannte, hat er nicht nur sein Zuhause verloren, sondern auch seine Vorstellung davon, wie die Welt funktioniert. Von einem Moment auf den anderen gelten andere Regeln und Gesetze. Das Nicht-Beherrschen der Sprache macht das Verstehen der neuen Regeln unmöglich. Die Traumata des Kriegs dürfen auch nicht vergessen werden. Kein Mensch kann seine Vergangenheit vollständig hinter sich lassen. Vor allem nicht, wenn es ihm erschwert oder unmöglich gemacht wird, sich eine Zukunft zu schaffen. Alle Menschen sollten eine Chance bekommen, sich eine Zukunft aufzubauen.

Aber das Gefühl, das kann besser werden. Das, was jetzt ist. Wenn etwas ganz schlimm war, dann kann es manchmal keine Vergangenheit werden, weil es sich zu sehr an der Gegenwart festgebissen hat. Es bricht immer wieder ins Sichere und ins Neue hinein. Es bleibt als ungebetener Gast. Aber dieses Hereinbrechen wird weniger. Mit der Zeit.

Stephen King – The Stand

Gerade ist mir aufgefallen, dass es tatsächlich den ganzen Jänner keinen Blog Post auf Booksinthefridge gab. Eine Premiere mit mehreren Gründen. Einerseits viel Erwerbsarbeit, andererseits lese ich gerade viel, das es aus Gründen nicht hier ins Blog schafft und andererseits hatte ich mir nach dem Nicht-Horror-Buch Wächter der Nacht ein echtes Horror-Buch vornehmen wollen. Wenn man nach Horror sucht, kann man immer auf Stephen King zurückgreifen. Der Gedanke The Stand aus erwachsener Perspektive nochmal neu zu lesen (ich hatte es als Jugendliche schon gelesen), war mir schon vor längerer Zeit gekommen. Daher hätte ich auch wissen müssen, was es für ein riesiger Wälzer ist. Damals habe ich sicher nicht so lange dafür gebraucht.

There’s always a choice. That’s God’s way, always will be.

King beschreibt in The Stand die amerikanische Gesellschaft in einer unvergleichlichen Krisensituation. Aus einer militärischen Einrichtung entweicht ein gezüchteter Virus, eine Supergrippe. Das erste Buch beschreibt das langsame Ausbreiten des Virus auf ganz Amerika und natürlich auf die ganze Welt, obwohl sich das Geschehen rein in den USA abspielt. Lange wissen die Betroffenen nicht, wie schlimm das Ausmaß der Katastrophe ist. Regierung und Medien vertuschen und versprechen eine baldige Impfmöglichkeit, die niemals kommt. Denn selbst die Regierungseinrichtungen sind vor dem Virus nicht sicher. Stück für Stück bricht die Gesellschaft auseinander. Viele, die gegen das Virus immun sind, sterben im Verlauf der Katastrophe an anderen Gründen. Unfälle, Brände, Selbstmorde, aber auch Amokläufe reißen viele weitere Menschen in den Tod.

Die Überlebenden sind vorerst auf sich allein gestellt. Sie verarbeiten den Schock und versuchen, sich auf die neue Situation einzustellen. Beinahe alle leiden an Alpträumen von einem schwarzen Mann, der ihnen nachstellt.

There was a dark hilarity in his face, and perhaps in his heart too, you would think – and you would be right.

Stück für Stück finden sich die Überlebenden zu Gruppen zusammen. Als Gegenpol träumen viele von einer alten Frau auf ihrer Veranda inmitten von Kornfeldern. Sie machen sich auf den Weg und finden schließlich Mother Abigail, die Frau aus ihren Träumen. Für viele erscheint sie als eine Art göttlicher Bote, der den Gegenpol zur Bedrohung durch den schwarzen Mann bildet. Damit wären auch die sich gegenüberstehenden Pole Gut und Böse definiert (ja, an dieser Stelle erinnere ich mich wieder an Wächter der Nacht).

The roots are rationalism, and I would define that word so: ‘Rationalism is the idea we can ever understand anything about the state of being.’ It’s a deathtrip. It always has been. So you can charge the super flu off to rationalism if you want. But the other reason we’re here is the dreams, and the dreams are irrational.

Zwei Gesellschaften bilden sich in diesem postapokalyptischen Amerika. Der schwarze Mann schart Verbrecher und Ziellose um sich, die Guten – so scheint es – scharen sich um Mother Abigail. Die Gesellschaft in Boulder wächst und dieser Abschnitt im zweiten Buch, indem versucht wird, eine neue Gesellschaftsordnung aufzustellen und ihre Ursprünge zu klären, bringt tiefe soziologische und psychologische Einblicke. Wenn es keine Gerichte und keine Polizei mehr gibt, die Straftäter verfolgen und bestrafen, ist dann alles möglich? Selbst vermeintlich gute Menschen können zu einem hasserfüllten Lynchmob werden, wenn es kein Gesetz gibt, das sie daran hindert. Hass kann die Menschlichkeit außer Kraft setzen. Eine Lehre, die gerade in dieser Zeit, die einen deutlichen Anstieg rechtspopulistischer Politik erlebt, nicht wichtig genug sein kann.

Im dritten Buch kommt es schließlich zur Konfrontation zwischen Gut und Böse. Es wäre jedoch nicht Stephen King, wenn dieses vermeintlich erwartbare Ende nicht mit einigen Überraschungen aufwarten würde. Er entlässt seine Leser mit einem Gefühl, dass das Gute im Menschen triumphieren kann … um dieses Gefühl dann wiederum außer Kraft zu setzen. Einen Endsieg des Guten über das Böse (oder umgekehrt) wird es nicht geben, so lange noch Menschen auf unserer Erde leben. Es existiert ein schwankendes Gleichgewicht, das mal zur einen, mal zur anderen Seite hin ausschlägt.

Wir schreiben den Beginn des Jahres 2017, den Beginn der Trump-Administration in Amerika, rechte Populisten streben in ganz Europa nach Macht. Gerade in diesen Zeiten sollte es jedem Einzelnen ein Anliegen sein, das Gute in uns selbst zu suchen. So lange die Menschlichkeit unser erstes Ziel bleibt, kann das Böse nicht triumphieren.

Kim Thúy – Der Geschmack der Sehnsucht

Einer der Gäste kam aus Rach Giá, einer Küstenstadt, in der eine Hauptspeisensuppe aus gedünstetem Fisch und Fadennudeln, angereichert mit Schweinefleisch und in Garnelenrogen karamellisierten Garnelen erfunden worden war. Als sich seine Schale dann noch mit etwas in Essig eingelegtem Knoblauch würzte, liefen ihm Tränen über die Wangen. Er habe sein Land geschmeckt, murmelte er, während er die Suppe aß, sein Land, wo er groß geworden sei, wo er geliebt werde.

Der erste Teil dieses Romans beschreibt die unstete Kindheit der Protagonistin im kriegsgebeutelten Vietnam. Nur episodenhafte Bruchstücke lassen erahnen, wie hart das Leben für die einfachen Menschen war. Eigentlich erzählen diese Episoden das Wichtigste über die Protagonistin, man sollte sich Zeit dafür nehmen und immer nur ein paar Seiten lesen (was ich natürlich nicht getan habe, wo ich endlich wieder mal Zeit zum Lesen hatte).

Glück ist nicht käuflich, heißt es. Dank Julie habe ich gelernt, dass Glück sich von selbst vermehrt, teilt und an jeden von uns anpasst.

Im zweiten Teil erschafft sich die Protagonistin ihre eigene Welt im fernen Montreal. Eine arrangierte Ehe mit einem nach Kanada ausgewanderten älteren Mann entreißt sie ihren Wurzeln. Im Kochen jedoch, in den Rezepten ihrer Heimat, mit denen sie sowohl andere Auswanderer als auch Einheimische begeistert, findet sie ihre Bestimmung.

Die Romanze im dritten Teil passte für mich nicht wirklich dazu, aber wäre es ohne sie noch eine Geschichte? Die sinnlichen Beschreibungen der Rezepte und des vietnamesischen Alltagslebens lassen den Leser eintauchen in eine fremde Welt. Wird dieselbe sinnliche Schreibweise auf eine romantische Affäre angewandt, fühlt sie sich abgeschmackt und kitschig an. Das bleibt jedoch mein einziger Kritikpunkt, wer einen Blick in eine fremde Geschichte, Kultur und Welt wagen will, ist mit diesem Buch gut beraten.

Sergej Lukianenko – Wächter der Nacht

So eine Reading Challenge hat ja immer den Effekt, Bücher zu entdecken, auf die man sonst nicht gekommen wäre. Eigentlich suchte ich nach einem horror book und auch Goodreads machte mir glauben, dass es sich hierbei um eines handelt. Hier fand sich dann der beste Beweis, dass Genrezuschreibungen sehr subjektiv sind. Für mich ist ein Buch, in dem ein Vampir verbrannt wird und ansonsten ein paar Menschen auf nicht näher beschriebene Weise zu Tode kommen, definitiv nicht als Horror zu klassifizieren. Als Beispiel für mein Verständnis eines Horror-Buchs fällt mir als Erstes Friedhof der Kuscheltiere ein. Die Tatsache, dass diese Kategorie in meinem Blog nicht mal existiert, spricht auch eine deutliche Sprache.

Wenn es Vampire gibt, dann gibt es auch einen Teufel, und wenn es den Teufel gibt, dann gibt es also auch Gott? Wenn es Vampire gibt, dann gibt es auch Gott? Wenn es das Böse gibt, dann gibt es auch das Gute?

In diesem ersten Teil der Wächter-Trilogie lässt der Autor den jungen Anton seine Weltsicht hinterfragen. Anton ist ein Anderer, kein normaler Mensch, sondern mit übersinnlichen Fähigkeiten, die es ihm ermöglichen, sich für das Licht oder das Dunkel zu entscheiden. Anton hat sich für das Licht entschieden und arbeitet als Wächter der Nacht. Seine Lebensentscheidung wird auf eine harte Probe gestellt, als er sich in eine neu initiierte Andere verliebt, deren Fähigkeiten die seinen um vieles übersteigen. Als er befürchten muss, sie durch eine große Aufgabe, die sie erfüllen soll, für immer zu verlieren, stellt er all seine bisherigen Glaubenssätze in Frage.

„Das ist auch ein Teil der Wahrheit. Sweta, wir können nicht die absolute Wahrheit wählen. Denn sie hat immer zwei Seiten. Alles, was wir haben, ist das Recht, uns derjenigen Lüge zu verweigern, die unangenehmer ist. Weißt du, was ich den Anfängern beim ersten Mal über das Zwielicht sage? Wir treten in es hinein, um Kraft zu bekommen. Und der Preis dafür ist der Verzicht auf einen Teil der Wahrheit, den wir nicht akzeptieren wollen.

Nach meiner Meinung handelt es sich hier um eine sehr geschickte Reflexion über Gut und Böse, geschrieben auf eine Art, die es Jugendlichen einfacher macht, sich einzufühlen und nachzuvollziehen, warum es manchmal so schwer ist, sich für das Richtige zu entscheiden. Oft gibt es widerstrebende Wünsche, die eine Entscheidung unmöglich machen. Oft kann eine gut gemeinte Entscheidung unangenehme Folgen nach sich ziehen. Die prinzipielle Entscheidung für das Licht macht das Leben nicht einfach, denn sie führt zu einem ständigen Kampf zwischen den eigenen Bedürfnissen und dem Wunsch, das Richtige zu tun.

Mit dem Ende war ich so unzufrieden, dass ich vermutlich die weiteren zwei Bücher auch noch lesen muss. Das kann ja wohl nicht alles gewesen sein.

Lisa Williamson – The Art of Being Normal

“But normal is such a stupid word,” I say, anger suddenly rising in my belly. “What does it even mean?”
“It means fitting in,” David replies simply.

Im Moment fallen die Artikel aus Zeitgründen etwas kürzer aus: dieses Buch ist absolut großartig. Es beschreibt das Leben von zwei Jugendlichen, die nicht wie alle anderen sind. Jugendliche sind grausam, wie wir wissen, daher behalten beide ihr Geheimnis für sich. So lange es eben geht …

Das Thema ist sperrig und es hätte grandios schief gehen können. Stattdessen ist der Autorin ein herzerwärmendes, ehrliches Buch gelungen. Die Charaktere sind vielschichtig und nicht nur die beiden Hauptpersonen machen im Verlauf der Geschichte eine enorme Entwicklung durch. Erwachsenwerden und seinen eigenen Platz im Leben finden ist schwierig genug. Und noch schwieriger, wenn man aus irgendeinem Grund nicht in die breite Masse passt. Ein mutiges Buch, das dazu aufruft, sich selbst treu zu bleiben entgegen aller Widerstände.

Corina Bomann – Und morgen am Meer

Zu Beginn des Buches hat mich der Nostalgiefaktor wieder voll erwischt: Songs aus dem Radio auf Kassetten aufnehmen und diese mit der besten Freundin tauschen. Habe ich auch gemacht, bevor ich 1994 meine erste CD (Bravo Hits 4!) kaufen konnte. Auch die Benennung der Kapitel mit Musiktiteln finde ich sehr gelungen, hat mich auch wieder an die viel zu selten gehörte Playlist von Amy & Roger’s Epic Detour erinnert.

Der Rest des Romans hat mich dann leider nicht mehr so begeistert. Die beschriebene Love Story zwischen einem Mädchen aus Ostberlin („das Karamellmädchen“) und einem Jungen aus Westberlin (träumt von einer Karriere als Musiker in den USA), die sich nicht lieben dürfen, weil der Westler für die Sozialisten den Klassenfeind darstellt, ist einfach zu kitschig.

Man spürt den persönlichen Bezug der Autorin, aber es fühlt sich an, als hätte sie versucht, zu viel hineinzupacken. Die komplizierte Geschichte der Eltern des Mädchens, der Unfall des Jungen, der ihn zuerst hindert, Motorrad zu fahren, was er aber aus Liebe dann im Eiltempo überwindet – wenn man ein Musical daraus machen wollte, kann ich mir lebhaft vorstellen, welche Randfiguren man wegstreichen würde, um die Geschichte knackiger zu gestalten. Der Nostalgiefaktor und der Geschichtsbezug mit interessanten Details aus dem Leben in der DDR reichen leider nicht aus, um die Schwächen der Geschichte und ihrer Figuren auszugleichen.