Leo Perutz – Zwischen neun und neun

Wie es der Titel nahelegt, spielen sich die Ereignisse dieses Romans innerhalb von 12 Stunden ab, zwischen 9 Uhr morgens und 9 Uhr abends. Während der ersten paar Stunden beobachtet die Leser*in das eigentümliche Verhalten des Protagonisten Stanislaus Demba, bis schließlich das Geheimnis um seine Hände enthüllt wird. Die weiteren Stunden verbringt Demba mit dem Versuch, trotz seiner misslichen Lage Geld einzutreiben, um seine angebetete Sonja zurückzugewinnen. Dabei stolpert er aufgrund der speziellen Verhältnisse (dieses eine Faktum zu spoilern würde den kompletten Spaß am Buch verderben) von einer Peinlichkeit in die nächste. Etwas unbefriedigend ist jedoch das Ende, der scheinbar in eine aussichtslose Lage geratene Protagonist wird durch eine Deus-ex-machina-Wendung in eine auch nicht viel bessere Lage katapultiert. Dadurch werden jedoch die Geschehnisse der vergangenen Stunden nicht aufgeklärt, sondern gewissermaßen ad absurdum geführt.

Leni Zumas – The Listeners

Das Weglegen eines Buches ist mir ja ein vollkommen fremdes Konzept. Aber bei diesem hat es echt lange gebraucht, bis ich halbwegs ein Gefühl dafür bekommen hab. Bei 20% (auf dem Kindle gelesen) hatte ich immer noch das Gefühl, dass ich keine Ahnung habe, wer die Protagonistin ist und warum es ihr in ihrem Leben so geht, wie es ihr geht.

Wie sich später herausstellte, war das bis zu einem gewissen Grad Teil des Konzepts. Das Buch erzählt in großteils sehr kurzen Episoden (teilweise weniger als eine Kindle-Seite) in unterschiedlichen Zeitebenen die Beziehung zwischen Quinn, ihren Geschwistern, ihren Freunden, ihren Partnern, ihren Eltern. Prägendes Element ist der Tod ihrer Schwester, an dem sie sich schuldig fühlt und über den in der Familie nicht gesprochen wird. Während die anderen Erzählstränge großteils offen bleiben (wie es im Leben eben auch so oft ist), findet die Trauer um die verlorene Schwester in gewisser Weise ein Ventil. Das führt das Buch zu einem gewissermaßen versöhnlichen Ende, wobei jedoch der Leserin eigentlich klar ist, dass es für Quinn erst der Anfang ist. Der Anfang zu einem selbstbestimmten Leben.

Valerie Fritsch – Winters Garten

Den Menschen stand die zerstörerische Wirkung des Schlafes ins Gesicht geschrieben. Die Nerven der Schlaflosen waren längst zerrüttet, und die Ohren der Träumer taub. Die Nächte traumatisierten die ganze Stadt, darum standen die Bewohner irgendwann lieber an den Fenstern, als sich hinzulegen.

Auf die Beschreibung einer Kindheit auf dem Land, dem Überfluss an Natur, an Familie, an Freiheit folgt der Verfall dieses Gartenparadieses, in Abwesenheit des Protagonisten Anton Winter, der in die Stadt gezogen ist, um dort Vögel zu züchten. Die Stimmung verdüstert sich zusehends, denn der Weltuntergang steht bevor. Was bleibt im Leben noch wichtig, wenn das Leben ein Ablaufdatum hat? Wie kann das Leben weitergehen? Kinder werden geboren, die keine Zukunft haben. Entfremdete Menschen finden zueinander. Menschen, die sich zuvor nicht kannten, finden zueinander. Das Leben reduziert sich auf das Wesentliche.

[Die Kinder] spielten Tag und Nacht, und niemand verbot es ihnen, denn sie mussten ja nichts mehr werden, vor allem nicht erwachsen.

Isabel Bogdan – Der Pfau

Dieses Buch stand schon lange auf der Liste und beim letzten Besuch in der Bücherei Hernals habe ich es aus der Kategorie Heiteres gefischt. Das Etikett passt: gerade das Richtige für den Urlaub. Eine Gruppe von Investmentbankern reist zu einem Teambuilding-Wochenende in ein abgelegenes Tal in Schottland. Der titelgebende Pfau ist alles andere als ein freundliches Wesen, ohne zu spoilern kann ich sagen: der Pfau ist verrückt geworden. Als dann auch noch die Gans verschwindet, sind die Wogen kaum noch zu glätten. Die weiteren Umstände führen zu allerlei Verwicklungen, die beteiligten Personen haben jeweils unterschiedliche Vermutungen, die jedoch niemand laut ausspricht. Erst nach dem Lesen sind mir die feinen Details auf dem Cover ins Auge gefallen. Clever geschriebene Unterhaltung.

Katie Kitamura – A Separation

But until a decision is acted upon, it is only hypothetical, a kind of thought experiment.

Die Trennung eines Ehepaars, kaum böses Blut, Leben in getrennten Wohnungen. Einzig die Scheidung steht noch aus. Und das öffentliche Eingestehen der Trennung. Denn die Schwiegereltern sind noch nicht eingeweiht. Bevor es zur Scheidung kommen kann, wird der Ehemann auf Recherchereise in Griechenland tot aufgefunden. Die Protagonistin wird dadurch zu einer trauerenden Witwe, eine Rolle, die ihr aufgrund der bereits vollzogenen Trennung und der bevorstehenden Scheidung nicht zuzustehen scheint. Die Entscheidung ist gefallen, kann jedoch nicht mehr umgesetzt werden.

Erzählt wird all das aus dem Blickwinkel der Protagonistin, die nicht nur über ihr eigenes Verhalten und ihre Gefühle intensiv reflektiert, sondern auch mit wachem Auge ihre Umgebung beobachtet. Im Verlauf der Geschichte verändert sich ihre Rolle von der betrogenen, in Trennung lebenden Ehefrau zur trauernden Witwe. Und obwohl sie den Trennungsprozess vermeintlich schon absolviert zu haben scheint, führt der überraschende Tod des Ehemanns in einen Trauerprozess, der niemals so abgeschlossen werden kann, wie eine Ehe durch eine Scheidung beendet wird.

The emulation became the thing itself, […].

Sarah Waters – Fingersmith

Bei meinem ersten Ausflug in die Bücherei-Zweigstelle Hernals hatte ich gleich einen ganzen Stapel Bücher mitgenommen, damit sich das Ganze auch auszahlt. Dieses war das Letzte dieser Bücher, die anderen habe ich schon retourniert und dabei auch gleich einen neuen (kleineren) Stapel nach Hause gebracht.

Einerseits war es das dickste Buch im Stapel und andererseits konnte ich mich nicht mehr erinnern, warum dieses Buch überhaupt in meiner Liste stand. Zusätzlich hat sich die Geschichte als sehr langwierig erwiesen. Das erste Drittel zieht sich erstaunlich in die Länge, danach werden die Geschehnisse des ersten Drittels nochmal aus der Perspektive der zweiten Protagonistin erzählt. Das ist einerseits ein zur Geschichte passender literarischer Kniff, der den Cliffhanger am Ende des ersten Drittels Schritt für Schritt erklärt, bringt aber andererseits die Handlung noch langsamer vorwärts.

Das Ende hält dann immerhin einige überraschende Wendungen bereit, das gesamte Tempo, das vorher gefehlt hat, steckt in den Auflösungen am Schluss. Eine Zusammenfassung der Ereignisse verbietet sich wie bei einem guten Thriller.

Lilian Faschinger – Magdalena Sünderin

Wagt es eine österreichische Frau, ihr österreichisches Frauenunglück nicht hinzunehmen, hält eine österreichische Frau es für selbstverständlich, dieses ihr vom katholischen Österreich bestimmte Frauenunglück auf das energischste von sich zu weisen […], dann zieht sie nicht nur die Gegnerschaft der österreichischen Männer auf sich, die vom österreichischen Frauenunglück seit Jahrzehnten profitieren, sondern vor allem die unversöhnliche Feindschaft [der Frauen].

Ein weiteres Buch aus der Reihe Literatur-Geocache. Die titelgebende Sünderin entführt einen Priester, vorgeblich um ihre Geschichte zu beichten und Absolution zu erhalten. Während sie erzählt, wie es ihr ergangen ist, seit sie aus den familiären Zwängen (siehe das obige Zitat) ausgebrochen ist, entwickelt sich zwischen dem geknebelten Opfer, aus dessen Perspektive eigentlich erzählt wird, und der Täterin ein intensives Stockholm-Syndrom. Während sich die Beschreibung der begangenen Morde kontinuierlich steigert, sinkt die Angst des Entführten. Er verurteilt aus seiner katholischen Perspektive selbstverständlich die Taten, entwickelt jedoch ein stummes Verständnis für die unglücklichen Liebschaften der Mörderin.

Wie bereits aus dem obigen Zitat ersichtlich ist, passt der Schreibstil überhaupt nicht zur eigentlichen Thematik des Buches. Viele Aufzählungen (Psychologinnen, Psychiater, Psychotherapeutinnen, etc.) wiederholen sich gefühlt endlos, im obigen Zitat habe ich einige Wiederholungen des österreichischen Frauenunglücks aus Gründen der Redundanz gekürzt.

Die Protagonistin selbst ist mir ein Rätsel geblieben. Einerseits hat sie sich von ihrer Familie befreit, die sie in traditionelle Lebensbahnen pressen wollte. Sie hat ihr gewöhnliches Leben hinter sich gelassen, fährt durch die Welt und ermordet ihre Liebhaber, wenn die Beziehung aus diversen Gründen nicht mehr funktioniert. Gleichzeitig passt sie sich jedoch jedem Mann, den sie kennenlernt, bis zur Selbstaufgabe an. Aufgrund ihrer grenzenlosen Naivität wird sie immer wieder von den Geheimnissen ihrer Partner überrascht. Sie rebelliert durch radikale Anpassung an sich ändernde Verhältnisse. Jedoch immer nur so lange, bis die Grenze erreicht ist und der jeweilige Partner ohne Zögern ins Jenseits befördert wird. Und dann findet die Geschichte einen neuen Anfang

Bei solchen Anfängen entgleisen die Liegewagen des Lebens, springen die Güterwaggons des Geschicks aus den Schienen, rollt der Drehgestellflachwagen des Daseins über die Böschung, gerät die E-Lok der Existenz aus dem Gleis. Nach solchen Anfängen ist man nicht mehr der, der man vor solchen Anfängen gewesen ist. Die Anfänge sind am schönsten.

 

Julie Buntin – Marlena

We knew that time would force us into sacrifices – we wanted to flame out before making the choices that would determine who we became. When you were an adult, all the promise of your life was foreclosed upon, every day just a series of compromises mitigated by little pleasures that distracted you from your former wildness, from your truth.

Die Autorin beschreibt in diesem Buch eine lebensprägende Jugendfreundschaft zwischen zwei Mädchen. Eines überlebt, das andere nicht. Das klingt gerade wie eine sehr langweilige Geschichte und tatsächlich gibt es Stellen im Handlungsverlauf, die absehbar sind. Das Ende wird vorweggenommen, die erwachsene Erzählerin blickt zurück auf ihre Jugendfreundschaft mit Marlena. Das Spannende daran sind die vielen Erlebnisse, die in der Jugendzeit einen Einfluss auf die Menschen haben. Große Teile der Persönlichkeit sind unfertig, Jugendliche suchen nach ihrem Platz in der Welt und probieren aus, wohin und zu wem sie passen. Die Menschen, an denen sie sich orientieren, üben einen bleibenden Einfluss aus, der sich noch schwerer wieder abschütteln lässt, wenn die Person nicht mehr am Leben ist. Eine komplexe Geschichte, die sich auch in mehr Absätzen nicht sinnvoll beschreiben ließe.

I wanted to be her most important person, because she was mine.

Eva Rossmann – Wahlkampf

Es geht weiter mit der Recherche in Sachen Literatur-Geocaches und auch in diesem Werk wurde ich fündig. Mehr gibt’s da gerade nicht zu sagen, es handelt sich um einen Krimi im Politik-Milieu, lächelnde Menschen ohne jegliche menschliche Gefühlsregung, korrupte Berater, Geldflüsse hinter den Kulissen, Drohungen und so weiter.

Ann Patchett – Commonwealth

Franny couldn’t help but believe that she had brought every discomfort she experienced down on herself. Had she done something with her life no one would be asking her to make them cappuccino, and had she done something with her life she would be perfectly happy to make them cappuccino, because it would not be her job. She would make the coffee because she was a gracious and helpful person.

Ann Patchett begeistert mich verlässlich mit ihren Romanen (Bel Canto ist noch immer mein Favorit, aber auch State of Wonder überzeugt mit einer unkonventionellen Geschichte), im Blog ihrer Buchhandlung Parnassus finde ich immer wieder interessante Leseempfehlungen. Und die Geschichten über die Shop Dogs machen natürlich auch großen Spaß.

In diesem Buch verflechtet die Autorin die Geschichten zweier Familien. Im Rahmen von Frannys Tauffeier kommt es zur schicksalhaften Begegnung zwischen Beverly (Frannys Mutter) und Bert, die dazu führt, dass zwei Ehen in die Brüche gehen und die Lebensgeschichten der Keating-Kinder Franny und Caroline mit denen der vier Cousins-Kinder nicht direkt verschmelzen, aber sich doch unweigerlich immer wieder kreuzen. Frannys spätere Beziehung zu einem alternden Roman-Autor führt schließlich dazu, dass große Teile der nun gemeinsam verbrachten Kindheit der sechs Kinder in einem Roman und schließlich in einem Film landen.

Der Roman erzählt aus den unterschiedlichen Perspektiven der Kinder Caroline, Franny, Holly, Jeanette und Albie (Cal, der Älteste, stirbt als Jugendlicher tragisch an einem Bienenstich). Der physische Umfang des Buches lässt es nicht vermuten, doch die Geschichte erstreckt sich über mehr als vier Jahrzehnte. Es lässt sich als unterhaltsame Familiengeschichte mit Höhen und Tiefen lesen oder die Leserin kann zwischen den Zeilen den existentiellen Fragen des Lebens nachgehen. Welche Entscheidungen beeinflussen den weiteren Verlauf unseres Lebens? Wieviel davon können wir überhaupt kontrollieren?