Adam Haslett – Imagine Me Gone

If you think of memory not just as looking back but as being aware of time and how it passes and what the passage of it feels like, then there is something about being in motion that does cause it.

Dieser Roman thematisiert psychische Krankheit und wie sie sich nicht nur auf die betroffene Person sondern auch auf die Angehörigen auswirkt am Beispiel einer Familie. Die Betroffenen sind hier zuerst der Vater und später der älteste Sohn. Die Mutter hat zuerst mit der Krankheit ihres Partners zu kämpfen, sie trägt die Last auf ihren Schultern, die Familie zusammenzuhalten und macht es sich zur Aufgabe, die Kinder vor der Realität der nicht näher bezeichneten Krankheit des Vaters zu beschützen. Die Kinder bekommen natürlich trotzdem mit, dass etwas nicht stimmt und suchen sich ihre eigenen Wege, um mit dem abwesenden Vater klarzukommen.

Während Celia und Alec ihren Weg finden, wird Michael im Erwachsenenalter selbst von Angstzuständen und Panikattacken gequält. Seine Familie wünscht sich einerseits, dass es ihm besser geht, findet aber andererseits keine Möglichkeit, ihn zu verstehen und tatsächlich zu unterstützen. Die medikamentöse Behandlung bringt immer nur kurze Phasen der Linderung, bis sich der Körper an das Medikament gewöhnt. Der verwirrte Geisteszustand und die verzerrte Wahrnehmung von Michael werden durch ein ausführliches Therapieprotokoll verdeutlicht.

Letztendlich versuchen alle drei Geschwister, in ihrem Leben etwas zu finden, das ihnen zurückgibt, was sie an ihrem Vater verloren haben. Die Geschichte findet auch hier einen Mittelweg, um zu illustrieren, dass enge Beziehungen einerseits essentiell für die geistige Gesundheit und das persönliche Wachstum sind, aber andererseits auch nicht als Heilmittel für psychische Krankheiten dienen können. Diese trocken formulierte Botschaft versteckt sich zwischen den Zeilen dieser anrührend, aber nicht kitschig verfassten Familiengeschichte.

Depending on the hour, the insight either maddens or clarifies, sending you into despair, or clearing your vision by releasing you from the bonds of hope.

Tove Jansson – The Summer Book

An island can be dreadful for someone from outside. Everything is complete, and everyone has his obstinate, sure and self-sufficient place.

Ein perfektes Buch für das Ende des Sommers. In einzelnen Episoden erzählt das Buch vom Leben auf einer Insel in Skandinavien, eine Insel klein genug, um gemütlich von einem Ende zum anderen zu spazieren (also kleiner als Aegna bei Tallinn, wo ich vergangenen Sommer war). In der Insellandschaft wohnen andere Menschen, aber im Prinzip jede Familie auf ihrer eigenen Insel, es gibt nur wenig Kontakt mit der Außenwelt, zum Einkaufen wird ein Boot benötigt, um zur nächsten größeren Insel zu fahren.

Der Charme besteht im Verhältnis der handelnden Personen, des Kindes Sophia zu ihrer Großmutter, die das Kind einerseits zur Selbständigkeit erzieht, andererseits aber auch nicht mit Lebensweisheiten geizt. Die Mutter ist abwesend, scheint verstorben, der Vater in seine Arbeit vertieft, kann aber gleichzeitig die alte Frau und das junge Mädchen nicht allein lassen. Es sind Sommer mit Ablaufdatum, nur während der Sommermonate lebt die Familie auf der Insel, über das Leben außerhalb dieser Zeit erfährt die Leserin nichts. Wetter, Pflanzen und das Vergehenlassen der Zeit prägen den Alltag von Sophia und ihrer Großmutter. Es ist eine Welt ohne Straßenverkehr, ohne Nachrichten, ohne Gefahren abseits der Wetterverhältnisse. Es scheint ein Leben außerhalb der Zeit zu sein und ist doch beschränkt durch den Wechsel der Jahreszeiten.

Sometimes people never saw things clearly until it was too late and they no longer had the strength to start again. Or else they forgot their idea along the way and didn’t even realise that they had forgotten.

Elizabeth Strout – My Name is Lucy Barton

It was the sound of my mother’s voice I most wanted; what she said didn’t matter. And so I listened to the sound of her voice; until these past three days it had been a long time since I had heard it, and it was different.

Im Zuge eines 9-wöchigen Krankenhausaufenthalts reflektiert die Titelfigur Lucy Barton über ihr Leben. Ihr Mann besucht sie nur sehr ungern im Krankenhaus, die Kinder sind eingeschüchtert vom Aussehen der kranken Mutter. Eine Überraschung ist der Besuch von Lucys Mutter, mit der sie in den vergangenen Jahren kaum Kontakt hatte. Aus den Gesprächen und den Analysen der Gespräche zwischen Mutter und Tochter erfährt der Leser von den ärmlichen Verhältnissen, in denen Lucy aufwuchs, von der Abhängigkeit, der mangelnden Wärme und Liebe der Elteren, des täglichen Überlebenskampfs der Armut. Diese Faktoren prägen Lucys Leben mit ihrem Ehemann und ihren Kindern und formen ihre Perspektive auf die Welt.

In den Erzählungen springt sie zwischen Zeitebenen hin und her und erzählt teilweise auch Episoden, die erst lange nach diesem Krankenhausaufenthalt, der als eine Art Zäsur, als Wendepunkt in ihrem Leben fungiert, stattfinden. Die Begegnung mit einer Autorin, bei der Lucy später einen Schreibworkshop absolviert, inspiriert sie dazu, sich mit ihrem Leben schreibend auseinanderzusetzen. Diese Aufarbeitung ermöglicht ihr schließlich das Aufbrechen verinnerlichter Perspektiven und einen neuen Blick auf ihr Leben.

Melinda Taub – Romeos Schatten

Fast konnte sie Julias Geist über sie lachen hören.

Die Ausgangsfrage klingt spannend und das dürfte auch der Grund sein, warum ich dieses Buch so ewig lange auf der Liste hatte: Was passiert in Verona nach dem Tod von Julia und Romeo? Herrscht tatsächlich Friede zwischen den verfeindeten Familien Montague und Capulet? Oder erzeugen die Rachefantasien erst recht neue gewalttätige Auseinandersetzungen?

Aus diesen Voraussetzungen mischt die Autorin eine Suppe zusammen, die nach Glitzer, Blumen und Schwertkämpfen schmeckt. Eine Teenie-Romanze mit politischem Hintergrund, Streben nach Macht und Rache als würzendes Beiwerk. Ein klassisches Erzählmuster mit überraschenden Wendungen. Es ist anzunehmen, dass die deutsche Übersetzung insgesamt so schlecht ist wie der übersetzte Titel (englischer Originaltitel: Still Star-Crossed). Warum dem verstorbenen Romeo im deutschen Titel so viel Prominenz eingeräumt wird, obwohl in diesem Sequel starke Frauenfiguren (in unterschiedlichen Ausprägungen) dominieren, bleibt ein Rätsel.

Zurück bleibt die Freude darüber, dass selbst Bücher, die jahrelang aufgrund diverser Einschränkungen nicht verfügbar waren, irgendwann einmal auftauchen. Außerdem kommt auch für Bücher dieses Kalibers irgendwann der richtige Zeitpunkt. Für gehaltvollere Literatur hätte ich gerade ohnehin keine Energieressourcen übrig gehabt.

Neil Gaiman – American Gods

„Gods are great“, said Atsula, slowly, as if she were comprehending a great secret. „But the heart is greater. For it is from our hearts they come, and to our hearts they shall return …“

In diesem monumentalen Roman beschäftigt sich der Autor mit Göttern und Mythen. Aus amerikanischer Sicht sind die meisten Götter eingewandert, sie stammen beispielsweise aus Irland (Leprechauns) und sind mit den irischen Einwanderern, die an sie glauben, nach Amerika gekommen. Wenn diese Gottheiten nun ihre Anhängerschaft Stück für Stück verlieren, geraten sie in Vergessenheit.

All they had in common was a look, a very specific look. It said, You know me; or perhaps, You ought to know me. An instant familiarity that was also a distance, a look, or an attitude – the confidence that the world existed for them, and that it welcomed them, and that they were adored.

Das große Thema des Buches ist nun ein (vermeintlicher) Kampf zwischen alten und neuen Göttern. Der Protagonist Shadow wird nach drei Jahren aus dem Gefängnis entlassen und muss feststellen, dass sein sorgfältig vorbereiteter Plan (Rückkehr zu seiner Frau, Job im Fitness-Center seines Freundes) in Stücke zerbrochen ist. Seine Frau und sein Freund wurden bei einem Autounfall getötet. In diesem Schockzustand wird Shadow von Mr. Wednesday aufgelesen, der ihm einen Job und somit eine Beschäftigung, eine Lebensmöglichkeit anbietet. Schon am zweiten Tag dieser Beschäftigung wird Shadow von den neuen Göttern in einer Limousine bedroht. Der Autor lässt diese Götter namenlos bleiben, ihre Handlanger nennen sich Mr. Town, Mr. World und Mr. Stone und scheinen keine Persönlichkeit zu haben. Sie haben keine Geschichte, ihre Energie stammt rein aus der Gegenwart. Durch das Vernichten der alten Götter hoffen sie auf noch mehr Popularität, die sie am Leben hält.

He hoped he would live through this, but he was willing to die, if that was what it took to be alive.

Eine der Geschichten (als Traum von Shadow erzählt) beschreibt ein Gottwesen namens Ifrit, das Besitz von einem anderen Körper, einer anderen Person, einem anderen Leben nimmt. Die Geschichte kam mir bekannt vor und tatsächlich hat Neil Gaiman hier einen Mythos verwendet und auf moderne Art neu erzählt. Gerade wegen dieser Umgangsweise mit spirituellen Inhalten (die von vielen Gläubigen als respektlos empfunden werden kann) wurde der Roman kontrovers aufgenommen, wie der Autor selbst in seinem Vorwort schreibt.

After this there would be no more obligations, no more mysteries, no more ghosts.

Die Geschichte besteht jedoch nicht nur aus Mythen, sondern hält einige spannende Wendungen bereit, die für mich als Leserin nicht vorhersehbar waren. Es entwickelt sich ein fesselndes Gesamtkonzept, das zwischen den Zeilen auch noch ein Plädoyer für religiöse Toleranz beinhaltet.

In einem Interview am Ende des Buches outet sich Neil Gaiman übrigens als einer derjenigen, der nie genug Zeit hat für alle Dinge, die er gerne tun möchte:

There is not enough time, and I wind up just wanting to do things that I don’t have time for. There are so many things that I’d love to do, and I have to put off, or that it’s a matter of me choosing, when really I’d love to do both. And if only time were infinitely stretchy, I could.

Jessica Verdi – And She Was

Those of us who worry we may be alone in our feelings and realities often find comfort and strength in seeing ourselves reflected in the page of a novel. And those of us who are seeking to understand other viewpoints are given the opportunity to connect with characters in novels and get a glimpse of the world through someone else’s eyes.

Das obige Zitat (nicht aus dem Buch selbst, sondern aus der Author’s Note am Ende) beschreibt sehr gut, warum ich dieses Buch lesen wollte und warum es wichtig ist, dass es solche Bücher gibt. Erst, wenn man bewusst darauf schaut, fällt einem auf, wie wenig Transgender-Personen in Literatur und anderen Medien repräsentiert sind. Das hat sich zwar in den letzten Jahren verändert, aber es sind oft noch die spektakulären Geschichten, Menschen, die aus anderen Gründen Berühmtheit oder Bekanntheit erlangen.

Das Buch erzählt, wie Dara herausfindet, dass ihre Mutter Transgender ist, und eigentlich ihr biologischer Vater. Die 18-Jährige ist schockiert und gekränkt, und macht sich auf den Weg, um die Familie ihrer lange verstorbenen biologischen Mutter kennenzulernen. Im Verlauf der Reise verändert sich ihre Einstellung zum Thema und Stück für Stück lernt sie, ihre Mutter besser zu verstehen. Der Autorin gelingt es dabei, verschiedene Perspektiven auf das Thema Transgender einfließen zu lassen und aufzuklären, ohne den pädagogischen Zeigefinger in den Vordergrund zu stellen.

Die Empfehlung kam von Parnassus. Kürzlich habe ich auf Anfrage den Tipp bekommen, dass man für die Overdrive eLibrary der Büchereien Wien auch Medienwünsche abgeben kann und dieses Buch wurde auf meine Anfrage bestellt. Damit hat sich die Quellensammlung für Bücher nochmals erweitert, vermutlich müsste ich niemals wieder Bücher kaufen. Und hab diese Woche trotzdem schon zwei gekauft …

Das folgende Zitat stammt aus einem Lithub-Artikel und passt auch gut zum oben angesprochenen Thema:

Developing the deepest forms of reading cannot prevent all such tragedies, but understanding the perspective of other human beings can give ever fresh, varied reasons to find alternative, compassionate ways to deal with the others in our world, whether they are innocent Muslim children crossing treacherous open seas or an innocent Jewish boy from Boston’s Maimonides School, all killed miles and miles away from their homes.

Claire Vaye Watkins – Gold Fame Citrus

Kürzlich wurde auf Lithub ein Liste mit Romanen zum Thema Klimawandel veröffentlicht. Da mich solche Zukunftsgeschichten immer wieder mal interessieren, habe ich mir die Bücher, die ich in der Overdrive Library finden konnte, zum Lesen markiert. Auch auf der Liste zu finden ist South Pole Station von Ashley Shelby, das ich zu Anfang dieses Jahres gelesen habe. In meinen Augen würde auch das schon etwas ältere Werk Ein Jahr voller Wunder von Karen Thompson Walker auf diese Liste passen.

In Gold Fame Citrus leben AmerikanerInnen in einer Welt, die zunehmend von Wassermangel geprägt ist. Große Teile der USA bestehen nur noch aus einer Wüstenlandschaft. Evakuierung in die kühleren nördlichen Teile des Landes ist für viele Menschen die einzige Möglichkeit, um zu überleben.

Luz und Ray haben bisher in Kalifornien ausgehalten. Mit rationiertem Wasser schlagen sie sich schlecht und recht durch. In der verlassenen Villa eines Filmstars in einem Canyon setzen sie sich gegen Tiere zur Wehr, die mit der Hitze und dem Wassermangel besser zurecht kommen als Menschen. Sie haben Geld und können sich daher auch auf dem Schwarzmarkt Raritäten wie Blaubeeren kaufen.

Die vermeintliche Idylle zerbricht im Rahmen eines Festes, bei dem Luz mit einem kleinen Mädchen Kontakt aufnimmt. Das Alter des Kindes wird niemals genau genannt, sie kann schon alleine laufen und einige Sätze sprechen, wird aber im weiteren Verlauf der Geschichte immer wieder als Baby bezeichnet. Das Kind scheint von seiner Familie vernachlässigt zu werden. Die Entscheidung wird schnell getroffen: Luz und Ray entführen das Kind.

Die Autorin schafft es auf bemerkenswerte Weise, die beiden Kindesentführer so darzustellen, dass sie dem Leser trotzdem sympathisch bleiben. Sie handeln (scheinbar) aus Sorge um das Kind, obwohl sie die Umstände gar nicht genau kennen. Sie nehmen sich nicht die Zeit, Gründe der Familiensituation zu hinterfragen, sie sind sich sicher, das einzig Richtige zu tun. Indem sie ein Kind entführen.

Die Realität, für ein Kleinkind zu sorgen, holt die beiden schnell ein. Die Reise in die kühleren Landesteile wird schließlich zur einzigen Option für Luz und Ray. Auf dem Weg landen sie (um Spoiler zu vermeiden hier etwas verkürzt dargestellt) in einer Kolonie von Menschen, die sich der Evakuierung widersetzen. Sie leben am Rand der sich immer weiter ausbreitenden Wüste und haben aus mysteriösen Quellen, die ihr Anführer Levi findet, ausreichend Wasser und Nahrungsmittel zum Überleben. An dieser Stelle wird eine weitere Prognose enthüllt: in schwierigen Zeiten neigen Menschen dazu, einem starken Mann zu folgen, der sie führt und ihnen den Weg zeigt. Wenn die gesellschaftlichen Normen und der bekannte Alltag als Richtlinie für moralisches Handeln nicht mehr ausreichen, wenden sich Menschen einem (mehr oder weniger religiösen) Führer zu, um nicht selbst für ihre Fehler verantwortlich zu sein. Wie von einem Dystopie-Roman nicht anders zu erwarten, endet das Buch in einer dramatischen Wetter-Katastrophe. Und lässt trotzdem die Möglichkeit einer Fortsetzung mit der weiteren Geschichte des Babys offen.

Jeanette Winterson – Why Be Happy When You Could Be Normal?

It’s like reading a book with the first few pages missing. It’s like arriving after curtain up. The feeling that something is missing never, ever leaves you – and it can’t, and it shouldn’t, because something is missing.

Spontankauf bei Books & Bagels in Berlin vor etwas weniger als einem Jahr. Pro Tipp: Zuerst die Bücher kaufen. Wir haben Kaffee getrunken und einen ausgezeichneten Bagel gegessen und dann habe ich so viele Bücher gekauft, dass mir ein Gratis-Getränk angeboten wurde.

Die Autorin reflektiert in diesem Werk über verschiedene Aspekte ihrer eigenen Lebensgeschichte. Das obige Zitat bezieht sich auf ihre Adoption. Ihre Kindheit war geprägt von dem Wissen, dass ihre Mutter nicht ihre biologische Mutter ist. Dem Wissen, dass sie anders ist und der Überzeugung, von ihrer biologischen Mutter nicht gewollt worden zu sein. Dieses Thema zieht sich durch das komplette Buch. Es verweist auf das fundamentale Bedürfnis des Menschen nach Gesellschaft, nach dem Gefühl, nicht nur gebraucht sondern auch gewollt zu werden, genau so wie der jeweilige Mensch bereits ist und nicht irgendwie anders.

When I was born I became the visible corner of a folded map. The map has more than one route. More than one destination. The map that is the unfolding self is not exactly leading anywhere. The arrow that says YOU ARE HERE is your first coordinate. There is a lot that you can’t change when you are a kid. But you can pack for the journey …

Ein großer Teil des Buches befasst sich mit dem Aufwachsen als Jugendliche in einer nordenglischen Kleinstadt, die wenig Raum für Individualität bietet. Das Gefühl, anders zu sein, nicht dazu zu passen, anderes zu wollen, als nur sich einzuordnen in den Alltagstrott aus Arbeit, Kirche, Küche, zieht sich durch viele Entwicklungsjahre. Das titelgebende Konzept der Normalität wird hinterfragt und auf den Kopf gestellt. Die von der Autorin beschriebene Familienkonstellation ist keinesfalls als normal (im Sinne von in der Gesellschaft weit verbreitet) zu betrachten. Für Jeanettes Adoptivmutter (im Buch distanziert als Mrs. Winterson bezeichnet) stellt jedoch ihr eigenes Normalitätsideal ein unüberwindbares Bollwerk dar, das von der ausbrechenden Adoptivtochter schließlich ins Wanken gebracht wird. Ihre Erwartungen werden enttäuscht.

Books, for me, are a home. Books don’t make a home – they are one, in the sense that just as you do with a door, you open a book, and you go inside. Inside there is a different kind of time and a different kind of space.

Im dritten Teil des Buches lernt die Autorin schließlich ihre Familie kennen. Sie hat sich durch schlimme Lebensphasen gekämpft (und beschreibt diese auch eindrücklich) und ihre eigene Beziehungsfähigkeit hinterfragt und analysiert. Sie beschönigt den Prozess nicht, ihre biologische Familie entspricht nicht ihren Erwartungen.

Das Konzept der Normalität basiert auf Erwartungen, die gesellschaftlich geprägt sind. Auch die Erwartungen, die jeder von uns sich vermeintlich selbst ausdenkt, sind gesellschaftlich geprägt und von Werten durchdrungen, die wir von unseren Bezugspersonen in verschiedenen Lebensphasen übernommen und (hoffentlich) reflektiert haben. Normal zu sein im Sinne von in die Gesellschaft integriert, nicht auffallend, in einem gängigen Lebensmuster lebend kann für viele Menschen der richtige Weg sein. Normal und glücklich zu sein kann genauso funktionieren. Wenn jedoch die Erwartung, normal sein zu müssen oder zu wollen, dem eigenen Glück im Wege steht, dann sollte jede und jeder Einzelne die Normalität lieber über Bord werfen und alternative Wege ausprobieren.

Anthony Doerr – All The Light We Cannot See

Dieses Buch erzählt eine Geschichte, die zur Zeit des zweiten Weltkriegs spielt. Die beiden Hauptprotagonisten sind Marie-Laure, die als blindes Mädchen zu Beginn mit ihrem Vater in Paris aufwächst und schließlich bei ihrem Onkel im kleinen französischen Ort Saint-Malo Zuflucht sucht, und Werner, der als Waisenkind aufwächst und aufgrund seines autodidaktisch angeeigneten Wissens über Radioempfänger und andere Technik zuerst in einer deutschen Schule und schließlich in der deutschen Armee landet. Die beiden stehen auf verschiedenen Seiten, sind jedoch durch einen irrwitzigen Zufall des Schicksals miteinander verbunden.

Die Geschichte ist kunstvoll konstruiert, sowohl die Gemeinsamkeit von Marie-Laure und Werner und schließlich auch das spätere Schicksal der Protagonisten entfaltet sich wie in einem Netz, in dem immer wieder Begegnungen als Schnittpunkte eingewoben sind. Lebensnah ist die Beschreibung, das Happy End ist nicht das Ende. Erst der Tod bildet das Ende für einen Menschen und manchmal bleibt seine Geschichte mit seinen Verwandten und den Menschen, die an ihn zurück denken, noch lange mit anderen Schicksalen verwoben.

Alan Bradley – The Sweetness at the Bottom of the Pie

Leider ist schon über eine Woche vergangen, seit ich dieses Buch zu Ende gelesen habe, aus Urlaubsgründen habe ich es bisher nicht geschafft, diesen Blog Post zu schreiben. Der Autor hat mit Flavia de Luce eine sehr starke Figur erschaffen: ein 11-jähriges Mädchen, das sich leidenschaftlich mit Chemie beschäftigt und dabei auch vor dem Lippenstift ihrer Schwester nicht Halt macht, voller Neugierde und ohne Furcht, Grenzen zu überschreiten. Als Flavia im Familiengarten der de Luces eine Leiche findet und kurz darauf ihr Vater deshalb verhaftet wird, versucht Flavia, selbst dem Verbrechen auf die Spur zu kommen. Dabei stößt sie immer wieder auf den ermittelnden Inspektor, findet aber auch jede Menge Details, die selbst dem aufmerksamsten Ermittler entgehen können. Im Großen und Ganzen eine spannende Geschichte, wenn auch manche Passagen etwas gestrafft werden hätten können. Es handelt sich um eine Serie, es gäbe also noch einige weitere Flavia-Mysteries zu lesen, wobei ich noch nicht sicher bin, ob ich darauf zurückgreifen werde.

Es folgt ein Exkurs zum Thema Amazon Prime: Kürzlich wurde im Rahmen einer Runde die Frage in den Raum geworfen, „wer leistet sich denn nicht Amazon Prime?“. Meine Antwort machte mich umgehend zum Außenseiter. Darauf folgte die Frage, ob ich denn nicht so oft bestellen würde. Nur eine Woche später legte in einer anderen Runde eine Person eine Art Geständnis ab: „Ich lade keine Fotos zu Google hoch, ich bin nicht auf Facebook, aber eine Firma hat mich total im Griff: Amazon.“ Es folgte eine Diskussion über die Alternativlosigkeit von Amazon.

Mir geht es an dieser Stelle nicht darum, jemanden wegen seines Amazon Prime Accounts oder irgendeines anderen Konsumverhaltens zu verurteilen. Es gibt jede Menge Gründe dafür, warum Amazon so beliebt ist. Die am häufigsten genannten sind Kosten und Bequemlichkeit. Im direkten Preisvergleich sind Produkte bei Amazon meist billiger zu haben als im lokalen Geschäft oder bei anderen Versandhändlern. Die Auswahl ist so groß, dass es einfacher ist, alles bei Amazon zu bestellen, als Accounts bei verschiedenen Diensten zu pflegen. Mit Amazon Prime erfolgt die Lieferung oft schon einen Tag nach der Bestellung.

Es gibt allerdings auch jede Menge Gründe, warum Amazon problematisch ist. Ein paar davon möchte ich hier aufzählen:

  • Marktmacht: Amazon hat eine Marktmacht erreicht, mit der kleinere Unternehmen nicht mehr mithalten können. Das ermöglicht ihnen, die Preise weiter zu drücken und damit anderen Unternehmen die Existenzgrundlage zu entziehen.
  • Ausbeutung der Mitarbeiter: Wie oben bereits genannt, bietet Amazon im Vergleich oft den günstigsten Preis. Dies geht jedoch auf Kosten der Mitarbeiter. Eine Beschreibung der katastrophalen Arbeitsbedingungen in einem Amazon-Versandlager gibt es sogar als Buch. Extrem niedrige Kosten sind im Allgemeinen mit einer Ausbeutung der Produzierenden bzw. der Mitarbeiter verbunden.
  • Schädigung der lokalen Geschäfte: Geschäfte in kleinen und mittleren Städten brauchen eine kritische Masse an Kunden, um ihr Geschäft aufrechterhalten zu können. Große Konzerne können Schwankungen zwischen Standorten besser ausgleichen, lokale Einzelgeschäfte sind abhängig von ihren regelmäßigen Kunden. Langfristig wirkt sich dies auch auf das Stadtbild aus: Geschäftslokale stehen leer oder werden von Filialen großer Textilketten übernommen, das individuelle Flair der Stadtkerne geht verloren.
  • Umweltschäden durch Verpackung und Transport: Auch wenn Amazon hauptsächlich Kartonverpackungen verschickt, muss dieser Karton produziert und recyclet werden. Der Großteil der Amazon-Verpackungen wird einmal verwendet und anschließend entsorgt. Das erhöht auch die Kosten für die Müllabfuhr. Amazon-Pakete müssen ausgeliefert werden. Dies geschieht im Allgemeinen per Klein-LKW. Mehr Amazon-Lieferungen sorgen also auch für mehr Abgase und mehr Feinstaub.
  • Persönliche Daten: Amazon Prime verleitet dazu, mehr zu konsumieren. Je mehr der oder die Einzelne bei Amazon bestellt, umso mehr Daten kann Amazon sammeln und daraus Persönlichkeitsprofile erstellen. Diese Daten werden auf jeden Fall für personalisierte Werbung genutzt. Wofür Amazon sie noch nutzt, das wissen wir nicht. Wer hat die allgemeinen Geschäftsbedingungen gelesen? Ob Amazon diese Daten an Dritte verkauft, kann vom Einzelnen nicht nachgeprüft werden. Amazon besitzt alle eure persönlichen Daten inklusive eurer Wohnadresse und auch eurer Büroadresse, wenn ihr euch dorthin liefern lasst. Amazon weiß, wo ihr wohnt, arbeitet und wieviele Personen in welchem Alter in eurem Haushalt leben. Amazon kennt eure Vorlieben, eure Interessen und die Hobbies, die ihr wieder aufgegeben habt. Amazon hat aufgrund eures Konsumprofils ein exaktes Persönlichkeitsprofil von euch.

Das Wort Alternativlosigkeit ist bereits gefallen. Mir sind natürlich die meisten Anwendungsfälle nicht bekannt, es gibt jedoch IMMER Alternativen. Diese sind zumeist nicht so bequem, erfordern etwas mehr Aufwand und Recherche und oft dauert die Lieferung oder Abholung auch länger. Aber es lohnt sich, sich die Zeit zu nehmen und nach anderen Möglichkeiten zu suchen und den eigenen Horizont zu erweitern. Wer lokal zu Fuß in Geschäften einkauft, unterstützt nicht nur die lokale Wirtschaft (Arbeitsplätze!), sondern tut auch noch etwas für die eigene Gesundheit (Bewegung!) und die Umwelt (weniger Abgase!).