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Roman

Isabella Feimer – stella maris

CN: Vergewaltigung, Erwähnung Krieg


Bedeutungslose Reflexionen über Raum, über Zeit, liebster Joe, damit sie vergeht und ich vielleicht mit ihr, noch habe ich mich mit der Unsterblichkeit nicht abgefunden, […]

Ein Zufallsgriff in der Bücherei, weil ich das, was ich eigentlich wollte, nicht finden konnte. Gedichte / Lyrik sind für mich eher schwierig zu lesen, weil so viel Interpretation dabei ist, so viele Unklarheiten. Das ist bei diesem Buch ähnlich. Die Schreibweise mäandert vor sich hin, es gibt keine vollständigen Sätze, oft stehen einzelne Worte in einer Zeile, Gedankengänge werden abgebrochen und (manchmal) später fortgesetzt. Es ist nicht einfach zu lesen, hat mich aber doch sehr beeindruckt. Ob das Buch schon als novel in verse gilt? Das müssen andere beurteilen.

Die wenigen namentlich bezeichneten Protagonist:innen befinden sich auf einem Raumschiff, falls ein Ziel genannt wurde, habe ich es wieder vergessen. Die Stimmung ist jedenfalls düster und hoffnungslos. Die Protagonistin Eva verliert sich in Erinnerungen, lässt den Duft von Orangenlikör wieder aufleben, übermalt Anführungszeichen mit Butterblumen und erinnert sich an frühere Liebschaften.

Nur noch Stücke vorhanden, Unvollständiges, Fragmente von Leben, von der Zeit zerfetzte Leinwand, in die gehüllt ich immer wieder erwachte, dort ein Relief, das mir gewesene Zukunft zeigte, […]

Einen roten Faden suchte ich zunächst, habe mich dann aber einfach der Sprachmelodie hingegeben. Vielleicht ist das ein anderer Zugang; vielleicht muss ich meine Suche nach der Bedeutung eines Textes hintan stellen und einfach nur den Worten und ihrem Gefühl folgen.

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Krimi Roman

Christian Schleifer – Perchtoldsdorfer Todesrausch

CN: Alkohol- und Drogenmissbrauch, sexuelle Handlungen, Prostitution, homophobe und sexistische Äußerungen, Vergiftung, Mord


Uff, ach, was soll ich sagen. Mir schwirrte ja schon bei meinem ersten Charlotte-Nöhrer-Krimi die Frage im Kopf herum, ob die immer wieder angedeutete Vorgeschichte in Schladming wohl in einer anderen Reihe von Lokalkrimis existieren würde. Stellt sich raus: ja und nein. In diesem Buch erzählt der Autor genau diese Vorgeschichte: was ist damals in Schladming passiert, bevor Charlotte aufs Weingut ihrer Familie nach Perchtoldsdorf zurückgezogen ist und wie hat Charlotte ihre Lebensgefährtin Andrea kennen gelernt. Im Nachwort löst der Autor außerdem auf:

Das ist der erste Charlotte-Nöhrer-Krimi, den ich geschrieben habe. Der allererste. Vor mehr als zwanzig Jahren, nachdem ich zum ersten Mal in Schladming Skifahren war.

Und ich muss leider sagen: das zeigt sich deutlich. Der Kriminalfall ist originell, aber alles drumherum wirkt nicht ausreichend durchdacht bis schlicht und einfach unglaubwürdig. Ein gesprächiger Kellner, der sich von einer hübschen Frau zum Ausplaudern von Geheimnissen überreden lässt, mag ja noch angehen. Dass die Charlotte aber überhaupt ins Puff reingelassen wird, um mit ebendiesem vielbeschäftigten Kellner einen Schwatz zu halten und zufällig einem Mord beizuwohnen, war mir einfach zu weit hergeholt. Der Gipfel dann: Charlotte und Andrea gehen – ohne irgendwem Bescheid zu sagen – zur Mordverdächtigen nach Hause und lassen sich von ihr Kaffee servieren, wo sie doch wissen, dass diese freigiebig K.O.-Tropfen verteilt.

Die Perchtoldsdorf-Krimis von Christian Schleifer fand ich bisher ganz unterhaltsam, diese Vorgeschichte leider unterdurchschnittlich.


Diese Woche haben wir es endlich in die Eisenbahn-Ausstellung Im Bann der Bahn. 200 Jahre Eisenbahn im Technischen Museum Wien geschafft. Wir verbrachten etwa 1,5 Stunden damit, uns die Eisenbahnmodelle unterschiedlicher Größen und die Exponate aus 200 Jahren Eisenbahnwesen anzuschauen.

Modell eines Eisenbahnwaggons, der zum Bier-Transport benutzt wurde, der linke Teil der Verkleidung ist offen, dahinter sind stabiliserende Holzbalken und Bierfässer zu sehen

Zwischen Weichen, Kupplungen und anderen Bahn-relevanten Ausstellungstücken wurden auch viele Informationen aufbereitet. Von der Pferde-Eisenbahn, über Dampf und Diesel bis zur heute vorherrschenden elektrischen Versorgung wird die Geschichte der Eisenbahn nachgezeichnet. Bei den jüngeren Besucher:innen (und uns …) sorgte eine Modellbahnanlage im Maßstab N für Begeisterung. Die Anlage wurde vom Verband Österreichischer Modell-Eisenbahn-Clubs (VOEMEC) gestaltet und ist am Wochenende und an Feiertagen in Betrieb. Mich freute besonders die Nachbildung von inzwischen still gelegten Bahnhofsanlagen im Niederösterreich wie Groß-Siegharts und Bad Pirawarth.

Modell des Bahnhofsgebäudes in Gross-Siegharts, neben dem Gebäude drei Gleise mit Schotterbahnsteigen und verteilten Personen darauf, vor dem Bahnhofsgebäude steht ein Autobus

Auch die eine oder andere Kuriosität findet sich in der Ausstellung, wie etwa eine Erste-Hilfe-Kiste für Eisenbahn-Unfälle. Diese enthielt laut dem mit Schreibmaschine getippten Inhaltsverzeichnis unter anderem: „1 Pkg. Speisesoda 150g, zur Verabfolgung an nicht Bewusstlose bei Hochspannungsunfällen (siehe Gebrauchsanweisung)“. Eine schnelle Internet-Recherche ergab nur, dass diese Behandlung wohl heutzutage nicht mehr angewandt wird.

Überblick in der Eisenbahnausstellung mit Modellen im Vorder- und Hintergrund und an einer zentralen Säule ein Signal mit der Aufschrift „Halt für Verschubfahrten“

Nach einer Kaffeepause nutzten wir noch den Rest der Öffnungszeit aus, um durch die Ausstellung Materialwelten zu spazieren, leider war ich da nicht mehr besonders aufnahmefähig. Themeninseln mit verschiedensten Produkten beschäftigen sich mit den Materialien, die unseren Alltag bestimmen. Da liegt etwa ein iPhone neben einem Muster-Reisepass und ein Cochlea-Implantat neben einem Game Boy. In allen diesen Produkten wird Silizium verarbeitet, das essentiell für die Herstellung von Computerchips ist. (Der Reisepass enthält einen RFID-Chip.)

Überblick zur Ausstellung Materialwelten mit dem Titel von der Decke hängend, zentral im Vordergrund ein aufgeschnittener Baumstamm, der die Verarbeitung in einzelne Holzbalken verschiedener Größe veranschaulicht

Ein paar Schlaglichter:

  • In einem runden Schaukasten findet sich die Google Glass Brille direkt neben dem Buch Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus von Shoshana Zuboff.
  • Das Periodensystem der Elemente ist in einem großen Schaukasten abgebildet, ich habe ein Detailfoto des Elements Neodymium (60 Nd) gemacht, ein bläuliches Pulver in einem Flakon.
  • Gleich an zwei Stellen habe ich bewachsene Seekabel aus der Adria entdeckt – Muscheln, Korallen und andere Meereslebewesen haben sich an diesen Kabeln angesiedelt.
  • Ein großer Schaukasten zeigt den Anstieg der Kunststoffproduktion anhand verschiedener Produkte, die daraus gefertigt werden. Zu erkennen sind etwa eine Billardkugel, eine Schallplatte und ein 3D-gedruckter Buddha mit Kopf von The Rock (wie ich vom Mitcacher erfuhr, ist das ein Meme in der 3D-Druck-Welt).
Glaskasten mit Kunststoffprodukten in verschiedenen Farben auf Säulen, diese veranschaulichen den weltweiten Anstieg der Kunststoffproduktion im Zeitverlauf

Die Eisenbahn-Ausstellung war interessant, hat mich aber nicht besonders beeindruckt. Für die Materialwelten hätte ich gerne mehr Zeit und Aufmerksamkeit gehabt; und auch die anderen aktuellen Themenausstellungen zu Wissenschaft im Wandel und Kreislaufwirtschaft klingen interessant. Der Kaffee im Museumscafé schmeckte leider etwas verbrannt. Das Technische Museum ist aber in jedem Fall einen Besuch wert.

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English Fantasy Roman

Shannon Chakraborty – The Adventures of Amina al-Sirafi

CN: Mord, Gewalt, Tod, Body Horror, Alkoholkonsum


Demnächst starten wir wieder mit unserem Hugo Award Nominees Buchclub, unser erstes Buch wird Death of the Author von Nnedi Okorafor sein. Davor hab ich mir vom Radfahrer noch ein Buch für meine Ortsabwesenheit1 ausgeliehen, dieses war 2024 für den Hugo Award nominiert. Und wieder geht es mir so, dass ich jetzt fühle, ich muss das Gewinner-Buch 2025 (Emily Tesh: Some Desperate Glory) lesen, weil ich mir kaum vorstellen kann, dass es besser sein könnte als dieses.

Protagonistin ist die titelgebende Amina al-Sirafi. Zu Beginn des Buchs ist sie eine Piratin, die ihr Handwerk nieder gelegt hat (retired) und sich nun mit einfachen Aufträgen durchschlägt, um ihre Familie zu unterstützen. Doch das alles ändert sich, als eine betuchte Großmutter sie aufsucht und erpresst: Amina soll ihre Enkelin suchen, die mutmaßlich von einem Franken2 entführt wurde. Tut sie es nicht, will die Lady Aminas Identität enthüllen und ihr alle Feinde ihrer Vergangenheit auf den Hals hetzen. Amina hat keine Wahl, wenn sie ihre Mutter und Tochter nicht diesem Schicksal aussetzen will.

Men and women who were more offended at the audacity of a poor local demanding a cut of the riches they built on our sea than by the possibility of losing their lives. How dare we? Did we not know that our place was to shut up and stay silent?

Zwischen Schiffen, Kämpfen und Magie flicht die Autorin immer wieder moralische Fragen und Dilemmata ein. Amina will keine Verbrechen mehr begehen, ihr eigenes Kind (und ihre Crew) zu beschützen, geht ihr jedoch über alles. Gerade im Konflikt zwischen Amina und der reichen Lady zeigt sich euch deutlich der Klassenunterschied, der im zeitlich undatierten Indischen Ozean die Gesellschaft prägt. Übermäßig Reiche haben Privilegien, während die Armen ums nackte Überleben kämpfen. Moralische Entscheidungen sind jedoch von der reichen herrschenden Klasse nicht zu erwarten. Während für Amina Loyalität und Verbundenheit zählt, will die reiche Lady nur ihren Willen durchsetzen. Die vermisste Enkeltochter soll nämlich mit einem einflussreichen Mann verheiratet werden, um das Renommee der Familie zu sichern.

Amina selbst ist gläubige Muslimin, die jedoch auch mal die Regeln bricht. In ihrer Crew arbeiten jedoch Muslime, Christen und Juden Hand in Hand zusammen, Religion ist kein trennendes Element. An einer Stelle, die ich nicht mehr finde, erklärt Amina, dass Gott die Menschen nicht so verschieden erschaffen hätte, wenn es nicht von ihm gewollt wäre. Eine so einfache Erklärung, die zur Akzeptanz alles von Gott Geschaffenen führen könnte, wenn die Menschen es nur annehmen würden.

Ein wesentliches Element ist auch Aminas Konflikt zwischen ihrer Mutterschaft und ihren anderen Ambitionen. Im Gespräch mit Raksh – einem undefinierten magischen Wesen, das Aminas tot geglaubter Ehemann und Vater ihrer Tochter ist – enthüllt Amina, dass sie nie eine Piratin sein wollte, sie wollte Abenteurerin, Entdeckerin, Forscher*in sein (explorer). Doch wie kann sie sich an der Freiheit an Bord ihres geliebten Schiffes erfreuen, wenn sie doch von ihrer Tochter getrennt ist?

Wollte ich kritisieren, könnte ich anmerken, dass es etwas übertrieben wirkt, wie oft Amina dem sicheren Tod doch noch entrinnen kann. Am Ende wird mir auch die Magie etwas zu intensiv zur Auflösung der Geschichte eingesetzt. Nichtsdestotrotz habe ich mich ausgezeichnet unterhalten und freue mich auf die Fortsetzung, die für Oktober 2026 angekündigt ist.

  1. Da ich normal arbeite, ist es kein Urlaub, ich bin einfach nur woanders. ↩︎
  2. Mir ist nach wie vor unklar, welches Volk hier mit „Franks“ gemeint sein könnte und das darf auch so bleiben. ↩︎
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Roman

Holly Ringland – The Lost Flowers of Alice Hart

CN: Gewalt eines Mannes gegen Frau, Tochter und Tiere, Feuer, Alkoholmissbrauch, Depression


Being around him was like being outside without shelter during stormy weather, always watching the sky.

Dieses Buch hatte ich schon länger auf der Wunschliste, vom großen A ist auch eine Verfilmung als Serie erschienen. Das Buch beginnt mit Alice Hart als Kind, die den Launen ihres gewalttätigen Vaters auszuweichen versucht. Sie lernt früh, dass sie nicht aus der Reihe tanzen darf, dass jeder Verstoß gegen (ungeschriebene) Regeln zu Konsequenzen führt – für Alice selbst oder für ihre Mutter. Wir sehen aber auch ein Mädchen, das ihren Vater trotz allem liebt, da sie nichts anders kennt. Es zerbricht einem fast das Herz, als die kleine Alice eines Tages von zuhause ausreißt und in der Bibliothek auf Sally trifft. Durch die Augen von Sally sehen wir erstmals, wie vernachlässigt Alice tatsächlich ist.

Nach einem Brand, bei dem Alice’ Eltern umkommen und Alice nur knapp überlebt, landet sie bei ihrer Großmutter June, von deren Existenz Alice bisher keine Ahnung hatte. Auf Junes Blumenfarm lernt Alice ein neues Leben kennen. Sie wächst heran in der Gesellschaft von Frauen, die aus verschiedenen Gründen Zuflucht bei June gesucht haben. Es kommt zum dramatischen Bruch, als Alice erfährt, dass June ihre Jugendliebe an die Einwanderungsbehörde verraten hat. Wir sehen, dass das stürmische Temperament ihres Vaters auch in Alice selbst vorhanden ist.

She lunged at the rose-covered house, tearing at the vines, cutting herself on thorns. She tore and grabbed and cried, swept into a rampage of rage and grief and humilitation. A sudden downpour of cold rain broke her trance. Alice stood stunned as she came back into her senses.

Erneut stellt sich Alice einem Neubeginn. Diesmal lässt sie aus eigenem Willen ihr bisheriges Leben hinter sich. Dieser Teil war für mich am Schwierigsten zu lesen, denn er beschreibt, wie Alice die Muster ihrer Kindheit wiederholt. Sie gerät an einen besitzergreifenden, jähzornigen, eifersüchtigen Mann. Einen Mann, der ihr an allem die Schuld gibt, sie für seine Ausbrüche verantwortlich macht und sie schließlich aus ihrem Job zu drängen versucht.

Alice nodded slowly, a flushing fool. What was wrong with her? It was all in her head. She was making the man a monster.

Häusliche Gewalt ist ein viel zu aktuelles Thema und die beschriebenen Muster sind wohlbekannt. Zu oft machen Menschen es sich einfach mit der Frage „Warum geht sie nicht einfach?“. Einen guten Überblick über das Thema findet ihr in dieser Folge des Lila Podcast: Wenn Zuhause nicht sicher ist – Was tun bei häuslicher Gewalt?

Wie beginnt Gewalt – und warum bleibt sie oft unsichtbar? In dieser Folge spricht Özge mit Miriam Peters, die sich mit dem Projekt Land Grazien darauf spezialisiert hat, Betroffenen von partnerschaftlicher Gewalt in ländlichen Regionen zu helfen. Content Warnung: Es geht in dieser Folge um häusliche, psychische & sexualisierte Gewalt, Femizide und traumatische Erfahrungen. Bitte hör diese Folge nicht allein, wenn dich die Themen stark belasten. Du bist selbst von häuslicher Gewalt betroffen? Hier findest du Hilfe.  Gemeinsam mit Miriam Peters spricht Özge über toxische Beziehungsmuster, emotionale Manipulation, Gaslighting, Macht & Kontrolle — und darüber, was Betroffenen wirklich hilft, sich zu befreien.

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Roman

Beate Maly – Gold aus der Wiener Werkstätte

CN: Mord, Blut, Prostitution, Armut


Dieses Buch habe ich tatsächlich gewonnen. Bei einer Verlosung in einem Blog. Später habe ich auch noch herausgefunden, dass ich den Autor dieses Blogs von einer früheren Arbeitsbeziehung her persönlich kenne. Was für ein schräger Zufall.

Als ich schrieb, dass ich dieses Buch gewinnen will, dachte ich aber, es würde zu einer anderen Reihe von Beate Maly gehören, der über die pensionierte Lehrerin Ernestine und den Apotheker Anton, hier im Blog zuletzt Mord auf der Donau. Diese Reihe spielt zur selben Zeit, in Wien kurz nach der Jahrhundertwende. Die wiederkehrenden Protagonist:innen sind hier der Ermittler Max von Krause und die ehemalige Fälscherin Lili Feigl (die sich offensichtlich in einem früheren Roman bereits begegnet sind).

Die Mord-Geschichte könnte vom ein psychologischen Hintergrund her auch aus einer Folge Criminal Minds stammen, die Ermittlungsmethoden sind jedoch deutlich anders. Max von Krause kämpft gegen seine Vorgesetzten, um die moderne (!) Technik des Fingerabdrucksvergleichs und der Fotografie in polizeilichen Ermittlungen einsetzen zu dürfen. Das Tempo der Geschichte ist gemächlich, wir erfahren viel Hintergrund über die Familien von Max und Lili. Auch das historische Wien wird ausführlich beschrieben, viele Schauplätze wecken in mir Erinnerungen (zumeist an Geocaches).

Mein Fazit: Blutiges Verbrechen, aber ansonsten cozy crime mit Wiener Lokalkolorit.

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Roman

Yun Ko-Eun – The Disaster Tourist

CN: Tod, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, Naturkatastrophen (Tsunamis, Erdbeben, Hurrikans, Vulkanausbrüche, Dürre usw.)


Now, if disaster disappears from Mui, life disappears too […] Mui was a thirsty island planning a huge scam to survive, creating holes out of nothing.

Eine interessante Idee, deren Tiefe sich erst im Verlauf der Geschichte erschließt: Yona arbeitet für einen Reiseveranstalter, der Gruppenreisen in Katastrophengebiete anbietet. Die Konkurrenz in ihrer Firma ist groß. Als sie sich wegen sexueller Belästigung über ihren Vorgesetzten beschwert, wird ihr ein bezahlter Urlaub in Form einer der Reisen des Unternehmens in Aussicht gestellt. Yona betrachtet nun die Kund:innenseite ihres Unternehmens: Es sind eigenartige Charaktere, die diese Reise gebucht haben. Mit der Insel selbst und den lokalen Einwohner:innen scheint ebenfalls etwas nicht zu stimmen. Das bestätigt sich, nachdem Yona auf der Rückreise verloren geht und ohne ihren Pass nicht nach Korea zurückreisen kann. Sie kann nur zurück auf die Insel, wo sie jedoch ganz und gar nicht willkommen ist. Denn die Einheimischen führen ein Schauspiel auf für die Tourist:innen; ihr eigenes Leben leben sie, wenn keine Fremden auf der Insel zu Gast sind.

Yonas verlängerter Aufenthalt auf der Insel Mui entwickelt sich zunehmend surreal. Vom Hotelmanager wird sie schließlich in den großen Plan eingeweiht: Die gesamte Insel plant eine neue Katastrophe, um wieder in den Fokus des Interesses zu gelangen und neue Tourist:innen anzulocken. Die gesamte Wirtschaft der Insel hängt am Katastrophentourismus. Der Schriftsteller, der mit Yona die Gruppenreise besucht hat, schreibt dafür ein Skript. Für jede:n Inselbewohner:in ist darin eine Rolle vorgesehen. Dass dafür auch jede Menge Menschen sterben müssen, wird zuerst verdeckt durch den Plan, vorhandene (aus anderen Gründen verstorbene) Leichen zu verwenden. Die ungewöhnlich hohe Rate an Autounfällen mit Todesfolge auf der Insel hat damit wohl nichts zu tun …

Zwischen den Zeilen steht viel mehr, als ich hier jetzt wiedergeben kann. Mich hat am Beginn des Buchs die Beschreibung der koreanischen Arbeitskultur bedrückt: diese harte Konkurrenz zwischen Mitarbeiter:innen, die ständige Gefahr, aufgrund mangelnder Performance aussortiert zu werden, die Unmöglichkeit, die sexuelle Belästigung überhaupt zu thematisieren, weil es mehr Probleme für das Opfer bedeutet. (Schon wieder das Patriarchat … siehe letzter Post …) Gleichzeitig spielt aber auch der Kapitalismus eine wichtige Rolle. Es ist die Notwendigkeit, die Wirtschaft irgendwie am Laufen zu halten, die die Einwohner:innen von Mui zu solchen absurden Ideen und Handlungen zwingt.

Achtung, ab hier Spoiler!

Erst spät in der Geschichte wird Yona (und mir als Leserin) klar, dass auch sie eine Rolle im Skript des Schriftstellers inne hat. Als Teil eines tragischen Liebespaars soll sie nach dem Tod des Geliebten während der Katastrophe gebrochen nach Korea zurückkehren. Sie fleht den Schriftsteller an, den Geliebten zu retten. Da die Geschichte aber trotzdem ein tragisches Liebespaar braucht, hat diese Änderung für Yona unerwartete Folgen.

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Roman

Rebecca Makkai – I have some questions for you

CN (möglicherweise unvollständig): Femizid, sexuelle Belästigung, Tod von Vater und Bruder, Drogenmissbrauch, Depression, Patriarchat, Mobbing


Suddenly, she was every sister of every murdered girl they ever put on the news

Allein schon den Rahmen der Geschichte zu beschreiben, erscheint kompliziert. Die Erzählerin Bodie Kane kommt als Erwachsene zurück an das Internat, das sie als Jugendliche besucht hat, um dort zwei Sonderkurse zu betreuen. Während ihrer Schulzeit dort wurde ein Mädchen ermordet – ein Trauma, das Bodie nie ganz losgelassen hat. Im Rahmen ihres Podcast-Workshops wird das Thema von einer Schülerin aufgegriffen und Bodies Zweifel an der Schuld des verhafteten Täters schlagen Wurzeln in den Köpfen der Jugendlichen. Wichtig ist auch, dass Bodie ihre Erzählung an einen ehemaligen Lehrer richtet, den sie verdächtigt. An ihn richten sich die Fragen aus dem Titel des Buchs.

Neben dieser, aber auch durch diese Geschichte ist das Buch eine umfassende Reflexion über das Patriarchat und das männliche Gesellschaftsbild, das Fälle wie diesen ermöglicht. Im Buch werden immer wieder Beispiele von sexuellem Missbrauch oder Femizid aufgezählt: so viele Fälle, bei denen die Täter davon kommen, bei denen den Opfern die Schuld gegeben wird. All die faulen Ausreden, die wir schon tausendfach gehört haben (sie hätte sich nicht so anziehen sollen, sie hätte nicht allein unterwegs sein sollen, sie hätte nicht so viel trinken sollen, …) und die davon ablenken wollen, dass ein Mann einer Frau Gewalt angetan hat.

In einer Nebenhandlung wird Bodie mit dem Thema auf andere Art konfrontiert. Ihr Ex-Mann wird öffentlich beschuldigt, Jahre früher eine Frau belästigt zu haben und wird dadurch Ziel eines Shitstorms. Dadurch wird auch das Problem falscher Anschuldigungen angeschnitten und Bodie muss ihre eigenen Glaubenssätze hinterfragen. Warum glaubt sie anderen Frauen, aber nicht dieser? Warum relativiert sie das Geschehen, weil jetzt ihr Ex-Mann und durch den öffentlichen Aufschrei auch das gemeinsame Unternehmen unter Beschuss steht? Ihre persönliche Betroffenheit ermöglicht eine neue Perspektive auf das leider so präsente Thema.

Via Kaltmamsell bin ich auf diesen Text von Jasmin Schreiber gestoßen: Die Schuldvermutung. Darin nennt sie Zahlen und aktuelle Beispiele, stellt aber eben auch Überlegungen zur Unschuldsvermutung dar, die oft als Schuldvermutung gegenüber dem Opfer ausgelegt wird.

Doch wie spricht man darüber, Opfer beispielsweise sexueller oder häuslicher Gewalt geworden zu sein? Denn diese Frauen müssen sich fragen, ob ihre Aussage juristisch haltbar ist. Ob sie glaubwürdig klingen werden. Ob ihre Vergangenheit gegen sie verwendet werden kann.

Jasmin Schreiber endet mit einem Aufruf an all die Männer, die „keine von denen“ sein wollen. Ich schließe mich dem an: Ihr „anständigen“ Männer, schaut nicht weg und macht den Mund auf, wenn ihr etwas beobachtet oder hört. Weist andere Männer darauf hin, wenn sie frauenfeindliche, sexistische Witze machen. Stellt euch nicht (nur) an die Seite der Frauen, stellt euch vor sie und tragt euren Teil zu einer gerechteren Gesellschaft bei. Überlegt euch bei der nächsten Wahl, welcher Partei ihr zutraut, für eine Gesellschaft zu arbeiten, die Frauen und Mädchen ernst nimmt. Sprecht mit euren Freunden und Familienmitgliedern und positioniert euch. Es gibt so viel zu tun.

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Roman

Øivind Hånes – Permafrost

CN (möglicherweise unvollständig): Krieg, Tod, Kälte, unfassbare menschliche Grausamkeit


Diesen Post schreibe ich mit noch mehr Verspätung als üblich. Die letzten Wochen waren von einer extrem hohen Arbeitsbelastung und einer privaten Ausnahmesituation überschattet. Jetzt hoffe ich, dass sich alles wieder einpendelt.

Trotzdem erinnere ich mich an das Buch, weil es eine wirklich grausame Kriegsgeschichte enthält. Nach dem Tod seiner Mutter finden Jonas und seine Schwester Hinweise auf den verschwundenen, totgeglaubten Vater, die die Mutter geheim gehalten hat. Jonas reist in die Taiga, um den Spuren nachzugehen.

Warum hat sie es ihnen verschwiegen? Warum hat ihre Mutter ihnen nicht erzählen wollen, was sie wusste? Aber wenn sie es getan hätte, wäre er jetzt nicht hier.

Er trifft dort die Lehrerin Olga, deren Familie ebenfalls eine komplexe Geschichte durchlebt hat. Zwischen Jonas’ Suche nach den Spuren seines Vaters im früheren russischen Gefangenenlager wird eine Episode mit Gefangenen auf einem Transportschiff erzählt, das im Eis stecken bleibt. Es kommt zu einer unfassbaren Grausamkeit, die mir noch immer den Atem stocken lässt, weil sie durchaus wahr sein könnte.

Das Seelenstoffbassin, all das, was dort beginnt, wo die Geschichte endet. Aber dieser Mensch, der ihm den Rücken zuwendet, ist der noch da? Schwer zu sehen, jetzt, der Wagen ist so fern. […] Vielleicht ist es nur ein Schatten, weiß er das nicht mehr? Deshalb konnte er ja nicht brennen.

Neben dem tatsächlichen Geschehen wird ausführlich Jonas’ komplexes Innenleben geschildert. Seine Gedankenströme springen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft herum. Der Autor arbeitet teilweise mit wilden Metaphern, um das Gefühlschaos verständlich zu machen. Es ist ein schwieriges, ungewöhnliches Buch.

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Krimi Roman

Tove Alsterdal – Sturmrot

CN: Demenz, Vergewaltigung, Mord, Feuer, Sturm, Hass im Netz, Aufruf zu Gewalt, Suizid in der Familie (in der Vergangenheit)


Ein Mensch ohne Jagdmesser ist verdächtiger als einer mit, zumindest nördlich des Dalälven.

Ein alter Mann wird ermordet aufgefunden – von seinem Sohn, der als Jugendlicher ein Gewaltverbrechen begangen haben soll. Für Nachbar:innen und Öffentlichkeit ist klar, es kann nur der Sohn selbst gewesen sein. Bei den Leser:innen wird jedoch von Anfang an Zweifel gesäht. Nicht nur am jetzigen Verbrechen sondern auch an jenem, das viele Jahre zuvor passiert sein soll …

Auf den ersten Blick hatte mir die Benennung der drei Bücher nach Farben gefallen (es folgen Erdschwarz und Nebelblau). Leider hat die „Farbe“ Sturmrot in der Geschichte überhaupt keine Bedeutung. Ein Sturm kommt vor; ein Feuer wird gelegt; der Zusammenhang ist eher lose. Leider ist mir auch die Ermittlerin Eira Sjödin nicht wirklich sympathisch. Es wirkt zu bemüht, sie sympathisch wirken zu lassen mit der dementen Mutter, um die sie sich kümmert, dem Bruder, der mit einer schwierigen Lebenssituation kämpft, dem Kollegen, mit dem sie eine Art Affäre beginnt, obwohl sie weiß, dass er eine Freundin hat und so weiter und so fort.

Ungefähr bei der Hälfte des Buchs wurde mir ein wesentliches Detail der Auflösung klar. Danach war ich etwas interessierter an der Geschichte und wie sich alles zusammenfügen würde. Leider fügt sich nicht alles zusammen, Vergangenes kann nicht ungeschehen gemacht werden, Menschen werden wegen Handlungen verurteilt, die gar nicht passiert sind, während andere davonkommen. Nach dem Lesen blieb mir ein Gefühl des Frusts. Vielleicht wird in den weiteren Bänden darauf Bezug genommen. Ob ich das herausfinden werde, kann ich aktuell jedoch nicht sagen.

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English Fantasy Roman

Robert Jackson Bennett – The Tainted Cup

CN: Body Horror, Mord, Krankheit, Tod, Gewalt, Korruption


In unserem Mini-Buchclub hatten wir andere für den Hugo Award nominierte Bücher bevorzugt, gewonnen hat letztes Jahr schließlich dieses Werk. Nach einer kleinen Fantasy-Auszeit haben wir uns jetzt entschlossen, doch noch wissen zu wollen, wie uns dieses Werk gefällt. Vorab gesagt: Ich finde es sehr gut geschrieben, mein Favorit bleibt jedoch John Wiswell – Someone You Can Build a Nest in.

Die Welt dieses Buchs bietet einige interessante Facetten. Das Königreich wird von Titanen bedroht, die sich aus dem Meer heranschleichen und die gigantischen Mauern zu zerstören suchen, die sie vom Eindringen ins Landesinnere abhalten sollen. Diese Bedrohung schwebt stets über den Ermittlungen, durch die Protagonist Din und seine „Chefin“ Ana einen merkwürdigen Todesfall aufklären sollen. Zentral ist außerdem, dass die Menschen (und Tiere) dieser Welt mittels aus den Leichnamen der Titanen entwickelter Mittel körperlich oder geistig verändert werden, um ihnen bestimmte Eigenschaften zu verleihen. Din selbst hat die Fähigkeit eines Engravers – eine Art fotografisches Gedächtnis, bei dem Erinnerungen mit Düften verbunden werden, um sie zu einem späteren Zeitpunkt exakt wieder abrufen zu können. Die Veränderungen sind jedoch auch immer mit negativen Folgen verbunden – wie zum Beispiel Erinnerungslücken im Fall eines älteren Engravers.

Aus dem einen Todesfall werden schnell mehrere, es entwickelt sich eine Murder-Mystery-Geschichte mit vielen Zutaten, die sich auch in Real-World-Mordermittlungsgeschichten wiederfinden. Natürlich spielt die Formel „Geld + Macht = Korruption“ eine Rolle; natürlich versuchen sich manche auf den Rücken anderer zu bereichern. Die Pflanze, die im Mordfall eine Rolle spielt, kann in anderer Verwendung auch als Biowaffe eingesetzt werden, was eine Terrorismus-Verbindung heraufbeschwört (à la „wieviel von dem Zeug brauchst du, um eine Stadt zu vergiften?“).

The Empire is strong because it recognizes the value in all our people […].

Das Thema der bewussten Veränderung im Hinblick auf bestimmte Aufgaben wird am Ende in eine versöhnliche Richtung aufgelöst. Ana betont dabei, dass sie alle ihre deutlich als autistisch lesbaren Eigenschaften bereits vor ihrer Veränderung hatte. Es ist ihr innerstes Wesen; ihre Veränderung trug nur dazu bei, ihre bereits vorhandenen Eigenschaften im Sinne des Königreichs besser nutzen zu können. Wir entscheiden selbst, was wir aus unseren gegebenen Eigenschaften machen.

The person an enhancement is paired with is just as important as what enhancement they get. And we get some say in what kind of person we are, Din. We do not pop out of a mold. We change. We self-assemble

Als Murder Mystery fand ich die Geschichte wirklich unterhaltsam und interessant geschrieben. Bezüglich Originalität gewinnt aber in meinen Augen mit deutlichem Abstand das bereits oben erwähnte Someone You Can Build a Nest in. Wir sind gespannt auf die diesjährigen Hugo Award Nominees. (Nominations Open Through March 28, 2026. Announcement wahrscheinlich irgendwann im April.)