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English Roman

Miriam Toews – Fight Night

CN dieses Buch: Suizidgedanken, psychische Krankheit, sexuelle Handlungen, Geburt, Tod
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Fighting is so hard and yet we’re never supposed to stop!

Manche Bücher sind unbeschreiblich und dieses zählt zu dieser Kategorie. Die Zutaten Roadmovie, sprunghafte Protagonist:innen, tiefgehende Emotionen, Absurdität und Stream of consciousness-Stil vermischen sich zu einem Cocktail, der bei jedem Schluck einen anderen Geschmack zu haben scheint.

It’s not even written down, I said. It’s not real! Things don’t have to be written down to be real, said Grandma.

Der Titel Fight Night ist eigentlich nicht ganz logisch, denn hier wird das tägliche Leben als Kampf beschrieben. Jeder einzelne Tag als neuer Kampf gegen die Welt, gegen die anderen und manchmal sogar gegen sich selbst. Kämpfen, durchhalten und weitermachen. Nur so funktioniert das Leben. (Zumindest in diesem Buch.)

And she felt peace inside herself somewhere. She knew it was there, peace from God, she just didn’t know exactly where. Like her will and important papers. She knows they’re somewhere in the house, but where?


Jahresrückblick 2022:

  • Bücher: 70 (52 fiction/18 non-fiction), Highlights/Empfehlungen:
  • Reisen: Weihnachtsurlaub 2021/22 in Sizilien, Freundinnenbesuch in Großbritannien (einmalig verschoben wegen eigener Covid-Erkrankung), Gruppenwochenende in Kärnten, Gruppenwochenende im Waldviertel, Familien-Strandurlaub in Lignano, Berlin im November, Weihnachtsurlaub 2022/23 in Spanien
  • Covid: 1 Impfung (3/3), 1 Erkrankung, noch 1 Impfung (4/4)
  • Musik: Takida, The 1975
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English Roman

Patricia Highsmith – Carol

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She had seen just now what she had only sensed before, that the whole world was ready to be their enemy, and suddenly what she and Carol had together seemed no longer love or anything happy but a monster between them, with each of them caught in a fist.

Dieses Buch wurde auf Lithub immer wieder erwähnt als eines der ersten, die eine lesbische Liebesgeschichte erzählen, die nicht in einem Drama und Einsamkeit endet. Die Erstveröffentlichung 1952 erfolgte unter dem Titel The Price of Salt und unter dem Pseudonym Claire Morgan. Die damals bereits bekannte Krimiautorin Patricia Highsmith musste erst den Verlag wechseln, um dieses Buch überhaupt veröffentlichen zu können. Im Nachwort erzählt sie von den vielen Briefen, die sie von Leser:innen der Paperback-Ausgabe erhalten hat. Unzählige Menschen, die sich in der Geschichte wiederfanden, die sich gesehen fühlten, vielleicht überhaupt das erste Mal in ihrem Leben.

Representation matters. What our young people see around them positively or negatively shapes their expectations for themselves and for each other. When it comes to our classrooms and schools, let’s do our part to make sure that they can see themselves and all of their peers as strong, creative, capable, happy, and connected. (Edutopia – Why Representation Matters)

Das Buch erzählt die Beziehung von Therese und Carol, die an einem vorweihnachtlichen Shopping-Tag an Thereses Arbeitsplatz ihren Ausgang nimmt. Die Anziehung zwischen den beiden wird schnell greifbar, jedoch die gesellschaftlichen Konventionen verlangsamen das Entwickeln einer Beziehung, die nach den Standards der damaligen Zeit als krank betrachtet wurde. Carols Ehemann lässt die beiden beschatten, um das alleinige Sorgerecht für die gemeinsame Tochter Rindy zu erhalten. Die Rolle des Kindes ist interessant: Zumeist scheint Carol es eher für ihre Pflicht zu halten, ihre Tochter zu lieben und ihr den wichtigsten Platz in ihrem Leben einzuräumen. Das wird von ihr als Mutter erwartet. Therese muss sich in diesem Zusammenhang mit der Erkenntnis auseinander setzen, dass sie für Carol niemals an erster Stelle stehen wird. Ob der Kindsvater die Tochter tatsächlich liebt oder sie in erster Linie benutzt, um seine Frau für ihr Fehlverhalten zu bestrafen, bleibt unbeantwortet.

Randnotiz: Ja, ich hatte immer wieder mal den Song An Old-Fashioned Love Story aus The Wild Party im Ohr.


Vor Weihnachten bin ich zufällig in der Hauptbücherei in eine interessante Ausstellung hinein gelaufen: Im Eingangsbereich hinter der zentralen Verbuchung können »Die Schönsten Bücher Österreichs, Deutschlands, der Schweiz, der Niederlande und der Ukraine« begutachtet werden (eine Initiative der typographischen gesellschaft austria (tga) – die Webseite ist auch sehenswert für Typographie-Interessierte). Dort findet sich auch die Information, die ich bei den Büchereien nicht finden konnte: Die Ausstellung ist noch bis 18. Februar 2023 zu sehen.

zwei Holztische mit darauf ausgestellten Büchern, im Hintergrund eine Wand mit BildernDetailansicht eines Tisches, auf dem Bücher ausgestellt sind, im Vordergrund zwei Titel mit rosafarbenem Coverzwei Holztische mit darauf ausgestellten Büchern, Perspektive des Fotos zwischen den Tischen stehend, die Tische entfernen sich nach hinten

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English Roman

Elif Batuman – The Idiot

CN dieses Buch: –
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Dance songs turned out to consist of one sentence repeated over and over. For example: “I miss you, like the deserts miss the rain.” Why would a desert miss rain? Why wasn’t it ok for a desert to be a desert, why couldn’t anything just be what it was, why did it always have to be missing something?

Auch eine Woche später habe ich mir noch keine wirkliche Meinung zu diesem Buch bilden können. Das obige Zitat beschreibt in meinen Augen schön die Persönlichkeit der Protagonistin Selin. Sie geht mit offenen Augen durch ihr Freshman-Jahr am College, inskribiert sich für Fächer, von denen sie vorher noch nie gehört hat und kommt aus dem Wundern nicht mehr heraus. Nichts scheint ihr Sinn zu ergeben. Weder die Einstellungen der Unterrichtenden zu ihren Themen, noch die Inhalte ihrer Kurse. Weder die Freizeitaktivitäten ihrer Mitstudierenden noch deren komplexe Identitäten. Also lässt Selin sich treiben, nimmt an jeder noch so absurden Aktivität teil und versucht auf diesem Wege, Sinn in ihrem Alltag zu finden. Wodurch sie schließlich im zweiten Teil des Buchs in einem kleinen Dorf in Ungarn landet, wo sie englisch unterrichten soll. Dort versteht sie dann buchstäblich die Welt nicht mehr, weil Sprach- und kulturelle Barrieren die Kommunikation zusätzlich erschweren. Da Selin jedoch schon am College zumeist eher ratlos den Menschen und Ereignissen in ihrem Umfeld gegenüber stand, klingt es fast teilnahmslos, wenn sie von verlorenen Kanus, unbekannten Straßenecken und einsamen Busstationen (lauter beängstigende Situationen in meinen Augen) erzählt.

Das Ende ist so glaubwürdig wie unbefriedigend. Und passend zum Titel ist der letzte Satz vollkommen falsch. Warum das so ist, dürft ihr selbst herausfinden.

EDIT 06.01.2023: In diesem Lithub-Artikel mit Empfehlungen erklärt Tamara Gomez, was ihr an diesem Buch so gefallen hat und ich habe jetzt das Gefühl, etwas verstanden zu haben.

Batuman helped me feel compassion for my younger self that made questionable and arguably dumb decisions while trying to look intelligent and cool in front of my crush.

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English Roman

Antonia Angress – Sirens & Muses

CN dieses Buch: Drogenmissbrauch, sexuelle Handlungen, psychische Erkrankung, Depression, versuchte Vergewaltigung
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Since childhood, she’d harbored the secret belief that her best work – her masterpiece – was suspended out there somewhere, waiting to channel itself through her. She searched for it with increasing impatience.

In diesem Buch erzählt die Autorin Episoden aus dem Leben von vier Menschen, die sich im Rahmen einer Kunstuniversität begegnen und deren Leben sich von dort aus in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Der erste Teil findet an der Kunstuniversität statt, wo sich die Studierenden Louisa, Karina und Preston sowie der alternde Künstler Robert kennenlernen. Noch interessanter werden die Beziehungsdynamiken jedoch im zweiten Teil, als alle vier Personen aus verschiedenen Gründen die Universität verlassen haben und sich mehr oder weniger gut in New York durchschlagen.

Ein zentrales Thema ist der Konflikt zwischen Kunst und Kapitalismus. Während Louisa an die Universität geht, um ihrem künstlerischen Streben Ausdruck zu verleihen, hat Karina mit ihren Eltern, die sich in der Kunstbranche als Sammler:innen betätigen, eine vollständig andere Ausgangsposition.

Preston wiederum sieht sich als gesellschaftskritischer Internetaktivist, der die Kunst als Mittel zum Zweck nutzt, um auf Missstände (eine wichtige Rolle spielt hier die sich 2011 rasch verbreitende Occupy-Bewegung) aufmerksam zu machen. Preston macht in meinen Augen die interessanteste Entwicklung durch, weil er letzten Endes einen Weg findet, wie er gleichzeitig seinen Lebensunterhalt verdienen und seiner Kritik am kapitalistisch orientierten Kunstmarkt Ausdruck verleihen kann.

In der Position des alternden Künstlers, dessen Erfolgsperiode weit hinter ihm liegt, kämpft sich Robert durch seinen Alltag als Universitätsprofessor. Er hadert intensiv mit den Veränderungen in der Kunstwelt, mit den jüngeren Künstler:innen, die scheinbar ohne Talent und ausschließlich am finanziellen Erfolg interessiert nach oben streben. Seine Geschichte beinhaltet auch die seines berühmtesten Gemäldes: ein Portrait seines an HIV erkrankten und sterbenden Freundes. Hier entfaltet sich ein anderer Konflikt: Kann es unter bestimmten Umständen (und welche wären das?) gerechtfertigt sein, das Leiden einer Person zu nutzen, um Aufmerksamkeit auf eine Problemlage (in diesem Fall die sich in den 1980er-Jahren ausbreitende AIDS-Krise) zu lenken? Oder ist der Schutz der Privatsphäre der Betroffenen und Angehörigen jedenfalls der Vorrang zu geben? Daraus ergibt sich eine Frage nach den Grenzen der Kunst: Was soll Kunst eigentlich dürfen und was vielleicht nicht?

Diese vier sehr verschiedenen Persönlichkeiten bringen unterschiedliche Perspektiven auf das künstlerische Streben an sich sowie auf den Konflikt zwischen Kunst und Kapitalismus mit. In persönlichen Gesprächen und manchmal auch öffentlichen Debatten werden Fragen thematisiert, die weder hier noch anderswo letztgültig beantwortet werden können. Eine literarische Auseinandersetzung mit der Kunst und ihrer Freiheit in einem gesellschaftskritischen Rahmen.

Randnotiz: Das folgende Zitat ist für mich besonders wichtig. Das hat andere Zusammenhänge als jene, in denen das Zitat im Roman vorkommt (das Recht, nach künstlerischem/finanziellem Erfolg zu streben), ich möchte jedenfalls nicht darauf verzichten.

You’re allowed to want things. You’re allowed to want things that other people don’t think you should want.

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English Krimi Roman

Louise Penny – Glass Houses

CN dieses Buch: Mord, Drogenmissbrauch, Schwangerschaftsabbruch, Holocaust
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He saw the worst of humanity. But he also saw the best. And she was relieved to see that the decency remained. Stronger, even, than the pain. Stronger than ever. 

Weil ich in letzter Zeit nicht so wirklich Lust zum Lesen hatte, habe ich mir schließlich den nächsten Gamache gegönnt. Nach Three Pines verreise ich so gerne, dass mich nichts aufhalten kann.

In diesem Buch geht es sehr um das Thema „Gewissen“ bzw. darum, das Richtige zu tun. Einerseits ist dies ein wichtiges Thema beim aufzuklärenden Mord, andererseits aber auch bei dem in einer späteren Zeitebene stattfindenden Prozess zu ebendiesem Mord, der jedoch mit einem wesentlich größeren Verbrechen in Verbindung steht. Was sind wir bereit, zu tun, um einer größeren Sache zu dienen? Was sind bereit, aufzugeben oder zurückzulassen, wenn davon der Erfolg einer Operation oder die Karriere der Mitstreitenden abhängt? Und zu welchen falschen Handlungen kann uns unser Gewissen treiben, während wir eigentlich denken, das Richtige zu tun?

Chief Superintendent Gamache had just set their ship aflame. There was no going back now.

In diesem Buch habe ich außerdem die Bedeutung der Redewendung „Burn The Ships“ gelernt. Dahinter steht heute metaphorisch das Eliminieren aller anderen Optionen, sodass es nur noch einen einzigen Weg (nach vorn) gibt. Louis Penny führt im Buch diese Aussage auf den spanischen Eroberer Hernán Cortés zurück, der nach der Landung in Mexiko seine Schiffe verbrennen ließ, um sich und seiner Besatzung keinen Rückweg offen zu lassen.

Die Schiffe ließ er zerstören, nachdem Segel, Anker, Kompasse und alle weiteren beweglichen Teile an Land geschafft worden waren. So nahm er sich und seinen Leuten bewusst die Möglichkeit zur Rückkehr. (Wikipedia)

In diesem Medium-Artikel wird die Nutzung dieses Ausspruchs als Motivationsmethode erklärt. Auch interessant. Vielleicht gerade für Menschen wie mich, die gerne alle Optionen durchdenken, bevor sie handeln.

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English Roman

Bernadine Evaristo – Girl, Woman, Other

CN dieses Buch: Drogenmissbrauch, Suizid, Rassismus, Misogynie, Krankheit, Vergewaltigung, Gewalt, Mord, Diskriminierung, Depression
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Yazz knows full well that Amma will always be anything but normal, and as she’s in her fifties, she’s not old yet, although try telling that to a nineteen-year-old; in any case, ageing is nothing to be ashamed of

Seit ich dieses Buch fertig gelesen habe (was schon einige Tage her ist), fühle ich mich nicht in der Lage, einen Text zu verfassen, der dieser Ansammlung von weiblichen Lebenserfahrungen und Lebensentwürfen auch nur ansatzweise gerecht werden könnte. Mir gefällt das Episodenhafte an dieser Erzählform, die jeweils ein Kapitel aus der Perspektive einer Person erzählt. Jeweils drei Kapitel befassen sich mit Personen, die unmittelbar miteinander in Verbindung stehen (zB Frauen in Familienverhältnissen wie Mutter und Tochter wie im obigen Zitat angedeutet wird). Letztendlich führt Ammas Theaterstück als übergeordneter roter Faden dazu, dass die Verbindungen zwischen allen Protagonist:innen mit den unterschiedlichen Lebensverhältnissen deutlich werden. Trotz aller Unterschiede existiert diese Verbindung.

Es wäre unfair, einzelne Geschichten hervorzuheben aus dieser Bandbreite an unterschiedlichen Perspektiven. Es werden Frauenleben in unterschiedlichsten Beziehungsformen beschrieben, der Zeitraum im Blick erstreckt sich über mehrere Generationen. Dadurch kann auch die gesellschaftliche Entwicklung im Verlauf des letzten Jahrhunderts aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden.

Winsome likes the fact that Rachel is curious enough to know who her grandmother was before she was a mother, when she was a person in her own right, as she described it
except she never has been, first she was a daughter, then a wife and mother, and now also a grandmother and great-grandmother.

Die Suche nach der eigenen Geschlechtsidentität wird speziell im Rahmen einer Geschichte thematisiert, die auch die Notwendigkeit der Geschlechtsidentität prinzipiell in Frage stellt. Gerade diese Protagonist:in stattet die Autorin mit einem „gewöhnlichen“ Familienhintergrund aus. Sie beschreibt die schwierige Erfahrung, Fragen zu stellen in einem Forum, in dem schon die Benutzung bestimmter Formulierungen zu einem Ausschluss führen kann („people won’t tolerate ignorance on here“). Sie beschreibt den langen Lernweg, der notwendig ist, um sich von den erlernten Stereotypen und Rollenbildern zu lösen und an einen Ort zu gelangen, wo Menschen einfach Menschen sein dürfen. Und gleichzeitig wird aber auch eine Protagonist:in gezeigt, die aufgrund ihres Alters Schwierigkeiten damit hat, zu verstehen, in welchen Formen sich die Welt verändert hat („you’re expecting too much of me to even begin to understand what you’re going on about“). Gleichzeitig akzeptiert sie jedoch ihr Familienmitglied so, wie es ist. Selbst wenn wir nicht alles verstehen oder nachvollziehen können, können wir Menschen so akzeptieren und sein lassen, wie sie es wollen, ohne sie dafür zu kritisieren.

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English Essays

Rebecca Solnit – A Field Guide to Getting Lost

CN dieses Buch: Drogenmissbrauch, Tod, Verlust, Trauer
CN dieser Post: Hund, Abschied


In Benjamin’s terms, to be lost is to be fully present, and to be fully present is to be capable of being in uncertainty and mystery. And one does not get lost but loses oneself, with the implication that it is a conscious choice, a chosen surrender, a psychic state achievable through geography.

Essays von Rebecca Solnit gehen irgendwie immer tiefer als die anderer Autor:innen. Der Titel dieses Buches wirft alleine schon Fragen auf: Was ist gemeint mit getting lost / verloren gehen / verschwinden / sich verlieren? Warum ist eine Anleitung nötig, um diesen Zustand der Verlorenheit zu erreichen? Warum ist dieser Zustand überhaupt erstrebenswert? Diesen Fragen widmet sich unter anderem der erste Essay, aus dem das obige und untenstehende Zitat stammen. Nach Walter Benjamin ist der Zustand der Verlorenheit auch ein Zustand der vollständigen Präsenz, für den sich der Mensch auch bewusst entscheiden muss. Diese Beschreibung macht deutlich, dass der hier gemeinte Zustand der Verlorenheit keine realen Erfahrungen wie das Sich-Verlaufen in einer unbekannten Gegend meint. Gemeint ist hingegen ein Geisteszustand, der nur durch bewusstes Sich-Verlieren herbeigerufen werden kann. Der Definition dieses Zustands folgt die Frage, wie wir ihn erreichen können, um in diesem Zustand dann die Möglichkeit zu neuen Erkenntnissen zu finden.

The question then is how to get lost. Never to get lost is not to live, not to know how to get lost brings you to destruction, and somewhere in the terra incognita in between lies a life of discovery.

Die weiteren Essays befassen sich mit verschiedenen Themen, die diesem Zustand verwandt sind.

  • Der Verlust der eigenen Identität in anderen Kulturen, worunter Menschen leiden, die einen Wechsel zwischen Kulturen (zumeist unfreiwillig) absolviert haben und wie diese Veränderungen eine Distanz schaffen gleichzeitig zur Herkunftskultur, aber auch zur neuen Lebenswelt.
  • Das Bedürfnis von Nähe und Distanz, das sich bei den meisten Menschen im Verlauf der Lebensspanne verändert (Kinder brauchen viel Nähe, ältere Menschen mehr Distanz).

The blue of distance comes with time, with the discovery of melancholy, of loss, the texture of longing, of the complexity of the terrain we traverse, and with the years of travel.

  • Viele andere Künstler:innen werden zitiert, etwa Yves Klein, der sich in seinem künstlerischen Schaffen so intensiv mit der Farbe Blau befasst hat, dass er schließlich den von ihm erschaffenen Blauton unter dem Namen Namen International Klein Blue (IKB, =PB29, =CI 77007) patentieren ließ. Blau beschreibt Solnit als Farbe, die das Immaterielle und Entfernte symbolisiert und damit immer eine Distanz zwischen Künstler:in und Betrachter:in herstellt.

Andere Essays befassen sich mit dem Gefühl der Freiheit, den weißen, unerforschten Flecken auf Landkarten (terra incognita) oder der Bedeutung von Gebäuden (und wie sie manchmal zu lost places werden). Im Großen und Ganzen will die Autorin jedoch den Leser:innnen Mut machen, sich auch auf unbekanntes Terrain zu begeben, die eigenen Grenzen zu überschreiten und Risiken einzugehen. Weil wir auch verlieren, wenn wir nichts tun.

But fear of making mistakes can itself become a huge mistake, one that prevents you from living, for life is risky and anything less is already loss.


Hund Melly steht im Abendlicht auf einem Feldweg

Wir verabschieden uns von unserem geliebten Flauschmonster Melly. Nach Monaten der Krankheit wurde unsere Prinzessin am 20. September 2022 von ihrem Leiden erlöst. Unsere  wird immer in unseren Herzen bleiben.

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English Roman

Liane Moriarty – The Husband’s Secret

CN dieses Buch: Mord, (Unfall-)Tod eines Kindes, sexuelle Handlungen, Trauer
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Sometimes there was the pure, primal pain of grief; and other times there was anger, the frantic desire to claw and hit and kill; and sometimes, like right now, there was just this ordinary, dull sensation, settling itself softly, suffocatingly over her like a heavy fog.

Bisher hatte ich mit Liane Moriarty (Big Little Lies, Nine Perfect Strangers) eigentlich immer große Freude. Mit diesem Buch war ich allerdings eher unzufrieden. Warum das so ist, kann ich ohne Spoiler nicht erklären, wer das also nicht lesen will, scrollt gerne ein paar Absätze runter bis zum Ausstellungsbericht.

Das titelgebende Geheimnis ist die Frage nach dem Mörder einer jungen Frau. Verdächtig sind gleich mehrere Personen, die Ermittlung wurde längst eingestellt. Die Mutter der ermordeten Janie trauert verständlicherweise nach wie vor um sie, während das Leben an der Schule, an der sie arbeitet, naturgemäß weiter geht. Einzelne Verdachtsmomente lenken in verschiedene Richtungen. Die Enthüllung führt dazu, dass eine grundsolide Vorstadtmutter ihre Vorstellung der eigenen Gutartigkeit hinterfragen muss. Wozu sind wir bereit, wenn es um das Wohl unserer eigenen Familie geht? Was sind die Fragen, die wir uns stellen, wenn unser Leben auf den Kopf gestellt wird und wir nicht mehr ignorieren können, dass wir unwissentlich mit einer Lüge gelebt haben?

Was mich vor allem gestört hat, war die Auflösung. Durch die schwerwiegende Verletzung des eigenen Kindes scheint der Schuldige ausreichend gestraft zu sein, um selbst der Mutter der ermordeten Tochter eine Art Gerechtigkeitsgefühl zu verschaffen. Dieser ganze Zusammenhang fühlt sich für mich wie eine Art schicksalhaftes „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ an. Die Familie des Schuldigen hat bezahlt, womit seine Schuld implizit als gesühnt wahrgenommen wird. Mit dieser Art Auflösung fühle ich mich in keinster Weise wohl.


Eingangsbereich der Ausstellung Serious Fun, Überblick, links ein Holzhaus in Spielplatzgröße, rechts eine weiße Wand in der von hinten beleuchtete Screenshots zu sehen sind

Die Ausstellung Serious Fun. Architektur und Spiele im Architekturzentrum Wien hatte ich mir irgendwann im Frühjahr vorgemerkt und dann ging der Sommer vorbei und auf einmal waren auch hier die letzten Tage angebrochen (die Ausstellung war bis 5. September zu sehen).

Die Ausstellung „Serious Fun“ zeigt und hinterfragt Architekturspiele. Sie lädt zum Staunen, Spielen und Nachdenken ein.

Eingangsbereich der Ausstellung Serious Fun, Detailaufnahme, im Vordergrund ein Brettspiel, bei dem auf quadratischen Karten auf dem Tisch Türme in unterschiedlichen Farben und Größen aufgebaut sind

Die Ausstellung betrachtet das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. Im Eingangsbereich werden die Besucher:innen von einer Sammlung an Brettspielen begrüßt, die sich mit Architektur befassen bzw. deren Spielprinzip in irgendeiner Form auf Architektur beruht. Kunstobjekte stellen die Bedeutung der Architektur von Puppenhäusern infrage oder bauen ein rein akustisches Haus, das die unterschiedlichen Zimmer durch Geräusche definiert.

Andere Architekturspiele sind nicht nur zum Spaß gedacht, sondern dienen auch zur Planung bzw. Simulation von Entwicklungen in der Stadtplanung, zB das Schul-Visionenspiel der Hans Sauer Stiftung. Andere Displays erzählen von Projekten, in denen Architekturspiele wie zB das weltweit sehr erfolgreiche Minecraft benutzt werden, um realen Raum mit den Bewohner:innen umzugestalten.

Blick von oben auf eine horizontale Spielfläche, das 2D Spielbrett stellt eine Landkarte eines Gebiets dar, darauf sind Holzklötze in unterschiedlichen Größen und Farben platziert

Einige Objekte können auch von den Besucher:innen ausprobiert werden. Leider werden die Spiele kaum erklärt. Beim ersten Objekt, das ich ausprobiert habe, bin ich nach wenigen Klicks gescheitert, weil mir das User Interface auf dem Tablet nicht klar wurde. Beim zweiten Objekt (Delft Campus Game, ich finde dazu keinen sinnvollen Link) habe ich mir mehr Zeit genommen, um das Spielprinzip zu verstehen: Als Spieler:in vertrete ich eine Gruppe von Studierenden, die gegenüber anderen Gruppen (Immobilienbesitzer, lokale Unternehmen, etc.) mittels Wertungen von Entscheidungen und Platzierung eigener Assets ihre Meinungen zur Campus-Entwicklung ausdrücken soll. Als ich mir das sorgfältig überlegt hatte, musste ich feststellen, dass ich die auf der Spielfläche platzierten Spielsteine nun auf dem angeschlossenen Tablet nochmal digital eingeben müsste, um eine Auswertung meiner Entscheidungen zu sehen. Die Navigation auf dem Tablet war allerdings so klein und unhandlich, dass mir schnell die Lust darauf verging.

Screenshot aus dem Spiel Nova Alea, auf einer quadratischen 3D-Fläche wachsen Häuser unterschiedlicher Formen und Größen heraus, über einem schwebt ein rosa Würfel, dies ist sozusagen der Mauszeiger, mit dem die Spieler:innen den Spielverlauf beeinflussen

Weiters versuchte ich mich an dem Objekt Nova Alea von Paolo Pedercini. Es soll als Kritik an der Immobilienspekulation, dem Streben nach endlosem Wachstum und der Niederschlagung des Widerstands gegen diese Mechanismen verstanden werden. Als Spieler:in klicke ich auf unterschiedliche Hochhäuser, um sie zu den richtigen Zeitpunkten zu kaufen oder zu verkaufen. Auch nach einigen Minuten waren mir die Spielprinzipien nicht klar und eine Anleitung fehlte vollständig.

zwei Ansichten des Spiels Rezone, links das Spiel mit den Anleitungskarten im Vordergrund, dahinter der Monitor, der die Spielfläche digital abbildet, rechts eine Frontalansicht des Spiels mit dem Abschlussbildschirm, auf dem 3 von 6 Projekten als FAILED und weitere 3 als REZONED markiert sind

Richtig viel Zeit verbrachte ich dann mit dem Spiel Rezone. Ziel ist es, Ressourcen in Form von Blöcken in verschiedenen Stadtteilen zu verteilen, und zwar so, dass alle Stadtteile ausreichend Ressourcen erhalten, um zu florieren. Beim zweiten Versuch hatte ich immerhin kapiert, wie das Spiel funktioniert, aber auch beim dritten gelang es mir leider nicht, mehr als drei Zonen am Leben zu erhalten. Von allen Spielen, die es zum Ausprobieren gab, war dieses in meinen Augen am besten zugänglich. Meine Begleitung stellte aber auch fest, dass das Auflegen der Spieleanleitung auf die Spielanleitung die Interpretation des Kamerabildes beeinflussen kann. Außerdem war die reale Spielfläche um 90 Grad versetzt zum Bild auf dem Monitor angeordnet, was auch zusätzliche Konzentration verlangte.

Überblick über den Ausstellungsraum Serious Fun, oben mittig eine Leinwand, auf der ein brennendes Haus zu sehen ist, rechts im Vordergrund ein deutlich gealtertes Puppenhaus, dahinter sind weitere Ausstellungsstücke zu erahnenAlles in allem war die Ausstellung schon sehr interessant, obwohl ich es wirklich schade fand, dass die interaktiven Objekte nicht besser erklärt und zugänglich gemacht wurden. Mit etwas mehr Fokus auf die Nutzbarkeit der interaktiven Teile könnten hier deutlich mehr Menschen erreicht werden. Für mich war das der erste Besuch im Architekturmuseum, daher kann ich schlecht beurteilen, ob die Ausstellung vielleicht für Menschen, die mehr Architekturbackground haben, andere Aspekte bereit hält. Wenn die Ausstellung allerdings an die Gesamtbevölkerung gerichtet ist, dann wäre deutlich mehr Erklärungsaufwand sinnvoll gewesen.

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English Essays

Ann Patchett – These Precious Days

CN dieses Buch: Krankheit, Tod, Sterben, Trauer, Krebs, Drogen (Pilze)
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Vorab-Notiz: Da mir die Ausstellungsberichte von Jana in ihrem Zuckerbäckerei-Blog immer so gut gefallen, schließe ich am Ende dieses Posts einen Bericht über meinen Besuch im Technischen Museum Wien an.


Without ever meaning to, my father taught me at a very early age to give up on the idea of approval. I wish I could bottle that freedom now and give it to every young writer I meet, with an extra bottle for the women. I would give them the ability both to love and not to care.

In dieser Essay-Sammlung setzt sich die Autorin Ann Patchett mit unterschiedlichen menschlichen Themen auseinander. Im ersten Essay beschreibt sie das Verhältnis zu ihren drei „Vätern“, gemeint sind damit die drei Partner ihrer Mutter in serieller Monogamie. Im obigen Zitat ist ihr biologischer Vater gemeint, der ihr in jungen Jahren eine wichtige Freiheit vermittelt hat, um die ich sie nur beneiden kann. Andere Texte befassen sich mit der Vergänglichkeit alles Lebenden, dem Hineinwachsen in das eigene Leben und dem Geben und Nehmen zwischen Personen (und wie Nehmen und Geben nicht immer proportional zueinander sind, sondern oft geben sich Personen gegenseitig etwas, obwohl beide glauben, nur zu nehmen).

People want you to want what they want. If you want the same things they want, then their want is validated. If you don’t want the same things, your lack of wanting can, to certain people, come across as judgement. […] Does my choice not to have children mean I judge your choices, your children? That I think my life is in some way superior? It does not.

Besonders berührt hat mich der mehrteilige Essay, in dem sie ihre Erfahrungen als kinderlose Frau beschreibt. Die neugierigen Fragen, wann es denn für sie so weit sein soll. Die wohl gemeinten Ratschläge, dass sie es wohl später bereuen würde, keine Kinder bekommen zu haben. Die Annahmen, ein Buchprojekt, ein Hund, ein Unternehmen wären ein Ersatz für ein Kind; ein bemitleidenswerter Versuch, eine Leerstelle zu füllen, die jede Person, die mit einem Uterus geboren wurde, irgendwo in sich haben muss. Und sie hat auch noch eine Erklärung für dieses „Unverständnis“ gefunden, das im obigen Zitat angerissen wird. Menschen fühlen sich wohler, wenn wir ihre Wünsche, Hoffnungen und Ziele mit ihnen teilen. Wenn wir diese nicht teilen, kann das als Urteil missverstanden werden, als Abwertung ihrer eigenen Wünsche. So oft ist mir das begegnet, wenn es darum geht, was Menschen essen wollen. So oft habe ich erlebt, dass sich omnivor ernährende Menschen sich allein durch die Anwesenheit einer vegan lebenden Person kritisiert fühlen. Es könnte alles so einfach sein, wenn wir einfach hinnehmen könnten, dass es sich eben nicht um eine Abwertung der eigenen Lebensentscheidungen handelt, sondern einfach nur darum, etwas anderes zu wollen.


Hauptgebäude des Technischen Museums Wien mit großem Schriftzug und Säulen vor leicht bewölktem Himmel

Leider ist die Ausstellung Foodprints im Technischen Museum Wien nun schon vorbei. Ich habe es gerade in der letzten Woche noch hin geschafft. Die Ausstellung macht es sich zum Ziel, unserem Essen auf die Spur zu kommen: Wo kommt es her, wo geht es hin, wer ist in der Herstellung beteiligt, wie wird es verpackt? Sechs verschiedene Stationen, die in unterschiedlichen Farben in Gitterboxelementen zusammengefasst sind, beleuchten dabei unterschiedliche Aspekte der Nahrungsmittelproduktion.

Eingangsbereich zur Ausstellung Foodprints, Schritzug Foodprints in Leuchtbuchstaben über einem aus Gitterboxen zusammengestellten Tor, das mit Detailaufnahmen von Nahrungsmitteln dekoriert ist

Essen ist Kultur und Technik, menschliches Grundbedürfnis und Lebensstil, Ausdruck von Überfluss und Lebensfreude, Ressource und Ressourcenverbrauch. Wie heute gegessen wird, beeinflusst die Welt von morgen.

Blick in den Ausstellungsraum, im Vordergrund blau gefärbte Station aus Gitterboxen, die sich mit der Haltbarkeit von Lebensmitteln beschäftigt

mehrere Kühlschränke aus verschiedenen Epochen, innerhalb der Kühlschränke sind andere Methoden der Kühlung von Lebensmitteln ausgestellt

Bei jeder Station können die Besucher:innen eine beim Eingang erhältliche Karte in einen von drei Einkaufskörben legen, um am Ende der Ausstellung eine Auswertung über die von ihnen getroffenen Einkaufsentscheidungen zu bekommen. Diese wird auf einem Kassenzettel ausgedruckt und soll bewusst machen, wie unsere Einkaufsentscheidungen sich auf die Produktion von Nahrungsmitteln und alles, was damit zusammenhängt, auswirken.

ein Bildschirm, auf dem drei Sorten von Paradeisern/Tomaten abgebildet sind, darunter drei Einkaufskörbe, in denen Besucher:innen ihre Karten ablegen können, um eine Einkaufsentscheidung zu treffen

Interessant fand ich auch eine Schautafel, die erklärt, warum Kinder oft für sie neues Essen ablehnen.

Die Zunge von Kleinkindern ist doppelt so empfindlich wie die von Erwachsenen, vor allem gegenüber Bitterem und Saurem. Bitter und sauer können nämlich auf Giftiges, Verdorbenes oder Unreifes hindeuten.

Unbekannter Geschmack wird daher aus Sicherheitsgründen erstmal abgelehnt. Erst nach etwa acht bis zehn Wiederholungen wird ein neues Nahrungsmittel als bekömmlich anerkannt.

Im Geschmackslabor konnten unter anderem verschiedene Sorten von Raucharoma olfaktorisch miteinander verglichen werden.

Nach der Foodprints-Ausstellung schaute ich mir auch noch den Maker Space im Museum an, in dem Kinder und Jugendliche sich an 3D-Druckern, Laser Cuttern, Stickmaschinen und anderen Bastelobjekten ausprobieren können.

Visualisierung neuronaler Netze, links werden aus einem Panel mit 20 Leuchtelementen Kabel zusammengefasst, die rechts zu einer Codierung kombiniert werden, die außerhalb des Bildes zu einem Ergebnis führt

Die Ausstellung über Künstliche Intelligenz ist noch bis Oktober 2022 zu sehen. Architektonisch ist die Ausstellung in einem Turm über mehrere Etagen innerhalb eines hohen Saals des Museums eingebettet. Die Ausstellung hinterfragt generell, was künstliche Intelligenz eigentlich ist und was sie kann. Neben einer Visualisierung von neuronalen Netzen und einem Einblick in die Entwicklung der technologischen Grundlagen für künstliche Intelligenz werden auch Roboter in unterschiedlichen Entwicklungsstadien gezeigt. Besucher:innen können auch selbst ausprobieren und beobachten, wie eine künstliche Intelligenz die Erkennung von unterschiedlichen Tierbildern lernt. Hinterfragt wird außerdem, ob von künstlicher Intelligenz erschaffene Kunstwerke – wie zum Beispiel von einem Computer komponierte Musikstücke – überhaupt einen künstlerischen Wert haben. Umgekehrt kann hinterfragt werden, ob es überhaupt noch Menschen braucht, um Kunst zu erschaffen.

Als Einstieg in dieses Thema erfüllt die Ausstellung ihren Zweck, geht jedoch nicht weiter in die Tiefe.

Die Dauerausstellung Medien.Welten im Obergeschoss sowie die Sammlung über Musikinstrumente habe ich dann nur noch kurz besucht. Buchdruck, Telefon, Rohrpost, verschiedene andere Kommunikationsmethoden werden hier in ihrer Entwicklung nachgezeichnet. Die Klaviere und Orgelinstrumente befinden sich in einem sehr stillen, klimatisierten Saal, dessen Akustik sich wie ein Sarg anfühlt. Außerdem konnte ich in der Musiksammlung auch auf einem Theremin spielen.

Wer das komplette Programm des Technischen Museums sehen will, muss sich dafür mehrere Tage Zeit nehmen, eine Jahreskarte kann sich dafür durchaus auszahlen. Ich war nach zwei Stunden nur mehr bedingt und nach drei Stunden gar nicht mehr aufnahmefähig und es hätte noch viel mehr zu sehen gegeben.

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English Erfahrungsbericht Essays

Jeanette Winterson – Art Objects. Essays on Ecstasy and Effrontery

CN dieses Buch: Erwähnung von suizidalen Gedanken und Suizid, Andeutung von sexuellen Handlungen
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Dieses Buch habe ich bei Shakespeare and Sons in Berlin gefunden. Die Kombination der Autorinnenschaft von Jeanette Winterson (ich habe von ihr bereits Why Be Happy When You Could Be Normal? und Frankisstein gelesen) und des Buchtitels hat mich sofort zugreifen lassen. Später musste ich feststellen, dass mich das Lesen dieser Texte ganz schön herausforderte. Insgesamt drei Anläufe hat es gebraucht, bis ich einmal bis zum Ende gekommen bin und einen weiteren Durchgang bis ich auch tatsächlich in der Lage war, etwas darüber zu schreiben.

Im ersten Text leitet sie her, wie sie begonnen hat, sich mit visueller Kunst zu beschäftigen. Als Autorin waren ihr Worte, Sätze und Geschichten nicht fremd, mit Bildern jedoch wusste sie nichts anzufangen. Dieses Fehlen der Auseinandersetzung mit visueller Kunst bildet den Ausgangspunkt für ein Hinterfragen der Kunst an sich, der Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Arten von Kunst, dem Unterschied zwischen Kunst und Medien, den Voraussetzungen für das Entstehen von Kunst und vielen anderen Fragen rund um dieses Thema …

Struggling against the limitations we place upon our minds is our own imaginative capacity, a recognition of an inner life often at odds with the external figurings we spend so much energy supporting. When we let ourselves respond to poetry, to music, to pictures, we are clearing a space where new stories can root, in effect we are clearing a space for new stories about ourselves.

Ein Kapitel beschäftigt sich mit dem, was in entsprechenden Kreisen als literarischer Kanon (Kanon der Literatur auf Wikipedia) bezeichnet wird: Werke und Autor:innen, die scheinbar außerhalb jeden Zweifels stehen, deren künstlerischer Wert unbestritten ist; ein edler Kreis, in den nur die scheinbar Besten aufgenommen werden. Selbstverständlich war dies lange ein Kreis, der ausschließlich männlichen Personen vorbehalten war. Virginia Woolf argumentierte dahingehend, dass Frauen ihre Kreativität mehr ausleben könnten, wenn sie zumindest einen Teil der Privilegien genießen würden, die in dieser Epoche männlichen Personen vorbehalten waren:

Hox is a racing word: it means to hamstring a horse not so brutally that she can’t walk but cleverly so that she can’t run. Society hoxes women and pretends that God, Nature or the genepool designed them lame.

Ein Text befasst sich mit Büchern als Sammlerstücke. Signierte Erstausgaben nehmen hier einen besonderen Stellenwert ein, den ich nicht ganz nachvollziehen kann. Die Argumentation, ein antikes Buch kaufen zu wollen, damit es nicht im Glaskasten einer Ausstellung landet, ist mir ebenfalls unverständlich. Mir haben die Glaskästen voller Bücher im abgedunkelten und temperierten Untergeschoss der British Library sehr gefallen.

Blick in den Ausstellungsraum der Sir John Ritblat Gallery, gedämpftes Licht, schwarze Kästen, die mir Glas verkleidet sind, in diesen befinden sich wertvolle alte Bücher
Blick in den Ausstellungsraum der Sir John Ritblat Gallery in der British Library in London

Never lie. Never say that something has moved you if you are still in the same place. You can pick up a book but a book can throw you across the room. A book can move you from a comfortable armchair to a rocky place where the sea is. A book can separate you from your husband, your wife, your children, all that you are. It can heal you out of a lifetime of pain. Books are kinetic, and like all huge forces, need to be handled with care.

Als sich als lesbisch identifizierende Autorin kritisiert Jeanette Winterson auch die Tatsache, dass sexuelle Orientierungen in Bewertungen von künstlerischen Werken herangezogen werden. Sinngemäß schreibt sie: warum werde ich als lesbische Autorin wahr genommen? Warum nicht als Lesbe, die schreibt? Sie kritisiert dabei die Wertigkeit, die dem (zugewiesenen) Geschlecht und der sexuellen Orientierung beigemessen wird. Denn eigentlich sollte die Kunst unabhängig von diesen Attributen gesehen und bewertet werden.

Die wichtigste Aussage für mich in diesem Buch ist folgender Komplex:

Art is the realisation of complex emotion. […] Complex emotion often follows some major event in our lives; sex, falling in love, birth, death, are the commonest and in each of these potencies are strong taboos. The striking loneliness of the individual when confronted with these large happenings that we all share, is a loneliness of displacement. […] Art offers the challenge we desire but also the shape we need when our own world seems most shapeless. The formal beauty of art is threat and relief to the formless neutrality of unrealised life.

Für mich ergibt sich daraus einerseits, dass künstlerische Werke oft aus lebensverändernden Zuständen entstehen. Gleichzeitig kann uns die Rezeption von künstlerischen Werken aber auch helfen, diese lebensverändernden Zustände anzunehmen. Kunst kann uns herausfordern, kann uns Erfahrungen aufzeigen, die wir selbst nicht gemacht haben oder nicht machen können. Sie kann unsere Perspektiven erweitern und uns aber auch Trost spenden in den Momenten, in denen wir uns zutiefst allein fühlen. Sie kann uns zeigen, dass andere Menschen Ähnliches erlebt oder gefühlt haben; sie kann uns aber auch Einblicke ermöglichen in Lebensbereiche, die uns aus dem einen oder anderen Grund immer verschlossen bleiben werden.