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English Roman

Andrew Martin – Down Time

CN: Alkohol- und Drogenmissbrauch, Abhängigkeit, sexuelle Handlungen, Covid19-Pandemie, Depression, BDSM


Eine Notiz aus Lithub, die in einer meiner Literatur-Inboxes gelandet ist. Aus Gründen, die sogar mich später nicht mehr interessieren werden, habe ich mir dieses Buch auf Apple Books gekauft und zügig durchgelesen.

Es ist das, als was es in dem Artikel beschrieben wird und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – hat es mich nicht gepackt. Die Kapitel werden abwechselnd aus der Sicht der fünf Protagonist:innen erzählt, die miteinander in loser Verbindung stehen. Allesamt sind sie in ihren Dreißigern und schon vor der Covid19-Pandemie mehr oder weniger in einem Stillstand der Mittelmäßigkeit gefangen. Als Gemeinsamkeit ist mir aufgefallen, dass in allen Beziehungen eine exzentrische Person auftaucht, die den Alltag aufrüttelt, die abweichende Wege geht und bei den Protagonist:innen ein Hinterfragen ihres Selbst, ihrer sexuellen Identität und ihrer Lebensentscheidungen auslöst.

Da ist die selbstbezogene Tonkünstlerin, in die sich die strikt vernunftorientierte Antonia Hals über Kopf verliebt. Da ist der drogenabhängige Hedonist, mit dem Aaron seine unterdrückte Homosexualität auslebt und erst daran erkennt, das seine langjährige Beziehung mit Cassie mehr durch Ko-Abhängigkeit definiert wird als durch Liebe. Da ist die exzentrische Performance-Künstlerin, die ihre Sexualität auch als Werkzeug ihrer Kunst benutzt und dem strauchelnden Schriftsteller Malcolm vor Augen führt, dass er im Leben nichts riskiert hat.

Everything I did, artistically and romantically and otherwise, was oriented around simply not losing what I already had.

Die Disruption von Pandemie und Lockdown und die Folgen der komplexen Beziehungen, die mit den oben beschriebenen Charakteren entstehen, gehen in unterschiedlichste Richtungen. Sind unsere Protagonist:innen am Ende besser dran als vorher? Das lässt sich schwer sagen (ausgenommen Aaron, der zumindest aktuell seine Substanzabhängigkeit überwunden hat). Diese Unklarheit, diese Ziellosigkeit ist es vermutlich auch, die mich mit einem unbequemen Gefühl zurücklässt. Es ist mir zu nah an der Wirklichkeit, zu nah an der lähmenden Realität der Covid19-Pandemie, die noch nicht so lange zurückliegt, wie es in den Medien oft dargestellt wird, zu nah an den Folgen, die manche Menschen dauerhaft aus dem Leben gerissen haben (durch Tod oder Long Covid). Zu nah dran, als dass ich jetzt noch weiter darüber nachdenken wollen würde.

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English Roman

Matt Haig – The Midnight Library

CN: Suizid, Tod von Familienangehörigen, Tod eines Haustiers, Alkohol- und Drogenmissbrauch


Die Protagonistin Nora ist an einem Tiefpunkt angelangt. Alles in ihrem Leben, das nicht schon vorher schlecht war, scheint gerade kaputt zu gehen. Ihr Leben fühlt sich so sinnlos an, dass sie es selbst beenden will. Anstatt im erhofften Nichts anzukommen, findet sie sich in einer Bibliothek wieder, in der ihre frühere Vertrauensperson Mrs. Elm ihr verschiedene andere Lebensentwürfe anbietet. Nora bekommt die Chance, ihre regrets auszubügeln und auszuprobieren, wo andere Lebensentscheidungen sie hingeführt hätten. Wäre sie als Olympionikin, als Rockstar, als Gletscherforscherin glücklich geworden? Die Antworten sind natürlich kompliziert und führen Nora am Ende zu einer unerwarteten Erkenntnis.

Trotz des traurigen Themas und der vielen schmerzhaften Erfahrungen, die Nora macht, ist das überspannende Thema dieses Buchs die Hoffnung. Mittels Metaphern wie Schach (das Spiel ist nicht vorbei, so lange noch Figuren auf dem Brett stehen, auch ein Bauer kann zu einer Königin werden) und der beispielhaften Illustration, dass wir manche Entwicklungen in unserem Leben einfach nicht beeinflussen können, wird verdeutlicht, dass es das perfekte Leben nicht gibt. Wir sind selbst dafür verantwortlich, das Beste aus unserem Leben zu machen. Auch wenn das manchmal fürchterlich schwer ist.

It was as though she had reached some state of acceptance about life – that if there was a bad experience, there wouldn’t only be bad experiences. She realised that she hadn’t tried to end her life because she was miserable, but because she had managed to convince herself that there was no way out of her misery.

PS: Kriegt Hugo noch sein eigenes Buch?

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English Roman

Vincenzo Latronico – Perfection

CN: sexuelle Handlungen


Aus einem Lithub-Artikel (den ich nicht abgespeichert habe und jetzt nicht mehr finde) über kurze novels habe ich dieses Buch ausgewählt, weil es in der Overdrive eLibrary verfügbar war. Warum nicht mal eine kurze Ablenkung zwischendurch? Wie es diese „Geschichte“ jedoch auf diese Empfehlungsliste geschafft hat, ist mir weitgehend unklar.

In einem langen ersten Kapitel wird eine Wohnung in ausführlichstem Detail beschrieben. Es fühlte sich an, als würde ich den sehr ausführlichen Alternativtext eines IKEA-Katalogs lesen. Da es aber ohnehin ein kurzes Buch sein sollte, blieb ich dran, bis sich endlich Protagonist:innen zeigten.

Anna and Tom lived in a bubble, one even more insular and limited than those just starting to appear on social media. 

Anna und Tom sind aus einem nicht näher beschriebenen südlichen Land nach Berlin gezogen, um dort ihren kreativen Tätigkeiten nachzugehen. Hier können sie sich endlich entfalten und sogar neu erfinden. Sie teilen ein Büro, in dem sie lange Arbeitstage verbringen. An den Wochenenden ziehen sie mit anderen Expats von Parties zu Galerien zu Clubbings, bis schließlich der Montag die nächste Arbeitswoche einläutet.

And yet, for whatever reason, they never seemed to find what they were looking for. 

Mit (viel zu) vielen Worten wird beschrieben, was wir als Instagram-Illusion kennen: Die Fotos anderer Menschen sind so perfekt, dass sie uns an unserem eigenen langweiligen Leben zweifeln lassen. Das Gras ist woanders immer grüner, die Speisen auf besonderen Keramiktellern sind perfekt ausgeleuchtet, die Sonnenuntergänge endlos, die Träume werden wahr. Mit dem kleinen Problem, dass ein auf einem Foto festgehaltener Moment der Perfektion nie das wahre Leben widerspiegeln kann.

Achtung, es folgt ein schamloser Spoiler.


Der Witz an der ganzen Sache ist, dass Anna und Tom am Ende ihre Erfüllung darin finden, diese Art von Illusion für andere zu erschaffen. Anstatt die Perfektion für sich selbst woanders zu suchen, basteln sie an einem Stück Perfektion für andere. Vermutlich ist es dieser Zirkelschluss, der genial genug erscheinen mag, um die Langeweile dieses Buchs wegzuwischen. Für mich war das aber nicht genug.

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English Fantasy Roman

Alix E. Harrow – The Everlasting

CN: Gewalt, Tod, Krieg, Verstümmelung, Verlust der Eltern, Verlust der Partnerperson, Politik


Als ich dieses Buch endlich zur Hand nahm, wusste ich bereits, dass es den Hugo Award 2026 für Best Novel gewonnen hatte. Was mich allerdings mehr abgelenkt hat, war der Gedanke, wie wohl meine Mitlesenden im Hugo-Award-Buchclub darüber denken würden.

Zeitreise-Geschichten finde ich im Allgemeinen einerseits verwirrend und andererseits scheinen mir irgendwo immer die Vorgaben zu brechen. Ein (zufällig gewähltes) Beispiel dafür: Du kannst nicht in einen Teil deiner vergangenen Lebenszeit (zB deine eigene Kindheit) zurückreisen. Oft kommt es mir dann so vor, als wären diese Regeln absichtlich so kompliziert gestaltet, dass selbst bei einem Bruch immer irgendwo ein Schlupfloch ist. Wodurch die Leser:in so verwirrt wird, dass es sich gar nicht mehr lohnt, den Prämissen überhaupt zu folgen. Um diesen winzigen Aspekt vorwegzunehmen: Bei diesem Buch konnte ich bei aufmerksamem Lesen binnen weniger Tage keinen offensichtlichen Bruch entdecken.

Once there was a woman who wanted more than she was given. She wanted it so badly that she shattered time itself beneath her heel and pieced it back together in the way that suited her best. History no longer simply happened, like an accident; it was told, like a story. And the queen told it many times. 

Zu Beginn hatte ich Schwierigkeiten, in die Geschichte hineinzukommen. Der Beginn des ersten Kapitels aus Owen Mallorys Perspektive beginnt mit der Zeitangabe „several years after the war“, wodurch zumindest ich dazu verleitet wurde, eine Verortung in unserer realen Geschichtsebene zu versuchen. Ein vergeblicher und unnötiger Versuch, denn das Buch spielt in dem fiktiven Staat Dominion, der Ähnlichkeiten zu Großbritannien aufweist, aber seine eigene Welt darstellt. In dieser Welt lernen wir Owen als neurotischen, psychisch instabilen Kriegsveteranen und Wissenschaftler kennen, der sich an ein angeblich nicht existierendes Buch klammert. Bis ihm ein Brieföffner in die Hand gerammt wird und er sich an einem anderen Ort und einer anderen Zeit wiederfindet.

Es ist schwierig, über den Zeitreise-Aspekt dieser Geschichte zu schreiben, ohne zu viel zu verraten. Die Zeitreise stellt die Basis für den romantischen und den politischen Teil. Hier stellte ich außerdem Parallelen zu unserem anderen Hugo-Award-Favoriten Death of the Author fest: Hier wie dort wird explizit auf die Bedeutung von Geschichten verwiesen. Die Geschichten, die Menschen sich über ihre Gesellschaft und ihre Vergangenheit erzählen, liefern die Form, in die wir unsere Persönlichkeiten und Erfahrungen einordnen (how we make sense of the world). Das Ziel der Antagonistin in diesem Buch ist es, die Geschichte so lange (und so oft) zu manipulieren, bis sie zu dem gewünschten Ergebnis gelangt.

It is not a lesson, until we learn it. It is not a story, until we tell it. And every story serves someone.

Als große Stärke des Buchs empfand ich die differenzierten Charaktere. Neben den Hauptfiguren Una, Owen und Vivian (lt. meiner Mitlesenden die perfekte super-villain) haben auch die Nebenfiguren Hintergründe, Wünsche und Fehler. Owens Beziehung zu seinem Vater, die in einer späteren Zeitebene eine überraschende Tiefe erhält. Owens Kollegen: Harrison, selbst ein Opfer von Vivians Machtstreben, und Gilda Sawbridge, die trotz ihrer sehr unterschiedlichen Schicksale immer an die Wahrheit der Wissenschaft glaubt. Sogar der letzte lebende Drache, den Una auf Befehl der Königin erlegen soll, hat so viel Persönlichkeit, dass ich mich selbst beim hörbaren Seufzen vor lauter Mitleid für das Tier erwischte.

In der Verbindung von Romantasy und Zeitreise versteckt Alix E. Harrow Anmerkungen über Gender oder Rassismus. An einer Stelle lässt sie Una darüber sinnieren, ob sie lieber als Mann wahrgenommen werden will (der sie nicht ist) oder lieber daran scheitern will, das Weibliche zu repräsentieren, das sie ist. Rassismus gegenüber den Feinden des Königreichs Dominion erfährt Owen, der zwar in Dominion geboren ist, aber aufgrund seines Aussehens als Ausländer wahrgenommen wird. Ich sehe hier keinen mahnenden Zeigefinger, ich sehe Ergänzungen zu den Geschichten, die nicht nur unsere Vergangenheit, sondern auch unsere Gegenwart und Zukunft formen.

Wenn ihr mit (heterosexueller) Romantasy gar nichts anfangen könnt, dann wird euch dieses Buch vermutlich keine Freude bereiten. Der Romantik-Aspekt ist trotz des ganzen Blut-Vergießens wesentlicher Bestandteil der Geschichte. In dieser Romantasy steckt aber auch eine Parabel auf die Frage nach der Wahrheit und woran wir diese überhaupt erkennen können, wenn wir nicht wissen, wer von den Geschichten, die uns erzählt werden, gerade profitiert.

It is not a lesson, until we learn it. It is not a story, until we tell it. And every story serves someone.

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English Roman

Nnedi Okorafor – Death of the Author

CN: Drogenkonsum, Sexismus, Ableismus, Unfall, Panikattacken, Tod eines nahen Angehörigen


Schreiben ist gerade wieder schwierig, daher ist schon einige Zeit vergangen, seit ich dieses Buch als Teil unseres Hugo-Awards-Nominees-Buchclubs gelesen habe. Es hat mich jedenfalls in seiner Vielschichtigkeit begeistert.

Die Protagonistin Zelu ist eine selbstbestimmte Frau, die nicht nach den Regeln der Gesellschaft oder ihrer Familie spielen will. Im Alter von zwölf Jahren ist sie aus einem Baum gestürzt und kann sich seitdem nur noch im Rollstuhl fortbewegen. Als schwarze, behinderte Frau erlebt sie immer wieder sexistische und ableistische Beleidigungen. Doch sie weigert sich aktiv, die Rolle anzunehmen, die ihr von Familie und Gesellschaft zugeteilt wird. Sie nutzt autonome Taxis, um sich fortzubewegen und nimmt später die Möglichkeit an, durch ein modernes Exoskelett-Projekt wieder gehen zu können.

But I’d heard Zelu loud and clear. She blamed herself and her arrogance for all that had happened, no matter what anyone said or what her logical brain knew. She couldn’t help it. It was how she’d been able to accept what she was. She had to own it. But the problem is, blame comes with guilt, and guilt is heavy, and that pressure just keeps building. 

Ihre aus Nigeria stammende Familie steht in ständigem Konflikt mit Zelu. Lange war mir nicht klar, warum ihre Familie sich so sehr dagegen wehrt, dass Zelu selbständig leben möchte. Erst gegen Ende hin habe ich verstanden, dass Zelus Familie ihr die Schuld für ihre Behinderung gibt. Mit ihrem Fall aus dem Baum hat sie sich selbst zur Belastung für ihre Familie gemacht. Jede neue Aufregung, die Zelu nun in die Familie trägt, wird als weitere Zumutung empfunden.

Stories were the greatest currency to us, greater than power, greater than control. Stories were our food, nourishment, enrichment. To consume a story was to add to our code, deepen our minds. We felt it the moment, we took it in. We were changed. It was like falling. It was how we evolved. 

Zelu erlangt durch einen Roman über Roboter Berühmtheit. Die Kapitel dieses Romans sind immer wieder zwischen den Kapiteln über Zelu eingestreut. In ihrem Buch geht es um Roboter, die eine von Menschen entvölkerte Erde bewohnen. Manche dieser Roboter sind auf der Suche nach Geschichten, andere verlangt es nach Macht (was die Roboter auf eine zutiefst irritierende Weise menschlich wirken lässt). Eine aus der Not entstandene Freundschaft zwischen dem humanoiden Roboter Ankara und dem körperlosen Robotergeist Iyele zeigt auf, dass die verfeindeten Roboterspezies eigentlich gar nicht so unterschiedlich sind, wie es auf den ersten Blick wirkt.

Es gäbe noch so viel mehr über dieses Buch zu schreiben. Für den Moment muss es reichen, dass ich mit diesem Blog Post einen Bann durchbrochen habe. Hoffentlich bringen die nächsten Tage weitere Fortschritte.

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English Fantasy Roman

Shannon Chakraborty – The Adventures of Amina al-Sirafi

CN: Mord, Gewalt, Tod, Body Horror, Alkoholkonsum


Demnächst starten wir wieder mit unserem Hugo Award Nominees Buchclub, unser erstes Buch wird Death of the Author von Nnedi Okorafor sein. Davor hab ich mir vom Radfahrer noch ein Buch für meine Ortsabwesenheit1 ausgeliehen, dieses war 2024 für den Hugo Award nominiert. Und wieder geht es mir so, dass ich jetzt fühle, ich muss das Gewinner-Buch 2025 (Emily Tesh: Some Desperate Glory) lesen, weil ich mir kaum vorstellen kann, dass es besser sein könnte als dieses.

Protagonistin ist die titelgebende Amina al-Sirafi. Zu Beginn des Buchs ist sie eine Piratin, die ihr Handwerk nieder gelegt hat (retired) und sich nun mit einfachen Aufträgen durchschlägt, um ihre Familie zu unterstützen. Doch das alles ändert sich, als eine betuchte Großmutter sie aufsucht und erpresst: Amina soll ihre Enkelin suchen, die mutmaßlich von einem Franken2 entführt wurde. Tut sie es nicht, will die Lady Aminas Identität enthüllen und ihr alle Feinde ihrer Vergangenheit auf den Hals hetzen. Amina hat keine Wahl, wenn sie ihre Mutter und Tochter nicht diesem Schicksal aussetzen will.

Men and women who were more offended at the audacity of a poor local demanding a cut of the riches they built on our sea than by the possibility of losing their lives. How dare we? Did we not know that our place was to shut up and stay silent?

Zwischen Schiffen, Kämpfen und Magie flicht die Autorin immer wieder moralische Fragen und Dilemmata ein. Amina will keine Verbrechen mehr begehen, ihr eigenes Kind (und ihre Crew) zu beschützen, geht ihr jedoch über alles. Gerade im Konflikt zwischen Amina und der reichen Lady zeigt sich euch deutlich der Klassenunterschied, der im zeitlich undatierten Indischen Ozean die Gesellschaft prägt. Übermäßig Reiche haben Privilegien, während die Armen ums nackte Überleben kämpfen. Moralische Entscheidungen sind jedoch von der reichen herrschenden Klasse nicht zu erwarten. Während für Amina Loyalität und Verbundenheit zählt, will die reiche Lady nur ihren Willen durchsetzen. Die vermisste Enkeltochter soll nämlich mit einem einflussreichen Mann verheiratet werden, um das Renommee der Familie zu sichern.

Amina selbst ist gläubige Muslimin, die jedoch auch mal die Regeln bricht. In ihrer Crew arbeiten jedoch Muslime, Christen und Juden Hand in Hand zusammen, Religion ist kein trennendes Element. An einer Stelle, die ich nicht mehr finde, erklärt Amina, dass Gott die Menschen nicht so verschieden erschaffen hätte, wenn es nicht von ihm gewollt wäre. Eine so einfache Erklärung, die zur Akzeptanz alles von Gott Geschaffenen führen könnte, wenn die Menschen es nur annehmen würden.

Ein wesentliches Element ist auch Aminas Konflikt zwischen ihrer Mutterschaft und ihren anderen Ambitionen. Im Gespräch mit Raksh – einem undefinierten magischen Wesen, das Aminas tot geglaubter Ehemann und Vater ihrer Tochter ist – enthüllt Amina, dass sie nie eine Piratin sein wollte, sie wollte Abenteurerin, Entdeckerin, Forscher*in sein (explorer). Doch wie kann sie sich an der Freiheit an Bord ihres geliebten Schiffes erfreuen, wenn sie doch von ihrer Tochter getrennt ist?

Wollte ich kritisieren, könnte ich anmerken, dass es etwas übertrieben wirkt, wie oft Amina dem sicheren Tod doch noch entrinnen kann. Am Ende wird mir auch die Magie etwas zu intensiv zur Auflösung der Geschichte eingesetzt. Nichtsdestotrotz habe ich mich ausgezeichnet unterhalten und freue mich auf die Fortsetzung, die für Oktober 2026 angekündigt ist.

  1. Da ich normal arbeite, ist es kein Urlaub, ich bin einfach nur woanders. ↩︎
  2. Mir ist nach wie vor unklar, welches Volk hier mit „Franks“ gemeint sein könnte und das darf auch so bleiben. ↩︎
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English Fantasy Roman

Robert Jackson Bennett – The Tainted Cup

CN: Body Horror, Mord, Krankheit, Tod, Gewalt, Korruption


In unserem Mini-Buchclub hatten wir andere für den Hugo Award nominierte Bücher bevorzugt, gewonnen hat letztes Jahr schließlich dieses Werk. Nach einer kleinen Fantasy-Auszeit haben wir uns jetzt entschlossen, doch noch wissen zu wollen, wie uns dieses Werk gefällt. Vorab gesagt: Ich finde es sehr gut geschrieben, mein Favorit bleibt jedoch John Wiswell – Someone You Can Build a Nest in.

Die Welt dieses Buchs bietet einige interessante Facetten. Das Königreich wird von Titanen bedroht, die sich aus dem Meer heranschleichen und die gigantischen Mauern zu zerstören suchen, die sie vom Eindringen ins Landesinnere abhalten sollen. Diese Bedrohung schwebt stets über den Ermittlungen, durch die Protagonist Din und seine „Chefin“ Ana einen merkwürdigen Todesfall aufklären sollen. Zentral ist außerdem, dass die Menschen (und Tiere) dieser Welt mittels aus den Leichnamen der Titanen entwickelter Mittel körperlich oder geistig verändert werden, um ihnen bestimmte Eigenschaften zu verleihen. Din selbst hat die Fähigkeit eines Engravers – eine Art fotografisches Gedächtnis, bei dem Erinnerungen mit Düften verbunden werden, um sie zu einem späteren Zeitpunkt exakt wieder abrufen zu können. Die Veränderungen sind jedoch auch immer mit negativen Folgen verbunden – wie zum Beispiel Erinnerungslücken im Fall eines älteren Engravers.

Aus dem einen Todesfall werden schnell mehrere, es entwickelt sich eine Murder-Mystery-Geschichte mit vielen Zutaten, die sich auch in Real-World-Mordermittlungsgeschichten wiederfinden. Natürlich spielt die Formel „Geld + Macht = Korruption“ eine Rolle; natürlich versuchen sich manche auf den Rücken anderer zu bereichern. Die Pflanze, die im Mordfall eine Rolle spielt, kann in anderer Verwendung auch als Biowaffe eingesetzt werden, was eine Terrorismus-Verbindung heraufbeschwört (à la „wieviel von dem Zeug brauchst du, um eine Stadt zu vergiften?“).

The Empire is strong because it recognizes the value in all our people […].

Das Thema der bewussten Veränderung im Hinblick auf bestimmte Aufgaben wird am Ende in eine versöhnliche Richtung aufgelöst. Ana betont dabei, dass sie alle ihre deutlich als autistisch lesbaren Eigenschaften bereits vor ihrer Veränderung hatte. Es ist ihr innerstes Wesen; ihre Veränderung trug nur dazu bei, ihre bereits vorhandenen Eigenschaften im Sinne des Königreichs besser nutzen zu können. Wir entscheiden selbst, was wir aus unseren gegebenen Eigenschaften machen.

The person an enhancement is paired with is just as important as what enhancement they get. And we get some say in what kind of person we are, Din. We do not pop out of a mold. We change. We self-assemble. 

Als Murder Mystery fand ich die Geschichte wirklich unterhaltsam und interessant geschrieben. Bezüglich Originalität gewinnt aber in meinen Augen mit deutlichem Abstand das bereits oben erwähnte Someone You Can Build a Nest in. Wir sind gespannt auf die diesjährigen Hugo Award Nominees. (Nominations Open Through March 28, 2026. Announcement wahrscheinlich irgendwann im April.)

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English Erfahrungsbericht Memoir

Caroline Eden – Cold Kitchen

CN: Tod eines Hundes (wegen Krankheit), Erdbeben, Revolution, Erwähnung Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, Holocaust, Stalingrad, Holodomor, Genozid


But despite heavy clouds, a feeling of contentment hangs in the air, coming from the kitchen’s ability to be two things at once: to be an enclosed space that effectively opens up the world through taste and flavour and imagination.

Eine Kombination aus Reise- und Küchen-Memoir musste ich mir natürlich umgehend auf die Leseliste setzen, wo das Buch dann bis vor Kurzem sein Dasein fristete. In zwölf nach den Jahreszeiten geordneten Kapiteln erzählt die Autorin Caroline Eden von ihren (beruflichen) Reisen, deren kulinarische Erfahrungen sie mit nach Hause in die eigene schottische Küche in Edinburgh bringt. Als Hundebesitzerin konnte ich mich natürlich sehr identifizieren mit den Beschreibungen ihres Hunds Darwin, der ihr in der Hoffnung auf ein Leckerli durch Küche und Vorratskammer folgt.

Da ich das Buch auf Englisch gelesen habe, durfte ich auch so manche Zutaten nachschlagen: goutweed (Giersch), pike perch (Zander), swedes (Kohlrübe, Wikipedia klärt mich auf: in der Wiener Küche Kohlrabi), nigella (Schwarzkümmel), cloudberries (Moltebeeren), barberries (Berberitzen), u. v. a.

Was mir besonders gut gefällt: Sie beschränkt sich nicht auf Reiseberichte und Rezepte, sie ergänzt da und dort mit kulturellen Hintergründen wie etwa einem Exkurs über Lady Agnes Jekyll, die erste Food-Kolumnistin der britischen Tageszeitung The Times. Ihr Buch Kitchen Essays wurde dort erstmals im Jahr 1922 veröffentlicht. Darin bricht sie eine Lanze für das Mitbringen des eigenen Travel Foods, eine Tradition, in der ich mich selbst gern wieder finde. Caroline Eden schlägt dafür Hillside Pasties vor, was ich eventuell auch gern probieren würde, wenn ich mir endlich eine entsprechende Küchenmaschine zulegte …

An anderer Stelle erwähnt sie die Skulptur eines Schweins von Teodors Zaļkalns, die im Latvian National Museum of Art zu sehen ist. Dieser Hinweis führte mich zu diesem Museumsbericht, den ich mit großem Interesse gelesen habe.

Der Spagat zwischen Reise und Zuhause, der sich schon im Titel andeutet, geht für mich wunderbar auf. Die Autorin ist offen für die Welt, teilt ihre Eindrücke in ihrem Buch und bringt sie mit sich nach Hause. In ihrer eigenen Küche kann sie sich aber auch zurückziehen und eine Auszeit nehmen von der komplizierten und anstrengenden Welt da draußen, die heute wie zu allen anderen Zeiten viel zu viele Unmenschlichkeiten enthält.

I dig in and feel better, here in the kitchen. This enclosed space, so quiet and dark, the opposite of the noisy, confusing world outside.

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English Erfahrungsbericht Sachbuch

Dani Shapiro – Still Writing

CN: Krankheit und Tod von nahen Angehörigen


Every one of us walking the planet wonders, secretly, if we are getting it wrong. We stumble along. We love and we lose. At times, we find unexpected strength, and at other times, we succumb to our fears. We are impatient. We want to know what’s around the corner, and the writing life won’t offer us this. It forces us into the here and now. There is only this moment, when we put pen to page.

Nicht im Regal der ungelesenen Bücher, sondern auf meinem Nachtkastl hat dieses Buch schon lange sein Dasein gefristet. Das lag daran, dass ich schon einmal angefangen hatte, es zu lesen und mir eingebildet hatte, ich müsste das alles ganz genau aufnehmen, um daraus Inspiration oder Impulse für meine eigenen Schreibideen zu generieren. Das könnte vielleicht sogar klappen – wobei ein (nicht vorhandenes) Inhaltsverzeichnis mit den Titeln der einzelnen Texte extrem helfen würde. Die Autorin erzählt viel aus ihren eigenen Erfahrungen und gibt dabei durchaus auch Anregungen, die aufstrebenden Autor:innen weiterhelfen können. Mich hat allerdings diese Einstellung, dieses Buch „durchzuarbeiten wie ein Lehrbuch“ komplett blockiert. Das habe ich auch bei meinen Versuchen, spanischsprachige Bücher zu lesen, schon erlebt und die Lösung dafür ist einfach, es sein zu lassen. Daher hab ich die kurzen Kapitel dieses Buchs jetzt einfach immer wieder zwischendurch gelesen – ohne Notizen, nur die drei Zitate, die ihr hier lest, habe ich mit Haftnotizen markiert.

But if we have our own way of working – a number of pages, or hours, or words – we will eventually return to it. […] We have wandered and now we are back. There is comfort in the familiar. We can do this. Breathe in, breathe out. Once again, just as we’ve been doing all along.

Viele von Dani Shapiros Erzählungen verbinden die Unsicherheit des Lebens allgemein mit der Unsicherheit des kreativen Ausdrucks. Dabei geht es um die persönlichen Unsicherheiten (bin ich gut genug, kann ich überhaupt irgendwas, wer wird dieses Geschreibsel jemals lesen), aber auch darum, dass wir nie wissen können, was uns am nächsten Tag erwartet. Jeden einzelnen Tag stellen Schicksalsschläge das Leben von Menschen auf den Kopf. Was ich aus diesem Buch mitgenommen habe, ist daher der Versuch einer Gelassenheit, ein Akzeptieren, dass uns manchmal nichts anderes übrig bleibt, als Auszuhalten, was uns das Leben gerade vor die Füße wirft. Dabei können uns Routinen helfen, das rituelle putting-pen-to-paper-Gefühl, das Wissen, das wir es bisher getan haben und jetzt tun wir es wieder.

No satisfaction whatever at any time. I find this bracing, honest, enormously comforting. Very possibly only a writer would find the notion of no satisfaction whatever at any time enormously comforting. But I do. It reminds me that I signed up for this, after all.

#12in2025: 11/12

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English Roman

Kate Sawyer – Getting Away

CN: Vergewaltigung, Panikattacke, Fehlgeburt, Beziehungsgewalt, Alkoholkonsum


Manchmal scrolle ich einfach durch die Neuerscheinungen in der OverDrive eLibrary. Diesmal fiel mir dieses Buch ins Auge und die Grundidee hat mich dermaßen interessiert, dass ich sofort auf Borrow geklickt habe: Das Buch erzählt die Geschichte einer Familie über Jahrzehnte hinweg. Erzählt wird immer nur die Zeit, die die Familie auf Urlaub verbringt, was dazwischen passiert, wird angedeutet oder aus den Konversationen deutlich.

Zu Beginn steht eine Liebe, die aufgrund gesellschaftlicher Unterschiede nicht sein darf, gefolgt von einer Schwangerschaft eine Generation später, die erst recht versteckt werden muss. Erst Jahrzehnte später werden die wahren Verwandtschaftsverhältnisse aufgedeckt.

Kinder, Kindeskinder und wechselnde Partner:innen machen die Geschichte zunehmend komplex, in den späteren Kapiteln fiel es mir manchmal schwer, den Überblick zu behalten. Ein Stammbaum hätte da geholfen.

Die vielen verschiedenen Urlaubsschauplätze tragen ihr Eigenes zur Geschichte bei. Da wird auf dem Jakobsweg gewandert, Europa auf dem Fahrrad durchquert oder im Wohnwagen campiert. Verschiedene Strandurlaube sind natürlich auch mit dabei.

Vielleicht hat die Geschichte bei mir nicht ganz gezündet, weil ich sie über so lange Zeit und mit wechselnder Aufmerksamkeit gelesen habe. Die Grundidee finde ich aber nach wie vor sehr spannend und auch interessant umgesetzt.