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English Sachbuch

Peter Mendelsund and David J. Alworth – The Look of the Book: Jackets, Covers and Art at the Edges of Literature

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Comics and graphic novels, for instance, make full use of the book as a visual object, which is why designing their covers can be especially tricky. Does the story begin on the cover? Is the cover designer, in this case, a sort of coauthor?

Hin und wieder spült mir Lithub besonders interessante Exemplare in die Liste. Dieses wollte ich wirklich dringend meiner Bibliothek hinzufügen und ich wurde nicht enttäuscht. Schon beim ersten Öffnen inhalierte ich tief den Papiergeruch. (Gerade bei Fachbüchern bemerke ich immer wieder, dass ich sie lieber in der Hand halte als digital lese. Bei Romanen ist mir das völlig egal.) Die Aufmachung ist elegant und gibt dem Thema Buchcover ausgreifend Raum. Wobei ich dann doch wiederum kleine Kritikpunkte anbringen muss (bei einem Buch, das sich mit dem Design von Buchcovern beschäftigt, darf ich auch besondere Maßstäbe an das Design anlegen):

  • Viele Bildbeschreibungstexte waren von unten nach oben zu lesen. Das ist beim Lesen einfach unpraktisch, wenn du das Buch drehen oder die Augen verrenken musst, um einen Text lesen zu können.
  • Ein dickes Hardcover-Buch hat natürlich den Nachteil, dass im Bund so einiges verschwinden kann. Grafische Darstellungen, die über den Bund gehen, sollten daher vermieden werden (was hier nicht konsequent umgesetzt wurde).
  • Für Bildbeschreibungs- und Zitattexte wurde ein Monospace-Font verwendet, dessen fi-Ligatur mir persönlich ein Dorn im Auge ist. Das ist allerdings purer persönlicher Geschmack.

If, as Nietzsche famously proclaimed, our writing tools shape our thoughts, then our design software shapes how our thoughts look. The affordances of a particular design tool make themselves visible in the trends that characterize cover design in a particular season, year, or historical moment.

Abgesehen von diesen Kleinigkeiten finde ich das Buch allerdings sehr toll. Es setzt sich mit der sich verändernden Bedeutung des Buchcovers auseinander (früher mussten Bücher hauptsächlich im Geschäft hervorstechen, heute müssen Buchcover auch und manchmal primär als Thumbnails ihre Wirkung entfalten). Unterschiedliche Gestaltungsstile werden miteinander verglichen, es wird deutlich gemacht, dass nicht nur die jeweils gerade aktuellen Weltgeschehnisse beeinflussen, ob ein bestimmtes Cover gerade als passend empfunden wird oder nicht. Auch die zur Verfügung stehenden Designtools haben eine Auswirkung darauf, welche Arten von Gestaltungen sich die Designer*innen überhaupt vorstellen können. Unsere Technologie beeinflusst also unsere Vorstellungskraft.

A book cover must tell you what kind of book you’re holding in your hands, and we all carry assumptions about how certain books should look. Many of the most successful covers, however, subvert our expectations. Such covers calibrate accuracy and surprise. They push us to see something in a new way without falsely representing it.

Obwohl ich selbst noch nie Buchcover erstellt habe (der Markt dafür ist eher schwierig), habe ich mich in vielen Überlegungen wieder gefunden. Ein Buchcover muss bestimmten Standards entsprechen. Es soll das Genre vermitteln, ohne abzuschrecken. Es soll ein klares Bild davon bieten, worum es in dem Buch geht. Gleichzeitig sind aber oft die besten Cover jene, die die Leser*innen herausfordern; die einen zweiten Blick erfordern. Dabei wird auch der Spagat zwischen Kunst und Werbung offensichtlich: ein Buchcover ist Werbung für das Buch selbst. Es soll gleichzeitig aber auch die Essenz des Buches, des Inhalts zwischen den Buchdeckeln in künstlerischer Form wiedergeben.

Indeed, a cover should pose some questions. Often the best design is simple, but simple is not the same as simplistic. When a cover forces you to look again, to think twice, to stop and wonder, it’s respecting your intelligence, especially when it depicts sensitive subject matter.

In meinen (Non-Profit-)Designprojekten stellt sich immer wieder die Frage, wieviel Unklarheit können wir unserer Zielgruppe zumuten. Gerade haben wir uns in der Gruppe gegen einen Designentwurf entschieden, der laut Feedback der anderen „schwer auf einen Blick zu erfassen war“. Mir war das beim Entwurf durchaus bewusst, ich hatte nur das Gefühl, dass es manchmal eben auch einen zweiten Blick erfordert. Weil möglicherweise erst der zweite Blick überhaupt die Aufmerksamkeit fesselt. Das Buch beinhaltet auch mehrere Fallstudien (zB verschiedene Coverentwürfe für Klassiker wie Ulysses, Moby Dick und Lolita), die einen Einblick in die unterschiedlichen Gestaltungsmöglichkeiten der einzelnen Jahrzehnte und unterschiedlichen Interpretationen der Designer*innen ermöglichen.

Schließen möchte ich mit diesem Zitat von Autor David Sedaris (im 3 Books Podcast von Neil Pasricha hat er über seine three most formative books gesprochen). Er vergleicht das Erstellen eines Buchcovers mit einem Akt der Übersetzung. Eine sehr schöne Beschreibung dieser herausfordernden Tätigkeit:

“A great book cover is, for me, like a great Spanish edition. The designer takes the manuscript and deftly translates it into a language I understand, but am unable to speak. How on earth did you do that? I think when I’m given the finished product. To take 70,000 words, and turn them into a single image. How is that not a miracle?”

 

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English Humor Jugend Satire

Sue Townsend – The Secret Diary of Adrian Mole (aged 13¾)

CN dieses Buch: Erwähnung von männlichen Geschlechtsteilen
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I sang a few carols for the old ladies. I made two pounds eleven pence out of them so I went to Woolworth’s to buy Pandora’s Chanel No. 5. They hadn’t got any so I bought her an underarm deodorant instead.

Hilarious. Ein bissig spottender Blick in das Leben und die Seele eines Jugendlichen mit all seinen Problemen: erste Verliebtheit, körperliche Veränderungen, Ärger mit den Eltern und so weiter. Anhand der erwähnten Hochzeit von Prince Charles und Diana lässt sich das Buch zeitlich im Jahr 1981 in Großbritannien verorten.

Mit größtmöglicher Naivität stolpert der Protagonist von einem Tag in den anderen. Die Einträge sind manchmal nur wenige Zeilen lang, selten länger als eine Seite. Adrian schickt Gedichte per Briefpost an die BBC. Er versteckt Herrenmagazine unter seiner Matratze. In einem Eintrag  beschreibt er minutiös einen Klassenausflug ins Museum, der in totalem Chaos ausartet. Schwarzer Humor trieft geradezu zwischen den Zeilen hervor. Ein zwangloser Spaß für Zwischendurch.

Grandma Mole came to tell me that the end of the world was announced at her Spiritualist church last week. She said it should have all ended yesterday.
She would have come round sooner only she was washing her curtains.

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English Erfahrungsbericht Memoir

Susannah Cahalan – Brain on Fire: My Month of Madness

CN dieses Buch: psychische Erkrankung, lebensbedrohliche Erkrankung
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[… ] my immune system had gone haywire and had begun attacking my brain.

Die Autorin beschreibt in diesem Buch ausführlich ihren Krankheitsverlauf. Ihre Symptome ergeben kein deutliches Krankheitsbild, es braucht mehrere Wochen und viele verschiedene Ärztinnen und Ärzte, bis ihre Krankheit endlich einen Namen (und damit auch eine Therapiemöglichkeit) hat. Als Auslöser für ihre Symptome (Halluzinationen, Anfälle, psychotische Episoden, …) stellt sich schließlich eine seltene Form der Enzephalitis (Gehirnentzündung) heraus.

Will I be as slow, dour, unfunny, and stupid as I now felt for the rest of my life? Will I ever again regain that spark that defines who I am?

Der Diagnoseprozess, den ich hier so verkürzt in einem Absatz wiedergebe, nahm im realen Leben mehrere Wochen Zeit in Anspruch. Der Rehabilitationsprozess danach erforderte einige Monate, in denen sich die Autorin ständig fragte, ob sie jemals zu „ihrem alten Selbst“ zurückfinden würde. (Ich sehe eine interessante Parallele zu der aktuell gängigen Begrifflichkeit „zurück in die Normalität“ zu wollen.) Was dabei auch sehr deutlich wird: der Diagnoseprozess ist erst der Anfang. Selbst nach gefundener und bestätigter Diagnose dauert es noch, bis eine geeignete Therapie gefunden werden kann und dann auch tatsächlich anschlägt. Ein Rehabilitationsprozess ist ein tägliches Greifen nach dem kleinsten Strohhalm, ein ständiges Zweifeln an den eigenen Fähigkeiten und dem Glauben an die eigene Zukunft.

Now, I think that this shame emerged out of the precarious balancing act between fear of loss and acceptance of loss. Yes, I could once again read and write and make to-do lists, but I had lost confidence and a sense of self. Who am I?

Am Ende kommt die Autorin zum Schluss, dass sie natürlich nicht zu ihrem alten Selbst zurückfinden kann. Weil die Erfahrung dieser beängstigenden und seltenen Krankheit sie verändert hat. Ihre wesentlichen Persönlichkeitsanteile sind jedoch erhalten geblieben. Und die kann sie nun nutzen, um zusammen mit der Erfahrung ihrer Krankheit Bewusstsein zu schaffen, ihre Geschichte öffentlich zu machen und zu teilen, um somit anderen Betroffenen Orientierungsmöglichkeiten zu bieten.

The girl in the video is a reminder about how fragile our hold on sanity and health is and how much we are at the utter whim of our Brutus bodies, which will inevitably, one day, turn on us for good. I am a prisoner, as we all are. And with that realization comes an aching sense of vulnerability.

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English Erfahrungsbericht Memoir

Anna Wiener – Uncanny Valley

CN dieses Buch: Sexismus
CN dieser Post: Erwähnung von Menstruation und Belästigung (keine grafischen Beschreibungen)


Die Autorin analysiert in diesem Buch ihre Erfahrungen als Frau in der Tech-Branche (in New York und später im Silicon Valley) und setzt sie in Bezug zur Entwicklung der Arbeitskultur in den letzten Jahrzehnten. Viele der angesprochenen Themenbereiche waren mir zumindest vage bekannt, ihr analytischer und auch selbstkritischer Blick wirft jedoch ein neues Licht auf eine Unternehmens- oder sogar Branchenkultur, die einen wichtigen Teil unserer Gesellschaft prägt. Beispiele dafür, welche Auswirkungen es hat, wenn Technologie hauptsächlich von jungen, weißen, männlichen Personen entwickelt wird, gibt es inzwischen zuhauf (zB bei einer frühen Version der Apple Health App wurde schlicht darauf vergessen, Menstruationstracking einzubauen). Aber selbst dort, wo (zumindest an der Oberfläche) bewusst nach Diversität gestrebt wird, haben Personen unterschiedlichen Geschlechts nach wie vor mit verschiedenen Umständen zu kämpfen. Die Argumente gegen eine Veränderung dieser Arbeitskultur haben wir wohl alle schon in der einen oder anderen Form mal gehört: „Diversitätsinitiativen wirken diskriminierend gegenüber Männern, Männer sind eben einfach talentierter im Technikbereich, wir würden ja gerne mehr Frauen anstellen, aber es bewerben sich ja keine.“

Sexism, misogyny, and objectification did not define the workplace – but they were everywhere. Like wallwaper, like air.

Nahezu gespenstisch distanziert (passend zum Buchtitel) beschreibt die Autorin ihre Erfahrungen als Mitarbeiterin verschiedener Technologieunternehmen. Es wirkt stellenweise fast so, als müsste sie sich selbst von außen betrachten, um überhaupt erklären zu können, warum sie sich so lange in dieser Lebens- und Arbeitskultur aufgehalten hat. Sie nennt bekannte Unternehmen in Form von kaum verhüllenden Decknamen: „the social network everyone hated, the search engine giant, the home-sharing platform“. Als Mitarbeiterin im Costumer Support eines Unternehmens im Bereich Business Analytics fühlt sie sich selbst manchmal als ein Stück Software:

Some days, helping men solve problems they had created for themselves, I felt like a piece of software myself, a bot: instead of being an artificial intelligence, I was an intelligent artifice, an empathetic text snippet or a warm voice, giving instructions, listening comfortingly. 

Mit entsprechenden Einblicken in die tatsächlichen Verhältnisse im Business Analytics Unternehmen verändert sich schließlich auch ihre Einstellung im Umgang mit den eigenen Daten.

But I found myself newly cautious, leery of giving away too much intimate data. God Mode had made me paranoid. It wasn’t the art of data collection itself, to which I was already resigned. What gave me pause was the people who might see it on the other end – people like me. I never knew with whom I was sharing my information.

Dabei ist anzumerken, dass auch die von Edward Snowden 2013 angestoßene „Globale Überwachungs- und Spionageaffäre“ angesprochen wird. Darauf folgte weltweit eine Auseinandersetzung mit den Folgen der anlasslosen Datensammlung und der Frage, wer eigentlich Zugriff auf welche Daten haben sollen darf.

It was revealed that lower-level employees at the NSA, including contractors, had access to the same databases and queries as their high-level superiors. Agents spied on their family members and love interests, nemeses and friends.

Inmitten dieser eher negativ beschriebenen Arbeitskultur finden sich dann kleine Lichtblicke des globalen Arbeitens mittels Videokonferenzen, die wir aufgrund der aktuellen Situation nun vermutlich auch alle kennen: „the surprise of seeing an animal emerging from under a desk“. Mit Referenzen auf populäre Debatten der Internetkultur (GamerGame), Verschwörungsmythologien (PizzaGate) und Fernsehserien (Game of Thrones-Referenz: „Is winter coming for the tech industry?“) kommt dann doch etwas Auflockerung in die insgesamt eher triste Analyse der Technologiewelt. Insgesamt ein spannender Einblick in eine Arbeitswelt, die über die Gestaltung von Technologie einen großen Einfluss auf uns alle ausübt.

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English Roman

Rachel Kushner – The Mars Room

CN dieses Buch: Mord, Gewalt, Stalking, sexuelle Handlungen, Suizid, Drogenmissbrauch
CN dieser Post: Erwähnung von Stalking


Prison was a place where you had to be strong to get through each day. […] To stay sane, that was the thing. To stay sane you formed a version of yourself you could believe in. 

In letzter Zeit passiert es mir immer wieder, dass ich ein Buch von meiner Bookmark-Liste in der Libby-App auswähle, weil es gerade verfügbar ist, ohne dass ich mich noch erinnern könnte, warum ich es überhaupt auf die Liste gesetzt habe oder worum es in dem Buch überhaupt geht. Der Titel dieses Buchs The Mars Room deutet nämlich kaum darauf hin, dass sich die Geschichte zu großen Teilen im Frauengefängnis abspielt.

Schon der erste Absatz zieht die Leserin direkt in die Geschichte hinein und stellt sowohl die Protagonistin Romy Hall, als auch ihren Status als Insassin eines Frauengefängnisses sowie ihren aktuellen Aufenthaltsort in einem Überstellungstruck in wenigen Sätzen klar. In den weiteren Kapiteln wird teilweise aus Romys Perspektive erzählt, aber auch andere Personen kommen zu Wort. Besonders bedrückend ist dabei die Perspektive durch die Augen und den Geist Kurt Kennedys, die kurz vor Ende auflöst, weswegen Romy überhaupt im Gefängnis gelandet ist.

I have no plans at all. The thing is you keep existing whether you have a plan to do so or not, until you don’t exist, and then your plans are meaningless. But not having plans doesn’t mean I don’t have regrets.

Thematisiert werden auch die speziellen Schwierigkeiten von transsexuellen Personen im Gefängnissystem. Dort gibt es kein diverses Geschlecht, es gibt nur weiblich und männlich. Menschen, die sich in diesen binären Kategorien nicht wiederfinden, sind gerade im Gefängnissystem unvorstellbaren Anfeindungen und Gefahren ausgesetzt. Als Parallele in der realen Welt lassen sich die Erlebnisse von Whistleblowerin Chelsea Manning erwähnen.

Randnotiz: Beim titelgebenden Mars Room handelt es sich um einen Strip Club. Romy beschreibt ihre männlichen Kunden als wandelnde Brieftaschen, die es möglichst effizient auszunehmen gilt. Eine andere Perspektive auf die Arbeit in einem (realen) Strip Club liefert diese Folge des Podcasts Death, Sex & Money, in der eine Tänzerin erklärt, dass sie ihre Arbeit hauptsächlich als therapeutisch begreift. Ein interessanter Einblick in eine Art Parallelwelt, die viele von uns vermutlich nur aus der verzerrten Darstellung in den Medien kennen.

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English Roman

Jojo Moyes – The Giver of Stars

CN dieses Buch: Mord, Gewalt gegen Frauen und Tiere
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Nach der nicht so angenehmen Begegnung mit dem Butt suchte ich Lesestoff mit Wohlfühlgarantie. Jojo Moyes schien mir da als sicherste Option auf meiner ganzen Liste. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Margery behaved, Alice realized with a jolt, like a man.
This was such an extraordinary thought that she found herself studying the other woman at a distance, trying to work out how she had come to his astonishing state of liberation.

Diese Geschichte porträtiert einige starke Frauen, die sich im ruralen Kentucky im Jahr 1937 Stück für Stück ihre Freiheit von den herrschenden gesellschaftlichen Konventionen erkämpfen. Ihre Waffen sind Bücher, Gesang und weiblicher Zusammenhalt. Und der Glaube daran, dass es immer einen Ausweg gibt.

‘There is always a way out of a situation. Might be ugly. Might leave you feeling like the earth has gone and shifted under your feet. But you are never trapped, Alice. You hear me? There is always a way around.’

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English Roman

Elizabeth Strout – Olive, Again

CN dieses Buch: Suizid, Sterben
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People either didn’t know how they felt about something or they chose never to say how they really felt about something. And this is why he missed Olive Kitteridge.

Da mir das erste Buch mit Geschichten um Olive Kitteridge so gut gefallen hat, und gerade auch wirklich eine Zeit für diese Art von Lektüre ist, habe ich mir gleich das zweite Buch ausgeliehen. Und bin jetzt schon traurig, dass es vermutlich kein weiteres Buch mehr mit ihr geben wird.

This is a hell of a world we live in. […]
Such a simple statement, but it was completely true.

Zu beschreiben, warum diese Geschichten so beruhigend auf mich wirken, ist mir schon beim ersten Buch nicht gut gelungen. Jetzt, wo sich die Leserin mit der Sprödigkeit und dem Unverständnis von Olive für bestimmte Lebenshaltungen und Werte akklimatisiert hat, kommt allerdings noch mehr zum Tragen, was sie eigentlich auszeichnet. Sie kann die wahre Traurigkeit in den Menschen, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden, wahrnehmen und bestätigen. Gleichzeitig ist ihr aber vollkommen unklar, was mit der Beziehung zu ihrem eigenen Sohn und seiner Familie nicht stimmt.

For a long time, Olive sat on the bed; she was just looking through the glass at the dark field. It seemed to her she had never before completely understood how far apart human experience was.

Am meisten berührt hat mich die Geschichte mit der Poetin Andrea. Olive führt mit ihr im Diner ein spontanes Gespräch über die Einsamkeit, hauptsächlich über Andreas einsames Leben aufgrund ihrer relativen Berühmtheit. Andrea veröffentlicht später ein Gedicht, das Olive zwar nicht beim Namen nennt, aber so deutlich beschreibt, dass es eindeutig ist, wer gemeint ist. In dem Gedicht schreibt Andrea Olive die gesamte Einsamkeit zu. In der Reflexion über dieses Gespräch (aus der auch das obige Zitat stammt) scheint Olive erst wirklich klar zu werden, wie unterschiedlich menschliche Empfindungen und Wahrnehmungen sein können. Sie lernt aus diesem Gespräch. In vieler Hinsicht steht Olive fest zu ihrer Meinung und lässt diese auch durch nichts und niemanden erschüttern. Aber dort, wo es um tief gehende menschliche Emotionen geht, dort kann sie und dort können wir alle immer noch etwas lernen.

You all know who you are. If you just look at yourself and listen to yourself, you know exactly who you are. And don’t forget it.

In einer anderen Geschichte erzählt eine ehemalige Schülerin von Olive, wie ihnen die Lehrerin Mrs. Kitteridge damals den Rat gegeben hat, nur auf sich selbst zu hören. Wir wissen bereits, wer wir sind, wir müssen uns nur die Zeit nehmen, auf uns selbst zu hören und uns nicht ablenken lassen von den Erwartungen der Gesellschaft oder dem, was andere Menschen für oder von uns wollen. Ein wunderbarer Rat für junge Menschen, aber auch für ältere Semester, die sich ihres Weges nicht mehr sicher sind.

Brené Brown schließt ihren Podcast Unlocking Us meistens (immer?) mit diesem Satz:

Stay awkward, brave and kind.

Genau das sehe ich in Olive Kitteridge. Genau das würde ich mir wünschen, in mir selbst und in anderen Menschen zu sehen.

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English

Rachel Friedman – The Good Girl’s Guide to Getting Lost

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You can’t get lost when you have nowhere to be.

Für Reisegeschichten habe ich im vergangenen Jahrzehnt ein besonderes Faible entwickelt. Nachzulesen, wie andere Menschen unterwegs sind und wie sie sich dadurch verändern, gefällt mir sowohl in Fiktion (zB Amy & Roger’s Epic Detour) als auch in Non-Fiktion (zB Travelling with Ghosts).

Auch mit diesem Reisebericht hatte ich viel Spaß. Die Autorin erzählt, wie sie, anstatt ihre Ausbildung fortzusetzen und/oder Karriere zu machen, sich dafür entscheidet, zuerst möglichst viel von der Welt zu bereisen. Ich hab sehr viel von mir in ihr wiederentdeckt, wie zum Beispiel die Einfachheit, mit der damals die Schule zum Erfolg führte. Der Pfad war vorgezeichnet und es war immer klar, was zu tun ist.

He shrugs. “I have to do something.” We all do. It’s what is expected. Besides, we have healthcare to worry about. And student debt. And making a contribution to society, making our parents proud, making something of ourselves that we can hopefully believe in.

Viele junge Menschen wissen nicht, was sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen wollen. Darüber habe ich gerade erste letzte Woche selbst nachgedacht (also darüber, wie das bei mir damals war …). Ich wollte nie bewusst das werden, was ich heute bin, aber durch meine Entscheidungen in kleineren Lebensbereichen habe ich trotzdem entschieden, was ich werden will (und vor allem was nicht).

Die Zeiten, in denen ich mich low-budget in einem klapprigen Bus vom einen billigen Hostel zum Nächsten hätte transportieren lassen, hat es nie gegeben. In der Beschreibung von Rachel Friedmans ersten Hostel-Erfahrungen habe ich meine gesamten diesbezüglichen Befürchtungen wieder von Neuem erlebt. In der Beschreibung ihrer Reise durch Südamerika war mir auch oft nicht klar, worum es eigentlich noch geht. Auch wenn sie ihre Reiseroute offensichtlich nicht nach Instagram-ability ausgetüftelt hat, ist ein Hang zum Außergewöhnlichen (Paragliding, etc.) zu sehen. Vielleicht gehört das zu diesem Travel Life dazu? Immer auf der Jagd nach dem nächsten Kick zu sein?

Most days travel is thrilling: it’s new and exciting and challenging, and you want to take it all on. But some days, as in any place you happen to be, you’re tired and blue.

Die Autorin spart die schwierigen Momente des Reisens nicht aus. Sie erzählt davon, wie sie ausgeraubt wird und mit einer Magenverstimmung darnieder liegt. Wie Moskitos jeden Zentimeter ihres Körpers verwüsten und unvorhergesehene Ereignisse ihre Reise immer wieder verzögern.

It is a moment of pure travel pleasure. Carly already knew she was nowhere near finished having adventures, and right then I knew I wasn’t, either. This is what I wanted for myself, for there to be more days with the possibility of getting to hand-feed wild monkeys in the future, not fewer of them. This was my real world.

Und dann gibt es die guten Momente in dieser Geschichte, wo mir wieder mal schmerzlich bewusst wurde, welche Möglichkeiten auf Erfahrungen ich im vergangenen Jahr verloren habe. Meine erste Reise außerhalb von Europa musste verschoben und schlussendlich storniert werden, alle kleineren geplanten Reisen in den Nachbarländern sind auf unbestimmte Zeit nicht möglich. Manchmal wünsche ich mich einfach nur woanders hin. Und hoffe darauf, dass dieser lange Verzicht dazu führen wird, dass wir unsere Möglichkeiten und Privilegien mehr zu schätzen wissen.

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English Roman

Elizabeth Strout – Olive Kitteridge

CN dieses Buch: Suizid, Sterben
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Stupid – this assumption people have, that things should somehow be right.

Zu Beginn weißt du nicht, was du mit dieser Protagonistin anfangen sollst. Sie ist augenscheinlich kein sympathischer Mensch. Olive ist ungeduldig, direkt und verständnislos gegenüber Gejammer oder alltäglichen Sorgen. Sie erscheint harsch und spröde; die Bekannten aus der Kleinstadt fragen sich, wie ihr Mann es mit ihr aushält. (Tatsächlich hält er es nicht mit ihr aus, er akzeptiert und liebt sie einfach so, wie sie ist.)

Who, who, does not have their basket of trips? […] She thinks of Eddie Junior down there skipping stones, and she can only just remember that feeling herself, being young enough to pick up a rock, throw it out to sea with force, still young enough to do that, throw that damn stone.

Und doch ist Olive genau dann verständnisvoll, wenn ihre Mitmenschen in Notlagen sind. Dann kann sie schlicht die Situation anerkennen (so, you’re in hell). Was in solchen Situationen schon oft das Einzige ist, was wir für die Menschen, die da gerade durch müssen, tun können: anerkennen, dass sie gerade das Schlimmste erleben und mit ihnen in diesem Schmerz bleiben.

One afternoon as she was typing, her hand began to shake. When she held up her other hand, it was shaking too. She felt the way she had on the Greyhound bus that weekend Jace had told her about the blonde, when she kept thinking: This can’t be my life. And then she thought that most of her life she had been thinking: This can’t be my life.

Gleichzeitig ist das Buch eine Hymne an das Leben. Eine Aufforderung, unsere Zeit nicht zu verschwenden an Menschen, die uns nicht gut tun. Ein Aufruf, nicht aufzugeben, niemals das Leben einfach nur vorbeiziehen zu lassen, so schwer es manchmal auch sein mag.

Ich könnte noch mehr schreiben, aber das würde diesem Buch nicht gerecht. Wem das nicht reicht: The 2009 Pulitzer Prize Winner in Fiction. 

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English Roman

Nnedi Okorafor – Who Fears Death?

CN dieses Buch: Vergewaltigung, Völkermord, Sklaverei, Steinigung
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Says who? Says tradition. Oh, how our traditions limit and outcast those of us who aren’t normal.

Das Buch hab ich tatsächlich schon vor einigen Tagen fertig gelesen, konnte mich aber bisher nicht aufraffen, darüber zu schreiben. Die Geschichte ist schwierig und grausam und behandelt ein Thema, über das wir im Allgemeinen lieber nicht nachdenken würden.

The tinny smell of old wiring and dead motherboards was stronger up close. There were scattered keys from keyboards and pieces of thin plastic in the sand from broken screens and casings.

Dass es sich um eine dystopische Zukunftswelt handelt, wird lange nur angedeutet, das Fantastische (Menschen, die in der Lage sind, sich in Tiere zu verwandeln oder andere magische Fähigkeiten haben) überdeckt jedoch nicht die Ungerechtigkeit, mit der Menschen für Ereignisse bestraft und ausgegrenzt werden, die vor ihrer Geburt geschehen sind. Die Verzweiflung dieser von Geburt an gebrandmarkten und ausgestoßenen Menschen; das Unverständnis, mit dem diese als minderwertig angesehenen Kinder der Welt begegnen, wird deutlich spürbar.

To be something abnormal meant that you were to serve the normal. And if you refused, they hated you … and often the normal hated you even when you did serve them. 

Zu diesem Buch kann ich nur jenen raten, die sich tatsächlich in eine intensive Auseinandersetzung mit Unterdrückung, körperlicher Gewalt und dem Kampf gegen gesellschaftliche Normen, die diese Verhältnisse stützen, begeben wollen. Wer Parable of the Sower gut findet, wird auch hier nicht enttäuscht werden.