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Krimi Roman

Christian Schleifer – Perchtoldsdorfer Todesrausch

CN: Alkohol- und Drogenmissbrauch, sexuelle Handlungen, Prostitution, homophobe und sexistische Äußerungen, Vergiftung, Mord


Uff, ach, was soll ich sagen. Mir schwirrte ja schon bei meinem ersten Charlotte-Nöhrer-Krimi die Frage im Kopf herum, ob die immer wieder angedeutete Vorgeschichte in Schladming wohl in einer anderen Reihe von Lokalkrimis existieren würde. Stellt sich raus: ja und nein. In diesem Buch erzählt der Autor genau diese Vorgeschichte: was ist damals in Schladming passiert, bevor Charlotte aufs Weingut ihrer Familie nach Perchtoldsdorf zurückgezogen ist und wie hat Charlotte ihre Lebensgefährtin Andrea kennen gelernt. Im Nachwort löst der Autor außerdem auf:

Das ist der erste Charlotte-Nöhrer-Krimi, den ich geschrieben habe. Der allererste. Vor mehr als zwanzig Jahren, nachdem ich zum ersten Mal in Schladming Skifahren war.

Und ich muss leider sagen: das zeigt sich deutlich. Der Kriminalfall ist originell, aber alles drumherum wirkt nicht ausreichend durchdacht bis schlicht und einfach unglaubwürdig. Ein gesprächiger Kellner, der sich von einer hübschen Frau zum Ausplaudern von Geheimnissen überreden lässt, mag ja noch angehen. Dass die Charlotte aber überhaupt ins Puff reingelassen wird, um mit ebendiesem vielbeschäftigten Kellner einen Schwatz zu halten und zufällig einem Mord beizuwohnen, war mir einfach zu weit hergeholt. Der Gipfel dann: Charlotte und Andrea gehen – ohne irgendwem Bescheid zu sagen – zur Mordverdächtigen nach Hause und lassen sich von ihr Kaffee servieren, wo sie doch wissen, dass diese freigiebig K.O.-Tropfen verteilt.

Die Perchtoldsdorf-Krimis von Christian Schleifer fand ich bisher ganz unterhaltsam, diese Vorgeschichte leider unterdurchschnittlich.


Diese Woche haben wir es endlich in die Eisenbahn-Ausstellung Im Bann der Bahn. 200 Jahre Eisenbahn im Technischen Museum Wien geschafft. Wir verbrachten etwa 1,5 Stunden damit, uns die Eisenbahnmodelle unterschiedlicher Größen und die Exponate aus 200 Jahren Eisenbahnwesen anzuschauen.

Modell eines Eisenbahnwaggons, der zum Bier-Transport benutzt wurde, der linke Teil der Verkleidung ist offen, dahinter sind stabiliserende Holzbalken und Bierfässer zu sehen

Zwischen Weichen, Kupplungen und anderen Bahn-relevanten Ausstellungstücken wurden auch viele Informationen aufbereitet. Von der Pferde-Eisenbahn, über Dampf und Diesel bis zur heute vorherrschenden elektrischen Versorgung wird die Geschichte der Eisenbahn nachgezeichnet. Bei den jüngeren Besucher:innen (und uns …) sorgte eine Modellbahnanlage im Maßstab N für Begeisterung. Die Anlage wurde vom Verband Österreichischer Modell-Eisenbahn-Clubs (VOEMEC) gestaltet und ist am Wochenende und an Feiertagen in Betrieb. Mich freute besonders die Nachbildung von inzwischen still gelegten Bahnhofsanlagen im Niederösterreich wie Groß-Siegharts und Bad Pirawarth.

Modell des Bahnhofsgebäudes in Gross-Siegharts, neben dem Gebäude drei Gleise mit Schotterbahnsteigen und verteilten Personen darauf, vor dem Bahnhofsgebäude steht ein Autobus

Auch die eine oder andere Kuriosität findet sich in der Ausstellung, wie etwa eine Erste-Hilfe-Kiste für Eisenbahn-Unfälle. Diese enthielt laut dem mit Schreibmaschine getippten Inhaltsverzeichnis unter anderem: „1 Pkg. Speisesoda 150g, zur Verabfolgung an nicht Bewusstlose bei Hochspannungsunfällen (siehe Gebrauchsanweisung)“. Eine schnelle Internet-Recherche ergab nur, dass diese Behandlung wohl heutzutage nicht mehr angewandt wird.

Überblick in der Eisenbahnausstellung mit Modellen im Vorder- und Hintergrund und an einer zentralen Säule ein Signal mit der Aufschrift „Halt für Verschubfahrten“

Nach einer Kaffeepause nutzten wir noch den Rest der Öffnungszeit aus, um durch die Ausstellung Materialwelten zu spazieren, leider war ich da nicht mehr besonders aufnahmefähig. Themeninseln mit verschiedensten Produkten beschäftigen sich mit den Materialien, die unseren Alltag bestimmen. Da liegt etwa ein iPhone neben einem Muster-Reisepass und ein Cochlea-Implantat neben einem Game Boy. In allen diesen Produkten wird Silizium verarbeitet, das essentiell für die Herstellung von Computerchips ist. (Der Reisepass enthält einen RFID-Chip.)

Überblick zur Ausstellung Materialwelten mit dem Titel von der Decke hängend, zentral im Vordergrund ein aufgeschnittener Baumstamm, der die Verarbeitung in einzelne Holzbalken verschiedener Größe veranschaulicht

Ein paar Schlaglichter:

  • In einem runden Schaukasten findet sich die Google Glass Brille direkt neben dem Buch Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus von Shoshana Zuboff.
  • Das Periodensystem der Elemente ist in einem großen Schaukasten abgebildet, ich habe ein Detailfoto des Elements Neodymium (60 Nd) gemacht, ein bläuliches Pulver in einem Flakon.
  • Gleich an zwei Stellen habe ich bewachsene Seekabel aus der Adria entdeckt – Muscheln, Korallen und andere Meereslebewesen haben sich an diesen Kabeln angesiedelt.
  • Ein großer Schaukasten zeigt den Anstieg der Kunststoffproduktion anhand verschiedener Produkte, die daraus gefertigt werden. Zu erkennen sind etwa eine Billardkugel, eine Schallplatte und ein 3D-gedruckter Buddha mit Kopf von The Rock (wie ich vom Mitcacher erfuhr, ist das ein Meme in der 3D-Druck-Welt).
Glaskasten mit Kunststoffprodukten in verschiedenen Farben auf Säulen, diese veranschaulichen den weltweiten Anstieg der Kunststoffproduktion im Zeitverlauf

Die Eisenbahn-Ausstellung war interessant, hat mich aber nicht besonders beeindruckt. Für die Materialwelten hätte ich gerne mehr Zeit und Aufmerksamkeit gehabt; und auch die anderen aktuellen Themenausstellungen zu Wissenschaft im Wandel und Kreislaufwirtschaft klingen interessant. Der Kaffee im Museumscafé schmeckte leider etwas verbrannt. Das Technische Museum ist aber in jedem Fall einen Besuch wert.

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Krimi Roman

Tove Alsterdal – Sturmrot

CN: Demenz, Vergewaltigung, Mord, Feuer, Sturm, Hass im Netz, Aufruf zu Gewalt, Suizid in der Familie (in der Vergangenheit)


Ein Mensch ohne Jagdmesser ist verdächtiger als einer mit, zumindest nördlich des Dalälven.

Ein alter Mann wird ermordet aufgefunden – von seinem Sohn, der als Jugendlicher ein Gewaltverbrechen begangen haben soll. Für Nachbar:innen und Öffentlichkeit ist klar, es kann nur der Sohn selbst gewesen sein. Bei den Leser:innen wird jedoch von Anfang an Zweifel gesäht. Nicht nur am jetzigen Verbrechen sondern auch an jenem, das viele Jahre zuvor passiert sein soll …

Auf den ersten Blick hatte mir die Benennung der drei Bücher nach Farben gefallen (es folgen Erdschwarz und Nebelblau). Leider hat die „Farbe“ Sturmrot in der Geschichte überhaupt keine Bedeutung. Ein Sturm kommt vor; ein Feuer wird gelegt; der Zusammenhang ist eher lose. Leider ist mir auch die Ermittlerin Eira Sjödin nicht wirklich sympathisch. Es wirkt zu bemüht, sie sympathisch wirken zu lassen mit der dementen Mutter, um die sie sich kümmert, dem Bruder, der mit einer schwierigen Lebenssituation kämpft, dem Kollegen, mit dem sie eine Art Affäre beginnt, obwohl sie weiß, dass er eine Freundin hat und so weiter und so fort.

Ungefähr bei der Hälfte des Buchs wurde mir ein wesentliches Detail der Auflösung klar. Danach war ich etwas interessierter an der Geschichte und wie sich alles zusammenfügen würde. Leider fügt sich nicht alles zusammen, Vergangenes kann nicht ungeschehen gemacht werden, Menschen werden wegen Handlungen verurteilt, die gar nicht passiert sind, während andere davonkommen. Nach dem Lesen blieb mir ein Gefühl des Frusts. Vielleicht wird in den weiteren Bänden darauf Bezug genommen. Ob ich das herausfinden werde, kann ich aktuell jedoch nicht sagen.

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English Krimi Roman

Louise Penny – The Grey Wolf

CN: Ich habe die Geschichte genossen und nicht genau mitgeschrieben. Es ist ein Krimi, es kommen mehrere Morde vor und auch Terrorismus.


He understood the terrible thing he was doing. Saving his own family, and leaving the rest behind.

In letzter Zeit ist mir das Lesen etwas schwer gefallen, was ich von mir überhaupt nicht gewohnt bin. Nach Sunrise on the Reaping ergab sich eine generelle Lesepause und in das in diesem Post besprochene bin ich auch nur hineingekippt, weil ich schon monatelang gewartet habe, bis ich endlich an der Reihe bin. Aber immerhin werde ich demnächst mal wieder in der physischen Bücherei gewesen sein, der nächste Post ist quasi schon geplant.

Louise Penny hat eine weitere geniale Fortsetzung ihrer Gamache-Romane geschrieben. Wie wir es von ihr kennen, lässt sie ihren Protagonisten an sich selbst und an der Gesellschaft zweifeln, sie lässt ihn an Entscheidungen scheitern, an denen jeder Mensch einfach nur scheitern kann und lässt ihm kaum eine Atempause. Sie schickt ihn auch zurück an einen Ort, an dem er eine schwierige Zeit erleben musste, die Erinnerung vermischt sich mit der Frage danach, wem wir eigentlich vertrauen können. Wenn wir nämlich selbst den uns allernächsten Menschen nicht mehr vertrauen können, was bleibt uns dann noch? Das Buch endet – äußerst unerwartet – mit einem Cliffhanger und der Ankündigung des 20. Romans der Serie. The Black Wolf erscheint am 28. Oktober 2025.

One of them, a grey wolf, wanted the old man to be strong and compassionate. Wise and courageous enough to be forgiving. The other, a black wolf, wanted him to be vengeful. To forget no wrong. To forgive no slight. […] “We all have them, inside. Best to acknowledge that. Only then can we choose which one we feed.”


Blick von der Mitte des 3. Rangs auf den Seitenbereich, in dem sich die Stehplätze befinden, auf dem äußersten Stehplatz steht eine Person, die sich über die Brüstung beugt und zur Bühne hinuntersieht

Kürzlich hatte ich das große Glück an einer besonderen Führung durch das Theater an der Wien teilnehmen zu dürfen. Als meine Musicalleidenschaft in den 1990er-Jahren so richtig Feuer fing, wurde dort der erste österreichische Musical-Welterfolg Elisabeth aufgeführt. Damals war ich oft „auf Stehplatz“ in der Vorstellung, manchmal haben wir auch am Bühneneingang gewartet, um von den Darsteller:innen Autogramme und Fotos zu erbitten. Für mich war die Führung daher eine Rückkehr an einen Ort, der für mich lange ein Sehnsuchtsort war. Es folgt ein Text mit Fotos von heute, Geschichten von damals und so einigem dazwischen. 

Blick ins renovierte Foyer, den Boden ziert ein aus den 1960er-Jahren stammendes dekoratives Mosaik in Braun- und Grau-Tönen, Wände und Decke erscheinen in weiß und hellen-Grau-Tönen, im Hintergrund führt eine Treppe mit einem roten Teppich nach oben, rechts daneben eine Aufzugstür
Blick von der neu errichteten Besucher:innenterrasse über dem Haupteingang des Theaters, von oben nach unten führt an der Hausecke der Schriftzug „THEATER AN DER WIEN“, rechts daneben ist unten die Linke Wienzeile zu sehen
das neue Foyer im ersten Stock ist eine Mischung aus alt und neu, links ein Gemälde, das das Theater in seiner Entstehungszeit zeigt (damals stand es nicht inmitten der Stadt und war nicht von Gebäuden umringt), darüber eine moderne runde Deckenbeleuchtung, ein großer Ring, der gleichzeitig nach oben sowie nach unten beleuchtet, hinten im Bild die Aussicht auf die Terrasse und die Dächer des Naschmarkts

Unser Rundgang startete im Foyer, wo wir viel über die gerade absolvierte Renovierung des Theaters erfuhren. Mir war das neue Dach über dem Haupteingang sofort aufgefallen, es bildet nun auch die Basis für eine neue Terrasse im ersten Stock, von dem die Besucher:innen über den Naschmarkt blicken können. 

Wir wurden außen am Papageno-Tor vorbeigeführt und erfuhren viele Geschichten über die Entstehung des Hauses. Das Papageno-Tor nimmt Bezug auf die Hauptfigur in Mozarts bekanntester Oper Die Zauberflöte. Hier ist heute noch der Empirestil erkennbar, in dem das Originalgebäude in den Jahren 1800/1801 errichtet wurde. 

Über den Bühneneingang (den ich nun erstmals nicht nur von außen sehen konnte!) betraten wir das Gebäude von hinten und standen nach nur wenigen Schritten auf der Hinterbühne. Ehrfürchtig bewunderte ich den eisernen Vorhang, der kurz darauf für uns hochgezogen wurde. 

Aktuell sind die vielen Kulissenzüge alle leer, da sie im Rahmen der Sanierung von waagner biro stage systems einer gründlichen Überholung unterzogen wurden. Die Projektdauer betrug mit 31 Monaten deutlich länger als die Bauzeit des ursprünglichen Theatergebäudes, das in 13 Monaten festgestellt wurde. Auf Youtube gibt es auch ein Video der Stage Equipment Show, die eindrucksvoll die neue Bühnenmaschinerie zur Geltung kommen lässt.

der Bühnenraum des Theaters, links unten ein Ausschnitt des Zuschauerraums, darüber der hochgezogene eiserne Vorhang, rechts der Blick in den Schnürboden, die Scheinwerfer von oben ziehen Lichtschlieren durch das Bild, ein gelb-schwarzes Flatterband grenzt den mittleren Bühnenbereich ab, an einer Ecke dieser Absperrung steht eine Person und fotografiert nach oben
der Bühnenraum von der vorderen Bühnenkante aus gesehen, aus dem Schnürboden hängen auf verschiedenen Ebenen Metallseile, an denen gerade keine Kulissen aufgehängt sind, alle Wände sind schwarz gestrichen, im hinteren Bereich der mit schwarz-gelbem Flatterband abgesperrten Drehbühne steht ein rechteckiges Bühnenpodest
Blick von der vorderen Bühnenkante nach oben: die Decke ist teilweise bemalt und vielen Goldelementen geschmückt, direkt über der Bühne ein österreichischer Doppeladler, dann die Abdeckung des eisernen Vorhangs, dahinter der leere Schnürboden mit seinen vielen Leisten, an denen Kulissen befestigt werden können

Wir standen nun also auf dem Bühnenboden, auf dem Elisabeth um ihre Freiheit gesungen hatte und Mozart sich gegen den Erzbischof Colloredo auflehnte. 

Mir ist noch deutlich in Erinnerung, wie sich die drei Bühnenteile bei „Elisabeth“ voneinander unabhängig bewegen, gleichzeitig nach oben und unten verschoben und gedreht werden konnten. Am eindrucksvollsten war dies in der vorletzten Szene „An Deck der sinkenden Welt“, in der Kaiser Franz Joseph einen Alptraum erlebt, an dessen Ende Der Tod dem Attentäter Luigi Lucheni die Feile zuwirft, mit der dieser Elisabeth in der nächsten Szene ermordet. 

Aus dem Musical „Mozart“ habe ich sofort das Gitarrenriff in den Ohren, das ertönt, nachdem der junge Mozart vom Erzbischof rausgeworfen wird und die Klaviertasten-artig schräg aufgestellte Bühne hinunterrollt (direkt vor dem Finale des ersten Akts „Wie wird man seinen Schatten los“). 

Als wir dann auch noch unter die Drehbühne durften, war meine Begeisterung nicht mehr zu bremsen. Über schmale Treppen stiegen wir drei Stockwerke in die Tiefe, um schließlich 12 Meter unter dem Bühnenboden am Fundament der Zylinderdrehbühne zu landen. Die Hunderte Tonnen schwere Konstruktion steht auf Eisenbahnschienen und hat mehrere Bühnenpodeste, die einzeln gehoben und versenkt werden können. Bei der Arbeit mit der Drehbühne ist höchste Sorgfältigkeit geboten. Das Einquetschen von Dekorationsteilen (oder Gliedmaßen) kann schwerwiegende Folgen haben. Wenn sich die Bühne dreht, dreht sich der gesamte 12 Meter hohe Zylinder auf allen Ebenen. Die Schnittkante des Zylinders ist daher auf allen Ebenen sichtbar. 

das Fundament der Drehbühne, Eisenbahnschienen sind mit großen Schrauben auf einem gegossenen Betonring verschraubt, links ist ein halbes blaues Rad zu sehen, direkt dahinter wird ein Besen auf den Schienen nachgeführt, über dem Radbereich Kabelschächte
Blick von unten auf die Drehbühne, die Schnittkante des Bühnenzylinders ist deutlich zu sehen, der innere Bereich, der sich mitdreht, wird von blauen Stahlträgern gehalten, der äußere Bereich ist mit schwarzen Stahlträgern versehen
Innenbereich der Zylinderdrehbühne, die Unterkonstruktion besteht aus blauen Stahlträgern, die darüber liegende Ebene ist mit roten Stahlträgern deutlich abgehoben, eine Art Förderband dient zum Heben und Absenken der einzelnen Bühnenpodeste, bei genauem Blick ist zu erkennen, dass das hinterste Podest eine Ebene tiefer liegt als die vorderen, dort sind die Beine einer Trittleiter zu sehen
der hintere Bereich mit der Trittleiter aus der Nähe mit Blick nach oben, hier ist nun der Teil direkt unter dem Bühnenboden sichtbar, wieder mit blauen Stahlträgern, die hier mit Schaumstoff gepolstert sind, der Spalt des drehbaren Teils im Bühnenboden auch hier wieder als heller Bogen sichtbar

Von der Bühne wurden wir dann in den Zuschauerraum geführt, wo sich einige unserer Gruppe schon etwas erschöpft von den vielen Eindrücken auf den Plätzen niederließen. Beim Hinsetzen mussten wir allerdings Vorsicht walten lassen. Die Renovierung ist noch nicht abgeschlossen, über den Sommer wurde an einer Mängelliste von 3.000 Punkten gearbeitet. Nicht wenige davon dürften die Lehnen der Sitze im Zuschauerraum betroffen haben, viele davon waren bei unserem Besuch abgebaut. 

Blick aus dem Zuschauerraum auf die Bühne, die Sicht reicht bis zum Hintereingang, über den wir die Bühne betreten haben, vorne stehen aus dem Parkett ausgebaute Sitze auf der Bühne, von oben hängen Kulissenzüge ins Bild, ganz oben goldene Dekoration sowie ein österreichisches Adlerwappen, das mittig über der Bühne hängt

Unser Gastgeber erzählte weiter von der Renovierung und den Plänen für die kommende Saison. Ca. 300 Lautsprecher hängen nun im Zuschauerraum, sogar in jeder Loge wird der Klang elektroakustisch ausgebessert durch zusätzlichen Nachhall. Für unseren Gastgeber ist das Gemeinschaftsgefühl das eigentliche Geheimnis des Live-Erlebnisses. Er sagt auch: „Ein Opernhaus ist für mich eine Zeitmaschine.“ Und meint damit nicht nur eine Zeitmaschine in die Vergangenheit: In der nächsten Spielzeit soll eine neu geschriebene Oper für Kinder zum Thema Mobbing auf die Bühne kommen. 

Blick vom Stehplatzbereich im 3. Rang auf die Bühne, der Vorhang ist nun geschlossen, er zeigt eine Theaterszene, auf der Bühne stehen 4 ausgebaute Sitze auf dem mit weißen Strichen markierten Bereich, der das Podest des Orchestergrabens begrenzt
Detailaufnahme der Decke des Zuschauerraums, rund um einen zentralen Lüftungsschacht sind in Form von Blütenblättern Theaterszenen auf blauem Hintergrund gemalt, die Blütenblätter sind mit goldener Dekoration umrankt und von kleinteiligen Kristallleuchtern erhellt

Für mich war die gesamte Führung höchst spannend und mitreißend. Unser Gastgeber erzählte leidenschaftlich abwechselnd von der Vergangenheit des Theaters und Plänen für zukünftige Spielzeiten. Viele Details des neuen Hauses erinnerten mich an die damalige Einrichtung und Dekoration des Theaters. Die für die Beschriftung von Türen und generelle Richtungsangaben eingesetzte Schrift passt für mich ausgezeichnet. Nur bei genauem Hinschauen ist zu erkennen, dass es sich nicht um goldene Metallbuchstaben handelt. Leider habe ich vor lauter Ehrfurcht und Freude bei den Fakten nicht gut aufgepasst. Meine Erwartung, diese nachträglich recherchieren zu können, hat sich nicht erfüllt. (Selbst heutzutage steht nicht alles im Internet, was es zu wissen gäbe.)

Backstageführungen gibt es im Theater an der Wien regelmäßig in deutscher und englischer Sprache, auch wenn diese wohl nicht ganz so ausführlich ausfallen dürften wie unsere. Die nächste Spielzeit hält neben Klassikern wie Die Fledermaus auch moderne Stücke wie die österreichische Erstaufführung der Oper Alice in Wonderland von Unsuk Chin oder der Klimawandel-Oper Holle! von Sebastian Schwab bereit. 

Alle Termine sind im aktuellen Spielplan zu finden.

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Krimi Roman

Ursula Poznanski – Stimmen

CN: Mord, Gewalt, Blut, psychische Krankheit, Krankenhaus, Trauma, sexuelle Handlungen


Dieses Buch hatte ich mir schon lange für den Urlaub aufgehoben, am Strand wollte ich mich nicht konzentrieren, sondern einfach nur in eine Geschichte versinken. Zweiter Vorteil war, dass ich das Buch aus dem Bücherschrank hatte und somit auch einfach an meine Reisebegleitung weiterreichen konnte.

Der Kriminalfall, den Bea Kaspary und ihre Kollegen (sie ist die einzige Frau im Team und meint ständig, sich behaupten zu müssen) zu lösen haben, erweist sich als komplex und interessant gestaltet, hier sehe ich deutlich die Stärken von Autorin Ursula Poznanski (auch bereits in Saeculum). Genervt hat mich hingegen die eingewobene Romanze mit einem der bereits erwähnten Teamkollegen. Der Verlauf dieser Beziehung war dermaßen vorhersehbar inklusive des Endlich-Miteinander-Ins-Bett-Fallens als kathartischer Augenblick nach einem tätlichen Angriff auf Bea. Nicht zu vergessen die Verletzung an der Hüfte, die ihr zwar beim Anziehen einer Jeans Schmerzen bereitet, aber dann wie durch Zauberhand bei der Bettakrobatik nicht stört.

Meine Reisebegleitung beklagte außerdem, dass viele Erzählstränge unaufgelöst bleiben, sie hätte sich gewünscht, auch über die weiteren Geschichten der Nebenfiguren zu lesen. Dass es sich bei diesem Buch um den dritten Band einer Serie handelt, habe ich erst im Nachhinein herausgefunden. Gut für mich, jetzt muss ich mich gar nicht erst bemühen, mit dem ersten Band anzufangen … Da müsste schon ein entsprechender Geocache daher kommen, den ich aber aktuell aus Gründen nicht extra suchen werde.

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English Krimi Roman

Walter Mosley – Devil in a Blue Dress

Randnotiz: Nach der Buchbesprechung findet ihr einen umfangreichen Bericht zu den aktuellen Ausstellungen des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe mit vielen Fotos.


CN (für Buch und Text zum Buch): Alkoholkonsum, Rassismus, Polizeigewalt, Mord, sexuelle Handlungen, sexueller Kindesmissbrauch, Erwähnung des 2. Weltkriegs (inkl. Holocaust, Antisemitismus, KZ-Überlebende)


But if he got a whiff of that thirty thousand dollars I knew that nothing would hold him back. He would have killed me for that much money.

In diesem Jahr hab ich mir einen Anlauf auf mehr Kreativität in meinem Alltag zum Vorsatz genommen. Das funktioniert mit wechselndem Erfolg. Da aber dazu gehört, dass ich einfach nicht aufhöre, auch wenn es mal eine Zeit lang nicht so gut klappt, ist das Projekt Experiment nach wie vor am Laufen.

Dieses Buch habe ich im Rahmen einer Recherche über das Leben in Los Angeles in den 1950er-Jahren gelesen. Das hat sehr gut funktioniert, ich habe viele Hinweise notieren können, in welche Richtungen ich weiter recherchieren kann. Und meine allererste Kernfrage (würde eine Frau im Alter von 22 Jahren mit einem Job in den Paramount Studios ein eigenes Auto gehabt haben?) konnte ich auch schon mit ziemlich guter Sicherheit beantworten: Ja, sie muss wohl ein Auto gehabt haben, sonst hätte sie diese Arbeit nicht machen können. Mosley schreibt in seinem Buch auch ganz deutlich, dass im damaligen L.A. jeder Weg mit dem Auto zurückgelegt wurde.

Neben den Rechercheergebnissen fand ich in diesem Roman eine interessante Hauptfigur vor: Easy Rawlins, schwarz, Kriegsveteran, Eigentümer eines kleinen Hauses (mit Hypothek natürlich), der versehentlich in die zwielichtige Gesellschaft gerät, aus der er sich nach seinem Umzug von Houston nach Los Angeles eigentlich fernhalten wollte.

Sehr verblüfft stellte ich erst nach der Lektüre fest, dass dieses Buch erst 1990 veröffentlicht wurde und der Autor nicht nur noch lebt, sondern auch für September 2025 ein weiteres Buch der Reihe angekündigt ist. Eine Krimiserie reizt mich ja immer sehr und jetzt habe ich auch noch Recherche als zusätzlichen Grund … es gibt jedoch auch noch andere literarische Kandidaten für diese Zeit und über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse sollte ich mich eher in Non-Fiction informieren. Es gibt jedenfalls noch sehr viel zu lesen und lernen.


Während meines Besuchs der #gpn23 in Karlsruhe hatte ich auch die Gelegenheit, mir die aktuellen Ausstellungen des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) anzusehen. Drei thematisch sehr unterschiedliche Ausstellungsbereiche ringen aktuell um die Aufmerksamkeit der Besucher:innen. Ich habe im dritten Stock begonnen und werde im Folgenden die Ausstellungen auch von oben nach unten beschreiben.

zkm_gameplay – the next level

Pixelbild eines Geists aus dem Computerspiel Pac-Man, das Bild ist hauptsächlich schwarz, die Konturen des Geists bestehen aus unterschiedlichen Blautönen, die Augen schauen nach links, bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass das Bild aus einzelnen Buchstaben von Computertastaturen zusammengesetzt ist
Blue Guy (2020), Peter Schönwandt

Am Beginn werden die Besucher:innen von einem der Pac-Man-Geister begrüßt, ein Kunstwerk von Peter Schönwandt, das aus 4.339 Tastenkappen von Computertastaturen besteht. In weiterer Folge sind verschiedene Spielekonsolen aus den 1980ern und 1990ern zu sehen. An mehreren Stationen können auch ältere sowie neuere Spiele ausprobiert werden, angefangen von Commodore 64 und Atari über verschiedene Generationen von Nintendo– und Sega-Konsolen bis zu neueren Spielen wie Journey. Die Ausstellung zeichnet passend zum Thema mit verschiedenen Levels die Entwicklung der Computerspiele nach. Ein Fokus liegt dabei auf unterschiedlichen Eingabemethoden, die sich in den letzten 50 Jahren konstant weiter entwickelt haben.

Choose Your Filter!

zwei Reihen mit jeweils vier hochformatigen Bildern nebeneinander, zentrales Objekt ist jeweils der Kopf eines Dinosauriers, die Augen sind mit einem Balken mit dem Text „http://“ verdeckt, die Farben wechseln zwischen schwarz, weiß, schrillem gelb und pink, teilweise enthalten die Bilder auch zusätzlich Graffiti-Texte
Artzilla Siebdrucke (2009), Tobias Leingruber in Zusammenarbeit mit Seckel, DosenDave, Ewok

Im selben Stockwerk beschäftigt sich die Ausstellung Choose your filter! mit Browser Art seit den Anfängen des World Wide Web. Verschiedene Künstler:innen haben zum Beispiel Browser-Erweiterungen programmiert, die Webseiten anders interpretieren, als sie ursprünglich gedacht wurden. Zu sehen sind etwa verschiedene Varianten der Browser-Erweiterung Abstract Browsing von Raphaël Rozendaal. Diese Erweiterung ersetzt „die Elemente einer Webseite, also Texte, Bilder oder Videos, durch farbige Rechtecke“. Verschiedene Farbkombinationen wechseln nach dem Zufallsprinzip. Rozendaal wählt auch gezielt Kompositionen aus und überträgt sie in großformatige Textilwerke (Tapisserien). Diese ziehen in einer Ausstellung, in der viel auf Computerbildschirmen stattfindet, automatisch den Blick auf sich.

großformatiges Textilwerk, abstrakte Darstellung einer Browserseite mit Rechtecken in verschiedenen Farben, zu erkennen ist nur die Struktur der Webseite in drei nebeneinander liegenden Spalten, die jeweils eine Aufzählung mit einem quadratischen Symbol und daneben rechteckigen verschiedener Länge enthalten
Abstract Browsing (2014–2022), Raphaël Rozendaal

See You. Begegnungen mit der Kunsthalle Karlsruhe

Das mittlere Geschoss des Ausstellungsbereichs bietet einen Einblick in die Sammlung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, die aktuell wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Der Rundgang durch die Sammlung beginnt mit vielen sakralen Werken aus der Zeit etwa ab 1500. Altarbilder zeigen etwa Christus am Kreuz oder Maria mit dem Kind.

Blick in den Ausstellungsraum, an der hinteren Wand hängt ein dreitiliges Altarbild mit offenen Flügeln, in der Mitte die Kreuzigungsszene, rechts davon ein Bild in einem Säulenrahmen

Einige Werke, die mich beeindruckt haben:

Die Melancholie im Garten des Lebens von Mathis Gerung (1558): Allein vor einem weißen Vorhang hängt dieses Bild, das gleichzeitig an Bruegel und an moderne Wimmelbilder erinnert. Ich nahm mir Zeit, die vielen verschiedenen Menschengruppen und Tiere zu betrachten: üppige nackte Damen in einem Badebecken ohne Wasser, Ritter in Prachtkleidung, die im Begriff sind, aufeinander einzustechen, neben zwei Gauklern sitzt ein weißer Hund, einen Tanzbär habe ich entdeckt, viele Pferde sind ebenfalls zu sehen. Aus dem Ausstellungstext:

Gedankenverlorenes, törichtes Treiben beherrscht die Szenen im »Garten des Lebens«. In dessen Mitte kauert die Melancholie und sinnt schwermütig dem Sinn menschlichen Tuns nach. Das Werk ist ein einzigartiges Zeugnis für die Alltags-, Mentalitäts-, Sozial- und Kulturgeschichte des mittleren 16. Jahrhunderts.

ein brauner Bilderrahmen, das Bild zeigt verschiedene Gegenstände, die von einem roten Band an einer schwarzen Tafel gehalten werden, die Gegenstände (Feder, Schere, Brieföffner, Kette mit Medaillon, rotes Notizbuch, Brief, Kamm) wirken real, obwohl sie nur gemalt sind
Augenbetrüger-Stillleben von Samuel van Hoogstraten (1627–1678)

Augenbetrüger-Stillleben von Samuel van Hoogstraten (1627–1678): Diese hyperrealistisch (Trompe-l’œil) wirkende Abbildung einer Sammlung von Alltagsgegenständen hat meinen Blick sofort auf sich gezogen. Die dreidimensional wirkende Darstellung in harmonisierenden Farbtönen von crème, rot, ocker und braun ließ mich an meine eigene Pinwand denken, an der ich über das Jahr hinweg Fotos und Erinnerungsstücke sammle. Aus dem Ausstellungstext:

Täuschend echt anmutende Objekte sind hier dargestellt. Ihre Auswahl ist alles andere als beliebig. Einige weisen, wie ein Selbstbildnis, auf den Künstler selbst hin. Die Kette mit dem Porträt Kaiser Ferdinands III. ist Samuel van Hoogstratens Markenzeichen. Er gilt als Begründer des damals wie heute beliebten Genres der gemalten Steckbretter.

Ausschnitt eines Gemäldes mit vier unterschiedlich gestalteten Muschelgehäusen, die Farbgebung ist dominiert von perlmutt, schimmernden Rosa-, Braun- und Silber-Tönen
Ausschnitt aus „Stillleben mit Blumen und Goldpokalen“ von Clara Peeters (1612)

Stillleben mit Blumen und Goldpokalen von Clara Peeters (1612): Mir war bisher nicht bewusst, dass Stillleben, die nicht aus Blumen und Obst bestehen, einen derartigen Reiz auf mich ausüben könnten. Auf diesem Bild sind mir die Muscheln rechts unten aufgefallen. Jede der vier Muscheln hat eine andere Form und Färbung, die Darstellung ist unglaublich detailliert: Der rosa schillernde Farbrand der vordersten Muschel, der Lichtschimmer auf der zweiten Muschel, der Schwung des schwarz-silber gemusterten Gehäuses ganz hinten. Erst das Lesen des Beschreibungstexts machte mich darauf aufmerksam, dass in den Details des rechten Pokals die Spiegelung der Künstlerin zu sehen ist:

Alle Objekte sind übersichtlich auf einer Tischplatte arrangiert: Viele davon konnte man in barocken Kunstkammern finden. Plastisch, präzise und mit ihrem individuellen stofflichen Charakter hat Clara Peeters, eine frühe Vertreterin der Stilllebenmalerei, sie wiedergegeben. Sich selbst hat sie in den Spiegelungen des rechten Pokals verewigt.

Skulptur aus Bronze, auf einem Pferd reitet eine nackte weibliche Gestalt, sie trägt einen Kriegshelm und hat die rechte Hand mit dem Speer nach hinten gestreckt, mit der linken Hand drückt sie den Kopf des Pferdes zur Seite, damit der Speer freie Bahn haben wird
Reitende Amazone, den Speer schleudernd von Franz von Stuck (entworfen 1897, gegossen nach 1905)

Reitende Amazone, den Speer schleudernd von Franz von Stuck (entworfen 1897, gegossen nach 1905): Zwischen den Gemälden sind im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder auch Skulpturen zu sehen. Auf mehreren Sockeln wurden aus Bronze gegossene Skulpturen von Franz von Stuck gezeigt. Speziell bei dieser Skulptur einer weiblichen Gestalt auf einem Pferd fiel mir ins Auge, wie detailreich die Körper der Frau und des Pferds gestaltet sind. Auf dem Foto ist nicht zu erkennen, wie klein diese Skulptur ist (64,5 x 46,6 x 17,3 cm), sie steht auf einem Sockel, um auf Augenhöhe betrachtet werden zu können. Umso bemerkenswerter erscheint es mir, wie detailreich die Anatomie von Pferd und Reiterin nachgebildet wurde.

Blick in den modernen Teil der Ausstellung, links ein modernes Bild in einem schlichten Rahmen neben einer Skulptur, die einem Kaktus ähnelt, dahinter im Raum eine Reihe an Bildern in dekorativen Goldrahmen, rechts im Vordergrund ebenfalls ein Bild in einem dekorativen Goldrahmen, daneben eine Skulptur eines menschlichen Körpers ohne Kopf

Außerdem ins Auge gefallen sind mir

Wenn ihr euch für diese Ausstellung interessiert, aber nicht die Gelegenheit habt, nach Karlsruhe zu kommen, dann empfehle ich euch die Touren auf der Webseite der Kunsthalle Karlsruhe. Eine Kombination aus Text, Bild und Audio lässt euch die Ausstellung aus verschiedenen thematischen Blickwinkeln erleben.

The Story That Never Ends – Die Sammlung des ZKM

Schon etwas erschöpft und mit Eindrücken überflutet gelangte ich wieder ins Erdgeschoss des Ausstellungsbereichs, in dem sich die aktuelle Dauerausstellung des ZKMs The Story That Never Ends speziell weiblichen und feministischen Perspektiven der Medienkunst widmet.

Skulptur aus sechs Monitoren, die kreisförmig um ein Zentrum angeordnet sind, die Mitte hat Ähnlichkeit mit einem Autoreifen ohne den Gummi, sie besteht aus Metall und ist mit koreanischen Schriftzeichen verziert, auf den Bildschirmen ist eine abstrakte Darstellung von Linien zu sehen
Canopus aus der Serie Planetarium (1990) von Nam June Paik

Die gezeigten Werke beinhalten Fotocollagen (zB die Serie „Phantom Limb“ von Lynn Hershman Leeson, in der sie weibliche Körper mit Technik verschmilzt), abstrakte Malerei, futuristisch wirkende Skulpturen (zB Canopus von Nam June Paik, in dem er „seine Vorstellungen von einem global zirkulierenden Bilderstrom“ durch das Medium Video sichtbar machte) und analytische Videokunst, die wie viele andere Objekte die gesellschaftlichen Auswirkungen des Massenmediums Fernsehen und dessen Einfluss auf die politischen Verhältnisse kritisch betrachten.

Informationen zu den Ausstellungen und Veranstaltungen findet ihr auf der Webseite des ZKM.

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Krimi Roman

Volker Kutscher – Rath

CN: Nationalsozialismus, Gewalt, Folter, Konzentrationslager, Mord, Novemberprogrome, Antisemitismus, Ableismus, Zwangssterilisation


Deutschlands innere Feinde geben keine Ruhe, und auch der äußere Feind hebt immer wieder drohend sein Haupt und mahnt uns, wachsam zu sein. 

Lange Monate habe ich auf den letzten Roman der Rath-Reihe gewartet. Und ich kann nur sagen, dass Volker Kutscher einen großartigen Abschluss seiner Reihe abgeliefert hat. Bei diesem historischen Hintergrund kann es natürlich kein Happy End geben (wer die anderen Bücher kennt, wird hier kaum einen Spoiler sehen). Und doch bringt gerade das allerletzte Kapitel einen Handlungsstrang zwar nicht mit Gerechtigkeit zum Abschluss, aber zumindest mit Vergeltung.

Volker Kutscher lässt seine Protagonist:innen immer wieder fassungslos beobachten (oder erleben), wie im neuen Deutschland plötzlich keine Gesetze mehr zu gelten scheinen. Das beginnt bei Fritze, der nicht mitmachen will, als seine HJ-Schar einen jüdischen Fußballverein aufmischen soll.

Nicht gegen Wehrlose, nicht gegen Menschen, die überhaupt nichts verbrochen hatten. Gegen den inneren Feind gehe es, hatte Scharführer Kramer gesagt, aber wie konnte ein jüdischer Fußballverein, der sich an alle Gesetze hielt, der innere Feind sein?

Das betrifft aber auch Charly, die nach dem Verrat eines Kollegen in einem Straflager landet, wo sie anstatt eines Anwalts einen Peitschenhieb ins Gesicht erhält. Von höchster Stelle wird sie nach einigen Wochen nicht nur aus der Lagerhaft befreit sondern auch wieder als Kommissarin in der Weiblichen Kriminalpolizei beschäftigt. Eine sehr unerwartete Wendung.

Ja, er wollte zurück nach Hoboken, dort mit Marion und seinem Bruder endlich wieder leben, in einem freien Land mit Rede- und Pressefreiheit. In einem Land, wo niemand die Wahrheit als Lügenhetze oder Greuelpropaganda bezeichnete.

Gereons Bruder Severin ist ebenfalls wieder in Deutschland, um dem sterbenden Vater die letzte Ehre zu erweisen. Er wird aufgrund seiner Ähnlichkeit mit Gereon nach dem Begräbnis verhaftet, was jedoch erst aufgedeckt wird, als der einarmige Erzfeind Tornow Rath verhören will und sofort feststellt, dass es nicht der gesuchte Rath ist. Auch Severin ist fassungslos angesichts der Behandlung, die ihm als unbescholtenem, amerikanischem Staatsbürger zuteil wird. Seine Empörung wird ihm zum Verhängnis. Dass Severin sich nach den USA zurücksehnt, wo Rede- und Pressefreiheit gilt, hat angesichts der heutigen politischen Lage einen besonders bitteren Beigeschmack.

Auf der Uhlandstraße herrschte eine seltsame Stimmung. Die Geräuschkulisse war anders als sonst, und sie fragte sich, was da so anders war. Aus der Ferne Gejohle, scheppernde, klirrende Geräusche. Brandgeruch in der Luft. Die Stimmung, gerade noch lebensfroh in der Bar, hatte plötzlich etwas Apokalyptisches.

Das Buch endet mit der Reichskristallnacht den Novemberpogromen. (Ich lese gerade auf Wikipedia, dass der Begriff Reichskristallnacht als euphemistisch kritisiert wird, ich habe es in der Schule noch so gelernt.) In vielen kurzen Kapiteln wird beschrieben wie die Protagonist:innen, aber auch viele Nebenfiguren, die in diesem Buch eine Rolle spielten, diese dramatische Wendung der Weltgeschichte erleben. Hier wird noch ein anderer Aspekt deutlich, der sich ebenfalls in die Fassungslosigkeit angesichts des Erlebten einreiht: Die gleichgültige Reaktion der arischen Nachbarn angesichts der Gewalt gegen ihre jüdischen Mitbürger. („Die Lehmanns haben nicht aufgemacht.“)

Andreas Preusse hat in seinem Schreibgewitter ebenfalls eine Rezension zum Buch geschrieben, die ich erst jetzt gelesen habe. Seiner Bewertung und Argumentation stimme ich zu, er benennt viele Einzelheiten, die ich selbst besonders gelungen finde.

Die Tötung ist keine reine Rache-Szene á la Italo-Western, sondern ein Sinnbild der fortschreitenden Enthemmung, die von den Nazis auf gewöhnliche Bürger ausstrahlt.
(Andreas Preusse, Schreibgewitter)

Nicht zustimmen kann ich jedoch seinem Kritikpunkt, dass Gereon Rath in den letzten beiden Büchern in den Hintergrund getreten sei. Für mich war Charly schon seit dem Beginn der Reihe als Persönlichkeit gleich wichtig wie Gereon. Zuerst hat sie hauptsächlich sein Privatleben beeinflusst, aber in den späteren Romanen auch immer mehr in den Kriminalfällen mitgemischt. Da Gereon in die USA geflohen ist und für tot erklärt wurde, ist es nur folgerichtig, dass er sich nicht mehr offen in das Geschehen einmischen kann. Gereon hat sich lange gleichgültig gegenüber dem neuen Regime verhalten, während Charly von Anfang an dagegen war. Für mich war es total logisch, dass sie nicht aufgibt und bis zum Ende für die Menschlichkeit und gegen die unmenschliche Gewalt des Nationalsozialismus kämpft.

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Krimi Roman

Christian Schleifer – Perchtoldsdorfer Punsch

CN: Mord, Gewalt, Rassismus, Bombe, Ableismus, Populismus, schlagende Burschenschaften, Schmiss, Homophobie


Der dritte Teil der Krimireihe um Charlotte Nöhrer in Perchtoldsdorf spielt zur Weihnachtszeit und thematisiert die rechtspopulistische Ausrichtung der politischen Landschaft, die sich in den letzten Jahren weltweit verstärkt gezeigt hat. Der Autor schreckt weder vor Anleihen aus der österreichischen Realpolitik („Ihr werdet euch noch wundern, was alles möglich ist“) noch vor einer Abwandlung des MAGA-Spruchs (der schon in Olivia Butlers Parable of the Talents vorkam) zurück. Gerade im Fall des MÖWE-Spruchs schrammt das hart an der Grenze der Lächerlichkeit entlang.

Gut fand ich, dass in dieser Geschichte nicht ausschließlich männliche Charaktere den Rechtsradikalismus verkörpern. Die rechtsradikale und homophobe Hela bildet einen klaren Kontrapunkt gegenüber der deutlich links orientierten Charlotte (ohne e). Das Ende fand ich etwas hingeschludert. Die Leserin weiß ja, dass in der Kirche noch eine zweite Bombe versteckt war und plötzlich wird der Wissensvorsprung umgekehrt. Hinter den Kulissen wurde der Fall gelöst und der Leserin werden die offenen Puzzlesteine wie die Nudeln in einer Buchstabensuppe serviert.

Leider fand ich in dem Buch auch eine Form des Ableismus, die mir leider selbst in linken Kreisen immer wieder begegnet: Menschen, die rechts orientierte Parteien wählen, werden als dumm bezeichnet. Tatsächlich wissen die meisten Rechts-Wähler:innen sehr genau, was sie machen. Sie halten sich selbst für besser oder wichtiger als andere, sie halten „österreichische“ (hier bitte die jeweils lokale Nationalität einsetzen) Kinder für wertvoller als Kinder anderer Herkunft. Sie stecken Menschen in Schubladen, sie bewerten Menschen nach ihrer „Leistung“ oder ihren Lebensentscheidungen.

Nicht alle diese Wähler:innen werden alles verstehen, was diese Parteien verkörpern, das bedeutet aber nicht, dass sie dumm sind. Es bedeutet viel mehr, dass sie denkfaul sind. Sie geben sich mit den einfachen und verkürzten Antworten zufrieden, die ihnen der Rechtspopulismus in den Medien serviert. Sie lassen sich verkaufen, dass Migrant:innen (statt Migrant:innen könnte hier auch jede andere Minderheit stehen) die Wurzel unserer Probleme sind, weil sie das der Verantwortung erhebt, sich mit komplexen Problemen zu befassen.

Dieses Thema trage ich schon lang mit mir herum, unter anderem auch, weil ich selbst oft sage, dass ich mich mit irgendeinem Thema nicht befassen möchte. Dazu stehe ich auch weiterhin, in unserer komplizierten Welt können wir uns unmöglich mit allem Übel der Welt auseinandersetzen und trotzdem jeden Tag aufstehen und ein gutes Leben führen. Wenn ich aber bewusst wegschaue, wenn Menschen diskriminiert werden, wenn Menschen abgewertet werden aufgrund irgendwelcher Eigenschaften, die sie weder beeinflussen noch verändern können, dann bin ich nicht dumm, sondern ein schlechter Mensch. Wenn ich Menschen, die aus einem Kriegsgebiet in unser Land geflüchtet sind, das Wenige neide, was sie an Hilfe bekommen, dann bin ich nicht dumm, sondern selbstsüchtig. Wenn ich meine politische Meinung von rechter Hetze leiten lasse, anstatt genauer hinzuschauen und versuchen zu verstehen, wo die wirklichen Probleme sind, dann bin ich nicht dumm, sondern denkfaul.

Dummheit im Sinne von kognitiver Beeinträchtigung hat nichts mit der politischen Gesinnung eines Menschen zu tun. Die nach diesem Maßstab „dummen“ Menschen, die ich kennenlernen durfte, würden niemals eine menschenfeindliche Partei wählen. Und wenn sie das dennoch tun würden, dann nicht, weil sie dumm sind, sondern aus den oben genannten Gründen. Daher meine Bitte: hört auf, Rechts-Wähler:innen dumm zu nennen. Schaut genauer hin und benennt die wirklichen Gründe.

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Krimi Roman

Maria Masella – Blumen für die Toten

CN: Mord, Gewalt, Prostitution (vielleicht noch anderes, ich erinnere mich nicht mehr genau, sorry)


Ihr Blick durchbohrt mich. Sie hasst Leute, die ihre Machtstellung ausnutzen. Genau wie meine Mutter ist sie im Grunde ihres Herzens Anarchistin.

Der Start einer Krimi-Reihe angesiedelt in Genua, auf die ich im Zuge meiner Geocaching-Recherchen für die nächste Reise gestoßen bin. Für mich wird es aber auch das letzte Buch der Reihe sein, es hat mir leider nicht besonders gefallen. Verweise wie die Nutzung von Disketten verorten das Buch in einer anderen Zeit (die italienische Originalausgabe erschien 2005), mir haben die unkommentierte und unwidersprochene Wiedergabe von Alltagsrassismus und der chauvinistische Einschlag des Kommissars den letzten Rest an Interesse verdorben. Der Kriminalfall ist eine Anhäufung von Elementen (zB Pakete mit Hinweisen an den Ermittler, Nutzung der Blumensprache), die anderswo bereits interessanter eingesetzt worden sind. Das Ende kommt plötzlich, ohne wirklich etwas aufzulösen. Nicht meins.

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Krimi Roman

Beate Maly – Mord auf der Donau

CN: Mord, Erwähnung von Kriegsverbrechen und Traumata aus dem 1. Weltkrieg, Vergewaltigung, Suizidgedanken


Die Ergebnisse der Nationalratswahl am 29. September 2024 haben mich tief betroffen zurück gelassen. Neben einem Nachrichten-Embargo und einem vorübergehenden Rückzug aus den sozialen Medien (also eigentlich nur Mastodon, sonst benutze ich ja nichts mehr) hatte ich auch kaum Lust, zu lesen. Gleichzeitig war mir nach etwas Eskapismus und einem Erfolgserlebnis. Also griff ich zum dritten Band von Beate Malys Reihe über die pensionierte Lehrerin Ernestine und den Apotheker Anton, die in der Zwischenkriegszeit immer wieder in Kriminalfälle stolpern. Zu diesem Buch gibt es außerdem einen Literatur-Geocache (das wäre das Erfolgserlebnis).

In diesem Buch spielt die Geschichte hauptsächlich auf einem Dampfschiff, das von Wien aus nach Budapest fährt (und wieder zurück). Um eine geplante Keksfabrik entspinnt sich, was Boulevardzeitungen heute ein Familiendrama nennen würden. Die Szegediner Fischsuppe spielt eine wichtige, wenn auch nicht entscheidende Rolle. Drei Abende später war der Fall gelöst. An den Wahlergebnissen hat sich leider nichts geändert.

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Krimi Roman

Christian Schleifer – Perchtoldsdorfer Schweigen

CN: Mord, Gewalt, Nationalsozialismus, Brand, Feuer, Vergewaltigung


Während ich die letzten beiden langen und aufwändigen Blog Posts vor mir hergeschoben habe, brauchte ich zur Ablenkung einen unanstrengenden Krimi. Es wurde der zweite Band von Christian Schleifers Perchtoldsdorf-Reihe, den ich zusammen mit dem ersten Teil aus einem Bücherschrank gefischt hatte.

Im ersten Teil spielte sich das Geschehen im Rahmen eines Sommertheaters ab, im zweiten Teil steht ein (erfundener) Nazi-Bunker unter den Perchtoldsdorfer Weinbergen im Zentrum. Der Anfang ist sehr clever geschrieben: aus der Perspektive einer unbekannten Person wird der Bunker erstmals beschrieben, erst ganz zum Schluss löst sich auf, wer das denn nun war.

Rund um den Nazi-Bunker wird viel Geschichte thematisiert. Ein jüdisches Weingut, dessen Inhaberfamilie im Rahmen des Nationalsozialismus verfolgt und deportiert wurde. Wie der Name dieses Weinguts und der Familie aus den Geschichtsakten getilgt wurde, um jede Spur davon zu vernichten. Wie durch die Entdeckung des Bunkers unter den Weinbergen und den darin befindlichen Dokumenten aufgedeckt wird, was damals tatsächlich passiert ist.

Ein unterhaltsam geschriebener Lokalkrimi, der sich nicht davor scheut, auch schwierige Themen anzusprechen und den aktuellen Mordfall mit mehreren Familiengeschichten sinnvoll verknüpft.