Ayobami Adebayo – Stay With Me

Women manufacture children and if you can’t you are just a man. Nobody should call you a woman.

Dieses Buch erzählt eine komplexe Familiengeschichte in Nigeria. Zentral ist das Dreiecksverhältnis zwischen der Haupterzählerin Yejide, ihrem Ehemann Akin (Teile des Buches werden auch aus seiner Sicht erzählt) und Akins Bruder Dotun. Eine wichtige Rolle spielen jedoch auch die Eltern der Protagonisten, speziell Akins und Dotuns Mutter, die einen enormen gesellschaftlichen Druck über ihre Schwiegertochter heraufbeschwört. In dieser Gesellschaft gilt eine Frau nur solange etwas, wie sie ihrem Mann Kinder schenkt. Geschieht das nicht, wird dem Mann eine Zweitfrau (oder Drittfrau oder Viertfrau) zur Seite gestellt (von den Eltern des Mannes).

A man is not something you can hoard to yourself; he can have many wives, but a child can have only one real mother. One.

Yejide droht unter dem eigenen Kinderwunsch, der Angst, ihren Mann zu verlieren und dem Druck der Schwiegermutter zusammenzubrechen. Akin, der keine Zweitfrau möchte und sich nur grollend den Anforderungen seiner Mutter fügt, findet schließlich eine andere Lösung, um die Kinderlosigkeit und damit Yejides Leiden zu beenden. Eine Lösung, die alle drei Betroffenen jedoch noch lange beschäftigen wird.

The reasons why we do the things we do will not always be the ones that others will remember.

Das Thema des Verlustes und der Angst davor zieht sich durch all die beschriebenen Jahre in dieser Geschichte. Können wir uns eines Menschen überhaupt sicher sein? Wieviel Schmerz und Verlust kann ein Mensch aushalten und sich trotzdem immer wieder auf neue Beziehungen und damit das erneute Risiko eines Verlustes einlassen? Das Buch wirft auch Fragen über unerfüllten Kinderwunsch auf. Welche Mittel sind zulässig, um ein Kind in die Welt zu bringen? Welche Moralvorstellungen werden über Bord geworfen, um neues Leben in die Welt zu setzen? Kann aus einer Tat, die aus falschen Motiven begangen wurde, trotzdem etwas Gutes entstehen? Fragen, die noch lange nach den letzten Worten dieses Buches in der Leserin nachklingen.

Eric-Emmanuel Schmitt – Die Frau im Spiegel

Sich fortzupflanzen? War es das, was die Frauen in ihrer Umgebung alle nicht erwarten konnten? Selbst die unbändige Ida?

Dieses Buch hatte ich schon auf meiner letzten Reise begonnen, nur irgendwie war der Anfang etwas schleppend und ich konnte mich nicht wirklich auf die drei Protagonistinnen einlassen. Das Buch beschreibt drei Frauen, die sich den Normen ihrer aktuellen Gesellschaft nicht unterwerfen können oder wollen. Sie lehnen sich auf gegen die Erwartungen, die an sie als Frau gestellt werden: zu heiraten, fruchtbar zu sein, sich in Liebe einem Mann zu unterwerfen. In unterschiedlichen Epochen und unterschiedlichen Verhältnissen lebend bleiben den Frauen verschiedene Möglichkeiten, sich mit den gesellschaftlichen Erwartungen zu arrangieren oder sie herauszufordern.

Anne von Brügge läuft ihrer eigenen Hochzeit davon, fühlt sich nur mit der Natur eins und wird aufgrund ihres unerschütterlichen Glaubens, dass Gott in der Natur lebt und durch sie spricht, schließlich als Ketzerin verbrannt.

Hanna Waldberg droht unter den Erwartungen ihres Ehemannes und seiner Familie, ihm möglichst bald Kinder zu schenken, zusammenzubrechen. Die Begegnung und Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse eröffnet ihr schließlich einen neuen Lebensweg abseits der Pfade, die die Gesellschaft für eine Frau in ihrer Stellung vorgesehen hat.

Anny Lee lässt sich als erfolgreiche Schauspielerin von ihrer Agentin gängeln und versucht ihre Freiheit durch Alkohol- und Drogeneskapaden auszuleben. Ihr fehlt nicht nur ein Bezug zur realen Welt sondern auch ein Gefühl für ihren eigenen Körper. Dabei können ihr auch die Beziehungen zu wechselnden Männern nicht helfen. Erst als sie ihre Vorstellungen davon, was Liebe sein muss, zurücklassen kann, findet sie eine neue Perspektive auf die Welt.

Du bist sehr viel mehr, als das, was du glaubst zu sein.

Glennon Doyle Melton – Love Warrior

As I took on these roles, I kept waiting for that day when I could stop acting like a grown-up because I’d finally be one. But that day never came. My roles hung on the outside of me like costumes.

Diese Parnassus-Empfehlung ist nicht mehr ganz taufrisch und daher inzwischen auch in der Bücherei Wien angekommen. Die Lektüre hat mich zuerst etwas ratlos zurück gelassen. Viele Teile waren mir schlicht zu esoterisch (durch Yoga endlich ein Körpergefühl gefunden), manche zu hysterisch (Pornografie ist der Teufel), gleichzeitig steht es mir nicht zu, die Erfahrungen und Emotionen anderer Personen zu bewerten. Dass die Autorin ihren persönlichen Entwicklungsprozess in die Öffentlichkeit trägt, zeugt von großem Mut.

In vieler Hinsicht kann dieses Buch als Zeugnis dafür herhalten, dass ein Mensch es schaffen kann, aus einer scheinbar unlösbaren Katastrophe gestärkt hervorzugehen und daraus zu lernen. Viele Menschen dürften sich in einzelnen Situationen wiederfinden und können daraus möglicherweise etwas für den eigenen Lebensweg und den Umgang mit schwierigen Lebenssituationen mitnehmen. Am Ende war auch für mich eine Erkenntnis dabei, die ich auf meine persönliche Situation anwenden konnte, wenn auch nicht ganz so plakativ wie die Tatsache, dass Yoga beim Atmen hilft.

Yasmina Reza – Der Gott des Gemetzels

Für die Reading Challenge musste ich auch ein Theaterstück auswählen und entschied mich für Yasmina Reza. An die Trailer zur Verfilmung von Roman Polanski kann ich mich noch einigermaßen erinnern, da wurden natürlich die drastischen Szenen aus der zweiten Hälfte des Stückes verwendet.

Meine Erinnerung scheint mich zu trügen, ich hatte gemeint, mich zu erinnern, dass wir in meiner zweiten Episode mit dem Theater der Jugend einmal ein Stück von Yasmina Reza dabei hatten, kann jedoch keine Erinnerungsfetzen an Ein spanisches Stück finden. Möglicherweise hatte ich auch an diesem Termin gerade keine Zeit.

Véronique: Wir versuchen, sie zum Lesen zu bringen. Wir nehmen sie in Konzerte und Ausstellungen mit. Wir sind so naiv, an die zivilisierende Kraft der Kultur zu glauben!

Alle 4 Protagonisten des Stückes sind auf ihre Art unsympathisch, wobei ich schon sagen muss, dass Alain deutlich mehr Unsympathie auf sich zieht, als etwa die dem zivilisierten Umgang huldigende Veronique. Die Elternpaare treffen sich, um den Umgang mit einer Prügelei ihrer Söhne zu besprechen und geraten darüber selbst in einen Streit, der sogar mit Tätlichkeiten endet und die zerrütteten Familienverhältnisse bloß stellt. Auf Papier plätschert das Ganze irgendwie vorbei, auf der Bühne stelle ich es mir kurzweilig vor.

Reading Challenge: A play

Arno Geiger – Alles über Sally

Vielleicht stimmte es, dass alles Friedliche eine unruhige Vergangenheit besitzt. Vielleicht wussten sie es nur nicht, weil wie so dumm waren wie das Leben selbst.

Wenn der Weihnachtsstress hereinbricht, kann einem diese Onlinebücherei ganz schön Stress verursachen … gerade hab ich’s noch geschafft, das Buch zu beenden, bevor es vorweihnachtlich verschimmelt. Und das noch mit einem unerwarteten Bug. Die Erstdatei mit allen meinen Bookmarks hat sich vor der Zeit selbst zerstört und daher sind meine ganzen Notizen und Highlights weg. Immerhin konnte ich es nochmal runterladen und wenigstens noch die letzten 15 Seiten lesen. Ich sah mich schon in der Buchhandlung stehen und dort zu Ende lesen …

Also … alles über Sally. Arno Geiger ist auch einer dieser österreichischen Autoren, die in den vergangenen Jahren so gehypt wurden, dass ich schon mal prinzipiell skeptisch bin, sie könnten abgehoben und metaphorisch sein, sodass man nichts versteht (mit Clemens J. Setz’ Söhne und Planeten konnte ich beispielsweise überhaupt nichts anfangen). Bei „Alles über Sally“ ist sich der Einstieg bei weitem nicht so kompliziert und auch wenn sich Sally oder ihr Mann Alfred manchmal in etwas zu ausgedehnten Grundsatzmonologen verlieren, wird es doch selten langweilig.

Arno Geiger zeichnet die Ehe von zwei gealterten Menschen, die in ihrer Jugend aus dem Establishment ausbrechen wollten (wollten wir das nicht alle?), die dann aus einem niemals thematisierten Grund den traditionellen Weg Heirat-Haus-Kinder einschlagen und 20 Jahre später ernüchtert feststellen, dass ihre Ehe unter der Last der Zeit zerbröselt. Während Alfred sich selbst versichert, alles nochmal genauso machen zu wollen, träumt Sally von Freiheit und fragt sich, ob sie nicht mehr vom Leben haben hätte können. Beide haben Affären, beide wissen von den Affären des anderen, beide wähnen sich in Sicherheit, beide schweigen.

Bedrückend ist die Realitätsnähe, die man auf jeder Seite spüren kann. Dieses Paar könnten unsere Nachbarn sein, dieses Paar könnten wir aber auch selbst noch werden, dieses Paar könnten wir gewesen sein (je nach Alter). Dieses junge, lebensfrohe Paar könnten wir gewesen sein wollen. Und doch steht niemals eine Trennung von Sally und Alfred wirklich im Raum. Sie hängen aneinander, an der Sicherheit, die sie sich gegenseitig geben. Vielleicht ist es diese Sicherheit, die eine Ehe ausmacht, die viele Ehen am Leben hält, während andere auseinandergehen. So schenkt ihnen der Autor auch zum Abschluss einen versöhnlichen, nachweihnachtlichen Moment der Stille.

Thomas Glavinic – Das Leben der Wünsche

Vielleicht lag es an ihm. Vielleicht war er zu oberflächlich, um die essenziellen Komponenten der Dinge zu erfassen, die über die philosophischen Seiten der Liebe hinausgingen. Aber dann war es eben so. Sein Intellekt bescherte ihm weder Sinn noch Antworten. In der Liebe zu Frauen lag Sinn und lag das Gefühl einer Antwort. An manchen Tagen, in mancher Minute fühlte er eine Antwort. In Marie zu sein war eine Antwort. In einer Frau, in die er verliebt war, hörte er leise das Universum. In einer Kirche nicht.

Jonas wird auf der Straße von einem Mann angesprochen, der ihm drei Wünsche offeriert. Jonas will ihm nicht glauben, fühlt sich gepflanzt. Schließlich wünscht er sich, zu verstehen. Was er zuerst als harmlose Episode abtut, erweist sich bald als alles verändernder Schnitt in seinem Leben. Jonas stürzt ihn eine Zeit, die ihm alle möglichen menschlichen Emotionen auftischt. Doch versteht er?

Er hob ab. Es ging leicht. Raum, Zeit, Materie waren nichts und eins, und in der Sekunde darauf war er die Zimmerdecke.
Er war Mauer, Fugen, Staub. Obwohl er alles sah, was sich unter ihm befand, hatte er das Gefühl, seine Augen seien geschlossen, ja, in Wahrheit hatte er das Gefühl, keine Augen zu haben. Statt Hitze oder Kälte fühlte er eine Verbindung mit dem Haus und mit den Dingen. Er roch nichts außer sich selbst, den freundlichen Geruch von Stein. Unter ihm das leere Bett. Der Schrank. Der Teppich. Der Nachttisch. Das Fenster. Die Tür. Elemente einer Ordnung, die ihm nun wohlgesinnt war.

Jonas verliert seine Frau. Jonas verliert schließlich auch seine Geliebte. Und bekommt sie zurück.

Nicht Problem, ich finde es schade. Schade, dass nicht die ganze Welt, alle sechs oder sieben Milliarden Menschen, eine Sekunde zugleich bewusst erleben kann. Sagen wir, jedes Jahr am neunten April um zwölf Uhr mittags mitteleuropäischer Zeit besinnen sich alle auf das, was sie gerade tun, verbringen diese Sekunde ohne Ablenkung, denken sich: Das ist hier und jetzt. So ist es, so wird es gewesen sein.

Diese Passage erinnert leicht an Flash Forward (warum diese Fernsehserie nicht weiter produziert wurde, ist mir nach wie vor nicht klar). Irgendwie lässt sich bestimmt auch eine Parallele zu 9/11 drehen. Weil ja jeder weiß, wo er war, als er gehört hat, dass ein Flugzeug ins World Trade Center gerast ist. Auch wenn es nicht in einer Sekunde passiert ist.

Aus dem Nichts, auf schnurgerader Landstraße brach wieder das kurze Gefühl von Entfremdung über ihn herein, das dem Weltverlust voranging. Im Moment darauf schwebte er in haltlosem Nichts.

Das Tempo wird schneller. Seit er mit Marie unterwegs ist, brechen die Erkenntnisse nur so über ihn herein. Und er wird auch langsam misstrauisch und wünscht sich die Gesundung seiner Freundin Anne, die an Krebs im Endstadium leidet. Wird er am Ende selbst sterben müssen? Gibt es am Ende nur mehr das eine, was man verstehen kann?

Eva Menasse – Vienna

„Die Tränen, die er nie geweint hat“, sagte mein jüngerer Vetter nachdenklich. „Mein Gott, was bist du für ein Pathetiker“, ächzte mein älterer Vetter, und mein Vater tat, als habe er von dieser ganzen Lainz-Burma-Geschichte überhaupt nichts mitbekommen. In meiner Familie schämt man sich für Emotionen bis auf die Knochen.

Liest man diese unterhaltsamen Familiencharakteristik, kommt einem nicht eine einzige Sekunde in den Sinn, es könnte der erste Roman der Journalistin Eva Menasse sein. Eine Sammlung von Familienanekdoten fügt sich Stück für Stück zu einem Portrait von unterschiedlichsten Figuren über mehrere Generationen zusammen. Wirklich erfassen kann man die Familie wohl nur, wenn man sich während des Lesens die Zeit nimmt, den Familienstammbaum zusammenzustellen. Über den Krieg, die Geschichten der Großeltern und der resoluten Tante Gustl bis zum jüdischen Fundamentalismus des Bruders und der Vettern breitet sich die Familiengeschichte zu einem Panoptikum aus skurrilen und doch liebenswerten Persönlichkeiten aus.

Meine Schwester schien ihn anfangs gar nicht zu bemerken. Sie, deren Schönheit nun allerorten gepriesen wurde – „a fesche Katz“, gestanden sogar die Würfelmonster zu –, gab sich gerne den Anstrich hoheitlichen Desinteresses. Sie glaubte wohl selbst, daß auf sie jemand ganz Besonderer warte, eine Art Märchenprinz für die verwöhnte Prinzessin.

Charmante Wiener Eigenarten bilden die charakteristische Grundlage der Familientradition. Die Bridge-süchtige Großmutter und der Tennisclub prägen die Generationen über Jahrzehnte hinaus. Im Tennisclub sind auch die so genannten „Würfelmonster“ – dem Würfelspiel verfallene ältere Damen mit erbarmungslos scharfen Zungen – zuhause, so manche Episode nimmt hier ihren Ausgang.

Wenn das begann, wenn die alten Familiengeschichten zum tausendsten Mal heraufbeschworen, durchgekaut und neu interpretiert wurden, flüchteten sich die angeheirateten Frauen theatralisch eine Weile lang in die Küche, weil sie es angeblich „nicht mehr hören konnten“, England, Burma, Fußball, Film, das ‘Weißkopf’, die abgefeimte Tante Gustl und der Sohn, der irgendwelche klebrigen Mehlspeisen gestohlen hat. Aber sie kamen bald wieder zurück, denn obwohl sie es nie zugegeben hätten, liebten sie es längst genauso, das mehrstimmige Pointenfeuerwerk, die nicht endenwollende Serie ‘echter Königsbees’, die ganze Heimeligkeit dieses familiären Sagengutes, in das wir uns lustvoll einwickelten, weil es unser flüchtiges Zusammensein mit einer kurzen, aber kräftigen Wurzel in der Vergangenheit verankerte.

Doch nicht die so bekannte jüdische Jammerei über Benachteiligungen und Kriegsblessuren prägen diesen Roman, nicht die nervtötende Neurotik einer Lily Brett, nicht die intellektuelle Kulturkritik einer Siri Hustvedt. Die Familie ist das beherrschende Thema und dass diese Familie uns unser ganzes Leben lang begleiten wird, ob uns das nun gefällt oder nicht. Eine gleichzeitig beängstigende und beruhigende Schlussfolgerung, die jeden die Schrulligkeiten der eigenen Familienmitglieder für einen kurzen Moment mit anderen Augen sehen lässt.

Ephraim Kishon – … und die beste Ehefrau von allen

Eheringe (c) berwis/PIXELIO

Andererseits hat das handbremsenfeindliche Verhalten meiner Frau auch seine Vorteile. Sie ist dadurch leichter zu orten. Wenn ich sie zu Hause vergebens suche und wissen möchte, wo sie sich gerade befindet, brauche ich nur aufs Dach zu steigen und meine Blicke in Richtung Stadt zu lenken. Dort, wo eine kleine Rauchsäule aufsteigt, ist Frau Kishon. Eine sehr praktische Methode; allerdings keine sehr originelle, denn auch Indianer und Kardinäle verwenden Rauchzeichen.

In gewohnt zynischer und (selbst-)ironischer Art beschreibt Kishon das Zusammenleben mit seiner Sarah – der besten Ehefrau von allen. Nicht nur ihr Tick bei der Auswahl der Kleider bzw. dem Styling für eine rauschende Silvesterparty können von etwa jedem Mann und jeder Frau nachvollzogen werden. 

Hübsche Episoden aus dem Eheleben, schnell gelesen und immer wieder etwas für zwischendurch. Wer sich an Alltagssatiren erfreuen kann, ist mit Kishon immer auf der sicheren Seite.