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English Memoir

Tara Westover – Educated

In retrospect, I see that this was my education, the one that would matter: the hours I spent sitting at a borrowed desk, struggling to parse narrow strands of Mormon doctrine in mimicry of a brother who’d deserted me. The skill I was learning was a crucial one, the patience to read things I could not yet understand.

Dieses Buch wurde von Parnassus und sicher auch auf Lithub viele Male empfohlen, ich hatte es auf meiner Leseliste in der Overdrive eLibrary App, lange war es nicht verfügbar. Inzwischen wusste ich absolut nicht mehr, was mich überhaupt erwartet und war dann doch eher erstaunt und getroffen von der schonungslosen Erzählung des Aufwachsens einer Mormonin, deren Mutter allein auf die Heilkraft von Kräutern vertraut und deren Vater sich auf den nahenden Weltuntergang vorbereitet.

What was important to me wasn’t love or friendship, but my ability to lie convincingly to myself: to believe I was strong.

Die Autorin berichtet von Manipulation und Gewalt durch einen ihrer Brüder, geduldet durch ihre Eltern und die einzige Möglichkeit, die ihr blieb, um trotzdem zu überleben: sich selbst einzureden, dass nichts sie berühren kann.

I had come to belive that the ability to evaluate many ideas, many histories, many points of view, was at the heart of what it means to self-create.

Als sie schließlich gegen den Willen ihrer Eltern aufs College geht, wird ihr klar, wie klein ihre Welt bisher war und wie viel Wissen ihr vorenthalten wurde. Diese neue Weltsicht entfremdet sie endgültig von ihrer Familie. Sie scheitert an dem Versuch, zuhause eine andere zu sein als sie am College ist. Eine bedrückende und beeindruckende Entwicklungsgeschichte.

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English Erfahrungsbericht Memoir

Dani Shapiro – Inheritance

Meta: During the weeks of isolation I’ve been thinking a lot about a concept that I now call idyllic illusions. (I don’t know if anyone else uses this term in any other meaning.) As an example I want to describe the thoughts that I had about the perfect place to live. I was dreaming about a small house with a little garden (in Austria this is called Schrebergarten), so I could sit outside, enjoy the weather, grow vegetables and herbs in the garden and so on. Around easter I took a few hours to clean the balcony of my flat (I’m currently living in a flat on the first floor of a building with 6 other flats in the house). During these cleaning sessions I realized, how much work it would be to have a garden and how much I hate all the work that is involved with maintenance of a living space. I like the idea of growing vegetables (I’ve done so for the last few years in a raised bed at my parent’s place) but I don’t really like the work. The thought of lawn-mowing makes me cringe immediately.

The idyllic illusion of moments of this imagined life has been haunting me again and again in the past years. And it’s not the only one. The white dress and the perfect wedding day is another of these idyllic illusions. I have been to many weddings and I don’t wish to have that for myself anymore. But I still feel a longing for this idyllic illusion when I watch a wedding on TV.

One reason for this is maybe the concept of the moment. Isolated moments can seem perfect and it’s easy to imagine them. What we usually don’t imagine is the whole thing. The whole day, week, month, year, life around these solitary perfect moments. Until now this insight hasn’t helped me to let go of these idyllic illusions but it may be one step on the way.


You’ll never know was unacceptable. You’ll never know simply could not be what I was left with in the end. Who was I without my history?

Sucessful author Dani Shapiro takes a genome test and discovers that her father is not really her biological father. What follows are months of searching for her identity and trying to find out about the circumstances of her own conception. Both her parents have died some years ago, asking them directly is out of the question.

Instead of a false narrative, there would be an infinity of narratives.

She describes a feeling of losing herself, as if the family she knew to be hers had vanished in the one moment she found out about her genetic heritage. Her jewish roots now seem at least half wrong although the rabbi confirms that she „is still jewish“.

It would be easy to fantasize that this would have been better. But we can never know what lies at the end of the path not taken.

The author wonders a lot about why her parents never told her the truth or if they even knew it themselves. How could they have kept such a secret through all those years? Dani Shapiro finally has to settle on presumptive evidence. Lots of research on the practice of artificial insemination leads her to a place where she is able to accept that whatever her parents knew, they made their decisions out of love and longing for a child.

That book idea that I mentioned in the last post, I don’t think I will be able to write it. While I admire how many memoir writers dissect their lifes and feelings I can’t imagine making myself vulnerable in such a way.

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Erfahrungsbericht Memoir

Sue Monk Kidd und Ann Kidd Taylor – Granatapfeljahre

Was mich zum wichtigsten Grund dafür bringt, warum es der reine Wahnsinn wäre, wenn ich eine Schriftstellerkarriere anstreben würde: Es erfordert viel zu viel Selbstvertrauen.

Wenn ich schon selbst nicht verreisen kann, dann kann ich wenigstens einen Reisebericht lesen, dachte ich mir. Die Reisen sind aber in diesem Buch eigentlich nur der rote Faden für die Entwicklung der beiden Autor*innen und ihrer Beziehung zueinander. Sie sind Mutter und Tochter.

Die Jüngere kämpft mit einer Ablehnung, die ihr den Lebensweg verstellt, den sie sich als Erfüllung ihrer Träume vorgestellt hat. Die Ältere hadert mit dem Übergang in eine neue Lebensphase, die Menopause macht ihr nicht nur körperlich zu schaffen, sondern lässt sie auch seelisch ihre Lebensentscheidungen hinterfragen. Auf ihrer spirituellen Suche befassen sie sich mit der griechischen Sage von Demeter und Persephone, der Jungfrau von Orleans und der Gottesmutter Maria, hauptsächlich in Gestalt der Schwarzen Madonnen, die berühmteste ist im französischen Rocamadour zu finden.

Die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Mythen und den Rollen, die Frauen in ihrem Lebensverlauf spielen (können), hilft schließlich beiden, sich über ihren weiteren Lebensweg klar zu werden. Der spirituelle Zugang mag nicht allen Leser*innen gefallen (mir war es streckenweise auch zu viel innere Einkehr), für mich war es aber ein interessanter Zugang, das Reisen nicht nur um des Reisens willen zu betrachten, sondern auch als „Reise zu sich selbst“.

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Memoir

Maury Laura Philpott – I Miss You When I Blink

My mind seeks the tidiness of a question answered. An agenda complete. A box checked. That’s what harmony feels like in my brain.

In vielen Erzählungen dieses Memoirs habe ich mich selbst wiedergefunden. Das zeigt sehr schön, dass Menschen viel gemeinsam haben können, obwohl ihre persönliche Vorgeschichte und ihre aktuellen Lebensumstände komplett unterschiedlich sind. Natürlich gibt es übergeordnete Ähnlichkeiten: Mittelklasse, weiße Hautfarbe, freiberufliche Arbeit mit Text/in den Medien. Aber auch bei der generellen Einstellung zum Leben konnte ich einige Gemeinsamkeiten erkennen.

I sense the ticking of an invisible stopwatch in everything I do, because life’s to-do list never seems to get shorter, which means the only hope for feeling some sense of progress is to get through it without delay.

Die Autorin erzählt Begebenheiten aus ihrem Leben, reflektiert über ihre eigenen Handlungen, Entscheidungen und Beweggründe. In mehreren Episoden beschreibt sie ihre Freude am Organisieren, am Aufbrechen von Aufgaben in kleine Teile, die dann erledigt und abgehakt werden können. Die Geschwindigkeit unserer Gesellschaft gibt uns oft das Gefühl, jeden Moment unseres Tages bestmöglich nutzen zu müssen. Aber die Liste der zu erledigenden Dinge wird niemals vollständig abgearbeitet sein. Das wäre das Ende des Lebens. Eine bewusste Reflexion über die Dinge und Menschen, die uns wirklich wichtig sind, kann uns daher eher zu einem Zustand von Zufriedenheit und Harmonie führen, als ein weiteres erledigtes To-do.

I used to think that if only I could make everything perfect, then I could relax and have fun.

Sie beschreibt auch diesen mir sehr gut bekannten gedanklichen Prozess: Wenn ich nur endlich [hier einsetzen, was wir bisher nicht geschafft haben], dann könnte ich endlich [was wir gern wären, aber bisher nicht sind]. Dieser Gedanke hält uns in einem ewig unfertigen Zustand. Wenn wir endlich diese eine Sache geschafft haben (in den Fällen, die tatsächlich realistisch betrachtet zu schaffen sind), dann werden wir uns für einen Moment erleichtert/glücklich/am Ziel fühlen. Dieses Gefühl flaut jedoch zu schnell ab und schon taucht die nächste unerledigte Sache am Horizont auf. Das Leben ist nicht teleologisch. Das Leben ist ein Prozess und wenn wir das Leben als ständige Veränderung akzeptieren können, vermindert das den Druck, etwas anderes sein oder tun zu müssen. (Deshalb geht mir auch die religiöse Idee, Gott als Veränderung zu betrachten, aus Octavia E. Butlers Parable-Serie nicht aus dem Kopf. Meine Gedanken dazu hier: Parable of the Sower. Parable of the Talents.)

If figuring out what step to take next meant we immediately had to figure out every step afterward, too, then taking the next step would be impossible.

Dieses Zitat hat mich gerade in der aktuellen Situation sehr angesprochen. Wir leben in einer Zeit der Unsicherheit, wir wissen nicht, wie sich die Situation um Covid19 weiter entwickeln wird. Selbst diejenigen von uns, die sich in einer unkritischen Situation befinden (was in meiner hier angewandten Definition auf alle zutrifft, die gesund sind, ein sicheres Zuhause haben und ausreichend finanzielle Mittel, um keine unmittelbaren Existenzängste haben zu müssen), schauen mit einer gewissen Skepsis in die Zukunft. Alle Einschätzungen darüber, wie wir in 3 Wochen, 3 Monaten oder 3 Jahren leben werden, sind von so vielen Faktoren abhängig, dass jede langfristige Planung völlig unmöglich erscheint.

Genau genommen ist das aber immer so, es ist uns im Alltag (wie wir ihn vor der Krise erlebt haben) nur nicht so bewusst. Katastrophen können jederzeit völlig unerwartet eintreffen und unsere Pläne durcheinander werfen. Dagegen hilft nur eine gelassene Einstellung zum Leben und die Flexibilität, auf neue Situationen zu reagieren und uns so schnell wie möglich darauf einzustellen. Wenn wir die aktuelle Situation dafür nutzen, diese Fähigkeiten bewusst zu trainieren, können wir persönlich gestärkt aus dieser Krise hervorgehen.

When I feel pressure to do the one exactly right thing – which I feel all the time because I am human and a perfectionist – I remember all the selves I simultaneously have been, am, and will be. I miss you when I blink means I know all my selves are here with me, and I know we can do this.

Isolation Tag 16. 29. März 2020

Nach einem gefühlsmäßigen Einbruch am Anfang der Woche (ausgelöst durch von anderen vorgebrachte düstere Erwartungen für die fernere Zukunft) hat sich eine Art Isolationsalltag eingestellt. Ich achte auf Routinen, plane Spaziergänge und Mahlzeiten, habe mit Yoga-Videos auf Youtube begonnen. 

Gestern war ich insgesamt über sieben Stunden online mit Menschen im Gespräch. Das ist nicht dasselbe wie das persönliche Beisammensein und natürlich langfristig auch nicht genug. Aber es wird auch so langsam zu einer Gewohnheit. 

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Memoir

Abigail Thomas – What Comes Next and How to Like It

After a nap or in the middle of the night I wake up and realize I have no idea what town I’m in or what street I live on. Which direction are my feet pointing, which way is north, where are the windows and doors in this bedroom? It takes me a moment, but then there are the warm bodies and sweet snores of my dogs, and I know it doesn’t really matter where I am.

Der Lithub-Artikel, aus dem ich mir dieses Buch notiert hatte, ist inzwischen auch schon fast zwei Jahre alt. Die Autorin des Artikels, Mary Laura Philpott, hat 2019 mit I Miss You When I Blink selbst ein Memoir veröffentlicht, das ich auch auf der Leseliste habe. In dem Artikel argumentiert sie mit der Nachfrage nach Büchern, die „normale“ (hier ist das Wort schon wieder …) Lebensgeschichten thematisieren. Ihrem Standpunkt schließe ich mich an: Menschen wollen nicht nur Sensationsgeschichten lesen, sie wollen Bücher lesen, in denen sie sich selbst (oder eine frühere oder vielleicht sogar zukünftige Version von sich selbst) wiederfinden.

They pull down books in which they find some version of themselves as they are now or were in the past or hope to be one day.

What Comes Next and How to Like It ist eben keine Sensationsgeschichte. Die Autorin beschreibt ihr Alltagsleben, mit ihrer Familie, ihren Hunden, ihrer Kunst (Malen und Schreiben) und ihren Schwierigkeiten. Sie thematisiert den Alterungsprozess, den spürbaren Verfall ihres Körpers, aber auch ihre (immer wieder scheiternden) Versuche, ihre schlechten Angewohnheiten in den Griff zu bekommen. [Ich möchte an dieser Stelle keine Wertung darüber abgeben, ob es sich bei dem thematisierten problematischen Alkoholkonsum bereits um eine Sucht handelt, das geht aus dem Buch nicht hervor und ist im Allgemeinen eine sehr große Grauzone.]

There is only what is. Anger is a distraction. Anger removes me from grief, and the opportunity to be helpful.

Das Buch besteht aus zumeist sehr kurzen Episoden, manchmal nur eine halbe oder eine ganze Seite, wenige Kapitel sind mehrere Seiten lang. Dadurch gewinnen die Alltagsbeobachtungen eine bestimmte Klarheit, als würde die Leserin durch eine Lupe auf bestimmte Aspekte des Lebens der Autorin schauen. Die Kürze der einzelnen Kapitel kann aber auch als Metapher auf die Kürze des Lebens allgemein gelesen werden. Unsere Wahrnehmung von Zeit verändert sich im Verlauf des Alterungsprozesses, ist aber auch abhängig von dem, was wir mit unserer Zeit anfangen. Tage, die wir mit Sinn füllen, erscheinen uns kurz, während Tage, die wir mit Warten (zum Beispiel auf das Ergebnis einer medizinischen Untersuchung) verbringen (müssen), sich endlos anfühlen.

Es sind keine banalen Alltagsbeobachtungen, sondern Reflexionen darauf, wie sich Geschehnisse anfühlen. Wir erfahren, wie sich die Autorin fühlt, wenn sie von der Affäre und später der Krebserkrankung ihrer Tochter erfährt. Sie reflektiert intensiv ihre persönlichen Beziehungen zu ihrer Familie und ihrem Freund Chuck; sie betrachtet ihre Wunden, um sie heilen zu sehen. Es ist ein sehr persönlicher Prozess, der mir die Idee des eigenen Schreibens wieder etwas näher gelegt hat. Wer wie ich schreibend seine Gedanken ordnet, wird in diesem Buch bestimmt die eine oder andere Version von sich selbst wiederfinden.

Randnotiz: An dieser Stelle möchte ich endlich mal den großartigen Podcast 3 Books with Neil Pasricha empfehlen. Ich habe inzwischen die ersten zehn Episoden gehört (der Podcast erscheint monatlich, aktuell sind 48 Episoden verfügbar) und jede Folge hat mich in irgendeiner Form persönlich berührt. Neil Pasricha befragt in jeder Folge eine Person nach ihren three most formative books. Die Gespräche drehen sich aber nicht ausschließlich um Bücher, sondern auch um persönliche Interessen, die Beziehung zu Büchern oder zur Buchbranche allgemein. Ein absoluter Lichtblick in meinem Podcatcher.

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Erfahrungsbericht Memoir

Nora McInerney – No Happy Endings

Diesen Post habe ich lange nicht schreiben können, weil es mir schwer fällt, alles zu erklären, was daran besonders und wertvoll ist. Weil ich diesen Post aber schreiben möchte, gibt es nach einer kurzen Anmerkung zum Inhalt nur eine Aufzählung der wichtigsten Punkte mit den dazugehörigen Zitaten.

Die Autorin erzählt in diesem Buch von ihren Lebenserfahrungen mit dem, was landläufig als Schicksalsschläge bezeichnet wird. Die Kurzfassung: Innerhalb sehr kurzer Zeit stirbt ihr Ehemann an einem Hirntumor, sie erleidet eine Fehlgeburt und ihr Vater stirbt. Wie sie damit umgeht und was sie in dieser Zeit empfindet, lässt sich nicht in Kurzfassung beschreiben, ich kann nur jedem, der sich mit Trauerbewältigung befassen möchte (und irgendwann werden wir alle an einen Punkt kommen, an dem wir das müssen), dieses Buch ans Herz legen. Weil es nicht nur von den traurigen Zeiten und den Momenten erzählt, in denen wir nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll, sondern auch davon, dass das Leben trotzdem weitergeht. Sie gibt Impulse zu vielen weiteren Lebensbereichen, diese folgen nun in kurzen Anmerkungen.

I have always had the gift of knowing what other people should do, and the charming habit of either giving them my unsolicited point of view or being irrationally upset with them for not living up to my unspoken expectations.

Erwartungen, wie wir denken, dass wir in bestimmten Situationen reagieren oder generell handeln sollten. Diese Erwartungen können von außen an uns herangetragen werden, oft sind es aber auch wir selbst, die diese Erwartungen an uns stellen. Wir gönnen uns keine Pause, weil wir denken, dass wir noch mehr tun könnten, wir setzen uns selbst unter Druck, wenn wir den (erfundenen) Erwartungen nicht gerecht werden.

Here’s a newsflash, my male friends. “Smile” is not a way to actually cheer a person up. It’s a way to tell them “please adjust your face to my preferences.” And it isn’t expected of men the way it is of women.

Speziell aus dem Umgang mit Trauer erwachsen Erwartungen, mit denen wir vorher nicht konfrontiert waren und die uns zwangsläufig in diesen schwierigen Momenten überfordern.

You don’t need to be this person’s everything because they already have a rich, full life outside of you.

Niemand sollte ALLES für eine andere Person sein oder sein müssen. Diese Erwartungshaltung kann eine Beziehung bis zum Zerbrechen belasten.

Because you’ll realize that having a relationship doesn’t mean sacrificing everything you enjoy at the altar of love.

Eine Beziehung ist nicht unser ganzes Leben. Beziehungen enden und das Leben geht weiter.

Of course people are shocked that Matthew can handle the fact that I love another man while I also love him. We’re used to people having loved before, we aren’t used to the idea that those loves could coexist, that they could happen at the same time.

Warum fällt es unserer Gesellschaft so schwer, zu akzeptieren, dass Menschen gleichzeitig mehr als eine Person lieben können? Wenn Menschen Kinder bekommen, hören sie doch auch nicht auf, die Menschen, die bisher in ihrem Leben wichtig waren, zu lieben. Und wir hören auch nicht auf, eine verstorbene Person zu lieben.

For a long time, love felt like something that I had to earn, that could be taken from me at any time for bad behaviour.

Liebe sollte nicht verdient werden müssen. Jeder Mensch sollte für sich selbst geliebt werden, ohne erst etwas dafür tun zu müssen.

Don’t confuse love with time, or attention, or anything else that can be quantified.

Liebe ist kein Topf voller Essen, der irgendwann zu Ende geht und dann ist für die Nachkommenden nichts mehr übrig. Liebe ist nicht messbar in mit der anderen Person verbrachter Zeit oder der Aufmerksamkeit, die der anderen Person entgegengebracht wird. Zeit ist endlich, Liebe ist unendlich.

I wasn’t seeing something new, I was seeing something that was always there, but that I’d been able to ignore because it didn’t affect me directly.

Oft verhindern unsere eigenen Privilegien, dass wir strukturelle Probleme erkennen können. Diese Erkenntnis habe ich selbst in den letzten Jahren immer wieder gemacht und Nora McInerney bringt dies hier so eindeutig auf den Punkt, wie ich es bisher nirgendwo sonst gelesen habe.

[The world] will be changed by what we teach this next generation of kids.

Gesellschaftlicher Wandel braucht Zeit. Die Welt, die Gesellschaft, alles, was sich langfristig verändern soll, kann nur dadurch verändert werden, was wir unseren Kindern über die Welt erzählen und welche Perspektive wir ihnen dadurch auf die Umstände in unserer Gesellschaft mitgeben.

Things change when people care enough to change them, and people can change, when they care to.

Dinge verändern sich nicht von allein, nur Menschen verändern Dinge. Dinge verändern sich nur dann, wenn Menschen sich ausreichend Mühe geben, um tatsächlich etwas zu verändern. Veränderung ist anstrengend und manchmal schmerzhaft für die einzelne Person. Wir müssen Geduld haben, denn Veränderung braucht Zeit.

Just the idea of having someone openly dislike me or my work held me back.

Diese Beschreibung trifft auf mich nach wie vor zu. Wenn wir uns aber verstecken und unsere Ideen und Werke bei uns behalten, damit sie niemand kritisieren kann, dann verstecken wir auch uns selbst vor der Welt.

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Erfahrungsbericht Memoir

Kelly Grey Carlisle – We Are All Shipwrecks

Mostly I felt bad that she hadn’t had a dad, that people had lied to her, that she hadn’t been happy at home. That she hadn’t lived. Mostly I just wished I knew more about her.

Das Buch beginnt mit einer Enthüllung. Die Mutter der Autorin wurde ermordet, als die Autorin selbst gerade drei Wochen alt war. Diese Tragödie könnte nun im Zentrum dieser Familiengeschichte stehen. Selbstverständlich hat dieses Ereignis den Lebensverlauf der Autorin massiv beeinflusst und sie sucht auch immer wieder nach näheren Informationen, sowohl über den Tod ihrer Mutter (und was davor geschah), als auch über den biologischen Vater, den sie nie kennengelernt hat. Viel wichtiger sind jedoch die Menschen, die in ihrem Leben sind und ihre Entscheidungen prägen.

I didn’t know then what I know now: that there are almost as many “weird” families as there are normal families; that “normal” isn’t really normal; that we all have stories to tell about where we come from.

Durch die Kindheit und Jugend der Autorin zieht sich ein intensives Gefühl des Nicht-Dazu-Passens, des Nicht-Normal-Seins. Der frühe Tod der Mutter, der abwesende Vater, Aufwachsen mit den Großeltern auf einem Boot im Hafen, das „zweifelhafte“ Geschäft des Großvaters (er betreibt einen adult video store), Privatschule mit Schuluniformen – auf der High School wird das Gefühl schließlich übermächtig und erst als die Autorin aufs College geht (diesen Lebensabschnitt behandelt das Buch nicht), findet sie eine Art Frieden mit sich selbst und ihrer Herkunft.

Immer wieder betont der Großvater, dass die Herkunft so prägend ist dafür, was aus uns wird, was für ein Mensch wir sind. Die Autorin kommt schließlich zur Erkenntnis, dass das nur ein Teil der Wahrheit ist. Wer wir sind/werden, passiert auch, wenn wir unser Zuhause verlassen, es passiert unser ganzes Leben lang. Unsere Herkunft, unsere Familie bestimmt in hohem Maße die Chancen, mit denen wir ins Leben starten. Was wir daraus machen, liegt aber in unserer eigenen Hand.

You are turning into “who you are” your whole life.

 

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Essays Memoir

Alexander Chee – How to Write an Autobiographical Novel

There was something I wanted to feel, and I felt it only when I was writing.

Dieser Lithub-Artikel über normale Lebensgeschichten enthielt unter anderem diese Buchempfehlung. Das Wort normal wollte ich eigentlich nicht mehr verwenden, aber das englische Wort regular im Titel des Artikels ist wohl tatsächlich in dieser Bedeutung zu verstehen, wie aus dem ersten Absatz deutlich hervorgeht. Die Autorin Mary Laura Philpott war übrigens lange Mitarbeiterin von Parnassus und hat mit I miss you when I blink in diesem Jahr selbst ein Memoir-in-essays veröffentlicht. In unserer pluralistischen Gesellschaft verliert das Wort normal im Sinne von normal ist, was die Mehrheit macht ohnehin zunehmend seine Bedeutung. Ein von der gesellschaftlich geprägten Normalitätsvorstellung abweichendes Leben zu führen, wird jedoch immer noch hauptsächlich negativ gesehen. Alternativ hatte ich in letzter Zeit das Wort gewöhnlich ausprobiert, es hat jedoch den Nachteil, dass es dem Gewöhnlichen einen negativen Beigeschmack verleiht.

You succeed, you celebrate, you stop writing. You don’t succeed, you despair, you stop writing. Just keep writing. Don’t let your success or failure stop you. Just keep writing.

Alexander Chee beschreibt in seinem Memoir-in-essays natürlich nicht nur, wie er einen autobiographischen Roman geschrieben hat. Das Schreiben dieses Romans war für ihn die Aufarbeitung eines Kindheitstraumas, ein Missbrauch durch einen Chorleiter. Schonungslos mit sich selbst erzählt der Autor, wie tief er die eigene Scham jahrelang in sich vergraben hatte und wie sich ihm durch das Schreiben und eine Therapie schließlich eine Art Ausweg aus einer dunklen Ecke seiner Erinnerungen eröffnete.

I was really only broken, moving through the landscape as if I were not, and taking all my pride in believing I was passing as whole.

Nebenbei beschreibt er die Entwicklung der Schwulenszene in New York und setzt politische Akzente mit Episoden aus seiner Zeit in einer Bewegung, die sich gegen die Diskriminierung von AIDS-Kranken eingesetzt hat. Er erzählt aus seiner Lehrtätigkeit und reflektiert dabei tiefgreifend, wie er seinen Schüler*innen zu vermitteln versucht, dass Schreiben eben nicht sinnlos ist, dass es einerseits die Schreibenden selbst verändert und andererseits auch bei den Leser*innen eine Veränderung bewirken kann. Er schreibt über das Zustandekommen von Beziehungen, was Beziehungen ausmacht („you each allow yourself new identities with each other“) und wie es uns gelingen kann, trotz aller negativen Entwicklungen nicht den Mut zu verlieren und weiterzuschreiben.

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Essays Memoir

Rebecca Solnit – The Faraway Nearby

He represents artists, makers, parents, and gods, but also something more essential, the self and its limits, for at a deeper level the monster is not his creation so much as it is the self he will not face, not own, not know.

Die Autorin und Journalistin Rebecca Solnit war mir über Lithub aufgefallen, sie veröffentlicht dort immer wieder durchdachte und komplexe Texte und ich bin mir sicher, dass The Faraway Nearby auch auf einigen Empfehlungslisten aufgetaucht ist. In dieser Sammlung von Essays setzt sich die Autorin auf einer sehr persönlichen Ebene mit der Alzheimer-Erkrankung ihrer Mutter und ihrer eigenen Krebserkrankung auseinander. Sie untersucht das menschliche Selbst, ihre eigenen Erfahrungen werden zum Ausgangspunkt von Überlegungen über Gefühlsphänomene wie Trauer oder Einsamkeit. In diese Betrachtungen webt sie literarische Beispiele ein wie etwa Mary Shelley’s Frankenstein (auf das sich das obige Zitat bezieht) oder die Geschichte von Siddhartha Gautama, dem Begründer Buddhismus.

Time always wins; our victories are only delays; but delays are sweet, and a delay can last a whole lifetime.

Die Alzheimer-Erkrankung der Mutter nimmt einen großen Platz in diesem Buch ein. Die Autorin beschreibt ausführlich und berührend, wie die Person, die sie als ihre Mutter kannte, Stück für Stück verschwindet und zu einer anderen Person wird, einer Fremden. Das Phänomen, dass Alzheimer-Erkrankte im fortgeschrittenen Stadium ihre Angehörigen nicht mehr erkennen, wird somit auch umgekehrt: auch die erkrankte Person ist für ihre Angehörigen nicht mehr erkennbar. Dieses (Nicht-)Erkennen spielt sich auf einer anderen Ebene ab, ist jedoch für die Angehörigen ein langwieriger Verarbeitungsprozess. Symbolisch für den körperlichen Verfallsprozess im Allgemeinen steht ein Haufen Marillen vom Baum im Garten der Mutter, der zuerst eine zusätzliche Belastung zu sein scheint und später eingekocht im Glas als Erinnerungsobjekt dient.

There is always someone whose suffering is greater than yours. The reproaches are often framed as though there is an economy of suffering, and of compassion, and you should measure yourself, price yourself, with the same sense of scarcity and finite resources that govern monetary economies, but there is no measure of either.

Es sind viele Absätze wie das vorige Zitat, die dieses Buch in meinen Augen so großartig machen. In den einzelnen Essays bezieht sich die Autorin auf so viele Probleme unserer aktuellen Gesellschaft, sie bringt ein Thema auf, beschreibt es ausführlich anhand von aktuellen und literarischen Beispielen, dreht es herum, lässt den Leser von allen Seiten darauf schauen und fasst es anschließend auf so kurze Art zusammen, dass diese Sätze wie eine Glühbirne aufleuchten. Die oben beschriebene economy of suffering habe ich in anderen Umgebungen bereits beschrieben gehört, aber noch nie in so eindrücklichen Worten. Der Kapitalismus definiert somit sogar unseren Umgang mit dem Leiden von Menschen, mit unserem eigenen Leiden. Dazu passt auch die folgende Beschreibung, wie die Meinungen und Ideen von anderen Menschen unser Leben beeinflussen:

We live as literally as that inside each other’s thoughts and work, in this world that is being made all the time, by all of us, out of beliefs and acts, information and materials. Even in the wilderness your ideas of what is beautiful, what matters, and what constitutes pleasure shape your journey there as much as do your shoes and map also made by others.

Niemand kann sich frei machen von gesellschaftlichen Erwartungen. Wir haben diese im Rahmen unserer Sozialisation verinnerlicht und selbst, wenn wir uns noch so bemühen, unserem Milieu zu entkommen und anders zu sein (oder zu werden), können wir diese verinnerlichten Werte nicht hinter uns lassen. Auf diesen verinnerlichten Werten basieren wiederum alle unsere täglichen Urteile über die Welt, über andere Menschen und ja, auch über uns selbst.

Zum Abschluss möchte ich noch ein Zitat bringen, das in meinen Augen sehr gut illustriert, warum für mich die Beschäftigung mit Kunst oft so frustrierend ist (wie ich in diesem Blog Post am Beispiel einer Ausstellung im ZKM Karlsruhe exemplarisch beschrieben habe). Das konnte ich selbst bisher noch nie so gut in Worte fassen: Kein Kunstwerk steht für sich allein, es basiert auf früheren Werken, auf einem Dialog zwischen der Künstler*in und der Vergangenheit, aber auch auf einem Dialog mit der aktuellen Gesellschaft. Wer die Sprache nicht spricht, wird nicht verstehen können, worauf sich ein Kunstwerk bezieht, wird die Verbindungen nicht sehen können, durch die die Künstler*in ihr Werk mit anderen Ideen verknüpft. Manche Kunstwerke funktionieren auch ohne die Kenntnis dieser Verbindungen und stehen für sich allein. Das ist jedoch eher die Ausnahme:

Part of the opacity of visual art for so many people is that each work of art functions as a statement in the long conversation of art making, responding to what has come before by expanding upon or critiquing or subverting it. To walk into an exhibition can be like walking into the middle of a conversation that doesn’t make sense unless you know who’s talking and what was said earlier or know the language that’s being spoken, though some artworks speak directly and stand alone.

 

 

 

 

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Memoir

Lisa Brennan-Jobs – Small Fry

Aufmerksam geworden bin ich auf dieses Stück Lebensgeschichte wieder mal durch Artikel auf LitHub: Das Titelbild wurde unter die besten Buchcover des vergangenen Septembers gewählt, es gab aber auch einen eigenen Artikel über den Entwicklungsprozess des Covers. Solche Artikel lese ich auf LitHub immer wieder gern, sie geben interessante Einblicke in einen kreativen Prozess, der den Inhalt des Buches mit einer grafischen Gestaltung verbindet.

What did I want? What did I expect? He didn’t need me the way I needed him. A dark and frightening loneliness came over me, a sharp pain beneath my ribs. I cried myself to sleep, the tears turning cold and pooling in my ears.

Die Autorin ist die Tochter von Apple-Gründer Steve Jobs. In ihrem Buch beschreibt sie ihre Kindheit, zuerst die frühen Jahre, die sie mit der alleinerziehenden Mutter verbrachte, immer wieder hart an der Kante zur Armut stehend, und später das Zusammenleben mit ihrem Vater, seiner neuen Partnerin und deren gemeinsamen Kindern. Über allen Begebenheiten schwebt stets das brennende Verlangen eines Kindes, dazugehören zu wollen, sich angenommen zu fühlen, um seiner selbst willen geliebt zu werden, ohne sich diese Liebe erst verdienen zu müssen.

So schreibt sie über ihre Mutter (in den Augen einer Teenagerin ein peinlicher, emotionaler Hippie):

I didn’t want my father to think I was anything like her. If he did, he might not want me.

Und später über den Vater und die neue Familie:

My mother already loved me. Even when she screamed at me, I knew it. I wasn’t so sure about them.

Über die exzentrische Persönlichkeit Steve Jobs wurde bereits zu seinen Lebzeiten viel geschrieben. Manche Eigenheiten, Verhaltensweisen gegenüber der Familie, werden in diesem Buch auch thematisiert. Es wird aber sehr deutlich, dass es nicht darum geht, den reichen, abwesenden Vater als unsensibles Monster abzustempeln. Es gibt eher einen Einblick in die komplexe Beziehungswelt einer Patchwork-Familie und die Mechanismen und Dynamiken, die sich in solchen Familienkonstellationen entwickeln können wie zum Beispiel Rivalität zwischen den Elternteilen um die Aufmerksamkeit des Kindes.