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Roman

Volker Kutscher – Transatlantik

CN: Gewalt, Mord, Gift, Nationalsozialismus, Drogenmissbrauch, Drogenverkauf, Feuer, Erwähnung Konzentrationslager, Erwähnung sexueller Missbrauch von Kindern


Was für ein beschissenes Geheimnis. Sie merkte, wie einsam sie dieses Geheimnis gemacht hatte. Mit niemandem über Gereon reden zu können.

Da ich letztens irgendwo gelesen habe, dass im Herbst der nächste (und letzte!) Rath-Roman erscheint, hat mich das daran erinnert, dass ich ja dann wohl jetzt Transatlantik in der Onleihe bekommen müsste. Eine Reservierung war notwendig, aber ich musste nicht lange warten. Und alle anderen Leseprojekte wurden vorläufig auf Eis gelegt …

Um nicht zu viel zu verraten, nur ein paar Beobachtungen im Telegrammstil:

  • Es wiederholt sich ein Muster: Menschen, die sich eigentlich nichts zuschulden kommen haben lassen (oder zumindest in bestem Wissen und Gewissen gehandelt haben), werden erpresst. Oft werden ihre Angehörigen bedroht, wenn sie nicht spuren.
  • Selbst der härteste Gangster kann zu Fall gebracht werden. Wenn auch zumeist nicht von der Polizei sondern von der Konkurrenz.
  • Das Geheimnis-Zitat von oben deutet es an: wenn Menschen ihrem engsten Familien- oder Freund:innenkreis nicht mehr trauen können, können sie sich auch nicht gegen Schikanen wehren. Sie sind dem System ausgeliefert.
  • Neben Machtgewinn oder Machterhalt ist Rache ein wesentliches Antriebsmotiv, selbst für die Charaktere, die in diesen Krimis die Sympathieträger:innen sind.

Er hatte inzwischen etwas verstanden: dass die nationale Revolution, die nationale Einigung und soziale Befriedung Deutschlands, die Heilung eines kranken Landes, dass das alles eine riesengroße Lüge war, dass das nur in den Köpfen irgendwelcher naiver Schwärmer existierte, wie er einer war. Oder hoffentlich nicht mehr war.

Da ich über jedes Buch der Reihe hier schon geschrieben habe, dürfte klar sein, dass ich ein Fan bin. In gewisser Weise reicht dieser Band vielleicht nicht an die bisherigen heran. Und ist trotzdem noch herausragende Krimiliteratur in einem bedrohlichen historischen Kontext.

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Roman

Verena Rossbacher – Mon Chéri und unsere demolierten Seelen

CN: Erwähnung sexueller Handlungen (keine grafischen Beschreibungen), Erwähnung von rassistischen Produktnamen in der Vergangenheit, Depression, Tod eines Elternteils, Krankheit (Krebs), Sterben, Tod, Erwähnung von Krieg und Konzentrationslagern


  • Dieses Buch hab ich mir aufgrund der Empfehlung der lieben Sonja auf die Leseliste gesetzt. Und ich kann mich ihrer kurzen Bewertung („Lesen! Super! Aber bitte nicht vorher die Buchbeschreibung lesen.“) nur vollinhaltlich anschließen.
  • Wir sind vermutlich die Zielgruppe, bei denen dieses Buch besonders gut ankommt: Menschen, die in den 80ern bzw. 90ern aufgewachsen sind und bei der Erwähnung von Inspektor Gadget oder Mixtapes nostalgisch warme Gefühle entwickeln. Das letzte Mal hatte ich sowas bei Minigolf Paradiso von Alexandra Tobor erlebt.

Das waren die Achtzigerjahre. […] Klingt, als wäre das hundert Jahre her, was? Aber ich bin dabei gewesen! Es war kurz nach dem Mittelalter und ich war mittendrin!

  • Neben diesen Nostalgieeffekten zeichnet sich das Buch aber auch noch durch eine unfassbar sympathische Protagonistin aus: Selbstironisch, ständig am Stolpern, mäßig erfolgreich in allen ihren Lebensbemühungen. Gleichzeitig geht sie aber mit einer scheinbaren Leichtigkeit durchs Leben, die sich im Verlauf der Geschichte nur noch steigert. Beispielhaft seien hier ihre Versuche, ein passables Selfie zu erstellen, genannt, die beinahe ins Comichafte abgleiten, aber trotzdem nie herablassend oder verzweifelt wirken.
  • Ein zentrales Motiv ist ihre Freundschaft mit Herrn Schabowski, dessen Postengel-Service sie aufgrund ihrer Angst, die Post zu öffnen, in Anspruch nimmt. Aus dieser Geschäftsbeziehung entwickelt sich im Laufe der Geschichte eine tiefe Freundschaft, die für beide Beteiligten das Leben entscheidend verändert.
  • Natürlich kommen auch zwischenmenschliche Beziehungen abseits von Freundschaft (oder darüber hinaus) nicht zu kurz. Eine der besten Szenen des Buchs (Achtung, Spoiler): Die Protagonistin lädt die drei Männer, mit denen sie vor Kurzem körperlich intim war, zu einem gemeinsamen Abend bei sich ein, um allen dreien gleichzeitig reinen Wein einzuschenken. Dazu kommt es an diesem Abend jedoch nicht, weil die gemeinsame Begeisterung für das Instrument zur Gründung eines Ukulelenorchesters führt.
  • Implizit werden auch traditionelle Lebensmodelle hinterfragt, indem sich die Protagonistin einfach nicht zwingen lässt, irgendetwas auf eine bestimmte Art und Weise zu machen. Sie findet ihren eigenen Weg, auch wenn der manchmal Hindernisse und Rückschläge beinhalten mag.

Ich spürte, dass Stück für Stück diese Vorstellungen, wie etwas zu sein hatte, abfielen, und ich fühlte mich gut damit, ich fühlte mich befreit.

Das Buch wurde 2022 mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet.

Eine wunderbare Geschichte, humorvoll, feinfühlig und alles andere als oberflächlich. Große Empfehlung.

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Krimi Roman

Volker Kutscher – Olympia

CN: Dieser Roman spielt in Berlin in den Jahren 1936/37, zu einer Zeit, als die Macht der Nationalsozialisten ständig wuchs und die Verletzung von Menschenrechten immer mehr zum Alltag wurde. Dieses Buch enthält Erwähnungen und Beschreibungen von damals gängigen Praktiken wie zB rassistischen und ableistischen Beleidigungen, Gewalt gegen Andersdenkende, Folter, Holocaust und Konzentrationslagern. Wenn dieses Thema für euch schwierig ist, rate ich euch von dieser Romanreihe ab und spezifisch auch nochmal von diesem Buch, das für mein Gefühl das Level noch etwas höher schraubt als es in den früheren Büchern der Reihe bereits war.


Eine Kriegsfahne in einem Dorf des Friedens – auf solch eine Idee konnte auch nur die Wehrmacht kommen, dachte Rath.

Den historischen Hintergrund dieses Romans bilden die olympischen Spiele in Berlin im Jahr 1936. Während die Nationalsozialisten ihre (öffentlich sichtbaren) Aktivitäten zurückschrauben, um die ausländischen Besucher:innen nicht zu verschrecken, bietet das olympische Dorf für andere die Gelegenheit, sich unliebsamer Mitwisser (ausschließlich Männer) früherer Gewalttaten zu entledigen. Dabei tauchen Figuren aus früheren Büchern wieder auf, Fehler und Geheimnisse werden weiterhin nach Möglichkeit vertuscht und/oder zu erpresserischen Zwecken genutzt. Über all dem schwebt die wachsende Bedrohung durch die nationalsozialistische Ideologie. Wie so viele andere erliegt auch Kommissar Rath momentan dem Trugschluss, dass er als einfacher Befehlsempfänger nichts zu befürchten hätte. Gleichzeitig bieten die Olympischen Spiele für den jugendlichen Fritze die Gelegenheit, die nationalsozialistische Ideologie zu hinterfragen: für den Jungen, der den schwarzen US-Sportlern zujubelt, erschließt sich nicht, warum diese anders behandelt werden als beispielsweise die finnischen Sieger.

Manchmal frage ich mich, warum irgendein Mensch solche Bücher schreiben will, was dann weiter führt zu der Frage, warum so viele Menschen sie lesen. Und dann denke ich, dass es gerade jetzt wieder wichtig ist, aufzuzeigen, wie sich Faschismus langsam in eine Gesellschaft einschleicht. Und viele erst dann merken, dass die Demokratie in Gefahr ist, wenn es bereits zu spät ist.

Niemals vergessen.

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English Roman

Andrew Sean Greer – Less

CN dieses Buch: sexuelle Handlungen, Krankheit, Alter
CN dieser Post: –


Ein wunderbares Buch. Der titelgebende homosexuelle Schriftsteller Arthur Less steht kurz vor seinem 50. Geburtstag. Sein neuestes Buchprojekt wird von seinem Agenten abgelehnt. Sein ehemaliger Partner Freddy lädt zur Hochzeit ein. Anstatt in ein tiefes Loch zu fallen, entscheidet sich Arthur zu einem radikalen Schritt: er plant eine ausgedehnte Reise, die ihn zu verschiedenen literarischen Events auf der ganzen Welt führen wird. Beginnend mit einem Interview mit einem berühmten Science-Fiction-Autor in New York, über ein ausschließlich in Spanisch (Arthur spricht nur Englisch und ein eher wackliges Deutsch) abgehaltenes Literaturfestival in Mexico über einen Kurs an einer Berliner Universität zu einer Preisverleihung in Italien. Ein Zwischenstop in Paris führt zu einer ungewöhnlichen Bekanntschaft auf einer Dinner Party, ein plötzlich frei gewordener Platz auf einer Reise mit alten Freunden lockt Arthur nach Marokko. Das Schreib-Retreat in Indien erweist sich als Überraschung in jeder Hinsicht. Die letzte Station der Reise ist Japan, wo Arthur Less die Kunst des Kaiseki-Menüs kennenlernen soll, um darüber einen Artikel zu schreiben.

Während dieser Reise wird in Rückblenden aus Arthurs Leben erzählt. Das Altern und Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlichen Alters sind ein immer wieder kehrendes Thema. Wie sehen uns die Menschen, die mit uns altern? Immer wieder passiert es Arthur, dass er einen Menschen aus seiner Vergangenheit nicht erkennt, weil dieser Mensch in den letzten Jahren gealtert ist. Wie bringen wir den Menschen, der wir geworden sind, in Einklang mit der Erinnerung an den jungen Menschen, der wir mal waren?

Was nach einem traurigen Midlife-Crisis-Roman klingt, wird jedoch durch Witz und jede Menge Schwierigkeiten zu einem großen Spaß. Arthur Less stolpert durch seine Reise, manchmal in einem durch Schlafmittel ausgelösten Wachtraum durch den Flughafen Frankfurt, manchmal betrunken durch Berliner Bars (dieser Abend endet damit, dass Arthur die Tür seiner gerade erst bezogenen Wohnung nicht aufbekommt und durchs Küchenfenster reinklettern muss). Sein geliebter blauer Anzug fällt in Indien einem streunenden Hund zum Opfer, natürlich verschwindet sein Gepäck und ohne Verletzungen lässt sich so eine Reise natürlich auch nicht bewältigen. Doch trotz aller Schwierigkeiten und Zweifel reist Arthur weiter und weiter, bis er schließlich an seinem Ausgangspunkt angelangt ist. Allerdings auf eine rein geografische Weise, weil in jeder anderen Sicht hat ihn seine Reise entscheidend verändert. Große Empfehlung. 

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English Roman

Christopher Isherwood – The Berlin Novels

CN dieses Buch: Alkoholismus, Sucht, Tod
CN dieser Post: –


I am a camera with its shutter open, quite passive, recording, not thinking. Recording the man shaving at the window opposite and the woman in the kimono washing her hair. Some day, all this will have to be developed, carefully printed, fixed.

Diesen Blog Post prokrastiniere ich jetzt schon ein paar Tage vor mir her und ich weiß eigentlich wirklich nicht, warum. Vermutlich liegt es nicht am Buch, sondern eher daran, dass ich einfach mehr lesen als schreiben will … Dieses Buch habe ich seit Langem auf der Liste, weil es die Vorlage bzw. Inspiration für das Musical „Cabaret“ war/ist. Dieses Stück habe ich über die Jahre in vielen Inszenierungen gesehen und wage nun, zu behaupten, dass die Inszenierung an der Wiener Volksoper vor zwei oder drei Jahren die beste war, die ich jemals erlebt habe. Ich hatte an dem Abend überhaupt keine Lust aufs Theater und war dann dermaßen begeistert, dass ich es mir gern nochmal angeschaut hätte (inzwischen waren jedoch alle Termine restlos ausverkauft). Ruth Brauer-Kvam stellte in dieser Inszenierung den Conferencier dar, was ich zuerst befremdlich fand. Jedoch brachte diese geniale Besetzung einen unglaublichen Mehrwert für das Stück. Bettina Mönch spielte die Sally Bowles, wurde jedoch von der großartigen Inszenierung beinahe in den Schatten gestellt. Und von Dagmar Hellberg als Fräulein Schneider kann ich gar nicht anfangen … (sie ist einfach großartig in allem, was sie spielt!). Außerdem erinnere ich mich an eine Inszenierung in den Sofiensälen vor langer Zeit, bei der Mercedes Echerer Regie führte und das Publikum wie im Kit Kat Club an kleinen Tischen mit roten Lampen darauf saß.

‘I’ve often thaught, I was in love with a man, and then I found out I wasn’t. But this time,’ Sally’s voice was regretful, ‘I really did feel sure of it … And now, somehow, everything seems to have got a bit confused …’

Dieses Zitat habe ich mir notiert, weil es mir genau der Absatz zu sein scheint, der den Song „Maybe This Time“ inspiriert hat. Er wurde in die Filmfassung von 1971 integriert und auch in spätere Bühnenfassungen. Es ist die in Musik und Gesang gefasste Verkörperung des Wortes Hoffnung. Hoffnung, dass diesmal alles anders wird. Dass nach vielen Verlusten es dieses Mal vielleicht klappt …

‘All the same, this one may quite well be in earnest … The Nazis may write like schoolboys, but they’re capable of anything. That’s just why they’re so dangerous. People laugh at them, right up to the last moment.’

Die Buchvorlage transportiert die Schrecken des aufsteigenden Nazi-Regimes. Ähnlich wie Volker Kutschers Reihe um Kommissar Gereon Rath beschreibt es diese Epoche des politischen Umbruchs. Da Christopher Isherwood tatsächlich zu dieser Zeit in Berlin lebte, liegt es nahe, seinen Schilderungen mehr Nähe zur Realität zuzugestehen. In Leb wohl, Berlin trägt sogar der erzählende Protagonist den Namen des Autors. Wie viel autobiografischer Einfluss im Werk steckt, können wir jedoch nur raten.

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English Graphic Novel

Emil Ferris – My Favorite Thing is Monsters

CN dieses Buch: Mord, visuelle Darstellung sexueller Handlungen, Mobbing, Tod, Sterben, lebensbedrohliche Krankheit, Depression, Alkoholismus
CN dieser Post: –


This is just another reason why being a human girl stinks compared to being a monster. When I’m a monster I won’t have to keep my mouth shut. No, I’ll open my mouth and use my rows of long sharp teeth to rip up guys like Jerry.

Mir sind ja Buchstaben eigentlich schon lieber als Bilder (bewegt oder unbewegt). Aber manchmal ist die Kombination aus beidem auch sehr reizvoll. Bisher habe ich nur zwei Graphic Novels gelesen, beide von Alison Bechdel (Fun Home, Are You My Mother?). Die Empfehlung für Emil Ferris stammt aus diesem Lithub-Listicle über 2017 erschienene Bücher, die nicht ausreichend Aufmerksamkeit erhielten. Und jetzt bin ich gerade erstaunt, dass ich offenbar schon so lange Lithub lese … die Zeit vergeht echt, ohne dass wir es merken.

Das Buch behandelt unzählige schwierige Themen durch die Augen der Protagonistin Karen.

  • Ihr sehnlichster Wunsch: von einem Werwolf gebissen zu werden, um selbst ein Werwolf zu werden. Dieser Wunsch verstärkt sich noch angesichts der Krebserkrankung ihrer Mutter. Als Werwolf könnten nämlich beide unsterblich sein …
  • Karens frühere Freundin Missy hat sich äußerlich den normalen Mädchen angepasst: Sie entsagt den Horror Comics und Gruselfilmen und beschäftigt sich stattdessen mit Kleidung und Haarstyling. Und schlägt sich auf die Seite der Mädchen, die Karen schon lange mobben.
  • Zeitlich verortet sich das Buch im Jahr 1968, der Mord an Martin Luther King Jr. (4. April 1968) dient als kalendarischer Anker. Zwischen den vielen schwarz-weißen oder nur mit wenigen Farbklecksen versehenen Schilderungen von Karens Alltag finden sich immer wieder Comicbuch-Cover in schreienden Farben, die mit ihren Datumsangaben den Verlauf der Zeit nachzeichnen. An dieser Stelle möchte ich auch die Notizbuch-Optik erwähnen: Die gezeichneten Szenen scheinen auf einem linierten Collegeblock entstanden zu sein, die Lochungen werden immer wieder in die Zeichnungen eingebaut. Eine Bildersuche auf eurer bevorzugten Suchmaschine liefert zahlreiche Beispiele aus dem Buch.
  • Die Nachbarin Anka, mit der sich Karen gut versteht, wird ermordet aufgefunden. Ihr mordverdächtiger Ehemann trauert durch die Flasche um seine Ehefrau und lässt Karen schließlich teilhaben an einer Audiokassette, auf der Anka von ihrer Kindheit und Jugend in Berlin erzählt. Diese Geschichte innerhalb der Geschichte wird leider bis zum Schluss nicht aufgelöst (wie vieles andere), nur Stück für Stück erfährt die Leserin von Ankas Aufwachsen im Bordell und ihrer späteren Deportation ins Konzentrationslager.
  • Im Verlauf der Geschichte wird Karen erkennen, dass sie ihre Freundin Missy nicht nur auf platonische Art gern hat. Sie erzählt ihrem Bruder davon, der erstmal ausflippt und ihr deutlich zu verstehen gibt, dass sie die kranke Mutter mit diesem queer talk gefälligst nicht zu belästigen hat. Ein äußerst schmerzhaftes Coming-out.
  • Der Wunsch, ein Monster zu sein, hat für Karen unterschiedliche Bedeutungen. Wie oben bereits erwähnt, stellt sie sich vor, ihre Mutter vor dem Tod retten zu können, indem Karen als Monster auch ihre Mutter in ein unsterbliches Monster verwandelt. Gleichzeitig müsste sie sich als Monster nicht so viel gefallen lassen, sie könnte sich wehren, sich verteidigen. Auch ihren Bruder könnte sie beschützen vor der schlechten Gesellschaft, in der dieser sich verstrickt hat. Die Vorstellung der eigenen Monsterhaftigkeit hat jedoch auch die Funktion, das Anderssein zu verdeutlichen. Und die Schwierigkeiten des Andersseins.

Einen zweiten Teil scheint es zu geben, allerdings scheint der aktuell vergriffen zu sein. Hoffe sehr, dass mir der irgendwann noch über den Weg läuft.

Sometimes a thing happens that’s so bad that it feels like things should be made to look on the outside, the way they feel on the inside.

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Krimi Roman

Volker Kutscher – Marlow

CN dieses Buch: Mord, Nationalsozialismus
CN dieser Post: –


In der Fortsetzung der Krimi-Reihe um Gereon Rath, seine Frau Charly und seine Kolleg*innen und Feind*innen geht es weiter mit dem immer wachsenden Einfluss des Nationalsozialismus auf alle Gesellschaftsbereiche. Wie ich bestimmt schon in einem der früheren Posts geschrieben habe, gelingt es Volker Kutscher sehr eindrucksvoll, die unterschiedlichen Einstellungen der Menschen zu den Veränderungen zu verdeutlichen. Während Charly von Anfang an gegen die neue Regierung eingestellt ist (ihr wird nicht nur die Polizeikarriere sondern auch der Anwaltsberuf verwehrt), steht Gereon der politischen Veränderung lange abwartend neutral gegenüber. In diesem Buch aber erfährt die Leserin eine Änderung in der Einstellung von Fritze, dem Pflegesohn der Raths. Zu Beginn geht er in der Gemeinschaft der HJ auf:

Ein deutscher Junge weint nicht! Was ihn tröstete, war die Kameradschaft der Hitlerjungen. Wie stark er sich fühlte, wenn sie gemeinsam marschierten und sangen. Es war ein gutes Gefühl, ein erhebendes Gefühl.

Gegen Ende des Marsches zum Nürnberger Parteitag merkt Fritze allerdings, dass es ausschließlich die Gemeinschaft, das Marschieren und Singen sind, die ihn mit den anderen verbinden. Mit den Aussagen und Gesetzen, die am Nürnberger Parteitag verkündet werden, kann er nichts anfangen, er fragt sich, was eigentlich an den aus seiner Schule verbannten jüdischen Schüler*innen falsch sein soll.

Der Zauber war verflogen, es war, als erblicke er hinter jeder schönen Fassade eine hässliche Wahrheit, selbst das Feuerwerk gestern Abend hatte seine Stimmung nicht aufhellen können. Wo die anderen bunte Feuerblumen am Himmel sahen, da war für ihn nur Blitz und Rauch, Lärm und Gestank.

Auf dem gleichen Parteitag (Gereon nutzt den Vorwand, seinen Sohn zu besuchen zu einer Recherche in einem Fall, den er eigentlich gar nicht mehr betreut) lässt sich Gereon von der allgemeinem Aufregung mitreißen:

Die Heil-Rufe schwollen an, je näher der schwarze Mercedes kam, und Rath spürte, dass er, wie von einer unsichtbaren Macht getrieben und ohne dies bewusst zu wollen, dabei war, mit den anderen den rechten Arm zu heben, weil hier niemand war, der nicht den Arm hob, weil alles taten; und er merkte, dass er nicht dagegen ankam. […] Er verstand die Welt nicht mehr. Und hatte sich noch nie in seinem Leben so sehr gehasst.

Der Gedanke daran, dieses sich immer mehr verändernde Land hinter sich zu lassen, wird erstmals zu einer konkreten Idee. Wobei das überraschende Ende eher darauf hindeutet, dass es dazu nicht kommen wird. Das Buch enthüllt außerdem viel von der Vorgeschichte des titelgebenden Gangsters Marlow und seinem Begleiter, dem Chinesen Liang. Marlow wird die Raths in den nächsten Büchern wohl kaum weiter erpressen können. Allerdings hat sich Rath in die Fänge von wesentlich gefährlicheren Gegnern begeben. Die Spannung der politischen Situation wird mit jedem Jahr erdrückender. Und dabei hat der Krieg noch nicht einmal begonnen …

Dann muss man sich eben irgendwann entscheiden: Will man sich von den Nazis bis zur Unkenntlichkeit verbiegen lassen oder will man der bleiben, der man ist. Das heißt dann aber auch: Konsequenzen ziehen.

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Krimi Roman

Volker Kutscher – Lunapark

Es konnte doch nicht das, was sie immer für falsch gehalten hatte, auf einmal richtig sein.

Bereits im vorhergehenden Roman um Kommissar Gereon Rath hatte sich abgezeichnet, wie sich die Gesellschaft unter dem Druck der nationalsozialistischen Regentschaft verändert. Diese Richtung wird in dieser Geschichte weiter verfolgt. Besonders bedrückend ist es, zu sehen, wie die politische Lage Familien spaltet. Gereon und Charly haben Fritze als Pflegekind aufgenommen. Während Gereon sich weiterhin Mühe gibt, die Lage vor sich selbst zu verharmlosen und Charly damit beschäftigt ist, ihren beruflichen Weg in der Anwaltskanzlei ihres jüdischen Freundes fortzusetzen, will Fritze unter dem Druck seiner Mitschüler*innen zur Hitlerjugend. Als 13-Jähriger ist er empfänglich für die Botschaften, die unter dem Deckmantel der Gemeinschaft und des Zusammenhalts für das neue Deutschland verbreitet werden. Die Methoden, mit denen Kinder dazu gebracht werden können, selbst ihre eigenen (Pflege-)Eltern zu bespitzeln, werden nur angedeutet, entfalten jedoch trotzdem ihre beunruhigende Wirkung. Das bereits von Anfang der Beziehung an bestehende (und damit nicht politisch induzierte) Misstrauen zwischen Gereon und Charly erreicht einen neuen Höhepunkt. Beide hüten ihre Geheimnisse einerseits stur und andererseits so unvorsichtig, dass Kleinigkeiten sich zu immer größerem Misstrauen anhäufen.

Wer nichts zu verbergen hat, der hat auch keine Heimlichkeiten.

Nicht nur durch die Familie der Hauptprotagonist*innen zieht sich eine Spaltung entlang der politischen Konflikte. Auch in anderen Familien herrscht Misstrauen zwischen den überzeugten Anhängern des „neuen Deutschlands“ und den Sozialisten und Kommunisten, die sich zunehmend im Untergrund verstecken müssen. Das obige Zitat kann uns daran erinnern, welchen Wert Privatsphäre hat und wie sie in einem totalitären Staat systematisch ausgemerzt wird. Der Gegenpol dazu ist Edward Snowdens Statement, das nicht oft genug in Erinnerung gerufen werden kann:

NSA whistleblower Edward Snowden says people saying they don’t care about rights to privacy because they ‘have nothing to hide’ are no different than people saying ‘I don’t care about freedom of speech because I have nothing to say’.

Die Berlin-Besuche der letzten zwei Jahre haben wohl dazu geführt, dass mir viele der erwähnten Orte nun in Erinnerung sind, ohne dass ich sie erst auf der Karte nachschlagen muss. Das Hedwigkrankenhaus konnte ich zwar nicht vom Namen her zuordnen, jedoch aber von der Nähe zu den Hackeschen Höfen und der Erwähnung im Rahmen eines sehr schön gestalteten Geocaches. Neben dem Stadtpark Lichtenberg ist mir zwar keine Laubenkolonie in Erinnerung, den Park selbst habe ich jedoch auch schon besucht. Und in der Dircksenstraße im Schatten der Stadtbahnbögen habe ich unter anderem das folgende Foto gemacht:

Fernsehturm Alexanderplatz Berlin Abend bewölkt
Fernsehturm Berlin Alexanderplatz, fotografiert von der Dircksenstraße aus mit der Stadtbahn im Vordergrund

Für das zufriedenstellende Leseerlebnis ist diese Lokalkenntnis absolut nicht erforderlich, für mich hat es jedoch einige Szenen noch besser greifbar gemacht. Es gelingt dem Autor wiederum, die historischen Ereignisse mit erfundenen Kriminalfällen zu verweben und somit einerseits Zeit und Ort der Handlung sehr glaubhaft darzustellen und andererseits auch zu fesseln. Die Geschichte hat mich gestern wachgehalten, ich konnte das Buch nicht weglegen.

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Roman

Corina Bomann – Und morgen am Meer

Zu Beginn des Buches hat mich der Nostalgiefaktor wieder voll erwischt: Songs aus dem Radio auf Kassetten aufnehmen und diese mit der besten Freundin tauschen. Habe ich auch gemacht, bevor ich 1994 meine erste CD (Bravo Hits 4!) kaufen konnte. Auch die Benennung der Kapitel mit Musiktiteln finde ich sehr gelungen, hat mich auch wieder an die viel zu selten gehörte Playlist von Amy & Roger’s Epic Detour erinnert.

Der Rest des Romans hat mich dann leider nicht mehr so begeistert. Die beschriebene Love Story zwischen einem Mädchen aus Ostberlin („das Karamellmädchen“) und einem Jungen aus Westberlin (träumt von einer Karriere als Musiker in den USA), die sich nicht lieben dürfen, weil der Westler für die Sozialisten den Klassenfeind darstellt, ist einfach zu kitschig.

Man spürt den persönlichen Bezug der Autorin, aber es fühlt sich an, als hätte sie versucht, zu viel hineinzupacken. Die komplizierte Geschichte der Eltern des Mädchens, der Unfall des Jungen, der ihn zuerst hindert, Motorrad zu fahren, was er aber aus Liebe dann im Eiltempo überwindet – wenn man ein Musical daraus machen wollte, kann ich mir lebhaft vorstellen, welche Randfiguren man wegstreichen würde, um die Geschichte knackiger zu gestalten. Der Nostalgiefaktor und der Geschichtsbezug mit interessanten Details aus dem Leben in der DDR reichen leider nicht aus, um die Schwächen der Geschichte und ihrer Figuren auszugleichen.

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Roman

Stefanie Bart – Deutscher Meister

Haymann überlegte, ob es nicht doch ein Fehler gewesen war, in der ehemaligen Judenschule zu üben, in der Luft, die die Juden geatmet hatten. Die Juden waren daran Schuld, dass der Arier den Zigeuner nicht schlagen konnte.

Die Autorin beschreibt in ihrem Roman die Geschichte des Boxers Trollmann. In der aufkommenden Nazizeit (das Buch beginnt mit dem „Säubern“ des Boxverbands von allen jüdischen Mitgliedern) wird der Zigeuner Trollmann als Ersatzmann gebraucht. Die Verantwortlichen rechnen jedoch nicht mit seinem bevorstehenden Erfolg beim Titelkampf. Die Situation spitzt sich zu: der Zigeuner darf nicht Deutscher Meister werden. Dies muss mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln verhindert werden.

Griese war im Vorstand nur Schriftführer, er war an die Stelle des geschassten Funke getreten, und er hatte sch bereits am Mittag beim offiziellen Wiegen vorgenommen, die Sportlichen Regeln strikt zu befolgen, denn die Sportlichen Regeln waren unanfechtbar, und zwar auch dann, wenn politisch auf Eiern getanzt wurde.

Der spannende Aspekt ist, wie viele verschiedene Perspektiven auf die Zeit und ihre Veränderungen die Autorin in die Entwicklung der Geschichte einfließen hat lassen. Man blickt in die Seele des glühenden Verfechters des Nationalsozialismus (im gesamten Buch nur Erster Vorsitzender genannt), denjenigen, die eigentlich nicht daran glauben, aber von der Veränderung profitieren, den Leichtgläubigen, die dankbar sind, dass sie endlich einen Sündenbock geliefert bekommen, dem man alle Probleme in die Schuhe schieben kann, vielen Mitläufern, aber auch dem weit verbreiteten Irrtum, es werde schon bald vorbei gehen. Gegen Ende des Buches folgt ein erschütternder Einblick in die Seele eines SA-Kommandanten inmitten der Folter der Köpenicker Blutwoche.

Er begriff mit jeder Faser seines Herzens und mit jeder Zelle seines Hirns, dass er eine Grenze überschritt, und es war leicht, es war bloß ein einziger Schritt.

Das Ende ist unvermeidlich und trotzdem eine gut vorbereitete Überraschung. Meine Hoffnung ist nur, dass es die beiden Bäckereifräulein bis nach Amerika geschafft haben und dort ein neues Leben anfangen konnten.