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English Roman

Christopher Isherwood – The Berlin Novels

CN dieses Buch: Alkoholismus, Sucht, Tod
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I am a camera with its shutter open, quite passive, recording, not thinking. Recording the man shaving at the window opposite and the woman in the kimono washing her hair. Some day, all this will have to be developed, carefully printed, fixed.

Diesen Blog Post prokrastiniere ich jetzt schon ein paar Tage vor mir her und ich weiß eigentlich wirklich nicht, warum. Vermutlich liegt es nicht am Buch, sondern eher daran, dass ich einfach mehr lesen als schreiben will … Dieses Buch habe ich seit Langem auf der Liste, weil es die Vorlage bzw. Inspiration für das Musical „Cabaret“ war/ist. Dieses Stück habe ich über die Jahre in vielen Inszenierungen gesehen und wage nun, zu behaupten, dass die Inszenierung an der Wiener Volksoper vor zwei oder drei Jahren die beste war, die ich jemals erlebt habe. Ich hatte an dem Abend überhaupt keine Lust aufs Theater und war dann dermaßen begeistert, dass ich es mir gern nochmal angeschaut hätte (inzwischen waren jedoch alle Termine restlos ausverkauft). Ruth Brauer-Kvam stellte in dieser Inszenierung den Conferencier dar, was ich zuerst befremdlich fand. Jedoch brachte diese geniale Besetzung einen unglaublichen Mehrwert für das Stück. Bettina Mönch spielte die Sally Bowles, wurde jedoch von der großartigen Inszenierung beinahe in den Schatten gestellt. Und von Dagmar Hellberg als Fräulein Schneider kann ich gar nicht anfangen … (sie ist einfach großartig in allem, was sie spielt!). Außerdem erinnere ich mich an eine Inszenierung in den Sofiensälen vor langer Zeit, bei der Mercedes Echerer Regie führte und das Publikum wie im Kit Kat Club an kleinen Tischen mit roten Lampen darauf saß.

‘I’ve often thaught, I was in love with a man, and then I found out I wasn’t. But this time,’ Sally’s voice was regretful, ‘I really did feel sure of it … And now, somehow, everything seems to have got a bit confused …’

Dieses Zitat habe ich mir notiert, weil es mir genau der Absatz zu sein scheint, der den Song „Maybe This Time“ inspiriert hat. Er wurde in die Filmfassung von 1971 integriert und auch in spätere Bühnenfassungen. Es ist die in Musik und Gesang gefasste Verkörperung des Wortes Hoffnung. Hoffnung, dass diesmal alles anders wird. Dass nach vielen Verlusten es dieses Mal vielleicht klappt …

‘All the same, this one may quite well be in earnest … The Nazis may write like schoolboys, but they’re capable of anything. That’s just why they’re so dangerous. People laugh at them, right up to the last moment.’

Die Buchvorlage transportiert die Schrecken des aufsteigenden Nazi-Regimes. Ähnlich wie Volker Kutschers Reihe um Kommissar Gereon Rath beschreibt es diese Epoche des politischen Umbruchs. Da Christopher Isherwood tatsächlich zu dieser Zeit in Berlin lebte, liegt es nahe, seinen Schilderungen mehr Nähe zur Realität zuzugestehen. In Leb wohl, Berlin trägt sogar der erzählende Protagonist den Namen des Autors. Wie viel autobiografischer Einfluss im Werk steckt, können wir jedoch nur raten.

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English Graphic Novel

Emil Ferris – My Favorite Thing is Monsters

CN dieses Buch: Mord, visuelle Darstellung sexueller Handlungen, Mobbing, Tod, Sterben, lebensbedrohliche Krankheit, Depression, Alkoholismus
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This is just another reason why being a human girl stinks compared to being a monster. When I’m a monster I won’t have to keep my mouth shut. No, I’ll open my mouth and use my rows of long sharp teeth to rip up guys like Jerry.

Mir sind ja Buchstaben eigentlich schon lieber als Bilder (bewegt oder unbewegt). Aber manchmal ist die Kombination aus beidem auch sehr reizvoll. Bisher habe ich nur zwei Graphic Novels gelesen, beide von Alison Bechdel (Fun Home, Are You My Mother?). Die Empfehlung für Emil Ferris stammt aus diesem Lithub-Listicle über 2017 erschienene Bücher, die nicht ausreichend Aufmerksamkeit erhielten. Und jetzt bin ich gerade erstaunt, dass ich offenbar schon so lange Lithub lese … die Zeit vergeht echt, ohne dass wir es merken.

Das Buch behandelt unzählige schwierige Themen durch die Augen der Protagonistin Karen.

  • Ihr sehnlichster Wunsch: von einem Werwolf gebissen zu werden, um selbst ein Werwolf zu werden. Dieser Wunsch verstärkt sich noch angesichts der Krebserkrankung ihrer Mutter. Als Werwolf könnten nämlich beide unsterblich sein …
  • Karens frühere Freundin Missy hat sich äußerlich den normalen Mädchen angepasst: Sie entsagt den Horror Comics und Gruselfilmen und beschäftigt sich stattdessen mit Kleidung und Haarstyling. Und schlägt sich auf die Seite der Mädchen, die Karen schon lange mobben.
  • Zeitlich verortet sich das Buch im Jahr 1968, der Mord an Martin Luther King Jr. (4. April 1968) dient als kalendarischer Anker. Zwischen den vielen schwarz-weißen oder nur mit wenigen Farbklecksen versehenen Schilderungen von Karens Alltag finden sich immer wieder Comicbuch-Cover in schreienden Farben, die mit ihren Datumsangaben den Verlauf der Zeit nachzeichnen. An dieser Stelle möchte ich auch die Notizbuch-Optik erwähnen: Die gezeichneten Szenen scheinen auf einem linierten Collegeblock entstanden zu sein, die Lochungen werden immer wieder in die Zeichnungen eingebaut. Eine Bildersuche auf eurer bevorzugten Suchmaschine liefert zahlreiche Beispiele aus dem Buch.
  • Die Nachbarin Anka, mit der sich Karen gut versteht, wird ermordet aufgefunden. Ihr mordverdächtiger Ehemann trauert durch die Flasche um seine Ehefrau und lässt Karen schließlich teilhaben an einer Audiokassette, auf der Anka von ihrer Kindheit und Jugend in Berlin erzählt. Diese Geschichte innerhalb der Geschichte wird leider bis zum Schluss nicht aufgelöst (wie vieles andere), nur Stück für Stück erfährt die Leserin von Ankas Aufwachsen im Bordell und ihrer späteren Deportation ins Konzentrationslager.
  • Im Verlauf der Geschichte wird Karen erkennen, dass sie ihre Freundin Missy nicht nur auf platonische Art gern hat. Sie erzählt ihrem Bruder davon, der erstmal ausflippt und ihr deutlich zu verstehen gibt, dass sie die kranke Mutter mit diesem queer talk gefälligst nicht zu belästigen hat. Ein äußerst schmerzhaftes Coming-out.
  • Der Wunsch, ein Monster zu sein, hat für Karen unterschiedliche Bedeutungen. Wie oben bereits erwähnt, stellt sie sich vor, ihre Mutter vor dem Tod retten zu können, indem Karen als Monster auch ihre Mutter in ein unsterbliches Monster verwandelt. Gleichzeitig müsste sie sich als Monster nicht so viel gefallen lassen, sie könnte sich wehren, sich verteidigen. Auch ihren Bruder könnte sie beschützen vor der schlechten Gesellschaft, in der dieser sich verstrickt hat. Die Vorstellung der eigenen Monsterhaftigkeit hat jedoch auch die Funktion, das Anderssein zu verdeutlichen. Und die Schwierigkeiten des Andersseins.

Einen zweiten Teil scheint es zu geben, allerdings scheint der aktuell vergriffen zu sein. Hoffe sehr, dass mir der irgendwann noch über den Weg läuft.

Sometimes a thing happens that’s so bad that it feels like things should be made to look on the outside, the way they feel on the inside.

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Krimi Roman

Volker Kutscher – Marlow

CN dieses Buch: Mord, Nationalsozialismus
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In der Fortsetzung der Krimi-Reihe um Gereon Rath, seine Frau Charly und seine Kolleg*innen und Feind*innen geht es weiter mit dem immer wachsenden Einfluss des Nationalsozialismus auf alle Gesellschaftsbereiche. Wie ich bestimmt schon in einem der früheren Posts geschrieben habe, gelingt es Volker Kutscher sehr eindrucksvoll, die unterschiedlichen Einstellungen der Menschen zu den Veränderungen zu verdeutlichen. Während Charly von Anfang an gegen die neue Regierung eingestellt ist (ihr wird nicht nur die Polizeikarriere sondern auch der Anwaltsberuf verwehrt), steht Gereon der politischen Veränderung lange abwartend neutral gegenüber. In diesem Buch aber erfährt die Leserin eine Änderung in der Einstellung von Fritze, dem Pflegesohn der Raths. Zu Beginn geht er in der Gemeinschaft der HJ auf:

Ein deutscher Junge weint nicht! Was ihn tröstete, war die Kameradschaft der Hitlerjungen. Wie stark er sich fühlte, wenn sie gemeinsam marschierten und sangen. Es war ein gutes Gefühl, ein erhebendes Gefühl.

Gegen Ende des Marsches zum Nürnberger Parteitag merkt Fritze allerdings, dass es ausschließlich die Gemeinschaft, das Marschieren und Singen sind, die ihn mit den anderen verbinden. Mit den Aussagen und Gesetzen, die am Nürnberger Parteitag verkündet werden, kann er nichts anfangen, er fragt sich, was eigentlich an den aus seiner Schule verbannten jüdischen Schüler*innen falsch sein soll.

Der Zauber war verflogen, es war, als erblicke er hinter jeder schönen Fassade eine hässliche Wahrheit, selbst das Feuerwerk gestern Abend hatte seine Stimmung nicht aufhellen können. Wo die anderen bunte Feuerblumen am Himmel sahen, da war für ihn nur Blitz und Rauch, Lärm und Gestank.

Auf dem gleichen Parteitag (Gereon nutzt den Vorwand, seinen Sohn zu besuchen zu einer Recherche in einem Fall, den er eigentlich gar nicht mehr betreut) lässt sich Gereon von der allgemeinem Aufregung mitreißen:

Die Heil-Rufe schwollen an, je näher der schwarze Mercedes kam, und Rath spürte, dass er, wie von einer unsichtbaren Macht getrieben und ohne dies bewusst zu wollen, dabei war, mit den anderen den rechten Arm zu heben, weil hier niemand war, der nicht den Arm hob, weil alles taten; und er merkte, dass er nicht dagegen ankam. […] Er verstand die Welt nicht mehr. Und hatte sich noch nie in seinem Leben so sehr gehasst.

Der Gedanke daran, dieses sich immer mehr verändernde Land hinter sich zu lassen, wird erstmals zu einer konkreten Idee. Wobei das überraschende Ende eher darauf hindeutet, dass es dazu nicht kommen wird. Das Buch enthüllt außerdem viel von der Vorgeschichte des titelgebenden Gangsters Marlow und seinem Begleiter, dem Chinesen Liang. Marlow wird die Raths in den nächsten Büchern wohl kaum weiter erpressen können. Allerdings hat sich Rath in die Fänge von wesentlich gefährlicheren Gegnern begeben. Die Spannung der politischen Situation wird mit jedem Jahr erdrückender. Und dabei hat der Krieg noch nicht einmal begonnen …

Dann muss man sich eben irgendwann entscheiden: Will man sich von den Nazis bis zur Unkenntlichkeit verbiegen lassen oder will man der bleiben, der man ist. Das heißt dann aber auch: Konsequenzen ziehen.

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Krimi Roman

Volker Kutscher – Lunapark

Es konnte doch nicht das, was sie immer für falsch gehalten hatte, auf einmal richtig sein.

Bereits im vorhergehenden Roman um Kommissar Gereon Rath hatte sich abgezeichnet, wie sich die Gesellschaft unter dem Druck der nationalsozialistischen Regentschaft verändert. Diese Richtung wird in dieser Geschichte weiter verfolgt. Besonders bedrückend ist es, zu sehen, wie die politische Lage Familien spaltet. Gereon und Charly haben Fritze als Pflegekind aufgenommen. Während Gereon sich weiterhin Mühe gibt, die Lage vor sich selbst zu verharmlosen und Charly damit beschäftigt ist, ihren beruflichen Weg in der Anwaltskanzlei ihres jüdischen Freundes fortzusetzen, will Fritze unter dem Druck seiner Mitschüler*innen zur Hitlerjugend. Als 13-Jähriger ist er empfänglich für die Botschaften, die unter dem Deckmantel der Gemeinschaft und des Zusammenhalts für das neue Deutschland verbreitet werden. Die Methoden, mit denen Kinder dazu gebracht werden können, selbst ihre eigenen (Pflege-)Eltern zu bespitzeln, werden nur angedeutet, entfalten jedoch trotzdem ihre beunruhigende Wirkung. Das bereits von Anfang der Beziehung an bestehende (und damit nicht politisch induzierte) Misstrauen zwischen Gereon und Charly erreicht einen neuen Höhepunkt. Beide hüten ihre Geheimnisse einerseits stur und andererseits so unvorsichtig, dass Kleinigkeiten sich zu immer größerem Misstrauen anhäufen.

Wer nichts zu verbergen hat, der hat auch keine Heimlichkeiten.

Nicht nur durch die Familie der Hauptprotagonist*innen zieht sich eine Spaltung entlang der politischen Konflikte. Auch in anderen Familien herrscht Misstrauen zwischen den überzeugten Anhängern des „neuen Deutschlands“ und den Sozialisten und Kommunisten, die sich zunehmend im Untergrund verstecken müssen. Das obige Zitat kann uns daran erinnern, welchen Wert Privatsphäre hat und wie sie in einem totalitären Staat systematisch ausgemerzt wird. Der Gegenpol dazu ist Edward Snowdens Statement, das nicht oft genug in Erinnerung gerufen werden kann:

NSA whistleblower Edward Snowden says people saying they don’t care about rights to privacy because they ‘have nothing to hide’ are no different than people saying ‘I don’t care about freedom of speech because I have nothing to say’.

Die Berlin-Besuche der letzten zwei Jahre haben wohl dazu geführt, dass mir viele der erwähnten Orte nun in Erinnerung sind, ohne dass ich sie erst auf der Karte nachschlagen muss. Das Hedwigkrankenhaus konnte ich zwar nicht vom Namen her zuordnen, jedoch aber von der Nähe zu den Hackeschen Höfen und der Erwähnung im Rahmen eines sehr schön gestalteten Geocaches. Neben dem Stadtpark Lichtenberg ist mir zwar keine Laubenkolonie in Erinnerung, den Park selbst habe ich jedoch auch schon besucht. Und in der Dircksenstraße im Schatten der Stadtbahnbögen habe ich unter anderem das folgende Foto gemacht:

Fernsehturm Alexanderplatz Berlin Abend bewölkt
Fernsehturm Berlin Alexanderplatz, fotografiert von der Dircksenstraße aus mit der Stadtbahn im Vordergrund

Für das zufriedenstellende Leseerlebnis ist diese Lokalkenntnis absolut nicht erforderlich, für mich hat es jedoch einige Szenen noch besser greifbar gemacht. Es gelingt dem Autor wiederum, die historischen Ereignisse mit erfundenen Kriminalfällen zu verweben und somit einerseits Zeit und Ort der Handlung sehr glaubhaft darzustellen und andererseits auch zu fesseln. Die Geschichte hat mich gestern wachgehalten, ich konnte das Buch nicht weglegen.

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Roman

Corina Bomann – Und morgen am Meer

Zu Beginn des Buches hat mich der Nostalgiefaktor wieder voll erwischt: Songs aus dem Radio auf Kassetten aufnehmen und diese mit der besten Freundin tauschen. Habe ich auch gemacht, bevor ich 1994 meine erste CD (Bravo Hits 4!) kaufen konnte. Auch die Benennung der Kapitel mit Musiktiteln finde ich sehr gelungen, hat mich auch wieder an die viel zu selten gehörte Playlist von Amy & Roger’s Epic Detour erinnert.

Der Rest des Romans hat mich dann leider nicht mehr so begeistert. Die beschriebene Love Story zwischen einem Mädchen aus Ostberlin („das Karamellmädchen“) und einem Jungen aus Westberlin (träumt von einer Karriere als Musiker in den USA), die sich nicht lieben dürfen, weil der Westler für die Sozialisten den Klassenfeind darstellt, ist einfach zu kitschig.

Man spürt den persönlichen Bezug der Autorin, aber es fühlt sich an, als hätte sie versucht, zu viel hineinzupacken. Die komplizierte Geschichte der Eltern des Mädchens, der Unfall des Jungen, der ihn zuerst hindert, Motorrad zu fahren, was er aber aus Liebe dann im Eiltempo überwindet – wenn man ein Musical daraus machen wollte, kann ich mir lebhaft vorstellen, welche Randfiguren man wegstreichen würde, um die Geschichte knackiger zu gestalten. Der Nostalgiefaktor und der Geschichtsbezug mit interessanten Details aus dem Leben in der DDR reichen leider nicht aus, um die Schwächen der Geschichte und ihrer Figuren auszugleichen.

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Roman

Stefanie Bart – Deutscher Meister

Haymann überlegte, ob es nicht doch ein Fehler gewesen war, in der ehemaligen Judenschule zu üben, in der Luft, die die Juden geatmet hatten. Die Juden waren daran Schuld, dass der Arier den Zigeuner nicht schlagen konnte.

Die Autorin beschreibt in ihrem Roman die Geschichte des Boxers Trollmann. In der aufkommenden Nazizeit (das Buch beginnt mit dem „Säubern“ des Boxverbands von allen jüdischen Mitgliedern) wird der Zigeuner Trollmann als Ersatzmann gebraucht. Die Verantwortlichen rechnen jedoch nicht mit seinem bevorstehenden Erfolg beim Titelkampf. Die Situation spitzt sich zu: der Zigeuner darf nicht Deutscher Meister werden. Dies muss mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln verhindert werden.

Griese war im Vorstand nur Schriftführer, er war an die Stelle des geschassten Funke getreten, und er hatte sch bereits am Mittag beim offiziellen Wiegen vorgenommen, die Sportlichen Regeln strikt zu befolgen, denn die Sportlichen Regeln waren unanfechtbar, und zwar auch dann, wenn politisch auf Eiern getanzt wurde.

Der spannende Aspekt ist, wie viele verschiedene Perspektiven auf die Zeit und ihre Veränderungen die Autorin in die Entwicklung der Geschichte einfließen hat lassen. Man blickt in die Seele des glühenden Verfechters des Nationalsozialismus (im gesamten Buch nur Erster Vorsitzender genannt), denjenigen, die eigentlich nicht daran glauben, aber von der Veränderung profitieren, den Leichtgläubigen, die dankbar sind, dass sie endlich einen Sündenbock geliefert bekommen, dem man alle Probleme in die Schuhe schieben kann, vielen Mitläufern, aber auch dem weit verbreiteten Irrtum, es werde schon bald vorbei gehen. Gegen Ende des Buches folgt ein erschütternder Einblick in die Seele eines SA-Kommandanten inmitten der Folter der Köpenicker Blutwoche.

Er begriff mit jeder Faser seines Herzens und mit jeder Zelle seines Hirns, dass er eine Grenze überschritt, und es war leicht, es war bloß ein einziger Schritt.

Das Ende ist unvermeidlich und trotzdem eine gut vorbereitete Überraschung. Meine Hoffnung ist nur, dass es die beiden Bäckereifräulein bis nach Amerika geschafft haben und dort ein neues Leben anfangen konnten.

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Krimi Roman

Volker Kutscher – Die Akte Vaterland

Sie ahnte, nein, wusste mit einer plötzlichen Bestimmtheit, dass Worte zu wenig waren angesichts der unglaublichen Unverschämtheit, die sich die Reichsregierung in diesem Augenblick herausnahm. … Die preußische Demokratie hatte soeben ihr Ende gefunden.

Die Bücherei hat es mir angetan. Den Bookworm habe ich zwar noch immer nicht gefunden, aber trotzdem (oder gerade deshalb) gefällt mir die Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz so gut, dass ich mir die Bücher gerade lieber von dort hole, als sie weiterhin in der Onleihe auszuborgen. Einen Teil meiner Bücherliste habe ich kürzlich daraufhin gecheckt, welche der Bücher es überhaupt in der Hauptbücherei gibt. Jetzt brauche ich kurzfristig nur mehr die Verfügbarkeit zu checken. Außerdem darf man die Papierbücher für 4 Wochen ausleihen während man für die digitalen Exemplare bekanntlich zur zwei Wochen Zeit hat. Ein weiterer Vorteil.

Unter anderem habe ich mir den 4. Teil der Gereon-Rath-Reihe ausgeliehen. Mir gefällt nach wie vor der geschichtliche Aspekt sehr gut. Die Geschichte ist im Berlin der 20er-Jahre angesiedelt, die Machtergreifung durch die Nazis steht kurz bevor, in diesem Roman sorgt die Aufhebung des Verbots der SA für Wirbel, ein Putschversuch enthebt die aktuelle Polizeiführung ihres Amtes.

Von all dem bekommt unser Protagonist Gereon Rath kaum etwas mit, er weilt im masurischen Treuburg, versinkt beinahe im Moor und wird dann von dem des Mordes verdächtigten „Indianer“ gleich mehr als einmal gerettet. Seine Beziehung mit Charly, die nach ihrer Rückkehr aus Paris als Kommissaranwärterin einen holprigen Start ihrer Karriere hinnehmen muss, geht ebenfalls in die nächste Phase.

Sowohl das politische Thema als auch Charlys Probleme, als Frau in der Polizeimannschaft ernst genommen zu werden, thematisiert der Autor nicht mit dem Holzhammer, sondern er lässt die betroffenen Figuren zweifeln und hadern und teilweise auch dazulernen. Zum Glück ist der fünfte Fall auch bereits erschienen und in der Hauptbücherei zu haben ;-)

„Haben Sie vielen Dank, dass wir uns treffen konnten“, sagte Rath, obwohl es ihm widerstrebte, sich bei einem Unterweltkönig wie Marlow zu bedanken. Aber er war auf dessen Hilfe angewiesen und so biss er in den sauren Apfel. Immer mal wieder. Jedes Mal schmeckte der Apfel saurer. Und jedes Mal hatte er sich ein bisschen mehr an den sauren Geschmack gewöhnt.

Reading Challenge: A mystery or thriller
(leider passt nichts anderes …)

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Roman Satire

Timur Vermes – Er ist wieder da

Aber man weiß ja, was man von unseren Zeitungen zu halten hat. Da notiert der Schwerhörige, was ihm der Blinde berichtet, der Dorftrottel korrigiert es, und die Kollegen in den anderen Pressehäusern schreiben es ab.

Inzwischen sind schon wieder einige Monate ins Land gegangen, seit die Medienaufregung Timur Vermes Sozial- und Politsatire auf die Bestsellerlisten gespült hat. Viel ist davon nicht geblieben und ob das Buch tatsächlich irgendjemanden zum Nach- oder Umdenken gebracht hat, vermag ich natürlich nicht zu beurteilen.

Weitere Lücken im Programm stopfte man mit Gebirgsschützen und Blaskapellen, es war derart dürftig, man hätte nur so dreinschlagen mögen in die Reihen des verlogenen Gesindels.

Die Idee ist nicht schlecht, die durchdachte Ausarbeitung jedoch macht das Buch erst so unterhaltsam: Adolf Hitler erwacht im heutigen Berlin, ohne zu wissen, was passiert ist und muss sich nun ohne jeglichen Background durchschlagen. Er wird umgehend als Comedian wahrgenommen und landet bei einer Fernsehfirma, die in diesem täuschend echten „Hitler-Darsteller“, der auch außerhalb der Sendung niemals aus seiner Rolle fällt, eine Goldgrube sehen. Es stellen sich ihm kaum Widerstände entgegen, unter dem Deckmantel der Satire (was ihm eher passiert, als dass er sich diesen Deckmantel selber ausgesucht hätte), plant der „wiedergeborene“ Hitler natürlich einen erneuten Feldzug, um Europa zu erobern.

Parallel dazu wurde von dem Blatte so gut wie jede demokratisch „legitimierte“ Entscheidung als völliger Unsinn entlarvt. Insbesondere der Gedanke der europäischen Einigung war der herrlichen Hetzschrift komplett zuwider.

Höchst amüsant ist die Analyse der Medienlandschaft. Der Autor entlarvt Schmierblätter und die Jagd der Fernsehleute nach der Quote. Er findet immer neue Missverständnisse, die es den Leuten erlauben, sich irgendwie schönzureden, dass es ja nur Satire sei und damit darauf hingewiesen werde, dass „so etwas“ nie wieder passieren dürfe. Damit gibt er schon im Voraus die Antwort auf die Frage, die in der realen Medienberichterstattung über dieses Buch so oft diskutiert wurde: Darf man „darüber“ lachen? Darf man sich „darüber“ lustig machen? Das Ende des Buches suggeriert nicht die Antwort, die man erwarten würde.

Aber der Deutsche ist nun einmal kein Revolutionär. Man muss es sich auch einmal wieder vor Augen halten, dass ihm selbst die sinnvollste, berechtigtste Revolution der deutschen Geschichte 1933 mit einer Wahl ermöglicht werden musste. Eine Revolution nach Vorschrift sozusagen.

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Krimi Roman Thriller

Vincent Kliesch – Die Reinheit des Todes

Da ich mir das Kaufen neuer Bücher untersagt habe, solange ich nicht einen großen Teil des Bestandes weggelesen habe (diese Regel werde ich demnächst brechen, um die neue Fortsetzung der Uthred-Saga von Bernard Cornwell zu kaufen, allerdings bestelle ich sie im lokalen Buchgeschäft, was genau der Grund ist, warum es noch nicht passiert ist), kann ich an keinem Bücherschrank vorbeigehen. Ist ja nicht gekauft. Zumeist stehen eh nur alte Schmöker drin, die niemand haben will. Aber dann auch mal ein interessant aussehender Krimi, der sich als Gustostückerl entpuppt.

Auf den ersten Seiten dachte ich, es wäre schon wieder eine Fortsetzung, da ständig auf den fehlgeschlagenen Fall des Kommissars Julius Kern vor wenigen Monaten verwiesen wird. Es entspinnt sich jedoch eine interessante Geschichte, in der der Autor es versteht, beide Kriminalfälle – den vergangenen sowie den aktuellen – aufzulösen und sogar zusammenzuführen zu einem furiosen Finale. Ein Glücksgriff aus dem Bücherschrank.

Randnotiz: Bei der Suche nach einem Link stellte ich fest, dass der Bücherschrank Josefstädter Straße / Albertgasse gar kein Verein der Initiative Offener Bücherschrank ist, sondern von der Bezirksvorstehung Josefstadt ins Leben gerufen wurde. Jedenfalls eine gute Sache, bitte mehr davon.

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Roman

Astrid Rosenfeld – Adams Erbe

„Adam, wie könnte mich das langweilen? Das sind die Momente, die zählen. Davon hat man immer nur eine Handvoll.“

Was wie eine scheinbar harmlose Familiengeschichte beginnt, entpuppt sich langsam als Blick auf die Schrecken der Nazizeit. Doch Hauptthema ist stets die Liebe. Wir lernen erst Edward Cohen kennen, seine Mutter, seine Großmutter Lara, die uns später in der Rückblende als resolute junge Frau begegnen wird. Ein faszinierender Kunstgriff, den Menschen, den man schon als Großmutter kennt, plötzlich als jungen Menschen beschrieben zu sehen. Diese Großmutter Lara erkennt in Edward stets die Ähnlichkeit zu seinem Großonkel Adam, dessen Schicksal Großvater Moses niemals verwinden konnte. Edward wächst im Schatten dieser Ähnlichkeit auf, doch niemand erzählt Edward die Geschichte dieses Adam. Nach dem Tod der Großmutter findet Edward ein Buch, das Licht auf Adams Geschichte wirft.

Hitler war die Sphinx unter unseren Nazis. Seine schwammigen Gesichtszüge schienen sich jeder Deutung zu entziehen. Wir hatten mittlerweile zumindest eine Theorie über den Führer aufgestellt. Wir waren uns sicher, dass er heimlich trank, obwohl immer behauptet wurde, dass er wie ein Asket lebte.

Auch Adam hat eine resolute Großmutter, Edda, die ihm nicht nur beibringt, in den Gesichtern der Leute zu lesen, um so festzustellen, ob man ihnen vertrauen kann. Nein, Edda ist Adams Hauptbezugsperson, denn seine Mutter weint stets um die toten Männer, erst Adams Vater, der gebrochen aus dem Krieg zurückgekehrt ist, dann den Doktor, der sie verlässt, bevor die Schrecken der Nazizeit tatsächlich beginnen. Edda ist es auch, die Adam schließlich die Flucht nach Polen ermöglicht. Denn Adam sucht Anna, in die er verliebt ist und die nach Polen deportiert wurde. Seine Familie hingegen plant die Emigration nach London.

Wie nimmt man Abschied von einer Dame mit Blau-schwarzen Haaren, die einen die Freiheit gelehrt hat? Wie sagt man adieu zu einer Frau in rotem Samt, die einen blutrünstigen Tyrannen in einen komischen Säufer verwandeln kann?

Adams Geschichte führt ihn nach Polen, wo er als Rosenzüchter seine jüdische Herkunft verbergen muss. Die Suche nach Anna bleibt vorerst erfolglos. Doch Adams gesamtes Leben ist nur von der Suche nach Anna beherrscht. Obwohl er sie schon so lange nicht mehr gesehen hat, bleibt Annas Leben sein einziges Ziel. Immer wieder muss er von seiner Liebe erzählen, den ein anderes Leben kennt er nicht. Zuletzt führt ihn die Suche nach Anna ins Warschauer Ghetto, ein Schicksal, dessen Ende man sich denken kann. Der Autorin gelingt es dabei, so eindrückliche Bilder zu schaffen. Das Findelkind Herakles hat noch nie in seinem Leben eine echte Blume gesehen und will Adam nicht glauben, dass Blumen nicht aus Papier sind. „Du bist verrückt.“ Er kennt nur die Realität des Ghettos und wird zeit seines Lebens die Wunder der Welt niemals sehen.

Auch wenn Adams Geschichte zu keinem Happy End führt, so führen doch die letzten leuchtenden Seiten die Liebesgeschichte zu einem versöhnlichen Ende. Denn Adam hat sein Leben der Liebe gewidmet. Und auch wenn er es nicht weiß, hat er auf seine Art alles richtig gemacht.