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Roman

Eva Schmidt – Ein langes Jahr

CN dieses Buch: Suizid, tödliche Krankheit
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Auch dieses Buch entstammt einer Recherche zu einem Literatur-Geocache. Ich habe es gern gelesen, da es im Format von miteinander verwobenen Kurzgeschichten geschrieben ist. Es erzählt Episoden aus unterschiedlichen Perspektiven von Menschen, die in derselben Nachbarschaft wohnen, aber sich zumeist gar nicht oder nur sehr flüchtig kennen. Trotzdem herrscht eine Art gegenseitige Anteilnahme vor, es gibt Verständnis für die schwierigen Lebenssituationen (Scheidung, Krankheit, Trennung, Verlust von Mobilität, etc.). Gefallen hat mir auch der große Anteil an Hunden, die im Text vorkommen. Leicht zu lesen und am Ende dann doch überraschend traurig.

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Roman

Donna Tartt – Der Distelfink

CN dieses Buch: Terrorismus, Explosion, Tod der Eltern, Drogenmissbrauch, Alkoholmissbrauch, Suizidgedanken, Glücksspiel, Betrug, Depression, Gewalt, Mord, Schusswaffen
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In all dem nach irgendeinem Sinn zu suchen, erscheint unglaublich bizarr. Vielleicht sehe ich ein Muster nur, weil ich zu lange hingestarrt habe. Andererseits, um Boris zu paraphrasieren, vielleicht sehe ich ein Muster, weil es da ist.

Dieses Buch habe ich auf meinem eBook-Reader schon im Weihnachtsurlaub ausgelesen und obwohl ich es irre gut finde, verschwindet es schon langsam aus meiner Erinnerung. Was mich wieder daran erinnert, warum ich diese Posts eigentlich schreibe …

Ein schicksalhafter Nachmittag in einem Museum in New York. Weder der Junge noch die Mutter sollten dort sein, als eine Explosion passiert, die die Leben mehrerer Personen beenden und die der Überlebenden miteinander verweben wird. Im Zentrum steht das Gemälde „Der Distelfink“, das vom jugendlichen Ich-Erzähler im Chaos nach der Explosion aus dem Museum entwendet wird. Fortan bestimmt das versteckte Gemälde (zuerst für zerstört gehalten, später von Expert:innen und Kunstpolizei weltweit gesucht) immer wieder subtil seinen Lebensweg. Seine (mehr oder weniger) zufällig geschaffenen Verbindungen mit der Familie Barbour, die ihn nach der Explosion bei sich aufnimmt; Pippa, die ebenfalls die Explosion überlebt hat; und Hobie, der bei der Explosion seinen langjährigen Geschäftspartner verloren hat, bringen ihn immer wieder nach New York zurück und steuern sein Leben in unterschiedliche Richtungen. Immer begleitet von dem Gedanken an den Distelfink, der seiner Freiheit beraubt ein Gemälde ziert, das nun niemand betrachten kann, weil das Gemälde selbst seiner Freiheit beraubt und versteckt wurde.

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Roman

Beate Maly – Tod am Semmering

CN dieses Buch: Mord, Gift, Waffe, Krankheit, Suizid, Krieg, Tod eines Kindes, Alkoholmissbrauch
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Wieder mal eine Krimiserie, die mir über einen Geocache zugeflogen ist. Da wollte ich natürlich mit dem ersten Buch der Reihe anfangen und jetzt steht ein Geocaching-Ausflug auf den Semmering an … das hab ich jetzt davon.

Allerdings bin ich noch unsicher, ob ich die Reihe überhaupt weiter lesen möchte. Ja, sie ist total süß, die neugierige Protagonistin Ernestine Kirsch, Lehrerin im Ruhestand, die nicht mehr loslassen kann, wenn sie irgendwo ein Geheimnis auch nur wittert. Ja, ich hatte zwar einen vagen Verdacht, der auch in die richtige Richtung ging, aber ich hatte die Auflösung des Kriminalfalls nicht kommen sehen. Ja, es ist ein absolutes einfaches Lesevergnügen und für meinen Winterurlaub war es ausgezeichnet. Aber ob ich davon mehr lesen möchte, das weiß ich noch nicht. Vielleicht im nächsten Urlaub wieder.

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English Roman

Miriam Toews – Fight Night

CN dieses Buch: Suizidgedanken, psychische Krankheit, sexuelle Handlungen, Geburt, Tod
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Fighting is so hard and yet we’re never supposed to stop!

Manche Bücher sind unbeschreiblich und dieses zählt zu dieser Kategorie. Die Zutaten Roadmovie, sprunghafte Protagonist:innen, tiefgehende Emotionen, Absurdität und Stream of consciousness-Stil vermischen sich zu einem Cocktail, der bei jedem Schluck einen anderen Geschmack zu haben scheint.

It’s not even written down, I said. It’s not real! Things don’t have to be written down to be real, said Grandma.

Der Titel Fight Night ist eigentlich nicht ganz logisch, denn hier wird das tägliche Leben als Kampf beschrieben. Jeder einzelne Tag als neuer Kampf gegen die Welt, gegen die anderen und manchmal sogar gegen sich selbst. Kämpfen, durchhalten und weitermachen. Nur so funktioniert das Leben. (Zumindest in diesem Buch.)

And she felt peace inside herself somewhere. She knew it was there, peace from God, she just didn’t know exactly where. Like her will and important papers. She knows they’re somewhere in the house, but where?


Jahresrückblick 2022:

  • Bücher: 70 (52 fiction/18 non-fiction), Highlights/Empfehlungen:
  • Reisen: Weihnachtsurlaub 2021/22 in Sizilien, Freundinnenbesuch in Großbritannien (einmalig verschoben wegen eigener Covid-Erkrankung), Gruppenwochenende in Kärnten, Gruppenwochenende im Waldviertel, Familien-Strandurlaub in Lignano, Berlin im November, Weihnachtsurlaub 2022/23 in Spanien
  • Covid: 1 Impfung (3/3), 1 Erkrankung, noch 1 Impfung (4/4)
  • Musik: Takida, The 1975
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English Roman

Patricia Highsmith – Carol

CN dieses Buch: –
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She had seen just now what she had only sensed before, that the whole world was ready to be their enemy, and suddenly what she and Carol had together seemed no longer love or anything happy but a monster between them, with each of them caught in a fist.

Dieses Buch wurde auf Lithub immer wieder erwähnt als eines der ersten, die eine lesbische Liebesgeschichte erzählen, die nicht in einem Drama und Einsamkeit endet. Die Erstveröffentlichung 1952 erfolgte unter dem Titel The Price of Salt und unter dem Pseudonym Claire Morgan. Die damals bereits bekannte Krimiautorin Patricia Highsmith musste erst den Verlag wechseln, um dieses Buch überhaupt veröffentlichen zu können. Im Nachwort erzählt sie von den vielen Briefen, die sie von Leser:innen der Paperback-Ausgabe erhalten hat. Unzählige Menschen, die sich in der Geschichte wiederfanden, die sich gesehen fühlten, vielleicht überhaupt das erste Mal in ihrem Leben.

Representation matters. What our young people see around them positively or negatively shapes their expectations for themselves and for each other. When it comes to our classrooms and schools, let’s do our part to make sure that they can see themselves and all of their peers as strong, creative, capable, happy, and connected. (Edutopia – Why Representation Matters)

Das Buch erzählt die Beziehung von Therese und Carol, die an einem vorweihnachtlichen Shopping-Tag an Thereses Arbeitsplatz ihren Ausgang nimmt. Die Anziehung zwischen den beiden wird schnell greifbar, jedoch die gesellschaftlichen Konventionen verlangsamen das Entwickeln einer Beziehung, die nach den Standards der damaligen Zeit als krank betrachtet wurde. Carols Ehemann lässt die beiden beschatten, um das alleinige Sorgerecht für die gemeinsame Tochter Rindy zu erhalten. Die Rolle des Kindes ist interessant: Zumeist scheint Carol es eher für ihre Pflicht zu halten, ihre Tochter zu lieben und ihr den wichtigsten Platz in ihrem Leben einzuräumen. Das wird von ihr als Mutter erwartet. Therese muss sich in diesem Zusammenhang mit der Erkenntnis auseinander setzen, dass sie für Carol niemals an erster Stelle stehen wird. Ob der Kindsvater die Tochter tatsächlich liebt oder sie in erster Linie benutzt, um seine Frau für ihr Fehlverhalten zu bestrafen, bleibt unbeantwortet.

Randnotiz: Ja, ich hatte immer wieder mal den Song An Old-Fashioned Love Story aus The Wild Party im Ohr.


Vor Weihnachten bin ich zufällig in der Hauptbücherei in eine interessante Ausstellung hinein gelaufen: Im Eingangsbereich hinter der zentralen Verbuchung können »Die Schönsten Bücher Österreichs, Deutschlands, der Schweiz, der Niederlande und der Ukraine« begutachtet werden (eine Initiative der typographischen gesellschaft austria (tga) – die Webseite ist auch sehenswert für Typographie-Interessierte). Dort findet sich auch die Information, die ich bei den Büchereien nicht finden konnte: Die Ausstellung ist noch bis 18. Februar 2023 zu sehen.

zwei Holztische mit darauf ausgestellten Büchern, im Hintergrund eine Wand mit BildernDetailansicht eines Tisches, auf dem Bücher ausgestellt sind, im Vordergrund zwei Titel mit rosafarbenem Coverzwei Holztische mit darauf ausgestellten Büchern, Perspektive des Fotos zwischen den Tischen stehend, die Tische entfernen sich nach hinten

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Sachbuch

Roman Sandgruber – Rothschild. Glanz und Untergang des Wiener Welthauses

CN dieses Buch: Holocaust, Krieg, Krankheit, Tod
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Für den absoluten Bewegungscharakter der Welt gibt es kein besseres Mittel als das Geld. Geld ist Schmiermittel und Geld ist Information. Ein Informationsvorsprung, damals mit Brieftauben und verschlüsselter Briefpost, dann mit Telegrafie und Telefon, heute mit Internet und Kryptografie, kann Geld bedeuten und viel Geld bringen.

Geschichte generell ist ja leider einer meiner Schwachpunkte. Natürlich habe ich in der Schule grob mitbekommen, was sich in den letzten hundert Jahren so getan hat. Zusätzlich habe ich noch ein paar Kenntnisse über bestimmte Epochen erworben, weil ich mich für bestimmte Personen interessiert habe (zB Kaiserin Elisabeth oder Wolfgang Amadeus Mozart). Größere bzw. langfristigere Zusammenhänge ergeben sich daraus aber nahezu gar nicht.

Gerade habe ich aus Interesse alle Posts aus diesem Blog aus der Kategorie Sachbuch durchgeschaut. Häufungen gibt es bei den Themengruppen Medien/Design/Fotografie, Theater/Musik, Selbsthilfe/Persönlichkeit und – für mich unerwartet – Religion. Geschichte hingegen kommt praktisch nicht vor.

Passend zu diesen Fakten habe ich zu diesem Buch auch nur gegriffen, weil es mit einem Literatur-Geocache in Verbindung steht. Als ich es in der Bücherei aus dem Regal genommen hatte, hätte ich es mir beinahe anders überlegt: ein Hardcover mit über 500 Seiten, definitiv kein Buch zum Herumtragen. Nun bin ich aber froh, dass ich mir die Mühe des Heimtragens gemacht habe, es war insgesamt schon sehr interessant.

Die Geschichte der Rothschild-Familie beginnt im 18. Jahrhundert und wird bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts verfolgt, als die Wiener Linie der Rothschilds mangels männlicher Nachkommen endete. Von der Frankfurter Judengasse aus arbeitet sich Mayer Amschel Rothschild empor, sein Sohn Salomon Mayer Rothschild begründet die Wiener Linie und die Wiener Privatbank Rothschild und bleibt in engem Kontakt mit seinen Brüdern, die in Frankfurt, London, Italien und Paris leben und arbeiten. Die Familiengeschichte hier im Detail nachzuzeichnen wäre kaum sinnvoll, ich möchte aber ein paar geschichtliche Highlights herausgreifen:

  • Nathaniel Rothschild besaß eine Sommervilla auf der Hohen Warte, zugehörig zur Gemeinde Reichenau. Diese wollte er in eine Stiftung für Tuberkulosekranke umwandeln, was der beliebten Fremdenverkehrsgemeinde gar nicht recht war. Ein Zitat aus einer Zeitung gibt deutlich wieder, wie zu Ende des 19. Jahrhunderts mit Kranken umgegangen wurde. Die gute Luft soll bitte den gestressten Stadtmenschen vorbehalten bleiben und die Kranken will man schon gar nicht sehen. Auch dass der unerwünschte Anblick kranker Menschen in dem Bericht VOR der Ansteckungsgefahr genannt wird, spricht Bände:

[…] dass gesunde Menschen oder solche, die zur Stärkung ihrer vom Stadtleben etwas mitgenommenen Nerven eine Sommerfrische aufsuchen, sich nicht eine solche wählen werden, wo ihnen auf Schritt und Tritt der peinvolle Anblick mitleidserregendster Krankheitsformen geboten wird und ihnen durch die Luftströmung eventuell Tuberkelkeime zugeführt werden […]

  • Eine Verbindung zu meinem früheren Interesse an Kaiserin Elisabeth ergab sich ebenfalls. Es wird berichtet, dass die Kaiserin am Tag vor ihrer Ermordung bei Caroline Julie Rothschild in ihrer Villa am Genfer See zu Gast war:

Man besichtigte die Kunstschätze und den weltberühmten Park mit den herrlichen Orchideenhäusern, Volieren und Aquarien. Gräfin Sztáray, die Hofdame der Kaiserin, berichtete später, Elisabeth habe schon lange keinen so hellen, wolkenlosen Tag wie diesen 9. September gehabt.

  • Der bereits oben erwähnte Nathaniel Rothschild war neben seinen wirtschaftlichen und karitativen Aktivitäten auch an Sport interessiert und 1894 an der Gründung des First Vienna Football Clubs beteiligt. Die Vereinsfarben Blau und Gelb, in denen noch heute gespielt wird, wurden anhand des rothschildschen Familienwappens gewählt.

Dennoch gilt er als der wichtigste Geburtshelfer des österreichischen Fußballs. Die Gründung des First Vienna Football Clubs, heute einfach „Vienna“, erfolgte am 22. August 1894 im Gasthaus „Zur schönen Aussicht“. Baron Nathaniel und sein Zentraldirektor Julius Schuster waren persönlich anwesend.

Das Buch wurde 2019 für den Preis Wissenschaftsbuch des Jahres nominiert. Obwohl sich der Autor sehr eng an die Quellen hält (das Quellenverzeichnis listet über 1.138 Verweise auf), ist das Buch flüssig zu lesen und lässt die Geschichte weniger staubig wirken, als sie sich von außen vielleicht anfühlen mag. Die vielen Fotos tragen dazu bei, einen Eindruck von den beschriebenen Epochen zu bekommen, in denen die Rothschild-Familie gelebt hat. Zum Final des Geocaches habe ich bereits eine Vermutung. Aber diese Geschichte wird vielleicht später auf einem anderen Blog erzählt ;-)

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English Roman

Elif Batuman – The Idiot

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Dance songs turned out to consist of one sentence repeated over and over. For example: “I miss you, like the deserts miss the rain.” Why would a desert miss rain? Why wasn’t it ok for a desert to be a desert, why couldn’t anything just be what it was, why did it always have to be missing something?

Auch eine Woche später habe ich mir noch keine wirkliche Meinung zu diesem Buch bilden können. Das obige Zitat beschreibt in meinen Augen schön die Persönlichkeit der Protagonistin Selin. Sie geht mit offenen Augen durch ihr Freshman-Jahr am College, inskribiert sich für Fächer, von denen sie vorher noch nie gehört hat und kommt aus dem Wundern nicht mehr heraus. Nichts scheint ihr Sinn zu ergeben. Weder die Einstellungen der Unterrichtenden zu ihren Themen, noch die Inhalte ihrer Kurse. Weder die Freizeitaktivitäten ihrer Mitstudierenden noch deren komplexe Identitäten. Also lässt Selin sich treiben, nimmt an jeder noch so absurden Aktivität teil und versucht auf diesem Wege, Sinn in ihrem Alltag zu finden. Wodurch sie schließlich im zweiten Teil des Buchs in einem kleinen Dorf in Ungarn landet, wo sie englisch unterrichten soll. Dort versteht sie dann buchstäblich die Welt nicht mehr, weil Sprach- und kulturelle Barrieren die Kommunikation zusätzlich erschweren. Da Selin jedoch schon am College zumeist eher ratlos den Menschen und Ereignissen in ihrem Umfeld gegenüber stand, klingt es fast teilnahmslos, wenn sie von verlorenen Kanus, unbekannten Straßenecken und einsamen Busstationen (lauter beängstigende Situationen in meinen Augen) erzählt.

Das Ende ist so glaubwürdig wie unbefriedigend. Und passend zum Titel ist der letzte Satz vollkommen falsch. Warum das so ist, dürft ihr selbst herausfinden.

EDIT 06.01.2023: In diesem Lithub-Artikel mit Empfehlungen erklärt Tamara Gomez, was ihr an diesem Buch so gefallen hat und ich habe jetzt das Gefühl, etwas verstanden zu haben.

Batuman helped me feel compassion for my younger self that made questionable and arguably dumb decisions while trying to look intelligent and cool in front of my crush.

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English Roman

Antonia Angress – Sirens & Muses

CN dieses Buch: Drogenmissbrauch, sexuelle Handlungen, psychische Erkrankung, Depression, versuchte Vergewaltigung
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Since childhood, she’d harbored the secret belief that her best work – her masterpiece – was suspended out there somewhere, waiting to channel itself through her. She searched for it with increasing impatience.

In diesem Buch erzählt die Autorin Episoden aus dem Leben von vier Menschen, die sich im Rahmen einer Kunstuniversität begegnen und deren Leben sich von dort aus in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Der erste Teil findet an der Kunstuniversität statt, wo sich die Studierenden Louisa, Karina und Preston sowie der alternde Künstler Robert kennenlernen. Noch interessanter werden die Beziehungsdynamiken jedoch im zweiten Teil, als alle vier Personen aus verschiedenen Gründen die Universität verlassen haben und sich mehr oder weniger gut in New York durchschlagen.

Ein zentrales Thema ist der Konflikt zwischen Kunst und Kapitalismus. Während Louisa an die Universität geht, um ihrem künstlerischen Streben Ausdruck zu verleihen, hat Karina mit ihren Eltern, die sich in der Kunstbranche als Sammler:innen betätigen, eine vollständig andere Ausgangsposition.

Preston wiederum sieht sich als gesellschaftskritischer Internetaktivist, der die Kunst als Mittel zum Zweck nutzt, um auf Missstände (eine wichtige Rolle spielt hier die sich 2011 rasch verbreitende Occupy-Bewegung) aufmerksam zu machen. Preston macht in meinen Augen die interessanteste Entwicklung durch, weil er letzten Endes einen Weg findet, wie er gleichzeitig seinen Lebensunterhalt verdienen und seiner Kritik am kapitalistisch orientierten Kunstmarkt Ausdruck verleihen kann.

In der Position des alternden Künstlers, dessen Erfolgsperiode weit hinter ihm liegt, kämpft sich Robert durch seinen Alltag als Universitätsprofessor. Er hadert intensiv mit den Veränderungen in der Kunstwelt, mit den jüngeren Künstler:innen, die scheinbar ohne Talent und ausschließlich am finanziellen Erfolg interessiert nach oben streben. Seine Geschichte beinhaltet auch die seines berühmtesten Gemäldes: ein Portrait seines an HIV erkrankten und sterbenden Freundes. Hier entfaltet sich ein anderer Konflikt: Kann es unter bestimmten Umständen (und welche wären das?) gerechtfertigt sein, das Leiden einer Person zu nutzen, um Aufmerksamkeit auf eine Problemlage (in diesem Fall die sich in den 1980er-Jahren ausbreitende AIDS-Krise) zu lenken? Oder ist der Schutz der Privatsphäre der Betroffenen und Angehörigen jedenfalls der Vorrang zu geben? Daraus ergibt sich eine Frage nach den Grenzen der Kunst: Was soll Kunst eigentlich dürfen und was vielleicht nicht?

Diese vier sehr verschiedenen Persönlichkeiten bringen unterschiedliche Perspektiven auf das künstlerische Streben an sich sowie auf den Konflikt zwischen Kunst und Kapitalismus mit. In persönlichen Gesprächen und manchmal auch öffentlichen Debatten werden Fragen thematisiert, die weder hier noch anderswo letztgültig beantwortet werden können. Eine literarische Auseinandersetzung mit der Kunst und ihrer Freiheit in einem gesellschaftskritischen Rahmen.

Randnotiz: Das folgende Zitat ist für mich besonders wichtig. Das hat andere Zusammenhänge als jene, in denen das Zitat im Roman vorkommt (das Recht, nach künstlerischem/finanziellem Erfolg zu streben), ich möchte jedenfalls nicht darauf verzichten.

You’re allowed to want things. You’re allowed to want things that other people don’t think you should want.

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Roman

Stefanie Sargnagel – Dicht

CN dieses Buch: Drogenmissbrauch, Obdachlosigkeit, Verwirrung, Krankheit, Tod, Suizid, sexuelle Handlungen, Gewalt
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Die Autorin war mir zuvor aus den sozialen Medien bekannt, habe mich aber nie wirklich mit ihrer Arbeit beschäftigt. Ich halte mich ja nach Möglichkeit von sozialen Medien und speziell ihren aufgeplusterten Dramen fern. Den Roman hab ich wegen eines Literatur-Geocaches gelesen und tatsächlich ist mir auch beim ersten Versuch die Lösung gelungen (das kommt sehr selten vor, irgendeine Kleinigkeit ist ja immer …).

Das Buch begleitet die Ich-Erzählerin auf ihren Streifzügen durch das Wien ihrer Jugend, bei denen sie sich in für Eltern haarsträubende Situationen bringt und doch wie durch ein Wunder niemals zu Schaden kommt. Schule ist uninteressant, konsumiert wird, was da ist. Sie beschreibt allerhand originelle Menschen und Situationen, was durchaus Unterhaltungswert hat. Einen tieferen Sinn konnte ich dem Buch jedoch nicht entnehmen. Auf der Wikipedia-Seite wird der Roman als autofiktional bezeichnet.

Autofiktion bezeichnet in der Literaturwissenschaft einen „Text, in dem eine Figur, die eindeutig als der Autor erkennbar ist […], in einer offensichtlich […] als fiktional gekennzeichneten Erzählung auftritt“.[1] Der Begriff geht auf den französischen Schriftsteller und Kritiker Serge Doubrovsky zurück, der Autofiktion als „Fiktion strikt realer Ereignisse und Fakten“ definierte.[2]

(Was vermutlich einen Kunstgriff darstellt, um eigene Erlebnisse in einem Text zu verarbeiten und aber trotzdem immer behaupten zu können, dass es ja alles nur Fiktion wäre?)

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Comics Kurzgeschichten

Nicolas Mahler – Kunsttheorie versus Frau Goldgruber

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Na das wird schon irgendwie ‘KUNST’ sein.

In diesem kurzweiligen Comic-Band setzt sich der Comic-Zeichner Nicolas Mahler mit dem Spagat zwischen Kunst und Kommerz auseinander. Die titelgebende Frau Goldgruber arbeitet beim Finanzamt und hat die Aufgabe, zu beurteilen, ob die vom Protagonisten mit 10% Umsatzsteuer versteuerten Comics nun tatsächlich Kunst sind oder doch eher Werbung. Auch die Zollbehörde und das Bundeskanzleramt kommen zu ihrem Auftritt bei der Erläuterung der Frage, wie sich der künstlerische Wert eines Comics bemessen lässt.

Der schwarze Humor äußert sich in Panels wie diesem: Über dem Bild steht folgender Text (Hervorhebung im Original): „Eigentlich haben COMICNERDS und KUNSTIDIOTEN viel gemeinsam … mehr als sie sich selbst eingestehen würden …“ Darunter ist links ein Männchen mit Krawatte und Weinglas in der Hand zu sehen, mit folgender Sprechblase: „So was schau ich mir ja gar nicht erst an … das ist ja KEINE KUNST!“. Rechts daneben ein Männchen in einem Matrix-T-Shirt, angedeutet ist außerdem Körpergeruch, mit folgender Sprechblase: „So was schau ich ja gar ned amal an … das ist ja KUNST!“

Mein Fazit: Fast zu unterhaltsam, um Kunst zu sein. ;-)