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Roman

Stefanie Sargnagel – Dicht

CN dieses Buch: Drogenmissbrauch, Obdachlosigkeit, Verwirrung, Krankheit, Tod, Suizid, sexuelle Handlungen, Gewalt
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Die Autorin war mir zuvor aus den sozialen Medien bekannt, habe mich aber nie wirklich mit ihrer Arbeit beschäftigt. Ich halte mich ja nach Möglichkeit von sozialen Medien und speziell ihren aufgeplusterten Dramen fern. Den Roman hab ich wegen eines Literatur-Geocaches gelesen und tatsächlich ist mir auch beim ersten Versuch die Lösung gelungen (das kommt sehr selten vor, irgendeine Kleinigkeit ist ja immer …).

Das Buch begleitet die Ich-Erzählerin auf ihren Streifzügen durch das Wien ihrer Jugend, bei denen sie sich in für Eltern haarsträubende Situationen bringt und doch wie durch ein Wunder niemals zu Schaden kommt. Schule ist uninteressant, konsumiert wird, was da ist. Sie beschreibt allerhand originelle Menschen und Situationen, was durchaus Unterhaltungswert hat. Einen tieferen Sinn konnte ich dem Buch jedoch nicht entnehmen. Auf der Wikipedia-Seite wird der Roman als autofiktional bezeichnet.

Autofiktion bezeichnet in der Literaturwissenschaft einen „Text, in dem eine Figur, die eindeutig als der Autor erkennbar ist […], in einer offensichtlich […] als fiktional gekennzeichneten Erzählung auftritt“.[1] Der Begriff geht auf den französischen Schriftsteller und Kritiker Serge Doubrovsky zurück, der Autofiktion als „Fiktion strikt realer Ereignisse und Fakten“ definierte.[2]

(Was vermutlich einen Kunstgriff darstellt, um eigene Erlebnisse in einem Text zu verarbeiten und aber trotzdem immer behaupten zu können, dass es ja alles nur Fiktion wäre?)

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Comics Kurzgeschichten

Nicolas Mahler – Kunsttheorie versus Frau Goldgruber

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Na das wird schon irgendwie ‘KUNST’ sein.

In diesem kurzweiligen Comic-Band setzt sich der Comic-Zeichner Nicolas Mahler mit dem Spagat zwischen Kunst und Kommerz auseinander. Die titelgebende Frau Goldgruber arbeitet beim Finanzamt und hat die Aufgabe, zu beurteilen, ob die vom Protagonisten mit 10% Umsatzsteuer versteuerten Comics nun tatsächlich Kunst sind oder doch eher Werbung. Auch die Zollbehörde und das Bundeskanzleramt kommen zu ihrem Auftritt bei der Erläuterung der Frage, wie sich der künstlerische Wert eines Comics bemessen lässt.

Der schwarze Humor äußert sich in Panels wie diesem: Über dem Bild steht folgender Text (Hervorhebung im Original): „Eigentlich haben COMICNERDS und KUNSTIDIOTEN viel gemeinsam … mehr als sie sich selbst eingestehen würden …“ Darunter ist links ein Männchen mit Krawatte und Weinglas in der Hand zu sehen, mit folgender Sprechblase: „So was schau ich mir ja gar nicht erst an … das ist ja KEINE KUNST!“. Rechts daneben ein Männchen in einem Matrix-T-Shirt, angedeutet ist außerdem Körpergeruch, mit folgender Sprechblase: „So was schau ich ja gar ned amal an … das ist ja KUNST!“

Mein Fazit: Fast zu unterhaltsam, um Kunst zu sein. ;-)

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Graphic Novel

Julie Maroh – Blau ist eine warme Farbe

CN dieses Buch: Homophobie, Krankheit, Tod, Trauer
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Als ich kürzlich in einer entlegenen Filiale der Büchereien Wien nach einem Buch suchte, das ich (vermeintlich) für einen Literatur-Geocache brauchte, landete ich wieder mal vor einem Regal mit Graphic Novels. Dieser Titel war mir sofort in Erinnerung, wenn ich auch nicht mehr sagen könnte, in welchem Zusammenhang.

Der Inhalt beschreibt eine Coming-out-Erfahrung. Die Protagonistin Clementine setzt sich gezwungenermaßen Stück für Stück mit der Tatsache auseinander, dass sie sich zu Frauen (bzw. speziell zu Emma) hingezogen fühlt. Die abwertenden Kommentare ihrer Mitschüler:innen und Eltern helfen dabei natürlich nicht: Clementine sagt sich selbst, dass sie so nicht sein darf:

Ich bin ein Mädchen, und ein Mädchen muss mit einem Jungen gehen.

Während sich die ersten zwei Drittel des Buchs Zeit lassen, die Erkenntnis und Entwicklung von Clementines und Emmas Gefühlen füreinander zu beschreiben, geht am Ende alles ganz schnell. Von Clementines 17. Geburtstag, an dem ihre Eltern sie mit Emma „erwischen“ und deshalb aus dem Haus werfen, bis zum Ende der Geschichte in einer anderen Zeitebene, sind es nur noch 24 Seiten.

Besonders gut gefällt mir, wie die Autorin die spezifischen Möglichkeiten des Mediums Comic / Graphic Novel nutzt. Das zeigt sich etwa auf einer Seite, auf der die Protagonistin Clementine ein Gespräch mit ihrem Freund Valentin in der Gondel eines Riesenrads führt. Die Seite besteht aus neun Panels, in denen die beiden teilweise miteinander sprechen, teilweise schweigen. Auf jedem Panel zeigen sie unterschiedliche Gesichtsausdrücke, die allein schon den Verlauf des Gesprächs erahnen lassen, ohne den konkreten Inhalt zu kennen.

Ein anderes Beispiel ist eine Seite, die aus vier übereinander stehenden seitenbreiten Panels besteht. Im obersten Panel ist nur Clementines Gesicht auf dunklem Hintergrund mit Sternen um ihren Kopf zu sehen. Die darunter liegenden drei Panels „zoomen“ aus diesem Close-up heraus und zeigen Stück für Stück die strahlende Clementine in einer U-Bahn umgeben von scheinbar leblosen Menschen in Grau und Grau.

Die Farbgestaltung spielt eine wichtige Rolle, wie der Titel bereits erahnen lässt. Die blauen Augen und Haare von Clementines Schwarm und später Partnerin Emma dominieren den Großteil der ersten Hälfte des Buchs, die Clementine als Jugendliche zeigen. In einer späteren Zeitebene sehen wir Emma mit inzwischen blonden Haaren, hängendem Kopf, traurigen Augen und in blau-grün-gelb getönten Panels zurückblicken.

Der Autorin ist das Meisterwerk gelungen, eine an sich traurige Geschichte gleichzeitig hoffnungsvoll wirken zu lassen.

Die Liebe entflammt, schläft ein, zerbricht, zerbricht uns, lodert wieder auf … Lässt uns wieder aufleben. Die Liebe kann nicht ewig sein, aber sie verleiht uns Ewigkeit …

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English Krimi Roman

Louise Penny – Glass Houses

CN dieses Buch: Mord, Drogenmissbrauch, Schwangerschaftsabbruch, Holocaust
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He saw the worst of humanity. But he also saw the best. And she was relieved to see that the decency remained. Stronger, even, than the pain. Stronger than ever. 

Weil ich in letzter Zeit nicht so wirklich Lust zum Lesen hatte, habe ich mir schließlich den nächsten Gamache gegönnt. Nach Three Pines verreise ich so gerne, dass mich nichts aufhalten kann.

In diesem Buch geht es sehr um das Thema „Gewissen“ bzw. darum, das Richtige zu tun. Einerseits ist dies ein wichtiges Thema beim aufzuklärenden Mord, andererseits aber auch bei dem in einer späteren Zeitebene stattfindenden Prozess zu ebendiesem Mord, der jedoch mit einem wesentlich größeren Verbrechen in Verbindung steht. Was sind wir bereit, zu tun, um einer größeren Sache zu dienen? Was sind bereit, aufzugeben oder zurückzulassen, wenn davon der Erfolg einer Operation oder die Karriere der Mitstreitenden abhängt? Und zu welchen falschen Handlungen kann uns unser Gewissen treiben, während wir eigentlich denken, das Richtige zu tun?

Chief Superintendent Gamache had just set their ship aflame. There was no going back now.

In diesem Buch habe ich außerdem die Bedeutung der Redewendung „Burn The Ships“ gelernt. Dahinter steht heute metaphorisch das Eliminieren aller anderen Optionen, sodass es nur noch einen einzigen Weg (nach vorn) gibt. Louis Penny führt im Buch diese Aussage auf den spanischen Eroberer Hernán Cortés zurück, der nach der Landung in Mexiko seine Schiffe verbrennen ließ, um sich und seiner Besatzung keinen Rückweg offen zu lassen.

Die Schiffe ließ er zerstören, nachdem Segel, Anker, Kompasse und alle weiteren beweglichen Teile an Land geschafft worden waren. So nahm er sich und seinen Leuten bewusst die Möglichkeit zur Rückkehr. (Wikipedia)

In diesem Medium-Artikel wird die Nutzung dieses Ausspruchs als Motivationsmethode erklärt. Auch interessant. Vielleicht gerade für Menschen wie mich, die gerne alle Optionen durchdenken, bevor sie handeln.

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English Roman

Bernadine Evaristo – Girl, Woman, Other

CN dieses Buch: Drogenmissbrauch, Suizid, Rassismus, Misogynie, Krankheit, Vergewaltigung, Gewalt, Mord, Diskriminierung, Depression
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Yazz knows full well that Amma will always be anything but normal, and as she’s in her fifties, she’s not old yet, although try telling that to a nineteen-year-old; in any case, ageing is nothing to be ashamed of

Seit ich dieses Buch fertig gelesen habe (was schon einige Tage her ist), fühle ich mich nicht in der Lage, einen Text zu verfassen, der dieser Ansammlung von weiblichen Lebenserfahrungen und Lebensentwürfen auch nur ansatzweise gerecht werden könnte. Mir gefällt das Episodenhafte an dieser Erzählform, die jeweils ein Kapitel aus der Perspektive einer Person erzählt. Jeweils drei Kapitel befassen sich mit Personen, die unmittelbar miteinander in Verbindung stehen (zB Frauen in Familienverhältnissen wie Mutter und Tochter wie im obigen Zitat angedeutet wird). Letztendlich führt Ammas Theaterstück als übergeordneter roter Faden dazu, dass die Verbindungen zwischen allen Protagonist:innen mit den unterschiedlichen Lebensverhältnissen deutlich werden. Trotz aller Unterschiede existiert diese Verbindung.

Es wäre unfair, einzelne Geschichten hervorzuheben aus dieser Bandbreite an unterschiedlichen Perspektiven. Es werden Frauenleben in unterschiedlichsten Beziehungsformen beschrieben, der Zeitraum im Blick erstreckt sich über mehrere Generationen. Dadurch kann auch die gesellschaftliche Entwicklung im Verlauf des letzten Jahrhunderts aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden.

Winsome likes the fact that Rachel is curious enough to know who her grandmother was before she was a mother, when she was a person in her own right, as she described it
except she never has been, first she was a daughter, then a wife and mother, and now also a grandmother and great-grandmother.

Die Suche nach der eigenen Geschlechtsidentität wird speziell im Rahmen einer Geschichte thematisiert, die auch die Notwendigkeit der Geschlechtsidentität prinzipiell in Frage stellt. Gerade diese Protagonist:in stattet die Autorin mit einem „gewöhnlichen“ Familienhintergrund aus. Sie beschreibt die schwierige Erfahrung, Fragen zu stellen in einem Forum, in dem schon die Benutzung bestimmter Formulierungen zu einem Ausschluss führen kann („people won’t tolerate ignorance on here“). Sie beschreibt den langen Lernweg, der notwendig ist, um sich von den erlernten Stereotypen und Rollenbildern zu lösen und an einen Ort zu gelangen, wo Menschen einfach Menschen sein dürfen. Und gleichzeitig wird aber auch eine Protagonist:in gezeigt, die aufgrund ihres Alters Schwierigkeiten damit hat, zu verstehen, in welchen Formen sich die Welt verändert hat („you’re expecting too much of me to even begin to understand what you’re going on about“). Gleichzeitig akzeptiert sie jedoch ihr Familienmitglied so, wie es ist. Selbst wenn wir nicht alles verstehen oder nachvollziehen können, können wir Menschen so akzeptieren und sein lassen, wie sie es wollen, ohne sie dafür zu kritisieren.

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Roman

Kurto Wendt – Sie sprechen mit Jean Améry, was kann ich für Sie tun?

CN dieses Buch: Vandalismus
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Auf eben dieses Mittelstück war auch die städtische Hauptbücherei gesetzt worden. Wie ein großes Schlachtschiff der Intellektualität, an der Grenze zwischen bürgerlicher Innenstadt und proletarischer Vorstadt, nicht als Ausschluss, sondern als Vermittlung, so wurde sie wahrgenommen. Auch wenn der sinnliche Eindruck der Ecke klarmachte, dass das Bücherschiff von beiden Seiten nur geduldet war, weil es die Verkehrshölle nicht behinderte.

Der rebellische Frank schlägt sich von einem Gelegenheitsjob zum nächsten durch, hat ein freundschaftliches Verhältnis zu seiner AMS-Beraterin, eine Vorliebe für selbst organisierten Vandalismus verbunden mit einem ausgeprägten moralischen Gewissen. Seine Abneigung gegenüber dem aktuellen aufgebrummten Job im Callcenter eines österreichischen Netzbetreibers legt er um in einen kreativen Umgang mit den Kund:innen, der ihm schließlich zum Sprung in die Platin-Abteilung verhilft. Seine Konversation mit der verehrten Frau Kammersängerin ist ein absolutes Highlight. Dass in der Geschichte eigentlich nicht viel passiert, ist dabei absolute Nebensache. Wie im obigen Zitat angedeutet, beschreibt der Autor mit viel Detailverliebtheit verschiedene Orte in Wien. Auf das im Buch oft besuchte Lokal in Ottakring bin ich schon sehr gespannt.

Randnotiz: Beim Lesen dieses Buchs musste ich sehr an eine bestimmte Person aus meiner Vergangenheit denken. Aus Gründen sind wir nicht mehr in Kontakt, daher kann ich das Buch nicht weiter reichen.

Randnotiz 2: Erst nach dem Posten habe ich bemerkt, dass dies der 900. veröffentlichte Post in diesem Blog ist! 900 Bücher in nicht ganz 15 Jahren.

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Roman

Angela Lehner – Vater unser

CN dieses Buch: Suizid, Körperfunktionen und -flüssigkeiten, Essstörung, sexueller Missbrauch von Kindern, sexuelle Handlungen
CN dieser Post: Erwähnung eines Mahnmals über Missbrauch, Folter und Ermordung von Kindern und Jugendlichen (in der Realität, nicht im Roman)


Vor dem Mahnmal steht eine Tafel, die über ein Ereignis informiert, von dem in Österreich alle wissen, an das wir uns aber nicht gern erinnern. Wir Opfer haben eben ein schlechtes Gedächtnis, wir können nichts dafür.

Dieses Buch habe ich wie so viele in letzter Zeit aus den literarischen Geocaches heraus gefischt. Es ist ein sehr interessanter Roman, der eine Protagonistin zeigt, die als Ich-Erzählerin zu Anfang und auch später immer wieder sehr glaubhaft und kompetent wirkt. Stück für Stück stellt sich jedoch heraus, dass wir Leser:innen ihr nicht wirklich vertrauen können. Ich fühlte mich an ein Buch erinnert, das ich kürzlich gelesen habe, das auch eine Protagonistin zeigt, deren Verwirrung sich erst im Verlauf der Geschichte enthüllt.

Schauplatz ist zu einem großen Teil das Wiener Otto-Wagner-Spital, das auf eine wechselhafte Geschichte zurück blickt. Das obige Zitat bezieht sich auf die Zeit des Nationalsozialismus, in der auf dem Gelände die Jugendfürsorgeanstalt »Am Spiegelgrund« eingerichtet war. Unter dem Deckmantel der Nervenheilanstalt wurden „kranke, behinderte und „nicht erziehbare“ Kinder und Jugendliche medizinischen Versuchen ausgesetzt“, gequält und auch ermordet. Daran erinnern die 772 Licht-Stelen des Mahnmals für die Opfer vom Spiegelgrund.

Ein Mensch, der weiß, dass weniger okay wäre, aber mehr macht, wurde an irgendeinem Punkt im Leben zum Optimum erzogen. Da hat jemand von diesem Menschen das maximal Richtige verlangt. Das Richtigste sozusagen. Daran hat sich der Mensch gewöhnt.

Das Buch hat mich sehr nachdenklich gemacht, da die Protagonistin teilweise sehr gezielt die Tiefen der menschlichen Persönlichkeit auslotet. Viele ihrer „Diagnosen“ klingen schlüssig und erwecken erfolgreich den Eindruck, dass sie eigentlich ihrer Umwelt geistig voraus ist. Wie sich dieser Eindruck mehr und mehr auflöst, und doch immer wieder Zweifel aufkommen an der Wahrheit ihrer Wahrnehmungen der Aussagen und Handlungen anderer, fand ich mitreißend und sehr gelungen.

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Roman

Elena Ferrante – Frau im Dunkeln

CN dieses Buch: sexuelle Handlungen, Gewalt
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Ich schlug ein Buch auf, aber inzwischen empfand ich ein Wirrwarr feindseliger Gefühle, die sich mit jedem Ansturm neuer Geräusche, Farben, Gerüche weiter verstärkten.

Elena Ferrante habe ich auf Lithub entdeckt, wo viel geschrieben wurde über ihr Pseudonym, ihre(n Wunsch nach) Anonymität und die übergriffigen Versuche von Stalkern (anders kann ich das wirklich nicht nennen), die versuchten, ihr Geheimnis zu lüften. Ihre Neapolitanische Saga war zu diesem Zeitpunkt in den Online-Bibliotheken nicht verfügbar (und es ist es auch zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vollständig). Daher setzte ich mir ihren Debütroman auf die Leseliste.

Das überschaubare Werk spielt in einer italienischen Küstenstadt, in der die Protagonistin Leda urlaubt. Die Leser*in erfährt, dass Leda allein auf Urlaub ist, ihre erwachsenen Töchter sind vor Kurzem zum getrennt lebenden Vater nach Kanada gezogen. Aus Ledas Betrachtung einer neapolitanischen Großfamilie, die am selben Strand ihre Zelte aufschlägt, schält sich Stück für Stück die gespaltene Beziehung heraus, die Leda zu ihren Töchtern und vor allem zu ihrer eigenen Mutterschaft hat. Ihre jungen Töchter hat sie als Belastung empfunden, so sehr, dass sie sie für drei Jahre verlassen hat, um ihrem eigenen Leben nachzugehen.

Die Geschichte illustriert deutlich den Konflikt, dem Mütter immer ausgesetzt sind, egal, wie fortschrittlich und frei sie sich selbst vor der Geburt der Kinder fühlen: Darf eine Mutter eigene Bedürfnisse haben oder macht sie das automatisch zur Versagerin? Ist völlige Selbstaufgabe die einzige Möglichkeit, als gute Mutter zu gelten und vor allem sich selbst als solche zu fühlen? Aus Leda spricht unendliches schlechtes Gewissen, weil sie sich nicht in der Lage sah, diesen Erwartungen gerecht zu werden. In der Bekanntschaft zur jungen Mutter Nina erlebt sie erneut ihre eigenen Zweifel und Kämpfe gegen gesellschaftliche Vorgaben.

Auch wenn dieses Thema bei Weitem nicht neu ist, scheint mir dieser Blickwinkel (eine Mutter, die tatsächlich ihre Kinder verlassen hat) eher selten im literarischen Diskurs zu sein. Die Tatsache, dass hauptsächlich Frauen hier im Mittelpunkt stehen und die männlichen Figuren kaum mehr als Statisten abgeben, hat mir auch gefallen.

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Krimi Roman

Edith Kneifl – Endstation Donau

CN dieses Buch: Mord, Gewalt, sexuelle Handlungen
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Aus Gründen lese ich aktuell nur so genannte leichte Literatur. Dieser Krimi kam aber immerhin mit einem Literatur-Geocache im Gepäck, der vergleichsweise einfach zu lösen war (und den ich auch verlinken darf, weil der Titel des Buches auch der Titel des Caches ist). Am Ende fehlte mir nur eine Antwort und die konnte ich aus dem Kontext erraten und somit den Multichecker zufrieden stellen. Das Final befindet sich an einem thematisch passenden Ort, der allerseits so abseits liegt, dass er mir ein enerviertes Schnaufen entlockte.

Wenn ich mehrere Krimis hintereinander lese, fallen mir leider die Muster auf, nach denen viele dieser Krimiserien aufgebaut sind.

  1. Zuerst stellt sich immer die Frage, ob die Protagonist:in selbst mit Polizeiarbeit zu tun hat oder nur zufällig in Kriminalfälle stolpert (in diesem Fall Zweiteres, wirkt oft unglaubhaft bei wiederholtem Auftreten).
  2. Dann spielt die Persönlichkeit dieser Protagonist:in natürlich eine große Rolle: Ist sie rebellisch, unkonventionell und will sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden geben? Oder ist sie eher bedacht, vorsichtig und nähert sich der Lösung auf intellektuelle Weise durch das Kombinieren von Hinweisen an? (in diesem Fall Ersteres, wirkt oft sympathischer, kann aber in Kombination mit dem Hineinstolpern in Kriminalfälle [siehe Punkt 1] den Effekt des „Oida, wie dumm kann ein Mensch sein?“ auslösen).
  3. Viele sympathische Krimis würzen mit Elementen, die nicht traditionell zum Krimigenre gezählt werden: Lokalkolorit, kulinarische Ergüsse, interessante Fakten über die Orte, an denen sich die Ereignisse abspielen (in diesem Fall alles davon: die Wiener Kleinganoven treffen sich am Mexikoplatz und auch andere Wiener Schauplätze dürfen mitspielen, die Protagonist:in darf sehr teuren Kaviar verkosten, die einzelnen Schauplätze der Donaukreuzfahrt werden ausführlich beschrieben inkl. den problematischen Themen der Regionen [Wilderei, Umweltverschmutzung, Armut]).

Wenn ich jetzt noch mehr Krimis lese, fallen mir vermutlich auch noch mehr Parallelen auf. Einen hab ich noch hier liegen, der auch eine Geocache-Verbindung hat. Spätestens danach muss ich mich wieder anderen Themen zuwenden, damit mir die Krimis nicht langfristig zum Hals heraushängen.

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Krimi Roman

Barbara Wimmer – Jagd im Wiener Netz

CN dieses Buch: Mord, Bedrohung, Gift
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»Sie haben anscheinend keine Ahnung, wie leicht es ist, Menschen über das Internet zu manipulieren! Es funktioniert hervorragend! Ich musste an den jeweiligen Tagen, an denen ich die Mails verschickt hatte, nur noch warten, bis sich die Dose mit den Kapseln bewegt hatte, und Bill hat sich darum gekümmert, dass jemand die Zettel auf den Leichen platziert.«

Der zweite Kriminalroman meiner Freundin Barbara Wimmer wurde kürzlich im Gmeiner Verlag veröffentlicht. Ihren ersten Roman Tödlicher Crash habe ich leider noch nicht gelesen, kann ich mir jetzt nach diesem Buch aber sehr gut vorstellen.

Die Journalistin Stefanie Laudon wird in diesem Buch selbst zur Zielscheibe eines Mörders. Während der Recherchen über einen Mord stößt sie nicht nur auf eine zweite Leiche sondern auch auf Scoring-Programme, mit denen ihr Dienstgeber sie und ihre Kolleg:innen überwacht. Das Buch spielt im Jahr 2028 und enthält auch geschickte Rückblicke auf die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen. Die oben genannten Scoring-Programme sind in Form von Predictive Policing, Kreditscoring oder Social Scoring bereits heute Realität.

Der Krimi befasst sich also auf unterhaltsame Weise mit brandaktuellen Themen und rückt Perspektiven in den Mittelpunkt, die im Mediendiskurs über Datenschutz und Überwachung entweder selten oder gar nicht vorkommen. Neben der oben bereits genannten Überwachung von Mitarbeiter:innen durch Algorithmen wird auch das Recht auf Reparatur (Right to Repair) anhand einer vernetzten Melkmaschine auf einem Bauernhof thematisiert. Die Forderung danach, dass Nutzer:innen das Recht haben sollten, Produkte, die sie rechtmäßig erworben haben, selbständig zu warten oder bezahlbare und faire Reparaturdienste zu erhalten, wird seit einigen Jahren immer wieder erwähnt, da sie auch in höchstem Maße mit Ressourcenverschwendung und Klimawandel im Zusammenhang steht.

Die zahlreichen Hinweise auf die Wiener Hacking-Szene machen vermutlich hauptsächlich denjenigen Spaß, die selbst Bezüge zu dieser Gemeinschaft haben. Aber auch am traditionellen Wiener Lokalkolorit wird keinesfalls gespart. Somit liegt hier ein spannender Kriminalfall vor, der gleichzeitig mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen verknüpft ist, und diese auf unterhaltsame Weise an die Leser:in bringt. Meine Empfehlung.

Disclaimer: Ich bin mit der Autorin befreundet und habe das Buch geschenkt bekommen. Dass meine Meinung davon komplett unbeeinflusst bleibt, kann ich nicht garantieren. Wie meine anderen Posts ist dies jedoch keine Werbung, sondern meine subjektive in Worte gefasste Meinung.