Oliver Sacks – Zeit des Erwachens

Wir müssen sogar noch weiter gehen: Wenn nämlich unsere Patienten Erlebnissen unterworfen sind, die so eigentümlich sind wie die Bewegungen ihrer Träger – und wir haben Grund, dies anzunehmen –, dann benötigen sie viel Hilfe, eine sorgfältige und geduldige Zusammenarbeit, um das beinahe Unsagbare sagen und das beinahe nicht Vermittelbare mitteilen zu können. Wir müssen Mutentdecker sein im unwirtlichen Reich des vom Parkinsonismus Befallen-Seins, in diesem Land jenseits der Grenzen der normalen Erfahrung.

Dieses Buch wurde mir vom lieben Freund A. geschenkt (er hat ausgemistet und mich gefragt, ob ich Interesse hätte). Warum ich es haben wollte, weiß ich ganz ehrlich nicht mehr. Schon bei der Einleitung kamen mir heftigste Bedenken. Aber wegen des kürzlich erlittenen Fehlschlags (#nonmention) wollte ich nicht gleich das Buch ins Korn werfen.

Der Neurologe Oliver Sacks arbeitete zuerst am Mount Zion Hospital in San Francisco. Kurz nach der Übernahme der Professur für Neurologie am Albert Einstein College of Medicine in New York entdeckte er in einem Hospital für chronisch Kranke eine Gruppe von Postenzephalitikern, deren Krankheitsverlauf und Therapiegeschichte schließlich die Grundlage für dieses Buch bildeten. Es folgen ein paar Grundlagen, die ich mir selbst erst aneignen musste (es ist immer wieder faszinierend, was man über eine Krankheit zu wissen glaubt, obwohl man eigentlich gar nichts weiß).

Der Begriff Parkinson-Syndrom ist ein Überbegriff für Erkrankungen mit den Leitsymptomen Rigor (Muskelstarre), Bradykinese (verlangsamte Bewegungen) bis zu Akinesie (Bewegungslosigkeit), Tremor (Muskelzittern) und posturale Instabilität (Haltungsinstabilität). Bekannt ist im Allgemeinen Morbus Parkinson als idiopathische Erkrankung (ohne bekannte genetische oder äußere Auslöser). Es gibt jedoch auch andere Formen des Parkinson-Syndroms, die etwa durch andere Krankheiten ausgelöst werden können (sekundäre Syndrome) oder im Rahmen anderer neurodegenerativer Erkrankungen (atypische Syndrome) auftreten.

Ein Spezialfall ist hier die Encephalitis lethargica, an der die meisten von Oliver Sacks Patienten erkrankt waren. Es handelt sich hierbei um eine Gehirnentzündung, die Krankheit trat zwischen 1917 und 1927 epidemisch auf, danach sind nur noch Einzelfälle dokumentiert. Während der akuten Krankheitsphase leiden die Patienten an Lethargie und unkontrollierbaren Schlafanfällen. Die Folgeerkrankungen ähneln oft den Parkinson-Symptomen und wurden daher auch in dieses Gebiet eingeordnet.

Lediglich ein Bereich – und nur dieser – blieb gewöhnlich von der gewaltigen Krankheit verschont: die „höheren geistigen Fähigkeiten“ wie Intelligenz, Vorstellungskraft, Urteilsfähigkeit und Humor. So konnten die Patienten, selbst in extremen Grenzsituationen, ihren Zustand bei völliger geistiger Klarheit erleben; sie behielten die Fähigkeit, sich zu erinnern, Vergleiche anzustellen, zu differenzieren und Zeugnis über ihr einzigartiges Schicksal abzulegen.

Oliver Sacks dokumentierte nun in seinem Buch die Behandlung der Patienten mit L-Dopa, einer Vorstufe des Neurotransmitters Dopamin (heutzutage oft das Glückshormon genannt). Das Parkinson-Syndrom ist unter anderem durch einen Mangel an Dopamin gekennzeichnet, wie der Pharmakologe Oleh Hornykiewicz in Wien und der Neurologe André Barbeau in Montreal im Jahre 1960 feststellten. Anfang 1967 berichtetet George Cotzias schließlich über Behandlungserfolge bei Parkinson-Patienten durch L-Dopa. Zwei Jahre später war der Preis für das neue „Wundermedikament“ gefallen, sodass Oliver Sacks es auch an seinen Patienten in Mount Carmel anwenden konnte.

Jeder beschriebene Patient ist an sich einer Erwähnung wert, die Lebens- und Fallgeschichten sind sehr unterschiedlich. Es gelingt Oliver Sacks auf ganz erstaunliche Art, jeden Patienten als Persönlichkeit zu betrachten und auch abzubilden. Auch die Reaktionen der Patienten auf das neue Medikament und die Veränderungen, die es in ihrem Leben auslöste, sind sehr verschieden. Gerade in den abschließenden ergänzenden Kapiteln, die der Autor erst für die später veröffentlichten Ausgaben hinzufügte, zeigt sich, wie unterschiedlich die Patienten auch auf die Langzeitanwendung von L-Dopa reagierten.

In den abschließenden Reflexionen erläutert Oliver Sacks auch die Zusammenhänge zwischen Erwachen und Heimsuchung, die alle Patienten in der einen oder anderen Form erlebten. Mich erinnerte der untenstehende Absatz daran, dass Dopamin als Glückshormon bezeichnet wird und Glück und Zufriedenheit viel zu oft gleich gesetzt werden. Diese Erkenntnisse sollten uns auch klar machen, dass durch Medikamente auch keine immerwährende Glückseligkeit erreicht werden kann. Der Mensch und sein Gehirn sind komplexer als nur die Summe ihrer Einzelteile und der chemischen Reaktionen dazwischen.

Erwachen zeichnet sich durch vollständige Befriedigung aus, durch völlige Erfüllung der Bedürfnisse des Organismus. Zu diesem Zeitpunkt sagt der Patient: „Ich habe, was ich brauche, ich brauche nichts mehr, ich habe genug, alles ist gut.“ … „Es geht mir gut“ bedeutet immer „Es ist genug“ – bedeutet Befriedigung, Zufriedenheit, Erfüllung, Erleichterung. … Aber leider, leider dauert dieses Glück des „genug“ niemals an. Nach einer gewissen Zeit geht es verloren und von da an gibt es nie mehr eine zutreffende Dosierung, das „Genug“ wird durch Zuwenig und Zuviel ersetzt, der Patient kann nicht mehr im Gleichgewicht gehalten werden.

In einem weiteren Kapitel vergleicht Dr. Sacks den Zustand des Parkinsonismus mit der Chaostheorie. Die über die Jahrzehnte entstandenen technischen Möglichkeiten wie zum Beispiel genaue EEG-Aufzeichnungen der Gehirnströme bildeten die Basis für einen neuen Blick auf die Krankheit und die Wirkungen des verabreichten Medikaments. In manchen Ticks der Patienten erkannte Dr. Sacks auch eine fraktale Dimension und verweist in diesem Zusammenhang auf Mandelbrot.

Das Chaos, das zunächst allem Verständnis zu trotzen schien und das dem Intellekt die völlige Niederlage androhte, zieht uns nun an und stellt eine neue Herausforderung dar. Anfangs empfanden wir das Chaos als den Feind der Vernunft, nun dient es als Grundlage einer neuen Rationalität, einer neuen Vernunft.

Die vielen unterschiedlichen Perspektiven, die man beim Lesen des Buches von der Krankheit und dem Umgang damit kennenlernt, sind zum großen Teil der Vielseitigkeit und dem ganzheitlichen medizinischen Ansatz von Oliver Sacks zu verdanken. Trotz des hohen Informationsgehalts bleibt das Buch auch für einen Nichtmediziner verständlich. Beim Lesen lernt man nicht nur die Krankheit kennen, sondern auch die Patienten und vor allem den Autor und Forscher, der die Krankheit untersuchte und die Patienten auf ihrer Lebensreise begleitete.

H. C. Artmann – Mein Erbteil von Vater und Mutter

Schon vor Jahren hatte ich mit meinem ersten Literaturcache begonnen. Den Autor H. C. Artmann hatte ich recht schnell identifiziert, dann zeigten sich jedoch die ersten Schwierigkeiten. In den letzten Wochen habe ich die Recherchen zu den Literaturcaches wieder aufgenommen und unter anderem dieses Buch aus dem Magazin der Hauptbücherei ausheben lassen. Sozusagen eine Rarität und wahrscheinlich noch das einfachste von den vier zu findenden Werken.

Die Geschichten aus Lappland sind blutrünstig und grausam, da wird mit einem Augenzwinkern Menschen die Haut abgezogen, Verwandte werden verspeist, auch der Fuchs hat eine sehr sadistische Ader. Hand aufs Herz, hier handelt es sich wieder um eine astreine Erweiterung der eigenen Filterblase, auf dieses Buch wäre ich sonst sicher nie gekommen, empfehlen kann ich es auch nicht wirklich, wenn man nicht das Wesen der Literatur an sich untersucht. Bin schon gespannt auf die weiteren Artmann-Werke.

Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

Dieser Roman erzählt die Geschichte einer deutsch-iranischen Familie auf vier unterschiedlichen Zeitebenen und aus vier verschiedenen Perspektiven. 1979 in Teheran lernt der Leser zuerst Behsad kennen, einen jungen Mann, der an die Möglichkeit glaubt, sein Land verändern zu können und dafür auch große Risiken eingeht. Schließlich muss er politische Verfolgung, Gefängnis und Folter fürchten und entschließt sich schweren Herzens, mit Frau und Kindern nach Deutschland zu fliehen. Eltern, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen bleiben zurück.

Diese Entwicklung erfährt der Leser aber erst aus dem Blickwinkel von Behsads Frau Nahid, die die Situation in Deutschland, 1989 vor der Wende beschreibt. Nahid versucht, sich anzupassen, sich in Deutschland zu integrieren, sie erzählt von den Beziehungen zu deutschen Bekannten, ihren Versuchen, an der deutschen Universität ein neues Studium zu beginnen, ihren Schwierigkeiten mit der unbekannten Sprache.

Auf der Rückfahrt im Bus, als die Kinder erschöpft eingeschlafen waren, flüsterte Behsad, um sie nicht zu wecken, Nahid, sie haben es nicht verstanden, sie denken, der Schah wäre besser gewesen, sie haben nicht verstanden, dass vergossenes Blut nie besseres oder schlechteres, gerechteres oder ungerechteres Blut ist, Nahid, sie haben es einfach nicht verstanden.

Die Kinder wachsen als Deutsche auf, die älteste Tochter Laleh war bei der Flucht im Kindergartenalter und erinnert sich noch an ihre iranischen Wurzeln. Sie erzählt aus dem Jahr 1999 über ihre eigenen Schwierigkeiten, herauszufinden, wer sie eigentlich ist. Generell kämpfen Jugendliche mit dieser Frage, für Laleh wird dies noch erschwert durch einen mehrwöchigen Urlaub in der Heimat ihrer Eltern. Iran ist inzwischen eine islamische Republik, Laleh, deren Eltern nicht religiös sind, die in Deutschland nie ein Kopftuch tragen musste, wird plötzlich in Mantel und Kopftuch gesteckt und leidet darunter, mit ihren falschen Bewegungen unter den anderen Frauen und Jugendlichen aufzufallen. Und die Verwandten stellen ihr immer wieder dieselbe Frage: Ist es in Deutschland besser als hier? Wo gefällt es dir besser? Für Laleh gibt es nur eine Antwort, die sie jedoch aus Höflichkeit nicht aussprechen kann.

Laleh beschreibt auch ein Erlebnis, das mich an eine Podcast-Episode erinnert hatte, die ich kürzlich gehört habe: CRE212 Saudi Arabien. Die Islamwissenschaftlerin Miriam Seyffarth hat einige Zeit unter anderem in Saudi Arabien gelebt und erzählt im Gespräch auch, dass dort einheimische Männer Ausländerinnen weniger Respekt entgegen bringen als den „zugehörigen“ Frauen. Man muss lernen, sich abzugrenzen, dabei ist die Kleidung ein Schutzschild, lange Ärmel und Kopftuch sind wichtig, aber man muss sich auch als Frau behaupten und respektloses Verhalten sofort entsprechend kontern.

Weitere 10 Jahre später erfährt der Leser, wie Lalehs jüngerer Bruder Morad in Deutschland lebt. Er studiert (mehr oder weniger), ist politisch interessiert bzw. hat das Gefühl, es sein zu müssen und spürt wenig Verbindung zu seinen Verwandten im umkämpften Iran. Täglich neue Protestvideos auf YouTube, Nachrichten aus dem Internet, Kontakt zur Verwandtschaft über Facebook, wenn Telefonieren gerade nicht funktioniert. Morad fragt sich, was er mit seiner Herkunft noch anfangen soll, er kennt die fernen Verwandten kaum und sucht trotzdem nach seinen Wurzeln.

Die Autorin hat ein beeindruckendes Zeitdokument geschaffen, das auch illustriert, wie gelebte Integration über mehrere Generationen hinweg Menschen und Familien verändern kann. Jahrzehnte der politischen Instabilität reißen Familien auseinander. Der undatierte Epilog ist ein hoffnungsvoller Blick in die Zukunft.

Peter Handke – Der kurze Brief zum langen Abschied

Du verhältst dich, als ob die Welt eine Bescherung sei, eigens für dich. So schaust du nur höflich zu, wie nach und nach alles ausgepackt wird; einzugreifen wäre ja eine Unhöflichkeit. Du läßt nur geschehen, und wenn dir etwas zustößt, nimmst du es mit Erstaunen, bewunderst das Rätselhafte daran und vergleichst es mit früheren Rätseln.

Der Ich-Erzähler ist unterwegs durch die USA. Scheinbar ziellos reist er von Stadt zu Stadt, lässt sich treiben, sucht nach Möglichkeiten, das Geld seiner Traveller’s Checks auszugeben. Für einen Teil der Reise begleitet er eine ehemalige Freundin / Bekannte und deren Tochter. Das obige Zitat stammt von dieser Frau, die einen Aspekt seiner Persönlichkeit charakterisiert, der später noch eine weitreichendere Bedeutung bekommen wird.

In dem Internatssystem, in dem ich aufgewachsen bin, war man von der Außenwelt fast abgeschnitten, und doch brachte es mir, gerade durch die Vielzahl der Verbote und Verneinungen, weit mehr Erlebnismöglichkeiten bei, als ich in der Außenwelt, in einer üblichen Umgebung hätte lernen können. So fing die Phantasie zu plappern an, bis ich fast idiotisch wurde.

Diese idiotische Phantasie ist es auch, die das Buch streckenweise etwas langwierig macht. Immer wieder werden wirre Träume des Ich-Erzählers wiedergegeben, die selbst mit der schlussendlichen Auflösung keinen weiteren Sinn ergeben.

Immer wieder ist von einer unbekannten Frau – Judith – die Rede. Am Anfang des Buches erscheint es, als ob der Erzähler auf der Suche nach ihr wäre, im Laufe des Buches wandelt sich jedoch dieser Eindruck, vielleicht ist der Protagonist in Wirklichkeit auf der Flucht vor ihr? Auf den letzten Seiten entpuppt sich schließlich die ganze Tiefe dieses komplexen Beziehungskonstrukts zu einer fatalistisch absurden Schlussszene. Am Ende war der titelgebende lange Brief gar nicht so lang, und der Abschied entweder gar kein Abschied oder ein endloser Abschied.

„Jetzt habt ihr Hymnen für euer ganzes Leben, und nichts mehr braucht euch unangenehm zu sein. Alles, was ihr noch erleben werdet, wird im Nachhinein ein Erlebnis gewesen sein.“

Hervé le Tellier – Neun Tage in Lissabon

Eine der unausgesprochenen Regeln des Romans sollte sein, dass jede Tür, die im Laufe des fiktionalen Geschehens geöffnet wurde, am Ende wieder geschlossen wird. Das wäre der Akt der Höflichkeit gegenüber dem Leser, für den nichts im Dunkeln bleiben sollte. Leider lässt sich diese Regel nur sehr schlecht mit den realen Bedingungen des Lebens vereinbaren, in dem nichts so klar ist, in dem nichts hermetisch verschlossen bleibt.

Der Ich-Erzähler Vincent beschreibt einen Arbeitstrip mit seinem Kollegen Antonio. Gemeinsam sollen sie über den Prozess an einem mutmaßlichen Serienmörder berichten. In diesem Rahmen reiht der Autor eine manchmal etwas willkürliche Kaskade an Personenbeschreibungen aneinander. Zumeist sind es Frauen, die alle auf ihre Art mit Vincent und seiner Fantasie spielen. Der Leser lernt die exaltierte und faszinierende Aurora kennen, die nach einer Liebesnacht mit Vincents Kollegen Antonio ein Geigenstück und ein Gedicht vor dem Restaurant zum Besten gibt, in dem Vincent und Antonio soeben mit Irene zu Abend essen. Irene, für die Vincent eine so glühende Verehrung verspürt, dass sie ihn praktisch nur auflaufen lassen kann, um sich stattdessen mit dem sprunghaften und unzuverlässigen Antonio einzulassen. Schließlich Manuela, die erfrischend spontan als Vincents erfundene Liebschaft einspringt, um Irene eifersüchtig zu machen.

All diese spannenden Frauenfiguren lassen die Herren im Nebel versinken, lassen ihre Gefühle (oder das, was sie dafür halten) unreif und nebensächlich wirken. Die oben mit dem ersten Absatz des letzten Kapitels angedeutete Auflösung der begonnenen Lebensgeschichten geht diesen Weg konsequent zu Ende. Ein Roman mit einem interessanten Ansatz, der nicht so einfach zu fassen ist.

Roger Willemsen – Die Enden der Welt

Wie auch schon beim Atlas der entlegenen Inseln überkommt mich beim Lesen von Roger Willemsens Reiseerlebnissen stückchenweise das Fernweh. Er beschreibt nicht nur die Orte selbst, er beschreibt Gefühle, wie etwa sehr deutlich in diesem Abschnitt über die kleine Stadt Isafjördur im äußersten Nordwesten Islands:

Nachts schlagen nur noch die Leinen gegen die Fahnenmasten. Das war der Anfang: Ein Geräusch im Kopf, eine korrespondierende Stimmung. Von dem Wunsch beflügelt, das zu hören, bin ich losgeeist. Meine Sehenswürdigkeit war ein Geräusch, aufgelöst in einem Wind mit Schneegeschmack.

Auf der einen Seite muss man die Geschichten einzeln aber jeweils an einem Stück lesen, um die Atmosphäre richtig spüren zu können. Auf der anderen Seite zieht sich ein Thema durch alle Geschichten durch: die Einsamkeit des Reisenden und die Gemeinschaft mit zufällig Mitreisenden. Obwohl man an die meisten beschriebenen Ort eher nicht reisen möchte, ist es das Gefühl des Unterwegs-seins, des Unbekannten, das gleichzeitig anziehend und abstoßend, erhebend und beängstigend wirkt.

Das Ende der Welt, wurde mir gerade bewusst, das ist auch das eigene Zuhause, von einem bestimmten Standpunkt der Fremde aus betrachtet, und weil es so ist, sind diese entlegenen Stätten, die Enden, keine Tore, durch die man aus der Welt hinausgelangt. Aber manchmal sieht es genau so aus, dachte ich, und reiste am nächsten Tag ab, ohne noch einmal im Postamt gewesen zu sein.

Eine rückblickend gruselige Episode ereignete sich bei einem Trip nach Mandalay in Indien. Ein Wahrsager bescheinigt dem Autor: „Älter als achtzig Jahre werden? Nein, das ist leider unmöglich für Sie.“ Roger Willemsen starb im Februar 2016 im Alter von 60 Jahren an Krebs.

Nick Hornby – All You Can Read

Auf eine kurze Phase der literarischen Inspirationslosigkeit (die Liste der in der Bücherei verfügbaren Bücher, bei denen ich jeweils überprüfe, welches gerade verfügbar ist, war auf wenige Bände zusammengeschrumpft, andere Ideen waren auch gerade aus) folgte eine Phase, in der mir die Bücher nur so zuflogen. Über Julya Rabinowich kam diese Empfehlung: 10 German Books by Women We’d Love to See in English . Ich will alle 10 lesen und muss den Literary Hub RSS Feed abonnieren. Im Zusammenhang mit der Fußball EM in Frankreich kam diese interessante Sammlung daher, der Artikel ist furchtbar zu konsumieren (nichtmal Instapaper hilft da), aber die Empfehlungen aus den Teilnehmerländern erweitern definitiv den Horizont. Heute habe ich außerdem entdeckt, dass die Liste der österreichischen Literaturcaches nicht aktuell ist, scheint, als würde die nicht mehr gepflegt. Sie geht nur bis 25 und ich habe heute 31 und 34 entdeckt. Noch mehr zu tun!

Ein Zufallsfund in der Bücherei war Nick Hornbys All You Can Read. Es handelt sich um eine Sammlung von Kolumnen, die er für eine britische Literaturzeitschrift schrieb. Mit dem gewohnten Witz und viel Ironie beschreibt Hornby gelesene Bücher, so dass man sich aus jeder Kolumne zumindest eine Empfehlung herauspicken kann. So richtig schmunzeln durfte ich auch, als ich darin eine Empfehlung fand, die schon seit Längerem bei mir im Regal der ungelesenen Bücher steht.

Wir alle wissen, dass die Begleitumstände beim Lesen eines Buchs mindestens so wichtig sind wie das Buch selbst, und ich las Gilead zu einer seltsamen Zeit. Ich war in Großbritannien auf Lesereise, und ich hatte mich selbst und den Klang meiner Stimme satt, hatte es satt, in doofen Radiosendungen zu Gast zu sein, wo es mir überraschend leicht fiel, meinen eigenen, fein ziselierten Roman auf idiotische Soundbites zu reduzieren: Wenn je jemand des erstaunlichen Seelenfriedens bedurfte, zu dem Marilynne Robinson in ihrem Buch findet – wie gelingt einem das bei etwas, das aus Wörtern gebaut ist? –, dann ich. Caveat emptor, aber wenn es Ihnen nicht gefällt, sind sie ein Mensch ohne Seele.

Und dann hab ich auf einmal einen Stapel an Büchern herumliegen, eine lange Liste, die für Jahre reichen sollte, vier Draft Posts begonnen und weiß nicht, was ich zuerst lesen soll … zum Glück ist Sommer!

Bov Bjerg – Auerhaus

Als dieser Roman letztes Jahr erschienen ist, habe ich mehrere Rezensionen in Blogs darüber gelesen (zumindest bilde ich mir das ein). Da meine Notizen in diesem Fall wieder mal versagen, kann ich jetzt nur noch die Rezension der Kaltmamsell anführen. Erwähnenswert ist das deshalb, weil ich beim Lesen ständig das Gefühl hatte, das Buch schon zu kennen.

Frieder hat einen Selbstmordversuch begangen. Nach der Entlassung aus der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses darf er ins verwaiste Haus seines Großvaters einziehen, soll jedoch nicht allein wohnen. Sein Freund Höppner (Erzähler der Geschichte) zieht mit ein. Weitere Persönlichkeiten mit unterschiedlichsten Lebensgeschichten gesellen sich dazu, eine Gemeinschaft entsteht, einige Monate geht alles gut. Zu den gelegentlichen Lebensmitteldiebstählen (fast alle Bewohner gehen noch zur Schule, der Haushalt muss irgendwie bestritten werden) kommen schließlich Straftaten hinzu, die nur als jugendlicher Unfug bezeichnet werden können. Höppner muss um sein Abitur bangen und kämpft mit der Entscheidung, wie er dem Wehrdienst entkommen kann.

Die Geschichte ist in kurzen Episoden erzählt, die meisten Kapitel sind nur wenige Seiten lang. Damit entsteht das Gefühl eines Tagebuchs, der Erzähler dokumentiert die Vorgänge im Auerhaus (eine Verballhornung von Our House) scheinbar unbeteiligt, aber doch immer mittendrin. Die Erlebnisse der Jugendlichen lesen sich flüssig, man sieht die Stimmung Stück für Stück kippen und bleibt bis zum schmerzhaften, aber guten Ende dabei.

Ganz besonders mochte ich den Schluss von Auerhaus: Es ist immer schwierig, eine lange Geschichte befriedigend zu beenden, Bov Bjerg hat das geschafft. Kaltmamsell

Petra Hartlieb – Meine wundervolle Buchhandlung

Ich gestehe: in der Buchhandlung gesehen und anschließend in der Bücherei ausgeborgt. Wenn ich alle Bücher kaufen würde, die ich lese, hätte ich keinen Platz in meiner Wohnung und kein Geld mehr, um Futter für den Hund zu kaufen.

Petra Hartlieb erzählt in herrlich ironischem Ton von der Geschichte ihrer Buchhandlung. Ein spontan abgegebenes Angebot führt zum Zuschlag für den Kauf einer Traditionsbuchhandlung und damit zum Umzug von Hamburg nach Wien und zu einer aufregenden Reise in die Welt des Unternehmertuns. Mit viel Witz beschreibt die Autorin die täglichen neuen Herausforderungen, mit denen sie als Buchhändlerin konfrontiert wird. Auch die familiären Belastungen durch die vielen zusätzlichen Arbeitsstunden spart sie nicht aus. Urlaub ist selten, das Weihnachtsgeschäft fordert alle Energien, nicht alle Kunden schätzen die umfangreiche Beratung, die auch mal zu Wartezeiten führen kann. Trotzdem spürt man in Petra Hartliebs Geschichte in erster Linie die Liebe zum Buch und zum Buchhandel und die Überzeugung, dass die viele Arbeit nicht umsonst ist.

Buchhandlung Hartlieb, 1180 Wien

Wenn man in Wien ist, kann man sich die beschriebene Buchhandlung inklusive der Mitarbeiter sogar anschauen. Leider habe ich es zwei Wochen lang nicht geschafft, während der Betriebszeiten hinzukommen, heute ging es sich immerhin beim Sonntagsspaziergang aus. Die Schaufensterdekoration reißt mich persönlich jetzt nicht so vom Hocker. Ja, ok, die Fußballecke muss man wohl gerade haben. Aber das Donna-Leon-Schaufenster mit den Büchern aus unterschiedlichen Editionen mit unterschiedlichen Covergestaltungen schmeichelt dem organisierten Auge definitiv nicht. Eine schöne Idee ist das Schaufenster seitlich von der Tür, in dem die Mitarbeiter ihre Lieblingsbücher präsentieren – ein Zeichen für die familiäre Arbeitsatmosphäre, die im Buch beschrieben wird. Vom Geschäft konnte ich leider nicht viel sehen, weil hinter der Tür massige Buchständer den Blick verstellen. Vielleicht schaffe ich es doch, mal während der Betriebszeiten hinzukommen. Die spanische Buchhandlung ist auch in der Nähe.

Peter Handke – Wunschloses Unglück

Selten wunschlos und irgendwie glücklich, meistens wunschlos und ein bißchen unglücklich.

Ein Geocaching-Literatur-Rätsel stieß mich auf Peter Handke. Ich bin mir ziemlich sicher, dass seinerzeit im Deutsch-Unterricht eine(r) meiner SchulkolegInnen ein Referat darüber gehalten hat, erinnern konnte ich mich jedoch nur mehr daran, dass Handke darin vom Leben seiner Mutter erzählt.

Fein säuberlich schickte sie ihm eine beglaubigte Testamentskopie per eingeschriebenem Brief, noch am selben Abend beging sie Selbstmord durch eine Überdosis Tabletten. Auf den ersten Seiten geht Peter Handke darauf ein, dass das Aufschreiben der Geschichte für ihn auch therapeutische Wirkung hat, im weiteren Verlauf schreibt er einmal auch über die Schwierigkeit, die richtigen Formulierungen zu finden, die aber die Geschichte keinesfalls verfälschen dürfen. Eine schwierige Aufgabe, wenn man über lange zurückliegende Geschehnisse schreibt, die man selbst gar nicht oder nur sehr peripher (als kleines Kind) erlebt bzw. wahrgenommen hat.

Aufwachsen in der Großfamilie auf dem Land, keine eigenen Bedürfnisse haben dürfen, keine Möglichkeiten. Dem neugierigen Mädchen wird vom Großvater der Wunsch etwas zu lernen, einfach nur irgendwas abgeschlagen, immer wieder vom Tisch gewischt. Bis sie mit 15 Jahren schließlich geht und sich im Tourismus vom Stubenmädchen aus hocharbeitet. Der Anschluss an Deutschland und bald darauf der Krieg kommt dazwischen, eine erste Liebe, eine schnelle Schwangerschaft, Heirat mit einem anderen, den sie jedoch nicht liebt (das Kind braucht einen Vater). Der Krieg trennt die Familie, erst 1948 kehrt die Mutter in ihr Heimatdorf zurück, weitere Kinder folgen. Ausscheren ist auf dem Dorf nicht gern gesehen:

Spontan zu leben – am Werktag Spazierengehen, sich ein zweites Mal verlieben, als Frau allein im Gasthaus einen Schnaps trinken–, das hieß schon, eine Art von Unwesen treiben; „spontan“ stimmte man höchstens in einen Gesang ein oder forderte einander zum Tanz auf.

Schließlich leidet sie unter immer stärkeren Kopfschmerzen, jeder tägliche Handgriff wird zur Qual. Sie stößt sich an Ecken und Kanten, erinnert sich an nichts mehr, verirrt sich beim Spazierengehen, verliert jedes Zeit- und Ortsgefühl. Aus heutiger Sicht würde man wohl eine akute Depression diagnostizieren, damals vermutete der Arzt einen eingeklemmten Nerv. Sie wird schließlich von einem Nervenarzt behandelt, eine Zeitlang geht es ihr besser. Doch wie es weiter vorn im Buch heißt, wusste sie wohl, dass ihre Zukunft bereits vorbei war.

Auf den letzten Seiten versammelt der Autor Erinnerungen, Anekdoten, Reflexionen, jetzt ist er nicht mehr der Erzähler, jetzt erinnert er sich an die Frau, die seine Mutter war. Ein schmerzhaftes, persönliches Buch.