Lisa Williamson – The Art of Being Normal

“But normal is such a stupid word,” I say, anger suddenly rising in my belly. “What does it even mean?”
“It means fitting in,” David replies simply.

Im Moment fallen die Artikel aus Zeitgründen etwas kürzer aus: dieses Buch ist absolut großartig. Es beschreibt das Leben von zwei Jugendlichen, die nicht wie alle anderen sind. Jugendliche sind grausam, wie wir wissen, daher behalten beide ihr Geheimnis für sich. So lange es eben geht …

Das Thema ist sperrig und es hätte grandios schief gehen können. Stattdessen ist der Autorin ein herzerwärmendes, ehrliches Buch gelungen. Die Charaktere sind vielschichtig und nicht nur die beiden Hauptpersonen machen im Verlauf der Geschichte eine enorme Entwicklung durch. Erwachsenwerden und seinen eigenen Platz im Leben finden ist schwierig genug. Und noch schwieriger, wenn man aus irgendeinem Grund nicht in die breite Masse passt. Ein mutiges Buch, das dazu aufruft, sich selbst treu zu bleiben entgegen aller Widerstände.

Corina Bomann – Und morgen am Meer

Zu Beginn des Buches hat mich der Nostalgiefaktor wieder voll erwischt: Songs aus dem Radio auf Kassetten aufnehmen und diese mit der besten Freundin tauschen. Habe ich auch gemacht, bevor ich 1994 meine erste CD (Bravo Hits 4!) kaufen konnte. Auch die Benennung der Kapitel mit Musiktiteln finde ich sehr gelungen, hat mich auch wieder an die viel zu selten gehörte Playlist von Amy & Roger’s Epic Detour erinnert.

Der Rest des Romans hat mich dann leider nicht mehr so begeistert. Die beschriebene Love Story zwischen einem Mädchen aus Ostberlin („das Karamellmädchen“) und einem Jungen aus Westberlin (träumt von einer Karriere als Musiker in den USA), die sich nicht lieben dürfen, weil der Westler für die Sozialisten den Klassenfeind darstellt, ist einfach zu kitschig.

Man spürt den persönlichen Bezug der Autorin, aber es fühlt sich an, als hätte sie versucht, zu viel hineinzupacken. Die komplizierte Geschichte der Eltern des Mädchens, der Unfall des Jungen, der ihn zuerst hindert, Motorrad zu fahren, was er aber aus Liebe dann im Eiltempo überwindet – wenn man ein Musical daraus machen wollte, kann ich mir lebhaft vorstellen, welche Randfiguren man wegstreichen würde, um die Geschichte knackiger zu gestalten. Der Nostalgiefaktor und der Geschichtsbezug mit interessanten Details aus dem Leben in der DDR reichen leider nicht aus, um die Schwächen der Geschichte und ihrer Figuren auszugleichen.

Gyrðir Elíasson – Am Sandfluss

Wie zu erwarten war, ist die EM schon lange eine entfernte Erinnerung, aber die Buchempfehlungen von zeit.de begleiten mich noch länger.

Eine Woche nachdem ich diese Geschichte zu Ende gelesen habe, weiß ich noch immer nicht, was ich darüber schreiben soll, ohne das Ende zu spoilern. Ohne das Ende ergibt es nämlich keinen Sinn. Ein einsamer Künstler im Wald, in einer Wohnwagensiedlung mit Sommerfrischlern, zu denen er keinen Kontakt hat. In eine Begegnung mit einer rot gekleideten Frau fantasiert er sich Bedeutung hinein. Mit seinen Bildern wird er zunehmend unzufriedener. Die Beziehung zu seiner Familie ist zerrüttet, sein Sohn kommt zu Besuch, jedoch bleibt die Begegnung oberflächlich. Es wird Herbst. Die Sommerfrischler reisen ab, der Maler bleibt allein zurück.

Macht Einsamkeit verrückt? Gibt es Momente im Leben, die man nur mehr in Einsamkeit ertragen kann? Gibt es einen Punkt im Leben, an dem man nicht mehr zurück kann in das, was man bisher für sein Leben gehalten hat? Gibt es eine Möglichkeit für einen Neubeginn? Jedem, der sich diese Fragen stellt, rate ich dringend, sie nicht in einer einsamen Wohnwagensiedlung im Wald zu erörtern, sondern in Gesellschaft.

Bernard Cornwell – Der leere Thron

Letztens hatte ich mich kurz gefragt, ob der Cornwell eigentlich kürzlich mal wieder was geschrieben hätte, und daraufhin festgestellt, dass seit dem letzten Mal, dass ich mich das gefragt hatte, bereits zwei Jahre vergangen sind und sogar zwei neue Uhtred-Romane inzwischen erschienen sind. Dafür wollte ich die geschenkten Gutschein-Karten des Mainstream-Bookstores einlösen, bekam aber beim ersten Anlauf nur Der leere Thron.

Das Buch beginnt mit einer Episode aus dem Blickwinkel von Uhtreds Sohn, auf einen kurzen Moment der Verwirrung folgte ein Moment der Erleichterung, als mit dem zweiten Kapitel wieder Uhtred selbst das Erzählen übernimmt. Ich kann es nicht erklären, warum mich diese Geschichte auch im achten Band noch fesselt, obwohl Schlachten, Schwerter und Schildwall fester Bestandteil jedes Bandes sind. Bernard Cornwell pflegt einen Erzählstil, der spannend bleibt und obwohl so mancher Ausgang einer Schlacht vorhersehbar ist, gelingt es ihm immer wieder, überraschende Wendungen einzubringen, die trotzdem nicht unglaubwürdig wirken. Nicht nur einmal musste ich beim Lesen auflachen, weil der körperlich angeschlagene, aber schlaue Uhtred seine Gegner gefinkelt hinters Licht führt. Ach, und für die Read Harder Challenge konnte ich es auch verbuchen: Read a book of historical fiction set before 1900.

Sasha Martin – Life from Scratch: A Memoir of Food, Family, and Forgiveness

I’d been waiting to taste it for more than a decade. It wasn’t just a botched dessert. For the first time, that pie showed me who Mom really was, not who I wanted her to be. That pie was her. No matter how much I needed her to be the perfect mother, she could only be human. And though her choices had always been made with the best of intentions, the results spoke for themselves.

Eigentlich wollte ich ja für 2016 keine Reading Challenge machen, mal etwas entspannter lesen, mich Literatur-Geocaches widmen und so weiter. Eigentlich. Dann flog mir über Lithub zu, dass die von mir sehr geschätzte Autorin Ann Patchett nicht nur ihr eigenes Buchgeschäft betreibt, sondern auch einen dazugehörigen Blog. Und darüber fand ich dann die Book Riot Challenge für 2016. Nach einem kurzen Durchscrollen der Aufgaben hatte ich zwei gestrichen und mit den bisher gelesenen Büchern des Jahres auch schon einige Punkte abgedeckt. Und dann fiel mein Auge auf den Punkt Food Memoir.

Erst nach einer Goodreads-Recherche war mir klar, dass dieses Genre für mich bisher nicht existent war. In der Bücherei konnte ich leider nichts Passendes finden. In den USA scheint diese Kombination jedoch deutlich populärer zu sein als im deutschsprachigen Raum.

Sasha Martin beschreibt in ihrem Buch einerseits ihre komplexe Familiengeschichte (Vater nicht präsent, alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern jahrelang an der Armutsgrenze, Umzug zu Freunden der Familie, wiederholtes Entwurzelt-werden, Selbstmord des Bruders, Herumirren im Leben bis zum letztendlichen Finden eines Platzes in der Welt und einer eigenen Familie), andererseits die Umsetzung ihrer Idee, Gerichte aus jedem Land der Welt zu kochen. Während des Lesens habe ich selbst Lust bekommen, von der Alltagsküche mal wieder etwas abzukommen und neue Wege zu beschreiten. Auch meine Alltagsküche ist von den Wurzeln meiner Familie durchzogen (Linsen, Spinat, Erdäpfelpüree), hat sich phasenweise sehr in Richtung unterschiedlicher Nudelvarianten bewegt und schließlich mit dem Umstieg auf großteils vegetarische Ernährung eine neue Richtung erfahren. Food Blogs können hier wichtige Impulsgeber sein (Green Kitchen Stories, Esskultur, Die Küchenschabe).

Then I watch as Mom teaches Ava to feel the warm sunshine on the carpet, to teat sheets of paper, to throw balled-up socks into a laundry basket. Mom’s ability to transform everyday objects into toys reminds me that it was her creativity that kept me from realizing we were poor all those years ago.

Die Beschäftigung mit Nahrungsmitteln und ihrer Herkunft möchte ich in meinem Alltag nicht missen, die Entdeckung des Genres Food Memoir ebenso wenig. Darauf beruht nun auch die Entscheidung, das letzte Viertel des Jahres mit der Vollendung dieser Reading Challenge zu verbringen. Es ist wieder an der Zeit, Grenzen zu überschreiten und Neues kennenzulernen.

„You can’t fix it, Sash, any of it. You just have to let this thing happen however it’s going to happen.“

Cory Doctorow – For the win

“What’s the sense in giving up so much if it won’t make any difference?”

In diesem Artikel beschäftigt sich Raph Koster mit dem Erfolg von Pokémon Go und den Auswirkungen, die diese virtuelle Realität als Teil der echten Realität auf eben diese echte Realität haben könnte. Der Artikel ist sehr lesenswert, als Beispiel sei hier genannt, dass etwa die Erreichbarkeit eines Pokéstops von einem Café aus diesem Café möglicherweise einen deutlichen Vorteil verschafft gegenüber dem Café, dass nicht mit einem Pokéstop aufwarten kann. Er erklärt auch kurz die Mechaniken der In-Game-Währung, und empfiehlt unter anderem For the win als Gedankenexperiment zum Thema crossover of virtual and real world behavior.

Cory Doctorow demonstriert in diesem Roman eindrucksvoll, wie viel in der digitalen „Welt“ bereits möglich ist. World of Warcraft-Spieler oder Second Life-Benutzer werden jetzt zweifellos milde lächeln. Mein Spiel der Wahl ist bekanntlich Geocaching und auch wenn es auf den ersten Blick nicht so erscheint, hat natürlich auch das Geocaching-Spiel eine finanzielle Seite. Da gibt es einerseits die von Groundspeak vertriebene Premium-Mitgliedschaft, die die Finanzierung der Server, die Weiterentwicklung der Webseite und der dazugehörigen Apps ermöglicht. Andererseits hat sich jedoch auch ein Parallelmarkt entwickelt, auf dem Drittanbieter Zubehör zum Platzieren von Geocaches (Petlinge, Logbücher, etc.), Geocoins und andere Devotionalien verkaufen.

“But people like us get hurt every single day. We get caught in machines, we inhale poison vapors, we are beaten or drugged or raped. Don’t forget that. Don’t forget what we go through, what we’ve been through. We’re going to fight this battle with everything we have, and we will probably lose. But then we will fight it again, and we will lose a little less, for this battle will win us many supporters. And then we’ll lose again. And again. And we will fight on. Because as hard as it is to win by fighting, it’s impossible to win by doing nothing.”

In diesem Roman wird die virtuelle Welt aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Mala und Yasmin leben im indischen Dharavi, einem Vorort-Slum. Sie spielen in ihrer Freizeit in einem Internet-Café, werden von einem Mann angeworben, für ihn zu arbeiten. Er erteilt ihnen Aufträge, die sie im Spiel ausführen und bezahlt sie dafür. Zuerst freuen sich die Mädchen und ihre sich bald vergrößernde Anhängerschaft an dem überraschenden Reichtum. Doch Yasmin wird bald klar, in welche Abhängigkeit von ihrem Boss sie sich begeben und dass die Charaktere, die sie in game bekämpfen, genauso arme Kinder und Jugendliche sind wie sie selbst.

Dann kommt ins Spiel, dass die Bosse natürlich die Jugendlichen ausnutzen, ihnen einen Hungerlohn bezahlen und die Gewinne selbst einstecken, es gibt keine Krankenversicherung, ein Aussteigen aus dem Team, um sich selbstständig zu machen, wird mit realer körperlicher Gewalt geahndet. Big Sister Nor und ihre Gefährten versuchen daher, die Arbeiter in den Spielen in einer weltweiten Gewerkschaft zu vernetzen. Da die Arbeit in den Spielen weltweit stattfindet, nutzt ein Streik der Game Worker in China nichts, da die Arbeit jederzeit in ein anderes Land ausgelagert werden kann. Ihre Anhängerschaft und ihre Popularität auch außerhalb der Spiele wachsen enorm, sodass es schließlich zu Streiks und den damit verbundenen Repressionen der Polizei kommt.

Zwischendurch lässt der Autor zwei örtlich und gesinnungsmäßig weit voneinander entfernte Ökonomen die Mechaniken der Game-Währung und der damit verbundenen Futures (ganz grob gesagt: Wetten auf Preisentwicklungen) erklären. Für mich war der Finanzmarkt und alle seine Fantasieinstrumente schon lange ein Spiel mit unverständlichen Regeln. Die Erklärungen in diesem Roman haben mir ein ums andere Mal bestätigt, dass es sich um ein Spiel handelt, bei dem reiche Menschen mit und um Geld spielen, auf Kosten derer, die eigentlich die Arbeit leisten.

Wenn man jetzt unbedingt herumkritisieren wollte, dann würde ich sagen, dass ich das Ende nicht sehr befriedigend fand. Irgendwie passt es natürlich dazu, aber ein etwas fahler Nachgeschmack ist mit dabei. Ansonsten fand ich diesen Roman ausgesprochen unterhaltsam, viele interessante Einblicke in unbekannte Welten, soweit ich es beurteilen kann ausgezeichnet recherchiert. Für mich ein Highlight dieses Jahres, absolute Empfehlung.

Wolf Haas – Brennerova

„So ist das Leben.“
„Sellerie!“ Der Tätowierer hat das so pseudofranzösisch auf der letzten Silbe betont, dass sein Lachen in einen kleinen Hustenanfall übergegangen ist.

Tja, wie war das nochmal mit dem Lesen rein zum Vergnügen? Ja, ein Vergnügen ist es natürlich, dem pensionierten Brenner zu folgen, wie er sich wieder mal ungewollt einen Fall eintritt, der eigentlich kein Fall ist oder der sich zumindest nicht auf klassische Weise lösen lässt. Irgendwie bin ich erst ab der Hälfte so richtig reingekommen, aber das ist ja bei Krimis oft so, dass es erst dann interessant wird, wenn der Fall so weit aufgebaut ist, dass sich die ersten interessanten Wendungen ergeben. Die zweite Hälfte hält jedenfalls ausreichend Überraschungen bereit, dass man sich gut unterhalten fühlen darf. Mehr ist es halt dann aber auch nicht.

Christian Rudder – Dataclysm

Auf Twitter flog vor ein paar Wochen dieser Link zu einem Artikel von Andrea Diener in der FAZ vorbei. Den Titel finde ich nach wie vor übertrieben reißerisch, das Buch hat mich jedoch sofort interessiert. Zum Glück hatten die Büchereien Wien auch die englische Ausgabe (bereits 2014 erschienen!) auf Lager.

Der Autor Christian Rudder ist einer der Gründer der im englischsprachigen Raum sehr populären Dating-Plattform OKCupid. In diesem Buch zeigt er äußerst detailreich und unterhaltsam, wie man Daten analysiert und daraus Schlüsse zieht.

Schon das erste Kapitel hält für Single-Frauen nur schlechte Nachrichten bereit. Die Kurzfassung: mit steigendem Alter sinkt das Interesse des anderen Geschlechts deutlich. Christian Rudder vergleicht hier eindrucksvoll, was Männer und Frauen sagen mit dem, was sie tatsächlich tun (ein Prinzip, das immer wieder interessante Kontraste aufzeigt). Ein Beispiel: Beim Anlegen des eigenen Profils gibt jeder User an, welches Alter der gesuchte Partner in etwa haben soll. Bei (heterosexuellen) Männern zeigt sich ein eindeutiges Profil (die entsprechenden Grafiken im Buch zeigen das wesentlich besser, als ich es hier beschreiben kann). Die meisten Männer (Alter von 20 bis 50) geben an, eine Frau im Alter von 20-25 zu suchen. Für Frauen ab 40 gibt es ein interessantes Interessensfeld bei jungen Männern im Alter bis etwa 30. Wenn Frauen jedoch die 35 erreicht haben, sind sie nach diesen Angaben für alle Männer ab 30 uninteressant. Autsch. Zum Vergleich zieht der Autor heran, welche Frauen von Männern tatsächlich mittels Nachricht kontaktiert werden. Hier zeigt sich in der Grafik, dass zumeist Frauen in einem Altersbereich von –5 bis +5 Jahren des Alters des Mannes angeschrieben werden, wobei dieser Bereich sich mit zunehmendem Alter des Mannes ausdehnt. Was Männer also tatsächlich suchen, stimmt kaum damit überein, was sie angeben, dass sie suchen.

Der Autor schreckt auch nicht davor zurück, heikle Themen wie etwa Rassismus anzusprechen und zu analysieren. OkCupid bietet unter anderem die Möglichkeit, die Optik anderer Teilnehmer anhand eines Sternsystems zu bewerten. Das tabellarische Ergebnis der nach asian/black/Latina/white gestaffelten Daten zeigt unter anderem, dass Männer durchgängig Frauen bevorzugen, die ihrer eigenen Kategorie entstammen. Bei Frauen ist der Trend ähnlich, jedoch zeigen sie zweitens eine eindeutige Präferenz für weiße Männer. Als Conclusio erläutert Christian Rudder relativ ausführlich, dass selbst die modernen, aufgeschlossenen Internet-User von heute von rassistischen Vorurteilen nicht frei sind. Wir denken (und sagen) von uns, dass für uns jeder Mensch (vom richtigen Geschlecht) als Partner in Frage kommt, aber tatsächlich handeln wir dann doch nach erlernten oder vielleicht sogar genetisch vorgegebenen Vorurteilen.

It is no longer acceptable to be openly racist. In response to that pressure, there s some portion of the public who have therefore slunk away: if I can’t shout hate at some schoolchildren anymore, well, fine, I’ll just shout it at the TV. This is not the typical American. Most of us – almost all, in fact – recognize that racism is wrong. But it is still implicit in many of the decisions we make.

Anderes Thema, aber ähnliches Ergebnis: Bisexualität. OkCupid-Nutzer können beim Erstellen ihres Profils angeben, welches Geschlecht der potentielle Partner haben soll, dabei steht auch die Option bisexuell zur Verfügung. Die Auswertung, welches Geschlecht die Nutzer kontaktieren, zeigt ein völlig anderes Bild. Von allen Männern, die sich in die Kategorie bisexuell einordnen, kontaktieren 44% nur Männer, 41% nur Frauen und nur 15% kontaktieren andere Nutzer beiderlei Geschlechts. (Bei bisexuellen Frauen ist die Richtung ähnlich, jedoch nicht ganz so eindeutig.) Daraus lässt sich schließen, dass nur ein sehr kleiner Prozentsatz an Menschen Partner beider Geschlechter akzeptiert, tatsächlich zeigen 85% der Männer eine deutliche Präferenz für das eine oder das andere Geschlecht.

That said, who we say we are and how we behave are two separate things, and the latter shouldn’t automatically disqualify the former.

Neben den vielen optisch ansprechenden und gut erklärten Grafiken hat mir auch das Layout dieses Buches extrem gut gefallen. Gerade im Vergleich zu einem extrem scheußlich gestalteten Lehrbuch, das ich mir letzte Woche ausgeliehen habe, zeigt sich, wie man auch bei einem Buch das hauptsächlich aus Text besteht, mit der Auswahl der Fonts und der Gestaltung der Headlines und anderen Elemente einen komplett anderen Eindruck erwecken kann. Das Thema des Lehrbuchs interessiert mich auch, aber ich nehme es wesentlich weniger gerne zur Hand, weil es diesen altmodischen und angestaubten Look hat. Sollte für mich als Grafikerin keine Überraschung sein, fand ich aber in diesem extremen Kontrast doch bemerkenswert. Im Ganzen also ein sehr schönes und spannendes Buch mit vielen interessanten Einblicken in Statistik und Datenanalyse. Für mich bisher das Sachbuch des Jahres! Obwohl ein weiteres Buch von Oliver Sacks jetzt auch auf meiner Leseliste steht …

Ursula März – Für eine Nacht oder fürs ganze Leben

Einsamkeit spaltet das Zeitempfinden: Die Stunden und die Tage dehnen sich zu lang, die verbleibenden Jahre erscheinen zu kurz, um doch noch einen Umsturz herbeizuführen.

Via Lithub schaffte es dieses Buch auf meine Leseliste. Der clever gewählte Titel wiederum schaffte es, mir etwas vorzugaukeln, was das Buch eigentlich nicht einlöst. Große Dramen, große Liebesgeschichten hatte ich mir vorgestellt. Tatsächlich sind Ursula März’ Geschichten so nahe an der Realität, dass sie dann doch mehr berühren, als es die großen Dramen vielleicht gekonnt hätten. Gerade heute hatte ich den Gedanken, dass Rose und Jack, die Protagonisten aus Titanic, wohl kaum so ein berühmtes Liebespaar geworden wären, wäre er nicht beim Untergang ertrunken. Sie hätten sich vermutlich auch darüber gestritten, wer den Müll hinunterbringt oder wären am Unterschied zwischen ihren Gesellschaftsklassen gescheitert.

Ähnliche Themen finden sich auch in diesem Buch. Die Autorin erzählt in fünf Geschichten von fünf Charakteren, lässt jedoch auch viele eigene Erlebnisse einfließen. Wieviel wahrer Kern darin steckt, lässt sich natürlich trefflich spekulieren, doch die Geschichten lesen sich so lebensnah, dass jeder sofort selbst an seine Jugendliebe denken muss. Die erste Geschichte über einen Mann, der sich via Seitensprung-Agentur auf eine Frau einlässt, die auf anderem Wege niemals sein Typ geworden wäre, hat mich nicht besonders mitgerissen, die zweite Geschichte über eine pensionierte Postbeamtin, die sich noch bis zum 70er Zeit gibt, um einen Mann zu finden, jedoch umso mehr. Sie kämpft damit, sich auf das Unbekannte einzulassen und aus ihrem persönlichen einsamen Trott zu entkommen. Sie ist überzeugt, es zu wollen und tut doch eher das Gegenteil, verschenkt ihre Chancen und fürchtet sich vor dem Blick über den Tellerrand. Das Ende der Geschichte zeigt eine neue Frau anhand des Symbols einer Zuckerdose – ein überzeugendes Bild der Veränderung.

Die zweite Geschichte, die mich besonders ansprach, hat ebenfalls eine Frau zur Protagonistin. Eine Lebenskünstlerin, die niemals zögert, eine Frau, die weiß, was sie will und auch weiß, wie sie es bekommt und wenn es damit mal nicht klappen sollte, einfach aufsteht und weitermacht. Eine Frau, wie wir alle gern mal sein möchten. Sie entscheidet sich jedoch für den unkonventionellen Weg, ihre kubanische Urlaubsliebe heiraten und in Deutschland gemeinsam leben zu wollen und sieht sich mit allen möglichen Schwierigkeiten konfrontiert. Die Einreiseformalitäten und Beweise, dass es sich nicht um eine Scheinehe handelt, machen hiervon nur einen kleinen Teil aus. Noch viel mehr kämpft sie mit dem Misstrauen ihres Umfelds, dem ständigen Warten auf ihr Scheitern, dem Zweifeln an ihrer Liebe, das sie schließlich selbst zum Zweifeln bringt. Kann selbst die größte Liebe diese Umstände aushalten? Oder wie es die Autorin an einer Stelle formuliert: war es das wert?