Dee Joy Coulter – Original Mind

Im Jänner hatte ich irgendwie zwei Tage so viel Luft, dass ich mich mit Feuereifer auf eine neue (Schnaps-)Idee stürzen und sofort zum Recherchieren in die Bücherei laufen musste. Dass ich in den darauf folgenden Wochen dann nicht mal Zeit hatte, die ausgeliehenen Bücher überhaupt zu lesen, geschweige denn anderweitig an der Schnapsidee zu arbeiten, ist schon wieder eine andere Geschichte …

Dieses Buch hatte ich mir geholt, weil es an das Entwicklungsthema anknüpft, das mich im Rahmen eines anderen Projekts beschäftigt hat. Viele Wissenschaftler haben versucht, Stufen zu definieren, in denen die Entwicklung des Menschen abläuft. Einer der bekanntesten ist wohl Jean Piaget. Er forschte unter anderem nach den Stufen des moralischen Urteils und stellte Theorien über die Stadien der kognitiven Entwicklung auf.

Dee Joy Coulter untersucht das Thema mit einem etwas populärwissenschaftlicheren Ansatz. Sie hat Erfahrungen in unterschiedlichsten pädagogischen Bereichen gesammelt und lässt diese Erkenntnisse überblickshaft in dieses Buch einfließen. In den ersten Kapiteln geht es vorrangig um die Entwicklung der Wahrnehmung bei Säuglingen. Die Autorin gibt auch immer wieder Tipps zu Übungen, die der Leser durchführen kann, um seine eigene Wahrnehmung zum kindlichen Geist zurückzuführen.

Speziell interessant fand ich das Kapitel über die Phase des Sprechenlernens. Es gibt zwei Sprachareale im Gehirn, die das Verstehen (Wernicke-Areal) und das Selbst-Ausdrücken (Broca-Areal) steuern. Die Fähigkeit des Verstehens entwickelt sich schneller als die eigene Sprachfähigkeit. Ein dritter Sprachbereich steuert das innere Sprechen, also das Nachdenken vor dem Sprechen. Kinder, die gerade sprechen lernen, müssen neue Worte erst innerlich verarbeiten.

Wenn ein Kind neue Begriffe lernt, bewegt es sich hin und her zwischen der äußeren Welt, in der es den neuen Worten begegnet, und der inneren Welt, wo es den Worten nachspürt und sie zuordnet.

Kinder, die schon sprechen können, können teilweise Regeln verstehen und auch wiederholen, sind aber nicht in der Lage, sie einzuhalten.

Es kann für die Bezugspersonen schwer zu begreifen sein, dass diese Kinder zwar Regeln wiederholen können, ihr Gehirn jedoch noch nicht fähig ist, diese einzuhalten. … Um sich entsprechend zu verhalten, muss die innere Sprachregion erst stärker sein als die ach so verlockenden motorischen Impulse. Dazu muss das Kind erst besser sprechen lernen, und das dauert seine Zeit. Bis dahin halten sich Kinder nur aus Angst vor dem Ärger der Erwachsenen an Regeln und nicht aus eigenem Antrieb.

In einem weiteren Kapitel beschäftigt sich die Autorin mit schriftunkundigen Kulturen und den kognitiven Veränderungen, die sich ergeben, wenn Menschen erst als Erwachsene mit dem Konzept Schrift in Berührung kommen.

Die Schriftkundigen lebten jetzt in zwei Welten: der Welt der erlebten Erfahrung, der primären Realität, die sie mit der schriftunkundigen Bevölkerung gemeinsam hatten, und in der sekundären Realität des geschriebenen Wissens, welches sie aus Büchern gewonnen hatten. Ihre Kenntnis geschriebener Geschichten verwandelte auch die innere Ordnung ihrer Erinnerungen und förderte ihre Fähigkeit zum zukunftsorientierten Planen.

Es folgt in diesem Kapitel ein übersichtlicher Abriss der Entwicklungen, die der Buchdruck auslöste. Zuerst wurde die Bibel gedruckt und verbreitet, auch in andere Sprachen übersetzt und damit auch für die Bevölkerung lesbar. Die Menschen beginnen, lesen zu lernen. Der nächste Schritt im kulturellen Wandel geht dann über zum lesen, um zu lernen. Es folgt das Zeitalter der Aufklärung (ab der Mitte des 17. Jahrhunderts). Die Menschen beginnen, das Gelesene in Frage zu stellen. Durch den Buchdruck konnten Wissenschaftler ihre Ergebnisse vervielfältigen und verteilen, umfangreichere Dokumentationen wissenschaftlicher Arbeit wurden möglich.

Die Denkmuster der neu schriftkundigen Bevölkerung wurden schnell abstrakter. Die Menschen begannen, alles, was sie lasen oder dachten, mit dem Verstand zu prüfen. Die Philosophen fingen an, die religiösen Überzeugungen zu hinterfragen.

Der entscheidende Punkt dieses Kapitels ist, wie sich der Übergang von einer oralen Kultur auf eine Schriftkultur auf die Gesellschaft und die einzelnen Menschen ausgewirkt hat. Alles, was man niederschreiben kann, muss man sich nicht mehr merken. Man hat also nicht mehr den Zwang, alles exakt wiedergeben zu müssen und hat daher mehr geistige Ressourcen, um neue Ideen zu generieren. Das könnte eine Erklärung dafür sein, warum es so hilfreich ist, sich einen Plan für die Woche zu machen. Alles, was dann aufgeschrieben ist, muss man sich nicht mehr merken und kann später nachschauen und dann ist der Kopf frei für andere Ideen.

Wer sich wirklich intensiv wissenschaftlich mit Entwicklungsfragen beschäftigen will, wird Coulters Ausführungen teilweise etwas esoterisch finden. Viele ihrer Anleitungen für die Erweiterung des Geistes haben auch mich kopfschüttelnd zurückgelassen. Es gelingt ihr jedoch, eine Brücke zu schlagen und die wissenschaftlichen Fakten übersichtlich zu präsentieren und mit der Lebensrealität des Lesers zu verknüpfen.

Carlos Ruiz Zafón – Der Mitternachtspalast

Die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass die Zukunft ihr unerträglich viel Zeit geben würde, die Fehler der Vergangenheit zu bereuen.

Dieses Buch steht seit über zwei Jahren bei mir im Regal (damals hatte ich mir tatsächlich eine Kaufnotiz per Post-It ins Buch geklebt, eine Angewohnheit, die sich nicht lange gehalten hat). Zur Ablenkung brauchte ich eine Geschichte, die unterhält, ohne zu viel Hirnkapazität zu erfordern und Carlos Ruiz Zafon erschien mir hier als passend. Erst während des Lesens hatte ich mich daran erinnert, dass das letzte Buch, das ich von ihm gelesen hatte (Der dunkle Wächter), mich nicht sonderlich begeistert hatte.

Auch bei diesem Buch handelt es sich um einen klassischen Schauerroman. Es beginnt als Krimi, stellt sich jedoch bald als Gruselgeschichte heraus. Gleich mehrere Versionen hat sich der Autor für die Vorgeschichte der Protagonisten Ben und Sheere einfallen lassen, die von den beiden und ihren Freunden im Verlauf des Buches aufgedeckt werden. Unerwartete Wendungen, spannende Szenen in einem verfallenen Bahnhofsgebäude und ein Phantom, das direkt aus den Katakomben der Oper entfleucht sein könnte, garantieren eine hohe Verfilmbarkeit des Materials. (Während ich nach einer potentiellen Verfilmung im Internet suche, stelle ich fest, dass es sich dabei wohl um den zweiten Teil der Nebel-Trilogie handelt, dessen dritten Teil ich bereits gelesen habe. Die Trilogie scheint jedoch keine direkten Verknüpfungen untereinander zu haben.)

Wer sich an der Existenz von Geistern und deren Rachegelüsten nicht stört (oder sich vielleicht sogar daran erfreut), kann mit diesem Buch ein paar unterhaltsame Stunden verleben. Nicht mehr und nicht weniger.

Carlos Ruiz Zafon – Der dunkle Wächter

Als Onkel und Neffe auf die Mole sprangen, um bei Einbruch der Dunkelheit zuhause zu sein, untersuchte ihr Nachbar Picaud noch immer die mysteriösen Teile und versuchte herauszufinden, ob es in diesem Sommer Schrauben regnete oder ob der Himmel ihm ein Zeichen schicken wollte.

Meine Erwartungen an dieses Buch waren geprägt von den positiven Erfahrungen durch Der Schatten des Windes (das ich vor dem Beginn meiner Aufzeichnungen gelesen habe, woran ich mich aber erinnere, dass es die überzogenen Erwartungen aufgrund des medialen Hypes sogar übertroffen hat) und Das Spiel des Engels. Natürlich hätte ich genauer schauen sollen. Es handelt sich um ein Frühwerk, wie ich soeben auf der Amazon-Webseite lese, sogar den dritten Teil einer Jugendbuch-Reihe. (OMG, ich habe den dritten Teil als Erstes gelesen!1!!111!!!)

Warum ich sonst nie Rezensionen lese: weil sie oft besser zusammenfassen, was ich in meinen eigenen Worten sagen möchte (auf der Amazon-Seite von Fenja Wambold):

Mit dem Rückgriff auf altbewährte Motive revolutioniert Zafón zwar keineswegs den Schauerroman; auch weisen spätere Werke zweifellos einen literarischen Reifungsprozess auf.

Für ein Jugendbuch ist es eigentlich stückchenweise ziemlich grausam. Der Schatten im düsteren Wald, die Todesgefahr, in der Ismael und Irene beinahe 48 Stunden lang durchgehend schweben, der Verlust von Hannah, die grausigen Details über Alma Maltisse … trotzdem fühlte es sich unfertig an, der Stil erinnerte mich zu sehr an den ersten Band Harry Potter. Wenn man allerdings die Zielgruppe einschränkt auf jugendliche Leser, die sich gruseln wollen, aber nicht immer nur der Zombiecalypse hinterherlaufen wollen, dann passt es vielleicht.

Dass die Romanze zwischen Ismael und Irene keinen guten Ausgang nimmt, zeigt vielleicht die Düsternis an, die die späteren Romane von Carlos Ruiz Zafon prägen wird.

Marc Levy – Solange du da bist

Das Wagnis in der Liebe ist, die Schwächen des anderen ebenso zu lieben wie seine Stärken, beide gehören untrennbar zusammen.

“Nichts ist unmöglich, allein unserem beschränkten Geist erscheinen bestimmte Dinge unbegreiflich. Man muss oft mehrere Gleichungen lösen, um einer neuen Theorie zur Anerkennung zu verhelfen. Es ist allein eine Frage der Zeit und der Grenzen unserer Intelligenz. … Wenn also unsere allwissenden Gelehrten es für unmöglich erklären, ein Gehirn zu verpflanzen, sich mit Lichtgeschwindigkeit fortzubewegen oder einen Menschen zu klonen, dann sage ich mir, dass sie die Grenzen ihres eigenen Geistes noch immer nicht erkannt haben, dass sie nach wie vor nicht bereit sind, alles für möglich zu halten und es nur als eine Frage der Zeit anzusehen, die man braucht, um zu verstehen, wie es möglich sein wird.”

Er sollte sich vorstellen, dass er bei einem Wettbewerb folgenden Preis gewonnen hätte: Jeden Morgen würde ihm bei einer Bank ein Konto mit 86400 Dollar zur Verfügung stehen. … “Die erste Regel ist, dass dir alles, was du im Laufe des Tages nicht ausgegeben hast, wieder weggenommen wird” … Zweite Regel: Die Bank kann das Spiel ohne Vorwarnung beenden. … “Was würdest du mit so einem Geschenk tun?” Er antwortete, ohne nachzudenken, dass er jeden Dollar dafür verwenden würde, sich selbst und den Menschen, die er liebte, eine Freude zu machen. … “Wir alle haben so eine magische Bank”, erwiderte Lauren, “es ist die Zeit!” … “Was wir an diesem Tag nicht gelebt haben, ist verloren, gestern ist vergangen.”

Als der Film herauskam, hielt ich die Geschichte für ziemlich langweilig und einfältig (daher hab ich den Film auch niemals gesehen). Das Buch fiel mir dann auch eher zufällig in die Hände, ich hab es zuerst nicht mit dem Film in Verbindung gebracht (sonst hätt ichs vielleicht gar nicht gelesen …).

Herausgestellt hat sich das Buch dann als eine humorvolle und berührende Liebesgeschichte, dass das Zusammentreffen der beiden eigentlich unmöglich ist, weil ihr Geist in der Wohnung herumschwirrt, während sie im Koma liegt, vergisst man aufgrund der einfühlsamen Beschreibung der Gefühle, die sich vollkommen natürlich zwischen den beiden entwickeln.

Tatsächlich enthält das Buch die wichtige Lehre, das Leben zu genießen, da es jederzeit vorbei sein kann.