Peter Handke – Wunschloses Unglück

Selten wunschlos und irgendwie glücklich, meistens wunschlos und ein bißchen unglücklich.

Ein Geocaching-Literatur-Rätsel stieß mich auf Peter Handke. Ich bin mir ziemlich sicher, dass seinerzeit im Deutsch-Unterricht eine(r) meiner SchulkolegInnen ein Referat darüber gehalten hat, erinnern konnte ich mich jedoch nur mehr daran, dass Handke darin vom Leben seiner Mutter erzählt.

Fein säuberlich schickte sie ihm eine beglaubigte Testamentskopie per eingeschriebenem Brief, noch am selben Abend beging sie Selbstmord durch eine Überdosis Tabletten. Auf den ersten Seiten geht Peter Handke darauf ein, dass das Aufschreiben der Geschichte für ihn auch therapeutische Wirkung hat, im weiteren Verlauf schreibt er einmal auch über die Schwierigkeit, die richtigen Formulierungen zu finden, die aber die Geschichte keinesfalls verfälschen dürfen. Eine schwierige Aufgabe, wenn man über lange zurückliegende Geschehnisse schreibt, die man selbst gar nicht oder nur sehr peripher (als kleines Kind) erlebt bzw. wahrgenommen hat.

Aufwachsen in der Großfamilie auf dem Land, keine eigenen Bedürfnisse haben dürfen, keine Möglichkeiten. Dem neugierigen Mädchen wird vom Großvater der Wunsch etwas zu lernen, einfach nur irgendwas abgeschlagen, immer wieder vom Tisch gewischt. Bis sie mit 15 Jahren schließlich geht und sich im Tourismus vom Stubenmädchen aus hocharbeitet. Der Anschluss an Deutschland und bald darauf der Krieg kommt dazwischen, eine erste Liebe, eine schnelle Schwangerschaft, Heirat mit einem anderen, den sie jedoch nicht liebt (das Kind braucht einen Vater). Der Krieg trennt die Familie, erst 1948 kehrt die Mutter in ihr Heimatdorf zurück, weitere Kinder folgen. Ausscheren ist auf dem Dorf nicht gern gesehen:

Spontan zu leben – am Werktag Spazierengehen, sich ein zweites Mal verlieben, als Frau allein im Gasthaus einen Schnaps trinken–, das hieß schon, eine Art von Unwesen treiben; „spontan“ stimmte man höchstens in einen Gesang ein oder forderte einander zum Tanz auf.

Schließlich leidet sie unter immer stärkeren Kopfschmerzen, jeder tägliche Handgriff wird zur Qual. Sie stößt sich an Ecken und Kanten, erinnert sich an nichts mehr, verirrt sich beim Spazierengehen, verliert jedes Zeit- und Ortsgefühl. Aus heutiger Sicht würde man wohl eine akute Depression diagnostizieren, damals vermutete der Arzt einen eingeklemmten Nerv. Sie wird schließlich von einem Nervenarzt behandelt, eine Zeitlang geht es ihr besser. Doch wie es weiter vorn im Buch heißt, wusste sie wohl, dass ihre Zukunft bereits vorbei war.

Auf den letzten Seiten versammelt der Autor Erinnerungen, Anekdoten, Reflexionen, jetzt ist er nicht mehr der Erzähler, jetzt erinnert er sich an die Frau, die seine Mutter war. Ein schmerzhaftes, persönliches Buch.

Xaver Bayer – Weiter

Dabei sind gerade die Grenzen eines Computerspiels so verführerisch. Wo die Grafik zu Ende ist, schlummert das Essentielle. Dort beginnt es für mich interessant zu werden. Aber noch mehr faszinieren mich Spiele, die keine Grenze haben, wissen Sie, was ich meine? Da gibt es kein Ende der Illusion.

Eines dieser Bücher, das schon so lange auf meiner Liste steht, dass ich echt nicht mehr ansatzweise weiß, wo das hergekommen ist. Die Geschichte liest sich recht flüssig, wie schon der Titel sagt, geht es immer weiter.

Der Protagonist schreibt für eine Zeitschrift über Computerspiele. Gleich zu Anfang des Buches stiehlt er einen mittelalterlichen Faustkeil aus dem Urgeschichtemuseum in Asparn. Schon zu diesem Zeitpunkt könnte einem klar werden, dass mit ihm nicht alles stimmt. Auf den folgenden Seiten erzählt er von einem Moment in seinem Leben, der alles verändert hat, von dem an auf einmal alles sich anders angefühlt hat und irgendwie keinen Sinn mehr ergibt. Ziellos fährt er nun mit dem Faustkeil in der Manteltasche durch die Gegend, besucht das Haus seiner Großeltern, wo er seinen Bruder vorfindet, und philosophiert dabei ständig über Computerspiele und deren Parallelen zum richtigen Leben. In Brno soll er einen Entwickler interviewen, dieser lässt sich jedoch entschuldigen, der Protagonist lässt sich weitertreiben und landet mit der Schwester des Entwicklers im Nachtleben.

Der finale Showdown am Staatzer Berg lässt Raum für Interpretationen. Während für mich eindeutig klar war, dass der Protagonist seit Langem an Depressionen leidet und der konsumierte Drogencocktail ihn endgültig zum Zusammenbruch geführt hat, liest man nichts davon in anderen Rezensionen. Da wird eher krampfhaft nach Metaphern gesucht und die Präzision der Sprache gelobt. Womit ich zum Abschluss noch auf einen Tweet von Dejan Mihajlović verweisen möchte, der wunderbar zum Ausdruck bringt, warum nicht jedes geschriebene Wort mit symbolischer Bedeutung aufgeladen sein muss.

Vea Kaiser – Makarionissi

Mit ihrem ersten Roman Blasmusikpop wurde Vea Kaiser einem größeren Publikum bekannt, mich hat das jedoch nicht interessiert, bis sie anlässlich der Veröffentlichung ihres zweiten Romans Makarionissi bei Claudia Stöckl im Frühstück bei mir zu Gast war. Dort hat sie erzählt, wie sie sich als attraktive Frau, die ihre Reize auch nicht verstecken will, teilweise bemühen muss, um in der Verlags- und Geschäftswelt ernst genommen zu werden.

Mit diesem Roman hat sie nun eine Familiengeschichte im Stil klassischer Heldensagen geschaffen, die einzelnen Kapital werden als Gesänge bezeichnet, Heldin und Held erleben eine wilde Irrfahrt durch die Welt und das Leben im Allgemeinen. Eleni und Lefti werden in einem griechischen Bergdorf an der albanischen Grenze geboren, ihre Familien haben bereits vor Elenis Geburt geplant, dass Cousin und Cousine später heiraten sollen, um das Familienvermögen zu erhalten. Doch Eleni hat nichts anderes im Sinn, als eine Amazone zu werden, eine Heldin, eine große Politikerin will sie werden, heiraten passt da gar nicht dazu.

Ein Abriss über die Familiengeschichte würde zu aufwändig, der Stammbaum auf den ersten Seiten wurde nicht umsonst aufgezeichnet. Am Ende (oder eigentlich schon auf dem Weg) erweist sich der Roman als so echt wie das Leben selbst: unvorhersehbar. Oft führt auch ein zuerst als falsch betrachteter Weg an ein Ziel, von dem man vorher noch gar nichts wusste. Manchmal erweisen sich scheinbare Katastrophen später als Glücksfall. So lange man sich selbst treu bleibt, kann man eigentlich nichts falsch machen. (Und aus den meisten Büchern kann man genau das herauslesen, was man gerade braucht.)

Margarita Kinstner – Die Schmetterlingsfängerin

Ich war eine, die sich nirgendwo zu Hause fühlte, das machte mich frei, aber was bedeutet schon Freiheit? Ich wollte kein Schiff besteigen, ich wollte nach Hause, immer schon wollte ich einfach nur nach Hause, und nie wusste ich, wo dieses Zuhause eigentlich war.

Katja steht kurz vor einer großen Veränderung in ihrem Leben. Sie wird mit ihrem Partner Danijel, von dem sie ein Kind erwartet, nach Sarajevo ziehen, wo er einen Job als Arzt in einer Klinik angenommen hat. Während Katja ihre Zelte in Wien abbricht, beginnt sie, nach ihren eigenen Wurzeln zu suchen. Stück für Stück wird die Familiengeschichte aufgedeckt, sie fährt in die Steiermark, in den Ort, in dem sie einen Großteil ihrer Kindheit bei der Mutter ihres Vaters verbrachte. Sowohl mit ihrer Mutter (eine Karrierefrau, die sich mit dem Muttersein nur schwer anfreunden konnte) als auch mit ihrem Vater (eine Künstlerpersönlichkeit mit wankelmütigem Lebenswandel) verbindet sie kein klassisches Eltern-Kind-Verhältnis. Die Bezugsperson ihrer Kindheit war die Oma väterlicherseits.

Wie ich es so zusammenfasse, klingt es für mich beinahe spannender, als ich es beim Lesen empfunden habe. Möglicherweise waren meine Erwartungen auch zu hoch, weil ich so riesige Freude an Margarita Kinstners Debüt Mittelstadtrauschen hatte. Könnte ich unbeeinflusst urteilen, hätte mir dieser Roman wahrscheinlich besser gefallen. Trotz allem eine hoffnungsvolle Familiengeschichte, die bewusst machen kann, dass unsere Herkunft zwar unsere Entwicklung beeinflusst, aber nicht unser Leben bestimmen muss. Jeder entscheidet für sich selbst, wo seine persönliche Reise hingeht.

„… Das mit der Kunst ist wie mit dem nackten Kaiser. Jeder sieht den Nackten, aber keiner will als Erster zugeben, dass er dumm ist. In dem Moment, in dem du deine Kunst teilst, verliert sie ihren Wahrheitscharakter. Das ist wie mit deinen Gefühlen. Sobald du sie zu beschreiben versuchst, verfälscht du sie schon. Sieh dir den nackten Kaiser an, Katja. Erst, wenn du den wahrnimmst, hast du verstanden.“

Reading Challenge: A book published this year

John Irving – Lasst die Bären los

Für einen Moment lang schaltete ich den leisen Leerlauf, lauschte mit ihnen und hielt wie sie Ausschau nach dem einen hochbegabten Tier, das jede Sekunde auftauchen könnte – nachdem es den bestmöglichen Hinderniskurs gelaufen war. Nach dem einen hervorragenden Gibbon vielleicht, der im Handstandüberschlag das Krankenhausgelände durchqueren würde – umringt von Krankenschwestern, von den Balkons mit Rollstühlen bombardiert; schließlich in Gummiatemschläuche verstrickt und mit einem Stethoskop erdrosselt. Eine Gefangennahme, die sich das komplette Krankenhauspersonal und die Patienten als stolzen Verdienst anrechnen würden.

John Irvings erster Roman zeigt bereits alle seine Fähigkeiten in der überzeugenden Charakterisierung seiner Protagonisten. Meiner Ausgabe des Romans ist ein Interview mit dem Autor nachgestellt, in dem er unter anderem davon spricht, dass er die Obsessionen seiner Charaktere kennen muss. Wer eine Obsession hat, die er nicht kontrollieren kann, bricht aus der Norm aus und wird dadurch interessant. Diese Aussage scheint mir einer längeren Betrachtung wert, da steckt doch ein tieferer Sinn dahinter, der über die Erfindung von Romanfiguren hinausgeht.

Wie so oft steckt dahinter der Begriff „normal“ und die Frage, was ist überhaupt normal und kann überhaupt irgendetwas oder irgendjemand normal sein? Ist eine Mode automatisch normal, wenn sie von einer größeren Menge an Personen angenommen wird? Wie groß muss diese Menge sein? Welche Obsession treibt den an sich normalen Menschen aus seiner Normalität heraus? Wann wird eine Obsession so stark, dass der Mensch sie nicht mehr kontrollieren kann?

Der Roman erzählt von den Studenten Siggi und (Hannes) Graff. Siggi ist voller Energie und wirrer Ideen und überredet Graff zu einem Trip mit dem Motorrad. Graff ist ein eher stiller Typ, ein Mitläufer, der etwas ziellos durchs Leben stolpert und sich vom temperamentvollen Siggi mitreißen lässt. Siggi erfindet den Plan, die Tiere im Tiergarten Schönbrunn zu befreien. Graff nimmt ihn nicht ernst, doch nachdem Siggi bei einem Unfall ums Leben kommt, kann Graff an nichts anderes mehr denken, als Siggis verrückten Plan in die Tat umzusetzen. Bei der sich entfaltenden Katastrophe spielt der Asiatische Kragenbär eine wesentliche Rolle.

Zwischen Siggis Plänen (Zoowache) erfahren wir seine Familiengeschichte. Dafür recherchierte sich John Irving tief in die jugoslawische Geschichte vor und während des zweiten Weltkriegs, um die Geschichte von Siggis Vater und dessen Reise nach Wien zu erklären. Siggis Familiengeschichte zeigt deutlich die Verzweiflung, die Ausweglosigkeit er Kriegsjahre, die sich wiederum auf die Gefangenschaft der Tiere im Tiergarten reflektieren lässt.

Zwischen den Zeilen darf Siggi auch noch einige Lebensweisheiten von sich geben, die sein sprunghaftes Wesen konterkarieren. Ecken und Kanten. Obsessionen. Ein von einem Amerikaner geschriebener und trotzdem zutiefst österreichischer Roman.

Die Zahlen ergeben eine bestimmte Summe, ganz egal, wie man sie addiert.

Reading Challenge: A book written by someone under 30
(zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Buchs 1968 war John Irving, 1942 geboren, 26 Jahre alt)

Barbara Frischmuth – Woher wir kommen

Die Realität ist immer das, was gerade ist. Realität kann nur der Augenblick, in dem du gerade lebst, sein.

In der Onlinebücherei der Büchereien Wien sind oft die aktuellen Bücher eher verfügbar als ältere Werke. Barbara Frischmuths Familienroman ist im vergangenen Sommer erschienen und nach wie vor nur als Hard Cover oder mit 17,99 € für Kindle schon eher teures eBook erhältlich.

Ich möchte behaupten, der Kauf würde sich auch zu diesem Preis lohnen. Aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt die Autorin die Geschichte von drei Frauen einer Familie, die jede für sich mit dem Verlust eines Mannes klarkommen müssen. Die Künstlerin Ada hat ihren Partner und damit einen wichtigen Teil ihrer Inspiration verloren.

War es das? Dass sie sich noch immer nicht ganz sicher war, wofür sie stand, unverwechselbar stand? Warum sonst dieses spontane Interesse an den Kritzeleien?

Adas Vater und damit der Mann ihrer Mutter Martha ist vor vielen Jahren mit seinem Freund Vedat im Ararat-Gebirge verschwunden. Martha und Lalle können nicht loslassen, treffen sich jährlich, um die Geschichte neu zu erleben. Kein Grab, das sie besuchen können, die ewige Ungewissheit, was mit den geliebten Männern geschehen ist.

Das bedeutet, dass das Erlöschen der Erinnerung, das Verschwinden im Schacht der Zeit sich höchstens ein wenig verzögert.

Auch Tante Lilofee, noch eine Generation zuvor, hatte den Verlust eines Mannes zu akzeptieren. Sie versteckte einen Deserteur im Wald, wurde schließlich entdeckt und verraten. Auch sie kann nie sicher sein, was mit ihrem Geliebten geschehen ist. Das Verhältnis zum Vater wird nie wieder dasselbe sein.

Du sollst sehen, dass du Teil der Welt bist und dadurch Einfluss auf sie hast. Üb ihn aus. Zeig uns, was wir sehen sollen.

Wie die drei Frauen weiterleben, wird schnörkellos, aber mitfühlend erzählt. Adas erwachende Liebe zu Jugendfreund Jonas, gebremst durch dessen drei Kinder und die verstorbene Frau, dominiert und setzt schließlich den hoffnungsvollen Schlusspunkt.

Schon allein die Hoffnung würde sie wild im Herzen und klar im Kopf halten.

Thomas Glavinic – Die Arbeit der Nacht

Er wanderte umher. Sein Blick fiel auf die Garderobe. Wieder hatte er das Gefühl, etwas stimme nicht. Diesmal erkannte er, woran es lag. An einem Haken hing eine Jacke, die ihm nicht gehörte. Die er vor einigen Wochen bei Gil in der Auslage gesehen hatte. Sie war ihm zu teuer gewesen.

Wiederum erforscht Thomas Glavinic die menschlichen Emotionen. Als Jonas am Anfang des Romans aufwacht, scheint noch alles in Ordnung zu sein, doch als er seine Wohnung verlässt, bemerkt er, dass keine Menschen auf der Straße sind. Kein Morgenverkehr, auch kein Vogelgezwitscher, denn auch alle Tiere sind verschwunden. Zuerst ungläubig sucht Jonas die Wohnung seines Vaters, sein Büro und die Wohnung eines Kollegen auf. Vergeblich. Nachdem er ihn Wien alle möglichen Orte besucht hat, verlässt er die Stadt, um auch über den Grenzen nach menschlichem Leben zu suchen. Und findet weiterhin nur Einsamkeit.

Er hatte das Gefühl, jede Sekunde könnte ihn von hinten eine Hand fassen. Es wich, als der Nebel auflockerte. Bald waren die Bäume am Straßenrand zu sehen, schließlich auch die blumengeschmückten Pensionen, an denen er vorbeikam.

Die Einsamkeit scheint Jonas nicht direkt zu beunruhigen, doch zusehends fühlt er sich verfolgt. Es scheint widersinnig, dass er sich gerade verfolgt fühlt, wo er doch seit Tagen und später Wochen niemandem begegnet ist. Als er sich bei einem Ausflug auf den Kanzelstein, ein ehemaliges Urlaubsziel seiner Familie, im Wald verirrt, ist Jonas schließlich dem Wahnsinn nahe. Obwohl niemand da ist, der ihn gefährden kann, weder Mensch noch Tier, läuft Jonas mit einem Gewehr herum und fürchtet sich vor dem Wolfsvieh, das ihn in seinen Träumen verfolgt.

Es ist erschreckend, wie sich die Persönlichkeit des Protagonisten zu spalten scheint. Er beginnt, sich im Schlaf zu filmen, nennt die gefilmte Person jedoch „den Schläfer“. Das scheint sich selbst ad absurdum zu führen, als er bei laufender Kamera wach und bewusst in die Kamera winkt und sagt „Ich bin es, nicht der Schläfer“. Beim späteren Ansehen scheint es dann doch der Schläfer gewesen zu sein.

Den Blick unverwandt auf den Glockenturm des Doms errichtet, fühlte er plötzlich den Wunsch, ein Kind zu sein. Eines, das Marmeladenrote bekam und Saft. Das auf der Straße spielte und schmutzig heimkam und für eine zerrissene Hose gerügt wurde. Und das dann von den Eltern in die Badewanne gesteckt und zu Bett gebracht wurde.

Beim Lesen dachte ich am Anfang oft darüber nach, auf welche Produkte Jonas bald verzichten wird müssen. Es erschien mir befremdlich, dass er nicht einen einzigen Gedanken daran verschwendet, dass er bald nichts Frisches mehr zu essen haben wird. Er ernährt sich auch zusehends aus Konserven, die finden sich überall. Ohne Tiere lassen sich auch keine Milchprodukte herstellen, selbst wenn Jonas die Geduld fände, herauszufinden, wie man es macht. Doch tatsächlich vergehen bis zum Ende des Romans nur wenige Wochen, solange dürfte die Haltbarmilch ausreichen.

Stück für Stück scheint der Wahnsinn Jonas einsame Seele zu überwältigen. Er versucht schließlich, nach England zu reisen. Dabei muss er sich wachhalten, denn der Schläfer bringt ihn nachts stets wieder zurück und will ihn nicht zu seinem Zielort gelangen lassen. Der mangelnde Schlaf treibt Jonas endgültig zur Verzweiflung. Und letztendlich wird klar, dass ihm von Anfang an nur er selbst gefährlich werden konnte. Wenn man so allein ist, kann man sich nur vor sich selbst fürchten.

Dirk Stermann – Sechs Österreicher unter den ersten Fünf

Sonnenuntergang in Simonsfeld

“Danke, aber des kummt zu spät. Bei mir hülft ka Besserungsanstalt. Da is Hopfen und Malz verlorn. Gemma, Bambi.”
Der Hund bellte, und Wanda zog mit Bambi und den beiden von ihr gezähmten Polizisten ab.

Der treffende Untertitel „Roman einer Entpiefkenisierung“ trifft eigentlich den Namen auf den Kopf. Der aus dem Ruhrgebiet zugereiste Dirk Stermann kam zweifellos in Wien in die allermöglichsten und unmöglichsten Situationen, diese bringt er nun überspitzt in einem Roman zum Ausdruck. Seine absurd-komischen Figuren lassen stets die Frage offen, wieviel davon ist fiktiv, wieviel davon vielleicht tatsächlich passiert? Ein nationalistischer Exildeutscher, Spiegeltrinker in diversen Wiener Absturzlokalen, ein toter irischer Wolfshund (oder so ähnlich) und als Krönung die Neuauflage des Cordoba-Klassikers. Die Episoden sind mit viel Wiener Lokalkolorit gewürzt und treiben dem Leser so manche Lachträne ins Auge. Damit dürfte sich das Werk sowohl für Exilpiefke als auch für Österreicher eignen, wenngleich Zweitere vermutlich mehr zu Lachen, Erstere vermutlich mehr Erkenntnisgewinn zu verbuchen haben werden. Amüsant.

Jaroslav Hasek – Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk

Kirche Russland (c) Yarik Mishin/SXC

Die Hauptsache is, den Moment abpassen, wenn so ein hoher Herr vorübergeht. Wie zum Beispiel, wenn Sie sich noch an den Herrn Lucheni erinnern, der, was unsre selige Elisabeth mit der Feile erstochen hat. Er is mit ihr spazierengegangen. Dann traun Sie noch jemandem. Seit der Zeit geht keine Kaiserin mehr spazieren.

Ich bezweifle mal stark, dass es mir gelingt, über den Schwejk etwas zu schreiben, was nicht schon mal geschrieben wurde. Der tapfere Soldat, der vom Arzt zwar für „blöd“ aber trotzdem kriegstauglich erklärt wird, erzählt abwechselnd Geschichten und bringt sich selbst in welche. Damit bringt er nicht nur seine Vorgesetzten bei der Armee regelmäßig in Rage. Besonders leidgeplagt ist hier Oberleutnant Lukasch, dem Schwejk als „Putzfleck“ assistiert. Lukasch hat Schwejk im Kartenspiel vom Feldkuraten gewonnen. Obwohl Schwejk dem Oberleutnant treuherzigste Dienste leistet, geht er auf der Reise nach Budweis verloren und landet schließlich im Arrest.

Der Wachtmeister blickte Schwejk freundlich an, der ruhig und würdig sagte: „Und ich geh doch nach Budweis.“ Das war mehr als Galileis: „Und sie bewegt sich doch!“ Denn dieser muss dies offenbar sehr zornig gesagt haben.

So mancher originelle Geselle findet sich in dieser österreichischen Armee. Im Arrest lernt Schwejk den Einjährigfreiwilligen Marek kennen, der uns im letzten Buch als Geschichtsschreiber wieder begegnet, wo er epische Siegesgeschichten für alle Offiziersassistenten sowie deren Vorgesetzte entwirft. Ständig leidend ist der gefräßige Baloun, der seinem Offizier Teile der Menage entwendet und doch niemals satt wird. Sein natürlicher Gegenspieler ist damit der Koch Juradja, der Baloun ständig im Blick behalten muss, will er selbst die Verteilung der knappen Fleischstücke befehligen.

Er blickte dabei so sehnsüchtig auf die beiden Rucksäcke seines Oberleutnants wie ein von allen verlassenes Hündchen, das hungrig ist wie ein Wolf, vor der Tür eines Selcherladens sitzt und den Geruch kochenden Selchfleischs spürt.

Schwejks Kompanie erreicht die Front nie. Da Schwejk sogar aus der österreichischen Kriegsgefangenschaft (!) sogar mit nicht mal einem blauen Auge davonkommt, kann er sich leicht einen Weltkrieg herbeiwünschen.

„Das möcht nicht mal dafür stehn, Krieg zu führen“, sagte Schwejk nachdrücklich. „Wenn schon Krieg, so solls ein ordentlicher Krieg sein. Ich wer entschieden nicht früher von Frieden reden, solang wir nicht in Moskau und in Petersburg sind. Das steht doch nicht dafür, wenns schon einen Weltkrieg gibt, nur hinter den Grenzen herumzustänkern. …“

Es soll nicht verschwiegen werden, dass ich da jetzt doch relativ lange gebraucht hab, weil Schwejks ewige Geschichtenerzählerei letztendlich auch den Leser bei längerem Genuss mal nervt. Ich erinnere mich auch dunkel an eine Schultheateraufführung, als Lektüre ist es für jüngere Menschen keinesfalls geeignet. Als kleine Häppchen genossen können Schwejks Abenteuer jedoch zwischendurch durchaus erfreuen. Und es hinterlässt natürlich das zufriedenstellende Gefühl, ein Kulturgut genossen zu haben.

Werner Kopacka, Thomas Schrems – Zuadraht

Uhr vor dramatischem Wolkengebilde im Kurpark Oberlaa

„Ich weiß. Man weiß nie. Noch ein kleiner Tipp, Herr Leimböck. Treiben Sie den Stocker nicht schon zu Beginn in die Enge. Sonst schlägt er blindlings um sich und spielt wider jede Vernunft. Er ist einer, der jederzeit zudreht, auch ohne Atout.“

Hier präsentiert sich also ein österreichischer Krimi, der nicht nur in Graz spielt, sondern auch mit tief verwurzelten österreichischen Eigenheiten. Wenn man will, kann man in diesem Werk ebenso eine Parabel auf die Neidgesellschaft, die in unserem Land ja so tief verwurzelt ist, sehen. Oder man sieht einfach nur einen spannenden Krimi mit Option auf Fortsetzungen.

Als Gegenpole stehen sich der Kriminalkommissar Leimböck und der Mörder Hofer gegenüber, dem Leser wird von Anfang an nicht vorenthalten, was den Verbrecher antreibt: Persönliche Rachegelüste haben ihn einen komplizierten Plan entwickeln lassen, der auch lange problemlos funktioniert. Beide zeichnet in ihren Gedanken ein ständiger Bezug zum Kartenspiel aus, eine Grundkenntnis der Regeln des Schnapsens ist für den Leser von Vorteil, um diese Feinheiten auch ausreichend würdigen zu können.

Eines Tages wird der mächtigste Mann der Welt Schwarzenegger heißen, davon bin ich felsenfest überzeugt. Ich bin auch überzeugt davon, dass das Außergewöhnliche, das in ihm steckt, etwas mit dem Ort zu tun hat, in dem er geboren wurde und aufgewachsen ist. Der befindet sich nur wenige Kilometer außerhalb von Graz. Zu meinem Glück. Man könnte fast sagen, dass das Dorf Thal ein Vorort von Graz ist.

Es ließe sich auch argumentieren, dass sich hier deutlich die Spuren amerikanischer Krimiserien abzeichnen: eine „Profilerin“ aus Wien wird dem Kommissar Leimböck zur Seite gestellt, wäre dies ein Film, würde sie wohl einer der Damen aus Criminal Minds ähnlich sehen. Gleichzeitig verwässern diese Elemente nicht das österreichische Flair, es bleibt stets alles auf dem Boden der Tatsachen. Der tiefe psychologische Blick in die Motive und damit in die Seele des Mörders ergibt auf dem Papier eine ebenso spannende Wirkung wie in den erwähnten amerikanischen Serien.

Für Krimifreunde stellt dieses Werk in jedem Fall eine interessante Abwechslung dar, abseits von den bekannten Mustern eines Brunetti oder Wallander. Das Buchcover (der Paperback-Ausgabe) ist leider nicht so gelungen wie der Roman …