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Roman

Petra Piuk – Toni und Moni

CN: Gewalt (Beziehungsgewalt, Gewalt gegen Kinder und Tiere, sexuelle Gewalt), Alkoholmissbrauch, Mord, Suizid


Die einen oder anderen ahnen es vielleicht: wieder ein Buch aus meiner Liste der österreichischen Literatur-Geocaches. So langsam wird es Zeit, dass ich auch mal wieder welche suchen gehe. Die Liste der gelösten Mysteries ist inzwischen wieder so lange wie vor der #52in2025-Aktion. Die #52in2026 habe ich sträflich vernachlässigt. Ich mache den viel zu heißen Sommer verantwortlich.

In der Heimat gibt es: ein gutes Essen, ein gutes Trinken und gute Menschen. Aber keine Gutmenschen. Das darf man bitte nicht verwechseln.

Der Untertitel „Anleitung zum Heimatroman“ parodiert bereits, was sich im obigen Zitat abzeichnet: Es handelt sich eher um einen Anti-Heimatroman, in dem sich noch dazu die Autorin Petra Piuk (als sie selbst), die Frau Schriftstellerin, die Großcousine als Feindbild der Dorfgemeinschaft (zwei Alter Egos der Autorin) und die Lektorin Tanja um das Wesen eines erfolgreichen Heimatromans duellieren. Auch die Leser:innenschaft kommt in Form von Leser:innenbriefen zu Wort.

Während ein Heimatroman traditionell schöne Landschaft, gute Menschen und eine überschaubare Liebesgeschichte mit einem Happy End in Form (zumindest) einer Hochzeit zu haben hat, wird in dieser Satire auf den Heimatroman der Bodensatz der patriarchalen Gesellschaft, die sich gerade in den kleinen Dörfern so hartnäckig gehalten hat (oder hält?) in den Vordergrund gerückt. Männer machen, was sie wollen; Frauen haben zu funktionieren und die Klappe zu halten. In der Person des Toni zeigt sich deutlich, wie sich diese Einstellung von einer Generation auf die andere überträgt. Toni meint, ein Recht auf die Moni zu haben, in die er seit seiner Kindheit verliebt ist. Dieses Recht nimmt er sich notfalls auch mit Gewalt, was dann zu dem gewünschten Schein-Happy-End führt, denn schließlich muss die schwangere Moni nun den Toni heiraten, anstatt in der bösen Großstadt ihrem Berufswunsch nachzugehen.

Um seinen1 Zweck nicht zu verfehlen, sollte eine Patronenhülse immer gefüllt sein. Im Gegensatz zu einer WORTHÜLSE, die auch LEER sein kann. Eine leere Bierhülse hingegen sollte man umgehend durch eine volle ersetzen. 

Das Buch ist in kürzesten Kapiteln verfasst. Fortschritte der „Handlung“ des Heimatromans wechseln sich ab mit Vor-, Zwischen- und Schlussbemerkungen, Aussagen der Dorfbewohner:innen (zum Beispiel zu geeigneten Erziehungsmaßnahmen wie der „gesunden Watschen“), Liedtexten (aus Radio Schlagerglück) und Ausschnitten aus Zeitungsartikeln. Dazu gehört zum Beispiel eine Aufzählung von Nachrichten-Headlines, die allesamt so genannte „Familientragödien“ beschreiben (was heute eigentlich Femizid genannt werden sollte wird). Auch andere „aktuelle“ Themen werden angerissen. Ein „Mensch ärgere dich nicht“-Spiel macht die Autorin zu einer Metapher für die Flucht von Verzweifelten übers Mittelmeer (bezugnehmend auf die Flüchtlingskrise in Europa 2015/2016). An anderer Stelle zitiert sie den FPÖ-Politiker Norbert Hofer, der während seiner Kandidatur zum Bundespräsidenten 2016 mit folgender Aussage aufhorchen ließ: „Sie werden sich noch wundern, was alles geht!“

Eine Tracht gibt es nicht nur in Form von Prügel, sondern auch in Form von Kleidung. Und die Kleidertracht ist schön im Gegensatz zur Tracht Prügel, die aber manchmal sein muss, weil WAS SEIN MUSS, MUSS SEIN. Darüber herrscht im Dorf Eintracht. 

Gewürzt wird dieses bereits sehr vielseitige Potpourri mit einer umfangreichen Auswahl all der Redewendungen, die sich von Generation zu Generation weiter vererben („WAS AUF DEN TISCH KOMMT, WIRD GEGESSEN“ oder „SO ETWAS KOMMT IN DEN BESTEN FAMILIEN VOR“). Die Redewendungen sind in Versalien gesetzt.

Zum Ende hin rutscht die Geschichte in den Keller des schwarzen Humors ab. Was allerdings nur konsequent ist, wenn die Natur der Geschichte als Anti-Heimatroman bedacht wird. Was bleibt, ist eine tiefgreifende Frustration über die Auswüchse des Patriarchats, das sich so hartnäckig in unserem Alltag festklammert.

  1. Müsste das nicht ihren Zweck heißen? Die Hülse verfehlt ihren Zweck?  ↩︎
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Roman

Anna Weidenholzer – Weshalb die Herren Seesterne tragen

CN: Alkoholmissbrauch


Kürzlich habe ich für einen Literatur-Geocache ein anderes Buch der Autorin gelesen (Der Winter tut den Fischen gut). Da ich aus der Geocache-Beschreibung das Buch nicht eindeutig identifizieren konnte, hatte ich in der Bücherei alle drei Bücher von ihr in der Hand, bis ich das Richtige gefunden hatte. Die anderen beiden klangen aber auch interessant, also habe ich mir dieses mitgenommen.

Der Protagonist Karl fährt in ein zufällig ausgewähltes Dorf, um zufällig ausgewählte Personen zu befragen. Mit dem Fragebogen zum Bruttonationalglück aus Bhutan versucht er, den Grundlagen des Glücks und der Zufriedenheit nachzugehen. Er betrachtet sich als Forscher, der eine Distanz zu seinen „Forschungsobjekten“ behalten muss. Daher haben abgesehen von Karl und dem Hund Annemarie die Protagonist:innen dieses Buchs keine Namen, Karl bezeichnet sie als M1 und F1. Die Gespräche gleiten aber immer wieder vom Fragebogen ab und in die reale Lebenswelt der befragten Personen. Die Distanz lässt sich nicht aufrecht erhalten.

Vielleicht sind das Schlimmste diese Gerüchte, sagte die Wirtin, die sich halten und überdecken, was darunter liegt.

Warum Karl diese Reise antritt, wird nie konkret gesagt. Meine Vermutung ist, dass Karl mit seinem eigenen Leben unzufrieden ist und deshalb durch das Befragen anderer Menschen herausfinden will, was ihm fehlt. Die Gerüchte über ihn selbst sind es jedenfalls, die ihn schließlich zur überstürzten Abreise führen. Für die titelgebende Frage gibt es übrigens auch keine eindeutige Antwort. Da erzählt jede:r Dorfbewohner:in seine:ihre eigene Geschichte.

 

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Roman

Eva Menasse – Dunkelblum

Hinweis: Leider hatte ich Probleme mit dem ausgeborgten eBook und kann nicht mehr auf alle meine Notizen zugreifen. Die CNs sind daher aus dem Gedächtnis, ich hoffe, nichts vergessen zu haben.

CN: Krieg, Holocaust, Antisemitismus, Rassismus, Kriegsverbrechen, Mord, Gewalt, Nationalsozialismus, Zwangsarbeit, sexuelle Gewalt


Wieder mal ein Buch, auf das ich durch einen Literatur-Geocache gestoßen bin. Wäre das nicht so gewesen, ich weiß nicht, ob ich es vielleicht weggelegt hätte. Es ist so deprimierend, zu lesen, wie rund um den Mauerfall in einem burgenländischen Dorf noch immer alle über vergangene Kriegsverbrechen schweigen, weil damals halt alle irgendwie beteiligt waren. Das Rätsel wird nicht wirklich aufgelöst oder ich habe es überlesen, weil die hohe Anzahl der beteiligten Personen und der ständige Wechsel der Perspektiven einfach zu kompliziert war.

Natürlich dürfen wir gerade in der heutigen Zeit #NiemalsVergessen und müssen uns für die Demokratie einsetzen. Dieses Buch hat mich aber eher frustriert und deprimiert, als ein Zeichen für demokratisches Handeln zu setzen. Es erzählt eher, wie tief verwurzelt rassistische und antisemitische (sprich: menschenfeindliche) Einstellungen sind und legt nahe, dass sich das auch niemals ändern wird. Eine Perspektive, die natürlich wichtig ist, über die ich persönlich aber lieber aktuell nicht lesen möchte.

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Roman

Renate Welsh – Die alte Johanna

CN dieses Buch: Alter, Sterben
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Die Leute sagen, eine Mutter liebt alle ihre Kinder gleich. So ein Unsinn. Wie kann sie alle Kinder gleich lieben, wenn doch jedes anders ist? Da muss sie doch auch jedes anders lieben, gleich stark, aber anders.

In diesem Buch beschreibt die Autorin das Leben der Johanna aus ihrem früheren Werk, jedoch aus der Sicht der gealterten Johanna, die als Großmutter auf ihre Familie und ihr Leben zurück blickt. Als alte Frau hadert sie einerseits mit dem Verlust ihrer Selbständigkeit, gerade ist sie bei der Tochter eingezogen, weil das Leben alleine zu schwer für sie wurde. Ausruhen soll sie sich, damit kommt Johanna, die ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet hat, jedoch nur schwer klar. Sie denkt zurück an ihre Zeit als junge Frau, als sie als ledig geborene Dirn auf einem Bauernhof arbeiten musste. Als sie später als junge Mutter wegen ihrer achtköpfigen Kinderschar schief angeschaut wurde. Ihr abgeklärter Blick auf das Leben ist ein harter Kontrast zur jungen Johanna, die zwar gescheit, aber naiv durchs Leben geht. Aus dem jungen Mädchen ist eine alte Frau geworden, die immer noch nicht verstehen kann (oder will), warum die Gesellschaft so ist, wie sie ist. Das Alter hat ihr Weisheit und Gelassenheit geschenkt, sie jedoch nicht von den Fragen abgekoppelt, die sie schon als junge Frau heimlich beschäftigt haben. Warum werden Menschen unterschiedlich behandelt? Was kann ein Kind dafür, dass es ledig geboren wurde? Dass es überhaupt geboren wurde? Was wird aus den unerfüllten Träumen, wenn das Alter die Erfüllung dieser Träume mit jedem Tag unmöglicher macht? Was bleibt dem alten Menschen noch, der nur noch auf sein Leben zurückblicken kann?

Konnte man wirklich beschließen zu lieben? War es möglich, eine Liebe lebendig zu halten, wenn der Mensch, den man liebte, ein anderer geworden war, wenn an ihm nichts mehr liebenswert war?

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Roman

Robert Schneider – Schlafes Bruder

CN dieses Buch: Suizid, Mord
CN dieser Post: –


Heißt es nicht in der Schrift, daß Du vollkommen bist? Wenn Du aber vollkommen bist und gut, weshalb mußtest du dann das Elend, die Sünde und den Schmerz erschaffen? Weshalb weidest Du dich an meiner Trauer, an der Mißgeburt meiner Augen, am Kummer meiner Liebe?

An und für sich war ich mir ziemlich sicher, dass ich dieses Buch schon mal gelesen und damals sogar besessen habe. Aber das muss wohl vor der Entstehung dieses Blogs gewesen sein, da ich keinen Blog-Eintrag finden konnte. Daher nun eine kurze Besprechung zu diesem Re-Read (aus Gründen des Geocachens).

Der Autor entwirft eine kleinliche Dorfgemeinschaft im Vorarlbergischen, eine Bevölkerung, die hauptsächlich aus den Angehörigen zweier Familien besteht, den Alders und den Lamparters. Aus der engen Verwebung der beiden Familien entstehen immer wieder Kinder mit diversen Behinderungen. So auch der Protagonist Elias, der einerseits eine frühe Pubertät erlebt, bei der seine Augenfarbe einen beunruhigenden gelblichen Farbton annimmt und der andererseits eine besondere Begabung für Musik, spezifisch für das Orgelspiel entwickelt. In der Dorfgemeinschaft bleibt er stets ein Außenseiter.

Erlösung aber ist die Erkenntnis der Sinnlosigkeit allen Lebens.

Da das Buch selbst den Tod des Protagonisten bereits auf der ersten Seite ankündigt, kann ich hier auch etwas ausführen, ohne zu spoilern. Elias entbrennt in unsterblicher Liebe, die er jedoch nicht anders auszudrücken vermag als durch seine Musik. Als ihm seine Angebetete Elsbeth durch die Heirat mit einem anderen Mann entzogen wird, entschließt sich Elias zu einem verzweifelten Liebesbeweis.

In einem Nachwort versucht Rainer Moritz den unerwarteten Erfolg dieses 1992 erschienenen Buchs zu erklären. Er erwähnt den besonderen Schreibstil, die ironischen Züge, mit denen Schneider die Dorfgemeinschaft versieht und die hartherzige Darstellung des Lebens im Dorf, die keinerlei Platz für bäuerliche Idylle vorsieht. Er stellt Schlafes Bruder in eine Reihe mit „ähnlich spektakulären Büchern der jüngeren deutschsprachigen Literaturgeschichte, mit Patrik Süskinds Das Parfum (1985, war bei mir damals Schullektüre), Christoph Ransmayrs Die letzte Welt (1988), Bernhard Schlinks Der Vorleser (1995) und Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt (2005)“. Je länger ich über diese Einordnung nachdenke, umso passender erscheint sie mir. Es ist definitiv eine besondere Geschichte, ein Roman, den die Leserin nicht so schnell vergisst.

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Theaterstück

Felix Mitterer – Kein Platz für Idioten

Felix Mitterer, der Klassiker unter den Heimatautoren, an denen wohl kein österreichischer Schüler mehr vorbeikommt. Gelesen ist das Stück schnell, aber als Theaterstück wärs wohl tatsächlich interessanter. Regieanweisungen zu lesen, ist irgendwie nicht besonders spannend. Und die Regieanweisungen überwiegen definitiv …