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English Roman

Andrew Martin – Down Time

CN: Alkohol- und Drogenmissbrauch, Abhängigkeit, sexuelle Handlungen, Covid19-Pandemie, Depression, BDSM


Eine Notiz aus Lithub, die in einer meiner Literatur-Inboxes gelandet ist. Aus Gründen, die sogar mich später nicht mehr interessieren werden, habe ich mir dieses Buch auf Apple Books gekauft und zügig durchgelesen.

Es ist das, als was es in dem Artikel beschrieben wird und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – hat es mich nicht gepackt. Die Kapitel werden abwechselnd aus der Sicht der fünf Protagonist:innen erzählt, die miteinander in loser Verbindung stehen. Allesamt sind sie in ihren Dreißigern und schon vor der Covid19-Pandemie mehr oder weniger in einem Stillstand der Mittelmäßigkeit gefangen. Als Gemeinsamkeit ist mir aufgefallen, dass in allen Beziehungen eine exzentrische Person auftaucht, die den Alltag aufrüttelt, die abweichende Wege geht und bei den Protagonist:innen ein Hinterfragen ihres Selbst, ihrer sexuellen Identität und ihrer Lebensentscheidungen auslöst.

Da ist die selbstbezogene Tonkünstlerin, in die sich die strikt vernunftorientierte Antonia Hals über Kopf verliebt. Da ist der drogenabhängige Hedonist, mit dem Aaron seine unterdrückte Homosexualität auslebt und erst daran erkennt, das seine langjährige Beziehung mit Cassie mehr durch Ko-Abhängigkeit definiert wird als durch Liebe. Da ist die exzentrische Performance-Künstlerin, die ihre Sexualität auch als Werkzeug ihrer Kunst benutzt und dem strauchelnden Schriftsteller Malcolm vor Augen führt, dass er im Leben nichts riskiert hat.

Everything I did, artistically and romantically and otherwise, was oriented around simply not losing what I already had.

Die Disruption von Pandemie und Lockdown und die Folgen der komplexen Beziehungen, die mit den oben beschriebenen Charakteren entstehen, gehen in unterschiedlichste Richtungen. Sind unsere Protagonist:innen am Ende besser dran als vorher? Das lässt sich schwer sagen (ausgenommen Aaron, der zumindest aktuell seine Substanzabhängigkeit überwunden hat). Diese Unklarheit, diese Ziellosigkeit ist es vermutlich auch, die mich mit einem unbequemen Gefühl zurücklässt. Es ist mir zu nah an der Wirklichkeit, zu nah an der lähmenden Realität der Covid19-Pandemie, die noch nicht so lange zurückliegt, wie es in den Medien oft dargestellt wird, zu nah an den Folgen, die manche Menschen dauerhaft aus dem Leben gerissen haben (durch Tod oder Long Covid). Zu nah dran, als dass ich jetzt noch weiter darüber nachdenken wollen würde.

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Sachbuch

Robert Lorenz – Traumafabrik. Hollywood im Film

CN: Tod und Gewalt im Film, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Suizid


Für die USA besaß Hollywood stets eine zwiespältige Bedeutung: Einerseits galt es als unfassbarer Sündenpfuhl, als Ort der Dekadenz und Skandale, des moralischen Abgrunds; andererseits erschien es als ultimative Bestätigung des American Dream, als die weit sichtbare Verwirklichung des in der Verfassung verbürgten Rechts auf das »pursuit of happiness«.

Robert Lorenz beschäftigt sich in diesem Buch mit Filmen, die nicht nur aus Hollywood kommen, sondern auch Hollywood zum Thema haben. Die Protagonist:innen dieser Filme sind allzuoft angelehnt an die realen Persönlichkeiten im Filmbusiness. Für die Autor:innen dieser Filme ist es natürlich ein Leichtes, aus den realen Begebenheiten und Eigenheiten der exzentrischen Charaktere des Filmbusiness zu schöpfen.

Diese Charaktere werden in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens und ihrer Karrieren gezeigt. Es beginnt mit dem Traum, ein berühmter Filmstar zu werden, mit dem so viele junge Frauen und Männer nach Hollywood kommen (What Price Hollywood?, A Star Is Born, 1937 und 1954). Der Traum erfüllt sich natürlich nur für die wenigsten von ihnen. Und selbst diese werden zumeist nicht dauerhaft glücklich. Gerade A Star Is Born zeigt dabei gleichzeitig den Aufstieg sowie den Abstieg, der oft von Alkohol- und Drogenmissbrauch begleitet ist.

Im Grunde berührt die Entstehungsgeschichte der 1954er Auflage von A Star Is Born den Nukleus der Filmhandlung: die ebenso schöpferischen wie zerstörerischen Mechanismen des Showgeschäfts, die unabänderliche Nähe von Auf- und Abstieg innerhalb einer Starkarriere. Und beide – der fiktive Film wie dessen reale Entstehung – haben dieselbe Protagonistin: Judy Garland. 

Andere Filme zeigen diejenigen, deren großer Stern bereits gesunken ist. Hier kommt mein Interesse zum Tragen, ich bin wegen einer Recherche zu Sunset Boulevard bei diesem Buch gelandet. Hier sehen wir die Hollywood-Diva aus der Stummfilmzeit, die mit dem Tonfilm einfach nichts anfangen kann und der Zeit nachtrauert, als ihr die Welt zu Füßen lag. Lorenz schreibt von ihrer „am eigenen Ruhm erkrankte[n] Seele“. Ähnlich frustrierend ergeht es den Protagonistinnen von What Ever Happened to Baby Jane?, in dem gleich zwei Schwestern in erbittertem Kampf um den vergangenen Ruhm dem Abgrund entgegen driften.

Die edlen Materialien, die im Innern verbaut sind, die erlesenen Möbel und Accessoires, als das wirkt hier seltsam tot, wie die Stille eines Mausoleums, und führt den Zuschauer:innen die Tragik einer ungleichzeitigen Existenz vor Augen: Wie bedeutungs- und trostlos der materielle Wohlstand ist, wenn alles andere aus den Räumen entwichen, wenn die Ressource aus Ruhm und Anerkennung ausgerechnet für jene Menschen versiegt ist, die doch gerade davon – und manchmal nur davon – zehren.

Neben den Stars der Hollywood-Filme spielen auch die Produzenten (damals ausnahmslos Männer) eine wesentliche Rolle. Portraitiert werden sie zumeist als egozentrische Mistkerle, die ihre Untergebenen schamlos ausnutzen, um auf ihrem Rücken möglichst viel Geld zu scheffeln. Die oben bereits genannte Judy Garland ist ein bekanntes Beispiel für die menschenfeindlichen Methoden, unter denen die Darsteller:innen damals zu leiden hatten: Laut ihren eigenen Aussagen wurden ihr und den anderen Teenagerstars Amphetamine (zum Aufputschen) und Barbiturate (abends zum Schlafen) verabreicht, damit sie mit den stressigen Arbeitsbedingungen der Filmstudios mithalten konnten. Für Garland führte dies zu einem lebenslangen Kampf gegen Suchtkrankheit und schließlich zu einem Tod durch Überdosis.

The Day of the Locust ist ein Anti-Hollywoodfilm. Zeigen What Price Hollywood? oder die beiden A Star Is Born-Filme die Gescheiterten als unglückliche Ausnahmen, die sich von einem im Grundsatz intakten System nicht mehr integrieren lassen, so sucht man in The Day of the Locust vergebens nach einem positiven Aspekt der Filmstadt. So gut wie niemand im Film hat zu irgendeiner Form von Glück gefunden. 

Interessant fand ich auch, dass Anfang des 20. Jahrhunderts Hollywood als Filmmetropole noch gar nicht existierte. New York und Chicago waren damals die Metropolen, von denen aus die Geldgeber operierten. Ein Konsortium an großen Filmfirmen – die Motion Picture Patents Company (MPCC) – hielt alle relevanten Patente, die notwendig waren, um eine funktionierende Filmkamera herzustellen. Jedes Filmunternehmen musste also Lizenzgebühren an dieses Konsortium zahlen. Um diesem finanziellen Druck zu entgehen, siedelten sich Filmstudios in Kalifornien an, „um so weit wie nur irgend möglich von den an der Ostküste beheimateten Patenteignern zu drehen (und um sich notfalls über die mexikanische Grenze aus dem Staub machen zu können).“

Zwischen all der berechtigten Kritik schwingt natürlich des Autors Liebe zum Hollywood-Film immer mit. Wortgewaltig beschreibt er die Villen der Stars, wie sie als Kulissen in den Filmen zu sehen sind. Seine Beschreibungen erwecken die Filmsets mehr zum Leben als die wenigen Screenshots, die am Ende jedes Kapitels einen Eindruck des Films zeigen sollen. Positiv ist mir aufgefallen, dass nahezu durchgehend eine genderneutrale Sprache oder mit Doppelpunkt gegenderte Berufsbezeichnungen verwendet werden (zB Regisseur:innen). Die Frage nach dem Verlag, der sich das antut gefallen lässt dermaßen fortschrittlich zeigt, hat eine unerwartete Antwort: Das Buch ist im Selbstverlag bei Books on Demand (BoD) erschienen.

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Roman

Colum McCann – Let The Great World Spin

CN: Prostitution, Tod durch Unfall, Religion, Drogenmissbrauch (Heroin), Krieg (Vietnam), Suizidgedanken, Prostitution, 9/11


A man high in the air while a plane disappears, it seems, into the edge of the building. One small scrap of history meeting a larger one. As if the walking man were somehow anticipating what would come later.

Dieses Buch hatte ich ganz unten auf meiner Merkliste in der Overdrive eLibrary, es muss dort also ungefähr so lange stehen, wie ich dieses Angebot der Büchereien Wien nutze. Dass ich das Buch gerade jetzt – 25 Jahre nach 9/11 – gelesen habe, war reiner Zufall. Die Geschichte beginnt mit der Beschreibung einer wahren Begebenheit: Philip Petit balancierte am 7. August 1974 auf einem Stahlseil zwischen den Türmen des World Trade Centers. Von diesem Ereignis ausgehend erfindet Collum McCann eine Geschichte, die Jahrzehnte umspannt und Protagonist:innen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten miteinander in Verbindung bringt.

Beginnend mit zwei Brüdern, die vor den Konflikten zwischen Nord- und Südirland aus Dublin nach Amerika fliehen, entfaltet sich ein Panorama an unterschiedlichen Charakteren. Während Corrie sich als Mönch betrachtet, der den lokalen Prostituierten aus Nächstenliebe sein Badezimmer zur Verfügung stellt, hadert sein Bruder Ciaran mit dem in vieler Hinsicht lebensfeindlichen New York, das er sich ganz anders vorgestellt hat. Im Gegensatz dazu lernen die Leser:innen Claire kennen, die mit ihrem Mann, der als Richter arbeitet, auf der Park Avenue residiert. Claire teilt aber das Schicksal vier anderer Frauen: Sie alle haben einen oder mehrere Söhne im Vietnamkrieg verloren.

Es wäre ein Spoiler, die sich im Verlauf der Geschichte nur langsam aufdeckenden Verbindungen auch nur anzudeuten. Eines haben die Protagonist:innen jedoch allesamt gemeinsam: Keine:r ist wirklich glücklich. Alle haben Verluste erlitten oder bereuen falsche Entscheidungen. Jede:r kämpft mit der Vergangenheit und gleichzeitig mit einer Zukunft, die aufgrund der erlebten Vergangenheit unerträglich scheint.

Im Nachwort erklärt der Autor, dass abgesehen von Philip Petit alle Figuren und Ereignisse erfunden sind. Nichtsdestotrotz bleibt es ein trauriger Roman, weil jedes einzelne Schicksal genauso gut war sein könnte und in ähnlicher Form vermutlich immer wieder vorkommt. Der melodische Schreibstil hat mich jedoch sehr in seinen Bann gezogen. Obwohl die Kapitel keine Cliffhanger haben, wollte ich immer weiter leisen. Somit habe ich es dann in wenigen Tagen durch den nicht eben kurzen Roman geschafft. Der Schluss will versöhnlich sein. Wir brauchen schließlich einen Lichtblick, um weiterhin gegen die Dunkelheit zu kämpfen.

We stumble on, now, we drain the light from the dark, to make it last. 

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Novelle

Chloé Caldwell – Women

CN: toxische Beziehung, Drogenkonsum, sexuelle Handlungen


Ein Blurb wie auf dem Cover dieses eBooks lässt mich normalerweise milde lächeln: ‘You will read it in one sitting.’ Tatsächlich habe ich es dann an einem Tag gelesen, aber es waren zwei Sittings. Es ist eigentlich auch eine Novelle und kein Roman. Nichtsdestotrotz habe ich schnell gelesen und das war in gewisser Weise auch eine Schwierigkeit, „wegzuschauen“. Und das meine ich im Sinne von „wegschauen von einem Unfall“, denn als das könnte die hier beschriebene (aus meiner Sicht toxische) Beziehung irgendwie auch verstanden werden. Für viele andere Leser:innen war es aber ein Erkennen, ein Finden auf der Suche nach sich selbst, nach der eigenen Identität.

Dieses Buch ist mir auf LitHub begegnet, wo die Autorin beschreibt, wie sie ihre Autorinnenschaft in ihrem Dating-Profil erwähnt und welche Begegnungen und Gespräche sich daraus ergeben. Im Buch beschreibt sie (unklar wie vieles davon autobiografisch), wie die Protagonistin ihre sexuelle Orientierung in Frage stellt. Das geschieht unter anderem im Rahmen einer (sich für mich sehr toxisch anfühlenden) Beziehung zu einer älteren Frau namens Finn. Es bleibt immer klar, dass Finn in einer Beziehung mit einer anderen Frau lebt (stets nur girlfriend genannt). Was zwischen der Protagonistin und Finn abläuft (und das ist verdammt viel Sex), muss immer geheim bleiben. Es wird von ungezählten Textnachrichten und E-Mails erzählt; eine Kontaktflut, die für meine Maßstäbe allein schon zutiefst problematisch erscheint. Wie kann das auch noch funktionieren, wenn eine der beteiligten Personen in einer Beziehung ist und diese Nachrichten geheim halten muss? Ich will mir nicht anmaßen, Übertreibung zu unterstellen, ich bin in dieser Hinsicht einfach komplett anders gepolt. Ich brauche keinen regelmäßigen (nicht mal täglichen) Kontakt mit meinen Herzwesen, um mir ihrer sicher zu sein.

Laut der deutschen Wikipedia wurde diese 2014 erschienene Novelle „zu einem Kultklassiker der queeren Literatur“. Im Nachwort des Buchs beschreibt die Autorin die vielen Kontakte, die sie mit Leser:innen hatte, die sich selbst in der Geschichte wieder gefunden haben. Schon allein deshalb ist dieses Buch wichtig: ein Buch, das Repräsentation gibt, wo vorher keine war. Wo sich Menschen in ihrer Unsicherheit über ihre sexuelle Orientierung oder ihre Geschlechtsidentität gesehen fühlen können. Für mich hat es diese Wirkung nicht erzielt, aber ich kann nachvollziehen, welchen Effekt es auf andere Menschen haben kann.

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English Roman

Ruth Reichl – The Paris Novel

CN: sexueller Kindesmissbrauch, Essen (viel nicht-pflanzliches Essen)


Zur obigen Inhaltsinformation möchte ich ergänzen: Das Buch beginnt mit der Beschreibung einer schwierigen Kindheit, neben der Missbrauchserfahrung fehlt auch ein liebevolles Verhältnis zu den Eltern (die Mutter kalt und distanziert, der Vater unbekannt und abwesend). Der Großteil des Buchs beschreibt dann aber, wie sich die erwachsene Protagonistin von dieser Kindheit löst und zu sich selbst findet. Das hat mich mit dem bedrückenden Beginn der Geschichte versöhnt. Zuerst hätte ich das Buch fast weggelegt, weil ich zu diesem Zeitpunkt einfach dringend etwas Eskapismus und Komfort brauchte.

Der von mir erhoffte Eskapismus findet sich ab dem Kapitel 4, in dem die Protagonistin Stella in einem kleinen Laden in Paris ein Vintagekleid findet, das ihren weiteren Lebensweg verändern soll (eigentlich findet sie das Kleid in Kapitel 2, aber danach kommt noch eine Rückblende in die oben erwähnte schwierige Kindheit). Ab diesem Zeitpunkt ist das Buch voll von sinnlichen Erfahrungen und Begegnungen mit interessanten Menschen. Die Autorin lässt ihre Erfahrungen als Gastrojournalistin in die Beschreibung der vielen außergewöhnlichen Mahlzeiten einfließen. Ihr Memoir über ihren Aufstieg von der Rolle als Restaurantkritikerin zur Gestalterin eines renommierten Food-Magazins habe ich gern gelesen.

In diesem Roman verzichtet sie (fast) vollständig auf zu oft gelesene Winkelzüge und bringt ihre Protagonistin Stella in Kontakt mit vielen interessanten Menschen (darunter Zeitzeugen wie James Baldwin und Allen Ginsberg). Als Kulisse dient das Buchgeschäft Shakespeare & Company. Noch spannender sind aber ihre erfundenen Figuren wie der gutherzige Jules Delatour oder der spröde Chef Django. Die aufwändige Suche nach der nahezu vergessenen Malerin Victorine-Louise Meurent bildet den Hintergrund für viele Exkursionen und Streifzüge durch das Paris der 1980er-Jahre.

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English Roman

Emma Straub – This Time Tomorrow

CN: Krankheit und Tod eines Elternteils, Trauer (möglicherweise noch mehr, das ich leider nicht rekonstruieren kann)


It was the worst fact of parenthood, that what you did mattered so much more than anything you said.

Auch dieser Post wurde leider verschleppt und wird deshalb oberflächlicher ausfallen müssen, als ich es mir wünschen würde. Wie schon im vorherigen Buch/Post geht es auch hier um das Thema Zeitreisen, allerdings in einem deutlich anderen Setting.

Die Protagonistin wacht am Morgen nach ihrem 40. Geburtstag nach einem Abend mit zu vielen alkoholischen Getränken in ihrem Jugendzimmer auf und stellt fest, dass sie wieder 16 Jahre alt ist. Ihr Vater, den sie noch am Vortag im Krankenhaus besucht hat, sitzt am Frühstückstisch und gratuliert ihr zum Geburtstag.

Was zuerst nach einer Geschichte klingt, wie sie Material für sehr schlechte Filmkomödien sein könnte, wird von der Autorin verwandelt in eine Meditation über den Lauf der Zeit und die Entscheidungen, die unseren Lebensverlauf prägen. Was sind die Dinge, die uns wirklich wichtig sind in unserem Leben? Was wäre passiert, wenn wir in dieser einen Situation anders entschieden hätten? Wären wir wirklich glücklicher als wir es gerade sind?

Obwohl die Protagonistin alles Mögliche ausprobieren darf, um diese Fragen zu beantworten, liegt die Antwort dann doch woanders. Wir müssen nicht durch die Zeit reisen, um herauszufinden, was in unserem Leben wirklich wichtig ist.

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Roman

Emily St. John Mandel – Sea of Tranquility

CN: Pandemie, Suizid eines Familienmitglieds (möglicherweise noch mehr, das ich leider nicht rekonstruieren kann)


What is time travel if not a security problem?

Leider kann ich diesem großartigen Buch aufgrund Verschleppung des Posts wegen massiver Überlastung in unterschiedlichen Bereichen nicht mit einer Beschreibung gerecht werden, die ihm eigentlich zustünde.

Stattdessen möchte ich sagen: es hat einen guten Grund, warum dieses Buch so lange nicht verfügbar war in der Overdrive eLibrary, warum immer wochenlange Vormerkungen vorlagen und ich jetzt einfach schnell zugegriffen habe, als es einmal zu haben war.

Einziger Ausschlussgrund, um dieses Buch nicht zu lesen: Wenn du mit dem Konzept der Zeitreise grundsätzlich nichts anfangen kannst. Wenn dir diese Vorstellung aber in irgendeiner Weise interessant erscheint und du dich irgendwann mal gefragt hast, was du selbst tun würdest, wenn du vor der Entscheidung stehst, die Vergangenheit zu verändern, dann lies dieses Buch, du wirst es nicht bereuen. Große Empfehlung von mir. 

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Roman

Volker Kutscher – Transatlantik

CN: Gewalt, Mord, Gift, Nationalsozialismus, Drogenmissbrauch, Drogenverkauf, Feuer, Erwähnung Konzentrationslager, Erwähnung sexueller Missbrauch von Kindern


Was für ein beschissenes Geheimnis. Sie merkte, wie einsam sie dieses Geheimnis gemacht hatte. Mit niemandem über Gereon reden zu können.

Da ich letztens irgendwo gelesen habe, dass im Herbst der nächste (und letzte!) Rath-Roman erscheint, hat mich das daran erinnert, dass ich ja dann wohl jetzt Transatlantik in der Onleihe bekommen müsste. Eine Reservierung war notwendig, aber ich musste nicht lange warten. Und alle anderen Leseprojekte wurden vorläufig auf Eis gelegt …

Um nicht zu viel zu verraten, nur ein paar Beobachtungen im Telegrammstil:

  • Es wiederholt sich ein Muster: Menschen, die sich eigentlich nichts zuschulden kommen haben lassen (oder zumindest in bestem Wissen und Gewissen gehandelt haben), werden erpresst. Oft werden ihre Angehörigen bedroht, wenn sie nicht spuren.
  • Selbst der härteste Gangster kann zu Fall gebracht werden. Wenn auch zumeist nicht von der Polizei sondern von der Konkurrenz.
  • Das Geheimnis-Zitat von oben deutet es an: wenn Menschen ihrem engsten Familien- oder Freund:innenkreis nicht mehr trauen können, können sie sich auch nicht gegen Schikanen wehren. Sie sind dem System ausgeliefert.
  • Neben Machtgewinn oder Machterhalt ist Rache ein wesentliches Antriebsmotiv, selbst für die Charaktere, die in diesen Krimis die Sympathieträger:innen sind.

Er hatte inzwischen etwas verstanden: dass die nationale Revolution, die nationale Einigung und soziale Befriedung Deutschlands, die Heilung eines kranken Landes, dass das alles eine riesengroße Lüge war, dass das nur in den Köpfen irgendwelcher naiver Schwärmer existierte, wie er einer war. Oder hoffentlich nicht mehr war.

Da ich über jedes Buch der Reihe hier schon geschrieben habe, dürfte klar sein, dass ich ein Fan bin. In gewisser Weise reicht dieser Band vielleicht nicht an die bisherigen heran. Und ist trotzdem noch herausragende Krimiliteratur in einem bedrohlichen historischen Kontext.

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English Roman

Elizabeth Strout – Oh William!

CN: Trauer, 2. Weltkrieg, Konzentrationslager, PTSD, Depression, Fehlgeburt, Gewalt, Essstörung, Suizidgedanken

Unter der Buchbeschreibung: ein Exkurs zu Archiven mit historischen Speisekarten.


I feel invisible – as I have said – and yet in that situation I had the strangest sensation of both being invisible and yet having a spotlight on my head that said: This young woman knows nothing.

Aus Alltagsgründen ist dieser Post leider der Verschleppung zum Opfer gefallen. Die Autorin lässt hier eine ihrer bekannten Figuren auftreten: Lucy Barton (bisher hier gelesen und beschrieben: My Name is Lucy Barton). In diesem Buch dreht es sich hauptsächlich um Lucys ersten Ehemann William. Die Zeitebenen sind teilweise etwas verwirrend, denn Lucys zweiter Ehemann ist kürzlich verstorben. Beschrieben wird ihre jetzige Beziehung zu ihrem früheren Ehemann William und den zwei gemeinsamen Töchtern.

What a strange thing life is.

Wer diesen Erzählstil mag, wird sich darin unfassbar wohl fühlen. Es wird nicht gespart an lebenswichtigen Themen, doch zumeist aus der Zukunft in Rückblenden erzählt. Dadurch gewinnen selbst die dramatischen Ereignisse eine gewisse Ruhe im Sinne von „wir können alles überleben“. Lucy Barton beschreibt ihr Leben, ihre Begegnungen mit bekannten aber auch unbekannten Menschen und kommt letztlich zum Schluss, dass wir niemals einen Menschen wirklich kennen können. Nicht mal uns selbst. Diese Erkenntnis, die sich hoffnungslos anfühlen könnte, ist in Wirklichkeit das Versprechen, dass wir uns immer neu entdecken können. Uns selbst, aber auch die Menschen um uns, von denen wir glauben, sie zu kennen.

We do not know anybody, not even ourselves!


Kürzlich bin ich auf einen Artikel gestoßen, der sich mit den kulturellen Eigenschaften von Speisekarten beschäftigt (how to read menus as cultural texts?). Dabei wurden viele interessante Aspekte angesprochen:

  • Speisekarten können durch die Wahl der Sprache (mit)bestimmen, wer dort essen darf. Eine Speisekarte ausschließlich in französischer Sprache in einem nicht-französisch-sprachigen Land verlangt dementsprechend ein gewisses kulturelles Kapital von seinen Besucher:innen.
  • Früher stand eine ausführliche Speisekarte mit vielen Auswahlmöglichkeiten für die Qualität des Restaurants. Heute wird zumeist eine kürzere Speisekarte als hochwertig angesehen. Die Lieferrestauraunts, die Pizza, Schnitzel, Nudeln, Burger und was auch immer anbieten, machen oft genug nichts davon gut. Das weltberühmte Restaurant noma in Kopenhagen bietet überhaupt nur ein Menü für alle Gäste an.
  • In Japan ist es nicht nur üblich, Abbildungen der Gerichte in Speisekarten oder auf Plakaten abzudrucken. Es gibt auch viele Restaurants, wo Plastikmodelle der Speisen den Besucher:innen vorab zeigen, worauf sie sich einlassen. Die gleiche Praxis wird in den USA tendenziell als billig empfunden.

Schaufenster eines Restaurants in Japan, die angebotenen Speisen sind als Plastikmodelle in schräg zur Betrachter:in geneigten Tellern abgebildet

Reingekippt bin ich auf das Thema auch, weil mich in dem Stockerau-Buch die Speisekarte aus den 1970er-Jahren so amüsiert hatte. Am Ende des Artikels sind mehrere Büchereien genannt, die eine Sammlung von historischen Speisekarten haben und diese auch (zumindest teilweise) online zur Verfügung stellen.

  • Mit dem Angebot der New York Public Library konnte ich leider nichts anfangen. Die Suchfunktion gibt mir eine Fehlermeldung und wenn ich einzelne Speisekarten anklicke, werden die Bilder nicht angezeigt. Ist aber vielleicht nur bei mir so …
  • Mehr Erfolg hatte ich in der Conrad N. Hilton Library. Mit dem Suchbegriff „Austria“ hatte ich schnell eine Speisekarte des „Liesinger Stadtkellers“ aus dem Jahr 1950 gefunden. Wie auch die Speisekarte in dem oben genannten Buch, ist diese Speisekarte mit Schreibmaschine geschrieben, Basis ist eine Art Briefpapier, das in rot und schwarz gedruckt den Namen und die wichtigsten Informationen zum Lokal enthält. Zusätzlich in rot gedruckt sind einige dekorative Objekte an den Rändern links und rechts sowie eine Werbung für Swiss Air am unteren Rand der Seite.
    Die angebotenen Speisen sind zahlreich und sehr variabel. Allein schon die Liste der Vorspeisen ist international. Sie enthält unter anderem
    Hors d’ oevre varie de LUXE (sic!), eine Schwedenplatte, Russische s Ei (sic!), Ung. Eiersalat, Ital. Fleischsalat, Bayr. Ochsenmaulsalat und Strassburger Gansleber in Terrine m.Toast.
    Bemerkenswert ist auch, das die Preise sehr variieren: Mit 6.50 Schilling ist das Russische Ei die billigste kalte Vorspeise, demgegenüber stehen die Hors d’ oevre varie de LUXE mit 48.– Schilling. Dabei handelt es sich auch insgesamt um das teuerste Gericht der Karte, keine der Hauptspeisen schlägt mit mehr als 28.– Schilling zu Buche.
  • In der digital menu collection der University of Washington konnte ich nichts finden mit den Suchbegriffen nach europäischen Ländern. Also habe ich etwas herumgestöbert und fand hier Beispiele für die oben genannten Themen: das mexikanische Restaurant Casa Lupita in Seattle hatte im Jahr 1975 eine umfangreiche Speisekarte, das teuerste Gericht ist das Deluxe Mexican Dinner um 6.45 $. Bei Tacos, Burritos, Chalupas und Enchiladas kann aus mehreren Füllvarianten ausgewählt werden. Enchiladas ohne Fleisch sind günstiger als jene mit Huhn oder Rind.
    In einer deutlich anderen Liga spielt da der Seattle Yacht Club mit seinem luncheon menu, approximately 1975. Schon die Titelseite sticht heraus mit dem vielen Weißraum und der großzügigen Serifenschrift. Trotz Recherche mittels identifont und whatthefont konnte ich die Schriftart nicht einwandfrei identifizieren. Im Speisenangebot ist eine umfangreiche Auswahl an Sandwiches, „all the above served with fruit cup, cottage cheese or potato salad“. Auf der dritten Seite der Speisekarte werden dann verschiedene Speisen unter der Überschrift „This and That“ angeboten. Diese Speisekarte ist auf beigefarbenem Papier gedruckt mit mindestens drei Farben (rot, schwarz und grau). Die gesamte Aufmachung der Speisekarte wirkt deutlich wertiger als diejenige des oben genannten mexikanischen Restaurants Casa Lupita, obwohl bei den Preisen gar nicht so viel Unterschied besteht.

Die Recherche zu diesen historischen Speisekarten ist einer der Gründe, warum ich diesen Post verschleppt habe. Ich hätte mich noch ewig durch die Archive klicken können. Wenn ihr also eine ähnliche Begeisterung verspürt, rate ich euch, nehmt euch Zeit, ihr werdet sie brauchen.

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English Roman

Torrey Peters – Detransition, Baby

CN: sexuelle Handlungen (inkl. Kink und Sexarbeit), Beziehungsgewalt, Drogenmissbrauch, Suizid, Transfeindlichkeit, Fehlgeburt, Mord, Heteronormativität, Dysphoria

(Einen Teil dieser Themen werde ich auch weiter unten in diesem Post ansprechen, weil es die Geschichte maßgeblich beeinflusst. Wenn dir das gerade schwer fällt, solltest du diesen Post vielleicht auslassen oder später lesen.)


Was für ein Buch. Zuerst möchte ich sagen, dass ich als weiße cis-Frau mir nicht anmaße, diese Geschichte in irgendeiner Form zu bewerten. Dieses Buch ist auf eine Art queer, dass ich einerseits das Gefühl habe, neue Aspekte kennen gelernt zu haben, und mich andererseits frage, in welchem Ausmaß diese Aspekte in der Realität überhaupt auf die queere Trans-Community zutreffen. Eine (Teil-)Antwort auf diese Frage folgt weiter unten.

Die Hauptprotagonist:innen dieser Geschichte:

  • Reese. Trans-Frau mit komplexen sexuellen Beziehungen, die immer auch von dem Wunsch geprägt sind, als Frau Bestätigung zu finden. Reese neigt zu Impulsivität und Drama, sie springt spontan aus einer Beziehung in die Nächste. Ob sie Mutter sein will, weil sie tatsächlich ein tiefes Verlangen nach Mutterschaft hat oder weil es für sie die ultimative Bestätigung ihrer Weiblichkeit bedeutet, bleibt bis zum Schluss unklar.
  • Ames/Amy. Trans-Frau, die nach einigen Jahren Leben als Trans-Frau Amy sich entschlossen hat, zu detransitionieren (mir fällt kein passendes deutsches Wort dafür ein?) und nun wieder als Mann lebt. In Ames brodelt die Frage nach seiner:ihrer eigentlichen Identität. Er weiß, dass er trans ist, hat sich aber gegen das Leben als Trans-Frau entschieden, weil es ihm zu schwer erschien. Gleichzeitig hat er massive Schwierigkeiten, eine männliche Identität für sich zu finden bzw. zu definieren. Dieser Zustand macht es ihm auch unmöglich, sich als Vater eines Kindes zu sehen.
  • Katrina. Cis-Frau, die vom detransitionierten Ames schwanger wird. Obwohl Katrina sich zuerst komplett betrogen fühlt, als sie erst von Ames’ Transsexualität erfährt, als sie schwanger wird, zeigt sich in Katrina deutlich eine Offenheit gegenüber queerem Leben. Sie hat tief sitzende Vorbehalte wie zum Beispiel traditionelle Familienbilder, will aber offen sein für alternative Modelle. Ihre eigene Mixed-Race-Herkunft spielt dabei eine große Rolle. Mit Diskriminierung und Marginalisierung hat sie Erfahrung. Mit der Trans-Community aber nicht.

Auf der Basis dieser drei Charaktere und ihrer Freund:innenkreise gibt das Buch tiefe Einblicke in das queere Leben, speziell das Leben von Trans-Frauen in New York. Einerseits vermisst Reese ältere Trans-Frauen als Vorbilder, andererseits durchzieht ihre Gespräche mit anderen Trans-Frauen ein beißender Spott über die so genannten baby transes (Menschen, die in ihrem Trans-Leben noch am Anfang stehen). Reese sehnt sich nach Bestätigung ihrer Weiblichkeit. Das geht soweit, dass Beziehungsgewalt für sie zur Bestätigung ihrer Weiblichkeit wird.

So yeah, Stanley, bring it on. Hit Reese. Show her what it means to be a lady.

Ames/Amy kämpft mit dem Widerspruch, zu wissen, dass er trans ist, aber trotzdem detransitioniert zu haben. Dieser Widerspruch drängt sich durch Katrinas Schwangerschaft in den Vordergrund. Plötzlich ist Ames gezwungen, seine Männlichkeit zu hinterfragen und sich selbst darüber klar zu werden, ob er für dieses Kind ein Vater sein kann.

And finally, there, an answer: He does not want his child to know him as he is. […] He cannot promise that he is sure of who he is, and so he cannot promise that Katrina or their baby will have an unchanging constant as either a partner or a father.

Das obige Zitat finde ich deshalb so wichtig, weil es eine Annahme hervorhebt, die an Menschen in traditionellen heteronormativen Beziehungen üblicherweise gestellt wird: Dass die beteiligten Menschen sich nicht verändern. Eine Annahme, die niemals zutreffen kann, weil sich jeder Mensch durch die Erfahrungen seines Lebens verändert. Bei manchen sind das tiefe Einschnitte ins Leben, bei anderen ist es einfach nur der Alltag. Eine Unveränderlichkeit von Menschen (oder Eltern) ist von vornherein eine Illusion. Genau diese Illusion machen sich aber sowohl Katrina als auch Ames.

Katrina setzt sich zuerst hauptsächlich mit der unerwarteten Schwangerschaft auseinander. Die Tatsache, dass sie gerade eine Scheidung hinter sich hat, der eine Fehlgeburt voraus ging, bringt sie in eine Lage, in der sie einerseits unsicher ist, ob sie das Risiko einer Schwangerschaft überhaupt eingehen will. Dazu kommt die Unsicherheit, nicht wissen zu können, ob Ames ihr ein zuverlässiger Partner in der Betreuung und Erziehung des Kindes sein kann. Dass Ames seine Ex-Partnerin Reese als zweite Mutter ins Spiel bringt und ein queeres Familienmodell vorschlägt, scheint zuerst absurd, dann eine Option, die Verantwortung der Elternschaft auf mehrere Menschen aufzuteilen. Und dann wiederum muss Katrina entscheiden, ob sie sich zutraut, ihrem Kind die Unsicherheiten, die mit einem solchen Familienmodell verbunden sind, zumuten will. (Ja, ich sage bewusst „zumuten“, weil Katrina es so sieht.)

Beschrieben wird unter anderem ein Familienmodell, indem ein schwules Paar und ein lesbisches Paar gemeinsam in einem großen Haus leben. Durch künstliche Befruchtung entstehen zwei Kinder, die jeweils eine der Frauen und einen der Männer als biologische Eltern haben. Im Alltag wachsen die Kinder jedoch als Kinder von vier Elternteilen auf, haben immer eine erwachsene Person als Ansprechpartner:in und damit mehr Elternteile als in traditionellen Familien. Mir hat dieses Beispiel gut gefallen, weil es illustriert, dass queere Familien in Wirklichkeit reicher sein können als die nukleare heteronormative Familie, die von konservativen Politiker:innen immer wieder gefordert und gefördert wird.

Eine (Teil-)Antwort auf meine oben gestellte Frage habe ich im Interview mit der Autorin gefunden, das am Ende des Buchs zu finden ist. Sie wird angesprochen auf die problematischen Gedanken und Gefühle ihrer Protagonist:innen, auf die Tatsache, dass ihre Charaktere als fehlerhaft dargestellt werden. Ob sie nicht Angst hatte, dass sich ihre Leser:innen dadurch beleidigt fühlen könnten. Ihre Antwort drückt aus, was ich in meiner Frage nach der Authentizität der Repräsentation nicht formulieren konnte: Diese Charaktere sind keine Klischees. Sie sind ein Konglomerat aus vielen verschiedenen Schichten und Lebenserfahrungen. Viele Lesende werden sich in Teilen in den Charakteren wiederfinden. Eine vollständige Identifikation ist gar nicht vorgesehen.

[…] People haven’t gotten mad at me because they don’t feel my characters represent them – they may identify with parts of the character, but they don’t identify fully with them.


Letztes Wochenende war ich mit einer Hacktours-Gruppe zu Besuch im Retro Gaming Museum. Ich hab den Gruppenausflug organisiert, es sind mehr Menschen gekommen als erwartet. Zum Glück haben wir es vor Ort geschafft, die Gruppe auf zwei Touren aufzuteilen, dank der Flexibilität unserer Guide-Person.

Eingang zum Retro Gaming Museum, das Schild über der Tür ist in drei verschiedenen Retro Fonts gestaltet und von einem Scheinwerfer beleuchtet, unter dem Schild steht über der Tür der Schriftzug „Enter here“

Die Führung durch das Museum war für mich sehr interessant, ich habe einige Anekdoten erfahren, von denen ich noch nie gehört hatte. Ich bin auch bei Weitem nicht mit allen Spielekulturen vertraut, beispielsweise habe ich mich mit Ego Shootern nie anfreunden können. Es wurden auch Aspekte angesprochen wie die Designkultur, die sich aus der Gaming-Szene entwickelt hat.

Nach der Führung habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Guitar Hero gespielt (und mich dabei erdenklich ungeschickt angestellt). Auch VR lässt sich ausprobieren, diese Ecke war jedoch durchgehend von Kindern belegt, da muss die Besucher:in etwas Geduld aufbringen. (Für mich ohnehin nicht das Richtige, ich habe schon früher festgestellt, dass mich VR seekrank macht.)

An vielen der Exponate kann tatsächlich gespielt werden, wer sich also richtig reinfallen lassen will, kann problemlos Stunden im Retro Gaming Museum zubringen. Dann rentiert sich vermutlich auch der in meinen Augen etwas hohe Eintrittspreis (9,50€ für Erwachsene, wir hatten einen Gruppentarif von 7,50€ pro Person, die Führung haben wir extra bezahlt).

ein Display, das verschiedene Game Boy Spielekassetten zeigt, daneben die Adapterkassette, die es erlaubt Game Boy Spiele auf dem Super NES zu spielen sowie ein Lösungsheft für diverse Game Boy Spiele aus der Pre-Internet-Ära