Katrin Rönicke – Bitte freimachen

Katrin Rönicke beschäftigt sich seit Längerem mit dem Thema Feminismus, nicht nur in diesem Buch, sondern auch in ihrem Lila Podcast. Darüber bin ich überhaupt erst auf das Buch gestoßen. Mit einer Freundin diskutiere ich immer wieder über das Thema, wir sind auch oft nicht einer Meinung. Daher hatte ich gehofft, mir etwas Input zu holen – Hintergründe zum Thema, andere Meinungen, Argumente zu bestimmten Aspekten und so weiter. Diese Erwartungen wurden nur so halb erfüllt.

So geht’s mir mit dem Feminismus allgemein immer wieder. Auf der einen Seite habe ich mich als Studentin an einer technischen Fachhochschule oft sehr geärgert über die Ungleichbehandlungen durch Lehrbeauftragte. Unser Physik-Lehrbeauftragter hatte mich in einer der ersten Vorlesungen im ersten Semester wegen einer (seiner Meinung nach dummen) Frage abgestempelt. Er wollte wissen, auf welcher Schule ich vorher gewesen war und auf meine Antwort „Handelsakademie“ meinte er (wortwörtlich, mit abfälligem Unterton): „Na solche wie Sie brauchen wir hier.“ Noch ein Beispiel gefällig: Bei meiner Diplomfeier meinte der Präsident des Fachhochschulrates zu mir: „Bei Ihnen als Frau ist es mir eine besondere Freude, Ihnen das Diplom zu überreichen.“ Diese Geschichte habe ich schon oft erzählt und unter anderem auch die Reaktion bekommen, das hätte er doch nur gut gemeint. Warum ich mich denn so darüber aufrege …

Auf der anderen Seite erlebe ich auch immer wieder die oft abfällig betrachteten Krawall-Feministinnen, die anderen Frauen vorschreiben wollen, wie sie ihr Leben zu leben haben. Wenn eine Frau freiwillig länger bei den Kindern daheim bleiben möchte, wird sie deshalb verurteilt und als „Heimchen am Herd“ abgestempelt. Im Gegenzug werden „Karrierefrauen“, die es sich leisten können, für Kinderbetreuung Geld auszugeben, abschlägig als „Rabenmütter“ bezeichnet.

„Das Problem ist, dass man das Gefühl hat, dass alles zu kurz kommt. Dass man den Job nicht richtig macht, dass man die Familie nicht richtig macht“, erzählt Kapek. „Das Gefühl, dass man immer zu wenig macht, das hat man dauerhaft. Da muss man sich dran gewöhnen. Man lernt sehr viel: den eigenen Körper zu ignorieren und die eigenen Gefühle zu ignorieren.“

Viele dieser Probleme, mit denen wir als Frau im Alltag immer wieder konfrontiert sind, beschreibt die Autorin auch in ihrem Buch. Ihre Erfahrungen können in mancher Hinsicht erleuchten, vieles haben aber vermutlich die meisten von uns selbst bereits in der einen oder anderen Form erlebt. Der feministische Ansatz in diesem Buch ist ein solidarischer. Das Wort Netzwerk möchte ich dafür nicht verwenden, weil ich entgegen vieler anderer der Meinung bin, dass Frauen ohnehin Netzwerke haben, sie setzen sie nur nicht so für die Karriere ein, wie viele Männer das tun. In meinem Umfeld sehe ich haufenweise Frauen, die größere Netzwerke unterhalten als die meisten Männer. Und diese Netzwerke sind nicht nur größer, sie halten auch wesentlich fester zusammen, sie halten auf längere Zeit und sie halten auch in schwierigen Zeiten beziehungsweise gerade dann.

Zum Abschluss mein persönlicher feministischer Ansatz: Wenn Mädchen mit Autos spielen wollen, sollen sie das dürfen. Wenn Burschen Röcke anziehen wollen, sollen sie das dürfen. Umgekehrt genauso. Wenn Männer in Karenz gehen wollen, sollen sie das dürfen. Wenn Frauen nach der Geburt ihrer Kinder bald wieder arbeiten gehen wollen, sollen sie das dürfen. Umgekehrt genauso. Ich könnte noch einen Haufen Beispiele aufzählen, aber kurz gesagt: es geht mir um die Wahlfreiheit. Frauen sollten alle Möglichkeiten haben, sich zu verwirklichen und dabei nicht schief von der Seite angeschaut werden. Die Politik hat die Aufgabe, die dafür nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen, ausreichend leistbare Möglichkeiten für Kinderbetreuung stehen dabei an oberster Stelle. Die Wirtschaft wiederum ist gefordert, flexible Arbeitsmodelle zu unterstützen und zu fördern. Jeder von uns ist gefordert, Toleranz gegenüber anderen Lebensmodellen zu zeigen und niemanden für seine persönlichen Lebensentscheidungen zu verurteilen.

Justin Torres – Wir Tiere

Wir schlugen immer weiter; wir durften sein, was wir waren, verängstigt, rachsüchtig – kleine Tiere, die sich an das krallten, was sie brauchten.

Lange habe ich nicht wirklich gewusst, was ich über dieses Buch schreiben soll, dann kam mir die Wrintheit mit @holgi und @silentiffy dazwischen. Da wurde unter anderem über Begabungen gesprochen. Gibt es genetisch veranlagte Begabungen oder entstehen diese nur durch entsprechende Förderung?

Wir Tiere beschreibt die Kindheit und Jugend dreier Brüder aus der Sicht des Jüngsten. Die Buben wachsen in einer amerikanischen Unterschicht-Familie auf, bleiben oft unbeaufsichtigt, lernen sich durchzuschlagen, lernen auch, dass Gewalt und Aggressionen im täglichen Leben auf der Tagesordnung stehen. Der jüngste Bruder zeigt andere Anlagen als die beiden älteren Buben, er ist sensibler, er zeigt Potential in der Schule, je älter er wird, umso mehr wird ihm und auch seinen Brüdern klar, dass er anders ist, nicht wie sie. Das Finale kommt überraschend und vieles bleibt offen.

Auch im Roman bleibt die Frage offen, was aus dem Buben werden hätte können, wäre er in ein anderes Umfeld hineingewachsen. Hätte er sich anders entwickeln können, wenn seine Eltern mehr Zeit gehabt hätten, sich um die Kinder zu kümmern? Wieviel von der Entwicklung des einzelnen Menschen wird von der genetischen Veranlagung bestimmt und wieviel im täglichen Leben erlernt? Mit diesem Thema möchte ich mich definitiv weiter beschäftigen.

Ian Fleming – Tschitti Tschitti Bäng Bäng

Erster Gedanke beim Blick auf den Namen des Autors rechts oben auf dem Cover: Ian Fleming. War das nicht der mit James Bond? War er. Eigentlich erstaunlich, dass der sich in zwei so komplett unterschiedlichen Genres einen Namen machen konnte. Laut Wikipedia erschien der erste Bond-Roman Casino Royale ein Jahr vor Tschitti Tschitti Bäng Bäng.

Der Film Tschitti Tschitti Bäng Bäng war einer der Lieblingsfilme von meiner Schwester und mir in unserer Kindheit. Wir hatten damals schon ein Faible für Filme mit Musik. Weitere Favoriten waren Mary Poppins (die tanzenden Pinguine!) und Elliot, das Schmunzelmonster. Darauf folgten bald Grease und Dirty Dancing.

Ich war nicht wenig überrascht, dass das Buch eigentlich nur sehr wenig mit dem Film gemein hat. Genau genommen hat das Produktionsteam hauptsächlich das Auto und seine Wunderfunktionen übernommen, alle anderen Geschichten wurden ziemlich umgebaut. Im Buch ist die Familie Potts eine intakte Familie Vater-Mutter-Mädchen-Junge, während im Film die Kinder mit Vater und Großvater (ein schrulliger Kapitän) aufwachsen. Ohne diese Konstruktion wäre natürlich keine Liebesgeschichte möglich gewesen. Roald Dahl hat sich beim Drehbuch keine Freiheiten versagt.

Mit so vielen Kindheitserinnerungen kann ich mir eine gerechte Beurteilung sowieso nicht anmaßen und verkünde, dass mir der Film besser gefällt als das Buch. Eine Ausnahme.

Reading Challenge: A book that became a movie

William Golding – Herr der Fliegen

Schon wieder ein amerikanischer Klassiker. Es begab sich, dass ich am Stubentor auf die Straßenbahn wartete und das dortige Buchgeschäft Wühlkisten auf dem Gehsteig stehen hatte. Für 3€ nahm ich dieses dünne Buch mit, das es jedoch ganz schön in sich hat.

Eine Gruppe von Burschen unterschiedlichen Alters strandet nach einem Flugzeugabsturz auf einer unbewohnten Insel. Die Überlebensfrage stellt sich vorerst nicht, es gibt Süßwasser und Bäume mit essbaren Früchten. Doch schnell kommt es zu einem Konflikt zwischen den beiden Burschen, die die Anführerrolle übernehmen wollen: Ralph und Jack. Eine wichtige Rolle kommt Piggy zu, er verkörpert das Stereotyp des dicken, behäbigen Denkers. Seine Brille wird benötigt, um ein Signalfeuer zu entzünden und diese Brille wird schließlich auch zur Eskalation des Konflikts führen.

Auf den ersten Seiten fühlt sich die Atmosphäre befremdlich an. Doch schnell etabliert sich eine Hackordnung unter den gestrandeten Jungen, als Leser wird man in die Denkweise hineingezogen und vergisst mit der zusehenden Verschärfung der Lage, dass es sich um Kinder handelt. Die Jungen verlieren zusehends den Bezug zur Zivilisation. Zu Beginn scheitert Jack daran, ein Schwein zu töten. Doch immer mehr gewinnen die niederen Instinkte die Oberhand über die Vernunft. Das Buch endet mit einem Knalleffekt. Es fühlt sich ein bißchen so an, als wäre es bereits mit Blick auf eine Verfilmung geschrieben worden. Jedenfalls kann ich mir diese Schlussszene, die Erkenntnis, die plötzliche Stille, das Fehlen jeder Geräusche angesichts der vergangenen Ereignisse und deren Einordnung in die Zivilisation sehr gut vorstellen. Bedrückend.

Natasa Dragnic – Jeden Tag, jede Stunde

Und kein Regenbogen ist in Sicht. Und keine roten Zauberschuhe. Und keine böse Hexe ist tot. Weder im Osten noch im Westen.

Well, my own fault. Da wollte ich mir für den Urlaub eine nette Liebesgeschichte raussuchen (Deja-vu, anyone?) und habe wieder etwas ganz anderes bekommen. Naja, nicht ganz anders, aber zumindest nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte …

Vor allem tut sie aber das, was sie in sich trägt, was sie erfüllt, was in jedem ihrer Atemzüge steckt. Sie muss sich nicht anstrengen, um die erwünschten Gefühle in sich zu finden, sie muss sich allerdings äußerst bemühen, sie in sich zu behalten, sie nicht alle auf einmal herauszulassen, sie unter Kontrolle zu haben und nur tropfenweise zu offenbaren.

Unter Kontrolle … wenn man diesen Roman liest, wird man feststellen, dass es manchmal nicht das Richtige ist, sich unter Kontrolle zu haben. Das Schwierige ist nur, die Momente zu erkennen, in denen es sich lohnt, den Rest der Welt zu vergessen und nur das zu tun, was einem gerade als richtig erscheint, ohne an die Konsequenzen zu denken. Wenn man diese Momente falsch wählt, kann dies zu Enttäuschung und jahrelangem Leid führen. Ein Wunder, dass doch jeden Tag Entscheidungen fürs Leben getroffen werden. Man könnte meinen, man kommt besser davon, wenn man sich die Entscheidungen erspart …

Als Dora tief in der Nacht ihres ersten großen, richtigen Erfolgs am Fenster ihres dunklen Wohnzimmers steht und die Lichter der Stadt, die ihr Zuhause ist, beobachtet, trifft sie unerwartet eine Entscheidung. Sie ist selbst überrascht. Es war ihr nicht klar, dass es etwas zu entscheiden gab, denn alles war schon entschieden.

Alles, was ich über den Inhalt des Buches sagen könnte, erscheint mir banal. Ja, es ist eine große Liebesgeschichte. Dora und Luka lernen sich als Kinder kennen und kleben fortan wie zu lange gekochte Nudeln aneinander. Doch Dora muss mit ihren Eltern nach Frankreich ziehen, Luka bleibt allein zurück und muss seine Mutter sterben sehen und seiner Schwester beim Erwachsenwerden helfen. Als sie sich nach vielen Jahren in Paris wiedertreffen, ist klar, dass es mehr als nur eine Jugendliebe ist.

Warten ist alles, was sie jetzt tun kann. Warten, dass das Leben sie wiederfindet. Das könnte allerdings eine Weile dauern, denn sie hat sich gut versteckt.

Jede Trennung fühlt sich für Dora und Luka wie das Ende des Lebens an. Doch Luka heiratet aus Verantwortungsgefühl eine andere Frau. Nichts, was man nicht bereits tausend Mal gehört oder gelesen hätte. Doch gerade hier erscheint es wieder wie ein einziger großer Fehler. Natürlich werden beide nicht glücklich. Luka verleugnet seine Gefühle für Dora aus Pflichtgefühl, kann jedoch nicht voll für seine Familie da sein und ertränkt seinen Kummer in Alkohol.

Luka kann die Verachtung, die er sich selbst gegenüber spürt, nicht verstecken. Dora hält ihn fest. Sie ist erschüttert, kann nichts sagen. Ein Leben, das mit aller Kraft versucht, sich zu vernichten. Dora ist nach Schreien zumute. So viel Verleugnung und Verschwendung und Selbstbestrafung – und ohne jeden Grund.

Das Happyend bleibt aus. Im Urlaub bin ich übrigens nicht dazu gekommen. Harry Hole hielt mich 3 Tage lang in Atem, den Rest des Urlaubs habe ich mit E.L. Doctorow und leichter Magazinkost verbracht. Weit und breit kein Happy End in Sicht. Eventuell muss ich doch wieder mal auf Susan Elizabeth Phillips zurückgreifen, um mein Bedürfnis nach Liebesschund zu befriedigen … scheint mehr als nur eine Phase zu sein …

Adele Faber, Elaine Mazlish – How to talk so kids will listen & listen so kids will talk

Versailles in Minimundus, Klagenfurt, Kärnten

Doesn’t sound too hard, does it? But it is. And the hardest part is not the learning of the separate steps. With a little study that can be accomplished. The hardest part is the shift we have to make in attitude. We have to stop thinking of the child as a “problem” that needs correction. We have to give up the idea that because we’re adults we always have the right answer. We have to stop worrying that if we’re not “tough enough”, the child will take advantage of us.

Erziehungsratgeber klingen meistens besonders gscheit und bringen wenig Erfolg. Im Alltag erweisen sich gut gemeinte Ratschläge oft als wenig mehr als gut gemeint. Manche Hinweise funktionieren vielleicht einmal, doch sobald die Kids das Spiel durchschaut haben (und das werden sie langfristig wohl immer), muss man neue Strategien anwenden.

Tatsächlich fehlen mir die eigenen Kinder zum Ausprobieren der in diesem Ratgeber vorgestellten Strategien. Das Meiste klingt sehr vernünftig und die vielen Geschichten von Eltern, die selbst überrascht waren, wie gut die Strategien in der Praxis funktionieren, tun ihr Übriges. Die Schwierigkeit dürfte hauptsächlich darin liegen, sich die Tipps einzuprägen und dann die vorgeschlagenenen Kommunikationsmittel tatsächlich anzuwenden und nicht in alte Gewohnheiten zurückzufallen. Augen öffnend ist dabei ein beispielhafter Gesprächsverlauf in einem der späteren Kapitel, indem verdeutlicht wird, was eine Mutter alles falsch machen kann und wie daraufhin der Gesprächsverlauf eskaliert. Der erste Impuls ist nicht immer der Richtige, oft gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Gefühle nicht überhand nehmen zu lassen. Die Autorinnen plädieren aber auch dafür, den Kindern auch die eigenen Gefühle nicht vorzuenthalten, also auch zum Ausdruck zu bringen, wenn man sich ärgert und worüber.

Ich hinterfrage gerade meine Einstellung gegenüber Ratgeber-Büchern. Macht man sich nicht in Wirklichkeit zuviel Sorgen? Sind nicht die meisten von uns zu guten Menschen herangewachsen, auch wenn unsere Eltern nicht alles richtig gemacht haben und keine derartigen Ratgeberbücher zu Rate gezogen haben? Ist nicht oft die impulsive Reaktion einer Mutter oder eines Vaters vollkommen in Ordnung? Fühlt man sich vielleicht trotzdem weniger unsicher, wenn man die Erfahrungen anderer Eltern teilen kann? Und von deren Tipps und Erfahrungen profitieren kann? Vermutlich. Vermutlich hilfreich.

Eva Menasse – Vienna

„Die Tränen, die er nie geweint hat“, sagte mein jüngerer Vetter nachdenklich. „Mein Gott, was bist du für ein Pathetiker“, ächzte mein älterer Vetter, und mein Vater tat, als habe er von dieser ganzen Lainz-Burma-Geschichte überhaupt nichts mitbekommen. In meiner Familie schämt man sich für Emotionen bis auf die Knochen.

Liest man diese unterhaltsamen Familiencharakteristik, kommt einem nicht eine einzige Sekunde in den Sinn, es könnte der erste Roman der Journalistin Eva Menasse sein. Eine Sammlung von Familienanekdoten fügt sich Stück für Stück zu einem Portrait von unterschiedlichsten Figuren über mehrere Generationen zusammen. Wirklich erfassen kann man die Familie wohl nur, wenn man sich während des Lesens die Zeit nimmt, den Familienstammbaum zusammenzustellen. Über den Krieg, die Geschichten der Großeltern und der resoluten Tante Gustl bis zum jüdischen Fundamentalismus des Bruders und der Vettern breitet sich die Familiengeschichte zu einem Panoptikum aus skurrilen und doch liebenswerten Persönlichkeiten aus.

Meine Schwester schien ihn anfangs gar nicht zu bemerken. Sie, deren Schönheit nun allerorten gepriesen wurde – „a fesche Katz“, gestanden sogar die Würfelmonster zu –, gab sich gerne den Anstrich hoheitlichen Desinteresses. Sie glaubte wohl selbst, daß auf sie jemand ganz Besonderer warte, eine Art Märchenprinz für die verwöhnte Prinzessin.

Charmante Wiener Eigenarten bilden die charakteristische Grundlage der Familientradition. Die Bridge-süchtige Großmutter und der Tennisclub prägen die Generationen über Jahrzehnte hinaus. Im Tennisclub sind auch die so genannten „Würfelmonster“ – dem Würfelspiel verfallene ältere Damen mit erbarmungslos scharfen Zungen – zuhause, so manche Episode nimmt hier ihren Ausgang.

Wenn das begann, wenn die alten Familiengeschichten zum tausendsten Mal heraufbeschworen, durchgekaut und neu interpretiert wurden, flüchteten sich die angeheirateten Frauen theatralisch eine Weile lang in die Küche, weil sie es angeblich „nicht mehr hören konnten“, England, Burma, Fußball, Film, das ‘Weißkopf’, die abgefeimte Tante Gustl und der Sohn, der irgendwelche klebrigen Mehlspeisen gestohlen hat. Aber sie kamen bald wieder zurück, denn obwohl sie es nie zugegeben hätten, liebten sie es längst genauso, das mehrstimmige Pointenfeuerwerk, die nicht endenwollende Serie ‘echter Königsbees’, die ganze Heimeligkeit dieses familiären Sagengutes, in das wir uns lustvoll einwickelten, weil es unser flüchtiges Zusammensein mit einer kurzen, aber kräftigen Wurzel in der Vergangenheit verankerte.

Doch nicht die so bekannte jüdische Jammerei über Benachteiligungen und Kriegsblessuren prägen diesen Roman, nicht die nervtötende Neurotik einer Lily Brett, nicht die intellektuelle Kulturkritik einer Siri Hustvedt. Die Familie ist das beherrschende Thema und dass diese Familie uns unser ganzes Leben lang begleiten wird, ob uns das nun gefällt oder nicht. Eine gleichzeitig beängstigende und beruhigende Schlussfolgerung, die jeden die Schrulligkeiten der eigenen Familienmitglieder für einen kurzen Moment mit anderen Augen sehen lässt.

Nick Hornby – Juliet, Naked

CD (c) Günter Havlena/PIXELIO

„Du ziehst aus“, sagte Annie. „Oh. Hoppla. Wow. Nein, nein, nein, davon habe ich nicht gesprochen“, protestierte Duncan. „Du vielleicht nicht. Aber ich spreche davon. Ich habe mein halbes Leben an dich vergeudet, Duncan. Oder zumindest das, was von meiner Jugend noch übrig geblieben war. Ich werde keinen weiteren Tag vergeuden.“ Sie ging zu ihrer Tasche, zog eine Zehnpfundnote hervor, warf sie auf den Tisch und ging hinaus.

Mit diesem Roman kehrt Nick Hornby wieder zu seinen musikalischen Wurzeln zurück. Im Zentrum steht ein Rocksänger, der zuerst nur aus dem Blickwinkel seines Fans Duncan und dessen Freundin Annie in Erscheinung tritt. Deren Beziehung gerät ins Wanken durch unterschiedliche Meinung über das neue Album des Rocksängers Tucker Crowe, den Duncan wie einen Gott verehrt. Annie zweifelt an den vergangenen 15 Jahren ihres Lebens und sucht nach neuen Wegen.

„Nun, viele Menschen, die ich kenne, führen eine unglückliche oder frustrierende Ehe. Oder eine langweilige.“ – „Und?“ – „Sie sind trotzdem eigentlich ganz zufrieden.“ – „Sie sind glücklich in ihrem Elend.“ – „Sie haben sich damit arrangiert, ja.“

Haiauge, Herzinfarkt und Farmer John begleiten Annie, Tucker und Duncan auf ihrer gemeinsamen Suche nach einem neuen Leben. Und natürlich die Musik. Bei Duncan kann man zwar den Lerneffekt nicht so eindeutig feststellen, aber zumindest Annie und Tucker haben am Ende des Buches dazugelernt und können von nun an hoffentlich mehr aus ihrem Leben machen.