Categories
Fantasy Roman

Nora Bendzko – Die Götter müssen sterben

CN: Gewalt, Tod, Krieg, Inzest, abgetrennte Gliedmaßen, Feuer, Verstümmelung, Vergewaltigung, Tod von Angehörigen, Mord an Kindern … (Ich bin echt nicht zart besaitet, aber hier wird an Greueln kaum etwas ausgelassen.)


Vor einiger Zeit hatte ich auf Mastodon nach speziellen Leseempfehlungen gefragt, die Ergebnisse hatte ich dann in diesem Post aufgelistet. Nora Bendzko wurde damals zwar nicht genannt, wurde mir aber von einer lieben Person als Reaktion auf diese Frage geliehen. Seit letztem Jahr stand das Buch in meinem Regal der ungelesenen Bücher, das ich von der Couch aus sehen kann. Immer wieder starrte ich auf den Titel, der in seiner direkten Brutalität schon die Gewalt andeutet, die das Buch entscheidend prägt.

Die Geschichte basiert auf Personen und Erzählungen aus der griechischen Mythologie. Im Zentrum steht der Amazonenstamm unter der Königin Penthesilea. Die Amazonen werden als grausame Kriegerinnen beschrieben, die sich vom Durst nach Gewalt und Blut mitreißen lassen. Ihre göttliche Hüterin ist Artemis, der die Königinnen der Amazonen ihre männlichen Nachkommen opfern. Denn die Tradition der Amazonen verlangt es, dass die Königinnen nur weibliche Kinder aufziehen dürfen. Der Kriegsgott Ares fordert es für sich, als alleiniger Vater diese Kinder zeugen zu dürfen. Damit geht natürlich auch einher, dass Ares mit seinen eigenen Töchtern immer wieder Nachkommen zeugt. In der Schlacht um die Stadt Troja stehen sich schließlich Göttinnen und Götter, Königinnen und Helden, Amazonen und Griechen in einem grausamen Vernichtungskampf gegenüber.

Es ist ein ziemliches Kontrastprogramm, dass es der Autorin gleichzeitig gelingt, moderne feministische Konzepte in die Gesellschaft der Amazonen einfließen zu lassen. Homosexuelle Liebe wird nicht nur akzeptiert, sondern als gleichwertig anerkannt. Nicht-binäre Personen (hier Vielselige genannt) und asexuelle Charaktere finden ebenfalls einen Platz in dieser Gesellschaft. Bis zum Schluss konnte ich es für mich nicht miteinander in Einklang bringen, dass eine Gesellschaft gleichzeitig so fortschrittlich und gewaltvoll sein soll. Das Nachwort der Autorin bringt ein bißchen Licht ins Dunkel. Nora Bendzko schreibt, dass es „nicht in ihrem Interesse“ war, „das Gewalttätige und Furchteinflößende auszublenden“. Sie schreibt weiter über die „transformative Kraft von Wut“, die sie in ihren Amazonen auf ermächtigende Art wirken lässt. Und doch bleibt bei mir ein schaler Beigeschmack zurück. Warum sollte eine weiblich regierte Gemeinschaft genauso gewaltvoll herrschen wie eine männlich dominierte?

Trotz dieser Kritikpunkte muss ich zugeben, dass ich das Buch in nur vier Tagen weggelesen habe, weil es einfach mitreißend geschrieben ist. Die Perspektive wechselt zwischen verschiedenen Personen, was zu „natürlichen“ Cliffhangern führt, weil sich diese Personen einfach an unterschiedlichen Orten aufhalten und somit verschiedene Ereignisse erleben. Bei so manchem Detail musste ich innerlich den Kopf schütteln, aber es ist halt Fantasy. Wo das silberne Auge einer Göttin zum Zankapfel wird, brauchen wir uns auch von unrealistischen Schlachtszenen und Wunderheilungen nicht ablenken lassen.

Categories
English Fantasy Roman

Alix E. Harrow – The Everlasting

CN: Gewalt, Tod, Krieg, Verstümmelung, Verlust der Eltern, Verlust der Partnerperson, Politik


Als ich dieses Buch endlich zur Hand nahm, wusste ich bereits, dass es den Hugo Award 2026 für Best Novel gewonnen hatte. Was mich allerdings mehr abgelenkt hat, war der Gedanke, wie wohl meine Mitlesenden im Hugo-Award-Buchclub darüber denken würden.

Zeitreise-Geschichten finde ich im Allgemeinen einerseits verwirrend und andererseits scheinen mir irgendwo immer die Vorgaben zu brechen. Ein (zufällig gewähltes) Beispiel dafür: Du kannst nicht in einen Teil deiner vergangenen Lebenszeit (zB deine eigene Kindheit) zurückreisen. Oft kommt es mir dann so vor, als wären diese Regeln absichtlich so kompliziert gestaltet, dass selbst bei einem Bruch immer irgendwo ein Schlupfloch ist. Wodurch die Leser:in so verwirrt wird, dass es sich gar nicht mehr lohnt, den Prämissen überhaupt zu folgen. Um diesen winzigen Aspekt vorwegzunehmen: Bei diesem Buch konnte ich bei aufmerksamem Lesen binnen weniger Tage keinen offensichtlichen Bruch entdecken.

Once there was a woman who wanted more than she was given. She wanted it so badly that she shattered time itself beneath her heel and pieced it back together in the way that suited her best. History no longer simply happened, like an accident; it was told, like a story. And the queen told it many times. 

Zu Beginn hatte ich Schwierigkeiten, in die Geschichte hineinzukommen. Der Beginn des ersten Kapitels aus Owen Mallorys Perspektive beginnt mit der Zeitangabe „several years after the war“, wodurch zumindest ich dazu verleitet wurde, eine Verortung in unserer realen Geschichtsebene zu versuchen. Ein vergeblicher und unnötiger Versuch, denn das Buch spielt in dem fiktiven Staat Dominion, der Ähnlichkeiten zu Großbritannien aufweist, aber seine eigene Welt darstellt. In dieser Welt lernen wir Owen als neurotischen, psychisch instabilen Kriegsveteranen und Wissenschaftler kennen, der sich an ein angeblich nicht existierendes Buch klammert. Bis ihm ein Brieföffner in die Hand gerammt wird und er sich an einem anderen Ort und einer anderen Zeit wiederfindet.

Es ist schwierig, über den Zeitreise-Aspekt dieser Geschichte zu schreiben, ohne zu viel zu verraten. Die Zeitreise stellt die Basis für den romantischen und den politischen Teil. Hier stellte ich außerdem Parallelen zu unserem anderen Hugo-Award-Favoriten Death of the Author fest: Hier wie dort wird explizit auf die Bedeutung von Geschichten verwiesen. Die Geschichten, die Menschen sich über ihre Gesellschaft und ihre Vergangenheit erzählen, liefern die Form, in die wir unsere Persönlichkeiten und Erfahrungen einordnen (how we make sense of the world). Das Ziel der Antagonistin in diesem Buch ist es, die Geschichte so lange (und so oft) zu manipulieren, bis sie zu dem gewünschten Ergebnis gelangt.

It is not a lesson, until we learn it. It is not a story, until we tell it. And every story serves someone.

Als große Stärke des Buchs empfand ich die differenzierten Charaktere. Neben den Hauptfiguren Una, Owen und Vivian (lt. meiner Mitlesenden die perfekte super-villain) haben auch die Nebenfiguren Hintergründe, Wünsche und Fehler. Owens Beziehung zu seinem Vater, die in einer späteren Zeitebene eine überraschende Tiefe erhält. Owens Kollegen: Harrison, selbst ein Opfer von Vivians Machtstreben, und Gilda Sawbridge, die trotz ihrer sehr unterschiedlichen Schicksale immer an die Wahrheit der Wissenschaft glaubt. Sogar der letzte lebende Drache, den Una auf Befehl der Königin erlegen soll, hat so viel Persönlichkeit, dass ich mich selbst beim hörbaren Seufzen vor lauter Mitleid für das Tier erwischte.

In der Verbindung von Romantasy und Zeitreise versteckt Alix E. Harrow Anmerkungen über Gender oder Rassismus. An einer Stelle lässt sie Una darüber sinnieren, ob sie lieber als Mann wahrgenommen werden will (der sie nicht ist) oder lieber daran scheitern will, das Weibliche zu repräsentieren, das sie ist. Rassismus gegenüber den Feinden des Königreichs Dominion erfährt Owen, der zwar in Dominion geboren ist, aber aufgrund seines Aussehens als Ausländer wahrgenommen wird. Ich sehe hier keinen mahnenden Zeigefinger, ich sehe Ergänzungen zu den Geschichten, die nicht nur unsere Vergangenheit, sondern auch unsere Gegenwart und Zukunft formen.

Wenn ihr mit (heterosexueller) Romantasy gar nichts anfangen könnt, dann wird euch dieses Buch vermutlich keine Freude bereiten. Der Romantik-Aspekt ist trotz des ganzen Blut-Vergießens wesentlicher Bestandteil der Geschichte. In dieser Romantasy steckt aber auch eine Parabel auf die Frage nach der Wahrheit und woran wir diese überhaupt erkennen können, wenn wir nicht wissen, wer von den Geschichten, die uns erzählt werden, gerade profitiert.

It is not a lesson, until we learn it. It is not a story, until we tell it. And every story serves someone.

Categories
Roman

Øivind Hånes – Permafrost

CN (möglicherweise unvollständig): Krieg, Tod, Kälte, unfassbare menschliche Grausamkeit


Diesen Post schreibe ich mit noch mehr Verspätung als üblich. Die letzten Wochen waren von einer extrem hohen Arbeitsbelastung und einer privaten Ausnahmesituation überschattet. Jetzt hoffe ich, dass sich alles wieder einpendelt.

Trotzdem erinnere ich mich an das Buch, weil es eine wirklich grausame Kriegsgeschichte enthält. Nach dem Tod seiner Mutter finden Jonas und seine Schwester Hinweise auf den verschwundenen, totgeglaubten Vater, die die Mutter geheim gehalten hat. Jonas reist in die Taiga, um den Spuren nachzugehen.

Warum hat sie es ihnen verschwiegen? Warum hat ihre Mutter ihnen nicht erzählen wollen, was sie wusste? Aber wenn sie es getan hätte, wäre er jetzt nicht hier.

Er trifft dort die Lehrerin Olga, deren Familie ebenfalls eine komplexe Geschichte durchlebt hat. Zwischen Jonas’ Suche nach den Spuren seines Vaters im früheren russischen Gefangenenlager wird eine Episode mit Gefangenen auf einem Transportschiff erzählt, das im Eis stecken bleibt. Es kommt zu einer unfassbaren Grausamkeit, die mir noch immer den Atem stocken lässt, weil sie durchaus wahr sein könnte.

Das Seelenstoffbassin, all das, was dort beginnt, wo die Geschichte endet. Aber dieser Mensch, der ihm den Rücken zuwendet, ist der noch da? Schwer zu sehen, jetzt, der Wagen ist so fern. […] Vielleicht ist es nur ein Schatten, weiß er das nicht mehr? Deshalb konnte er ja nicht brennen.

Neben dem tatsächlichen Geschehen wird ausführlich Jonas’ komplexes Innenleben geschildert. Seine Gedankenströme springen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft herum. Der Autor arbeitet teilweise mit wilden Metaphern, um das Gefühlschaos verständlich zu machen. Es ist ein schwieriges, ungewöhnliches Buch.

Categories
Fantasy Roman

Eleanor Bardilac – Knochenblumen welken nicht

CN: sexuelle Belästigung (verbal), Gore (Sezieren von menschlichen Schädeln), Töten eines Tiers und Verspeisen seines Herzens (Flashback), Charaktertod, Blut, Gewalt

[Ich finde es sehr angenehm, die Content Notices aus dem Buch abschreiben zu können, die Autorin hat sie sogar kapitelweise aufgelistet. 💜]


Um mich wieder mehr ins Lesen zu bringen, griff ich zu einem Buch auf der „falschen“ Seite des Regals der ungelesenen Bücher. Es handelt sich um jene Bücher, die erst seit diesem Jahr im Regal stehen und damit nicht zu meiner Buch-Challenge #12in2025 zählen. Das Experiment hat jedoch gefruchtet und ich fühle mich wieder mehr im Fluss sowohl fürs Lesen als auch fürs Schreiben. Dieses Buch ist außerdem in den Leseempfehlungen enthalten, die ich im April 2014 gesammelt habe. Danke an dieser Stelle auch an das liebe Wesen, das mir drei Bücher aus seiner Sammlung geliehen hat, von denen nun nur noch zwei auf der „falschen“ Seite des Regals stehen.

Die Geschichte spielt in einer Fantasie-Welt, deren Gesellschaft von einer zunehmenden Spaltung zwischen magischen und nicht-magischen Wesen bestimmt ist. Zu Beginn wird die Protagonistin Aurelia als magisch entlarvt, was ihre Eltern durch Medikamente und Isolation zu verbergen versuchten. Aurelia landet nun im magischen Teil der Gesellschaft, wodurch ihr Weltbild zutiefst in Frage gestellt wird. Dadurch lernt auch die Leser:in mehr über das Wesen dieser Welt, ihre Regeln und Gebräuche, ihre Stärken und Schwächen. Dieses Worldbuilding erfordert Zeit und Raum; die Mordfälle, in die Aurelia als Zeugin verwickelt ist, werden lange Zeit in den Hintergrund gedrängt.

Was mir zuerst zu langsam vonstatten ging, wurde aber mit der Zeit zu einem äußerst angenehmen Gefühl. Aurelia lernt verschiedene Wesen der magiebegabten Welt kennen, darunter finden sich Repräsentationen, die in vielen anderen Romanen kaum vorkommen: Wesen mit Behinderungen (zum Beispiel mit einer Beinprothese aufgrund einer Kriegsverletzung), Wesen, die auf besondere Art kommunizieren (zum Beispiel Gebärdensprache), Wesen, die aufgrund ihrer speziellen Magiebegabung selbst in der Welt der Magie eher an den Rand gedrängt werden. Die Autorin lässt Aurelia in der Begegnung mit dieser unbekannten Welt ihre eigenen Werte und ihre eigenen Persönlichkeitszüge hinterfragen. In dieser Auseinandersetzung wächst sie an sich selbst, was sich am Ende des Buchs ganz deutlich in ihren Entscheidungen zeigt.

Schwäche zu zeigen hatte noch nie zu ihren Stärken gehört, und sie hasste es, dass sie sich nicht besser unter Kontrolle hatte, dass der Lärm und die Leute und die Weite der Stadt sie so verrückt machten, dass sie selbst hier unter anderen Magiebegabten nicht normal sein konnte.

Vermutlich aus aktuellem Anlass hatte ich sehr viel Spaß mit der Idee des magischen Hauses, das sich selbstständig an seine Bewohner:innen anpasst. Diese undefinierbare magische Präsenz mag gruselig erscheinen (Überwachung?), für Aurelia empfindet sie aber offensichtlich freundschaftliche Gefühle und steht ihr helfend zur Seite. Mehr gelesen hätte ich gern vom magischen Skelett-Affen und dem Geist, der in der Schlafzimmeruhr lebt. Diese Ideen wurden für mein Gefühl nur angerissen und hätten durchaus mehr Backstory bzw. eine Rolle in der Auflösung vertragen können.

Im Vergleich zum langsamen Aufbau der Geschichte erschien mir das Ende dann zu abrupt (als wäre der Autorin die Zeit ausgegangen). Dies bleibt jedoch ein verschmerzbarer Wermutstropfen an diesem sonst sehr gelungenen Stück Fantasy-Literatur. Die Idee einer Welt, in der viele Menschen versuchen, das Richtige zu tun, auch wenn es sich manchmal im Einzelnen extrem falsch anfühlt, liegt vielen Geschichten zugrunde, ich persönlich finde sie hier besonders gut umgesetzt.

Randnotiz: In Wien Penzing wird gerade eine genossenschaftlich organisierte Buchhandlung begründet. Es soll auch ein 3. Ort für die Gegend werden. Ich habe das Crowdfunding unterstützt, vielleicht ist das ja auch was für euch.

Categories
English Fantasy Roman

Terry Pratchett – Small Gods

CN: Inquisition, Folter, Gewalt, Krieg


Belief, he says. Belief shifts. People start out believing in the god and end up believing in the structure.

Vielleicht der beste Scheibenwelt-Roman, den ich je gelesen habe. Wie sich Sir Terry gleichzeitig über Philosophie, Religion, Wissenschaft und Politik lustig macht und in jedem dieser Bereiche genau die Schwächen herauspickt, ist einfach großartig. Ein einst großer Gott, den es aus einem unbekannten Grund in den Körper einer Schildkröte verschlagen hat. Ein streng gläubiger junger Mönch, der als Einziger noch tatsächlich an den Gott glaubt, der nun als Schildkröte zu ihm spricht. Wie sich dieser junge Mönch durch seine Erfahrungen von der Kirche (der im obigen Zitat benannten Struktur) emanzipiert und seine eigenen Moralvorstellungen verfolgt.

Angesichts der aktuellen politischen Ereignisse ist es vielleicht nicht ganz der Eskapismus gewesen, den ich mir üblicherweise von Fantasy (und spezifisch von der Scheibenwelt) verspreche. Nichtsdestotrotz eine große Empfehlung von mir, ich musste immer wieder laut lachen. Ein Meisterwerk.

‘He’s muffed it,’ said Simony. ‘He could have done anything with them. And he just told them a lot of facts. You can’t inspire people with facts. They need a cause. They need a symbol.’

#12in2025: 3/12

Categories
Roman

Paolo Bacigalupi – Versunkene Städte

CN: Krieg, Gewalt, Tod, Waffen, Klimakatastrophe
(leider sind meine Notizen verloren gegangen, kann daher keine vollständigen CN-Angaben machen)


Wieder mal habe ich versagt, was die Pflege meiner Notizen angeht, ich weiß nicht mehr, wo der Tipp zu diesem Buch bzw. dem Autor hergekommen ist. Und dann hab ich auch noch den Post verschleppt, das Leben hat sich wieder mal dazwischen gedrängt. Das eBook wurde automatisch retourniert und in der Onleihe bleiben die gesetzten Bookmarks und Markierungen leider nicht erhalten (in OverDrive/Libby geht das erfreulicherweise, bei einem erneuten Download sind die Notizen wieder da).

Die Geschichte spielt in einer von der Klimakatastrophe gezeichneten Welt, deren dystopischer Charakter die Entscheidungen der Protagonist:innen dominiert. Eine deutliche Trennung besteht zwischen der reichen, besser gestellten Gesellschaft, die sich im Norden hinter Mauern verschanzt und die leidende Bevölkerung im Süden sich selbst überlässt. Hier herrscht das Recht der Stärkeren, die versunkenen Städte werden von mehreren verfeindeten Armeen umkämpft.

Hier kämpfen auch Mahlia und Mouse, nämlich ums Überleben. Doktor Mahfouz hat die beiden jugendlichen „Kriegsmaden“ (so werden durch den Krieg verwaiste Kinder bezeichnet) gegen den Widerstand der Dorfbewohner:innen bei sich aufgenommen und bildet Mahlia als seine Assistentin aus. Mahlia wurde als Tochter eines Friedenswächters (bei diesem Begriff verspürte ich starke Anleihen an Panem) geboren und gilt damit mehreren Kriegsparteien als Verräterin. Ihr wurde ein Arm abgeschlagen, was sie zusätzlich als Ausgestoßene kennzeichnet.

Als Soldaten auf der Jagd nach dem Halbmenschen Tool das Dorf heimsuchen, bricht die fragile Lebensgemeinschaft auseinander. Tool wurde als Kreuzung zwischen Mensch und Hund erschaffen und zur Kriegsmaschine ausgebildet, hat sich aber nun von seinem Herrn losgesagt und ist auf der Flucht. Nach einem Kampf mit einem Alligator ist er dem Tod nahe und wird von Mahlia gegen den Widerstand von Mouse gerettet. Bereits hier zeigt sich der Loyalitätskonflikt, der den weiteren Verlauf der Geschichte prägen wird: Soll Mahlia die knappen Medikamente für die Rettung des Halbmenschen verwenden („verschwenden“ wäre Mouse’s Bezeichnung dafür)? Fühlen sich Mahlia und Mouse der Dorfgemeinschaft verbunden oder sollen sie das Dorf den marodierenden Soldaten überlassen, um ihr eigenes Leben zu retten?

Mahlia flüchtet gemeinsam mit Tool, Mouse wird von den Soldaten rekrutiert. Zwei Kapitel später wird er nur noch Ghost genannt, ein deutliches Zeichen dafür, wie ihn die erzwungene Gemeinschaft mit den anderen Soldaten vereinnahmt. Doch nun spürt Mahlia Gewissensbisse und macht sich auf, um Mouse aus den Fängen der Armee zu befreien. Auch Tool fechtet Solidaritätskonflikte mit sich selbst aus: Ist er Mahlia etwas schuldig, weil sie ihm mit Medikamenten das Leben gerettet hat? Kann er ihr überhaupt vertrauen nach all den negativen Erfahrungen, die er mit Menschen bereits gemacht hat?

Immer wieder stehen Mahlia, Mouse und Tool vor der Frage, ob jetzt jede:r nur für sich selbst kämpft oder ob es besser ist, beim Versuch, die Freundin/den Freund zu retten, selbst umzukommen. Wie können wir weiterleben, wenn wir, um zu überleben, unsere Lieben im Stich lassen müssen? Ein nachdenklich machender Blick in eine düstere Zukunft; die Verweise auf die Klimakatastrophe, die diese Welt entstehen hat lassen, sollten ein deutlicher Aufruf sein, dass es niemals zu spät sein darf, endlich etwas zu ändern.

Categories
Erzählung Kurzgeschichten

Peter Henisch – Baronkarl

CN: Obdachlosigkeit, Krieg, Alkoholmissbrauch, Tod, Erwähnung von Migrant:innenfeindlichkeit im historischen Kontext


Weil ich es anders gerade nicht schaffe, folgt ein Post im Telegrammstil:

  • Der Autor erzählt in diesem Buch die Geschichte des im Grätzl Favoriten zu seiner Zeit sehr bekannten Obdachlosen, der im Volksmund Baronkarl genannt wurde. Er wird als Wiener Original und als eine Art Legende beschrieben, der das Wenige, das er hatte, stets mit anderen teilte.
  • Die „Peripheriegeschichten“ um den Baronkarl und andere Originale der damaligen Zeit glänzen mit Lokalkolorit aus dem vergleichsweise früh von Migrant:innen geprägten Wiener Bezirk Favoriten. Sie vereinen Geschichten aus dem Wien der damaligen Zeit (ca. die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts inkl. Krieg und Zwischenkriegszeit) mit Beobachtungen des Autors zur Zeit der Entstehung des Buchs (Erstveröffentlichung: 1972).
  • In gewisser Weise wird in der Person des Baronkarl die „sozial verträgliche“ Obdachlosigkeit romantisiert. Ein gewisser Zynismus kann beim Lesen übel aufstoßen, wenn die Leser:in bedenkt, dass so viele Jahre später noch immer Menschen ungewollt auf der Straße leben müssen. Womit wir wieder beim Kapitalismus wären, den Rest erspar ich uns allen einfach, ich bin nicht in der Stimmung.

EDIT: Kürzlich habe ich den Matzleinsdorfer Friedhof und dort auch das Grab des Baronkarl besucht. Dabei ist dieses Foto entstanden:

ein Grab auf dem Friedhof, der Grabstein ist aus weißem Marmor mit oben einem Kreuz, das von Efeu umrankt ist, auf dem Stein steht „Baron Karl, 24.01.1882 – 13.10.1948, Er liebte die Menschen und die Freiheit“

 

Categories
Roman

Josef Haslinger – Jachymov

CN: politische Gewalt, Folter, Tod durch Krankheit, Krieg


Weil ich es anders gerade nicht schaffe, kommt nach langer Zeit wieder mal ein Post im Telegrammstil:

  • Der Autor verarbeitet ein Stück Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts in Romanform. Ich will ihm nicht unterstellen, dass er sich damit der exakten Recherche entziehen wollte, es sind jede Menge Details im Buch enthalten, die vermutlich (?) stimmen, die sich überprüfen lassen sollten.
  • Erzählt wird die Familiengeschichte einer Person, die nur die Tänzerin genannt wird bzw. eigentlich die Geschichte ihres Vaters, der als Eishockey-Spieler in der tschechoslowakischen Nationalmannschaft große Popularität erlangte und dann Opfer der politischen Wirren dieser Zeit wurde.
  • Während seiner Zwangsarbeit in den Uranminen im Lager Jáchymov erleidet er Verstrahlungen, die schließlich zu seinem frühen Tod führen. Die Tänzerin verarbeitet diese Geschichte ihres Vaters auf Betreiben des Verlegers Anselm Findeisen. Sein Charakter bleibt blass, für mich ergab die Rahmenhandlung keinen weiteren Sinn.
Categories
English Roman

Kate Mosse – The Burning Chambers

CN dieses Buch: Dieses Buch spielt im Mittelalter, der Titel ist eine direkte Referenz auf die Folterkammern der Inquisition. Entsprechend der Epoche enthält das Buch rassistische und anti-feministische Elemente sowie Gewalt, Gefangenschaft und Folter. Wenn eins dieser Themen für euch schwierig ist, rate ich euch von diesem Buch ab.


Aus Zeitgründen nur ein paar Stichworte:

  • Religionskrieg. Die Protestanten wollen sich von den Katholiken nicht mehr weiter unterdrücken lassen. Die Katholiken wiederum bestehen auf der Deutungshoheit der Heiligen Schrift und setzen diese auch mit Waffengewalt gegen alle Widerstände durch. Wozu ein fanatischer Glaube Menschen treiben kann, wird hier deutlich.
  • Intrigen ohne Ende.
  • Starke Vibes von Les Misérables: Die Barrikaden in der Stadt, auf denen die aufgeklärten Studenten sich den katholischen Truppen entgegen stellen. Der tapfere junge Mann, der eigentlich nur die Frau, die er liebt, in Sicherheit bringen will, aber trotzdem treu an der Seite seiner Kameraden steht. Das ist jetzt irgendwie auch nichts Neues.
  • Eine Familiengeschichte im Hintergrund, ein Erbe, von dem die erbende Person gar nichts weiß, das jedoch sie und ihre Familie allen möglichen und unmöglichen Gefahren aussetzt.
  • Schön gesponnen und hat mich ein paar Tage lang unterhalten. Und natürlich ein Happy End.
Categories
Krimi Roman

Volker Kutscher – Olympia

CN: Dieser Roman spielt in Berlin in den Jahren 1936/37, zu einer Zeit, als die Macht der Nationalsozialisten ständig wuchs und die Verletzung von Menschenrechten immer mehr zum Alltag wurde. Dieses Buch enthält Erwähnungen und Beschreibungen von damals gängigen Praktiken wie zB rassistischen und ableistischen Beleidigungen, Gewalt gegen Andersdenkende, Folter, Holocaust und Konzentrationslagern. Wenn dieses Thema für euch schwierig ist, rate ich euch von dieser Romanreihe ab und spezifisch auch nochmal von diesem Buch, das für mein Gefühl das Level noch etwas höher schraubt als es in den früheren Büchern der Reihe bereits war.


Eine Kriegsfahne in einem Dorf des Friedens – auf solch eine Idee konnte auch nur die Wehrmacht kommen, dachte Rath.

Den historischen Hintergrund dieses Romans bilden die olympischen Spiele in Berlin im Jahr 1936. Während die Nationalsozialisten ihre (öffentlich sichtbaren) Aktivitäten zurückschrauben, um die ausländischen Besucher:innen nicht zu verschrecken, bietet das olympische Dorf für andere die Gelegenheit, sich unliebsamer Mitwisser (ausschließlich Männer) früherer Gewalttaten zu entledigen. Dabei tauchen Figuren aus früheren Büchern wieder auf, Fehler und Geheimnisse werden weiterhin nach Möglichkeit vertuscht und/oder zu erpresserischen Zwecken genutzt. Über all dem schwebt die wachsende Bedrohung durch die nationalsozialistische Ideologie. Wie so viele andere erliegt auch Kommissar Rath momentan dem Trugschluss, dass er als einfacher Befehlsempfänger nichts zu befürchten hätte. Gleichzeitig bieten die Olympischen Spiele für den jugendlichen Fritze die Gelegenheit, die nationalsozialistische Ideologie zu hinterfragen: für den Jungen, der den schwarzen US-Sportlern zujubelt, erschließt sich nicht, warum diese anders behandelt werden als beispielsweise die finnischen Sieger.

Manchmal frage ich mich, warum irgendein Mensch solche Bücher schreiben will, was dann weiter führt zu der Frage, warum so viele Menschen sie lesen. Und dann denke ich, dass es gerade jetzt wieder wichtig ist, aufzuzeigen, wie sich Faschismus langsam in eine Gesellschaft einschleicht. Und viele erst dann merken, dass die Demokratie in Gefahr ist, wenn es bereits zu spät ist.

Niemals vergessen.