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Erfahrungsbericht Memoir

Sue Monk Kidd und Ann Kidd Taylor – Granatapfeljahre

Was mich zum wichtigsten Grund dafür bringt, warum es der reine Wahnsinn wäre, wenn ich eine Schriftstellerkarriere anstreben würde: Es erfordert viel zu viel Selbstvertrauen.

Wenn ich schon selbst nicht verreisen kann, dann kann ich wenigstens einen Reisebericht lesen, dachte ich mir. Die Reisen sind aber in diesem Buch eigentlich nur der rote Faden für die Entwicklung der beiden Autor*innen und ihrer Beziehung zueinander. Sie sind Mutter und Tochter.

Die Jüngere kämpft mit einer Ablehnung, die ihr den Lebensweg verstellt, den sie sich als Erfüllung ihrer Träume vorgestellt hat. Die Ältere hadert mit dem Übergang in eine neue Lebensphase, die Menopause macht ihr nicht nur körperlich zu schaffen, sondern lässt sie auch seelisch ihre Lebensentscheidungen hinterfragen. Auf ihrer spirituellen Suche befassen sie sich mit der griechischen Sage von Demeter und Persephone, der Jungfrau von Orleans und der Gottesmutter Maria, hauptsächlich in Gestalt der Schwarzen Madonnen, die berühmteste ist im französischen Rocamadour zu finden.

Die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Mythen und den Rollen, die Frauen in ihrem Lebensverlauf spielen (können), hilft schließlich beiden, sich über ihren weiteren Lebensweg klar zu werden. Der spirituelle Zugang mag nicht allen Leser*innen gefallen (mir war es streckenweise auch zu viel innere Einkehr), für mich war es aber ein interessanter Zugang, das Reisen nicht nur um des Reisens willen zu betrachten, sondern auch als „Reise zu sich selbst“.

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Roman

Kate Mosse – Die Frauen von Carcassonne

Dieses Buch beinhaltet einige Parallelen zu Anthony Doerrs All The Light We Cannot See, das ich im vergangenen Jahr gelesen habe. Es spielt in Frankreich zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, eher schon gegen Ende des Krieges, was die ProtagonistInnen aber natürlich nicht wissen. Die Perspektive ist jedoch eine völlig andere. Die titelgebenden Frauen bilden eine Widerstandsgruppe, die sich dem Nazi-Regime nicht ergeben will und Flüchtlinge durch die südfranzösischen Berglandschaften nach Spanien schmuggelt.

Die Grundlinie der Geschichte, die Bildung und Entwicklung der Widerstandsgruppe, ist stringent erzählt und zeigt eindrucksvoll die unterschiedlichen Einstellungen zum Kriegsgeschehen und auch wie sich diese durch persönliche Erfahrungen verändern können. Als Nebenhandlung wird die Geschichte von Arinius erzählt, einem Mönch, der um die Mitte des ersten Jahrtausends ein Schriftstück aus Rom entwendet hat und dieses in den Bergen um Carcassonne versteckt, um es vor dem Zugriff machthungriger Kirchenfürsten zu schützen. Nach diesem Schriftstück wird wiederum zur Zeit des Zweiten Weltkriegs von verschiedenen Gruppen gesucht. Es verspricht dem Besitzer die Möglichkeit, ein Geisterheer anzurufen, das in den Augen mancher kriegsentscheidend sein könnte. Neben dieser mystischen Nebenhandlung darf natürlich auch eine Liebesgeschichte inklusive entsprechender körperlicher Szenen nicht fehlen.

Die einzelnen Versatzstücke der Handlung fügen sich in meinen Augen nicht immer nahtlos ineinander, speziell die Liebesgeschichte erschien mir in manchen Szenen doch sehr banal. Das Ende wiederum birgt eine Überraschung, ich hatte mir auch aufgrund der historischen Hintergründe etwas anderes erwartet.

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Roman

Muriel Barbery – The Elegance of the Hedgehog

People aim for the stars, and they end up like goldfish in a bowl. I wonder if it wouldn’t be simpler just to teach children right from the start that life is absurd.

Zwei besondere Protagonistinnen bevölkern diese Geschichte: Madame Michel arbeitet als Concierge in einem von reichen Menschen bewohnten Haus. Sie beschäftigt sich mit Literatur, Philosophie und Kunst, versteckt jedoch ihre Intelligenz hinter dem einfachen Benehmen, das ihrer Meinung nach einer Concierge zusteht. Die zweite Protagonistin ist die zehnjährige Paloma. Wie Madame Michel ist sie deutlich intelligenter als ihre Familie annimmt und will sich daher nicht mit den Banalitäten des „normalen“ Lebens ihrer Eltern und ihrer Schwester befassen. Sie versteckt sich und plant ihren baldigen Selbstmord.

In diese Anfangssituation platzt der Tod eines Bewohners und kurz danach die Ankunft des Nachmieters. Für beide Protagonistinnen steht damit eine große Veränderung ins Haus. Madame Michel wird herausgefordert, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen (und diese hinter sich zu lassen) während Paloma nach dem Sinn des Lebens und ihrer eigenen Zukunft sucht. Eine bittersüße Geschichte mit einem überraschenden Ende.

What does Art do for us? It gives shape to our emotions, makes them visible and, in so doing, places a seal of eternity upon them, a seal representing all those works that, by means of a particular form, have incarnated the universal nature of human emotions.

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Biografie

Malte Prietzel – Jeanne D’Arc

Ursprünglich hatte ich mir dieses Buch als Material für ein potentielles Projekt ausgeliehen. Als es dann vier Wochen unangetastet herumgelegen war, wurde mir klar, dass es für dieses Projekt wohl doch nicht genug Interesse und Energie in mir gibt. Lesen wollte ich es aber trotzdem noch.

Verständlicherweise würde Gott nur zu solchen Menschen sprechen, die seine Gebote befolgten und ein vorbildliches Leben führten. Echte Propheten fluchten also nicht, sie waren fromm und bekannten sich zu ihrem Glauben in Wort und Tat, sie waren sexuell allenfalls mit ihrem Ehepartner aktiv oder, besser noch, sie lebten enthaltsam. All das traf auf Jeanne zu.

Diese Biografie zeichnet ein ausführliches Sittenbild des Frankreich des fünfzehnten Jahrhunderts. Der Autor erklärt verständlich, wie es dazu kommen konnte, dass ein Bauernmädchen als Kriegsherrin und Prophetin verehrt wurde. Entscheidend dafür war die damalige Religionsauffassung. Jeanne hatte Visionen, sie hörte Stimmen, die sie für die Stimmen von Heiligen hielt. Diese befohlen ihr, die Engländer aus dem teilweise eroberten Frankreich zu vertreiben und Karl VII. zur Königsweihe zu führen. Der oben zitierte Absatz erklärt, warum Jeannes Prophezeiungen schließlich Glauben geschenkt wurde. Hätte irgendjemand Zweifel an ihrer Jungfräulichkeit beweisen können, wäre ihr Leben sicherlich anders verlaufen. Sie glaubte unerschütterlich daran, dass sie auserwählt war, auf Erden Gottes Recht durchzusetzen.

An ihrer Rolle bei der Beendigung der Belagerung von Orléans zeigt sich auch, welche Wirkung sie auf die Bevölkerung hatte. Jeanne war keine Kriegerin, sie verstand nichts von taktischer Kriegsführung, jedoch war sie für die Menschen ein Symbol. Sie trug furchtlos ihre Standarte heran und machte damit den Soldaten und der belagerten Bevölkerung Mut.

Es ist durchaus möglich, dass die französischen Truppen die Belagerung auch ohne Jeanne hätten beenden können. … Aber ohne Jeannes Drängen und ihr Vorbild im Kampf wäre Orléans wohl später befreit worden. Womöglich hätten die französischen Hauptleute so lange gezögert, dass die Stadt kapituliert hätte.

Bei einer so lange zurückliegenden Lebensgeschichte widersprechen sich natürlich viele Quellen. Der Autor versäumt es jedoch nicht, die Aussagen der Zeitzeugen auch anhand ihrer eigenen Interessen zu bewerten und einzuordnen.

Nach Jeannes Gefangennahme wird sie von der gegnerischen Partei als Ketzerin angeklagt. Dieser Prozess wird sehr genau beschrieben, die damaligen Rechtsgelehrten scheinen sich große Mühe gegeben haben, Jeanne auf einer angemessenen Rechtsbasis auf den Scheiterhaufen zu bringen (…). Der Rehabilitationsprozess 25 Jahre nach ihrem Tod diente hingegen nur dazu, den inzwischen über ganz Frankreich herrschenden König vom Verdacht freizusprechen, mit einer Ketzerin im Bunde zu sein. Für ihre Gegner und Nutznießer war Jeanne also nur eine Figur auf dem politischen Schachbrett. An ihren eigenen Ziele und Überzeugungen hielt sie jedoch bis zum letzten Moment fest.

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Roman

Hervé le Tellier – Neun Tage in Lissabon

Eine der unausgesprochenen Regeln des Romans sollte sein, dass jede Tür, die im Laufe des fiktionalen Geschehens geöffnet wurde, am Ende wieder geschlossen wird. Das wäre der Akt der Höflichkeit gegenüber dem Leser, für den nichts im Dunkeln bleiben sollte. Leider lässt sich diese Regel nur sehr schlecht mit den realen Bedingungen des Lebens vereinbaren, in dem nichts so klar ist, in dem nichts hermetisch verschlossen bleibt.

Der Ich-Erzähler Vincent beschreibt einen Arbeitstrip mit seinem Kollegen Antonio. Gemeinsam sollen sie über den Prozess an einem mutmaßlichen Serienmörder berichten. In diesem Rahmen reiht der Autor eine manchmal etwas willkürliche Kaskade an Personenbeschreibungen aneinander. Zumeist sind es Frauen, die alle auf ihre Art mit Vincent und seiner Fantasie spielen. Der Leser lernt die exaltierte und faszinierende Aurora kennen, die nach einer Liebesnacht mit Vincents Kollegen Antonio ein Geigenstück und ein Gedicht vor dem Restaurant zum Besten gibt, in dem Vincent und Antonio soeben mit Irene zu Abend essen. Irene, für die Vincent eine so glühende Verehrung verspürt, dass sie ihn praktisch nur auflaufen lassen kann, um sich stattdessen mit dem sprunghaften und unzuverlässigen Antonio einzulassen. Schließlich Manuela, die erfrischend spontan als Vincents erfundene Liebschaft einspringt, um Irene eifersüchtig zu machen.

All diese spannenden Frauenfiguren lassen die Herren im Nebel versinken, lassen ihre Gefühle (oder das, was sie dafür halten) unreif und nebensächlich wirken. Die oben mit dem ersten Absatz des letzten Kapitels angedeutete Auflösung der begonnenen Lebensgeschichten geht diesen Weg konsequent zu Ende. Ein Roman mit einem interessanten Ansatz, der nicht so einfach zu fassen ist.

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Thriller

Trevanian – Shibumi

Weil ich noch einmal die Schreibweise des Namens des Autors nachschlagen wollte, habe ich mir gerade die Amazon-Webseite zum Buch geöffnet. Die Kurzbeschreibung der deutschen Übersetzung ließ mich stutzen:

Frankreich 1979: Der Berufskiller Nikolai Hel hat sich in ein Pyrenäenschloss zurückgezogen, um sein altes Leben hinter sich zu lassen. Da erhält er einen Hilferuf: Die junge Hannah ist auf der Flucht vor einer übermächtigen Geheimbehörde. Für Hel, der in ihrer Schuld steht, beginnt eine mörderische Odyssee um die halbe Welt, bei der er noch einmal seine tödlichen Fähigkeiten unter Beweis stellen muss.

Diese Beschreibung verzerrt die Wahrheit in meinen Augen schon sehr.

  1. Der Großteil des Buches spielt weder in Frankreich noch im Jahr 1979.
  2. Gefühlt mehr als die Hälfte des Buches erzählt die Lebensgeschichte von Nikolai Hel, bevor er überhaupt zum Attentäter wurde.
  3. Nikolai Hel fühlt sich nicht in Hannahs Schuld, jedenfalls nicht so sehr, dass er sich deshalb in ihre (bis hierher gescheiterten) Machenschaften involvieren würde. Erst als die Geheimbehörde Hannah tötet, entscheidet sich Nikolai Hel zum Gegenangriff.

So viel zu den unmittelbaren Fakten. Spannend an dieser Geschichte ist, dass der Protagonist bereits zu Beginn von den Vertretern der Mother Company als gefährlicher Attentäter geoutet wird. Trotzdem identifiziert sich der Leser Stück für Stück mit ihm, der Attentäter Nikolai Hel ist nicht der oder das Böse in dieser Geschichte. Der heutige Nikolai Hel ist ein sich selbst völlig beherrschender Mensch, der kaum Gefühle zeigt und seinen Verstand über alles stellt. In seiner Jugend von einem japanischen Lehrer in der Kunst des Spiels Go unterwiesen, wendet er dessen Spielprinzipien auch auf das Machtgefüge der Welt an.

Erst nach dem Ende hatte ich entdeckt, dass der Roman aus dem Jahr 1979 stammt und damit schon beinahe 40 Jahre alt ist. Der in leuchtenden Farben beschriebene Supercomputer Fat Boy gibt zwar einen Hinweis darauf, dass der Roman nicht dem 21. Jahrhundert entstammt, aber dass er schon so alt ist, hätte ich nicht erwartet. Rückblickend betrachtet hat die Art, wie die Geschichte erzählt ist, etwas James-Bond-Artiges, speziell die ausführliche Beschreibung der Höhlenexpedition von Nikolai Hel und seinem Freund Le Cagot könnte ich mir auch gut in einem James-Bond-Film vorstellen. Zu diesem Thema gab es übrigens eine sehr interessante CRE-Ausgabe.

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Roman

Bernhard Aichner – Das Nötigste über das Glück

Das Wichtigste ist, dass ich nicht sagen kann, ob das Buch das Versprechen, das der Titel macht, einhält oder nicht. Zuerst meinte ich, nein, aber vielleicht hab ich die Ebene zuerst einfach nicht gesehen? Mit dem Ende bin ich nicht einverstanden, aber vielleicht war es so nicht gemeint? Das Nötigste über das Glück: dass man den Moment genießen sollte, weil es nicht von Dauer sein kann? Oder doch? Sei es, wie es sei, Leseempfehlung. Sollte nämlich jeder für sich selbst interpretieren.

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Roman

Kristin Harmel – Solange am Himmel Sterne stehen

Ich rieche backendes Brot, sich färbendes Herbstlaub und einen schwachen Geruch von Feuer, während ich durch die Straßen gehe, und ich atme tief durch, denn es ist eine Mischung, die ich nicht gewohnt bin. Kleine Torbögen, Fahrräder, die an Steinmauern lehnen, und fast versteckte, umzäunte Gärten rufen mir in Erinnerung, dass ich an einem Ort bin, der mir fremd ist, aber irgendetwas an Paris kommt mir dennoch sehr vertraut vor.

Poetisch, mitreißend, eine Liebesgeschichte, eigentlich sogar mehr als eine, eine starke, an sich selbst zweifelnde, weibliche Heldin. Trotzdem kein dummes Frauenbuch.

Eine auch nur ansatzweise Nacherzählung würde zu weit führen, so unheimlich weit verzweigt sind die Familienverhältnisse und Geschehnisse, die die Autorin in ihrem Roman Stück für Stück enthüllt. Eine alte Frau leidet unter Alzheimer. Ihre Vergangenheit im zweiten Weltkrieg hat sie bisher für sich behalten, nicht mal ihre Enkeltochter und ihre Urenkelin wissen, dass sie einer jüdischen Familie in Paris mit polnischen Wurzeln entstammt. An einem guten Tag kehrt ihr Gedächtnis zurück und sie bittet ihre Enkelin, nach den lange vermissten Verwandten zu suchen.

Durch die ganze Geschichte weht stets der Duft von Gebäck. Zwischen den Kapiteln finden sich Rezepte für traditionelle polnisch-jüdische, aber auch muslimische Gebäckstücke, die Rose aus ihrer Zeit aus Paris mitgebracht hat. Freundschaft und Liebe entfalten sich kontinuierlich. Mit dem Aufdecken der Vergangenheit verbessert sich auch die angespannte Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Enthalten ist auch ein feinfühliges Porträt einer Jugendlichen, die unter der Scheidung ihrer Eltern leidet.

Ein nach Zimt und Zuckerguss duftender Wohlfühlroman mit ernsthaftem Hintergrund. Gut recherchiert, vielleicht eine Spur zu optimistisch, manche Wendungen vorhersehbar, aber doch so angenehm zu lesen, dass der Winter für ein paar Stunden etwas wärmer wird.

„…, du kannst nicht dein Leben lang nach allen Regeln leben und immer nur das tun, was andere Leute von dir erwarten, ohne an dich selbst zudenken, okay? Dann wachst du nämlich eines Tages mit achtzig oder so auf und begreifst, dass das Leben an dir vorbeigegangen ist.“

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Roman

Beatriz Williams – Das Meer der Zeit

Dem Aufkleber nach habe ich diese Schnulzengeschichte in meiner lokalen Buchhandlung gekauft. Ich muss entweder einen extrem schwachen Moment gehabt haben oder mir hatte einfach nur der Titel gefallen. Der Titel der amerikanischen Originalausgabe sagt deutlich weniger aus (normalerweise kennen wir das von eingedeutschten Filmtiteln): Overseas.

Die Kurzzusammenfassung: die toughe Investmentbankerin Kate läuft dem Hedgefonds-Magnaten Julian Laurence über den Weg, es ist für beide Liebe auf den ersten Blick. Bis die beiden überhaupt zusammen kommen, ergeben sich einige Hürden und als die Beziehung schließlich zustande kommt, stellt sich heraus: Julian ist aus einer anderen Zeit, er starb im Jahr 1916 in Amiens in Frankreich im Krieg und starb doch nicht, sondern wachte im heutigen New York auf. Obwohl Julian seine altmodischen Wertvorstellungen zurückstellt, kämpft Kate nach ihrem Jobverlust mit ihrem Wert und will nicht das Püppchen an der Seite ihres reichen Mannes sein. (Ich langweile mich, während ich das schreibe …)

Die wirkliche Kurzzusammenfassung: Traditionelle Liebesgeschichte, gewürzt mit ein bißchen unerklärlicher Zeitreise.

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Roman Theaterstück

Michel Houellebecq – Karte und Gebiet

Noch nie hatte er etwas so Herrliches gesehen, das so reich an Emotionen und Sinn war wie diese Michelin-Karte der Departements Creuse und Haute-Vienne im Maßstab 1:150.000. Die Quintessenz der Moderne, der wissenschaftlichen und technischen Erfassung der Welt, war hier mit der Quintessenz animalischen Lebens verschmolzen. Die grafische Darstellung war komplex und schön, von absoluter Klarheit, und verwendete nur eine begrenzte Palette von Farben.

Im Jänner dieses Jahres war ich mit Freunden in der Garage X im Theaterstück „Karte und Gebiet“, das auf diesem Roman beruht. Der Vorschlag kam von Freundin K. Eigentlich hatte ich im Anschluss zeitnah das Buch lesen wollen, natürlich dauerte es dann doch wieder einige Monate. Einerseits kam immer wieder irgendein anderes Buch dazwischen, andererseits habe ich dann auch mehrere Wochen gebraucht, bis ich mit diesem Monumentalwerk durch war.

Der Kontrast war frappierend: Während auf dem Satellitenfoto nur eine Suppe aus mit verschwommenen bläulichen Flecken übersäten, mehr oder weniger einheitlichen Grüntönen zu erkennen war, zeigte die Karte ein faszinierendes Netz von Landstraßen, landschaftlich schönen Strecken, Aussichtspunkten, Wäldern, Seen und Pässen. Über den beiden Fotos stand in schwarzen Lettern der Titel der Ausstellung: „Die Karte ist interessanter als das Gebiet.“

Der Roman beschreibt das Leben des Künstlers Jed Martin. Für seinen Ausstellungskatalog braucht er ein Vorwort und sein Galerist schlägt den Autor Michel Houellebecq vor. Der Autor lässt sich also in seinem eigenen Buch auftreten. Man darf spekulieren, dass es sich um eine Kunstfigur handelt, die allgemein den Typus eines gealterten, desillusionierten Autors darstellt. Oder man versteht es als eine Persiflage der Autorenschaft im Allgemeinen.

„Jed Martin hat zwischen der mystischen Vereinigung mit der Welt und der rationalen Theologie seine Wahl getroffen. Er hat vielleicht als Erster in der westlichen Kunst seit den großen Malern der Renaissance den nächtlichen Versuchungen der Hildegard von Bingen die schwierigen, aber klaren Lehren des ,stummen Ochsen’, wie Thomas von Aquin von seinen Mitschülern an der Kölner Klosterschule genannt wurde, vorgezogen. Auch wenn diese Wahl natürlich anfechtbar ist, steht die hohe Gesinnung, die sie impliziert, außer Zweifel.…“

Das obige Zitat aus einem von Jeds Ausstellungskatalogen gibt gut wieder, wieso der Roman streckenweise schwer zu lesen ist. Seitenlang ergeht sich der reale Autor in Detailbeschreibungen von Architektur (Jeds Vater war als Architekt tätig, sein Erfolg in jungen Jahren mündete jedoch in den Bau von Standard-Ferienwohnanlagen und ein vereinsamtes Ende in einem Euthanasieressort in der Schweiz), Kunst und Schriftstellertum. Jeds Werke unterschiedlicher Gattung werden ausführlich beschrieben, gerade die Verbindung der unterschiedlichen Medien bei den Michelin-Karten oder auch bei Jeds Spätwerken wird zu einer künstlerischen Höchstleistung stilisiert.

„Auch wir sind Produkte“, fuhr er fort, „kulturelle Produkte. Auch wir sind eines Tages überholt. Dieser Prozess spielt sich auf die gleiche Weise an – nur mit dem Unterschied, dass es bei uns im Allgemeinen keine eindeutige technische oder funktionale Verbesserung gibt; nur die Forderung nach Neuheit bleibt, und zwar im Reinbestand.

Zu Beginn hat mich der Roman schon an das im Theater Erlebte erinnert, der Besuch lag inzwischen schon einige Zeit zurück, aber Jeds Entwicklung – vor allem seine Beziehung zu Olga – und das gespaltene Verhältnis zu seinem Vater waren mir in Erinnerung geblieben. Die Geschichte fühlte sich wie ein alter Freund an.

Ein Menschenleben ist im Allgemeinen nur eine Kleinigkeit, es lässt sich in wenigen Ereignissen zusammenfassen, und diesmal hatte Jed die Verbitterung und die verlorenen Jahre, den Krebs und den Stress und auch den Selbstmord seiner Mutter wirklich begriffen.

Und doch ist mir ein Rätsel, wie ein Regisseur glauben konnte, diesen Roman auf die Bühne bringen zu können. Gerade der letzte Teil, in dem der fiktive Autor Houellebecq von einem Mörder bizarr niedergemetzelt wird, wurde auf der Bühne sehr abgehoben dargestellt. Wofür im Roman nicht mit Worten gespart wurde, musste auf der Bühne zwangsweise verkürzt präsentiert werden.

Vielleicht macht sich der reale Autor Houellebecq einfach über das ganze Kunst-Business lustig. Jed steht zwischen seinem kapitalistischen Vater und dem fiktiven Autor Houellebecq, der die Kunst (und deren Verfall) symbolisiert. Und mit dem teuren Verkauf seiner Bilder verbindet Jed schließlich beides. Und gerät deshalb in eine Identitätskrise? Im letzten Teil des Buches wird Jed zum Einsiedler, wie es der fiktive Autor in seiner Zeit in Irland ebenso war. Bleibt dem Künstler nur die Einsamkeit, um wirklich herausragende Kunst schaffen zu können? Das Bild „Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf“, an dem Jed scheitert und daraufhin mit dem Porträt des fiktiven Autors seine Porträtserie beendet, kann ebenso als Persiflage des „kulturellen Produkts“ an sich verstanden werden.

… die Welt war alles andere als ein Gegenstand künstlerischer Emotionen, die Welt stellte sich eindeutig als ein rationaler Bezugsrahmen ohne jede Magie und ohne besonderes Interesse dar.