James Dashner – The Death Cure

But let me ask you this – are you telling me that the lives of a few aren’t worth losing to save countless more?

Im dritten Teil der Maze-Runner-Serie sind Janson und seine Komplizen von WICKED fest davon überzeugt, dass die einzige Chance, um eine Behandlung für das tödliche Flare-Virus zu entwickeln und damit das Überleben der Menschheit zu sichern, im Vollzug des Experiments liegt. Thomas, Minho und Newt weigern sich jedoch, die Operation vornehmen zu lassen, die ihnen ihre Erinnerungen zurückgeben soll. Es gelingt ihnen, zu fliehen und sich nach Denver durchzuschlagen. Denver erscheint zuerst als sichere Stadt, Einwohner und Besucher werden akribisch auf die Krankheit getestet und doch gibt es immer wieder Fälle der tödlichen Krankheit.

He almost wanted to laugh at the irony. They had made him a killer … to save people?

Thomas wird mit den schwersten Entscheidungen konfrontiert, die ein Mensch treffen kann. Ist es gerechtfertigt, einen Freund zu töten, um ihn von seinem Leid zu erlösen? Ist es wert, das Leben eines Einzigen zu opfern, um damit (möglicherweise) viele zu retten? Diese essentiellen Fragen gehen zwar beinahe im Chaos der untergehenden Welt verloren, bleiben aber doch länger im Gedächtnis hängen.

Etgar Keret – Die sieben guten Jahre

Wenn ich versuche, die Gutenachtgeschichten zu rekonstruieren, die mir mein Vater vor Jahren erzählt hat, wird mir klar, dass sie mir über ihre faszinierenden Handlungsverläufe hinaus etwas haben beibringen sollen. Etwas über das fast schon verzweifelte menschliche Bedürfnis, das Gute auch noch an den unwahrscheinlichsten Orten zu finden. Etwas über die Sehnsucht, nicht etwa die Wirklichkeit schöner zu machen, sondern nicht darin nachzulassen, nach einer Perspektive zu suchen, die die Hässlichkeit in besserem Licht erscheinen lässt und Zuneigung und Mitleid weckt für jede Warze und Falte auf ihrem vernarbten Gesicht.

Etgar Keret wurde mir damals empfohlen und seine absurden Geschichten haben mir großen Spaß gemacht. In seinem aktuellen Buch sind die Geschichten (teilweise) weniger absurd, aber dafür umso persönlicher. Er schreibt über seine Beziehungen zu seiner Frau, zu seinem Vater, zu seinem Sohn, zu anderen Familienmitgliedern. Auch Taxifahrer spielen immer wieder eine Rolle. Er lässt seine durchwegs positive Lebenseinstellung durchblicken und gibt zwischen den Zeilen Tipps, wie man im Leben besser (oder schlechter) zurecht kommt, wie man Menschen begegnen kann, die anders sind als man selbst, wie man tolerant durchs Leben gehen kann, ohne sich selbst zu verleugnen. Lebenshilfe in einer Form, wie wir sie alle brauchen können.

Clay Byars – Will and I

The zygote is what we call the cell created by the sperm and egg, when they join. So, it’s postfertilization. It divides, in the case of twins, but before it divides, it exists there in the womb as an entity, the original zygote, the product of the man and the woman. There was a moment before Will and I split apart that we were literally one being.

Immer wieder spült mir Lithub interessante Bücher entgegen, der Artikel ist schon beinahe ein Jahr alt. Ich hatte das Buch zuerst auf der Liste, dann in einem Einkaufsschub für den Kindle gekauft und bei meiner letzten Reise begonnen.

Clay Byars beschreibt in seiner autobiographischen Erzählung, wie er sich nach einem schweren Unfall Stück für Stück ins Leben zurückkämpfen musste. Alle Beziehungen, die er vor dem Unfall hatte – seine Eltern, sein Zwillingsbruder Will, seine Schwester, seine Freunde – sind von seinem neuen Leben mit Behinderung beeinflusst.

I don’t know what I wrote that night, but I know that it was the beginning of a new life, one in which I would no longer try to talk myself out of reality.

Er beschreibt aber nicht nur seine Transformation sondern auch, was ihm dabei geholfen hat: das Schreiben. Die schreibende Auseinandersetzung – eine Tätigkeit, die er trotz seiner körperlichen Einschränkungen ohne Hilfe ausüben konnte – hilft ihm, das Trauma zu verarbeiten.

Our twinship wasn’t broken, but it was redefined, physically and in ways that were harder to pin down.

Einen wichtigen Punkt bildet auch die Auseinandersetzung mit seinem Bruder. Vor seinem Unfall waren sich die beiden in vielen Punkten ähnlich, lebten ein überschaubar ähnliches Leben mit Schule und Freunden. Nach dem Unfall lebte Will dieses Leben weiter, während Clay damit beschäftigt war, sein Leben neu zu erlernen. Zwischen den Zeilen schwingt immer wieder die Frage mit, was gewesen wäre, wenn nicht er selbst sondern sein Bruder in diesem Unfall beinahe getötet worden wäre. Eine Frage, die letztendlich nicht beantwortet werden kann.

Silvia Bovenschen – Nur Mut

„Du musst dich ständig gestalten und umbauen und dabei kontrollieren, ob dein Selbstentwurf noch auf der Höhe aktueller Vorgaben ist. Du musst permanent darüber nachdenken, was du bist und wie du bist und wie du sein könntest, bis du im Zuge dessen gar nicht mehr dazu kommst, zu sein.“

Vier alte Damen, eine verwirrte Jugendliche und ihr Verehrer in einer Villa. Konfliktpotenzial ist ausreichend vorhanden. Interessant sind hauptsächlich die Probleme und die sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten der vier Damen, die kaum etwas gemeinsam haben außer dem Alter. Jede hat ihr Kreuz zu tragen und geht damit auf ihre eigene Weise um. Das geht mehr oder weniger gut, bis es programmgemäß zum Eklat kommen muss.

„Heiliger Bimbam“, sagte Nadine. (Das war auch nicht besser – so etwas sagte man in den fünfziger Jahren, wenn ein Kompottschüsselchen heruntergefallen war.)

Die Dialoge sind spritzig verfasst, es beeindruckt, mit welcher Leichtigkeit die Autorin sowohl die Jugendsprache der desinteressierten Dörte als auch die unterschiedlichen Altersperspektiven der vier Damen einzufangen weiß.

„Vor diesem Schlag war ich ein planendes Wesen. Mit diesem Schlag habe ich mich verbraucht. Nach diesem Schlag werde ich mich für eine sehr kleine Zeit in der neuen Eigenliebe wärmen. Mein Leben hat keine Richtung mehr. Es gibt kein Ziel mehr. Es gibt nichts mehr zu tun. Jetzt bin ich für andere nur noch gefährlich.“

Auf die Katastrophe folgt eine fantastische Episode, die das vorangegangene Gefühl, ein Theaterstück zu lesen, zerstört. Noch während die vier Damen den Salon verwüsten, kann sich der Leser vorstellen, dieses Stück mit Erni Mangold (in der Rolle der Nadine?) in der Josefstadt auf der Bühne zu sehen. Die Rahmenhandlung erscheint mir allerdings nur als halbherzige Rechtfertigung der fantastischen Episode, in der die Lebensfehler der Damen auf den Punkt gebracht werden. Ein unterhaltsames Lehrstück über das Alter mit der Botschaft zwischen den Zeilen: Du wirst eher die Dinge bereuen, die du nicht getan hast, als die, die du getan hast.

A. M. Homes – This book will save your life

Anhil spread his assortment of dishes across the counter. “People should pay more attention. Everyone wants attention, but no one wants to give attention.”

Ein Zufallsgriff in der Bücherei. Aus meiner Liste war nichts verfügbar (ich muss mich endlich mal zusammennehmen und nach dem Hungerkünstler fragen), nach etwas uninspiriertem Regal-Hopping griff ich dann zu diesem Buch und suchte das Weite.

“You can’t escape yourself,” Nic says. “Everyone has a history.”

Richard ist reich, einsam und gelangweilt. Plötzlich fühlt er unerträglichen Schmerz, der sich jedoch weder lokalisieren noch auf irgendeine Erkrankung zurückführen lässt. Dieser Schmerz reißt ihn aus seiner durchorganisierten Routine (die Ernährungsberaterin bringt seine ausgewogenen Mahlzeiten, die Personal Trainerin beaufsichtigt seine Fitness, die Haushälterin Cecilia kümmert sich um das Haus, und so weiter). Stück für Stück weicht Richard von den gewohnten Pfaden ab. Den im ersten Zitat oben erwähnten Anhil lernt Richard im Donut Shop kennen, den Anhil betreibt. Er ist nur der Erste von vielen Menschen, die Richards Leben in den kommenden Wochen entscheidend verändern wird.

Natürlich ist Richard ein durch und durch privilegierter Mensch. Er hat keinerlei Geldsorgen und wirft bis zum Ende nur so mit Scheinen um sich. Ich hatte eigentlich erwartet, dass er bankrott geht und dadurch dann geläutert wird. Aber das wäre vielleicht zu plakativ gewesen. Obwohl Richard zu Beginn scheinbar alles hat, hat er in Wirklichkeit nichts. Am Ende jedoch hat er Menschen gefunden, die ihm wichtig sind, die Beziehung zu seinem Sohn wieder aufgenommen, einen Lebensinhalt gefunden.

“History changes, you can’t hold on to anything.”

Ein Roman über den Sinn des Lebens, allerdings ausreichend hintergründig versteckt, so dass man sich nicht ständig an mit dem Holzhammer ausgeteilten Lebensweisheiten aufreibt.

Silvia Bovenschen – Sarahs Gesetz

Sarahs Leben, mein Leben, unser Leben in memoriam, in der Abfolge einzelner Ereignisse schier unendlich, aufs Ganze, ein Wimpernschlag nur.

Es handelt sich um ein sehr persönliches Buch. Meine Kategorisierung unter Erfahrungsbericht will vom Gefühl her nicht ganz passen, aber da die Autorin ihr Leben mit und die Geschichte ihrer Freundin Sarah erzählt, handelt es sich um eine wahre Geschichte. Die Erzählung in kurzen Kapiteln, Erinnerungen, wie man sie im Gespräch mal schnell erzählt, passt sehr gut zu dieser sehr persönlichen Geschichte.

Die Autorin selbst leidet seit ihrer Jugend an Multipler Sklerose. Mit zunehmendem Alter kann sie den Alltag nicht mehr allein bewältigen, der Zusammenzug mit der Freundin ist bereits geplant, muss jedoch aus gesundheitlichen Gründen früher stattfinden. Die pflegerischen Tätigkeiten, die ihre Freundin zweifellos auch übernommen hat sowie die Auswirkungen der Krankheit auf das gemeinsame Leben werden nur am Rande gestreift.

Viel mehr fokussiert die Autorin auf die Geschichte ihrer Freundin: was hat sie zu dem Menschen gemacht, der sie heute ist? Die Kindheit, die früh zerbrochene Beziehung zu den Eltern, die frühe Auseinandersetzung mit Kunst, die lebenslange Beschäftigung mit künstlerischen Themen, die Erfolge und auch die gescheiterten Projekte. All diese kleinen Puzzleteile machen die Persönlichkeit der Freundin aus. Es ist keine Verherrlichung ihrer Person, sondern ein ehrliches Portrait, das auch ihre Ecken und Kanten zeigt.

Die Autorin erwähnt auch, dass sie selbst Europa niemals verlassen hat. Obwohl die Freundin oft auf Auslandsreisen ging, um neue Erfahrungen zu machen, künstlerische Inspiration zu finden, Studien zu betreiben, hat sie selbst kaum das Bedürfnis, die Welt zu bereisen. Mit dieser Lebenseinstellung kann ich inzwischen auch etwas anfangen. Die Erkenntnis, dass es nicht möglich sein wird (und unfassbar anstrengend wäre), die ganze Welt zu bereisen und gleichzeitig in der Heimat verwurzelt zu sein und ehrliche, lang andauernde Freundschaften zu pflegen, hat es mir leichter gemacht, zu akzeptieren, dass ich viele Teile der Welt nur in Fernsehdokumentationen sehen werde.

Wer in die Fremde geht, will sich bereichern, er will reicher werden, schlimmstenfalls reicher an Bodenschätzen, bestenfalls reicher an Eindrücken, an Wissen, an Erfahrung, zuweilen gibt es auch die Empfehlung, in die Fremde zu gehen, um sich selbst kennenzulernen: Alternativtourismus mit therapeutischer Effizienz.

Im letzten Teil des Buches hat die Autorin Texte versammelt, die sie für Ausstellungskataloge der Künstlerin Sarah Schumann verfasst hat. Diese haben mir wieder mal eindeutig klar gemacht, dass ich von Kunst absolut gar nichts verstehe. In einem Text über die Porträts ihrer Freundin schreibt sie etwa:

Aber diese visuelle Wahrhaftigkeit ist nicht justiert. Sie markiert in ihrem Wechsel zwischen überscharfer Kontur und Schemenhaftigkeit unsere heiklen Versuche, einen Menschen in seiner Einzigartigkeit zu vergegenwärtigen, immer changierend zwischen innerer Gewissheit und unfassbarer Flüchtigkeit.

Natürlich ist mir die Bedeutung der einzelnen Worte klar, aber die Zusammensetzung will für mich selbst beim Betrachten eines Bildes der Künstlerin absolut keinen Sinn ergeben. Muss man Kunst erst studieren oder sich zumindest lebenslang damit beschäftigen, um einen Zugang dazu finden zu können? Wird man mit einem künstlerischen Mindset geboren oder lernt Mensch das im Laufe seiner Kindheit und Jugend bzw. eigentlich seines ganzen Lebens? Kann man Künstler werden oder wird man als Künstler geboren?

Ellen Sussmann – An einem Tag in Paris

Dieser Roman beschreibt den lebensverändernden Tag von drei Privatlehrern und ihren Schülern in Paris. Alle Schüler sind mit ihrem Leben unzufrieden, manche haben dazu mehr Grund, andere weniger. Durch gefinkeltes Lenken ihrer Figuren gelingt es der Autorin, alle Personen am Ende des Tages am selben Ort zusammenzubringen, wo sie sich jedoch nicht begegnen und doch irgendwie zusammen sind. Angenehm plätschernde Unterhaltungsliteratur mit nicht völlig belangloser Geschichte.

Milan Kundera – Das Fest der Bedeutungslosigkeit

Jetzt erscheint mir die Bedeutungslosigkeit in einem ganz anderen Licht als damals, die Bedeutungslosigkeit, mein Freund, ist die Essenz der Existenz. Sie ist überall und immer bei uns. Sie ist sogar dort gegenwärtig, wo niemand sie sehen will: in den Gräueln, in den blutigen Kämpfen, im schlimmsten Unglück.

Auf eine sehr schräge Art stellt auch dieser Roman die Frage nach dem Sinn des Lebens. Milan Kundera beschreibt eine Reihe von Begegnungen, die per definitionem bedeutungslos sind, aber eben das normale Leben ausmachen. Metaphorisches Beispiel dafür ist etwa die Jagd nach einer durch die Luft wirbelnden Feder, die ein Rudel an Partygästen mehrere Minuten lang bedeutungslos in die Luft starren lässt.

Aber es geht nicht nur darum, sie zu erkennen, man muss sie lieben, die Bedeutungslosigkeit, man muss lernen, sie zu lieben.

Das (relativ plakative) Fazit: wenn wir den einzelnen Momenten des Lebens zu viel Bedeutung beimessen, hindert uns das daran, unser Leben in seiner ganzen Bedeutungslosigkeit zu genießen.

Atmen Sie, D’Ardelo, mein Freund, atmen Sie diese Bedeutungslosigkeit ein, die uns umgibt, sie ist der Schlüssel zur Weisheit, sie ist der Schlüssel zur guten Laune.

Reading Challenge: A book with bad reviews

NZZ

Goodreads

Pia Ziefle – Länger als sonst ist nicht für immer

Der Weg in die Küche wurde ihm zu weit, und die wenigen Minuten, die er warten musste, bis der Kaffee gebrüht war, erschienen ihm wie Verschwendung. Was man tun könnte in vier oder fünf Minuten! Zeitung lesen, aufs Klo gehen, die schmutzigen Tassen vom Vorabend auswaschen, die Weingläser kurz mit dem Tuch polieren, wo war noch mal das Tuch? In der Wäsche, unten im Keller, das dauerte zu lange, um innerhalb des Zeitfensters wieder zurück zu sein – und dann stand einer da und starrte zum Fenster hinaus, und hinter ihm türmten sich die Möglichkeiten, versammelten sich die verpassten Chancen, und er scheiterte sogar daran, vier oder fünf Minuten sinnvoll zu nutzen. Wie sollte er da eine halbe Stunde bewältigen oder eine ganze oder gar einen Tag?

Die Autorin erzählt in dieser Geschichte von zwei Familien, der gemeinsame Strang sind die verlassenen Kinder. Die Brüder Lew und Manuel wurden von ihren Eltern zurückgelassen. Als Lew als Erwachsener die Nachricht vom Tod seiner Mutter erhält, entscheidet er sich, den Vater in Indien zu besuchen, um die Wahrheit herauszufinden. In vielen Rückblenden wird Stück für Stück aufgelöst, was damals geschah. Vieles bleibt aber auch im Dunkeln. Der zweite Erzählstrang erzählt die Geschichte von Ira und ihrer bunt zusammen gewürfelten Familie. Evi in der Bäckerei, der von seiner Mutter verlassene Fido, der mit seinem Großvater Tadija aus der Heimat nach Deutschland gekommen ist.

Obwohl sich die Geschichte mit komplizierten und schwierigen Familienverhältnissen auseinandersetzt, ist sie in einem völlig unaufgeregten Ton geschrieben, als wäre es ein Märchen oder etwas, was vor langer Zeit passiert wäre, woran sich kaum jemand mehr erinnert. Die Wunden sind verheilt und sind es doch nicht und vielleicht ist es das, was mich nicht richtig reinrutschen hat lassen in diese Lebenswelt. Seltsam distanziert fühlte mich mich beim Lesen.

Die Dinge entscheiden sich von ganz allein, wenn man ihnen nur genügend Zeit lässt.

Reading Challenge: A book recommended by a friend

Empfohlen von der Kaltmamsell. Wir sind nicht direkt befreundet, aber ich lese ihren Blog schon so lange, dass es sich so anfühlt.

Halbzeit: Im ersten Halbjahr 2015 habe ich 20 Bücher geschafft. Zum Vergleich habe ich mir die Statistik des Jahres 2013 angeschaut. Da hatte ich im ersten Halbjahr 27 Bücher gelesen, deutlich mehr als im zweiten Halbjahr, wo es nur 20 waren. Aber ich gebe nicht auf und habe bereits viele weitere Bücher für die Reading Challenge ausgesucht und geplant. Und kürzlich habe ich mich ernsthaft gefragt, wie ich eigentlich sonst die Bücher ausgesucht habe, die ich lesen möchte. Die Reading Challenge verändert die Lesegewohnheiten und erweitert den Horizont.

T. C. Boyle – América

Und worum ging es bei alledem? Um Arbeit, sonst nichts. Um das Recht zu arbeiten, einen Job zu haben, sich das tägliche Brot und ein Dach über dem Kopf zu verdienen. Er wurde zum Verbrecher allein dadurch, dass er es wagte, das ebenfalls zu wollen, und für das schlichte menschliche Existenzminimum alles auf Spiel setzte, und jetzt verwehrten sie ihm sogar das noch. Es stank zum Himmel. Wirklich.

Mit T. C. Boyle kann man eigentlich nie etwas falsch machen, alle seine Bücher (Die Frauen, Drop City, Dr. Sex) haben mich in der Vergangenheit gut unterhalten. Erstaunlich ist auch die Themenvielfalt, es geht immer um völlig unterschiedliche Gesellschaften und Lebenswelten.

In América stellt der Autor zwei dieser Lebenswelten einander gegenüber. In Südkalifornien lebt der Schriftsteller Delaney Mossbacher mit seiner Frau Kyra und seinem Sohn in einer reichen Wohngegend, Kyra arbeitet als Immobilienmaklerin, die Familie ist wohlhabend. Den Gegenpart bilden Cándido und América, die illegal aus Mexiko nach Kalifornien geflüchtet sind, um sich hier ein neues Leben aufzubauen. In ihrer Heimat gibt es keine Arbeitsplätze, keine Perspektiven, keine Chancen.

Schonungslos stellt der Autor diese beiden Existenzen einander gegenüber. Beide Familien müssen einen Schicksalsschlag nach dem anderen hinnehmen, nur wiegt jeder Rückschlag für Cándido und América tausend Mal schwerer. Das mühsam ersparte Geld wird ihnen geraubt, wieder müssen sie von vorne anfangen mit dem Traum einer kleinen Wohnung und einem geregelten Arbeitsleben. Trotz eines hohen Zauns um ihr Grundstück (an dessen Errichtung Cándido mitarbeitet) werden innerhalb weniger Wochen beide Hunde der Mossbachers Opfer eines Kojoten. Während Delanay sich zu Beginn gegen die Mauer stellt, die seine Nachbarn um die reiche Wohngegend bauen wollen, lässt er sich Stück für Stück von seinem Freund Jack vereinnahmen und wird schließlich zum erbitterten Gegner der Einwanderer.

Als ich am Abend in einem Café die letzten Seiten lese, spricht mich der Kellner darauf an und möchte wissen, wie es mir gefällt. Er hat es selbst vor Kurzem gelesen, es wurde 2013 im Rahmen der Aktion EineStadt.EinBuch ausgegeben. Er meint, es hätte ihm gut gefallen, nur die Thematik wäre ja bei uns in Österreich nicht in diesem Sinne aktuell. Meine spontane Reaktion war, es könnte nicht aktueller sein, denn viele Flüchtlinge und Asylwerber sind in ähnlichen Situationen wie Cándido und América.

Bei all den politischen Querelen darüber, welches Bundesland und welche Gemeinde die Asylquote erfüllt und ob es angebracht ist, die Flüchtlinge in Zeltlagern einzuquartieren anstatt im überfüllten Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen und vielen anderen natürlich wichtigen Themen, wird immer wieder vergessen, dass es hier um Menschen geht, die ihre Heimat verlassen MUSSTEN. Niemand nimmt leichtfertig das Risiko auf sich, in einem offenen Schlauchboot über das Mittelmeer zu reisen, keine Mutter und kein Vater würden ihre Kinder so einem Risiko aussetzen, wenn sie nicht absolut überzeugt wären, dass es die einzige Chance für sie ist. Es geht um Menschen, die sich nur ein besseres Leben wünschen und die meisten von ihnen wären vermutlich mit wesentlich weniger zufrieden als der durchschnittliche Österreicher hat. Sie suchen Sicherheit und Arbeit, sie suchen Hoffnung auf ein besseres Leben. Dass es in unserem Land Abgeordnete gibt, die sich diesem Streben mit Gewehrläufen und Mistgabeln in den Weg stellen wollen, ist erbärmlich. Man kann unsere Politiker nicht oft genug daran erinnern, darüber nachzudenken, was sie sich für ihre Kinder wünschen würden, wenn diese aus ihrer Heimat flüchten müssten.

Reading Challenge: A book with a one-word title