Categories
English Krimi Roman

Louise Penny – The Cruelest Month

CN dieses Buch: Krankheit, Sterben, Tod, Mord
CN dieser Post: Mord


Gamache knew people were like homes. Some were cheerful and bright, some gloomy. Some could look good on the outside but feel wretched on the interior. And some of the least attractive homes, from the outside, were kindly and warm inside.
He also knew the first few rooms were for public consumption. It was only in going deeper that he’d find the reality. And finally, inevitably, there was the last room, the one we keep locked, and bolted and barred, even from ourselves. Especially from ourselves.

Der dritte Kriminalroman im beschaulichen Städtchen Three Pines zählt zu seinen wichtigsten Protagonist*innen unter anderem das Haus, das bereits in den ersten beiden Geschichten eine wichtige Rolle spielte. Daher war es mir wichtig, die Hausmetapher aus dem obigen Zitat zu notieren. Die Suche nach der Person, die für den Mord verantwortlich ist, erfordert diesmal ein Eindringen in diese persönlichen Räume, die wir vor allen anderen und oft auch vor uns selbst verstecken.

Eine zweite längere Notiz habe ich gemacht über ein Gespräch das Inspektor Gamache mit der Buchhändlerin und früheren Psychologin Myrna führt. Sie erklärt ihm dabei das Konzept des near enemy (deutsch: naher Feind). Damit sind Begrifflichkeiten gemeint, die sich zwar in Aspekten nahe stehen, aber doch grundlegend verschieden sind. Es geht dabei aber eben nicht um Gegensätze wie hell und dunkel oder laut und leise. Sondern um Begrifflichkeiten aus dem emotionalen Bereich, die im Verhalten der Menschen auch ähnlich aussehen können, aber eben unterschiedliche Auswirkungen haben. Es sollte aus den drei Bespielen, die Myrna gibt, klarer werden:

  • Pity / Compassion: Mit dem englischen Begriff Compassion habe ich immer noch meine Schwierigkeiten, weil mir dafür kein passendes deutsches Wort einfällt. Am ehesten lässt sich diese Unterscheidung vermutlich mit den deutschen Begriffen Mitleid und Mitgefühl verdeutlichen. Wer Mitgefühl empfindet für eine andere Person, für den steht diese Person auf derselben Stufe, wir fühlen uns ihr ebenbürtig. Mitleid hingegen empfinden wir für Menschen, die wir als unter uns stehend betrachten. Wir halten uns für besser.
  • Attachment / Love: Hier erzählt Myrna als klassisches Beispiel von elterlicher Liebe. Eltern wollen ihre Kinder darauf vorbereiten, dass sie allein in der Welt klar kommen und das Beste aus ihrem Leben machen können. Das Gegenbeispiel sind Eltern, die an ihren Kindern hängen, die versuchen, ihre Kinder an sich zu binden, anstatt ihnen die Freiheit zu geben, für sich selbst zu entscheiden.
  • Indifference / Equanimity: Equanimity scheint auch ein Begriff zu sein, für den es keine eindeutige deutsche Übersetzung gibt. Während sich Indifference in meinen Augen ziemlich mit dem deutschen Begriff Gleichgültigkeit deckt, zeigt mir das Wörterbuch für Equanimity die Begriffe Gleichmut oder Gelassenheit, die zu Myrnas Erklärung im Buch nicht recht passen wollen. Ihre Argumentation beruht darauf, dass es Menschen gibt, die selbst die schwersten Schicksalsschläge überwinden. Sie sind nicht gleichgültig, aber sie haben einen inneren Kern, an dem sie sich festhalten können und der sie weitermachen lässt. Es ist keine Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben oder den Ereignissen, die ihnen diese Kraft gibt, sondern eine Art Glaube an die Zukunft.

Es ist eine sehr spezielle Art von Krimi, die die Autorin ins Leben gerufen hat. Mir gefällt das gerade sehr gut.

Categories
English Krimi Roman

Louise Penny – A Fatal Grace

CN dieses Buch: Mord
CN dieser Post: Mord


It starts with our beliefs, and our beliefs come from our parents, and if we have a sick parent we have sick beliefs and it infects everything we think and do.

Der erste Teil der Reihe hat mir ja sehr gut gefallen. Jetzt überlege ich, wieviel Abstand ich zwischen den einzelnen Romanen lassen sollte, damit sich nicht zu schnell ein Gewohnheitseffekt einstellt.

Tatsächlich ist die Gefahr aber eher gering, denn in diesem Buch ist die Aufdeckung des Mörders*der Mörderin noch komplexer als im ersten Teil. Genauso der Mord selbst. Verbindungen werden Stück für Stück aufgedeckt und es ergeben sich viele überraschende Wendungen.

Was die Geschichte auch noch zusätzlich interessant macht, ist der interne Spionagefall im Team der Ermittler*innen. Die Hinweise auf einen Fall, der sich VOR dem ersten Roman abgespielt hat, jedoch Folgen hat, die sich auf das aktuelle Team auswirken, lassen eine längerfristige Hintergrundgeschichte erahnen, die sich wie in einer TV-Serie über mehrere Staffeln Romane lang entwickelt.

Ein weiteres interessantes Detail: Auch oder gerade die oberflächlich negativ gezeichneten Personen erhalten eine Hintergrundgeschichte und Gefühle, die ihre Handlungen zwar nicht verzeihlich machen, aber zumindest in den Bereich des Nachvollziehbaren rücken. Eine besondere Kunst, die die Autorin hoffentlich in den weiteren Romanen noch weiter perfektioniert.

Finally, someone cared for her. […] The thought had warmed her and sent her off to sleep wrapped in the promise of belonging, of finally taking a seat in the living room.

Categories
English Krimi Roman

Louise Penny – Still Life

CN dieses Buch: Mord
CN dieser Post: Mord


When the prayer stick got back to Myrna she offered it to the Golden Retriever. For the first time in a week, since Jane had died, Clara saw Lucy’s tail wag. Once. She gently took the stick in her teeth. And held it there. Her tail gave another tentative wag.

Die Aussicht auf eine Reihe von aktuell 17 Büchern hat mich zu dem Zeitpunkt irgendwie gerade angesprochen. Bekannte Charaktere für eine längere Zeit lang um sich zu haben, hat definitiv etwas für sich. Und was für Charaktere die Autorin hier erschaffen hat … sowohl das Team der Kriminalist*innen, als auch jede*r einzelne Dorfbewohner*in wird als Persönlichkeit mit Stärken und Schwächen, Träumen und Ängsten gezeigt. Für den zweiten Teil stehe ich auf der Warteliste.

Categories
Roman

Leni Zumas – Red Clocks

All the doors have closed.

The ones, at least, she tried to open.

Die Autorin beschreibt in diesem Roman 4 Frauen, die sich auf die eine oder andere Weise mit dem Kinder wollen, bekommen, nicht bekommen wollen oder haben auseinandersetzen. Das Buch erzählt aus diesen unterschiedlichen Perspektiven und spart dabei auch nicht aus, wie sich die 4 Frauen gegenseitig betrachten und be- oder verurteilen.

Eine Single-Frau über 40, die sich verzweifelt ein Kind wünscht, aber erfährt, dass sie an einer Krankheit leidet, die es für sie nahezu unmöglich macht, ohne IVF ein Kind zu empfangen. Eine Frau, die zwei Kinder hat und unter der Last ihrer lieblosen Ehe zu zerbrechen droht. Schon allein diese Kombination bietet Konfliktpotential. Die Frau, die bereits Kinder hat, wünscht sich nichts sehnlicher als Zeit für sich selbst, Zeit, in der sie sich auf sich selbst konzentrieren kann. Das dringende Streben einer kinderlosen Frau, die genau diese Möglichkeit hat, erscheint ihr unsinnig, wenn nicht sogar falsch. Warum seine Freiheit aufgeben, um sein Leben der Kinderaufzucht zu widmen? Auch die Frage, ob ein Kind zwei Elternteile haben sollte, ob das Streben einer alleinstehenden Frau nach einem Kind überhaupt moralisch vertretbar ist, wird intensiv untersucht.

Ein junges Mädchen wird schwanger und kurz darauf von ihrem Freund verlassen. Ihren Eltern will sie nichts erzählen, das Kind möchte sie nicht bekommen. Sie zweifelt jedoch: sie selbst wurde als Baby zur Adoption freigegeben, ihre Eltern sind nicht ihre leiblichen Eltern. Soll sie das Kind bekommen? Wenn sie es nicht bekommt, verhindert sie damit das Glück einer anderen Familie? Die vierte Frau lebt als Einsiedlerin im Wald und wird von den Einheimischen als „Kräuterweiblein“ konsultiert. Das Mädchen wendet sich zuerst an sie mit der Bitte um eine Kräutermischung gegen die Schwangerschaft. Ohne jedoch zu wissen, dass zwischen den beiden eine besondere Verbindung besteht.

Die Autorin lässt alle ihre Figuren an ihren Schwierigkeiten wachsen und gibt Hoffnung, dass auch in scheinbar ausweglosen Situationen eine Lösung und ein Weiterleben möglich sind. Sie bewertet nicht und lässt alle diese Lebensentwürfe gleichberechtigt nebeneinander existieren. Frauen können Kinder bekommen oder nicht, sie können entscheiden, ob sie diese aufziehen wollen oder nicht. Sie beschreibt alle ihre Protagonistinnen als vollwertige Personen mit Stärken und Schwächen und der Kraft, Entscheidungen zu treffen. Und erschafft damit Vorbilder für unterschiedliche Lebenslagen.

Categories
Roman

Kim Thúy – Der Geschmack der Sehnsucht

Einer der Gäste kam aus Rach Giá, einer Küstenstadt, in der eine Hauptspeisensuppe aus gedünstetem Fisch und Fadennudeln, angereichert mit Schweinefleisch und in Garnelenrogen karamellisierten Garnelen erfunden worden war. Als sich seine Schale dann noch mit etwas in Essig eingelegtem Knoblauch würzte, liefen ihm Tränen über die Wangen. Er habe sein Land geschmeckt, murmelte er, während er die Suppe aß, sein Land, wo er groß geworden sei, wo er geliebt werde.

Der erste Teil dieses Romans beschreibt die unstete Kindheit der Protagonistin im kriegsgebeutelten Vietnam. Nur episodenhafte Bruchstücke lassen erahnen, wie hart das Leben für die einfachen Menschen war. Eigentlich erzählen diese Episoden das Wichtigste über die Protagonistin, man sollte sich Zeit dafür nehmen und immer nur ein paar Seiten lesen (was ich natürlich nicht getan habe, wo ich endlich wieder mal Zeit zum Lesen hatte).

Glück ist nicht käuflich, heißt es. Dank Julie habe ich gelernt, dass Glück sich von selbst vermehrt, teilt und an jeden von uns anpasst.

Im zweiten Teil erschafft sich die Protagonistin ihre eigene Welt im fernen Montreal. Eine arrangierte Ehe mit einem nach Kanada ausgewanderten älteren Mann entreißt sie ihren Wurzeln. Im Kochen jedoch, in den Rezepten ihrer Heimat, mit denen sie sowohl andere Auswanderer als auch Einheimische begeistert, findet sie ihre Bestimmung.

Die Romanze im dritten Teil passte für mich nicht wirklich dazu, aber wäre es ohne sie noch eine Geschichte? Die sinnlichen Beschreibungen der Rezepte und des vietnamesischen Alltagslebens lassen den Leser eintauchen in eine fremde Welt. Wird dieselbe sinnliche Schreibweise auf eine romantische Affäre angewandt, fühlt sie sich abgeschmackt und kitschig an. Das bleibt jedoch mein einziger Kritikpunkt, wer einen Blick in eine fremde Geschichte, Kultur und Welt wagen will, ist mit diesem Buch gut beraten.

Categories
Roman

Audrey Schulman – Die Farben des Eises

Die Fotografin Beryl reist mit einer kleinen Gruppe nach Churchill in Kanada, um Eisbären zu fotografieren. Ziel des Auftraggebers sind möglichst ungestellte Fotos der sich dort versammelnden Eisbären aus nächster Nähe.

Zwei Faktoren haben mich an diesem Buch fasziniert. Zum einen der Detailreichtum, mit dem die Autorin die Natur dieses unwirtlichen Landes beschreibt. Die titelgebenden Farben des Eises werden gar nicht im Detail behandelt, doch das Gefühl der Weite in dieser schneebedeckten Landschaft beschreibt sie ausführlich. Auch Beryls Begegnungen mit den Eisbären sind in einem teilweise erschreckenden Detailreichtum beschrieben, die Autorin beschreibt den Geruch der Bären, wie sich deren Fell anfühlt sowie ihre unbeholfenen Reaktionen auf die Menschen. Eisbären haben keine natürlichen Feinde und erkennen daher den Menschen auch nicht als solchen. Der Leser darf mit Beryl mitstaunen, die trotz der intensiven Vorbereitung auf ihre Reise von der riesigen Körperlichkeit der Bären überrascht ist. Wenn man Eisbären in Naturdokumentationen sieht, fehlt zumeist ein Maßstab. Ohne ein Auto oder einen Baum zum Größenvergleich sehen die tapsigen Bären deutlich kleiner und ungefährlicher aus, als sie sind.

Der zweite Faktor sind die menschlichen Beziehungen innerhalb des Teams, dass sich auf die Reise macht, um die Bären zu erforschen. Als einzige Frau unter Männern hat es Beryl natürlich nicht leicht. Stück für Stück enthüllt sich auch ein Konflikt zwischen dem mutmaßlich schwulen David und dem seine Männlichkeit betonenden Butler. Als vierter im Bunde ist Jean-Claude als lokaler Führer mit dabei. Er soll für die Sicherheit der Expedition sorgen. In einem für arktische Verhältnisse gerüsteten Bus sollen die vier auf engstem Raum drei Wochen lang die Bären beobachten und dokumentieren. Die Autorin beschreibt sensibel die schwelenden Konflikte zwischen den unterschiedlichen Persönlichkeiten und wie sich diese schließlich bis zur Katastrophe steigern. Spannend bis zum bitteren Ende.

Categories
Roman

Robert J. Sawyer – Flash Forward

This would be like that. Everyone would remember where they’d been when this blackout – a blackout of a different sort – had occurred.

Ah, Flash Forward, eine Serie, die ich wirklich gerne zu Ende gesehen hätte, was aber leider nicht möglich war. Meine persönliche Spekulation ist, es war einfach zu teuer zu produzieren, das kann man an den veröffentlichten Folgen problemlos ablesen. Was für eine Freude, als ich bei der Recherche quasi zufällig darauf gestoßen bin, dass die Serie auf einem Buch beruht. Die Hoffnung, endlich das Ende zu erfahren, war groß. Stellt sich heraus: für die Serie wurde das Buch stark bearbeitet. Im Buch schauen die Protagonisten gleich 20 Jahre in die Zukunft, in der Serie waren es nur 6 Monate (was die damit verbundenen Faktoren natürlich erheblich verschärft).

Is it any harder to swallow than the idea that we have seen the future, and that future is immutable, and even foreknowledge of it won’t be enough to allow us to prevent that future from coming true?

Zuerst dachte ich, es wäre nicht möglich, diesen Text ohne massive Spoiler für entweder/oder das Buch oder die Serie zu schreiben. Tatsächlich ist das Buch aber allein stehend so gut, dass man nichts verraten muss und es trotzdem empfehlen kann. Wer beides nicht kennt: plötzlich (in der Serie vollkommen überraschend, das Buch verrät mehr) schaut die ganze Menschheit für etwa zwei Minuten in die Zukunft, in der aktuellen Zeit werden die Menschen bewusstlos, was für ein unvergleichliches Chaos (Verkehrsunfälle, Flugzeugabstürze, Todesfälle, Verletzungen) sorgt. Daraufhin wird untersucht, wie es dazu kommen konnte. Und natürlich stellt sich die Frage: wenn man die Zukunft kennt, kann man sie dann ändern, beeinflussen?

Being conscious, being aware that that was then and this is now and that tomorrow is another day, was an incredible fluke, a happenstance, a freak occurrence never before or since duplicated in the history of the universe.

Das Buch stellt diese Frage viel intensiver als die Serie. In der TV-Serie wurde in meiner Erinnerung die Frage, wer für diesen Vorfall verantwortlich war, viel detaillierter untersucht, das Buch konzentriert sich exakt auf die Frage, wenn ich die Zukunft kenne, kann ich sie dann beeinflussen? Die Protagonisten kennen nur ein sehr kleines Stück ihrer Zukunft und können sich natürlich den Weg, wie es dazu kommt, nicht vorstellen. Wie kann man auf diese Art seine Zukunft verändern? Ist das überhaupt möglich? Ist der Blick in die Zukunft eher ein Segen oder ein Fluch?

The future could be changed; they’d discovered that when reality deviated from what had been seen in the first set of visions. Surely, this future could be changed, as well.

Das Ende des Buches jedenfalls bezieht sich darauf, dass wir nicht veruschen sollten, in die Zukunft zu schauen, sondern uns darauf zu konzentrieren, die Gegenwart zu dem Besten zu machen, was möglich ist. Nicht der schlechteste Rat nach meiner Ansicht.

Reading Challenge: A book based on or turned into a TV show

Categories
Roman

Margaret Atwood – The Blind Assassin

It’s Paradise but we can’t get out of it. And anything you can’t get out of is Hell.

Als ich gestern Abend das letzte Fünftel dieses Buches zu Ende gelesen hatte, war mir klar, es wird unmöglich sein, irgendwas über den Inhalt zu schreiben, weil einfach alles, was man schreiben könnte, ein Spoiler wäre. Es ist so ähnlich wie bei The Sixth Sense. Der Film ist einfach nur beim ersten Mal interessant. Wenn man die Auflösung kennt, ist die ganze Spannung dahin.

Zur Form und zu den Themen kann ich jedoch etwas schreiben. Die Geschichte wird auf mehreren Ebenen erzählt, zuerst schreibt die Protagonistin Iris Chase Griffen ihre Lebensgeschichte auf. Sie erinnert sich an ihre Kindheit, das Aufwachsen mit ihrer Schwester Laura, an ihre Eltern und andere Bezugspersonen, die ihr Leben entscheidend geprägt haben. Auf einer zweiten Ebene wird die Geschichte einer namenlosen Affäre erzählt, darin wiederum die Geschichte des Blind Assassin. Durchbrochen wird dieser Fluss von Zeitungsartikeln, die Iris Lebensverlauf in einen zeitgeschichtlichen Kontext setzen.

Margaret Atwoods Schreibstil ist unaufgeregt, in der ersten Buchhälfte habe ich mich tatsächlich etwas gelangweilt, aber einige Stilblüten stechen für mich deutlich hervor. Bevor die größte Enthüllung des ganzen Buches gemacht wird, nimmt sie sich noch Zeit für diesen Absatz, in dem Iris den Schreibstil ihrer Schwester Laura beschreibt:

The dots on the i’s and j’s were circular, placed far to the right, as if the dot were a small black balloon tethered to its stem by an invisible thread; the cross-strokes of the t’s one-sided. I sat beside her in spirit, to see what she would do next.

Iris entschließt sich, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben, weil sie nach einer Art Absolution sucht, so scheint es zuerst. Viele Fehlentscheidungen prägen ihr Leben, viel Unrecht wurde ihr getan, jedoch auch sie selbst hat viel Unrecht geschehen lassen.

How could I have been so ignorant? she thinks. So stupid, so unseeing, so given over to carelessness, how could we life? If you knew what was going to happen, if you knew everything that was going to happen next – if you knew in advance the consequences of your own actions – you’d be doomed. You’d be as ruined as God. You’d be a stone. You’d never eat or dring or laugh or get out of bed in the morning. You’d never love anyone, ever again. You’d never dare to.

Erst gegen Ende ihres Schreibens scheint sie sich selbst etwas zu vergeben. Weil man die Konsequenzen seiner Handlungen meist erst erkennt, wenn es zu spät ist. Oft ist es gerade der Wunsch, das Richtige zu tun, der uns in die falsche Richtung lenkt. Aber was sollen wir anderes tun, als im Moment zu entscheiden, was wir für das Richtige halten?

Reading Challenge: A book with a love triangle

Categories
Roman

John Irving – Letzte Nacht in Twisted River

Vielleicht trug dieser Moment der Sprachlosigkeit dazu bei, dass Daniel Baciagalupo Schriftsteller wurde. Diese Momente, in denen man weiß, dass man etwas sagen sollte, einem die richtigen Worte aber nicht einfallen – als Schriftsteller kann man diesen Momenten nicht genug Bedeutung beimessen.

Es ist ein raues Pflaster. Das Holzfällerörtchen Twisted River, in dem der Koch Dominic mit seinem Sohn Danny lebt. Aus ihrem beschaulichen Leben im Kochhaus wird jedoch eine lebenslange Flucht, nachdem der 12-jährige Danny versehentlich die Geliebte seines Vaters mit einer Bratpfanne erschlägt, weil er sie für einen Bären hält. So absurd, dass es schon wieder zu gut erfunden ist …

Pläne, Pläne, Pläne – wir schmieden Pläne für die Zukunft, als würde diese Zukunft garantiert eintreffen!

Mehrmals bauen sich Danny, der unter einem Pseudonym zum Bestsellerautor wird, und sein Vater Dominic eine neue Existenz auf. Auf der Flucht vor dem Cowboy, der sich wegen des Todes der Indianerin an Dominic rächen will, müssen beide Frauen zurücklassen und immer wieder ihre Heimat aufgeben. Letztendlich landen sie sogar außer Landes – in Toronto, wo sie der Cowboy dann doch noch aufspürt. Gerade auf den Fersen des alten Freundes Ketchum, der die beiden stets zu ihrer Sicherheit außerhalb der USA sehen wollte.

Wie passend, dass die sterblichen Überreste eines Kochs in einer Dose Arnes’ New York Steak Spiee untergebracht waren! Dominic Baciagalupo, dachte sein Sohn, der Schriftsteller, hätte sich darüber womöglich köstlich amüsiert.

Es ist schwierig, diese Geschichte zusammenzufassen, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt. Sie erzählt den größten Teil von Dannys, Dominica und Ketchums Leben und auch viele Geschichten zu den Personen, die ihnen auf ihrem Weg begegnen und sie ein Stück begleiten. Ich kann noch immer nicht identifizieren, wieso mich diese Geschichte deutlich kälter gelassen hat, als etwa Gottes Werk und Teufels Beitrag oder Bis ich dich finde. Die großen Lebensthemen bleiben nicht aus. Auch Bezüge zu geschichtlichen Ereignissen wie dem Vietnamkrieg verdeutlichen die Zeitebenen und zeichnen beinahe wie nebenbei ein Bild der amerikanischen Gesellschaft. Trotzdem glänzen die emotionalen Beziehungen von Dominic und Danny durch Abwesenheit gerade der großen Emotionen. Der Fokus liegt eindeutig auf den Vater-Sohn-Beziehungen. Und trotzdem freuen wir uns über den nochmaligen Auftritt der Heldin Lady Sky …

So versuchen wir unsere Helden am Leben zu erhalten; deshalb erinnern wir uns an sie.

Categories
Roman

Eva Menasse – Vienna

„Die Tränen, die er nie geweint hat“, sagte mein jüngerer Vetter nachdenklich. „Mein Gott, was bist du für ein Pathetiker“, ächzte mein älterer Vetter, und mein Vater tat, als habe er von dieser ganzen Lainz-Burma-Geschichte überhaupt nichts mitbekommen. In meiner Familie schämt man sich für Emotionen bis auf die Knochen.

Liest man diese unterhaltsamen Familiencharakteristik, kommt einem nicht eine einzige Sekunde in den Sinn, es könnte der erste Roman der Journalistin Eva Menasse sein. Eine Sammlung von Familienanekdoten fügt sich Stück für Stück zu einem Portrait von unterschiedlichsten Figuren über mehrere Generationen zusammen. Wirklich erfassen kann man die Familie wohl nur, wenn man sich während des Lesens die Zeit nimmt, den Familienstammbaum zusammenzustellen. Über den Krieg, die Geschichten der Großeltern und der resoluten Tante Gustl bis zum jüdischen Fundamentalismus des Bruders und der Vettern breitet sich die Familiengeschichte zu einem Panoptikum aus skurrilen und doch liebenswerten Persönlichkeiten aus.

Meine Schwester schien ihn anfangs gar nicht zu bemerken. Sie, deren Schönheit nun allerorten gepriesen wurde – „a fesche Katz“, gestanden sogar die Würfelmonster zu –, gab sich gerne den Anstrich hoheitlichen Desinteresses. Sie glaubte wohl selbst, daß auf sie jemand ganz Besonderer warte, eine Art Märchenprinz für die verwöhnte Prinzessin.

Charmante Wiener Eigenarten bilden die charakteristische Grundlage der Familientradition. Die Bridge-süchtige Großmutter und der Tennisclub prägen die Generationen über Jahrzehnte hinaus. Im Tennisclub sind auch die so genannten „Würfelmonster“ – dem Würfelspiel verfallene ältere Damen mit erbarmungslos scharfen Zungen – zuhause, so manche Episode nimmt hier ihren Ausgang.

Wenn das begann, wenn die alten Familiengeschichten zum tausendsten Mal heraufbeschworen, durchgekaut und neu interpretiert wurden, flüchteten sich die angeheirateten Frauen theatralisch eine Weile lang in die Küche, weil sie es angeblich „nicht mehr hören konnten“, England, Burma, Fußball, Film, das ‘Weißkopf’, die abgefeimte Tante Gustl und der Sohn, der irgendwelche klebrigen Mehlspeisen gestohlen hat. Aber sie kamen bald wieder zurück, denn obwohl sie es nie zugegeben hätten, liebten sie es längst genauso, das mehrstimmige Pointenfeuerwerk, die nicht endenwollende Serie ‘echter Königsbees’, die ganze Heimeligkeit dieses familiären Sagengutes, in das wir uns lustvoll einwickelten, weil es unser flüchtiges Zusammensein mit einer kurzen, aber kräftigen Wurzel in der Vergangenheit verankerte.

Doch nicht die so bekannte jüdische Jammerei über Benachteiligungen und Kriegsblessuren prägen diesen Roman, nicht die nervtötende Neurotik einer Lily Brett, nicht die intellektuelle Kulturkritik einer Siri Hustvedt. Die Familie ist das beherrschende Thema und dass diese Familie uns unser ganzes Leben lang begleiten wird, ob uns das nun gefällt oder nicht. Eine gleichzeitig beängstigende und beruhigende Schlussfolgerung, die jeden die Schrulligkeiten der eigenen Familienmitglieder für einen kurzen Moment mit anderen Augen sehen lässt.