Laurie Penny – Unspeakable Things

Asking nicely for change gets you nowhere.

Im Lila Podcast wurden immer wieder mal die Bücher von Laurie Penny und Caitlin Moran erwähnt, da hatte ich irgendwann beschlossen, mir selbst ein Bild über diese feministische Literatur machen zu wollen. Bei Laurie Pennys Unspeakable Things handelt es sich um ein ordentliches Stück Gesellschaftskritik.

In this nominally freer and more equal world, most women end up doing more work, for less reward, and feeling pressured to conform more closely to gender norms.

Sie analysiert die (westliche) Gesellschaft dieses neuen Jahrhunderts auf Veränderungen im Verhältnis zwischen Frauen und Männern und vor allem auf die Nachteile, die für viele Frauen in einer vermeintlich freier gewordenen Welt nach wie vor bestehen.

The best way to stop girls achieving anything is to force them to achieve everything.

In dieser vermeintlich besseren und erneuerten Welt können Mädchen und Frauen auf dem Papier alles werden, was sie wollen. Gesetze zur Gleichbehandlung legen fest, dass Frauen in allen Bereichen dieselben Chancen haben sollen wie Männer. Obwohl dies in der Realität ohnehin nicht zutrifft, führt es dazu, dass auf Frauen ein größerer Druck ausgeübt wird: Sie können nicht nur alles werden und haben, es wird auch von ihnen erwartet, dass sie ALLE Lebensbereiche unter einen Hut bringen. Erfolgreich Karriere machen, Kinder bekommen und erziehen, dabei immer gut aussehen und auch noch Zeit für Selbstverwirklichung und Hobbies haben. Die 24 Stunden, die jedem von uns dafür täglich zur Verfügung stehen, reichen jedoch einfach nicht aus und die Tatsache, dass wir alles haben KÖNNTEN, lässt jede Frau, die nicht ALLES schafft, wie eine Verliererin dastehen.

Women and girls in particular don’t need any more rules for living and working and grooming and loving. There are already too many rules, most of them contradictory.

Unser Leben ist geprägt von gesellschaftlichen Regeln, was man tun darf und was man tun soll und vor allem was man alles NICHT tun soll. Ein weibliches Aussehen, aber bitte kein zu kurzer Rock, sonst braucht sich eine Frau über Belästigungen nicht zu wundern. Kinder bekommen, aber bitte sofort zurück in den Job (wegen der Pensionszeiten und der eigenen finanziellen Unabhängigkeit), wer jedoch seine Kinder nicht täglich mit einer pädagogisch wertvollen Geschichte ins Bett bringt, gilt als Rabenmutter.

What the stereotype of the bra-burning, hairy-legged feminist is really supposed to suggest is that feminism, that politics itself, makes a woman ugly. That women’s liberation is a threat to traditional ideas of femininity, of a woman’s social role.

Feminismus ist noch immer mit Vorurteilen behaftet. Nach wie vor fühlen sich viele Männer sofort zurückgewiesen und angegriffen, wenn Frauen ihren eigenen Weg gehen und sich nicht darum scheren, was Männer von ihnen denken. Daraus ergibt sich eine Verteidigungshaltung: „Ich bin ja nicht so ein Mann, der Frauen unterdrückt, ich bin nicht Teil des Problems und sollte deshalb auch in Ruhe gelassen werden und mich nicht damit beschäftigen müssen.“ Natürlich kann ein einzelner Mann nicht für strukturelle Misogynie verantwortlich gemacht werden. Aber es ist wichtig, dass sich jede und jeder Einzelne bewusst macht, dass selbst ein Mann, der sich im Alltag Frauen gegenüber korrekt verhält, von den Privilegien des weißen Mannes auf Kosten von Frauen profitiert.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Frauen selbst glauben, sie hätten jetzt alle Möglichkeiten. Sie reden sich erfolgreich ein, dass es ihnen nichts ausmacht, den Großteil der Familien- und Hausarbeit zu erledigen und machen ihr eigenes Glück vom reibungslosen Funktionieren der Familie abhängig. Dabei sollten jedoch auch wir Frauen nicht vergessen, dass es unzählige andere gibt, die mit weniger finanziellen Möglichkeiten ausgestattet sind, die in Ländern leben, wo die Gleichberechtigung nicht mal auf dem Papier existiert oder die schlicht durch besondere Umstände (wie zum Beispiel chronische Krankheiten) dem Erwartungsdruck unmöglich standhalten können. Dabei müssen wir nicht mal ins Ausland schauen, alleinerziehende Frauen (und Männer) sind in Österreich die am meisten von Armut bedrohte Gruppe. Gleichberechtigung ist erst dann hergestellt, wenn sie tatsächlich auch alle gesellschaftlichen Schichten umfasst. Chancengleichheit existiert als Idee auf dem Papier und erfordert täglichen Kampf, um sie tatsächlich Realität werden zu lassen.

Eric-Emmanuel Schmitt – Die Frau im Spiegel

Sich fortzupflanzen? War es das, was die Frauen in ihrer Umgebung alle nicht erwarten konnten? Selbst die unbändige Ida?

Dieses Buch hatte ich schon auf meiner letzten Reise begonnen, nur irgendwie war der Anfang etwas schleppend und ich konnte mich nicht wirklich auf die drei Protagonistinnen einlassen. Das Buch beschreibt drei Frauen, die sich den Normen ihrer aktuellen Gesellschaft nicht unterwerfen können oder wollen. Sie lehnen sich auf gegen die Erwartungen, die an sie als Frau gestellt werden: zu heiraten, fruchtbar zu sein, sich in Liebe einem Mann zu unterwerfen. In unterschiedlichen Epochen und unterschiedlichen Verhältnissen lebend bleiben den Frauen verschiedene Möglichkeiten, sich mit den gesellschaftlichen Erwartungen zu arrangieren oder sie herauszufordern.

Anne von Brügge läuft ihrer eigenen Hochzeit davon, fühlt sich nur mit der Natur eins und wird aufgrund ihres unerschütterlichen Glaubens, dass Gott in der Natur lebt und durch sie spricht, schließlich als Ketzerin verbrannt.

Hanna Waldberg droht unter den Erwartungen ihres Ehemannes und seiner Familie, ihm möglichst bald Kinder zu schenken, zusammenzubrechen. Die Begegnung und Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse eröffnet ihr schließlich einen neuen Lebensweg abseits der Pfade, die die Gesellschaft für eine Frau in ihrer Stellung vorgesehen hat.

Anny Lee lässt sich als erfolgreiche Schauspielerin von ihrer Agentin gängeln und versucht ihre Freiheit durch Alkohol- und Drogeneskapaden auszuleben. Ihr fehlt nicht nur ein Bezug zur realen Welt sondern auch ein Gefühl für ihren eigenen Körper. Dabei können ihr auch die Beziehungen zu wechselnden Männern nicht helfen. Erst als sie ihre Vorstellungen davon, was Liebe sein muss, zurücklassen kann, findet sie eine neue Perspektive auf die Welt.

Du bist sehr viel mehr, als das, was du glaubst zu sein.

Stephen King – Under The Dome

Dieser monumentale Roman hat mich tatsächlich nicht so lange beschäftigt, wie ich ursprünglich befürchtet hatte. Das Wetter lädt dann doch eher zu langen Leseabenden im Bett ein und so absolvierte ich die zweite Hälfte dieses Wälzers an einigen Abenden innerhalb einer Woche.

Eine mysteriöse unsichtbare Barriere schneidet von einem Moment auf den anderen die Stadt Chesters Mill von ihrer Umgebung ab. Schon das Erscheinen des Domes sorgt für eine unüberschaubare Anzahl von Todesfällen. In den folgenden Tagen (die Gesamtzeit der Geschehnisse beschränkt sich auf weniger als eine Woche) spitzt sich die Situation in der Kleinstadt in rasendem Tempo zu. Ein Stadtverantwortlicher (hierzulande wohl mit einem Vizebürgermeister vergleichbar) entpuppt sich als Kopf eines Drogenkartells, der vor nichts zurückschreckt, um einerseits seine Machenschaften nicht auffliegen zu lassen und andererseits seine Macht über die Stadt nicht nur zu erhalten sondern auf diktatorische Ausmaße zu vergrößern. Dazu bedient er sich des manipulierbaren Polizeichefs und vergrößert die exekutiven Kräfte um wenig qualifizierte Jugendliche, die mit Gewalt und Einschüchterung die Stadtbewohner im Zaum halten sollen. Seine Gegner sind weniger zahlreich, aber sie verbünden sich und holen zum Gegenschlag aus. Das alles während sich die Versorgungssituation mit Lebensmitteln, Strom und anderen Gütern in der abgeschnittenen Stadt zunehmend verschlechtert.

Die Geschichte zeigt exexmplarisch, wie sich in einer vom Rechtsstaat abgeschnittenen Gesellschaft in kürzester Zeit diktatorische Prinzipien, der Ruf nach einem starken Mann und Lynchjustiz ausbreiten können. Mit dem Verweis auf die Notsituation wird die Aufhebung aller in der Verfassung garantierten Rechte und sogar der Menschenrechte legitimiert. Die geschilderte Situation ist natürlich extrem und unrealistisch, aber ein Katastrophenzustand kann in der Realität bereits durch einen lokal begrenzten Terroranschlag ausgelöst werden. Diese Mechanismen sind real, sie konnten in den vergangenen Jahrzehnten in mehreren Ländern beobachtet werden.

Das zentrale Element, das diesen Roman so schwer zu verdauen macht, ist die Ausweglosigkeit. Die unter dem Dome Eingeschlossenen haben keine Möglichkeit, die Situation zu verlassen. Sie müssen irgendwie mit der Situation klar kommen, so schlimm sie auch noch werden sollte, es gibt für sie buchstäblich keinen Ausweg. Diese Ausweglosigkeit, auch Hilflosigkeit, hat mich im ersten Drittel nach einer furchtbaren Szene das Buch für mehrere Tage weglegen lassen.

Kürzlich habe ich diesen Lithub-Artikel gelesen, in dem sich ein Autor mit den unterschiedlichen Niveauvorstellungen von Genreliteratur und „ernsthafter“ Literatur befasst. Er beschreibt seinen Versuch, sich vom Unterhaltungselement der Genreliteratur zu befreien und endet mit einem Plädoyer für Bücher, die die Leserin gleichzeitig unterhalten, aber ihr auch etwas zum Mitnehmen anbieten. Für mich ist Under The Dome ein hervorragendes Beispiel für solche Literatur. Allein schon die Umsetzung der Geschichte als TV-Serie zeigt deutlich, dass es sich um Unterhaltung handelt. Gleichzeitig macht sie aber auch den Leser aufmerksam, sie lädt ein, gesellschaftliche Veränderungen zu hinterfragen und Entwicklungen in Richtung eines Polizeistaats zu erkennen und diesen zu widersprechen. Die Geschichte zeigt auch einige Fehler auf, die man als Einzelner dabei machen kann: sich selbst überschätzen, Entscheidungen und Handlungen übereilen, sich allein dem Negativen stellen wollen. Erst in dem Moment, in dem sich „die Guten“ zusammenschließen und gemeinsam „dem Bösen“ entgegentreten, zeichnet sich eine mögliche Wende ab. Auch ein deutliches Plädoyer gegen den privaten Waffenbesitz lässt sich herauslesen. Alles in allem also Unterhaltung auf hohem Niveau und gleichzeitig ein gesellschaftspolitisches Statement.

Iris Hanika – Wie der Müll geordnet wird

Hierbei handelt es sich um ein Leseexperiment. Beim Ausleihen in der Bücherei Wien druckt der Ausleihcomputer immer völlig unnötig einen Registrierkassenbeleg aus. Manchmal findet sich dann so ein Registrierkassenbeleg von anderen Personen in einem Buch. Bisher habe ich die immer weggeworfen, diesmal auch, aber vorher habe ich mir noch eines dieser Bücher ausgeliehen.

Wie weit ist es von mir bis zum Blockwart?, fragte er sich gleich weiter, wo fängt der Faschismus an, und ist Müllaufräumen vielleicht an sich schon eine präfaschistische Tätigkeit?

Und das Ergebnis ist … zwiegespalten. Die erste Hälfte ist so langatmig, dass ich kaum Lust hatte, die wenige Zeit, die mir im Dezember zum Lesen blieb, mit diesem Buch zu verbringen. Der erste Teil erzählt aus der Sicht von Adrian, der ein übersteigertes Bedürfnis nach der Einhaltung der Mülltrennung hat und ansonsten sich bemüht, nur nichts Sinnvolles mit seinem Leben zu machen. Dieser Geisteszustand wird lang und breit erklärt, bis Adrian schließlich eine Art Tagebuch, ein orangefarbenes Heft aus dem Restmüll zieht. Es gehört eigentlich ins Altpapier, doch Adrian nimmt es mit nach Hause, um es zu lesen.

Sie wusste ja nicht, dass Adrian sowieso nicht auf Gesichter reagierte und es darum völlig egal war, welches sie gerade machte. Er sprach mechanisch weiter.

In diesem Heft materialisiert sich nun eine zweite Person, die ihre Geschichte in Bruchstücken erzählt, die von Adrians Kommentaren unterbrochen werden. Es folgt … ein Zeitsprung ins Jahr 1990, Berlin nach dem Mauerfall. Und hier wird die Geschichte plötzlich interessant. Ein paar lebendige Figuren, die tatsächlich einen Charakter und ein Ziel im Leben haben, bevölkern die Geschichte und das Chaos kommt quasi von allein. Die Verbindung wird klar, als der jüngere Adrian auftaucht. In diesem jüngeren Adrian zeigen sich deutlich autistische Züge, die das Verhalten des älteren Adrian, der die Mülltonnen durchsucht, um den Müll zu sortieren, verständlicher macht. Den Geschichten der Nebenfiguren geht es leider nicht so gut, zu viele Fragen bleiben unbeantwortet.

Marc Elsberg – Zero

„Privatsphäre!“, lacht Vi. „Darf ich dich an deine Kollegen gestern erinnern? An flächendeckende Überwachungskameras in London und vielen anderen Landesteilen? Ganz zu schweigen von der Totalüberwachung durch die Geheimdienste? Google, Facebook und alle anderen Datensammler? Privatsphäre!“, lacht sie noch einmal, diesmal lauter.

Den Krimi hat Marc Elsberg nicht neu erfunden. Der Plot lässt sich herunterbrechen auf ein Unternehmen, das auf eine vermeintliche Goldgrube stößt, mit Blick auf Geld und Macht alle ethischen und rechtlichen Bedenken über Bord wirft und schließlich mit den Konsequenzen in Form einer neugierigen Journalistin konfrontiert wird, die die ganze Geschichte an die Öffentlichkeit bringen will, was wiederum den Unternehmenserfolg gefährdet. Also macht sich das Unternehmen bzw. seine Mitarbeiter noch mehr strafbar, indem es versucht, das Aufdecken seiner Fehler mit allen Mitteln zu verhindern.

Was jedoch sehr wohl neu ist, ist die Perspektive auf die gegenwärtige Überwachungsgesellschaft. Das obige Zitat verdeutlicht eindrucksvoll, dass im Moment eine Generation heranwächst, die auf Privatsphäre keinen Wert mehr legt. Überwachung ist allgegenwärtig und wir können uns ihr nicht entziehen. Was soll also Jugendliche davon abhalten, sich von einem Angebot verlocken zu lassen, dass ihnen vormacht, sie könnten selbst über ihre Daten bestimmen? Das ihnen sogar anbietet, ihre Daten zu kaufen? Tatsächlich bezahlen Milliarden von Menschen schon jetzt mit ihren Daten für Gratisdienste wie Facebook oder Google Mail. Wie würde es aber erst aussehen, wenn eines dieser Unternehmen seinen Nutzern nicht nur (relativ wertlose) Dienste zur Verfügung stellen würde, sondern ihnen tatsächlich Geld für ihre Daten zahlte?

„Du meinst, wenn ich heute keinen Grund habe, mich zu verstecken, vielleicht denke, dass ich nicht interessant genug bin, um meine Spuren verwischen zu müssen, mache ich dabei den großen Fehler, nicht an ein unbestimmtes ,Morgen’ zu denken, wo alles ganz anders aussehen kann …“, überlegt Cyn.

Dem Autor gelingt es, die aktuellen Fragen im Themenbereich Privatsphäre und Überwachung so zu erklären, dass sie auch der mit dem Thema weniger vertraute Leser nachvollziehen kann. Im Großen und Ganzen leben wir heute in einer Gesellschaft der Meinungsfreiheit, die Grenzen des Legalen und Illegalen sind klar. Können wir uns aber auch darauf verlassen, dass uns etwas, das wir heute für legal und richtig halten, nicht in 10 Jahren zur Last gelegt wird? Unternehmen haben auf Facebook heute bereits die Möglichkeit, Stellen- oder Wohnungsanzeigen nur den Personengruppen anzeigen zu lassen, die sie tatsächlich auch ansprechen möchten, eine Praktik, die diversen Diskriminierungsgesetzen widerspricht. Versicherungsunternehmen äußern vermehrt den Wunsch, den Fahrstil ihrer Kunden zu überwachen und versprechen dafür günstigere Premien. Natürlich nur für die braven Kunden, die sich auf Schritt und Tritt überwachen lassen.

Auch die politische Perspektive wird angesprochen. Mittels Microtargeting können politische Parteien auf Facebook gezielt Werbung schalten, die ihre relevanten Zielgruppen anspricht. Und sie können auch verhindern, dass andere Menschen diese Posts sehen können, selbst, wenn sie über den direkten Link verfügen. Somit stellt Facebook umfassende Möglichkeiten zur Verfügung, den Wahlkampf und damit den Ausgang einer Wahl zu manipulieren. Kann in so einem Fall von freien Wahlen gesprochen werden? Wie frei kann eine Wahl überhaupt noch sein, wenn die Wähler nur einen auf ihre eigenen Lebensumstände zugeschnittenen Teil der Wahlinformation zu sehen bekommen? Selbst eine auf traditionelle Weise durchgeführte Papierwahl wird somit schon vor dem Weg zur Wahlurne durch gezielte (Falsch-)Informationen manipuliert. Alle diese Szenarien waren bereits real, als Zero 2014 erstveröffentlicht wurde. Auch wenn die Datenbrille sich (noch) nicht durchsetzen konnte, hat die Technologie den Roman längst überholt.

Ulrich Beck, Elisabeth Beck-Gernsheim – Fernliebe

Die Beiträge zur Gesellschaftstheorie, die heute international die größte Aufmerksamkeit finden, folgen einem anderen Muster. Ihr Ziel ist es, angesichts eines Chaos sozialer Ereignisse und Phänomene, die uns überrollen, einen konzeptionellen Orientierungsrahmen zu schaffen mit den Mitteln einer generalisierten Diagnose der sich rapide verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse.

Im Rahmen der Auseinandersetzung mit Ulrich Becks Risikogesellschaft ist mir dann auch dieses Buch in die Hände gesprungen, das zum Glück deutlich einfacher zu lesen war. Die Autoren entwerfen hier das soziologische Konzept der Weltfamilien und erläutern in unzähligen Variationen, wie solche Weltfamilien entstehen, was sie von traditionellen Familien unterscheidet und mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben. Dabei werden auch viele gesellschaftliche Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte gestreift, deren Zusammenhänge für den Nicht-Soziologen oft nicht auf der Hand liegen.

…, den verschiedenen Varianten von Weltfamilien ist eines gemeinsam, eine Irritation: Sie passen nicht zusammen mit unseren bisherigen Vorstellungen von dem, was den Charakter der Familie ausmacht, was zur „Natur der Familie“ gehört, immer und überall. Sie stellen einige unserer vertrauten, als selbstverständlich vorausgesetzten Grundannahmen von Familie in Frage.

Die Themen sind fast ausschließlich solche, die sehr polarisierende Gefühle hervorrufen. Zum Beispiel Heiratsmigration gibt es etwa sehr reißerische Medienberichte, die das schlimme Schicksal von Frauen ausschlachten, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben als Katalogbräute in ein westliches Land verschachert werden. Selten wird jedoch hinterfragt, welches Leben diese Frauen führen würden, wären sie in ihrem Herkunftsland geblieben.

Eine andere Art der Weltfamilie bilden Familien, in denen ein oder sogar beide Elternteile im (reicheren) Ausland arbeiten, um die zurück gelassenen Kinder zu ernähren. Ihren eigenen Kindern entfremdete Mütter kümmern sich als Kindermädchen um die Kinder reicher Eltern, damit diese ihrem Beruf nachgehen können. Diese reichen Familien können sich dabei noch der Illusion hingeben, einen Beitrag zur Entwicklungshilfe zu leisten.

„Appetit wird geweckt von der Möglichkeit“, hat der Technikphilosoph Hans Jonas schon vor Jahrzehnten gesagt. Dies belegt die gegenwärtige Expansion des Kinderwunsches. Mit der Pluralisierung der Lebensformen erweitert sich die Klientel der Reproduktionsmedizin.

Die Möglichkeiten und Folgen der Reproduktionsmedizin hat Ulrich Beck schon in Risikogesellschaft besprochen. Hier werden noch detaillierter die Entwicklungen im Bereich Familie beleuchtet. Die Tatsache, dass Menschen heutzutage auch noch in höherem Alter Kinder bekommen können, verändert die Gesellschaft auf vielfältige Weise. Die Entscheidung für eine Familie wird oft verschoben bis zu dem Zeitpunkt, an dem es auf natürlichem Wege nicht mehr klappt.

Anders betrachtet entspringen aus den Möglichkeiten der Samenspender und Leihmütter Kinder, die sich später nach den Grundlagen ihrer Identität fragen. Die genetischen Anlagen können nicht außer Acht gelassen werden. Auch wenn ein Kind zwei vollwertige „soziale“ Elternteile hat, wird irgendwann die Frage nach den biologischen Eltern ein Thema. Die Reproduktionsmedizin wird kritisch beleuchtet: Unterschiedliche gesetzliche Regelungen erlauben ein beinahe unkontrolliertes Ausnutzen der medizinischen Möglichkeiten. Die in westlichen Gesellschaften verbotene Leihmutterschaft etwa ist in Indien erlaubt und hat sich zu einem regelrechten Wirtschaftszweig entwickelt. Die psychologischen Folgen für die Leihmütter, die die Kinder, die sie 9 Monate in ihrem Körper wachsen lassen, oft nicht mal zu Gesicht bekommen, werden von der anderen Seite, den Wunsch-Eltern scheinbar nicht bedacht.

Was im Verständnis der Mehrheitsgesellschaft „Integration“ heißt, bedeutet im Verständnis der Minderheit: Wieviel Vergessen der eigenen Sprache und Herkunft ist notwendig, um dazuzugehören? Wie wird es möglich, sich dem zu widersetzen?

Ein wichtiger Teil der Kategorie Weltfamilien sind Ehegemeinschaften zwischen Menschen unterschiedlicher ethnischer und/oder nationaler Herkunft. Sie sind mit spezifischen Problemen konfrontiert. Neben den tatsächlich bestehenden Konflikten, die sich aus der unterschiedlichen Herkunft und damit der Sozialisation in unterschiedlichen Kulturen ergeben, haben sie auch mit Anfeindungen der Gesellschaft zu rechnen. Der Verdacht der Scheinehe schwebt oft nicht nur angedeutet über ihnen, viele Hürden sind zu überwinden, bevor eine solche Ehe überhaupt geschlossen werden kann. Und eine Ehe ist oft nötig, damit die Partner zusammenleben können. Dies kehrt den Prozess, der sich in westlichen Gesellschaften etabliert hat – kennenlernen, zusammenleben, ausprobieren, wie und ob das gemeinsame Leben funktioniert, dann erst Ehe, Haus, Kinder – um, und macht eine Ehe notwendig, damit das gemeinsame Leben und Ausprobieren überhaupt erst stattfinden kann.

Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen in einem größeren Kontext hat mir bis jetzt einige interessante Erkenntnisse gebracht. Dabei stelle ich mir auch die Frage, ob sich so mancher Konflikt vermeiden ließe, wenn mehr Menschen einen Blick über den Tellerrand ihres eigenen Lebens wagen und sich intensiver mit den Schicksalen anderer Menschen auseinander setzen würden. Die modernen Medien liefern uns dazu alle Möglichkeiten, es gibt keine Ausrede mehr dafür, sich zu verstecken und den Kopf in den Sand zu stecken.

Ulrich Beck – Risikogesellschaft

Zu Beginn meines Weiterbildungsprojekts im vergangenen Jahr hatte ich die mit dieser Thematik verbundenen Bücher hier ausgeklammert. Inzwischen möchte ich aber nicht darauf verzichten, zumindest die thematisch verwandten Bücher hier zu dokumentieren, weil es für mich eine völlig neue spannende Richtung und Sichtweise auf das Leben und die Gesellschaft darstellt.

Zu Beginn etwas Kontext: Der deutsche Soziologe Ulrich Beck erlangte mit seinem 1986 erschienenen Buch Risikogesellschaft internationale Beachtung. Er thematisiert darin umfassend die gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich in Verbindung mit zunehmenden Umweltproblemen und der Globalisierung ergeben. 31 Jahre nach seiner Erscheinung ist dieses Werk noch immer ein vergleichsweise aktueller Beitrag im Bereich der Sozialisationstheorien. Die gesellschaftlichen Veränderungen, die der Autor analysierte, sind inzwischen weit fortgeschritten, viele seiner Prognosen können als erfüllt angesehen werden.

Möglichst kurz gefasst könnte man sagen, dass Beck den Glauben an den Fortschritt kritisiert. Er beschäftigt sich ausführlich damit, dass viele technologische Entwicklungen einfach umgesetzt werden, ohne an die Veränderungen zu denken, die sich daraus für die Umwelt und die Gesellschaft ergeben. Ein damals aktuelles Thema war das Waldsterben aufgrund von Luftverschmutzung und unkontrollierter Abgabe von Giftstoffen an das Grundwasser. Aus heutiger Sicht hat sich zumindest in den entwickelten Gesellschaften Mitteleuropas einiges in diesem Bereich verbessert, gleichzeitig hat die Leugnung des Klimawandels in vielen anderen Ländern nach wie vor Hochkonjunktur. Der Autor führt umfassend aus, welche Rolle die Wissenschaft, die Forschung und die in diesem Bereich tätigen Unternehmen spielen. Er deckt die Verflechtungen auf und argumentiert etwa, dass die Festlegung von Schadstoff-Grenzwerten gleichzeitig eine Legitimation eines bestimmten Maßes an Umweltverschmutzung darstellt.

Im sozialen Bereich beschäftigt sich der Autor mit den Veränderungen, die das Fortschreiten der Industrialisierung für die Lebensformen der einzelnen Menschen mit sich gebracht hat. Die Emanzipation der Frau hat zu umfassenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt geführt, die Politik hinkt diesen Veränderungen immer hinterher. Er argumentiert sehr pointiert, dass viele moderne Männer zwar inzwischen in Worten selbstverständlich die Gleichstellung der Frau proklamieren, in der Praxis hängen jedoch Mann und Frau doch zumeist in ihren traditionellen Rollen fest. An dieser Tatsache hat sich nach meiner Ansicht auch bis heute nicht viel verändert.

Ein Ausblick in die Zukunft ist stets eine schwierige Sache, meine eigene Einschätzung ist jedoch, dass wir uns heute mit der Digitalisierung bereits mitten in der nächsten Phase der gesellschaftlichen Veränderung befinden. Auch jetzt schreitet die technologische Entwicklung schneller voran, als der einzelne Mensch und die Politik mithalten können. Es bleibt spannend, zu beobachten, welche gesellschaftlichen Veränderungen sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zeigen werden.

Ornela Vorpsi – Das ewige Leben der Albaner

Auch wenn der Titel anders klingt: Ornela Vorpsi ist eine Meisterin der poetischen Verknappung. Ihre Szenen der albanischen Kindheit der 1980er Jahre leuchten. Erstaunlich, bei der kommunistischen Agonie, von der sie erzählen. (Zeit.de)

Irgendwie bringe ich bei diesem Buch die Beschreibungen von anderen mit der Realität nicht in Einklang. Der obige Absatz aus den Zeit.de-Empfehlungen aus verschiedenen Ländern zu Fußball-EM-2016 bezieht sich hauptsächlich auf den humoristischen Aspekt, den manche der Episoden tatsächlich enthalten. Mir fiel es jedoch schwer, angesichts der vielen harten, kalten und grausamen Details ein Leuchten in den Szenen zu sehen. Auch der Klappentext verspricht Ähnliches (die schreiben doch voneinander ab, oder?).

Ornela Vorpsi erzählt vom Heranwachsen eines aufgeweckten Mädchens in der archaisch-verrückten Welt Albaniens.

Einen roten Faden bildet die Geschichte des abwesenden Vaters, der als politischer Gefangener im Gefängnis sitzt. Nach seiner Entlassung findet er keinen Zugang mehr zu seiner Familie, die Kluft der Erlebnisse, die zwischen ihnen liegt, scheint unüberwindbar.

Was der Klappentext also archaisch-verrückt nennt, klang für mich eher wie die Beschreibung eines grausamen Alltags, in dem weder für Freude noch für jegliches Abweichen vom Althergebrachten Platz ist. Eine Gesellschaft, die mir kein guter Platz für aufgeweckte Mädchen zu sein scheint.

Lois Lowry – The Giver

„Back and back and back.“ Jonas repeated the familiar phrase. Sometimes it had seemed humorous to him. Sometimes it hat seemed meaningful and important. Now it was ominous. It meant, he knew, that nothing could be changed.

Lois Lowry beschreibt in diesem dystopischen Roman eine Gesellschaft, in der alles reguliert ist. Kleinste Vergehen der Bewohner der Gemeinde – wie etwa das Liegenlassen eines Fahrrads vor dem Haus – werden geahndet. Familien (family units genannt) werden von den Oberen zusammengebracht und können um maximal zwei Kinder ansuchen. Diese werden von Frauen geboren, deren Aufgabe die Produktion von neuen Kindern ist, werden dann ihr erstes Lebensjahr lang von Fachpersonal betreut und erst dann an ihre Familien übergeben.

Im Alter von 12 Jahren erhalten die Jugendlichen ihre Lebensaufgabe zugewiesen. In vorhergegangenen Praxisstunden konnten sie in unterschiedliche Bereiche hineinschnuppern, die Entscheidung über ihren Beruf treffen jedoch die Älteren. Jonas erhält eine besondere Aufgabe: er soll der Nachfolger des Receivers of Memory werden – eine große Ehre. Schnell stellt Jonas fest, dass mit dieser Ehre auch eine große Verantwortung verbunden ist und er beginnt, an der Struktur der Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist, zu zweifeln. Als er die wahre Bedeutung des Begriffes release erkennt, schmieden die beiden Receiver einen Plan.

„Listen to me, Jonas. They can’t help it. They know nothing.
„You said that to me once before.“
„I said it because it’s true. It’s the way they live. It’s the life that was created for them. It’s the same life that you would have, if you had not been chosen as my successor.“

Es ist immer wieder erstaunlich, dass sowohl Utopien als auch Dystopien ihre Bedeutung über die Jahre kaum verlieren. 1993 geschrieben, scheint The Giver perfekt in unsere Zeit zu passen. Die Verfilmung von 2014 gibt der Geschichte ein anderes Gesicht, ein anderes Gefühl (dazu reicht es, den Trailer gesehen zu haben, nach der Lektüre der drei Interviews mit den Hauptdarstellern des Films am Ende des Buches will ich ihn nicht mehr sehen. Da scheint schon deutlich hindurch, dass eine im Buch nur angedeutete Love Story konstruiert wird und das Ende kann man sich auch schon vorstellen).

Mit mehr und mehr Überwachung, mehr und mehr Regeln, die den Menschen das eigene Denken abnehmen und sie so von selbstbestimmten Entscheidungen befreien, geht unsere Gesellschaft eindeutig in diese Richtung. War das bereits 1993 so und hat sich bis heute immer weiter verschärft? War das bereits 1953 (Fahrenheit 451) so und hat sich bis heute immer weiter verschärft? Oder spielen Autoren genauso gerne mit den Zukunftsängsten der Menschen wie Politiker?

Maybe even more so, as society and the government, in many ways, are becoming more regulated. We’ve grown used to that and maybe a little bit passive about it, and this is taking that part of our society to an extreme, imagining what it would be like if the government ran everything and had an eye on everything and dictated everything that you say and do.
(Interview mit Cameron Monaghan, Asher in the movie The Giver)

Yasmina Reza – Der Gott des Gemetzels

Für die Reading Challenge musste ich auch ein Theaterstück auswählen und entschied mich für Yasmina Reza. An die Trailer zur Verfilmung von Roman Polanski kann ich mich noch einigermaßen erinnern, da wurden natürlich die drastischen Szenen aus der zweiten Hälfte des Stückes verwendet.

Meine Erinnerung scheint mich zu trügen, ich hatte gemeint, mich zu erinnern, dass wir in meiner zweiten Episode mit dem Theater der Jugend einmal ein Stück von Yasmina Reza dabei hatten, kann jedoch keine Erinnerungsfetzen an Ein spanisches Stück finden. Möglicherweise hatte ich auch an diesem Termin gerade keine Zeit.

Véronique: Wir versuchen, sie zum Lesen zu bringen. Wir nehmen sie in Konzerte und Ausstellungen mit. Wir sind so naiv, an die zivilisierende Kraft der Kultur zu glauben!

Alle 4 Protagonisten des Stückes sind auf ihre Art unsympathisch, wobei ich schon sagen muss, dass Alain deutlich mehr Unsympathie auf sich zieht, als etwa die dem zivilisierten Umgang huldigende Veronique. Die Elternpaare treffen sich, um den Umgang mit einer Prügelei ihrer Söhne zu besprechen und geraten darüber selbst in einen Streit, der sogar mit Tätlichkeiten endet und die zerrütteten Familienverhältnisse bloß stellt. Auf Papier plätschert das Ganze irgendwie vorbei, auf der Bühne stelle ich es mir kurzweilig vor.

Reading Challenge: A play