Iris Hanika – Wie der Müll geordnet wird

Hierbei handelt es sich um ein Leseexperiment. Beim Ausleihen in der Bücherei Wien druckt der Ausleihcomputer immer völlig unnötig einen Registrierkassenbeleg aus. Manchmal findet sich dann so ein Registrierkassenbeleg von anderen Personen in einem Buch. Bisher habe ich die immer weggeworfen, diesmal auch, aber vorher habe ich mir noch eines dieser Bücher ausgeliehen.

Wie weit ist es von mir bis zum Blockwart?, fragte er sich gleich weiter, wo fängt der Faschismus an, und ist Müllaufräumen vielleicht an sich schon eine präfaschistische Tätigkeit?

Und das Ergebnis ist … zwiegespalten. Die erste Hälfte ist so langatmig, dass ich kaum Lust hatte, die wenige Zeit, die mir im Dezember zum Lesen blieb, mit diesem Buch zu verbringen. Der erste Teil erzählt aus der Sicht von Adrian, der ein übersteigertes Bedürfnis nach der Einhaltung der Mülltrennung hat und ansonsten sich bemüht, nur nichts Sinnvolles mit seinem Leben zu machen. Dieser Geisteszustand wird lang und breit erklärt, bis Adrian schließlich eine Art Tagebuch, ein orangefarbenes Heft aus dem Restmüll zieht. Es gehört eigentlich ins Altpapier, doch Adrian nimmt es mit nach Hause, um es zu lesen.

Sie wusste ja nicht, dass Adrian sowieso nicht auf Gesichter reagierte und es darum völlig egal war, welches sie gerade machte. Er sprach mechanisch weiter.

In diesem Heft materialisiert sich nun eine zweite Person, die ihre Geschichte in Bruchstücken erzählt, die von Adrians Kommentaren unterbrochen werden. Es folgt … ein Zeitsprung ins Jahr 1990, Berlin nach dem Mauerfall. Und hier wird die Geschichte plötzlich interessant. Ein paar lebendige Figuren, die tatsächlich einen Charakter und ein Ziel im Leben haben, bevölkern die Geschichte und das Chaos kommt quasi von allein. Die Verbindung wird klar, als der jüngere Adrian auftaucht. In diesem jüngeren Adrian zeigen sich deutlich autistische Züge, die das Verhalten des älteren Adrian, der die Mülltonnen durchsucht, um den Müll zu sortieren, verständlicher macht. Den Geschichten der Nebenfiguren geht es leider nicht so gut, zu viele Fragen bleiben unbeantwortet.

Alison Bechdel – Are You My Mother?

Das Buch hätte definitiv einen längeren Eintrag verdient, aber dazu würde es 2017 nicht mehr kommen, daher besser kurz als viel zu spät.

In ihrem ersten Buch Fun Home erzählte die Autorin von der Beziehung zu ihrem Vater, von seiner lange unterdrückten Homosexualität, die letztendlich mutmaßlich zu seinem Selbstmord führte und der Entdeckung ihrer eigenen sexuellen Identität. In dieser Fortsetzung (?) beschreibt sie großteils Träume, Therapiesitzungen und Ergebnisse ihrer psychologischen Recherchen, in denen sie sich intensiv mit dem Verhältnis zu ihrer Mutter auseinandersetzt. Sie vertiefte sich intensiv in die Schriften Donald Winnicotts, der wichtige Beiträge auf dem Gebiet der Mutter-Kind-Beziehung geleistet hat.

Immer wieder hatte ich beim Lesen das Gefühl, das ich ohne eigene vertiefte Recherche zu diesen psychologischen Themen die erzählte Geschichte nicht vollständig erfassen kann. Gleichzeitig fehlt mir aber nicht nur die Zeit, sondern auch noch die Geduld, diesen Theorien hinterherzurennen, bei der jeder zweite Link auf der Wikipedia zu einem völlig anderen Gebiet führt. Anstatt der Genrebezeichnung a comic drama könnte auch eine laienpsychologische Beziehungsanalyse auf dem Titel stehen. Vielleicht steht das tatsächlich bald auf dem Titel der deutschen Übersetzung … nein, steht es nicht. Der Titel der deutschen Übersetzung lautet übrigens Wer ist hier die Mutter? Was meines Erachtens nach eine vollkommen andere Aussage tätigt als der Originaltitel.

Monique Schwitter – Eins im Andern

Bei einer Erzählung aus der Ich-Perspektive besteht immer die Gefahr, die Erzählperson mit der Autorin gleichzusetzen und anzunehmen, die Geschichte wäre zumindest teilweise autobiografisch. In einem Interview hatte ich kürzlich auch die Auffassung gelesen, jeder Roman wäre immer ein Stück autobiografisch, auch wenn der Autor nicht selbst erlebt hätte, was er beschreibt, sondern eben nur erfunden. In die erfundenen Erlebnisse fließen trotzdem die realen Lebensumstände und Prägungen des Autors ein.

In diesem Buch untersucht eine Ich-Erzählerin ihre vergangenen Beziehungen zu Männern. Dabei beschreibt sie verschiedenste Formen von Beziehungen (das, was auf dem Klappentext als die Gesichter der Liebe bezeichnet wird). Eine Jugendliebe, die an den unterschiedlichen beruflichen Ambitionen und deren Erfolgsaussichten scheitert. Eine Zufallsbekanntschaft, die direkt aus der Schublade geheime Fantasien entsprungen sein könnte. Eine (tatsächlich stattgefundene oder von seiner Frau nur erfundene) Affäre mit einem Professor. Ein Flirt mit einem Schüler. Eine Erwachsenenliebe, die (beinahe?) an einer Suchterkrankung scheitert.

Die Gedanken der Erzählerin scheinen sich zunehmend zu verwirren, sie hinterfragt ihren Lebensstatus und kommt schließlich zu einer für den Leser überraschenden Erkenntnis. Mir persönlich ging die (Nicht-)Auflösung der Zusammenhänge etwas zu schnell. Dass frühere Beziehungen unser weiteres Leben prägen, ist auch keine spektakuläre Erkenntnis. Ein interessanter Roman, aber für mich keine Offenbarung (wie sie der Klappentext verspricht und die Empfehlung andeutete).

Katrin Rönicke – Bitte freimachen

Katrin Rönicke beschäftigt sich seit Längerem mit dem Thema Feminismus, nicht nur in diesem Buch, sondern auch in ihrem Lila Podcast. Darüber bin ich überhaupt erst auf das Buch gestoßen. Mit einer Freundin diskutiere ich immer wieder über das Thema, wir sind auch oft nicht einer Meinung. Daher hatte ich gehofft, mir etwas Input zu holen – Hintergründe zum Thema, andere Meinungen, Argumente zu bestimmten Aspekten und so weiter. Diese Erwartungen wurden nur so halb erfüllt.

So geht’s mir mit dem Feminismus allgemein immer wieder. Auf der einen Seite habe ich mich als Studentin an einer technischen Fachhochschule oft sehr geärgert über die Ungleichbehandlungen durch Lehrbeauftragte. Unser Physik-Lehrbeauftragter hatte mich in einer der ersten Vorlesungen im ersten Semester wegen einer (seiner Meinung nach dummen) Frage abgestempelt. Er wollte wissen, auf welcher Schule ich vorher gewesen war und auf meine Antwort „Handelsakademie“ meinte er (wortwörtlich, mit abfälligem Unterton): „Na solche wie Sie brauchen wir hier.“ Noch ein Beispiel gefällig: Bei meiner Diplomfeier meinte der Präsident des Fachhochschulrates zu mir: „Bei Ihnen als Frau ist es mir eine besondere Freude, Ihnen das Diplom zu überreichen.“ Diese Geschichte habe ich schon oft erzählt und unter anderem auch die Reaktion bekommen, das hätte er doch nur gut gemeint. Warum ich mich denn so darüber aufrege …

Auf der anderen Seite erlebe ich auch immer wieder die oft abfällig betrachteten Krawall-Feministinnen, die anderen Frauen vorschreiben wollen, wie sie ihr Leben zu leben haben. Wenn eine Frau freiwillig länger bei den Kindern daheim bleiben möchte, wird sie deshalb verurteilt und als „Heimchen am Herd“ abgestempelt. Im Gegenzug werden „Karrierefrauen“, die es sich leisten können, für Kinderbetreuung Geld auszugeben, abschlägig als „Rabenmütter“ bezeichnet.

„Das Problem ist, dass man das Gefühl hat, dass alles zu kurz kommt. Dass man den Job nicht richtig macht, dass man die Familie nicht richtig macht“, erzählt Kapek. „Das Gefühl, dass man immer zu wenig macht, das hat man dauerhaft. Da muss man sich dran gewöhnen. Man lernt sehr viel: den eigenen Körper zu ignorieren und die eigenen Gefühle zu ignorieren.“

Viele dieser Probleme, mit denen wir als Frau im Alltag immer wieder konfrontiert sind, beschreibt die Autorin auch in ihrem Buch. Ihre Erfahrungen können in mancher Hinsicht erleuchten, vieles haben aber vermutlich die meisten von uns selbst bereits in der einen oder anderen Form erlebt. Der feministische Ansatz in diesem Buch ist ein solidarischer. Das Wort Netzwerk möchte ich dafür nicht verwenden, weil ich entgegen vieler anderer der Meinung bin, dass Frauen ohnehin Netzwerke haben, sie setzen sie nur nicht so für die Karriere ein, wie viele Männer das tun. In meinem Umfeld sehe ich haufenweise Frauen, die größere Netzwerke unterhalten als die meisten Männer. Und diese Netzwerke sind nicht nur größer, sie halten auch wesentlich fester zusammen, sie halten auf längere Zeit und sie halten auch in schwierigen Zeiten beziehungsweise gerade dann.

Zum Abschluss mein persönlicher feministischer Ansatz: Wenn Mädchen mit Autos spielen wollen, sollen sie das dürfen. Wenn Burschen Röcke anziehen wollen, sollen sie das dürfen. Umgekehrt genauso. Wenn Männer in Karenz gehen wollen, sollen sie das dürfen. Wenn Frauen nach der Geburt ihrer Kinder bald wieder arbeiten gehen wollen, sollen sie das dürfen. Umgekehrt genauso. Ich könnte noch einen Haufen Beispiele aufzählen, aber kurz gesagt: es geht mir um die Wahlfreiheit. Frauen sollten alle Möglichkeiten haben, sich zu verwirklichen und dabei nicht schief von der Seite angeschaut werden. Die Politik hat die Aufgabe, die dafür nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen, ausreichend leistbare Möglichkeiten für Kinderbetreuung stehen dabei an oberster Stelle. Die Wirtschaft wiederum ist gefordert, flexible Arbeitsmodelle zu unterstützen und zu fördern. Jeder von uns ist gefordert, Toleranz gegenüber anderen Lebensmodellen zu zeigen und niemanden für seine persönlichen Lebensentscheidungen zu verurteilen.

Daniel Glattauer – Die Wunderübung

Dieses Büchlein hatte mir vor einiger Zeit eine Freundin zum Geburtstag geschenkt. Ich hatte es mir dann als Notfallbuch in eine selten benutzte Tasche gepackt, für den Fall, dass ich mal nichts zu lesen dabei haben sollte (…). Passiert ja doch nie …

Ein Drei-Personen-Theaterstück. Der Paartherapeut (im ersten Akt nur Berater genannt), sowie das Ehepaar Dorek. Das Ehepaar ist tief in Beziehungsprobleme verstrickt, der erste Akt reitet beide immer mehr hinein in alle Konflikte, die schon lange zwischen ihnen schwelen.

Im zweiten Akt ändert sich plötzlich die Stimmung. Die Richtung kehrt sich um, der Therapeut gerät selbst in eine unangenehme Situation und wird schließlich vom (nicht mehr streitenden) Ehepaar gemeinsam in die Zange genommen. Bis die Therapiestunde mit einem Knalleffekt endet.

Mit drei guten Schauspielern auf einer intimen Bühne stelle ich mir das wirklich lustig vor. Genug Platz für Regieanweisungen und originelle Interpretationen durch die Darsteller ist auch noch offen gelassen. Wikipedia meint:

Daniel Glattauers Theaterstück Die Wunderübung wurde unter der Regie von Michael Kreihsl im Januar 2015 am Wiener Theater in der Josefstadt uraufgeführt.

Reading Challenge: A book you can finish in a day

Lilian Faschinger – Stadt der Verlierer

Ich imitierte die Gesten der Gläubigen, so wie ich sie als Kind imitiert hatte, wenn ich mit den Adoptiveltern und Silvia am Sonntag den Gottesdienst besuchte. Vielleicht würde ich hier etwas fühlen.

Gekauft hatte ich mir dieses Buch ursprünglich, weil ich es als Teil des Literaturcaches AL024 – LF vermutete. Literatur und Geocaching, das hätte eigentlich die perfekte Kombination für mich sein müssen, dachte ich. Inzwischen habe ich die Literaturcaches aufgegeben, weil ich befürchte, dass die langwierige Recherche dazu führt, dass mir die Caches vor der Nase weg archiviert werden.

Diesen in Wien spielenden Roman kann ich dennoch empfehlen. Zu Beginn konnte ich nicht recht reinkommen, ich hatte das Buch sogar für Monate weg gelegt, weil mir die Hauptfigur Matthias Karner so unsympathisch war. Unsympathisch zu recht. Es stellt sich Stück für Stück heraus, dass dieser Matthias Karner nicht nur ein Taugenichts ist, er spielt mit allen Menschen in seiner Umgebung und nutzt sie aus, sobald er irgendeine Möglichkeit dafür sieht. Als Nebenfigur fungiert die Detektivin Emma. Matthias Mutter beauftragt sie, ihren Sohn, den sie als Baby zur Adoption freigeben musste, zu finden. Emma erfüllt ihren Auftrag und lebt ihre eigenen Probleme. Doch Matthias Konfrontation mit seiner leiblichen Mutter stürzt Matthias in eine Krise. Als er von seinem Zwillingsbruder erfährt, den seine Mutter behalten und aufgezogen hat, wirft ihn dies endgültig aus der Bahn. Er dringt in das Leben seines Bruders ein und wirft alle familiären Gefühle über Bord.

Immer wieder schön sind die Beschreibungen des Wiener Lebensgefühls, ein Kleinod, das man in modernen Roman selten so findet. Die Morbidität, die Verlorenheit der Figuren, die unausweichliche Katastrophe, gepaart mit vielen bekannten Wiener Locations wie etwa dem Heurigen Zawodsky – all das charakterisiert die Stadt und sorgt für ein grandioses Lesevergnügen – sobald man es über die ersten Kapitel geschafft hat.

Fabio Volo – Einfach losfahren

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Etwas Außergewöhnliches, das befreit werden musste. Ich, der im Käfig Gefangene, wollte hingehen und die Leute befreien. Vielleicht war es ein Automatismus. Da ich mich nicht selbst befreien konnte, versuchte ich die anderen zu befreien, nur dass mir das geeignete Handwerkszeug dazu fehlte.

In diesem Roman beschreibt Fabio Volo den Entwicklungsprozess eines jungen Mannes, der seinen Platz im Leben sucht. Scheinbar leichtfüßig hüpft er zuerst wie ein Grashüpfer durchs Leben. Erst durch den Tod seines Freundes Federico, der sein Leben auf den Kopf gestellt und auf Reisen das Glück gefunden hatte, wacht Michele auf und entdeckt die Leere in seinem Leben.

In dieser Zeit war ich Rassist, ich hasste alle, denen es schlechthin. Nur mein Leid war echt und real, glaubte ich, während Leute mit Liebeskummer zum Beispiel nicht das Recht hatten, auch nur den dicken Zeh ins große schwarze Meer des Schmerzes zu tauchen.

Aus den Trümmern seines bisherigen Lebens bricht Michele nun aus, um die Frau kennenzulernen, die Federiges Leben verändert hat. Mehrere Monate hilft er Sophie beim Aufbau ihrer Posada und lernt dadurch ein anderes Leben kennen. Einfache Arbeit, einfaches Leben, Glück in der Natur finden, Gemeinschaft und schließlich Zufriedenheit mit sich selbst. Dabei geht Michele durch unterschiedlichste Phasen der Trauer um Federico, des Zweifelns an den eigenen Werten und an seinen Beziehungen. Einziger Wermutstropfen aus meiner Sicht ist die beinahe zu perfekte Beziehung, die Michele schließlich mit Francesca findet. In meinen Augen kann niemand ständig so ausgeglichen sein und niemals an seinem Leben oder seiner Liebe zweifeln. Aber lassen wir das Happy End einfach mal so stehen und nehmen wir mit, was uns auf unserem eigenen Weg helfen kann: Manchmal muss man aussteigen, um den Durchblick zu bekommen.

If you don’t know where you are going, any road will take you there.

Lewis Carroll (Alice’s Adventures in Wonderland)

Johann Wolfgang von Goethe – Die Wahlverwandtschaften

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„Das Bewusstsein, mein Liebster“, entgegnete Charlotte, „ist keine hinlängliche Waffe, ja manchmal eine gefährliche für den, der sie führt; und aus diesem allen tritt wenigstens soviel hervor, dass wir uns ja nicht übereilen sollen. Gönne mir noch einige Tage; entscheide nicht!“

Obwohl Goethe in diesem Roman ein allgemeingültiges Thema behandelt und das auch noch sehr modern, ist die Staubschicht unmöglich zu ignorieren. Es fühlt sich an, wie etwas, das einem die Deutschlehrerin fürs Referat aufgedrückt hat, weil man frech war. Immerhin zeigen die wechselnden Beziehungsgeschichten, dass schon damals die Liebe nicht immer fürs Leben war.

Das Betragen ist ein Spiegel, in welchem jeder sein Bild zeigt.
Es gibt eine Höflichkeit des Herzens; sie ist der Liebe verwandt. Aus ihr entspringt die bequemste Höflichkeit des äußern Betragens.

Charlotte und Eduard wissen ihre Beziehung zu schätzen, denn die beiden sind nicht direkt zusammen gekommen, sondern mussten erst abwarten, bis die Beziehung tatsächlich funktioniert. Doch als Eduards Freund – der im ganzen Verlauf der Geschichte immer nur „der Major“ genannt wird – und Charlottes Nichte Ottilie ins Leben der beiden treten, wird die gemeinsame Welt auf den Kopf gestellt. Es stellt sich heraus, das Charlotte und Eduard nicht so viel gemeinsam haben, wie sie bisher dachten und Stück für Stück scheinen die vier Personen andere Paare zu bilden. Charlotte bekommt ein Kind, wer tatsächlich dessen Vater ist, bleibt im Verlaufe des Romans stets nur angedeutet. Die junge Ottilie macht sich stets Gedanken über das Leben und bemüht sich nach bestem Gewissen, den Haushalt zu führen und Charlotte auch bei der Sorge fürs Kind zur Seite zu stehen. Erst ein schlimmer Unfall lässt Charlotte das bisherige Leben überdenken.

Doch was sag ich! Eigentlich will das Schicksal meinen eigenen Wunsch, meinen eigenen Vorsatz, gegen die ich unbedachtsam gehandelt, wieder in den Weg bringen. Habe ich nicht selbst schon Ottilien und Eduarden mir als das schicklichste Paar zusammengedacht? Habe ich nicht selbst beide einander zu nähern gesucht?

Charlotte resigniert und will dem unglücklichen Eduard, der sich weiterhin nach Ottilie verzehrt, nicht mehr im Wege stehen. Doch beide Frauen gönnen sich das bißchen Glück nicht, das ihnen noch möglich wäre. Man könnte natürlich auch interpretieren, dass die Beteiligten für ihr sündhaftes Verhalten bestraft werden und dieser Roman uns nichts anderes sagen will, als dass die Ehe heilig ist und wer sich diesem Gesetz widersetzt, mit Strafe und Unglück zu rechnen hat. Goethe hatte angeblich im Sinn, „soziale Verhältnisse und die Konflikte derselben symbolisch gefasst darzustellen“. Das dürfte ihm gelungen sein, wenn auch eine derartige Patchwork-Familie heutzutage eher die Regel als die Ausnahme darstellt.

Nick Hornby – Juliet, Naked

CD (c) Günter Havlena/PIXELIO

„Du ziehst aus“, sagte Annie. „Oh. Hoppla. Wow. Nein, nein, nein, davon habe ich nicht gesprochen“, protestierte Duncan. „Du vielleicht nicht. Aber ich spreche davon. Ich habe mein halbes Leben an dich vergeudet, Duncan. Oder zumindest das, was von meiner Jugend noch übrig geblieben war. Ich werde keinen weiteren Tag vergeuden.“ Sie ging zu ihrer Tasche, zog eine Zehnpfundnote hervor, warf sie auf den Tisch und ging hinaus.

Mit diesem Roman kehrt Nick Hornby wieder zu seinen musikalischen Wurzeln zurück. Im Zentrum steht ein Rocksänger, der zuerst nur aus dem Blickwinkel seines Fans Duncan und dessen Freundin Annie in Erscheinung tritt. Deren Beziehung gerät ins Wanken durch unterschiedliche Meinung über das neue Album des Rocksängers Tucker Crowe, den Duncan wie einen Gott verehrt. Annie zweifelt an den vergangenen 15 Jahren ihres Lebens und sucht nach neuen Wegen.

„Nun, viele Menschen, die ich kenne, führen eine unglückliche oder frustrierende Ehe. Oder eine langweilige.“ – „Und?“ – „Sie sind trotzdem eigentlich ganz zufrieden.“ – „Sie sind glücklich in ihrem Elend.“ – „Sie haben sich damit arrangiert, ja.“

Haiauge, Herzinfarkt und Farmer John begleiten Annie, Tucker und Duncan auf ihrer gemeinsamen Suche nach einem neuen Leben. Und natürlich die Musik. Bei Duncan kann man zwar den Lerneffekt nicht so eindeutig feststellen, aber zumindest Annie und Tucker haben am Ende des Buches dazugelernt und können von nun an hoffentlich mehr aus ihrem Leben machen.