Hansjörg Schertenleib – Nachtschwimmer

Zwei jugendliche Liebende. Die eine mit einem offensichtlichen Problem (ihre prekären Lebens- und Familienverhältnisse), das sich als wesentlich ernster herausstellt, als zuerst klar ist, der andere mit einer tiefer liegenden Krise (Schuldgefühle wegen des Unfalltods des kleinen Bruders).

Gibt es einen Moment, in dem eine Entscheidung einfach unausweichlich wird? Oder ist es eigentlich jeden Tag eine neue Entscheidung, zu gehen oder zu bleiben? Oder ist es erst eine Entscheidung, wenn die Entscheidung für das Gehen ausfällt?

Paulus Hochgatterer – Wildwasser

Weißt du, sagte ich zu ihr, was mein Vater einmal zu mir gesagt hat, als wir vom Fußweg aus die Lammeröfen besichtigten? Manche springen da hinunter, hat er gesagt, und sind tot, und manche springen nicht hinunter und sind auch tot.

Dieses (für mich) dritte Werk von Paulus Hochgatterer beschäftigt sich wiederum mit einem Jungen, der mit seiner Gesamtsituation unzufrieden ist. Der Verlust des Vaters lässt ihm keine Ruhe, Mutter und Schwester sind ihm fremd. Zurückgeblieben ist nur ein Paddel, das Jakob nun an sein Fahrrad schnallt, um sich auf die Suche nach dem vermissten Vater zu begeben. Auf seiner Tour landet er schließlich im Pfarrhaus eines Kaplans, bei dessen griesgrämiger Mutter und einem Mädchen, das selbst einiges durchgemacht zu haben scheint. Auf diesem verwinkelten Pfad kommt Jakob der Lösung des Rätsels schließlich näher.

Irgendwie hatte ich bei diesem Buch echt das Gefühl, ich würde mal gerne wieder etwas nur zum Spaß lesen. Die psychischen Abgründe sind spannend und es schadet sicher nicht, sich mit Ängsten und Gefühlen auseinanderzusetzen, aber irgendwann ist es dann auch wieder mal genug.

Wenn man sich für Hochgatterers abgründige Ausflüge ins dunkle Land der Seele (aus dem Klappentext) interessiert, würde ich am ehesten Caretta Caretta empfehlen. Trotz der scheinbaren Abgebrühtheit des Protagonisten spürt man eine emotionale Fallhöhe, die sich am Ende in einem stimmigen Finale auflöst. Eigentlich ist ihm das auch bei Wildwasser gelungen. Aber für meinen Geschmack bleiben zu viele Fragen offen.

Bov Bjerg – Auerhaus

Als dieser Roman letztes Jahr erschienen ist, habe ich mehrere Rezensionen in Blogs darüber gelesen (zumindest bilde ich mir das ein). Da meine Notizen in diesem Fall wieder mal versagen, kann ich jetzt nur noch die Rezension der Kaltmamsell anführen. Erwähnenswert ist das deshalb, weil ich beim Lesen ständig das Gefühl hatte, das Buch schon zu kennen.

Frieder hat einen Selbstmordversuch begangen. Nach der Entlassung aus der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses darf er ins verwaiste Haus seines Großvaters einziehen, soll jedoch nicht allein wohnen. Sein Freund Höppner (Erzähler der Geschichte) zieht mit ein. Weitere Persönlichkeiten mit unterschiedlichsten Lebensgeschichten gesellen sich dazu, eine Gemeinschaft entsteht, einige Monate geht alles gut. Zu den gelegentlichen Lebensmitteldiebstählen (fast alle Bewohner gehen noch zur Schule, der Haushalt muss irgendwie bestritten werden) kommen schließlich Straftaten hinzu, die nur als jugendlicher Unfug bezeichnet werden können. Höppner muss um sein Abitur bangen und kämpft mit der Entscheidung, wie er dem Wehrdienst entkommen kann.

Die Geschichte ist in kurzen Episoden erzählt, die meisten Kapitel sind nur wenige Seiten lang. Damit entsteht das Gefühl eines Tagebuchs, der Erzähler dokumentiert die Vorgänge im Auerhaus (eine Verballhornung von Our House) scheinbar unbeteiligt, aber doch immer mittendrin. Die Erlebnisse der Jugendlichen lesen sich flüssig, man sieht die Stimmung Stück für Stück kippen und bleibt bis zum schmerzhaften, aber guten Ende dabei.

Ganz besonders mochte ich den Schluss von Auerhaus: Es ist immer schwierig, eine lange Geschichte befriedigend zu beenden, Bov Bjerg hat das geschafft. Kaltmamsell

Justin Torres – Wir Tiere

Wir schlugen immer weiter; wir durften sein, was wir waren, verängstigt, rachsüchtig – kleine Tiere, die sich an das krallten, was sie brauchten.

Lange habe ich nicht wirklich gewusst, was ich über dieses Buch schreiben soll, dann kam mir die Wrintheit mit @holgi und @silentiffy dazwischen. Da wurde unter anderem über Begabungen gesprochen. Gibt es genetisch veranlagte Begabungen oder entstehen diese nur durch entsprechende Förderung?

Wir Tiere beschreibt die Kindheit und Jugend dreier Brüder aus der Sicht des Jüngsten. Die Buben wachsen in einer amerikanischen Unterschicht-Familie auf, bleiben oft unbeaufsichtigt, lernen sich durchzuschlagen, lernen auch, dass Gewalt und Aggressionen im täglichen Leben auf der Tagesordnung stehen. Der jüngste Bruder zeigt andere Anlagen als die beiden älteren Buben, er ist sensibler, er zeigt Potential in der Schule, je älter er wird, umso mehr wird ihm und auch seinen Brüdern klar, dass er anders ist, nicht wie sie. Das Finale kommt überraschend und vieles bleibt offen.

Auch im Roman bleibt die Frage offen, was aus dem Buben werden hätte können, wäre er in ein anderes Umfeld hineingewachsen. Hätte er sich anders entwickeln können, wenn seine Eltern mehr Zeit gehabt hätten, sich um die Kinder zu kümmern? Wieviel von der Entwicklung des einzelnen Menschen wird von der genetischen Veranlagung bestimmt und wieviel im täglichen Leben erlernt? Mit diesem Thema möchte ich mich definitiv weiter beschäftigen.

Madeleine L’Engle – Die Zeitfalte

Meg überlegte wieder.
„Charles Wallace sieht doch überhaupt nicht anders aus!“ sagte sie schließlich.
„Nein, Meg. Aber nie darf man Menschen allein nach ihrem Äußeren beurteilen. Was Charles Wallace so anders macht, liegt nicht an seinem Aussehen, sondern in seinem Wesen.“

Reading Challenge: A book you were supposed to read in school, but didn’t

Im Prinzip kann ich diese Kategorie nicht erfüllen, ich hab tatsächlich alle Bücher gelesen, die wir von der Schule vorgeschrieben bekamen. Also habe ich mich entschlossen, eines aus meiner Schulzeit nochmal zu lesen und dieses ausgewählt, weil es Cece von problemsofabooknerd mal erwähnt hatte. Sie hatte es lobend erwähnt, ich meine mich zu erinnern, dass es mir in der Schulzeit nicht gefallen hätte.

Stellt sich raus: es gefällt mir immer noch nicht. Mit dieser trotzigen, besserwisserischen, wütenden Hauptfigur Meg kann ich mich einfach nicht identifizieren. Ständig macht sie ihrer Umgebung Vorwürfe, ohne jemals irgendwelche Fehler bei sich selbst zu suchen. Natürlich soll man nicht immer nur die Fehler bei sich selbst suchen, aber immer allen anderen die Schuld zuzuschieben, ist eben auch unsympathisch.

Auch das fantastische Setting, das Reisen auf fremde Planeten, die vielen Wesen, die Meg und ihre Familie kennenlernen, ist mir irgendwie zu abgehoben. Ganz schön viel Aufwand für die simple Message, dass wir uns nicht nur auf unsere Augen verlassen, sondern mehr auf unser Herz hören sollen.

Jay Asher – Thirteen Reasons Why

In the end, everything matters.

Obwohl das Thema so traurig ist, bleibt am Ende ein Funken Hoffnung. Hannah Baker hat Selbstmord begangen. Vor ihrem Tod hat sie 13 Audiokassetten bespielt mit ihren Erfahrungen mit Menschen, den Situationen und Entwicklungen, die zu ihrer Entscheidung geführt haben, sich selbst das Leben zu nehmen.

Viele der Personen, die in Hannahs Geschichten vorkommen, haben ihr tatsächlich Unrecht getan, manche andere haben aber einfach weggeschaut. Selbstmordgedanken kommen nicht aus dem Nichts, ein langer Prozess läuft vor dieser Entscheidung ab, Anzeichen sind da und sollten nicht ignoriert werden. Das Buch ist ein großes Plädoyer, mehr auf unsere Mitmenschen zu achten. Nachzufragen. Hinzuschauen.

I guess that’s the point of it all. No one knows for certain how much impact they have on the lives of other people. Ofentimes, we have no clue.

Reading Challenge: A book that made you cry

Stephen Chobsky – The perks of being a wallflower

I don’t know if you’ve ever felt like that. That you wanted to sleep for a thousand years. Or just not exist. Or just not be aware that you do exist. Or something like that. I think wanting that is very morbid, but I want it when I get like this. That’s why I’m trying not to think. I just want it all to stop spinning. If this gets any worse, I might have to go back to the doctor. It’s getting that bad again.

Charlie besucht seit Kurzem die High-School. Das Buch ist aus seiner Perspektive erzählt, er schreibt Briefe in der Art eines Tagebuchs an eine unbekannte (vielleicht auch ausgedachte?) Person, in der er seine Erlebnisse und vor allem auch seine Gefühlszustände beschreibt. Der Leser erlebt durch Charlies Augen die wirren Gefühlslagen von Teenagern im Laufe des Erwachsenwerdens inklusive der Selbstfindung, des Entdeckens der eigenen Sexualität, der (manchmal gescheiterten) Beziehungen der Eltern und der Suche nach dem eigenen Platz in der Welt. Das Ende hält einen Knalleffekt bereit, der vieles auflöst, was vorher unklar war, aber auch ein völlig anderes Licht auf bisher Geschehenes wirft. Special.

He got this very serious look on his face after I told him, and he said something to me I don’t think I will forget this semester or ever.
“Charlie, we accept the love we think we deserve.”

Paul Murray – Skippy stirbt

Nach und nach dämmert einem die schreckliche Wahrheit – dass die Zukunft nicht die Achterbahnfahrt sein wird, die man sich vorgestellt hat, dass die Welt der Eltern, die Welt, in der man abwaschen, zum Zahnarzt gehen und am Wochenende im Baumarkt Bodenfliesen kaufen muss, weitgehend das ist, was die Leute meinen, wenn sie „Leben“ sagen.

Es ist kein Spoiler, wenn ich hier gleich am Anfang verbreite, dass Skippy tatsächlich stirbt und zwar schon auf den ersten 12 Seiten. Wie es dazu kommt und was in den Wochen und Monaten vor Skippys Tod passiert, ist der Inhalt der ersten Hälfte des Buches. Der Leser lernt Skippys Umwelt in der katholischen Burschenschule Seabrook in Dublin kennen. Skippy ist ein Außenseiter mit wenigen Freunden, sein Verhältnis zu seinen Eltern ist nicht besonders gut, aus der Schwimmmannschaft will er aussteigen. Und schließlich verliebt er sich in Lori, die die benachbarte Mädchenschule besucht.

Eigentlich ist Skippy nur dem Titel nach der Protagonist dieses Romans, denn im zweiten Teil, der die Ereignisse nach seinem (für seine Umwelt) überraschenden Ableben beschreibt, kommt er nur noch in der Erinnerung derer vor, die ihn kannten und deren Leben Skippys Tod für immer beeinflusst hat. Fein gezeichnet beschreibt der Autor, wie sich die von den Medien zur tragischen Julia stilisierte Lori in die Magersucht flüchtet. Wie Skippys Zimmergenosse Rupprecht sich zuerst in Donuts vergräbt und dann auf wissenschaftlichem Wege versucht, mit dem Verlust seines Freundes fertigzuwerden. Wie Skippys Lehrer Howard Fallon mit seinem Gewissen ringt, weil er (mehr oder weniger) unfreiwillig Mitglied eines Vertuschungskomplotts (katholische Burschenschule, muss man mehr sagen?) geworden ist. Wie Carl, der ebenfalls in Lori verliebt ist, sich von dem toten Jungen verfolgt fühlt und mehr und mehr im Drogensumpf versinkt.

Es ist so, verstehst du, in jedem Ofen ist ein Feuer. Na ja, und in jedem Grashalm ist ein Grashalm, der sozusagen darauf brennt, ein Grashalm zu sein. Und in jedem Baum ist ein Baum, und in jeder Person ist eine Person, und in dieser Welt, die so langweilig und stinknormal aussieht, ist, wenn du genau hinschaust, eine total spannende, magische, schöne Welt. Und alles, was du wissen willst, oder alles, was in deinem Leben passieren soll, alle Antworten sind genau da, wo du jetzt bist.

Ins Regal stellen möchte ich dieses Buch direkt neben Ich bin Charlotte Simmons. Nicht nur der Umfang des Buches und das Setting an einer Schule verbinden die beiden Romane in meinen Augen miteinander. Es ist mehr das Thema, dieses Sich-Zurechtfinden-Müssen in einer Welt, die sich ständig ändert, die den Jugendlichen täglich neue Aufgaben stellt, die sie bewältigen müssen und von denen sie sich manchmal überfordert fühlen. Beide Romane zeigen auf, dass man Fehler machen und aufstehen und noch mehr Fehler machen kann. Wichtig ist nur, dass man wieder aufsteht und weitermacht. Erstaunlicherweise gelangt auch Skippy stirbt zu einem versöhnlichen Schlusspunkt, der kaum noch zu erwarten war.

Aber solche Sachen wie die Welt-in-dieser sind so groß, die kann man nicht allein im Kopf behalten. Man braucht wen, der einen daran erinnert, oder dem man davon erzählen kann, und man muss es einander immer wieder erzählen, das ganze Leben lang.

Reading Challenge: A book based entirely on its cover
(Spontankauf am Flohmarkt)

Morgan Matson – Amy & Roger’s Epic Detour

I knew in that instant the trip had suddenly gotten a lot more complicated.

Das war dann auch der Moment, wo mir klar war, das Ende ist vorhersehbar. Was auch stimmte. Aber der Weg dorthin war einfach magisch. Zufriedenstellend in jeder Hinsicht.

Die Kurzfassung: Amy soll gemeinsam mit Roger, den sie angeblich aus der Kindheit kennt, das Auto ihrer Mutter von Kalifornien nach Connecticut fahren. Amy selbst fährt eines Unfalls wegen nicht Auto. Sie ist nicht begeistert von der Aussicht, vier Tage lang mit einem Unbekannten in einem Auto eingesperrt zu sein. Aber natürlich entwickelt sich alles in eine gute Richtung. Es stellt sich heraus, dass nicht nur Amy mit sich zu kämpfen hat. Ihre Familie ist zerbrochen während Roger an der fehlgeschlagenen Beziehung zu Hadley knabbert.

Strange perfume lingered in the air, things were put in the wrong place, and a few more of the memories that resided in the walls seemed to have vanished.

Amy zweifelt an sich selbst. Ein schönes Symbol ist ihr Zimmer im Haus, das sie nun verlassen soll: die Immobilienmaklerin hat daraus ein Mädchenzimmer gemacht. Amy vergleicht sich mit der Amy! die sie sein könnte. Oder von der sie glaubt, dass sie es eben niemals schaffen wird, so zu sein.

… it seemed like the room had become a version of myself that I would never live up to.

Tatsächlich entdeckt Amy auf der Reise eine andere Version von sich, die sie auch sein könnte. Es ist schön zu lesen, wie sie sich Stück für Stück verändert. Anhand der Menschen, die sie trifft, werden neue Teile von Amy enthüllt, die der Leser noch nicht kennt und sie selbst zu vergessen oder zu verdrängen scheint.

I looked down at all the beautiful things that were suddenly mine and realized that Bronwyn hadn’t given me clothes – she’d taken away my camouflage. She’d made it impossible to keep hiding.

Schaut man genau hin, findet man auch allgemeine Lebensweisheiten (aka Kalendersprüche), die nicht nur in einer Trauerphase helfen, sondern prinzipiell irgendwohin tätowiert gehören. Tomorrow will be better.

Und die Musik … Natürlich brauchen Roger und Amy Musik für ihre Tour durch Amerika. Die Kapitel werden begleitet von Roger’s Playlists und später kommen auch Amys Musicals dazu. Bei jeder Playlist war zumindest ein Song einer mir bekannten (aber im hiesigen Mainstream völlig unbekannten) Band dabei, was mich jedes Mal in quiekenden Jubel ausbrechen ließ. Jack’s Mannequin – Miss California. The All-American Rejects – Drive Away. New Found Glory – Familiar Landscapes. We Are Scientists – Nobody Move, Nobody Get Hurt. Quietdrive – Time after time (nicht meine Lieblingsnummer und schon gar nicht mein Lieblingscover, aber Quietdrive!!!). Fall Out Boy – Sugar, we’re goin’ down (nach dem 4. FOB-Album noch immer ein all-time-favourite). The Fray – Where The Story Ends. Und dann schließlich Amis Musical-Playlist. Wicked. Spring Awakening. Avenue Q. Ich möchte mir bei Gelegenheit noch die kompletten Playlisten anhören, eventuell reiche ich Youtube-Playlists nach (hat das schon jemand gemacht vielleicht? jemand hat!)

Dieser kommt zwar nicht in der Songliste vor, aber als Staatsmotto: Per aspera ad astra. Ein Song von Acceptance, den ich auf Youtube nicht finden konnte. Und außerdem das Staatsmotto von Kansas. Through adversity to the stars. Und offenbar auch der Universität Klagenfurt. Wieder was gelernt.

What I wanted was some kind of guarantee, and he couldn’t give that to me. Nobody could.

Am Ende war ich dermaßen in die Story gefallen, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte und die zweite Hälfte praktisch an einem Tag weggelesen hab. Was mir jetzt fast schon wieder leid tut, weil so gut unterhalten werde ich in nächster Zeit vermutlich nicht mehr. Es kann einfach nicht viele Geschichten geben, die SO gut sind. Ein Kandidat für das Buch des Jahres, möglicherweise bereits das Buch des Sommers.

Adele Faber, Elaine Mazlish – How to talk so teens will listen & listen so teens will talk

Mein Patenkind ist inzwischen zu einem jugendlichen Mädchen herangewachsen, ein junger Teenager, aber doch nicht mehr ganz Kind. Das spüren die Eltern, aber auch ich im Gespräch mit ihr immer wieder daran, dass sie sich einerseits viele Gedanken macht und sich die Themen in den letzten Monaten deutlich verschoben haben. Daraus folgt aber auch, dass sie alles in Frage stellt, speziell die Regeln, die ihre Eltern für sie aufstellen. Wie geht man mit einem Kind in diesem Alter um?

Im ersten Kapitel habe ich einiges wiedergefunden, was ich bereits aus dem Vorgängerbuch How to talk, so kids will listen … kannte. Speziell das Zuhören anstatt Kommentieren habe ich bereits mit Erfolg angewandte (und zwar bei Weitem nicht nur bei Kindern, es funktioniert bei Erwachsenen auch ganz hervorragend). Es ist nicht so leicht, wir haben uns angewöhnt, die Gefühle von anderen in Beziehung zu unseren eigenen zu setzen und uns vorzustellen, wie wir uns in dieser Situation fühlen würden. Das funktioniert bei Erwachsenen, die Probleme austauschen, meist ganz gut, weil beide Seiten wissen, dass genau das passiert. Bei Jugendlichen fühlt man sich als Erwachsener schnell überlegen, man glaubt, man „weiß es besser“, man nimmt die Gefühle der jugendlichen Person nicht ernst (weil man natürlich selber weiß, dass das erste „miteinander-gehen“ mit einer interessanten Person zumeist von langfristiger Bedeutung ist). Doch gerade dieses nicht-ernst-nehmen führt bei Jugendlichen dazu, dass sie den Eltern (oder anderen Bezugspersonen) gar nichts mehr erzählen wollen. So banal das klingt: Die Gefühle der anderen Person sollte man in jedem Fall akzeptieren, auch wenn sie einem selbst lächerlich erscheinen mögen.

So weit so gut. Weitere Tips und Beispiele lassen mich dann eher kopfschüttelnd zurück. Obwohl ich selbst nicht Mutter bin, kenne ich viele Geschichten aus der Realität und weiß daher, dass es ganz ohne Bestrafungen nicht geht. Die vorgeschlagenen Alternativmethoden:

  • State your feelings.
  • State your expectations.
  • Show how to make amends.
  • Offer a choice.
  • Take action.

In den erklärten Beispielen läuft es dann am Ende dann doch wieder auf Strafe hinaus. Am Ende Fußballverbot.

Das nächste Kapitel gibt Ratschläge, wie man gemeinsam an Problemlösungen arbeiten kann. Klingt in der Theorie alles ganz praktisch, aber ich kann mir gut vorstellen, dass in der Praxis bei allen Beteiligten die Emotionen hochgehen. Allein schon der Punkt „invite your teenager to brainstorm with you“. Ich höre es direkt in meinem Kopf: „Ist ja dein Problem, für mich ist eh alles super.“ Nehmen wir einen kurzen Moment an, es kommt zu einem gemeinsamen Brainstorming und man einigt sich mit dem Teenager auf einen Plan. Was, wenn dieser nicht eingehalten wird? Auch das kenne ich aus dem eigenen Leben: man vereinbart ein Verhalten, dieses wird nicht eingehalten, man muss Konsequenzen ziehen. Teenager leben im Moment und vergessen oft, was ihr Verhalten gerade jetzt später für Konsequenzen nach sich ziehen kann.

Besonders spannend fand ich dann das Kapitel, in dem die Jugendlichen zu Wort kamen. Das Buch beschreibt ein experimentelles Workshop-Programm, das die Autorinnen in einer Schule mit betroffenen Eltern durchführten. An einem späteren Abend setzten die Autorinnen sich nur mit den Jugendlichen zusammen, um ihre Perspektive zu sehen und zu hören, was ihnen wichtig ist. Dabei musste es natürlich auch um Gruppenzwang gehen und darum, was man tut oder nicht tun sollte, nur weil die anderen es auch machen. Ein Thema, das jeder Erwachsene aus der Praxis kennt und sich vorstellen kann.

I was touched by what the kids were saying. Their friends were so important to them that some of them were willing to give up part of themselves in order to be part of the group. And yet they all knew, on some level, what gave meaning to a mutually satisfying friendship.

Auch ich hatte letztens den Eindruck, dass mein Patenkind prinzipiell weiß, was richtig ist. Aber ich muss zugeben, dass ich manchmal Zweifel habe, ob sie ihre Prinzipien auch gegen den Gruppenzwang durchsetzen würde, wenn sie befürchten müsste, damit allein dazustehen.

Die meisten Kinder wissen in den Situationen, die ihnen im Alltag begegnen, was richtig und falsch ist. Es ist falsch, einen Rollstuhlfahrer auszulachen. Es ist falsch, ein anderes Kind zu hänseln, weil es rote Haare hat oder dicker oder dünner als der Durchschnitt ist. Es ist falsch, ein anderes Kind wegen irgendwelchen Äußerlichkeiten abzukanzeln. Aber es ist sehr schwierig, eine Meinung auch nur kundzutun, wenn man bereits weiß, dass man sich damit in einer Gruppe exponiert. Sich gegen die Gruppe zu stellen ist das Schwierige. Diesbezüglich bin ich mir noch unschlüssig, wie wir das unseren Kindern vorleben können (weil ich überzeugt bin, dass Vorleben als Erziehungsmethode am besten funktioniert). Kinder brauchen Orientierung und die bekommen sie von ihren Bezugspersonen. Aber nicht jede Situation ergibt sich im Alltag. Ich bin heute noch vorsichtig, eine konträre Meinung in einer größeren Gruppe laut zu äußern, weil ich selbst die Erfahrung gemacht habe, dass man damit nicht nur die Stimmung empfindlich zerstören sondern sich auch zur Zielscheibe machen kann. Und gerade eine Zielscheibe möchte kein Jugendlicher sein. Das wiederum sollten sich auch die Eltern merken: das Kind nicht zur Zielscheibe der eigenen (unerfüllbaren) Wertvorstellungen zu machen.

But fortunately, silence is not our only option. If ever we find ourselves becoming annoyed or angry with anyone in the family, we need to stop, take a breath, and ask ourselves one crucial question: How can I express my honest feelings in a way that will make it possible for the other person to hear me and even consider what I have to say?

Kommunikation kann nur beidseitig funktionieren und deshalb sollten natürlich auch die Kinder lernen, dass gegenseitiges Beschuldigen, Schimpfen, sich Vorwürfe machen keine gute Strategie ist. Aber wie sollen sie das lernen, wenn sie genau das von ihren Eltern immer wieder erleben? (siehe oben: Vorleben) Die Autorinnen raten dazu, die eigenen Gefühle zu beschreiben, anstatt sich gegenseitig Vorwürfe zu machen. Nicht einfach, vor allem, wenn man nicht gewohnt ist, Gefühle zu beschreiben. Umso wichtiger wäre es, dass wir das unseren Kindern beibringen, damit sie später in der Lage sind, sich in Worten auszudrücken und nicht herumzubrüllen oder möglicherweise aggressiv mit Tellern zu werfen.

Auch wenn ich so meine Zweifel habe, wie sich die einzelnen Methoden tatsächlich in der Praxis bewähren können, habe ich doch für mich einige interessante Anregungen aus diesem Buch beziehen können. Und sei es nur, dass ich selbst nach einem harten Arbeitstag gleich mal klarstelle, dass ich grumpy bin und heute keine Diskussionen mehr führen will. Das kann auch im Umgang mit dem Partner durchaus mal von Vorteil sein. ;-)