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Roman

Tuomas Kyrö – Der Grantige

CN: Alter, Krankheit


Ein weiterer Beitrag aus der Reihe Literatur-Geocache, den ich recht amüsant fand. Ich habe die Granteleien eines alten weißen Mannes in Finnland an einem Abend durchgelesen. Obwohl viel des Grants auf das reine Altern zurückzuführen ist, scheinen zwischen den Zeilen weiche Züge durch.

Der Grantige empört sich über das verschwenderische Leben der heutigen Jugend und deren Bequemlichkeit, die ihm zeit seines Lebens nicht vergönnt war und die er sich heute selbst nicht vergönnt. Und er grantelt über den Verlust seiner Selbstbestimmung, weil ihm aufgrund mangelnder Reaktionsfähigkeit der Führerschein abgenommen wird und der Sohn ihn mittels eines Mobiltelefons „überwachen“ will. Wir sehen aber auch einen alten einsamen Mann, der im Pflegeheim die Hände seiner (mutmaßlich dementen) Frau hält.

Vom Leben bleibt einem nichts und man kann nicht daraus mitnehmen. Wenn man das begreift, steigt der Wert auch dieser gewöhnlichen Minute gewaltig, sage ich euch. Aber ein Mann kann nicht mehr tun, als er tun kann.

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English Humor Jugend Satire

Sue Townsend – The Secret Diary of Adrian Mole (aged 13¾)

CN dieses Buch: Erwähnung von männlichen Geschlechtsteilen
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I sang a few carols for the old ladies. I made two pounds eleven pence out of them so I went to Woolworth’s to buy Pandora’s Chanel No. 5. They hadn’t got any so I bought her an underarm deodorant instead.

Hilarious. Ein bissig spottender Blick in das Leben und die Seele eines Jugendlichen mit all seinen Problemen: erste Verliebtheit, körperliche Veränderungen, Ärger mit den Eltern und so weiter. Anhand der erwähnten Hochzeit von Prince Charles und Diana lässt sich das Buch zeitlich im Jahr 1981 in Großbritannien verorten.

Mit größtmöglicher Naivität stolpert der Protagonist von einem Tag in den anderen. Die Einträge sind manchmal nur wenige Zeilen lang, selten länger als eine Seite. Adrian schickt Gedichte per Briefpost an die BBC. Er versteckt Herrenmagazine unter seiner Matratze. In einem Eintrag  beschreibt er minutiös einen Klassenausflug ins Museum, der in totalem Chaos ausartet. Schwarzer Humor trieft geradezu zwischen den Zeilen hervor. Ein zwangloser Spaß für Zwischendurch.

Grandma Mole came to tell me that the end of the world was announced at her Spiritualist church last week. She said it should have all ended yesterday.
She would have come round sooner only she was washing her curtains.

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English Roman

Emily Temple – The Lightness

CN dieses Buch: sexuelle Handlungen, Suizid
CN dieser Post: –


Meta: Im letzten Post hatte ich ja schon ein bißchen darüber philosophiert, wie die Linsen, durch die wir unsere Buchauswahl treffen, diese Auswahl beeinflussen. Dieses Buch ist dafür auch ein sehr gutes Beispiel. Die Autorin arbeitet als managing director bei der Literaturplattform Lithub, die ich schon seit Längerem verfolge. Diese Linse trägt auch dazu bei, dass ich viele englischsprachige Bücher konsumiere, da diese vermehrt auf Lithub empfohlen werden. (Obwohl ich mir auch erst dann Judith Schalanskys Verzeichnis einiger Verluste auf die Liste setzte, als die englische Übersetzung auf Lithub gefeiert wurde …) Im Prinzip hatte ich diese Linse immer als eine Erweiterung betrachtet, vielleicht lenkt sie mich aber in Wirklichkeit auch zu sehr in eine bestimmte Richtung?


But I had come here, to the Levitation Center, and it was here that something had changed. His pattern, once so familiar, had been broken. You know what they say: once you find what you’re looking for, you stop looking. If you’re smart, that is.

Aus meiner Sicht handelt es sich hier um ein komplexes psychologisches Portrait von der Sorte, die im amerikanischen Literaturbusiness in letzter Zeit so gefeiert werden (andere Beispiele dafür: Ottessa Moshfegh – My Year of Rest and Relaxation oder Olivia Laing – Crudo). Es wird der Leserin schnell klar, dass die Ich-Erzählerin Olivia nicht besonders stabil erscheint. In Rückblenden erzählt sie von ihrem Verhältnis zu ihrem verschwundenen Vater und der gefühllosen Mutter. In der Gegenwart findet ihr Aufenthalt im so genannten Levitation Center statt. Andeutungen in die Zukunft verkünden regelmäßig eine Katastrophe, die sich später ereignen wird, aber eigentlich schon ereignet hat.

If I had left them alone, maybe none of it would have even happened.

Jedoch blicken die Leser*innen nicht nur in Olivias Kopf, durch ihre Erlebnisse und Gespräche mit den anderen wichtigen Personen wird auch deren Hintergrund zeitweise beleuchtet. Sie schreibt immer wieder von der Sehnsucht (want) nach etwas, es scheint eine Sehnsucht nach etwas Unbekanntem zu sein, die sich jedoch mangels Kenntnis dieses Unbekannten in der Sehnsucht nach Menschen oder Erlebnissen manifestiert.

We were all sick with want that summer, stupid with it. I wanted Luke. I wanted Serena. I wanted my father. I wanted belief. I wanted transcendence. It’s not as  though I was unusual. In fact, I was trite. But now, I think this is what disturbs me most about religious seekers, as a group – they want so badly, so obviously.

Auf ihre Weise erweisen sich alle beteiligten Personen letztendlich als vergeblich suchend. Auf unterschiedlichen Wegen versuchen sie, ihre Sehnsucht zu stillen und keine*r gelangt zu langfristigem Frieden. Ist der Weg das Ziel? Oder gibt es manchmal einfach kein Ziel, das wir erreichen könnten? Wenn es kein Ziel gibt, ist dann der Weg das Einzige, was zählt? Ist dann das Weitergehen das Einzige, was zählt?

What’s the matter? we ask. Nothing, we answer. It’s a strange question, forward or backward. What’s the matter? Nothing is the matter. No thing is matter. There is no matter here. Only emptiness.

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English Jugend Roman

John Green and David Levithan – Will Grayson, Will Grayson

Sowohl John Green als auch David Levithan sind Garanten für anspruchsvolle und trotzdem unterhaltsame Jugendliteratur. Beispiele sind etwa The Fault in Our Stars (die Verfilmung aus dem Jahr 2014 ist ebenfalls sehenswert), Every Day (und die beiden Fortsetzungen Another Day und Someday) oder David Levithans Kollaboration mit Rachel Cohn Dash & Lily’s Book of Dares.

me: you have no idea how wrong you are about me.
tiny: you have no idea how wrong you are about yourself.

Es dürfte wohl kein Spoiler sein, wenn ich verrate, dass die Protagonisten des Buches beide Will Grayson heißen und sich zu Beginn nicht kennen, im Verlauf des Buchs aber aufeinander treffen. Im Interview am Ende des Buches erklären die beiden Autoren, wie sie tatsächlich getrennt voneinander die Figuren entwickelt haben, um diese dann Kapitel für Kapitel aneinander heran zu führen.

Wie so oft in Jugendromanen geht es auch hier um die Suche nach der eigenen Identität und das Klarkommen mit der eigenen Vorgeschichte, mit den Voraussetzungen und Umständen, in die wir hineingeboren werden. Eigentlich sollten sich Erwachsenenromane auch mehr mit diesem Thema beschäftigen (wobei sie das bei entsprechender Betrachtung vielleicht ohnehin tun?), weil wer kann schon sagen, sich seiner Identität sicher zu sein? (Falls eine Identität überhaupt etwas Feststehendes sein sollte und nicht eher ein fluides Konzept. In diesem Fall wäre vermutlich das Konzept sich selbst treu zu bleiben hinfällig.) Den Abschluss des Buchs bildet ein Gespräch zwischen den beiden Autoren, in dem John Green über den Konflikt zwischen unserer inneren Identität und der von außen wahrgenommenen Identität erzählt:

I think a lot of the novel is about the weird relationship between identity and existence: In some ways, you are who you are because other people observe you; but in some ways, you are who you are in spite of other people’s observations of you.

Die Verknüpfung dieses Themas mit den philosophischen Überlegungen zu Schrödingers Katze hat mich besonders amüsiert. Und es mir bei der ersten Erwähnung des Bandnamens Maybe Dead Cats nicht mal aufgefallen …

still, what could i say? that i didn’t just feel depressed – instead, it was like the depression was the core of me, of every part of me, from my mind to my bones?

Einer der Will Graysons lebt mit einer Depression. Es gelingt den Autoren meisterhaft, die Isolation dieser Krankheit zu illustrieren; die Art, wie sie die betroffene Person von normalen Menschen abkapselt. Das Unverständnis der Umgebung und die Vorurteile über mental health issues, mit denen depressive Menschen zusätzlich zu ihrer Krankheit zu kämpfen haben, nehmen einen wichtigen Platz ein. Es geht hier nicht nur um Jugendliche, die ihren Platz im Leben suchen, sondern um Jugendliche, die dies unter erschwerten Bedingungen tun und trotzdem einen Weg finden.

all i wanted was one fucking break, one idiotic good thing, and that was clearly too much to ask for, too much to want.

Dazwischen ist das Buch aber auch noch großartig lustig. Die Absurdität, die ich aus Dash & Lily’s Book of Dares erinnere, spiegelt sich hier in den wahnwitzigen Musicalnummern wieder, die ich wirklich gern auf einer Bühne sehen würde. Nicht zuletzt hat mich die Referenz auf einen Film aus meiner eigenen Jugend amüsiert (Charlie Alle Hunde kommen in den Himmel). Mal sehen, ob ich den irgendwo auftreiben kann …

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English Roman

Sylvia Plath – The Bell Jar

The big questions: how to sort out your life, how to work out what you want, how to deal with men and sex, how to be true to yourself and how to figure out what that means – those things are the same today.

Zu Beginn muss ich zugeben, dass ich über Sylvia Plath, ihr Leben oder ihren einzigen Roman The Bell Jar absolut nichts wusste. Ich wusste nicht mal, was die Wortkombination Bell Jar überhaupt bedeutet. Aus dem Buch habe ich dann erfahren, dass es sich um eine Glasglocke handelt (ich musste an jene denken, in der in Die Schöne und das Biest die Rose langsam ihre Blätter verliert). Etwas erstaunt war ich dann, als ich schon in der Einleitung von Frances McCullough aus dem Jahr 1996 las, dass dieses Buch im englischsprachigen oder amerikanischen Sprachraum als weibliches Pendant zu J. D. Salingers Fänger im Roggen gehandelt wird (… it quickly established itself as a female rite-of-passage novel, a twin to Catcher in the Rye). Beide Bücher beschäftigen sich mit dem Übergang von der jugendlichen Lebensphase in die Erwachsenenphase. Der Fänger im Roggen war eines der Bücher, an die ich mich erinnere, weil die gesamte Klasse sie im Deutschunterricht damals lesen musste. Viele andere Bücher wurden jeweils nur in der Form durchgenommen, dass ein*e Schüler*in sie lesen und dann ein Referat darüber halten musste. Neben Der Fänger im Roggen erinnere ich mich an Gernot Wolfgrubers Herrenjahre und Die neuen Leiden des jungen W. von Ulrich Plenzdorf. Als „weibliches Gegengewicht“ hatten wir in meiner Erinnerung Elfriede Jelineks Die Klavierspielerin.

Während der Lektüre fragte ich mich dann natürlich, warum The Bell Jar damals nicht in unserem Literaturkanon vorkam. Ich habe seit meiner Kindheit extrem gern gelesen und auch schwierigere Werke, die eigentlich nicht meiner Altersklasse entsprachen, konnten mich im Allgemeinen nicht erschrecken. Mit Elfriede Jelinek wusste ich jedoch nichts anzufangen. Und The Bell Jar erschien mir jetzt als wesentlich sinnvollere Alternative für mich und meine damaligen Altersgenossen. (Wobei ich immer noch lieber The Giver vorschlagen würde …)

I could have called down and asked for a breakfast tray in my room, I guess, but then I would have to tip the person who brought it up and I never knew how much to tip.

Was Sylvia Plath in The Bell Jar meisterhaft gelingt, ist die Darstellung der das ganze Leben umfassenden und erdrückenden Unsicherheit, die uns auf der Suche nach uns selbst zurückhält und manchmal sogar erstickt. Ihre Schilderung der Protagonistin Esther in ihrem Zustand der Orientierungslosigkeit, Verzweiflung und Depression hat mich tief beeindruckt. Dass ihre Beschreibung der Depression auf ihren eigenen Erfahrungen beruht, macht die Geschichte noch umso mehr glaubhafter. Das obige Zitat stammt aus dem Beginn des Romans, wo Esther noch scheinbar in die Gesellschaft passt und ihren Weg irgendwie vor sich sieht. Doch selbst da zeigt sich ihre Unsicherheit, ihr Versuch, in die Gesellschaft zu passen und nicht negativ aufzufallen, schon in kleinen Gesten, die sie von den anderen Mädchen in ihrer Gesellschaft abheben.

The trouble was, I hated the idea of serving men in any way. I wanted to dictate my own thrilling letters.

Gleichzeitig findet sich in diesem Roman etwas deutlich Feministisches; unter anderem die Frage, warum das sexuelle Verhalten von Frauen und Männern mit zweierlei Maß gemessen wird. Das wird auch ausführlich erläutert in diesem Lithub-Artikel über eine neu erschienene Biographie über die Autorin. Auch Kritik über ihre Verwendung von rassistischen Begriffen findet dort ihren Platz, wobei ich denke, dass ihre Verwendung von bestimmten Begrifflichkeiten auch in ihrem zeitlichen Kontext gesehen werden muss. Das soll keine Entschuldigung sein, aber ich kann einfach nicht einsehen, warum wir Astrid Lindgren verurteilen sollten, weil Pippi Langstrumpf 1945 keinen Südseekönig, sondern einen Begriff, den wir heute nicht mehr nennen wollen/sollen, zum Vater hatte. Es ist wichtig, sich mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen und sie nicht zu ignorieren, es kann aber in meinen Augen kein Grund sein, um das gesamte Werk einer Autorin zu verdammen.

Lange Rede, kurzer Sinn: The Bell Jar beschreibt eine junge Frau, die auf der Suche ist und daran beinahe zerbricht. Auf der Suche nach dem richtigen Lebensweg, auf der Suche nach sich selbst, auf der Suche nach Verständnis, auf der Suche danach, wahrgenommen zu werden, so wie sie ist. Ich wünschte wirklich, ich hätte das in meiner Jugendzeit lesen dürfen.

To the person in the bell jar, blank and stopped as a dead baby, the world itself is the bad dream.

A bad dream.

I remembered everything.

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Jugend Roman

Julie Buntin – Marlena

We knew that time would force us into sacrifices – we wanted to flame out before making the choices that would determine who we became. When you were an adult, all the promise of your life was foreclosed upon, every day just a series of compromises mitigated by little pleasures that distracted you from your former wildness, from your truth.

Die Autorin beschreibt in diesem Buch eine lebensprägende Jugendfreundschaft zwischen zwei Mädchen. Eines überlebt, das andere nicht. Das klingt gerade wie eine sehr langweilige Geschichte und tatsächlich gibt es Stellen im Handlungsverlauf, die absehbar sind. Das Ende wird vorweggenommen, die erwachsene Erzählerin blickt zurück auf ihre Jugendfreundschaft mit Marlena. Das Spannende daran sind die vielen Erlebnisse, die in der Jugendzeit einen Einfluss auf die Menschen haben. Große Teile der Persönlichkeit sind unfertig, Jugendliche suchen nach ihrem Platz in der Welt und probieren aus, wohin und zu wem sie passen. Die Menschen, an denen sie sich orientieren, üben einen bleibenden Einfluss aus, der sich noch schwerer wieder abschütteln lässt, wenn die Person nicht mehr am Leben ist. Eine komplexe Geschichte, die sich auch in mehr Absätzen nicht sinnvoll beschreiben ließe.

I wanted to be her most important person, because she was mine.

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Jugend Roman

Jesse Andrews – Me and Earl and the Dying Girl

„Urrrnngh.“

„What is that noise.“

„Regretful polar bear.“

Im Gegensatz zu vielen anderen Jugendbüchern, die sich zwar mit schwierigen Themen befassen, aber nicht wirklich die Sprache der Jugend sprechen, zeichnet sich dieses Buch durch eine betont flapsige Sprache aus. Das kann (für die etwas gealterte Leserin) in manchen Momenten etwas anstrengend wirken, bringt aber schön zum Ausdruck, wie sich das Leben von Jugendlichen tatsächlich darstellt. Und führt zu unfassbar lustigen Situationen und Konversationen.

Der erzählende Protagonist beschreibt etwa ausführlich seine intensiven Versuche, mit allen auf seiner Highschool existierenden Gruppen ein neutrales Verhältnis zu haben, nirgends dazuzugehören, nirgends negativ aufzufallen und sich aus allen Konflikten herauszuhalten. Dieser Versuch wird torpediert durch seine entstehende Freundschaft mit der krebskranken Rachel. Herbeigeführt wird diese Entwicklung durch seine Mutter, die ihm nahelegt, eine vormals bestehende lose Bekanntschaft mit dem nun erkrankten Mädchen wiederzubeleben.

Ausführlich beschrieben wird zwischen den Zeilen, wie schwierig uns im Allgemeinen der Umgang mit kranken Menschen fällt. Mitleid scheint fehl am Platz, so zu tun, als wäre alles in Ordnung wird mit fortschreitender Krankheit unmöglich. Greg überlässt Rachel sein Verzeichnis mit möglichen weiterführenden Schulen, in seinem Verständnis, damit Rachel sich selbst eine Schule aussuchen kann (die sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht besuchen wird können). Rachel sucht stattdessen für Greg eine Filmschule aus. An der er sich nicht bewerben will, weil er sich selbst nicht für geeignet hält.

Die zweite Komponente ist Gregs Freundschaft mit Earl, der mit abwesenden Eltern und ruppigen älteren Brüdern aufwächst und seine Perspektive als Manager bei Wendy’s sieht. Die Freundschaft mit der kranken Rachel verändert beide.

Am Ende verwirklicht die Geschichte natürlich genau das, was sie zu Anfang behauptet, nicht sein zu wollen: eine Geschichte über die lebensverändernde Bedeutung von Freundschaft, Krankheit und dem Sterben eines geliebten Menschen.

Randnotiz:

Was für eine wunderbare Sammlung. Man bekommt sofort Reisefieber und will sich Bücher in beide Jackentaschen stopfen, um gleich loszuziehen.

Vor Jahren hatte ich die Idee, etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen, ich habe dann damals auch begonnen, alle Bücher hier im Blog mit den Städten und Ländern zu taggen, mit denen sie in Verbindung stehen. Jetzt gibt es hier bei Lit Cities eine Karte, wo Städte mit Büchern verknüpft sind, eine sehr schöne Umsetzung dieser Idee. Via Mademoiselle ReadOn.

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Roman

Christiane Neudecker – Sommernovelle

Ein paar Meter von uns entfernt schoben ein paar ältere Heeren kindsgroße Figuren über die schwarz-weißen Steinfelder eines riesigen Schachbretts.

Spätestens beim obigen Satz fühlte ich mich in der Zeit verortet, auch wenn das große Schachbrett, auf dem meine Schwester und ich als Kinder im Urlaub gespielt haben, sich in Oberösterreich befand und nicht auf einer deutschen Nordseeinsel. Viele weitere detailreiche Beschreibungen lassen das Leben auf der Insel lebendig werden: Die Beschreibungen der Vogelbewegungen lassen den eigenen Blick zum Himmel wandern, die Episode im Brutgebiet der Möwen erinnert vage an Hitchcock.

Das Buch erzählt vom Besuch zweier Mädchen auf einer Vogelbeobachtungsstation auf einer Insel in der Nordsee, die Helgoland oder Sylt sein könnte oder vielleicht auch tatsächlich einfach fiktiv ist. Die Mädchen wollen etwas für die Umwelt tun, sie wollen sich nützlich machen, sie wollen nicht nur Flyer gestalten und demonstrieren, sondern tatsächlich die Welt ein kleines bißchen besser machen: jugendlicher Idealismus gepaart mit Ratlosigkeit.

Es gab so viele Dinge, gegen die man etwas unternehmen musste, manchmal wurde mir davon ganz schwindelig. Die Umweltverschmutzung. Die Armut in der dritten Welt, der Hunger. Das Waldsterben, die Massentierhaltung, die Nazis. Der Treibhauseffekt. Die Atomwaffen, der Kalte Krieg. Die Sache mit dem Regenwald. Wo sollte man denn da anfangen.

Bestechend daran ist, dass manche Begriffe antiquiert erscheinen (das Waldsterben), aber die zugrundeliegenden Probleme heute noch so aktuell wie damals sind. Das Buch wirft mehr Fragen auf, als es Antworten gibt. Es lässt die Protagonistin und ihre Freundin Lotte an ihrer Naivität, an ihren Idealen scheitern, wie es so typisch für Jugendliche ist. Fehlschläge können zur Resignation führen oder zum Handeln. Die beiden Mädchen entscheiden sich fürs Handeln und gehen ihren eigenen Weg.

„Manchmal bauen Menschen sich Luftschlösser“, sagte er leise. „Aber das heißt nicht, dass in den Schlossgärten nicht ein paar Blumen wachsen können.“

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Roman

Ashley Herring Blake – How to Make a Wish

Dieses Buch stammt wieder mal aus einer Empfehlungsliste von Parnassus. Die Lorbeeren:

This is the book I wanted with all my heart when I was a teen.

Auch wenn meine Jugend keine Parallelen zur Geschichte aufweist, hat mich das Buch doch sehr berührt. Es spricht so viele Themen an, mit denen junge Menschen im Prozess des Erwachsenwerdens konfrontiert werden:

  • Ein schwieriges Verhältnis zu den Eltern. Die Protagonistin Grace lebt mit ihrer Mutter, die nach dem Tod des Vaters ihr Leben nicht mehr vollständig in den Griff bekommt. Grace fühlt sich verantwortlich, beider Leben zu managen und ihre Mutter auch noch vor zu großem Schaden durch Alkoholismus zu bewahren. Sie wird zerrieben zwischen den Plänen für ihr eigenes Leben und dem Verantwortungsgefühl für ihre Mutter.
  • Unsicherheit über die eigene Zukunft. Grace möchte Pianistin werden, eine Audition an einer renommierten New Yorker Musikschule entscheidet darüber, ob sie der Verwirklichung ihres Traums ein Stück näher kommt.
  • Freundschaften verändern sich. Grace’s Freundschaft mit Luca wird auf eine harte Probe gestellt, als Luca eine Beziehung mit Kimber beginnt und somit weniger Zeit und Aufmerksamkeit für Grace aufbringen kann.
  • Sexuelle Identität. Grace fühlt sich sowohl zu Mädchen als auch Burschen hingezogen. Das Klarwerden über die eigene sexuelle Orientierung wird im Buch wenig thematisiert, es wird mehr oder weniger trocken festgestellt, Grace ist bisexuell, das fühlt sich für sie richtig an und damit ist das eben so. Die Vorurteile, die damit nach wie vor verbunden sind (das Häufigste: bisexuelle Menschen wären tatsächlich homosexuell, wollen das aber nicht zugeben), werden nicht thematisiert. (Das wäre aber möglicherweise tatsächlich zu viel gewesen für die ohnehin schon schwer belastete Geschichte.)
  • Selbstzweifel. Grace fühlt sich von ihrer Mutter nicht geliebt und gibt sich dafür selbst die Schuld. Wenn sie nur besser wäre, würde ihre Mutter ihr auch mehr Aufmerksamkeit schenken.

Das Buch endet filmreif mit einem dramatischen Höhepunkt und einem versöhnlichen Ausklang, der in die Zukunft blicken lässt.

Hier gibt’s zum Abschluss noch ein Beispiel dafür, wie sich verschiedene Geschichten begegnen und dadurch vertiefen. Grace übt für ihre Audition die Fantasie in C-Dur von Robert Schumann. Dieses Stück war auch Teil eines Konzertabends, den Mademoiselle ReadOn in diesem Blog Post sehr eindrücklich beschreibt.

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Roman

Hansjörg Schertenleib – Nachtschwimmer

Zwei jugendliche Liebende. Die eine mit einem offensichtlichen Problem (ihre prekären Lebens- und Familienverhältnisse), das sich als wesentlich ernster herausstellt, als zuerst klar ist, der andere mit einer tiefer liegenden Krise (Schuldgefühle wegen des Unfalltods des kleinen Bruders).

Gibt es einen Moment, in dem eine Entscheidung einfach unausweichlich wird? Oder ist es eigentlich jeden Tag eine neue Entscheidung, zu gehen oder zu bleiben? Oder ist es erst eine Entscheidung, wenn die Entscheidung für das Gehen ausfällt?