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English Sachbuch

Helen Scales – The Brilliant Abyss

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Dieses Buch ist mir versehentlich unter gekommen. Auf meine Liste hatte ich tatsächlich ein anderes zum selben Thema geschrieben (Below the Edge of Darkness: A Memoir of Exploring Light and Life in the Deep Sea) und als ich dieses Buch dann in der Liste der Neuerscheinungen in der OverDrive Library sah, kam es zu einer folgenschweren Verwechslung. Wobei die Folge wohl eher sein dürfte, dass ich beide Bücher lesen werde, weil das Thema einfach sehr interessant ist.

Helen Scales beschäftigt sich in diesem Sachbuch mit den Tiefen des Ozeans. Der tief gelegene Meeresgrund wird als letzte Wildnis auf unserem Planeten beschrieben (the last frontier), als von Menschen weitgehend unberührte Natur, in der sich Lebewesen tummeln, wie wir sie uns kaum vorstellen können. Manche von uns haben vielleicht ein Bild von einem Tiefsee-Anglerfisch im Kopf. Viele andere Lebewesen in der Tiefsee sind jedoch viel kleiner und weniger bedrohlich, aber deshalb nicht weniger interessant. Das Buch erzählt von knochenfressenden Bakterien, die auf Walkarkassen leben, biolumeniszenten Mikroorganismen, die bei Nacht aus der Twilight-Zone an die Oberfläche schwimmen, um sich zu ernähren; von Quallen und anderen Arten, die aufgrund ihrer körperlichen Fragilität schwierig zu fangen und zu studieren sind und von den Gefahren, die diesen Ökosystemen drohen.

After specimens have been brought up from the deep, microbiologists take mashed extracts and test them to see whether they might halt cancers or neurodegenerative diseases, or to see if they kill specific pathogens, such as those that cause malaria and tuberculosis.

Besonders interessant fand ich auch das Kapitel, das sich mit der Nutzung von Tiefseeorganismen in der medizinischen Forschung beschäftigt. Neu entdeckte Arten werden im Labor daraufhin getestet, ob ihre genetischen Codes gegen bekannte Krankheiten wirksam sein könnten.

‘The MSC doesn’t certify sustainable fisheries, it certifies managed fisheries.’ The two, as Le Manach points out, are not necessarily the same. […] Nothing prevents a fishery from picking a certifier that has a good track record in giving favourable outcomes, which creates an incentive for certifying agencies to leniently interpret the MSC’s standards. The certifier gets paid; the fishery gets its eco-label.

Informativ fand ich auch die detaillierten Einblicke in die Organisationen, die sich mit dem Schutz und der Regulierung des Meeres befassen. Noch nie gehört hatte ich etwa von der International Seabed Authority. Das MSC-Siegel (Marine Stewardship Council) wiederum kenne ich von den gefrorenen Fischprodukten im Supermarkt, habe mich aber noch nicht im Detail damit beschäftigt, was dieses eigentlich konkret aussagt. Die Autorin hat diesbezüglich mit Expert:innen gesprochen und unterschiedliche Perspektiven beleuchtet. Die Problematik dabei ist, dass ein Gütesiegel nur so gut sein kann, wie die Standards, nach denen es vergeben wird. Wenn diese Standards bei der Zertifizierung dann noch lasch interpretiert werden, dann bleibt von dem gut gemeinten Hintergrundgedanken in der Praxis nicht mehr viel übrig. Gütesiegel können daher eigentlich nur das Gewissen beruhigen, entbinden uns aber nicht von der Verantwortung, uns selbst darüber zu informieren, welche Arten von Überfischung betroffen oder bedroht sind.

Leider musste ich beim Lesen dieses Buchs feststellen, dass die Libby-App bei einem Sachbuch dieser Art an ihre Grenzen stößt.

  • Der Inhalt verweist auf Fußnoten und Quellen, beides ist mit Hochzahlen markiert, somit kann die Leserin nicht unterscheiden, ob die aktuelle Zahl nun auf eine Fußnote oder auf eine Quelle verlinkt.
  • Die Zahlen verlinken auf die jeweiligen Seiten mit der Zusatzinformation, jedoch sind sie teilweise unfassbar schwer zu treffen. Selbst in der größten Schrifteinstellung brauchte ich manchmal mehrere Versuche, bis ich die Zahl so antippen konnte, dass auch tatsächlich der erwünschte Effekt eintritt.
  • Das Buch beinhaltet auch Abbildungen von Tiefseetieren, darauf bin ich jedoch nur aus Zufall gestoßen. Auf die Abbildungen wird nicht verwiesen und auch nicht verlinkt, sie sind allesamt am Ende des Buchs nach den Quellen versammelt und gehen somit komplett unter.

Bei Romanen sehe ich eigentlich schon lange keinen Grund mehr, diese auf Papier zu lesen. Bei Sachbüchern schaut die Lage aus unter anderem den oben genannten Gründen dann doch noch anders aus.

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English Roman

Mitch Albom – The Stranger in the Lifeboat

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At that moment, I sensed my insignificance more than at any other moment in my life. It takes so much to make you feel big in this world. It only takes an ocean to make you feel tiny.

Von Mitch Albom habe ich schon einiges gelesen (Dienstags bei Morrie und One More Day vor dem Beginn dieses Blogs, Der Stundenzähler, The First Phone Call from Heaven und zuletzt The Magic Strings of Frankie Presto). Was in seinen Büchern und Geschichten niemals fehlt, ist die Frage nach der eigenen Bedeutung im Gesamtgeflecht der Welt und der Dehnbarkeit der Zeit. Das spezielle Thema dieses Buchs ist jedoch das Überleben.

It had survived. And witnessing survival can make us believe in our own.

Nach einem Schiffsunglück finden sich einige Überlebende in einem Rettungsboot wieder. Während sie auf ihre Rettung warten, ziehen sie einen weiteren Schiffbrüchigen aus dem Meer, den jedoch keine:r von ihnen je auf der gesunkenen Yacht gesehen hat. Der Fremde stellt sich als Gott vor. Stück für Stück zeigt sich, wie die einzelnen Personen mit ihrer düsteren aber nicht aussichtslosen Situation umgehen. Während die eine alles tut, um das Überleben der anderen zu sichern, gibt sich der andere dem Glauben an die Rettung hin, die ihm aufgrund seiner hohen Stellung ja wohl zusteht. Während der eine an alles glauben möchte, was ihm das Überleben sichert, will die andere keinesfalls von ihren bisherigen Lebenseinstellungen abweichen. Das Thema Überleben hat mich an ein anderes Buch erinnert: Travelling with Ghosts.

This was the story he told himself, and the stories we tell ourselves long enough become our truths.

In einer parallelen Zeitlinie wird das leere Rettungsboot über ein Jahr nach dem Unfall am Strand einer karibischen Insel gefunden. Es gibt keine Spur von jeglichen Überlebenden. In einer Tasche des Rettungsboots findet der örtliche Polizeikommandant das Tagebuch, das Benji, einer der Überlebenden, an Bord geführt hat und das die Leser:innen abwechselnd mit Nachrichtenschnipseln über die vermissten Personen und den Nachforschungen des Polizeinspektors zu lesen bekommen. Dieser rasche Wechsel zwischen kurzen Kapiteln aus mehreren Perspektiven wirkte auf mich stellenweise zerfleddert. Vielleicht ist das aber auch ein bewusster stylistischer Mechanismus, um die Zerfaserung des (Über-)-Lebens auch in der geschriebenen Sprache zu verdeutlichen. Letztendlich gibt es nur den einen Weg, wie Überleben funktionieren kann:

Survive this voyage. And once you do, find another soul in despair. And help them.

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Erfahrungsbericht Memoir

Torre DeRoche – Love with a Chance of Drowning

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You’ll never feel a hundred percent ready. You just have to go.

Wenn mich jetzt mal wieder die Reiselust packt, dann greife ich meistens zu einem der vielen Reisebücher, die ich auf meiner Liste gesammelt habe. In diesem Buch beschreibt die Autorin, wie sie ihren Partner Ivan kennenlernt, der gerade eine ausgedehnte Segeltour im Südpazifik vorbereitet. Obwohl sie mit dem Segeln bisher keine Berührung hatte und auch die Seekrankheit sie sehr plagt, entschließt sie sich schließlich zum Sprung ins kalte Wasser: Sie wird Ivan auf seinem Trip begleiten.

I did it! It seems so hard to believe. All of the pain, discomfort, and torture it took to get here is beginning to face. I faced my greatest fears and I’m still alive. The buzz of this accomplishment brings on a deeply satisfied joy that I’ve never felt before. Even if I never go to sea again, I can keep this sense of empowerment for life.

In vieler Hinsicht geht es immer wieder um die Frage, welche Risiken wollen wir im Leben eingehen. Wie gut können oder müssen wir uns vorbereiten? Und wann ist es Zeit, endlich los zu segeln und darauf zu vertrauen, dass sich für alle auftretenden Probleme immer eine Lösung finden wird?

“You’re here for a good time, not for a long time.” I’ve tried to remind myself of this more than once out on the ocean.

Das obige Zitat kann in meinen Augen sowohl ein Argument für eine solche Reise sein als auch dagegen. Wenn ich auf See die ganze Zeit seekrank bin, ist das wohl kaum eine gute Zeit … Da stellt sich dann wieder die Frage, ob die guten Momente – diese Highlights des Ankommens an einem traumhaften Strand – die Strapazen aufwiegen, die notwendig waren, um dorthin zu kommen. Monatelange Abwesenheit von Freund*innen und Familie geht einher mit der ersehnten Abgeschiedenheit von den Katastrophen der Gesellschaft. Abwesenheit von der Zivilisation bedeutet auch Einschränkungen in der Ernährung (mangels Kühlmöglichkeit auf dem Boot können die beiden frisches Obst und Gemüse immer nur vor Anker konsumieren, wenn es überhaupt zu bekommen ist).

Ich frage mich immer wieder, welche Arten von Reisen ich wohl noch machen werde, wenn das die Situation wieder erlaubt. Ein Segeltrip durch den Südpazifik wird eher nicht dabei sein.

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Roman

Anja Kampmann – Wie hoch die Wasser steigen

CN dieses Buch: Tod, sexuelle Handlungen
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Mit jedem Kapitel ist es mir schwerer gefallen, dieses Buch weiter zu lesen. Die Traurigkeit und die Einsamkeit und manchmal auch die Ausweglosigkeit triefen so dermaßen aus dem Text, dass es für mich beinahe nicht zu ertragen war. Ein richtiges Buch zur falschen Zeit.

Randnotiz: Alena Dillon schreibt in diesem Essay auf Lithub über ihre Schwierigkeiten, in ihrem Buch The Happiest Girl in the World über das Leben in der Welt der Sportgymnastik die schwierigen Themen wie körperliche Übergriffe anzusprechen (bzw. anzuschreiben). Der Text ist im Ganzen sehr interessant, besonders hervorzuheben finde ich allerdings die Argumentation, die sie schließlich dazu bewogen hat, diese Geschehnisse näher zu beschreiben:

Intentionally omitting the topic was, if not downright cowardly, blanching and inaccurate, not to mention a disservice, since readers in our culture could benefit from confronting this material while maintaining the distance of fiction.

Wenn wir uns auf Romanebene mit einem Thema beschäftigen, dann kann es gleichzeitig wahr und nicht wahr sein. Ein Roman kann uns heranführen an Themen, die uns „in der realen Welt“ so unvorstellbar und unerträglich erscheinen, dass wir uns nicht damit auseinandersetzen wollen. Als Beispiele dafür möchte ich unter anderem Octavia E. Butler und Nnedi Okorafor nennen.

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English Erfahrungsbericht Memoir

Juli Berwald – Spineless. The Science of Jellyfish and the Art of Growing a Backbone

CN dieses Buch: Gewalt gegen Tiere
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I’ve left those dreams to others. I turned and walked down the stairs, slipping into the space I’d begun to create for myself.

An diesem einen Abend hat es mich gepackt und ich wollte jetzt und gleich dieses Buch lesen, das irgendwo in der Mitte meiner To-Read-Tabelle seit einiger Zeit herumsteht. Die moderne Technik macht es möglich, tatsächlich ein eBook zu kaufen und sofort loszulesen. Nicht auszudenken, was ich während der aktuellen Situation getan hätte, wenn ich nicht so einfachen digitalen Zugriff auf Unmengen an Büchern hätte. Meistens muss ich sie nicht mal kaufen, weil ich sie digital ausleihen kann. Dankbarkeit für die kleinen Dinge, die uns das Leben erleichtern.

Beim Lesen dieses Buchs musste ich immer wieder im Internet nach Bildern suchen, weil ich mir die beschriebenen Arten von Jellyfish (das Wort ist einfach viel netter als das deutschsprachige Qualle) auf Bildern ansehen wollte. Da gibt es wirklich lustige Exemplare wie zB fried-egg jellyfish, aber auch riesige wie zB barrel jellyfish. Außerdem erinnerte mich die Beschreibung der sehr giftigen box jellys an Shannon Leone Fowler – Travelling with Ghosts, ein Buch, in dem die Autorin ihren Trauer- und Genesungsprozess nach dem Tod ihres Partners aufgrund eines Zusammenstoßes mit dieser Quallenart beschreibt.

Juli Berwalds Buch enthält viele verschiedene Aspekte zum Thema Jellyfish. Sie betrachtet das Thema aus wissenschaftlichen, ökologischen, ökonomischen Perspektiven. Indem sie sich mit Wissenschaftler*innen weltweit zu diesem Thema austauscht, lernt sie über die Bedeutung der Quallen im Ökosystem des Meeres, was ihre Verbreitung begünstigt aber auch was sie gefährdet (in erster Linie die Erwärmung und steigende Säuerung der Meere). Sie beschreibt ihre Reisen zu verschiedenen Orten, an denen sich Quallen beobachten lassen (Japan, Spanien, Israel, Italien – ich hätte gar nicht gedacht, dass es im Mittelmeer Quallen gibt …) und die Menschen, die sie auf diesen Reisen begleitet, was sie antreibt, warum sie sich mit dieser speziellen Tierart befassen und was sie daraus fürs Leben mitnehmen.

Es ist zugleich ein Sachbuch und ein Erfahrungsbericht. Mir hat dieses Format extrem gut gefallen. Ihr persönlicher Zugang hat dieses Thema für mich spannend gemacht, ich wäre sonst sicher nie auf die Idee gekommen, mir Bilder von unterschiedlichen Quallenarten anzusehen. Es gibt da eine unvorstellbare Vielfalt an Meeresbewohnern (sucht doch mal im Internet nach bloody-belly comb jelly …). Ihre Beschreibungen von rauhen Bootsfahrten mit Quallenfischern am untersten Zipfel von Japan oder Schnorcheltrips in Eilat am Golf von Akaba (die Stadt war mir bisher schon bei einem GeoGuessr-Spiel [ein Fernbeziehungsvergnügen] begegnet) haben in mir großes Fernweh entzündet. Ich hoffe wirklich, dass wir bald wieder reisen können, sonst komm ich nie dazu, all diese Orte zu besuchen, die ich bisher nur aus Büchern und Beschreibungen kenne.

As we age, our fire continues to burn, though sometimes the live coals become buried unter the ashes. The jellyfish helped me dig down to a fire inside.

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Roman

Madeline Miller – Circe

Rage and grief, thwarted desire, lust, self-pity: these are emotions gods know well. Buit guilt and shame, remorse, ambivalence, those are foreign countries to our kind, which must be learned stone by stone.

Eine wunderschöne Geschichte, gewoben aus dem Stoff der griechischen Götter- und Heldensagen. Viel gelobt und auf allen Bestsellerlisten des letzten Jahres und zuletzt wieder mal in einem Podcast empfohlen (eigentlich im Rahmen einer Werbeeinschaltung für einen bekannten Hörbuchhändler).

Die Leserin erlebt Circe, die Zauberin der griechischen Mythologie, von ihrem Vater Helios dazu verbannt, allein auf einer Insel zu leben. Aufgewachsen ist sie im Palast ihres Vaters zwischen Göttern und Halbgöttern, ihr wahres Selbst entdeckt sie jedoch im Laufe der Jahrhunderte auf ihrer Insel. Die Einsamkeit prägt ihr Weltbild und entfernt sie schließlich immer mehr von ihrer göttlichen Herkunft, den grausamen Launen der Götter, die mit den Sterblichen spielen, um sich die Zeit zu vertreiben.

I stared into the horizon until my eyes blurred, hoping for some fishermen, some cargo, even a shipwreck. There was nothing.

Bei vielen besonders guten Romanen fällt es mir schwer, zu beschreiben, warum sie eigentlich so gut sind. Circe macht eine Entwicklung durch, sie zweifelt an sich selbst und wächst über sich hinaus. Besonders eindringlich beschreibt die Autorin die Freuden und Sorgen der Mutterschaft. Das Ende habe ich so nicht kommen sehen und es ist perfekt. Das ist etwas, was nur in sehr wenigen Romanen gelingt.

He does not mean that it does not hurt. He does not mean that we are not frightened. Only that: we are here. This is what it means to swim the tide, to walk the earth and feel it touch your feet. This is what it means to be alive.

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Erzählung

Christoph Ransmayr – Damen & Herren unter Wasser

Mit Christoph Ransmayr verbinde ich nach wie vor eine ganz persönliche Nostalgie, immerhin war das erste Buch meiner Aufzeichnungen Die Schrecken des Eises und der Finsternis.

Diese Bildergeschichte habe ich nun schon ewig auf der Liste stehen, weil sie schon immer vergriffen war. Sie gehört zur Reihe Spielformen des Erzählens, in der Christoph Ransmayr bereits die Festrede, die Tirade und das Verhör untersucht hat. Diese Bildergeschichte stützt sich nun auf sieben Unterwasserfotografien von Manfred Wakolbinger, die Christoph Ransmayr als Ausgangspunkt für seine Protagonisten dienen.

Der Erzähler und Ex-Museumswärter Herr Blueher findet sich plötzlich als Großflossen-Riffkalmar in den Tiefen des Ozeans wieder. Er weiß weder, was ihm geschehen ist, noch, ob es einen Weg zurück gibt. Die animalischen Instinkte zwingen ihn zum Überleben, seinen Geist versucht er mit philosophischen Untersuchungen wachzuhalten. Stück für Stück lernt er andere Meeresbewohner mit menschlicher Vergangenheit kennen und erforscht ihre Geschichten auf der Suche nach einer Art Sinn in ihrer Verwandlung. Ein unaufgeregt vor sich hin philosophierender Riffkalmar erforscht das Meer und sucht nach dem Sinn des Lebens. Ein Lesevergnügen.

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Kurzgeschichten

Judith Schalansky – Taschenatlas der abgelegenen Inseln

Auf der endlosen, kugelförmigen Erde kann jeder Punkt zum Zentrum werden.

Dieses Buch hatte ich zuerst jahrelang auf einer Wunschliste, dann habe ich es bei einer meiner Amazon-Bestellungen mitbestellt, dann stand es ewig im Regal. Eigentlich hatte ich es als A book at the bottom of your to-read list aus dem Regal genommen, da die Inseln jedoch in sehr kurzen Episoden beschrieben werden, wird nun A book of short stories abgehakt.

Die zweidimensionale Weltkarte ist ein Kompromiss, der die Kartografie zu einer Kunst zwischen ungehörig vereinfachender Abstraktion und ästhetischer Weltaneignung werden ließ. Am Ende geht es schlichtweg darum, die Welt zu erfassen, nach Norden auszurichten und gottgleich zu überblicken.

Was mich an diesem Buch interessiert hatte, wurde mir schon beim Lesen der Einleitung klar. Seit über zehn Jahren hängt in meinem Büro eine Europakarte, auf der ich die Orte, die ich besucht habe, mit Pinnadeln markiert habe. Es macht mir Freude, mir die Verteilung der Pinnadeln anzuschauen, weiß Flecken auf der Landkarte zu identifizieren und mir Urlaubsreisen auszumalen, die ich unternehmen könnte. In kleinerem Rahmen unternehme ich solche Reisen ständig auf der Geocaching-Map, wenn ich zu planen versuche, welche Caches sich in sinnvoller Reihenfolge kombinieren lassen. Diese Freude am Reisen auf der Landkarte beschreibt auch Judith Schalansky in ihrem Vorwort.

Das Konsultieren von Karten kann zwar das Fernweh, das es verursacht, mildern, sogar das Reisen ersetzen, ist aber zugleich weit mehr als eine ästhetische Ersatzbefriedigung.

Im Taschenatlas hat die Autorin kleine (und nicht so kleine) Inseln versammelt, viele sind unbewohnt, manche versammeln erstaunlich viele Personen auf kleinem Raum. Zu jeder Insel findet man die Information der Fläche in Quadratkilometern sowie die Einwohnerzahl, eine grafische Darstellung der Insel sowie die Entfernungen zu den nächsten Inseln bzw. dem Festland (zur Einordnung auf der Skala der Einsamkeit).

Zu jeder Insel gibt es auch eine Geschichte. Eigentlich sind es weniger Geschichten als Anekdoten, kurze Episoden, die einen interessanten Aspekt herausgreifen und in blumiger Sprache beschreiben. Über St. Helena wird beispielsweise die Ausgrabung des dort verstorbenen Napoleon erzählt.

43 Männer schleppen den Sarkophag in strömendem Regen zur Straße, wo er auf einen Wagen gehievt wird, bedeckt von einem violetten Bahrtuch, mit goldenen Bienen und versalem N bestickt. Drei Tage später, am 18. Oktober 1840, wird der Anker gelichtet. Der Kaiser kehrt heim.

Ein besonders berührendes Beispiel ist die Beschreibung der unbewohnten Insel Semisopochnoi (russisch: hat sieben Hügel).

Hier – über dem pazifischen Feuerring – redet die Erde mit sich selbst, von Menschen weitgehend unbemerkt. Immer wieder kommt es zu Vulkanausbrüchen, die niemanden bedrohen. Der Höllenhundberg ist der lebhafteste. Er wacht mit drei Gipfeln über das schüttere Bergland, das der immerwährend bedeckte Himmel purpurn färbt. Ein paar der Krater stoßen ab und an kleine Rauchfahnen aus, aber das können auch Wolken sein, die an den Gipfeln hängen bleiben.

Unter anderem lernte ich neues über die Schrecken des Eises und der Finsternis. Der Titel geht wohl zurück auf die Namen zweier Schiffe, die während einer Expedition im ewigen Eis eingeschlossen wurden: Terror und Erebus.

Der Schrecken und die Finsternis bleiben verschollen. Eine kleine Insel aus Lavagestein ist Franklins Denkmal, sein Grab aber liegt unter Eis am anderen Pol.

Alles in allem eine spannende Sammlung an Geschichten über Orte, an denen auch ich definitiv niemals sein werde (Untertitel des Buches: Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde). Wer seinen Urlaub zuhause verbringt, wird in dieser Geschichtensammlung sicher etwas Trost finden.

Die Sehnsucht wird immer größer sein, größer als die Befriedigung durch das Erreichen des Ersehnten.

Reading Challenge: A book of short stories

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Roman

Natasa Dragnic – Jeden Tag, jede Stunde

Und kein Regenbogen ist in Sicht. Und keine roten Zauberschuhe. Und keine böse Hexe ist tot. Weder im Osten noch im Westen.

Well, my own fault. Da wollte ich mir für den Urlaub eine nette Liebesgeschichte raussuchen (Deja-vu, anyone?) und habe wieder etwas ganz anderes bekommen. Naja, nicht ganz anders, aber zumindest nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte …

Vor allem tut sie aber das, was sie in sich trägt, was sie erfüllt, was in jedem ihrer Atemzüge steckt. Sie muss sich nicht anstrengen, um die erwünschten Gefühle in sich zu finden, sie muss sich allerdings äußerst bemühen, sie in sich zu behalten, sie nicht alle auf einmal herauszulassen, sie unter Kontrolle zu haben und nur tropfenweise zu offenbaren.

Unter Kontrolle … wenn man diesen Roman liest, wird man feststellen, dass es manchmal nicht das Richtige ist, sich unter Kontrolle zu haben. Das Schwierige ist nur, die Momente zu erkennen, in denen es sich lohnt, den Rest der Welt zu vergessen und nur das zu tun, was einem gerade als richtig erscheint, ohne an die Konsequenzen zu denken. Wenn man diese Momente falsch wählt, kann dies zu Enttäuschung und jahrelangem Leid führen. Ein Wunder, dass doch jeden Tag Entscheidungen fürs Leben getroffen werden. Man könnte meinen, man kommt besser davon, wenn man sich die Entscheidungen erspart …

Als Dora tief in der Nacht ihres ersten großen, richtigen Erfolgs am Fenster ihres dunklen Wohnzimmers steht und die Lichter der Stadt, die ihr Zuhause ist, beobachtet, trifft sie unerwartet eine Entscheidung. Sie ist selbst überrascht. Es war ihr nicht klar, dass es etwas zu entscheiden gab, denn alles war schon entschieden.

Alles, was ich über den Inhalt des Buches sagen könnte, erscheint mir banal. Ja, es ist eine große Liebesgeschichte. Dora und Luka lernen sich als Kinder kennen und kleben fortan wie zu lange gekochte Nudeln aneinander. Doch Dora muss mit ihren Eltern nach Frankreich ziehen, Luka bleibt allein zurück und muss seine Mutter sterben sehen und seiner Schwester beim Erwachsenwerden helfen. Als sie sich nach vielen Jahren in Paris wiedertreffen, ist klar, dass es mehr als nur eine Jugendliebe ist.

Warten ist alles, was sie jetzt tun kann. Warten, dass das Leben sie wiederfindet. Das könnte allerdings eine Weile dauern, denn sie hat sich gut versteckt.

Jede Trennung fühlt sich für Dora und Luka wie das Ende des Lebens an. Doch Luka heiratet aus Verantwortungsgefühl eine andere Frau. Nichts, was man nicht bereits tausend Mal gehört oder gelesen hätte. Doch gerade hier erscheint es wieder wie ein einziger großer Fehler. Natürlich werden beide nicht glücklich. Luka verleugnet seine Gefühle für Dora aus Pflichtgefühl, kann jedoch nicht voll für seine Familie da sein und ertränkt seinen Kummer in Alkohol.

Luka kann die Verachtung, die er sich selbst gegenüber spürt, nicht verstecken. Dora hält ihn fest. Sie ist erschüttert, kann nichts sagen. Ein Leben, das mit aller Kraft versucht, sich zu vernichten. Dora ist nach Schreien zumute. So viel Verleugnung und Verschwendung und Selbstbestrafung – und ohne jeden Grund.

Das Happyend bleibt aus. Im Urlaub bin ich übrigens nicht dazu gekommen. Harry Hole hielt mich 3 Tage lang in Atem, den Rest des Urlaubs habe ich mit E.L. Doctorow und leichter Magazinkost verbracht. Weit und breit kein Happy End in Sicht. Eventuell muss ich doch wieder mal auf Susan Elizabeth Phillips zurückgreifen, um mein Bedürfnis nach Liebesschund zu befriedigen … scheint mehr als nur eine Phase zu sein …

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Klassiker Roman

Daniel Defoe – Robinson Crusoe

Insel (c) Daniel Stricker/PIXELIO

Sobald ich nur eine Möglichkeit des Überlebens sah und nicht verhungern und umkommen musste, verging das Gefühl der Niedergeschlagenheit, sogar dann, als ich nach gebührendem Nachdenken erkannte, dass ich an diesen furchtbaren Ort verschlagen war, unerreichbar weit von allen Menschen, ohne jede Hoffnung auf Befreiung und ohne jede Aussicht auf Erlösung.

Zumindest grob kennt jeder die Geschichte des Robinson Crusoe, der auf einer einsamen Insel strandet und dort viele Jahre verlebt. Es ist interessant, mit welch stoischem Gehabe Robinson die Einsamkeit auf der Insel hinnimmt. Ohne sich lange mit Ärger und Gejammer aufzuhalten, baut er sich auf der Insel in mühsamer Kleinstarbeit eine Existenz auf. Natürlich macht er dabei Fehler, aber dies stellt kaum ein Problem dar, denn Zeit hat er ja im Überfluss. Lange Jahre lebt Robinson alleine und hat nur Tiere zur Gesellschaft und doch kommt ihm lange kein Gedanke an das Fortkommen von der Insel, außer der Möglichkeit, es könnte ein Schiff vorbeikommen.

Erst die Errettung des „Wilden“ Freitag zeigt Robinson, wie sehr im Gesellschaft gefehlt hat. Nach den langen Jahren scheint es ein Wunder, dass sich Robinson noch in der Lage sieht, seinen neuen Gefährten in Religion zu unterrichten und mit diesem theologischen Fragen nachzugehen.

Dies befriedigte Freitag nicht, sondern er entgegnete mir, indem er meine Worte wiederholte: „Schließlich vorgesehen? Ich nicht verstehen – aber warum nicht Teufel jetzt töten, viel vorher töten?“
„Ebensogut könntest du mich fragen“, sagte ich, „warum Gott nicht dich und mich tötet, wenn wir hier sündhafte Dinge tun, die ihn beleidigen; er verschont uns, damit wir bereuen und damit uns vergeben wird.“

Allzuviel Zeit bleibt ihnen für diese Gespräche ohnehin nicht. Die Ankunft Freitags setzt den Wunsch in Brand, die Insel zu verlassen. Da Robinson nun durch die Ankunft der Wilden weiß, dass das Festland in Reichweite liegt, setzt er alles daran, dieses auch zu erreichen. Als sich die Möglichkeit bietet, ein Schiff zu kapern, gelingt dies nach Robinsons Plan. Auch seine Rückkehr wird erzählt, was in kaum einer Rezension erwähnt wird. Meist konzentriert man sich einzig auf sein einsames Leben auf der Insel, das auch in Filmen (auch moderne Versionen wie beispielsweise Cast Away mit Tom Hanks) thematisiert wird. Auch Sechs Tage, sieben Nächte mit Harrison Ford und Anne Heche bedient sich des Motivs der einsamen Insel. Im Vergleich zu den filmischen Umsetzungen bleibt die Erzählung von Daniel Defoe wie oben bereits erwähnt, erstaunlich emotionslos, kaum eine Gemütsbewegung kann die Stimmung des wackeren Robinson trüben. Im Großen und Ganzen scheint es ihm nicht so schlecht bekommen zu sein, einen Großteil seines Lebens auf der Insel zu verleben.

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