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English Essays Sachbuch

Olivia Laing – The Trip to Echo Spring

CN dieses Buch: Alkoholismus, Sucht, Suizid
CN dieser Post: Alkoholismus


Olivia Laing habe ich in einem meiner liebsten Buchgeschäfte (Shakespeare and Sons in Berlin) entdeckt, es war ein reiner Spontankauf: The Lonely City. Mit ihrem Roman Crudo konnte ich nicht so viel anfangen, aber ihre Non-Fiction-Texte sind in meinen Augen unschlagbar. Es scheint, egal, mit welchem Thema sie sich befasst, sie findet die Verbindung zwischen den unterschiedlichen Aspekten und betrachtet die beteiligten Personen mit Empathie, Verständnis und Mitgefühl, jedoch ohne die sprichwörtliche rosarote Brille.

Controlling the imagination is one thing, but what if as well as telling yourself soothing stories you found a substance, a magical substance, that could do it for you, providing what you might call mechanical relief from the mechanical oppressions of modern life? This is the practice Petros Levounis termed self-medication: the use of alcohol to blot out feelings that are otherwise unbearable.

In diesem Buch untersucht sie die Verbindungen zwischen Alkoholkonsum und dem Schreiben anhand der Lebensgeschichten von sechs Schriftstellern, die zu unterschiedlichen Zeiten zwischen 1896 und 1988 gelebt haben. Teilweise ergeben sich dabei natürlich Überschneidungen und Bekanntschaften. Besonders interessant finde ich, dass sich die Autorin den beschriebenen Personen im Rahmen eines Road Trips nähert, der sie auf Umwegen durch die USA führt. Sie besucht dabei Orte, die für die verschiedenen Autoren (ja, leider ausschließlich Männer) von besonderer Bedeutung waren. Zwischen dem tiefen Eintauchen in die Leben und Lebenswerke der Schriftsteller erzählt sie daher auch von ihren Erlebnissen und Begegnungen, von Menschen und Gesprächen, von Beobachtungen und Gefühlen, die ihre Reise prägen. Ein literarischer Road Trip sozusagen. Was Besseres kann es für mich eigentlich kaum geben.

The overwhelming infantile wail of that need need need, too urgent even for punctuation. If you carry that sense of starvation – for love, for nourishment, for security – with you into adulthood, what do you do? You feed it, I suppose, with whatever you can find to stave off the awful, annihilating sense of dismemberment, disintegration, of being torn apart, of losing the integrity of the self.

Auch ein psychologischer Anteil kommt nicht zu kurz. Aus den Biographien und Korrespondenzen der Schriftsteller versucht sie, die Motivationen und Voraussetzungen zu ergründen, die zum Alkoholmissbrauch und schließlich lebensbedrohlichem Alkoholismus führen. Dabei spielen nicht nur genetische Faktoren eine Rolle, sondern auch die soziale Entwicklung im Verlauf der Kindheit. Sie zitiert etwa eine Studie, die einen Zusammenhang zwischen Ergebnissen eines Trauma-Scores und der späteren Wahrscheinlichkeit eines Suchtverhaltens nachweist (Vincent J. Felitti: The Origins of Addiction: Evidence from the  Adverse Childhood Experiences Study).

Later, she [Deborah Kerr in der Rolle der Hannah in The Night of the Iguana] delivers one of the most beautiful lines in all Williams’s work: ‘Nothing human disgusts me unless it’s unkind.’ So much of him is in that statement: tolerant, non-judgmental, determined to drag out into the light all the shameful clutter of psychopathology our species has evolved.

Die besprochenen Autoren waren mir teilweise bekannt (F. Scott Fitzgerald – The Great Gatsby habe ich selbst schon gelesen, A Streetcar Named Desire habe ich in der deutschen Übersetzung Endstation Sehnsucht irgendwann vor langer Zeit im Rahmen des Theaters der Jugend auf der Bühne gesehen, zu Ernest Hemingway gab es in meiner Schulzeit ein Referat über Der alte Mann und das Meer), teilweise kenne ich sie zwar namentlich, aber nicht anhand ihrer Werke (John Cheever, John Berryman, Raymond Carver).

Erläutert wird außerdem das 12-Schritte-Programm von Alcoholics Anonymous. Ich war einigermaßen überrascht, dass diese Organisation bereits 1935 gegründet wurde, sie besteht also schon so lang, dass die jüngeren der hier besprochenen Autoren bereits an Meetings teilgenommen haben. Die Erfahrungen dieser Autoren bilden somit auch einen Einblick in die frühen Jahre dieser Organisation.

Das titelgebende Echo Spring ist übrigens kein Ort im klassischen Sinn, sondern tatsächlich eine Metapher für den Schnapsschrank (im engl. Liquor Cabinet). Olivia Laing wirft in diesem Buch deutlich mehr als einen Blick auf ein schwieriges Thema, das Generationen von Frauen, Männern, Kindern und Familien betrifft. Sie analysiert Mechanismen und stellt schonungslos dar, welche Zerstörungskraft Alkoholmissbrauch und Alkoholismus entfalten können (sowohl auf den Körper der Betroffenen, als auch auf ihren Geist und ihre sozialen Beziehungen). Gleichzeitig lässt sie die Möglichkeit der Gesundung (im engl. recovery) nicht außer acht.

We’re all of us like that boy sometimes. I mean we all carry something inside us that can be rejected; that can look silver in the light. You can deny it, or try and throw it in the garbage, by all means. You can despise it so much you drink yourself halfway to death. At the end of the day, though, the only thing to do is to take a hold of yourself, to gather up the broken parts. That’s when recovery begins. That’s when the second life – the good one – starts. 

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Biografie

Berndt Schultz: Marlene – Die Biographie einer Legende

CN dieses Buch: Krieg, Nationalsozialismus, Sterben, Tod, Alter
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Marlene sollte nach dem Willen der Hollywood-Verantwortlichen eine Art Trendsetterin sein für die Mann-Frau-Beziehung, sie sollte dem individuellen Selbstverständnis der Frauen in den 30er Jahren Angebote machen, und sie sollte die Rollen und gesellschaftliche Etikette der Liebe und Erotik aufnehmen und mit ihrer Persönlichkeit umformen.

In meiner Erinnerung habe ich diese Biografie vor einigen Jahren auf einem Bücher-Flohmarkt gekauft. Vorne im Buch klebt ein Foto eines älteren Herrn am blumenbedeckten Grab von Marlene Dietrich. Dieses persönliche Element wird ergänzt durch ein mit Spitze verziertes Lesezeichen. Sowas bekommen wir in unserem eReader nicht, das möchte ich mal erwähnt haben.

Als Zeitzeug*innenbericht über den zweiten Weltkrieg und die Sicht auf Nazi-Deutschland aus der Emigration in den USA ist das Buch durchaus interessant. Im zweiten Weltkrieg tourte die in Deutschland geborene, aber nach Amerika emigrierte Marlene Dietrich an der Front, um die amerikanischen Soldaten zu unterhalten, die ihr Leben im Kampf gegen Nazi-Deutschland riskierten.

Aus künstlerischer Sicht schreibt der Autor jedoch viel zu schwärmerisch, kein schlechtes Licht lässt er auf seine angebetete Marlene fallen. Er zitiert häufig aus Filmkritiken und lässt dabei durchaus auch kontroverse Meinungen stehen. Diese werden jedoch immer konterkariert durch Erklärungen, warum denn Marlene Dietrich in dieser oder jener Rolle überhaupt gar keine Chance hatte, ihre Talente zur Geltung zu bringen.

Interessant ist auch das Kapitel über die vielen negativen Leserbriefe (heutzutage würden wir sagen: Hass-Postings), die Marlene Dietrich während ihrer Karriere erhielt. Wer also geglaubt hat, dass der im Internet verbreitete Hass eine neue Erfindung ist, täuscht sich. Früher erforderte es einfach nur mehr Aufwand, um seine Hass-Botschaften an die betreffende Person zu bringen. Der Hass (auf die anderen oder diejenigen, die eine andere Meinung vertreten) jedoch war immer schon da.

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English Roman

Jojo Moyes – The Giver of Stars

CN dieses Buch: Mord, Gewalt gegen Frauen und Tiere
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Nach der nicht so angenehmen Begegnung mit dem Butt suchte ich Lesestoff mit Wohlfühlgarantie. Jojo Moyes schien mir da als sicherste Option auf meiner ganzen Liste. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Margery behaved, Alice realized with a jolt, like a man.
This was such an extraordinary thought that she found herself studying the other woman at a distance, trying to work out how she had come to his astonishing state of liberation.

Diese Geschichte porträtiert einige starke Frauen, die sich im ruralen Kentucky im Jahr 1937 Stück für Stück ihre Freiheit von den herrschenden gesellschaftlichen Konventionen erkämpfen. Ihre Waffen sind Bücher, Gesang und weiblicher Zusammenhalt. Und der Glaube daran, dass es immer einen Ausweg gibt.

‘There is always a way out of a situation. Might be ugly. Might leave you feeling like the earth has gone and shifted under your feet. But you are never trapped, Alice. You hear me? There is always a way around.’

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English Roman

Elizabeth Strout – Olive, Again

CN dieses Buch: Suizid, Sterben
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People either didn’t know how they felt about something or they chose never to say how they really felt about something. And this is why he missed Olive Kitteridge.

Da mir das erste Buch mit Geschichten um Olive Kitteridge so gut gefallen hat, und gerade auch wirklich eine Zeit für diese Art von Lektüre ist, habe ich mir gleich das zweite Buch ausgeliehen. Und bin jetzt schon traurig, dass es vermutlich kein weiteres Buch mehr mit ihr geben wird.

This is a hell of a world we live in. […]
Such a simple statement, but it was completely true.

Zu beschreiben, warum diese Geschichten so beruhigend auf mich wirken, ist mir schon beim ersten Buch nicht gut gelungen. Jetzt, wo sich die Leserin mit der Sprödigkeit und dem Unverständnis von Olive für bestimmte Lebenshaltungen und Werte akklimatisiert hat, kommt allerdings noch mehr zum Tragen, was sie eigentlich auszeichnet. Sie kann die wahre Traurigkeit in den Menschen, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden, wahrnehmen und bestätigen. Gleichzeitig ist ihr aber vollkommen unklar, was mit der Beziehung zu ihrem eigenen Sohn und seiner Familie nicht stimmt.

For a long time, Olive sat on the bed; she was just looking through the glass at the dark field. It seemed to her she had never before completely understood how far apart human experience was.

Am meisten berührt hat mich die Geschichte mit der Poetin Andrea. Olive führt mit ihr im Diner ein spontanes Gespräch über die Einsamkeit, hauptsächlich über Andreas einsames Leben aufgrund ihrer relativen Berühmtheit. Andrea veröffentlicht später ein Gedicht, das Olive zwar nicht beim Namen nennt, aber so deutlich beschreibt, dass es eindeutig ist, wer gemeint ist. In dem Gedicht schreibt Andrea Olive die gesamte Einsamkeit zu. In der Reflexion über dieses Gespräch (aus der auch das obige Zitat stammt) scheint Olive erst wirklich klar zu werden, wie unterschiedlich menschliche Empfindungen und Wahrnehmungen sein können. Sie lernt aus diesem Gespräch. In vieler Hinsicht steht Olive fest zu ihrer Meinung und lässt diese auch durch nichts und niemanden erschüttern. Aber dort, wo es um tief gehende menschliche Emotionen geht, dort kann sie und dort können wir alle immer noch etwas lernen.

You all know who you are. If you just look at yourself and listen to yourself, you know exactly who you are. And don’t forget it.

In einer anderen Geschichte erzählt eine ehemalige Schülerin von Olive, wie ihnen die Lehrerin Mrs. Kitteridge damals den Rat gegeben hat, nur auf sich selbst zu hören. Wir wissen bereits, wer wir sind, wir müssen uns nur die Zeit nehmen, auf uns selbst zu hören und uns nicht ablenken lassen von den Erwartungen der Gesellschaft oder dem, was andere Menschen für oder von uns wollen. Ein wunderbarer Rat für junge Menschen, aber auch für ältere Semester, die sich ihres Weges nicht mehr sicher sind.

Brené Brown schließt ihren Podcast Unlocking Us meistens (immer?) mit diesem Satz:

Stay awkward, brave and kind.

Genau das sehe ich in Olive Kitteridge. Genau das würde ich mir wünschen, in mir selbst und in anderen Menschen zu sehen.

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English Roman

Elizabeth Strout – Olive Kitteridge

CN dieses Buch: Suizid, Sterben
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Stupid – this assumption people have, that things should somehow be right.

Zu Beginn weißt du nicht, was du mit dieser Protagonistin anfangen sollst. Sie ist augenscheinlich kein sympathischer Mensch. Olive ist ungeduldig, direkt und verständnislos gegenüber Gejammer oder alltäglichen Sorgen. Sie erscheint harsch und spröde; die Bekannten aus der Kleinstadt fragen sich, wie ihr Mann es mit ihr aushält. (Tatsächlich hält er es nicht mit ihr aus, er akzeptiert und liebt sie einfach so, wie sie ist.)

Who, who, does not have their basket of trips? […] She thinks of Eddie Junior down there skipping stones, and she can only just remember that feeling herself, being young enough to pick up a rock, throw it out to sea with force, still young enough to do that, throw that damn stone.

Und doch ist Olive genau dann verständnisvoll, wenn ihre Mitmenschen in Notlagen sind. Dann kann sie schlicht die Situation anerkennen (so, you’re in hell). Was in solchen Situationen schon oft das Einzige ist, was wir für die Menschen, die da gerade durch müssen, tun können: anerkennen, dass sie gerade das Schlimmste erleben und mit ihnen in diesem Schmerz bleiben.

One afternoon as she was typing, her hand began to shake. When she held up her other hand, it was shaking too. She felt the way she had on the Greyhound bus that weekend Jace had told her about the blonde, when she kept thinking: This can’t be my life. And then she thought that most of her life she had been thinking: This can’t be my life.

Gleichzeitig ist das Buch eine Hymne an das Leben. Eine Aufforderung, unsere Zeit nicht zu verschwenden an Menschen, die uns nicht gut tun. Ein Aufruf, nicht aufzugeben, niemals das Leben einfach nur vorbeiziehen zu lassen, so schwer es manchmal auch sein mag.

Ich könnte noch mehr schreiben, aber das würde diesem Buch nicht gerecht. Wem das nicht reicht: The 2009 Pulitzer Prize Winner in Fiction. 

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English Roman

Elizabeth Gilbert – City of Girls

CN dieses Buch: Krieg
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What we’re doing here tonight doesn’t matter a bit in the cruel scheme of the world, but we’re doing it anyhow. Make it worth your while.

Ein wunderschöner Roman. Am ersten Teil, der im Rahmen eines etwas heruntergekommenen New Yorker Theaters stattfindet, hat mir besonders der Bezug zur Theaterwelt so gut gefallen. Die liebevolle Arbeit der Erzählerin Vivian an den Kostümen der Darsteller*innen des Lily Playhouse fühlte sich ähnlich an wie die Faszination an außergewöhnlichen Kleidungsstücken von Louisa in Still Me, die Kreativität ließ mich an Emi aus Nina LaCours Everything Leads to You denken, die mit einem ähnlichen Perfektionsanspruch an der Gestaltung von Filmsets arbeitet.

Eventually, all of us will be called upon to do the thing that cannot be done.

Kurz nach der Premiere kommt es jedoch zu einer Katastrophe. Vivian stolpert in eine Situation, die ihrer Kontrolle entgleitet und muss sich mit allen Konsequenzen auseinandersetzen, die ihr Fehlverhalten nach sich zieht. Sie verlässt die Stadt und lässt damit nicht nur die geliebten aber verletzten Personen, sondern auch ihre sich entwickelnde Persönlichkeit zurück.

The war had invested with me an understanding that life is both dangerous and fleeting, and thus there is no point in denying yourself pleasure or adventure while you are here.

Der Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 bringt neben dem Kriegseintritt der USA schließlich auch Vivian zurück nach New York City. Von nun an entwickelt sich ihr Leben in eine andere Richtung, sie arbeitet hart, lässt den hedonistischen Teil ihrer Persönlichkeit zu großen Teilen in der Vergangenheit zurück und wächst Stück für Stück an ihren feministischen Perspektiven auf das Leben. Der Roman porträtiert mehrere Frauen, die ein damals zur Zeit des 2. Weltkriegs selbst im liberalen New York nicht akzeptiertes Lebensmodell für sich wählten.

Nor did the threat of danger ever deter me. These were risks I was willing to take. It was more important for me to feel free than safe.

Dass sich diese Umstände in unserer westlichen Gesellschaft in den vergangenen 80 Jahren geändert haben, soll uns nicht darüber hinweg täuschen, dass in vielen anderen Ländern und Kulturen Frauen immer noch als minderwertig betrachtet werden und wesentlich weniger Rechte und Freiheiten in ihrem Leben haben. In Saudi-Arabien dürfen Frauen erst seit 2019 Auto fahren. Homosexualität ist im Iran (und vielen anderen Ländern) nach wie vor strafbar. In diesen Ländern sind Frauen (unabhängig von ihrer Religion) verpflichtet, ihr Kopfhaar zu bedecken. In Österreich gilt umgekehrt ein Verbot der Gesichtsverhüllung, was irgendwie genauso widersinnig der Freiheit im öffentlichen Raum widerspricht.

Seit 1. Oktober 2017 gilt in ganz Österreich ein Verbot der Gesichtsverhüllung. Das Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz soll u.a. zwischenmenschliche Kommunikation ermöglichen, die für ein friedliches Zusammenleben in einem demokratischen Rechtsstaat erforderlich ist.

In der aktuellen Situation sind unsere Freiheitsrechte sowieso noch mehr in Gefahr, als das sonst schon der Fall ist. Mit der Notwendigkeit des gesundheitlichen Schutzes von Menschen(-gruppen) lassen sich viele Maßnahmen argumentieren, gegen die wir unter anderen Umständen jedenfalls lauter protestieren würden. Verlieren wir nicht aus den Augen, welche Rechte uns gerade entzogen werden, damit wir sie später zurückfordern können.

Randnotiz: Wer sich für Frauenrechte und feministische Perspektiven interessiert, der*dem sei herzlich der Lila Podcast empfohlen.

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Roman

T. C. Boyle – San Miguel

CN dieses Buch: Krieg, Vergewaltigung, sexuelle Handlungen, Suizid
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Irgendwie bin ich in diese Geschichte, die sich hauptsächlich um den Schauplatz – die Insel San Miguel vor der Küste von Kalifornien – dreht, nicht so recht reingekommen. Erzählt wird aus der Sicht von drei Frauen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf der Insel leben. Irritiert hat mich einerseits die Nähe der ersten beiden Frauen und dann der große Sprung eine Generation weiter.

Vielleicht ist es aber auch das Gefühl der Einsamkeit, das uns im Alltag aktuell so viel beschäftigt, dass ich mich damit nicht auch noch in der Lektüre auseinandersetzen wollte. Mir blieben die handelnden Protagonist*innen seltsam fremd. Ein Nähegefühl war nicht wahrnehmbar. Die Gefahr des einsamen Lebens auf einer Insel ohne Kontaktmöglichkeit und Unterstützung eines Systems blieb auf Distanz.

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Roman Thriller

Marc Elsberg – Helix

Wenn ich nichts anklicke, dachte Helen, entscheidet der Zufall.

Im Bereich Geocaching geht ja ansonsten aufgrund der Jahreszeit kaum etwas weiter, aber immerhin komme ich mit der Leseliste für Literatur-Geocaches gut voran. Die beiden anderen Werke dieses Autors, die ich hierfür brauche, habe ich tatsächlich schon gelesen und dieses war gerade in der Onleihe verfügbar.

Die Geschichte nachzuerzählen würde einerseits zu lange dauern und andererseits den Interessierten das Lesevergnügen verderben. Wie der Titel schon andeutet, dreht sich die rasante Geschichte um die Manipulation des Genoms, der genetischen Ausstattung. Die CRISPR/Cas-Methode (so genannte Gen-Schere) hat in den letzten Jahren breite Bekanntheit erlangt und somit fällt es auch der mit den Details der Genforschung nicht vertrauten Leserin nicht schwer, sich vorzustellen, woran im Geheimen vielleicht tatsächlich bereits gearbeitet wird. Ein großer Teil des Reizes dieser Geschichte liegt darin, dass ein Einblick in einen Bereich strengster Geheimhaltung gewährt wird, von dem die Öffentlichkeit niemals erfährt.

Wie auch schon in den vorigen Büchern des Autors werden viele ethische Aspekte aufgeworfen, die bei dieser Thematik noch stärker zum Tragen kommen. Es werden viele Argumente genannt, warum die Manipulation des menschlichen Genoms nur noch ein weiterer Schritt in eine ohnehin unabwendbare Zukunft sein soll. Die tatsächlichen Ereignisse des Buches sprechen jedoch eine deutlich andere Sprache. Die manipulierten Kinder sind zwar hoch intelligent und ihren „Erzeugern“ in vielen Bereichen überlegen. Es zeigt sich jedoch deutlich, dass ihre sozialen Fähigkeiten weit hinter ihren anderen Qualitäten zurückbleiben. Sie können aufgrund mangelnder Lebenserfahrung die soziale Tragweite ihrer Aktivitäten nicht abschätzen. Lebenserfahrung lässt sich nicht im selben Maße beschleunigen, wie es die Gentechnik möglicherweise bei Muskelwachstum oder Krankheitsresistenz kann.

Sind diese Kinder noch Menschen im herkömmlichen Sinn? Wenn nicht, was sind sie dann? Sind auf sie die Menschenrechte anzuwenden?

Ein anderer Aspekt, den ich hervorheben möchte, ist die Unmittelbarkeit, mit der diesen Kindern die Menschenrechte abgesprochen werden. Noch lange bevor die Machenschaften der betroffenen Kinder aufgedeckt werden, wird ihre Menschlichkeit bereits angezweifelt. Es wird im Buch zwar nicht näher ausgeführt, aber allein dieser kurze Hinweis lädt dazu ein, sich mit der Frage zu befassen, was Menschen eigentlich zu Menschen macht. Neben der Frage, wie weit die Gentechnik gehen dürfen soll, darf auch diese Frage nicht in den Hintergrund geraten.

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Erfahrungsbericht Memoir

Kelly Grey Carlisle – We Are All Shipwrecks

Mostly I felt bad that she hadn’t had a dad, that people had lied to her, that she hadn’t been happy at home. That she hadn’t lived. Mostly I just wished I knew more about her.

Das Buch beginnt mit einer Enthüllung. Die Mutter der Autorin wurde ermordet, als die Autorin selbst gerade drei Wochen alt war. Diese Tragödie könnte nun im Zentrum dieser Familiengeschichte stehen. Selbstverständlich hat dieses Ereignis den Lebensverlauf der Autorin massiv beeinflusst und sie sucht auch immer wieder nach näheren Informationen, sowohl über den Tod ihrer Mutter (und was davor geschah), als auch über den biologischen Vater, den sie nie kennengelernt hat. Viel wichtiger sind jedoch die Menschen, die in ihrem Leben sind und ihre Entscheidungen prägen.

I didn’t know then what I know now: that there are almost as many “weird” families as there are normal families; that “normal” isn’t really normal; that we all have stories to tell about where we come from.

Durch die Kindheit und Jugend der Autorin zieht sich ein intensives Gefühl des Nicht-Dazu-Passens, des Nicht-Normal-Seins. Der frühe Tod der Mutter, der abwesende Vater, Aufwachsen mit den Großeltern auf einem Boot im Hafen, das „zweifelhafte“ Geschäft des Großvaters (er betreibt einen adult video store), Privatschule mit Schuluniformen – auf der High School wird das Gefühl schließlich übermächtig und erst als die Autorin aufs College geht (diesen Lebensabschnitt behandelt das Buch nicht), findet sie eine Art Frieden mit sich selbst und ihrer Herkunft.

Immer wieder betont der Großvater, dass die Herkunft so prägend ist dafür, was aus uns wird, was für ein Mensch wir sind. Die Autorin kommt schließlich zur Erkenntnis, dass das nur ein Teil der Wahrheit ist. Wer wir sind/werden, passiert auch, wenn wir unser Zuhause verlassen, es passiert unser ganzes Leben lang. Unsere Herkunft, unsere Familie bestimmt in hohem Maße die Chancen, mit denen wir ins Leben starten. Was wir daraus machen, liegt aber in unserer eigenen Hand.

You are turning into “who you are” your whole life.

 

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Roman

John Williams – Stoner

He had never got in the habit of introspection, and he found the task of searching his motives a difficult and slightly distasteful one; he felt that he had little to offer to himself and that there was little within him which he could find.

Dieses Buch stand schon so lange auf meiner Leseliste, dass ich nicht mehr nachvollziehen kann, wo es hergekommen ist. In der Merkliste in der Overdrive eLibrary App hatte ich es auch drin und dann kam der Impuls durch Lithub, wo der Roman auf einer Liste der besten College-Romane auftauchte. Den Link finde ich gerade nicht mehr, da die Liste allerdings meinen eigenen liebsten College-Roman nicht enthielt, kann ich sie ohnehin nicht ganz ernst nehmen.

Dem Buch vorangestellt ist eine Einleitung von John McGahern, die das Buch in einen literarischen Kontext einordnet. Leider wird dabei so viel vom Inhalt verraten, dass ich nach der Einleitung beinahe das Gefühl hatte, ich müsste das Buch nicht mehr lesen. Nahezu alle wichtigen Lebensstationen des Protagonisten William Stoner werden in der Einleitung nicht nur erwähnt, sondern auch in den Gesamtkontext seiner Lebensgeschichte gestellt. Dadurch enthält das Buch keine Überraschungen mehr, die Entwicklung seines Lebens, die Navigation durch schwierige Entwicklungen sowohl im Arbeitsbereich als auch im Liebesleben wird vorweg genommen.

Das Buch ist in meinen Augen ein klassischer Entwicklungsroman, der die wichtigsten Lebensthemen im Kontext seiner Zeit behandelt. Ich würde vorschlagen, die Einleitung erst nach dem Buch zu lesen. An dieser Stelle wäre die Einordnung in meinen Augen sehr sinnvoll.