Colson Whitehead – The Underground Railroad

And destroy that what needs to be destroyed. To lift up the lesser races. If not lift up, subjugate. And if not subjugate, exterminate. Our destiny by divine prescription – the American imperative.

Dieser Roman gibt tiefe Einblicke in das Leben der Sklaven im Süden der USA im 17. und 18. Jahrhundert. Die Protagonistin Cora flieht von der Baumwollplantage, auf der sie geboren wurde und ihr gesamtes bisheriges Leben verbracht hat. Sie ergreift trotz großer Gefahr die Chance auf ein freies Leben. Ihr Weg ist lange und von vielen Rückschlägen und Demütigungen geprägt. Am Ende des Buches ist sie noch immer auf dem Weg.

Die Geschichte wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Der Leser lernt sowohl die Sicht der Sklaven kennen, die bereits auf der Plantage geboren wurden und kein freies Leben kennen, als auch die der Gegner der Sklaverei, die teilweise ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, um Menschen die Freiheit zu ermöglichen und sie vor Misshandlung und Mord zu schützen.

Cora hat in einem ihrer Verstecke viel Zeit, sich mit Büchern auseinanderzusetzen und über die Ungerechtigkeit der Welt nachzudenken. Dem Autor ist es gelungen, ihre Weltsicht einzufangen, ohne ausschließlich zu moralisieren. Interessant ist auch die Perspektive des Sklavenjägers (siehe Zitat oben), die auch die Meinung vieler Sklavenhalter widerspiegelt. Teilweise schmerzt es fast, die Beschreibungen der damals weit verbreiteten Rassenlehre und damit der Vorstellung von mehr oder weniger wertigen Menschen zu lesen. Es ist auch erschreckend (und notwendig), sich bewusst zu machen, dass auch heute noch eine Klassengesellschaft existiert, in der manche Menschen als wertvoller erachtet werden als andere. Die Idee der Chancengleichheit für alle ist nach wie vor eine Illusion oder ein nobles Wunschbild.

Helfen kann hierbei nur der Gedanke, dass jede und jeder auch an einem anderen Ort, in einer anderen Kultur, unter anderen Umständen geboren werden hätte können. Wir haben uns unseren Platz im Leben nicht nur selbst erarbeitet, wir haben Startvoraussetzungen mitbekommen, die rein vom Zufall bestimmt sind. Für diese Startvoraussetzungen sollten wir dankbar sein und jene unterstützen, die mit weniger Vorteilen ins Leben gestartet sind. Gerade Menschen, die aus einem anderen Land zu uns kommen, die in einem Land geboren wurden, in dem Krieg herrscht und in dem sie kein gutes Leben führen können, sollten alle Chancen bekommen, die ihnen bisher versagt wurden. Jeder Mensch hat das gleiche Recht auf ein gutes Leben. Jede und jeder.

Leni Zumas – Red Clocks

All the doors have closed.

The ones, at least, she tried to open.

Die Autorin beschreibt in diesem Roman 4 Frauen, die sich auf die eine oder andere Weise mit dem Kinder wollen, bekommen, nicht bekommen wollen oder haben auseinandersetzen. Das Buch erzählt aus diesen unterschiedlichen Perspektiven und spart dabei auch nicht aus, wie sich die 4 Frauen gegenseitig betrachten und be- oder verurteilen.

Eine Single-Frau über 40, die sich verzweifelt ein Kind wünscht, aber erfährt, dass sie an einer Krankheit leidet, die es für sie nahezu unmöglich macht, ohne IVF ein Kind zu empfangen. Eine Frau, die zwei Kinder hat und unter der Last ihrer lieblosen Ehe zu zerbrechen droht. Schon allein diese Kombination bietet Konfliktpotential. Die Frau, die bereits Kinder hat, wünscht sich nichts sehnlicher als Zeit für sich selbst, Zeit, in der sie sich auf sich selbst konzentrieren kann. Das dringende Streben einer kinderlosen Frau, die genau diese Möglichkeit hat, erscheint ihr unsinnig, wenn nicht sogar falsch. Warum seine Freiheit aufgeben, um sein Leben der Kinderaufzucht zu widmen? Auch die Frage, ob ein Kind zwei Elternteile haben sollte, ob das Streben einer alleinstehenden Frau nach einem Kind überhaupt moralisch vertretbar ist, wird intensiv untersucht.

Ein junges Mädchen wird schwanger und kurz darauf von ihrem Freund verlassen. Ihren Eltern will sie nichts erzählen, das Kind möchte sie nicht bekommen. Sie zweifelt jedoch: sie selbst wurde als Baby zur Adoption freigegeben, ihre Eltern sind nicht ihre leiblichen Eltern. Soll sie das Kind bekommen? Wenn sie es nicht bekommt, verhindert sie damit das Glück einer anderen Familie? Die vierte Frau lebt als Einsiedlerin im Wald und wird von den Einheimischen als „Kräuterweiblein“ konsultiert. Das Mädchen wendet sich zuerst an sie mit der Bitte um eine Kräutermischung gegen die Schwangerschaft. Ohne jedoch zu wissen, dass zwischen den beiden eine besondere Verbindung besteht.

Die Autorin lässt alle ihre Figuren an ihren Schwierigkeiten wachsen und gibt Hoffnung, dass auch in scheinbar ausweglosen Situationen eine Lösung und ein Weiterleben möglich sind. Sie bewertet nicht und lässt alle diese Lebensentwürfe gleichberechtigt nebeneinander existieren. Frauen können Kinder bekommen oder nicht, sie können entscheiden, ob sie diese aufziehen wollen oder nicht. Sie beschreibt alle ihre Protagonistinnen als vollwertige Personen mit Stärken und Schwächen und der Kraft, Entscheidungen zu treffen. Und erschafft damit Vorbilder für unterschiedliche Lebenslagen.

Katherine Dunn – Geek Love

Jeder Versuch, diese Geschichte in kürzere Worte zu fassen, als exakt die Worte, die das Buch lang ist, muss unweigerlich scheitern. Mehr Einleitung sollte es hier nicht brauchen.

Das Buch erzählt auf zwei Zeitebenen die Geschichte der Familie Binewski, die als [Zirkus|Karneval|Freak Show] durch die USA reist. Die Eltern Al und Lil – beide als Normalos geboren. Die Kinder – jedes auf seine eigene Art besonders, im Sinne von nicht der Norm entsprechend. Die Vorzeichen sind hier umgekehrt: Besonders zu sein bedeutet herausragend, Normalsterbliche werden bedauert, die Binewski-Kinder haben kaum Kontakt zu Menschen außerhalb ihrer kleinen Welt.

Daraus resultiert auch ein besonderes Moralverständnis. Die Binewski-Kinder wetteifern um die Gunst des Publikums und der Eltern. Sie haben nur einander und das Publikum. Arturo, der älteste Bruder – geboren ohne Arme und Beine und als Aqua Boy berühmt geworden – entwickelt sich Stück für Stück zum Diktator, der seine Geschwister tyrannisiert und seinen eigenen Kult gründet. Eine Religion für Menschen, die so sein wollen wie er. Also ohne Arme und Beine. Abhängig von der Hilfe anderer.

Eines der Elemente, das diesen Roman gleichzeitig so furchterregend und spannend macht, ist die Leichtigkeit, mit der schlimmste Körperverletzungen als normal beschrieben und nicht hinterfragt werden. Experimente an menschlichen Körpern gehören zum Alltag. Der Familienzusammenhalt steht über allem. Bis zu dem Tag, als das Maß voll ist und der jüngste Bruder explodiert …

Ein besonderes Buch, mehr kann ich nicht sagen. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich auf diese schräge Welt einlassen konnte. Es ist notwendig, aber gleichzeitig schwierig und schmerzhaft, die vermeintliche Normalität hinter sich zu lassen und die veränderten Gesetze einer anderen Gesellschaft zu akzeptieren. Normalität ist immer das, was der Einzelne kennt. Normalität ist das Gegenteil des Unbekannten.

Heather Harpham – Happiness: The Crooked Little Road to Semi-Ever After

She was an older woman with cobalt eyes, and no children, who gave her maternal love to all. Could I be that?

In den Parnassus Books Empfehlungen tauchen immer wieder Beispiele aus dem Memoir-Genre auf. Mir ist das erst letztes Jahr bewusst aufgefallen, es erscheint mir aber noch immer, als sei das eher ein Element amerikanischer Kultur und im deutschsprachigen Raum kaum präsent. Oder suche ich nur an den falschen Stellen? Hat jemand Empfehlungen für original deutschsprachige Beispiele aus dem Memoir-Genre?

Das obige Zitat stammt aus den ersten Kapiteln, in denen die Autorin Heather noch damit ringt, wie sie mit der überraschenden Schwangerschaft umgehen soll. Der Kindsvater kann sich ein Leben mit Familie nicht vorstellen. Heather entscheidet sich für das Kind und die Trennung. Nach der Geburt wird eine undefinierbare Krankheit festgestellt. Lange Zeit ist nicht klar, wie dem Baby zu helfen ist, ob es überleben wird. Eine Unsicherheit, mit der die Eltern für Jahre werden leben müssen.

It wasn’t that he didn’t want to be there; it was that he had to be there als who he was.

Die Autorin beschreibt also ihren eigenen Weg und teilt ihre Erfahrungen als Mutter, die schon während der Schwangerschaft allein ist, als Mutter eines kranken Kindes, als Mutter, die dem Vater erst wieder Platz einräumen muss. Später als Mutter eines schwer kranken Kindes, das mit dem Tod ringt, und auch als Mutter, deren Kind überlebt hat, während andere Mütter ihre Kinder verloren haben. Sie beschreibt, wie die Sorge um das kranke Kind alle anderen Gefühle verdrängt, wie darunter die Beziehung zum Geschwisterkind und zum Kindsvater leiden.

Any kind of life, if you live it long enough, becomes routine.

Es sind persönliche Erfahrungen, die die Autorin teilt, vielleicht macht diese Tatsache das Buch so mitreißend und gleichzeitig beängstigend. Es erlaubt dem Leser einen Blick in die Gefühlswelt einer Situation, die die meisten Menschen selbst nicht erleben (müssen). Es erinnerte mich an die vielen anderen Leben, die für jeden von uns möglich gewesen wären, für die wir uns jedoch nicht entschieden haben. Manche davon sind verloren, die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Viele andere sind jedoch immer noch möglich.

Ariel Levy – The Rules Do Not Apply

Every so often, I like to break up my stack of fiction and throw in a memoir by a real person reflecting on real life — preferably by a fantastic, unflinching writer, which Ariel Levy is.

Parnassus-Empfehlung

Seit ich im Rahmen der letzten Reading Challenge das Genre Memoir entdeckt habe, interessieren mich echte Lebensgeschichten beinahe mehr als erfundene. Es hat vielleicht mit einer Suche nach Vorbildern zu tun, nach Menschen, die in irgendeiner Form aus der Normalität herausfallen, trotzdem etwas aus ihrem Leben machen und dann darüber berichten. Die gesellschaftlichen Normen haben sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert (Risikogesellschaft). Natürlich gibt es noch das vorherrschende Bild der normalen Familie, auf immer mehr Menschen trifft es jedoch nicht mehr zu. Neue Lebensformen entwickeln sich täglich und vermutlich orientiert sich jeder Mensch bis zu einem gewissen Grad an den Vorbildern anderer. Es braucht also auch Vorbilder für nicht mehrheitsfähige Lebensformen.

Daring to think that the rules do not apply is the mark of a visionary. It’s also a symptom of narcissism.

Dass es bei solchen echten Lebensgeschichten kein Happy End gibt, kann gleichzeitig eine gute wie auch eine schlechte Sache sein. Bei diesem Buch hatte ich das untrügliche Gefühl, dass es nur ein Lebensabschnitt war, der hier beschrieben wird und dass die Autorin noch viel mehr vor sich hat, als sie beschreibt. Ein Gefühl, dass sich bei keiner Autobiografie – oder eben amerikanisch Memoir – vermeiden lässt. Erst wenn die Person tatsächlich tot wäre, ließe sich ein ganzes Leben beschreiben, dann kann die Person aber nicht mehr selbst davon erzählen. Catch-22.

We want intimacy and autonomy, safety and stimulation, reassurance and novelty, coziness and thrills. But we can’t have it all.

Die Autorin beschreibt ihr Leben bis zu einem großen Einschnitt, durch den alles, was sie sich aufgebaut hatte, mit einem Schlag vernichtet wird. Sie erzählt selbst von den (vermutlich) schlimmsten Momenten ihres Lebens in einer Klarheit, einer Art emotionalen Distanz, die dem Geschehen scheinbar die Schwere nimmt. Das zeugt entweder von einer intensiven therapeutischen Auseinandersetzung mit den Ereignissen oder von großem literarischen Können. Oder beidem.

And it had certainly never crossed my mind that my reaction – my suffering – was mine: something I had come up with, not something I needed to blame on anyone else.

Stephen King – The Stand

Gerade ist mir aufgefallen, dass es tatsächlich den ganzen Jänner keinen Blog Post auf Booksinthefridge gab. Eine Premiere mit mehreren Gründen. Einerseits viel Erwerbsarbeit, andererseits lese ich gerade viel, das es aus Gründen nicht hier ins Blog schafft und andererseits hatte ich mir nach dem Nicht-Horror-Buch Wächter der Nacht ein echtes Horror-Buch vornehmen wollen. Wenn man nach Horror sucht, kann man immer auf Stephen King zurückgreifen. Der Gedanke The Stand aus erwachsener Perspektive nochmal neu zu lesen (ich hatte es als Jugendliche schon gelesen), war mir schon vor längerer Zeit gekommen. Daher hätte ich auch wissen müssen, was es für ein riesiger Wälzer ist. Damals habe ich sicher nicht so lange dafür gebraucht.

There’s always a choice. That’s God’s way, always will be.

King beschreibt in The Stand die amerikanische Gesellschaft in einer unvergleichlichen Krisensituation. Aus einer militärischen Einrichtung entweicht ein gezüchteter Virus, eine Supergrippe. Das erste Buch beschreibt das langsame Ausbreiten des Virus auf ganz Amerika und natürlich auf die ganze Welt, obwohl sich das Geschehen rein in den USA abspielt. Lange wissen die Betroffenen nicht, wie schlimm das Ausmaß der Katastrophe ist. Regierung und Medien vertuschen und versprechen eine baldige Impfmöglichkeit, die niemals kommt. Denn selbst die Regierungseinrichtungen sind vor dem Virus nicht sicher. Stück für Stück bricht die Gesellschaft auseinander. Viele, die gegen das Virus immun sind, sterben im Verlauf der Katastrophe an anderen Gründen. Unfälle, Brände, Selbstmorde, aber auch Amokläufe reißen viele weitere Menschen in den Tod.

Die Überlebenden sind vorerst auf sich allein gestellt. Sie verarbeiten den Schock und versuchen, sich auf die neue Situation einzustellen. Beinahe alle leiden an Alpträumen von einem schwarzen Mann, der ihnen nachstellt.

There was a dark hilarity in his face, and perhaps in his heart too, you would think – and you would be right.

Stück für Stück finden sich die Überlebenden zu Gruppen zusammen. Als Gegenpol träumen viele von einer alten Frau auf ihrer Veranda inmitten von Kornfeldern. Sie machen sich auf den Weg und finden schließlich Mother Abigail, die Frau aus ihren Träumen. Für viele erscheint sie als eine Art göttlicher Bote, der den Gegenpol zur Bedrohung durch den schwarzen Mann bildet. Damit wären auch die sich gegenüberstehenden Pole Gut und Böse definiert (ja, an dieser Stelle erinnere ich mich wieder an Wächter der Nacht).

The roots are rationalism, and I would define that word so: ‘Rationalism is the idea we can ever understand anything about the state of being.’ It’s a deathtrip. It always has been. So you can charge the super flu off to rationalism if you want. But the other reason we’re here is the dreams, and the dreams are irrational.

Zwei Gesellschaften bilden sich in diesem postapokalyptischen Amerika. Der schwarze Mann schart Verbrecher und Ziellose um sich, die Guten – so scheint es – scharen sich um Mother Abigail. Die Gesellschaft in Boulder wächst und dieser Abschnitt im zweiten Buch, indem versucht wird, eine neue Gesellschaftsordnung aufzustellen und ihre Ursprünge zu klären, bringt tiefe soziologische und psychologische Einblicke. Wenn es keine Gerichte und keine Polizei mehr gibt, die Straftäter verfolgen und bestrafen, ist dann alles möglich? Selbst vermeintlich gute Menschen können zu einem hasserfüllten Lynchmob werden, wenn es kein Gesetz gibt, das sie daran hindert. Hass kann die Menschlichkeit außer Kraft setzen. Eine Lehre, die gerade in dieser Zeit, die einen deutlichen Anstieg rechtspopulistischer Politik erlebt, nicht wichtig genug sein kann.

Im dritten Buch kommt es schließlich zur Konfrontation zwischen Gut und Böse. Es wäre jedoch nicht Stephen King, wenn dieses vermeintlich erwartbare Ende nicht mit einigen Überraschungen aufwarten würde. Er entlässt seine Leser mit einem Gefühl, dass das Gute im Menschen triumphieren kann … um dieses Gefühl dann wiederum außer Kraft zu setzen. Einen Endsieg des Guten über das Böse (oder umgekehrt) wird es nicht geben, so lange noch Menschen auf unserer Erde leben. Es existiert ein schwankendes Gleichgewicht, das mal zur einen, mal zur anderen Seite hin ausschlägt.

Wir schreiben den Beginn des Jahres 2017, den Beginn der Trump-Administration in Amerika, rechte Populisten streben in ganz Europa nach Macht. Gerade in diesen Zeiten sollte es jedem Einzelnen ein Anliegen sein, das Gute in uns selbst zu suchen. So lange die Menschlichkeit unser erstes Ziel bleibt, kann das Böse nicht triumphieren.

Sasha Martin – Life from Scratch: A Memoir of Food, Family, and Forgiveness

I’d been waiting to taste it for more than a decade. It wasn’t just a botched dessert. For the first time, that pie showed me who Mom really was, not who I wanted her to be. That pie was her. No matter how much I needed her to be the perfect mother, she could only be human. And though her choices had always been made with the best of intentions, the results spoke for themselves.

Eigentlich wollte ich ja für 2016 keine Reading Challenge machen, mal etwas entspannter lesen, mich Literatur-Geocaches widmen und so weiter. Eigentlich. Dann flog mir über Lithub zu, dass die von mir sehr geschätzte Autorin Ann Patchett nicht nur ihr eigenes Buchgeschäft betreibt, sondern auch einen dazugehörigen Blog. Und darüber fand ich dann die Book Riot Challenge für 2016. Nach einem kurzen Durchscrollen der Aufgaben hatte ich zwei gestrichen und mit den bisher gelesenen Büchern des Jahres auch schon einige Punkte abgedeckt. Und dann fiel mein Auge auf den Punkt Food Memoir.

Erst nach einer Goodreads-Recherche war mir klar, dass dieses Genre für mich bisher nicht existent war. In der Bücherei konnte ich leider nichts Passendes finden. In den USA scheint diese Kombination jedoch deutlich populärer zu sein als im deutschsprachigen Raum.

Sasha Martin beschreibt in ihrem Buch einerseits ihre komplexe Familiengeschichte (Vater nicht präsent, alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern jahrelang an der Armutsgrenze, Umzug zu Freunden der Familie, wiederholtes Entwurzelt-werden, Selbstmord des Bruders, Herumirren im Leben bis zum letztendlichen Finden eines Platzes in der Welt und einer eigenen Familie), andererseits die Umsetzung ihrer Idee, Gerichte aus jedem Land der Welt zu kochen. Während des Lesens habe ich selbst Lust bekommen, von der Alltagsküche mal wieder etwas abzukommen und neue Wege zu beschreiten. Auch meine Alltagsküche ist von den Wurzeln meiner Familie durchzogen (Linsen, Spinat, Erdäpfelpüree), hat sich phasenweise sehr in Richtung unterschiedlicher Nudelvarianten bewegt und schließlich mit dem Umstieg auf großteils vegetarische Ernährung eine neue Richtung erfahren. Food Blogs können hier wichtige Impulsgeber sein (Green Kitchen Stories, Esskultur, Die Küchenschabe).

Then I watch as Mom teaches Ava to feel the warm sunshine on the carpet, to teat sheets of paper, to throw balled-up socks into a laundry basket. Mom’s ability to transform everyday objects into toys reminds me that it was her creativity that kept me from realizing we were poor all those years ago.

Die Beschäftigung mit Nahrungsmitteln und ihrer Herkunft möchte ich in meinem Alltag nicht missen, die Entdeckung des Genres Food Memoir ebenso wenig. Darauf beruht nun auch die Entscheidung, das letzte Viertel des Jahres mit der Vollendung dieser Reading Challenge zu verbringen. Es ist wieder an der Zeit, Grenzen zu überschreiten und Neues kennenzulernen.

„You can’t fix it, Sash, any of it. You just have to let this thing happen however it’s going to happen.“

Cory Doctorow – For the win

“What’s the sense in giving up so much if it won’t make any difference?”

In diesem Artikel beschäftigt sich Raph Koster mit dem Erfolg von Pokémon Go und den Auswirkungen, die diese virtuelle Realität als Teil der echten Realität auf eben diese echte Realität haben könnte. Der Artikel ist sehr lesenswert, als Beispiel sei hier genannt, dass etwa die Erreichbarkeit eines Pokéstops von einem Café aus diesem Café möglicherweise einen deutlichen Vorteil verschafft gegenüber dem Café, dass nicht mit einem Pokéstop aufwarten kann. Er erklärt auch kurz die Mechaniken der In-Game-Währung, und empfiehlt unter anderem For the win als Gedankenexperiment zum Thema crossover of virtual and real world behavior.

Cory Doctorow demonstriert in diesem Roman eindrucksvoll, wie viel in der digitalen „Welt“ bereits möglich ist. World of Warcraft-Spieler oder Second Life-Benutzer werden jetzt zweifellos milde lächeln. Mein Spiel der Wahl ist bekanntlich Geocaching und auch wenn es auf den ersten Blick nicht so erscheint, hat natürlich auch das Geocaching-Spiel eine finanzielle Seite. Da gibt es einerseits die von Groundspeak vertriebene Premium-Mitgliedschaft, die die Finanzierung der Server, die Weiterentwicklung der Webseite und der dazugehörigen Apps ermöglicht. Andererseits hat sich jedoch auch ein Parallelmarkt entwickelt, auf dem Drittanbieter Zubehör zum Platzieren von Geocaches (Petlinge, Logbücher, etc.), Geocoins und andere Devotionalien verkaufen.

“But people like us get hurt every single day. We get caught in machines, we inhale poison vapors, we are beaten or drugged or raped. Don’t forget that. Don’t forget what we go through, what we’ve been through. We’re going to fight this battle with everything we have, and we will probably lose. But then we will fight it again, and we will lose a little less, for this battle will win us many supporters. And then we’ll lose again. And again. And we will fight on. Because as hard as it is to win by fighting, it’s impossible to win by doing nothing.”

In diesem Roman wird die virtuelle Welt aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Mala und Yasmin leben im indischen Dharavi, einem Vorort-Slum. Sie spielen in ihrer Freizeit in einem Internet-Café, werden von einem Mann angeworben, für ihn zu arbeiten. Er erteilt ihnen Aufträge, die sie im Spiel ausführen und bezahlt sie dafür. Zuerst freuen sich die Mädchen und ihre sich bald vergrößernde Anhängerschaft an dem überraschenden Reichtum. Doch Yasmin wird bald klar, in welche Abhängigkeit von ihrem Boss sie sich begeben und dass die Charaktere, die sie in game bekämpfen, genauso arme Kinder und Jugendliche sind wie sie selbst.

Dann kommt ins Spiel, dass die Bosse natürlich die Jugendlichen ausnutzen, ihnen einen Hungerlohn bezahlen und die Gewinne selbst einstecken, es gibt keine Krankenversicherung, ein Aussteigen aus dem Team, um sich selbstständig zu machen, wird mit realer körperlicher Gewalt geahndet. Big Sister Nor und ihre Gefährten versuchen daher, die Arbeiter in den Spielen in einer weltweiten Gewerkschaft zu vernetzen. Da die Arbeit in den Spielen weltweit stattfindet, nutzt ein Streik der Game Worker in China nichts, da die Arbeit jederzeit in ein anderes Land ausgelagert werden kann. Ihre Anhängerschaft und ihre Popularität auch außerhalb der Spiele wachsen enorm, sodass es schließlich zu Streiks und den damit verbundenen Repressionen der Polizei kommt.

Zwischendurch lässt der Autor zwei örtlich und gesinnungsmäßig weit voneinander entfernte Ökonomen die Mechaniken der Game-Währung und der damit verbundenen Futures (ganz grob gesagt: Wetten auf Preisentwicklungen) erklären. Für mich war der Finanzmarkt und alle seine Fantasieinstrumente schon lange ein Spiel mit unverständlichen Regeln. Die Erklärungen in diesem Roman haben mir ein ums andere Mal bestätigt, dass es sich um ein Spiel handelt, bei dem reiche Menschen mit und um Geld spielen, auf Kosten derer, die eigentlich die Arbeit leisten.

Wenn man jetzt unbedingt herumkritisieren wollte, dann würde ich sagen, dass ich das Ende nicht sehr befriedigend fand. Irgendwie passt es natürlich dazu, aber ein etwas fahler Nachgeschmack ist mit dabei. Ansonsten fand ich diesen Roman ausgesprochen unterhaltsam, viele interessante Einblicke in unbekannte Welten, soweit ich es beurteilen kann ausgezeichnet recherchiert. Für mich ein Highlight dieses Jahres, absolute Empfehlung.

Douglas Coupland – Miss Wyoming

“I never thought of it that way. Yes. No. You mean, there’s some other way to live?”

Dieses Buch weckt wieder meine Neigung, mehr über die Geschichte zu schreiben, wie es dazu gekommen ist, dass ich es gekauft habe, anstatt über das Buch selbst. In diesem Fall liegt es an der Unmöglichkeit, den Inhalt zu beschreiben, der komplex und komplex erzählt ist.

Auf den ersten Seiten treffen sich Susan und John in einem Restaurant irgendwo in Kalifornien. Das erste Kapitel erzählt ihre Begegnung und ihr erstes Gespräch, das unter anderem das Zitat ganz oben enthält. Die weiteren Kapitel sind jeweils Rückblenden in die Vergangenheit der beiden Protagonisten und erzählen unter anderem von Susans Kindheit als von ihrer ehrgeizigen Mutter auf Erfolg gedrillte Schönheitskönigin, Johns Ausstieg aus dem Filmbusiness und seine anschließende Zeit auf der Straße und eine Episode aus Johns Kindheit, die beispielhaft einen Blick auf die Entwicklung seiner Persönlichkeit werfen lässt:

The year he spent in bed was certainly the longest of his life. When he was older and met other people who had accomplished great things during their stints on earth, he found that invariably, somewhere in their early youth, they had felt the experience of death or incapacity burned into them so deeply that ever afterward they gambled with all their chips, said fuck it, went for broke in the sound knowledge that wasting life is probably the biggest sin of all.

Die Rückblenden sind kompliziert verwoben und gehen an einem Punkt in die Gegenwart über. John versucht Susan zu erreichen, doch sie scheint verschollen, worauf er sich mit Hilfe des Videoverleih-Angestellten Ryan und dessen Nerd-Freundin Vanessa (ein Charakter, der zugleich übertrieben klischeebehaftet und liebenswert ist) auf die Suche nach ihr macht. Susan selbst ist auf der Suche nach jemand anderem.

“Randy, look at me, okay? It’s all lies, Randy. All of it. Not just me. Chris. Them. Whoever. Everybody. Everything you read. It’s all just crap and distortions. All of it. Lies. That’s what makes the lies you spread so funny, Randy. They’re honest lies.”

Zwischen den Zeilen versteckt sich jede Menge geschickt formulierte Kritik an der Unterhaltungsgesellschaft und der Industrie, die sie füttert. Susans Karriere als Schönheitskönigin, ihr anschließender kurzfristiger Erfolg im TV-Business, Johns frustrierter Ausstieg aus eben dieser Branche sind deutliche Wegweiser aus der (Fernseh-)Welt der Lügen hinein ins wirkliche Leben.

Peter Handke – Der kurze Brief zum langen Abschied

Du verhältst dich, als ob die Welt eine Bescherung sei, eigens für dich. So schaust du nur höflich zu, wie nach und nach alles ausgepackt wird; einzugreifen wäre ja eine Unhöflichkeit. Du läßt nur geschehen, und wenn dir etwas zustößt, nimmst du es mit Erstaunen, bewunderst das Rätselhafte daran und vergleichst es mit früheren Rätseln.

Der Ich-Erzähler ist unterwegs durch die USA. Scheinbar ziellos reist er von Stadt zu Stadt, lässt sich treiben, sucht nach Möglichkeiten, das Geld seiner Traveller’s Checks auszugeben. Für einen Teil der Reise begleitet er eine ehemalige Freundin / Bekannte und deren Tochter. Das obige Zitat stammt von dieser Frau, die einen Aspekt seiner Persönlichkeit charakterisiert, der später noch eine weitreichendere Bedeutung bekommen wird.

In dem Internatssystem, in dem ich aufgewachsen bin, war man von der Außenwelt fast abgeschnitten, und doch brachte es mir, gerade durch die Vielzahl der Verbote und Verneinungen, weit mehr Erlebnismöglichkeiten bei, als ich in der Außenwelt, in einer üblichen Umgebung hätte lernen können. So fing die Phantasie zu plappern an, bis ich fast idiotisch wurde.

Diese idiotische Phantasie ist es auch, die das Buch streckenweise etwas langwierig macht. Immer wieder werden wirre Träume des Ich-Erzählers wiedergegeben, die selbst mit der schlussendlichen Auflösung keinen weiteren Sinn ergeben.

Immer wieder ist von einer unbekannten Frau – Judith – die Rede. Am Anfang des Buches erscheint es, als ob der Erzähler auf der Suche nach ihr wäre, im Laufe des Buches wandelt sich jedoch dieser Eindruck, vielleicht ist der Protagonist in Wirklichkeit auf der Flucht vor ihr? Auf den letzten Seiten entpuppt sich schließlich die ganze Tiefe dieses komplexen Beziehungskonstrukts zu einer fatalistisch absurden Schlussszene. Am Ende war der titelgebende lange Brief gar nicht so lang, und der Abschied entweder gar kein Abschied oder ein endloser Abschied.

„Jetzt habt ihr Hymnen für euer ganzes Leben, und nichts mehr braucht euch unangenehm zu sein. Alles, was ihr noch erleben werdet, wird im Nachhinein ein Erlebnis gewesen sein.“