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English Roman

Elizabeth Strout – Olive Kitteridge

CN dieses Buch: Suizid, Sterben
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Stupid – this assumption people have, that things should somehow be right.

Zu Beginn weißt du nicht, was du mit dieser Protagonistin anfangen sollst. Sie ist augenscheinlich kein sympathischer Mensch. Olive ist ungeduldig, direkt und verständnislos gegenüber Gejammer oder alltäglichen Sorgen. Sie erscheint harsch und spröde; die Bekannten aus der Kleinstadt fragen sich, wie ihr Mann es mit ihr aushält. (Tatsächlich hält er es nicht mit ihr aus, er akzeptiert und liebt sie einfach so, wie sie ist.)

Who, who, does not have their basket of trips? […] She thinks of Eddie Junior down there skipping stones, and she can only just remember that feeling herself, being young enough to pick up a rock, throw it out to sea with force, still young enough to do that, throw that damn stone.

Und doch ist Olive genau dann verständnisvoll, wenn ihre Mitmenschen in Notlagen sind. Dann kann sie schlicht die Situation anerkennen (so, you’re in hell). Was in solchen Situationen schon oft das Einzige ist, was wir für die Menschen, die da gerade durch müssen, tun können: anerkennen, dass sie gerade das Schlimmste erleben und mit ihnen in diesem Schmerz bleiben.

One afternoon as she was typing, her hand began to shake. When she held up her other hand, it was shaking too. She felt the way she had on the Greyhound bus that weekend Jace had told her about the blonde, when she kept thinking: This can’t be my life. And then she thought that most of her life she had been thinking: This can’t be my life.

Gleichzeitig ist das Buch eine Hymne an das Leben. Eine Aufforderung, unsere Zeit nicht zu verschwenden an Menschen, die uns nicht gut tun. Ein Aufruf, nicht aufzugeben, niemals das Leben einfach nur vorbeiziehen zu lassen, so schwer es manchmal auch sein mag.

Ich könnte noch mehr schreiben, aber das würde diesem Buch nicht gerecht. Wem das nicht reicht: The 2009 Pulitzer Prize Winner in Fiction. 

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English Roman

Elizabeth Gilbert – City of Girls

CN dieses Buch: Krieg
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What we’re doing here tonight doesn’t matter a bit in the cruel scheme of the world, but we’re doing it anyhow. Make it worth your while.

Ein wunderschöner Roman. Am ersten Teil, der im Rahmen eines etwas heruntergekommenen New Yorker Theaters stattfindet, hat mir besonders der Bezug zur Theaterwelt so gut gefallen. Die liebevolle Arbeit der Erzählerin Vivian an den Kostümen der Darsteller*innen des Lily Playhouse fühlte sich ähnlich an wie die Faszination an außergewöhnlichen Kleidungsstücken von Louisa in Still Me, die Kreativität ließ mich an Emi aus Nina LaCours Everything Leads to You denken, die mit einem ähnlichen Perfektionsanspruch an der Gestaltung von Filmsets arbeitet.

Eventually, all of us will be called upon to do the thing that cannot be done.

Kurz nach der Premiere kommt es jedoch zu einer Katastrophe. Vivian stolpert in eine Situation, die ihrer Kontrolle entgleitet und muss sich mit allen Konsequenzen auseinandersetzen, die ihr Fehlverhalten nach sich zieht. Sie verlässt die Stadt und lässt damit nicht nur die geliebten aber verletzten Personen, sondern auch ihre sich entwickelnde Persönlichkeit zurück.

The war had invested with me an understanding that life is both dangerous and fleeting, and thus there is no point in denying yourself pleasure or adventure while you are here.

Der Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 bringt neben dem Kriegseintritt der USA schließlich auch Vivian zurück nach New York City. Von nun an entwickelt sich ihr Leben in eine andere Richtung, sie arbeitet hart, lässt den hedonistischen Teil ihrer Persönlichkeit zu großen Teilen in der Vergangenheit zurück und wächst Stück für Stück an ihren feministischen Perspektiven auf das Leben. Der Roman porträtiert mehrere Frauen, die ein damals zur Zeit des 2. Weltkriegs selbst im liberalen New York nicht akzeptiertes Lebensmodell für sich wählten.

Nor did the threat of danger ever deter me. These were risks I was willing to take. It was more important for me to feel free than safe.

Dass sich diese Umstände in unserer westlichen Gesellschaft in den vergangenen 80 Jahren geändert haben, soll uns nicht darüber hinweg täuschen, dass in vielen anderen Ländern und Kulturen Frauen immer noch als minderwertig betrachtet werden und wesentlich weniger Rechte und Freiheiten in ihrem Leben haben. In Saudi-Arabien dürfen Frauen erst seit 2019 Auto fahren. Homosexualität ist im Iran (und vielen anderen Ländern) nach wie vor strafbar. In diesen Ländern sind Frauen (unabhängig von ihrer Religion) verpflichtet, ihr Kopfhaar zu bedecken. In Österreich gilt umgekehrt ein Verbot der Gesichtsverhüllung, was irgendwie genauso widersinnig der Freiheit im öffentlichen Raum widerspricht.

Seit 1. Oktober 2017 gilt in ganz Österreich ein Verbot der Gesichtsverhüllung. Das Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz soll u.a. zwischenmenschliche Kommunikation ermöglichen, die für ein friedliches Zusammenleben in einem demokratischen Rechtsstaat erforderlich ist.

In der aktuellen Situation sind unsere Freiheitsrechte sowieso noch mehr in Gefahr, als das sonst schon der Fall ist. Mit der Notwendigkeit des gesundheitlichen Schutzes von Menschen(-gruppen) lassen sich viele Maßnahmen argumentieren, gegen die wir unter anderen Umständen jedenfalls lauter protestieren würden. Verlieren wir nicht aus den Augen, welche Rechte uns gerade entzogen werden, damit wir sie später zurückfordern können.

Randnotiz: Wer sich für Frauenrechte und feministische Perspektiven interessiert, der*dem sei herzlich der Lila Podcast empfohlen.

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Roman

T. C. Boyle – San Miguel

CN dieses Buch: Krieg, Vergewaltigung, sexuelle Handlungen, Suizid
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Irgendwie bin ich in diese Geschichte, die sich hauptsächlich um den Schauplatz – die Insel San Miguel vor der Küste von Kalifornien – dreht, nicht so recht reingekommen. Erzählt wird aus der Sicht von drei Frauen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf der Insel leben. Irritiert hat mich einerseits die Nähe der ersten beiden Frauen und dann der große Sprung eine Generation weiter.

Vielleicht ist es aber auch das Gefühl der Einsamkeit, das uns im Alltag aktuell so viel beschäftigt, dass ich mich damit nicht auch noch in der Lektüre auseinandersetzen wollte. Mir blieben die handelnden Protagonist*innen seltsam fremd. Ein Nähegefühl war nicht wahrnehmbar. Die Gefahr des einsamen Lebens auf einer Insel ohne Kontaktmöglichkeit und Unterstützung eines Systems blieb auf Distanz.

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Roman Thriller

Marc Elsberg – Helix

Wenn ich nichts anklicke, dachte Helen, entscheidet der Zufall.

Im Bereich Geocaching geht ja ansonsten aufgrund der Jahreszeit kaum etwas weiter, aber immerhin komme ich mit der Leseliste für Literatur-Geocaches gut voran. Die beiden anderen Werke dieses Autors, die ich hierfür brauche, habe ich tatsächlich schon gelesen und dieses war gerade in der Onleihe verfügbar.

Die Geschichte nachzuerzählen würde einerseits zu lange dauern und andererseits den Interessierten das Lesevergnügen verderben. Wie der Titel schon andeutet, dreht sich die rasante Geschichte um die Manipulation des Genoms, der genetischen Ausstattung. Die CRISPR/Cas-Methode (so genannte Gen-Schere) hat in den letzten Jahren breite Bekanntheit erlangt und somit fällt es auch der mit den Details der Genforschung nicht vertrauten Leserin nicht schwer, sich vorzustellen, woran im Geheimen vielleicht tatsächlich bereits gearbeitet wird. Ein großer Teil des Reizes dieser Geschichte liegt darin, dass ein Einblick in einen Bereich strengster Geheimhaltung gewährt wird, von dem die Öffentlichkeit niemals erfährt.

Wie auch schon in den vorigen Büchern des Autors werden viele ethische Aspekte aufgeworfen, die bei dieser Thematik noch stärker zum Tragen kommen. Es werden viele Argumente genannt, warum die Manipulation des menschlichen Genoms nur noch ein weiterer Schritt in eine ohnehin unabwendbare Zukunft sein soll. Die tatsächlichen Ereignisse des Buches sprechen jedoch eine deutlich andere Sprache. Die manipulierten Kinder sind zwar hoch intelligent und ihren „Erzeugern“ in vielen Bereichen überlegen. Es zeigt sich jedoch deutlich, dass ihre sozialen Fähigkeiten weit hinter ihren anderen Qualitäten zurückbleiben. Sie können aufgrund mangelnder Lebenserfahrung die soziale Tragweite ihrer Aktivitäten nicht abschätzen. Lebenserfahrung lässt sich nicht im selben Maße beschleunigen, wie es die Gentechnik möglicherweise bei Muskelwachstum oder Krankheitsresistenz kann.

Sind diese Kinder noch Menschen im herkömmlichen Sinn? Wenn nicht, was sind sie dann? Sind auf sie die Menschenrechte anzuwenden?

Ein anderer Aspekt, den ich hervorheben möchte, ist die Unmittelbarkeit, mit der diesen Kindern die Menschenrechte abgesprochen werden. Noch lange bevor die Machenschaften der betroffenen Kinder aufgedeckt werden, wird ihre Menschlichkeit bereits angezweifelt. Es wird im Buch zwar nicht näher ausgeführt, aber allein dieser kurze Hinweis lädt dazu ein, sich mit der Frage zu befassen, was Menschen eigentlich zu Menschen macht. Neben der Frage, wie weit die Gentechnik gehen dürfen soll, darf auch diese Frage nicht in den Hintergrund geraten.

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Erfahrungsbericht Memoir

Kelly Grey Carlisle – We Are All Shipwrecks

Mostly I felt bad that she hadn’t had a dad, that people had lied to her, that she hadn’t been happy at home. That she hadn’t lived. Mostly I just wished I knew more about her.

Das Buch beginnt mit einer Enthüllung. Die Mutter der Autorin wurde ermordet, als die Autorin selbst gerade drei Wochen alt war. Diese Tragödie könnte nun im Zentrum dieser Familiengeschichte stehen. Selbstverständlich hat dieses Ereignis den Lebensverlauf der Autorin massiv beeinflusst und sie sucht auch immer wieder nach näheren Informationen, sowohl über den Tod ihrer Mutter (und was davor geschah), als auch über den biologischen Vater, den sie nie kennengelernt hat. Viel wichtiger sind jedoch die Menschen, die in ihrem Leben sind und ihre Entscheidungen prägen.

I didn’t know then what I know now: that there are almost as many “weird” families as there are normal families; that “normal” isn’t really normal; that we all have stories to tell about where we come from.

Durch die Kindheit und Jugend der Autorin zieht sich ein intensives Gefühl des Nicht-Dazu-Passens, des Nicht-Normal-Seins. Der frühe Tod der Mutter, der abwesende Vater, Aufwachsen mit den Großeltern auf einem Boot im Hafen, das „zweifelhafte“ Geschäft des Großvaters (er betreibt einen adult video store), Privatschule mit Schuluniformen – auf der High School wird das Gefühl schließlich übermächtig und erst als die Autorin aufs College geht (diesen Lebensabschnitt behandelt das Buch nicht), findet sie eine Art Frieden mit sich selbst und ihrer Herkunft.

Immer wieder betont der Großvater, dass die Herkunft so prägend ist dafür, was aus uns wird, was für ein Mensch wir sind. Die Autorin kommt schließlich zur Erkenntnis, dass das nur ein Teil der Wahrheit ist. Wer wir sind/werden, passiert auch, wenn wir unser Zuhause verlassen, es passiert unser ganzes Leben lang. Unsere Herkunft, unsere Familie bestimmt in hohem Maße die Chancen, mit denen wir ins Leben starten. Was wir daraus machen, liegt aber in unserer eigenen Hand.

You are turning into “who you are” your whole life.

 

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Roman

John Williams – Stoner

He had never got in the habit of introspection, and he found the task of searching his motives a difficult and slightly distasteful one; he felt that he had little to offer to himself and that there was little within him which he could find.

Dieses Buch stand schon so lange auf meiner Leseliste, dass ich nicht mehr nachvollziehen kann, wo es hergekommen ist. In der Merkliste in der Overdrive eLibrary App hatte ich es auch drin und dann kam der Impuls durch Lithub, wo der Roman auf einer Liste der besten College-Romane auftauchte. Den Link finde ich gerade nicht mehr, da die Liste allerdings meinen eigenen liebsten College-Roman nicht enthielt, kann ich sie ohnehin nicht ganz ernst nehmen.

Dem Buch vorangestellt ist eine Einleitung von John McGahern, die das Buch in einen literarischen Kontext einordnet. Leider wird dabei so viel vom Inhalt verraten, dass ich nach der Einleitung beinahe das Gefühl hatte, ich müsste das Buch nicht mehr lesen. Nahezu alle wichtigen Lebensstationen des Protagonisten William Stoner werden in der Einleitung nicht nur erwähnt, sondern auch in den Gesamtkontext seiner Lebensgeschichte gestellt. Dadurch enthält das Buch keine Überraschungen mehr, die Entwicklung seines Lebens, die Navigation durch schwierige Entwicklungen sowohl im Arbeitsbereich als auch im Liebesleben wird vorweg genommen.

Das Buch ist in meinen Augen ein klassischer Entwicklungsroman, der die wichtigsten Lebensthemen im Kontext seiner Zeit behandelt. Ich würde vorschlagen, die Einleitung erst nach dem Buch zu lesen. An dieser Stelle wäre die Einordnung in meinen Augen sehr sinnvoll.

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Erfahrungsbericht

Lisa Taddeo – Three Women

What’s wrong with you?

Zuerst einmal zu den Fakten: dieses Buch erzählt die persönlichen Geschichten von drei Frauen. Diese Geschichten hat die Autorin Lisa Taddeo nicht erfunden, sondern in langjähriger Arbeit recherchiert. Dazu hat sie unzählige Gespräche mit Frauen über ihr Verlangen (desire), über ihre persönlichen Wünsche und Bedürfnisse geführt. Sie hat diese Frauen über einen Zeitraum von mehreren Jahren begleitet, ihre Lebensumstände beobachtet, ihre Familienverhältnisse beleuchtet und aus all diesen Informationen schließlich ein detailreiches Bild gezeichnet.

Who does she think she is.

Auch wenn der Text detailreiche Beschreibungen von sexuellen Aktivitäten enthält, geht es aus meiner Sicht nicht in erster Linie um körperliche Bedürfnisse. Für alle drei Frauen sind ihre sexuellen Wünsche mit emotionalen Aspekten verbunden. Es geht darum, geliebt zu werden, von einem Partner angenommen zu werden, das eigene Selbst und dessen Wert bestätigt zu bekommen.

Women shouldn’t judge one another’s lives, if we haven’t been through one another’s fires.

Die Geschichte von Lina wurde im Rahmen einer Frauendiskussionsrunde erzählt und die Autorin beschreibt an dieser Stelle auch detailliert die Reaktionen der anderen Frauen auf Linas „Geständnis“. Neid paart sich mit Angst, daraus entsteht eine passiv-aggressive Stimmung gegen diese Frau, die aus ihrem Alltag ausbricht, um ihren Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen. Anstatt Solidarität oder zumindest Verständnis erntet sie Misstrauen und die unmissverständliche Botschaft, dass sie Grenzen überschritten hat, die nicht überschritten werden sollten. Es handelt sich hier um eine geradezu prototypische Beschreibung eines unsolidarischen Verhaltens unter Frauen, das in einem anderen Buch, das ich kürzlich gelesen habe als get back in line definiert wird.

Life has absolutely zero meaning if you’re not living for someone else.

Ein anderer dazu passender Aspekt ist die Tatsache, dass von Frauen nach wie vor erwartet wird, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse für andere Personen zurückschrauben. Selbstverständlich erfordert das Mutter-Sein (eigentlich das Eltern-Sein, aber es geht hier eben konkret um Frauen) ein gewisses Maß an Selbstaufgabe. Die eigenen Bedürfnisse aber auch gegenüber denen des Partners (im besten Fall der andere Elternteil) zurückstellen zu müssen, führt im Allgemeinen zu Unzufriedenheit und zum Zerbrechen der Partnerschaft. In den Augen der Gesellschaft und/oder zum (vermeintlichen) Wohl der Kinder wird diese Partnerschaft dann zumeist am Leben erhalten, obwohl sie längst nur noch eine Hülle ist.

What Sloane wanted more than anything else was to like herself. […] There had always been a sense of personal inadequacy if she was not nailing every single thing.

Während in den Geschichten von Maggie und Lina zumindest oberflächlich eine Art von Opferrolle nicht vollständig abgestritten werden kann, erscheint Sloane auf den ersten Blick als Frau, die alles hat. Sie stammt aus einer reichen, weißen Familie, ist attraktiv, beliebt und erfolgreich. Eine Frau, die von anderen Frauen beneidet wird. Erst zwischen den Zeilen und im Verlauf der Geschichte wird klar, dass auch Sloane ihre eigenen Bedürfnisse hinter die ihres Mannes stellt. Ihr Selbstwertgefühl beruht auf der Kontrolle ihres perfekten Images. Die oben gestellte Frage What’s wrong with you? zerbricht ihr Selbstbild nicht, da sie sich diese Frage ohnehin immer wieder selbst stellt. Die Frage von einer anderen Frau gestellt zu bekommen, zieht diese Selbstzweifel jedoch zusätzlich ins Tageslicht. Hier kommen all die Erwartungen zum Ausdruck, mit denen sich Frauen täglich konfrontiert sehen und die niemals erfüllt werden können.

Even when women fight back, they must do it correctly. They must cry the right amount and look pretty but not hot.

Ich verzichte an dieser Stelle darauf, die Eckdaten der drei Geschichten aufzulisten. Zum Ersten finde ich, dass dies den sexuellen Aspekt zu sehr in den Vordergrund stellt (und damit eine gewisse Sensationslust anspricht, was aber vermutlich verkaufsförderlich sein dürfte). Zum Zweiten gibt eine reine Zusammenfassung der Fakten die Tiefe der Geschichten nicht wider. (Wer trotzdem nicht verzichten kann: Bookmarks. Außerdem beschäftigt sich dieser Lithub-Post, mit der Frage, warum das Thema Verlangen/Begierde überhaupt behandelt werden sollte.) Es geht hier nicht um sexuelle Akte und wie und unter welchen Umständen diese stattgefunden haben. Es geht um die persönlichen Empfindungen und Erfahrungen dieser drei Frauen und die lassen sich nicht in einem Blog Post zusammenfassen.

We don’t remember what we want to remember. We remember what we can’t forget.

 

 

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Sachbuch

Susan Orlean – The Library Book

The library is a gathering pool of narratives and of the people who come to find them. It is where we can glimpse immortality; in the library, we can live forever.

Schon der Titel lässt erahnen, dass es sich bei diesem Werk um eine Liebeserklärung an die Institution Bibliothek (Library) handelt. Die Autorin erzählt jedoch nicht nur von ihren eigenen Erfahrungen, sondern nimmt diese zum Anlass, tief in das Thema einzutauchen.

My mother imbued me with a love of libraries. The reason why I finally embraced this book project – wanted, and then needed, to write – was my realization that I was losing her.

Ein wichtiger Handlungsstrang ist der Brand der Los Angeles Public Library im Jahr 1986. Die Autorin beleuchtet in tiefgehenden Recherchen den Zustand der Bibliothek vor und nach dem Brand, lässt Zeitzeugen zu Wort kommen und webt ein dichtes Netz, das zum Ziel hat, Licht auf das Feuer und die darauf folgenden Aufbauarbeiten zu werfen. Die Brandursache konnte niemals vollständig geklärt werden. Ein Verdächtiger wurde festgenommen, vor Gericht gestellt und aus Mangel an Beweisen nicht verurteilt. Die Lebensgeschichte dieses mutmaßlichen Brandstifters nimmt ebenfalls eine wichtige Rolle im Buch ein. Aus den Recherchen der Autorin lässt sich schließen, dass der junge Mann eher zufällig mit dem Brand in der Bibliothek in Zusammenhang kam und sich der auf ihn fallende Verdacht hauptsächlich wegen seiner ständig wechselnden Aussagen erhärtete. Obwohl das Gerichtsverfahren mit einem Freispruch endete, beeinflusste die öffentliche Wahrnehmung seiner Verbindung mit dem Bibliotheksbrand sein weiteres Leben.

People think of libraries as the safest and most open places in society. Setting them on fire is like announcing that nothing, and nowhere, is safe. The deepest effect of burning books is emotional.

Beleuchtet wird aber auch die Rolle der Bibliothek in den vergangenen Jahrhunderten bis zum heutigen Tag. Bibliotheken sind offene Orte, sie bieten Platz für Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft und anderen persönlichen Merkmalen. Sie sind Orte des Wissens und des Lernens, der Ruhe, aber auch der Gemeinschaft. Die Autorin begleitet viele Menschen, die in der Los Angeles Public Libary arbeiten, durch ihren Arbeitsalltag und beschreibt die Begegnungen mit den BesucherInnen der Bibliothek und die vielen anderen angebotenen Aktivitäten wie zum Beispiel Story Times für Kinder unterschiedlicher Altersgruppen oder Sprachkurse. Im letzten Kapitel berichtet die Autorin von einem Besuch beim Marktführer im Bereich Online-Verleih-Systeme Overdrive. Die letzten Jahrzehnte haben bereits gezeigt, dass Bibliotheken durch das Internet nicht aussterben werden. Genau genommen sind sie wichtiger denn je. Neue Technologien vereinfachen den Zugang, machen jedoch die traditionellen Funktionen von Bibliotheken nicht obsolet.

Als Beispiel möchte ich noch ein Detail hervorheben, das mich persönlich begeistert hat. Das historische Gebäude der Los Angeles Public Library wurde von Bertram Goodhue geplant. Im Buch beschreibt die Autorin in mehreren Absätzen seinen Ansatz, dass ein Gebäude eine Geschichte erzählen sollte. Seine Form, seine Kunst, Ornamente, alle Elemente zusammen sollten wie ein Buch gelesen werden können und die Geschichte darüber erzählen, was in dem Gebäude passiert. In meinen Augen ist das ein wunderbarer, fachübergreifender Zugang, der Architektur von reiner Zweckmäßigkeit auf eine künstlerische Ebene hebt. Bertram Goodhue war jedoch nicht nur Architekt, sondern hat unter anderem auch die Schriftart Cheltenham erschaffen.

It declares that all these stories matter, and so does every effort to create something that connects us to one another, and to our past and to what is still to come.

EDIT [20. Dezember 2019]: Es gibt eine Podcast-Episode von The Maris Review, in der Susan Orlean über die Geschichte des Buches spricht und unter anderem erzählt, warum ein Feuer in einer Bibliothek in Los Angeles eine besondere Bedeutung hat (mit Verweisen auf die aktuellen Waldbrände). Via Lithub.

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Memoir

Lisa Brennan-Jobs – Small Fry

Aufmerksam geworden bin ich auf dieses Stück Lebensgeschichte wieder mal durch Artikel auf LitHub: Das Titelbild wurde unter die besten Buchcover des vergangenen Septembers gewählt, es gab aber auch einen eigenen Artikel über den Entwicklungsprozess des Covers. Solche Artikel lese ich auf LitHub immer wieder gern, sie geben interessante Einblicke in einen kreativen Prozess, der den Inhalt des Buches mit einer grafischen Gestaltung verbindet.

What did I want? What did I expect? He didn’t need me the way I needed him. A dark and frightening loneliness came over me, a sharp pain beneath my ribs. I cried myself to sleep, the tears turning cold and pooling in my ears.

Die Autorin ist die Tochter von Apple-Gründer Steve Jobs. In ihrem Buch beschreibt sie ihre Kindheit, zuerst die frühen Jahre, die sie mit der alleinerziehenden Mutter verbrachte, immer wieder hart an der Kante zur Armut stehend, und später das Zusammenleben mit ihrem Vater, seiner neuen Partnerin und deren gemeinsamen Kindern. Über allen Begebenheiten schwebt stets das brennende Verlangen eines Kindes, dazugehören zu wollen, sich angenommen zu fühlen, um seiner selbst willen geliebt zu werden, ohne sich diese Liebe erst verdienen zu müssen.

So schreibt sie über ihre Mutter (in den Augen einer Teenagerin ein peinlicher, emotionaler Hippie):

I didn’t want my father to think I was anything like her. If he did, he might not want me.

Und später über den Vater und die neue Familie:

My mother already loved me. Even when she screamed at me, I knew it. I wasn’t so sure about them.

Über die exzentrische Persönlichkeit Steve Jobs wurde bereits zu seinen Lebzeiten viel geschrieben. Manche Eigenheiten, Verhaltensweisen gegenüber der Familie, werden in diesem Buch auch thematisiert. Es wird aber sehr deutlich, dass es nicht darum geht, den reichen, abwesenden Vater als unsensibles Monster abzustempeln. Es gibt eher einen Einblick in die komplexe Beziehungswelt einer Patchwork-Familie und die Mechanismen und Dynamiken, die sich in solchen Familienkonstellationen entwickeln können wie zum Beispiel Rivalität zwischen den Elternteilen um die Aufmerksamkeit des Kindes.

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English Roman

David Levithan – Love Is the Higher Law

This, I think, is how people survive: Even when horrible things have been done to us, we can still find gratitude in one another.

Auch wenn ein Buch über die Auswirkungen von 9/11 auf den ersten Blick eher deprimierend ausfallen sollte, gelingt es dem Autor, die Perspektive auf positive Bereiche zu richten. Die negativen Auswirkungen wie der „Krieg gegen den Terror“ und die dafür notwendige Aufrüstung sind weithin bekannt. David Levithan hingegen lässt seine jugendlichen Protagonisten dorthin schauen, wo Menschen Trost finden und sich gegenseitig Trost spenden, unabhängig davon, wo sie herkommen, wo sie hingehen oder welche Hautfarbe sie haben. Er lässt sie zweifeln – aber nicht verzweifeln – an der Unberechenbarkeit des menschlichen Handelns und an der Ungewissheit des Lebens, die uns daran hindern könnte, überhaupt morgens aufzustehen, wäre unser Gehirn nicht in der Lage, auf aktuell anstehendes praktisches Handeln zu fokussieren. Auch im Angesicht des Undenkbaren geht das Leben weiter. Irgendwie.

We keep waiting for the next attack, and then we go and make the next attack. … Now I still want to know what I can do. It’s never enough, and it feels like nothing.