Susan Orlean – The Library Book

The library is a gathering pool of narratives and of the people who come to find them. It is where we can glimpse immortality; in the library, we can live forever.

Schon der Titel lässt erahnen, dass es sich bei diesem Werk um eine Liebeserklärung an die Institution Bibliothek (Library) handelt. Die Autorin erzählt jedoch nicht nur von ihren eigenen Erfahrungen, sondern nimmt diese zum Anlass, tief in das Thema einzutauchen.

My mother imbued me with a love of libraries. The reason why I finally embraced this book project – wanted, and then needed, to write – was my realization that I was losing her.

Ein wichtiger Handlungsstrang ist der Brand der Los Angeles Public Library im Jahr 1986. Die Autorin beleuchtet in tiefgehenden Recherchen den Zustand der Bibliothek vor und nach dem Brand, lässt Zeitzeugen zu Wort kommen und webt ein dichtes Netz, das zum Ziel hat, Licht auf das Feuer und die darauf folgenden Aufbauarbeiten zu werfen. Die Brandursache konnte niemals vollständig geklärt werden. Ein Verdächtiger wurde festgenommen, vor Gericht gestellt und aus Mangel an Beweisen nicht verurteilt. Die Lebensgeschichte dieses mutmaßlichen Brandstifters nimmt ebenfalls eine wichtige Rolle im Buch ein. Aus den Recherchen der Autorin lässt sich schließen, dass der junge Mann eher zufällig mit dem Brand in der Bibliothek in Zusammenhang kam und sich der auf ihn fallende Verdacht hauptsächlich wegen seiner ständig wechselnden Aussagen erhärtete. Obwohl das Gerichtsverfahren mit einem Freispruch endete, beeinflusste die öffentliche Wahrnehmung seiner Verbindung mit dem Bibliotheksbrand sein weiteres Leben.

People think of libraries as the safest and most open places in society. Setting them on fire is like announcing that nothing, and nowhere, is safe. The deepest effect of burning books is emotional.

Beleuchtet wird aber auch die Rolle der Bibliothek in den vergangenen Jahrhunderten bis zum heutigen Tag. Bibliotheken sind offene Orte, sie bieten Platz für Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft und anderen persönlichen Merkmalen. Sie sind Orte des Wissens und des Lernens, der Ruhe, aber auch der Gemeinschaft. Die Autorin begleitet viele Menschen, die in der Los Angeles Public Libary arbeiten, durch ihren Arbeitsalltag und beschreibt die Begegnungen mit den BesucherInnen der Bibliothek und die vielen anderen angebotenen Aktivitäten wie zum Beispiel Story Times für Kinder unterschiedlicher Altersgruppen oder Sprachkurse. Im letzten Kapitel berichtet die Autorin von einem Besuch beim Marktführer im Bereich Online-Verleih-Systeme Overdrive. Die letzten Jahrzehnte haben bereits gezeigt, dass Bibliotheken durch das Internet nicht aussterben werden. Genau genommen sind sie wichtiger denn je. Neue Technologien vereinfachen den Zugang, machen jedoch die traditionellen Funktionen von Bibliotheken nicht obsolet.

Als Beispiel möchte ich noch ein Detail hervorheben, das mich persönlich begeistert hat. Das historische Gebäude der Los Angeles Public Library wurde von Bertram Goodhue geplant. Im Buch beschreibt die Autorin in mehreren Absätzen seinen Ansatz, dass ein Gebäude eine Geschichte erzählen sollte. Seine Form, seine Kunst, Ornamente, alle Elemente zusammen sollten wie ein Buch gelesen werden können und die Geschichte darüber erzählen, was in dem Gebäude passiert. In meinen Augen ist das ein wunderbarer, fachübergreifender Zugang, der Architektur von reiner Zweckmäßigkeit auf eine künstlerische Ebene hebt. Bertram Goodhue war jedoch nicht nur Architekt, sondern hat unter anderem auch die Schriftart Cheltenham erschaffen.

It declares that all these stories matter, and so does every effort to create something that connects us to one another, and to our past and to what is still to come.

Lisa Brennan-Jobs – Small Fry

Aufmerksam geworden bin ich auf dieses Stück Lebensgeschichte wieder mal durch Artikel auf LitHub: Das Titelbild wurde unter die besten Buchcover des vergangenen Septembers gewählt, es gab aber auch einen eigenen Artikel über den Entwicklungsprozess des Covers. Solche Artikel lese ich auf LitHub immer wieder gern, sie geben interessante Einblicke in einen kreativen Prozess, der den Inhalt des Buches mit einer grafischen Gestaltung verbindet.

What did I want? What did I expect? He didn’t need me the way I needed him. A dark and frightening loneliness came over me, a sharp pain beneath my ribs. I cried myself to sleep, the tears turning cold and pooling in my ears.

Die Autorin ist die Tochter von Apple-Gründer Steve Jobs. In ihrem Buch beschreibt sie ihre Kindheit, zuerst die frühen Jahre, die sie mit der alleinerziehenden Mutter verbrachte, immer wieder hart an der Kante zur Armut stehend, und später das Zusammenleben mit ihrem Vater, seiner neuen Partnerin und deren gemeinsamen Kindern. Über allen Begebenheiten schwebt stets das brennende Verlangen eines Kindes, dazugehören zu wollen, sich angenommen zu fühlen, um seiner selbst willen geliebt zu werden, ohne sich diese Liebe erst verdienen zu müssen.

So schreibt sie über ihre Mutter (in den Augen einer Teenagerin ein peinlicher, emotionaler Hippie):

I didn’t want my father to think I was anything like her. If he did, he might not want me.

Und später über den Vater und die neue Familie:

My mother already loved me. Even when she screamed at me, I knew it. I wasn’t so sure about them.

Über die exzentrische Persönlichkeit Steve Jobs wurde bereits zu seinen Lebzeiten viel geschrieben. Manche Eigenheiten, Verhaltensweisen gegenüber der Familie, werden in diesem Buch auch thematisiert. Es wird aber sehr deutlich, dass es nicht darum geht, den reichen, abwesenden Vater als unsensibles Monster abzustempeln. Es gibt eher einen Einblick in die komplexe Beziehungswelt einer Patchwork-Familie und die Mechanismen und Dynamiken, die sich in solchen Familienkonstellationen entwickeln können wie zum Beispiel Rivalität zwischen den Elternteilen um die Aufmerksamkeit des Kindes.

David Levithan – Love Is the Higher Law

This, I think, is how people survive: Even when horrible things have been done to us, we can still find gratitude in one another.

Auch wenn ein Buch über die Auswirkungen von 9/11 auf den ersten Blick eher deprimierend ausfallen sollte, gelingt es dem Autor, die Perspektive auf positive Bereiche zu richten. Die negativen Auswirkungen wie der „Krieg gegen den Terror“ und die dafür notwendige Aufrüstung sind weithin bekannt. David Levithan hingegen lässt seine jugendlichen Protagonisten dorthin schauen, wo Menschen Trost finden und sich gegenseitig Trost spenden, unabhängig davon, wo sie herkommen, wo sie hingehen oder welche Hautfarbe sie haben. Er lässt sie zweifeln – aber nicht verzweifeln – an der Unberechenbarkeit des menschlichen Handelns und an der Ungewissheit des Lebens, die uns daran hindern könnte, überhaupt morgens aufzustehen, wäre unser Gehirn nicht in der Lage, auf aktuell anstehendes praktisches Handeln zu fokussieren. Auch im Angesicht des Undenkbaren geht das Leben weiter. Irgendwie.

We keep waiting for the next attack, and then we go and make the next attack. … Now I still want to know what I can do. It’s never enough, and it feels like nothing.

Neil Gaiman – American Gods

„Gods are great“, said Atsula, slowly, as if she were comprehending a great secret. „But the heart is greater. For it is from our hearts they come, and to our hearts they shall return …“

In diesem monumentalen Roman beschäftigt sich der Autor mit Göttern und Mythen. Aus amerikanischer Sicht sind die meisten Götter eingewandert, sie stammen beispielsweise aus Irland (Leprechauns) und sind mit den irischen Einwanderern, die an sie glauben, nach Amerika gekommen. Wenn diese Gottheiten nun ihre Anhängerschaft Stück für Stück verlieren, geraten sie in Vergessenheit.

All they had in common was a look, a very specific look. It said, You know me; or perhaps, You ought to know me. An instant familiarity that was also a distance, a look, or an attitude – the confidence that the world existed for them, and that it welcomed them, and that they were adored.

Das große Thema des Buches ist nun ein (vermeintlicher) Kampf zwischen alten und neuen Göttern. Der Protagonist Shadow wird nach drei Jahren aus dem Gefängnis entlassen und muss feststellen, dass sein sorgfältig vorbereiteter Plan (Rückkehr zu seiner Frau, Job im Fitness-Center seines Freundes) in Stücke zerbrochen ist. Seine Frau und sein Freund wurden bei einem Autounfall getötet. In diesem Schockzustand wird Shadow von Mr. Wednesday aufgelesen, der ihm einen Job und somit eine Beschäftigung, eine Lebensmöglichkeit anbietet. Schon am zweiten Tag dieser Beschäftigung wird Shadow von den neuen Göttern in einer Limousine bedroht. Der Autor lässt diese Götter namenlos bleiben, ihre Handlanger nennen sich Mr. Town, Mr. World und Mr. Stone und scheinen keine Persönlichkeit zu haben. Sie haben keine Geschichte, ihre Energie stammt rein aus der Gegenwart. Durch das Vernichten der alten Götter hoffen sie auf noch mehr Popularität, die sie am Leben hält.

He hoped he would live through this, but he was willing to die, if that was what it took to be alive.

Eine der Geschichten (als Traum von Shadow erzählt) beschreibt ein Gottwesen namens Ifrit, das Besitz von einem anderen Körper, einer anderen Person, einem anderen Leben nimmt. Die Geschichte kam mir bekannt vor und tatsächlich hat Neil Gaiman hier einen Mythos verwendet und auf moderne Art neu erzählt. Gerade wegen dieser Umgangsweise mit spirituellen Inhalten (die von vielen Gläubigen als respektlos empfunden werden kann) wurde der Roman kontrovers aufgenommen, wie der Autor selbst in seinem Vorwort schreibt.

After this there would be no more obligations, no more mysteries, no more ghosts.

Die Geschichte besteht jedoch nicht nur aus Mythen, sondern hält einige spannende Wendungen bereit, die für mich als Leserin nicht vorhersehbar waren. Es entwickelt sich ein fesselndes Gesamtkonzept, das zwischen den Zeilen auch noch ein Plädoyer für religiöse Toleranz beinhaltet.

In einem Interview am Ende des Buches outet sich Neil Gaiman übrigens als einer derjenigen, der nie genug Zeit hat für alle Dinge, die er gerne tun möchte:

There is not enough time, and I wind up just wanting to do things that I don’t have time for. There are so many things that I’d love to do, and I have to put off, or that it’s a matter of me choosing, when really I’d love to do both. And if only time were infinitely stretchy, I could.

Colson Whitehead – The Underground Railroad

And destroy that what needs to be destroyed. To lift up the lesser races. If not lift up, subjugate. And if not subjugate, exterminate. Our destiny by divine prescription – the American imperative.

Dieser Roman gibt tiefe Einblicke in das Leben der Sklaven im Süden der USA im 17. und 18. Jahrhundert. Die Protagonistin Cora flieht von der Baumwollplantage, auf der sie geboren wurde und ihr gesamtes bisheriges Leben verbracht hat. Sie ergreift trotz großer Gefahr die Chance auf ein freies Leben. Ihr Weg ist lange und von vielen Rückschlägen und Demütigungen geprägt. Am Ende des Buches ist sie noch immer auf dem Weg.

Die Geschichte wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Der Leser lernt sowohl die Sicht der Sklaven kennen, die bereits auf der Plantage geboren wurden und kein freies Leben kennen, als auch die der Gegner der Sklaverei, die teilweise ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, um Menschen die Freiheit zu ermöglichen und sie vor Misshandlung und Mord zu schützen.

Cora hat in einem ihrer Verstecke viel Zeit, sich mit Büchern auseinanderzusetzen und über die Ungerechtigkeit der Welt nachzudenken. Dem Autor ist es gelungen, ihre Weltsicht einzufangen, ohne ausschließlich zu moralisieren. Interessant ist auch die Perspektive des Sklavenjägers (siehe Zitat oben), die auch die Meinung vieler Sklavenhalter widerspiegelt. Teilweise schmerzt es fast, die Beschreibungen der damals weit verbreiteten Rassenlehre und damit der Vorstellung von mehr oder weniger wertigen Menschen zu lesen. Es ist auch erschreckend (und notwendig), sich bewusst zu machen, dass auch heute noch eine Klassengesellschaft existiert, in der manche Menschen als wertvoller erachtet werden als andere. Die Idee der Chancengleichheit für alle ist nach wie vor eine Illusion oder ein nobles Wunschbild.

Helfen kann hierbei nur der Gedanke, dass jede und jeder auch an einem anderen Ort, in einer anderen Kultur, unter anderen Umständen geboren werden hätte können. Wir haben uns unseren Platz im Leben nicht nur selbst erarbeitet, wir haben Startvoraussetzungen mitbekommen, die rein vom Zufall bestimmt sind. Für diese Startvoraussetzungen sollten wir dankbar sein und jene unterstützen, die mit weniger Vorteilen ins Leben gestartet sind. Gerade Menschen, die aus einem anderen Land zu uns kommen, die in einem Land geboren wurden, in dem Krieg herrscht und in dem sie kein gutes Leben führen können, sollten alle Chancen bekommen, die ihnen bisher versagt wurden. Jeder Mensch hat das gleiche Recht auf ein gutes Leben. Jede und jeder.

Leni Zumas – Red Clocks

All the doors have closed.

The ones, at least, she tried to open.

Die Autorin beschreibt in diesem Roman 4 Frauen, die sich auf die eine oder andere Weise mit dem Kinder wollen, bekommen, nicht bekommen wollen oder haben auseinandersetzen. Das Buch erzählt aus diesen unterschiedlichen Perspektiven und spart dabei auch nicht aus, wie sich die 4 Frauen gegenseitig betrachten und be- oder verurteilen.

Eine Single-Frau über 40, die sich verzweifelt ein Kind wünscht, aber erfährt, dass sie an einer Krankheit leidet, die es für sie nahezu unmöglich macht, ohne IVF ein Kind zu empfangen. Eine Frau, die zwei Kinder hat und unter der Last ihrer lieblosen Ehe zu zerbrechen droht. Schon allein diese Kombination bietet Konfliktpotential. Die Frau, die bereits Kinder hat, wünscht sich nichts sehnlicher als Zeit für sich selbst, Zeit, in der sie sich auf sich selbst konzentrieren kann. Das dringende Streben einer kinderlosen Frau, die genau diese Möglichkeit hat, erscheint ihr unsinnig, wenn nicht sogar falsch. Warum seine Freiheit aufgeben, um sein Leben der Kinderaufzucht zu widmen? Auch die Frage, ob ein Kind zwei Elternteile haben sollte, ob das Streben einer alleinstehenden Frau nach einem Kind überhaupt moralisch vertretbar ist, wird intensiv untersucht.

Ein junges Mädchen wird schwanger und kurz darauf von ihrem Freund verlassen. Ihren Eltern will sie nichts erzählen, das Kind möchte sie nicht bekommen. Sie zweifelt jedoch: sie selbst wurde als Baby zur Adoption freigegeben, ihre Eltern sind nicht ihre leiblichen Eltern. Soll sie das Kind bekommen? Wenn sie es nicht bekommt, verhindert sie damit das Glück einer anderen Familie? Die vierte Frau lebt als Einsiedlerin im Wald und wird von den Einheimischen als „Kräuterweiblein“ konsultiert. Das Mädchen wendet sich zuerst an sie mit der Bitte um eine Kräutermischung gegen die Schwangerschaft. Ohne jedoch zu wissen, dass zwischen den beiden eine besondere Verbindung besteht.

Die Autorin lässt alle ihre Figuren an ihren Schwierigkeiten wachsen und gibt Hoffnung, dass auch in scheinbar ausweglosen Situationen eine Lösung und ein Weiterleben möglich sind. Sie bewertet nicht und lässt alle diese Lebensentwürfe gleichberechtigt nebeneinander existieren. Frauen können Kinder bekommen oder nicht, sie können entscheiden, ob sie diese aufziehen wollen oder nicht. Sie beschreibt alle ihre Protagonistinnen als vollwertige Personen mit Stärken und Schwächen und der Kraft, Entscheidungen zu treffen. Und erschafft damit Vorbilder für unterschiedliche Lebenslagen.

Katherine Dunn – Geek Love

Jeder Versuch, diese Geschichte in kürzere Worte zu fassen, als exakt die Worte, die das Buch lang ist, muss unweigerlich scheitern. Mehr Einleitung sollte es hier nicht brauchen.

Das Buch erzählt auf zwei Zeitebenen die Geschichte der Familie Binewski, die als [Zirkus|Karneval|Freak Show] durch die USA reist. Die Eltern Al und Lil – beide als Normalos geboren. Die Kinder – jedes auf seine eigene Art besonders, im Sinne von nicht der Norm entsprechend. Die Vorzeichen sind hier umgekehrt: Besonders zu sein bedeutet herausragend, Normalsterbliche werden bedauert, die Binewski-Kinder haben kaum Kontakt zu Menschen außerhalb ihrer kleinen Welt.

Daraus resultiert auch ein besonderes Moralverständnis. Die Binewski-Kinder wetteifern um die Gunst des Publikums und der Eltern. Sie haben nur einander und das Publikum. Arturo, der älteste Bruder – geboren ohne Arme und Beine und als Aqua Boy berühmt geworden – entwickelt sich Stück für Stück zum Diktator, der seine Geschwister tyrannisiert und seinen eigenen Kult gründet. Eine Religion für Menschen, die so sein wollen wie er. Also ohne Arme und Beine. Abhängig von der Hilfe anderer.

Eines der Elemente, das diesen Roman gleichzeitig so furchterregend und spannend macht, ist die Leichtigkeit, mit der schlimmste Körperverletzungen als normal beschrieben und nicht hinterfragt werden. Experimente an menschlichen Körpern gehören zum Alltag. Der Familienzusammenhalt steht über allem. Bis zu dem Tag, als das Maß voll ist und der jüngste Bruder explodiert …

Ein besonderes Buch, mehr kann ich nicht sagen. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich auf diese schräge Welt einlassen konnte. Es ist notwendig, aber gleichzeitig schwierig und schmerzhaft, die vermeintliche Normalität hinter sich zu lassen und die veränderten Gesetze einer anderen Gesellschaft zu akzeptieren. Normalität ist immer das, was der Einzelne kennt. Normalität ist das Gegenteil des Unbekannten.

Heather Harpham – Happiness: The Crooked Little Road to Semi-Ever After

She was an older woman with cobalt eyes, and no children, who gave her maternal love to all. Could I be that?

In den Parnassus Books Empfehlungen tauchen immer wieder Beispiele aus dem Memoir-Genre auf. Mir ist das erst letztes Jahr bewusst aufgefallen, es erscheint mir aber noch immer, als sei das eher ein Element amerikanischer Kultur und im deutschsprachigen Raum kaum präsent. Oder suche ich nur an den falschen Stellen? Hat jemand Empfehlungen für original deutschsprachige Beispiele aus dem Memoir-Genre?

Das obige Zitat stammt aus den ersten Kapiteln, in denen die Autorin Heather noch damit ringt, wie sie mit der überraschenden Schwangerschaft umgehen soll. Der Kindsvater kann sich ein Leben mit Familie nicht vorstellen. Heather entscheidet sich für das Kind und die Trennung. Nach der Geburt wird eine undefinierbare Krankheit festgestellt. Lange Zeit ist nicht klar, wie dem Baby zu helfen ist, ob es überleben wird. Eine Unsicherheit, mit der die Eltern für Jahre werden leben müssen.

It wasn’t that he didn’t want to be there; it was that he had to be there als who he was.

Die Autorin beschreibt also ihren eigenen Weg und teilt ihre Erfahrungen als Mutter, die schon während der Schwangerschaft allein ist, als Mutter eines kranken Kindes, als Mutter, die dem Vater erst wieder Platz einräumen muss. Später als Mutter eines schwer kranken Kindes, das mit dem Tod ringt, und auch als Mutter, deren Kind überlebt hat, während andere Mütter ihre Kinder verloren haben. Sie beschreibt, wie die Sorge um das kranke Kind alle anderen Gefühle verdrängt, wie darunter die Beziehung zum Geschwisterkind und zum Kindsvater leiden.

Any kind of life, if you live it long enough, becomes routine.

Es sind persönliche Erfahrungen, die die Autorin teilt, vielleicht macht diese Tatsache das Buch so mitreißend und gleichzeitig beängstigend. Es erlaubt dem Leser einen Blick in die Gefühlswelt einer Situation, die die meisten Menschen selbst nicht erleben (müssen). Es erinnerte mich an die vielen anderen Leben, die für jeden von uns möglich gewesen wären, für die wir uns jedoch nicht entschieden haben. Manche davon sind verloren, die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Viele andere sind jedoch immer noch möglich.

Ariel Levy – The Rules Do Not Apply

Every so often, I like to break up my stack of fiction and throw in a memoir by a real person reflecting on real life — preferably by a fantastic, unflinching writer, which Ariel Levy is.

Parnassus-Empfehlung

Seit ich im Rahmen der letzten Reading Challenge das Genre Memoir entdeckt habe, interessieren mich echte Lebensgeschichten beinahe mehr als erfundene. Es hat vielleicht mit einer Suche nach Vorbildern zu tun, nach Menschen, die in irgendeiner Form aus der Normalität herausfallen, trotzdem etwas aus ihrem Leben machen und dann darüber berichten. Die gesellschaftlichen Normen haben sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert (Risikogesellschaft). Natürlich gibt es noch das vorherrschende Bild der normalen Familie, auf immer mehr Menschen trifft es jedoch nicht mehr zu. Neue Lebensformen entwickeln sich täglich und vermutlich orientiert sich jeder Mensch bis zu einem gewissen Grad an den Vorbildern anderer. Es braucht also auch Vorbilder für nicht mehrheitsfähige Lebensformen.

Daring to think that the rules do not apply is the mark of a visionary. It’s also a symptom of narcissism.

Dass es bei solchen echten Lebensgeschichten kein Happy End gibt, kann gleichzeitig eine gute wie auch eine schlechte Sache sein. Bei diesem Buch hatte ich das untrügliche Gefühl, dass es nur ein Lebensabschnitt war, der hier beschrieben wird und dass die Autorin noch viel mehr vor sich hat, als sie beschreibt. Ein Gefühl, dass sich bei keiner Autobiografie – oder eben amerikanisch Memoir – vermeiden lässt. Erst wenn die Person tatsächlich tot wäre, ließe sich ein ganzes Leben beschreiben, dann kann die Person aber nicht mehr selbst davon erzählen. Catch-22.

We want intimacy and autonomy, safety and stimulation, reassurance and novelty, coziness and thrills. But we can’t have it all.

Die Autorin beschreibt ihr Leben bis zu einem großen Einschnitt, durch den alles, was sie sich aufgebaut hatte, mit einem Schlag vernichtet wird. Sie erzählt selbst von den (vermutlich) schlimmsten Momenten ihres Lebens in einer Klarheit, einer Art emotionalen Distanz, die dem Geschehen scheinbar die Schwere nimmt. Das zeugt entweder von einer intensiven therapeutischen Auseinandersetzung mit den Ereignissen oder von großem literarischen Können. Oder beidem.

And it had certainly never crossed my mind that my reaction – my suffering – was mine: something I had come up with, not something I needed to blame on anyone else.

Stephen King – The Stand

Gerade ist mir aufgefallen, dass es tatsächlich den ganzen Jänner keinen Blog Post auf Booksinthefridge gab. Eine Premiere mit mehreren Gründen. Einerseits viel Erwerbsarbeit, andererseits lese ich gerade viel, das es aus Gründen nicht hier ins Blog schafft und andererseits hatte ich mir nach dem Nicht-Horror-Buch Wächter der Nacht ein echtes Horror-Buch vornehmen wollen. Wenn man nach Horror sucht, kann man immer auf Stephen King zurückgreifen. Der Gedanke The Stand aus erwachsener Perspektive nochmal neu zu lesen (ich hatte es als Jugendliche schon gelesen), war mir schon vor längerer Zeit gekommen. Daher hätte ich auch wissen müssen, was es für ein riesiger Wälzer ist. Damals habe ich sicher nicht so lange dafür gebraucht.

There’s always a choice. That’s God’s way, always will be.

King beschreibt in The Stand die amerikanische Gesellschaft in einer unvergleichlichen Krisensituation. Aus einer militärischen Einrichtung entweicht ein gezüchteter Virus, eine Supergrippe. Das erste Buch beschreibt das langsame Ausbreiten des Virus auf ganz Amerika und natürlich auf die ganze Welt, obwohl sich das Geschehen rein in den USA abspielt. Lange wissen die Betroffenen nicht, wie schlimm das Ausmaß der Katastrophe ist. Regierung und Medien vertuschen und versprechen eine baldige Impfmöglichkeit, die niemals kommt. Denn selbst die Regierungseinrichtungen sind vor dem Virus nicht sicher. Stück für Stück bricht die Gesellschaft auseinander. Viele, die gegen das Virus immun sind, sterben im Verlauf der Katastrophe an anderen Gründen. Unfälle, Brände, Selbstmorde, aber auch Amokläufe reißen viele weitere Menschen in den Tod.

Die Überlebenden sind vorerst auf sich allein gestellt. Sie verarbeiten den Schock und versuchen, sich auf die neue Situation einzustellen. Beinahe alle leiden an Alpträumen von einem schwarzen Mann, der ihnen nachstellt.

There was a dark hilarity in his face, and perhaps in his heart too, you would think – and you would be right.

Stück für Stück finden sich die Überlebenden zu Gruppen zusammen. Als Gegenpol träumen viele von einer alten Frau auf ihrer Veranda inmitten von Kornfeldern. Sie machen sich auf den Weg und finden schließlich Mother Abigail, die Frau aus ihren Träumen. Für viele erscheint sie als eine Art göttlicher Bote, der den Gegenpol zur Bedrohung durch den schwarzen Mann bildet. Damit wären auch die sich gegenüberstehenden Pole Gut und Böse definiert (ja, an dieser Stelle erinnere ich mich wieder an Wächter der Nacht).

The roots are rationalism, and I would define that word so: ‘Rationalism is the idea we can ever understand anything about the state of being.’ It’s a deathtrip. It always has been. So you can charge the super flu off to rationalism if you want. But the other reason we’re here is the dreams, and the dreams are irrational.

Zwei Gesellschaften bilden sich in diesem postapokalyptischen Amerika. Der schwarze Mann schart Verbrecher und Ziellose um sich, die Guten – so scheint es – scharen sich um Mother Abigail. Die Gesellschaft in Boulder wächst und dieser Abschnitt im zweiten Buch, indem versucht wird, eine neue Gesellschaftsordnung aufzustellen und ihre Ursprünge zu klären, bringt tiefe soziologische und psychologische Einblicke. Wenn es keine Gerichte und keine Polizei mehr gibt, die Straftäter verfolgen und bestrafen, ist dann alles möglich? Selbst vermeintlich gute Menschen können zu einem hasserfüllten Lynchmob werden, wenn es kein Gesetz gibt, das sie daran hindert. Hass kann die Menschlichkeit außer Kraft setzen. Eine Lehre, die gerade in dieser Zeit, die einen deutlichen Anstieg rechtspopulistischer Politik erlebt, nicht wichtig genug sein kann.

Im dritten Buch kommt es schließlich zur Konfrontation zwischen Gut und Böse. Es wäre jedoch nicht Stephen King, wenn dieses vermeintlich erwartbare Ende nicht mit einigen Überraschungen aufwarten würde. Er entlässt seine Leser mit einem Gefühl, dass das Gute im Menschen triumphieren kann … um dieses Gefühl dann wiederum außer Kraft zu setzen. Einen Endsieg des Guten über das Böse (oder umgekehrt) wird es nicht geben, so lange noch Menschen auf unserer Erde leben. Es existiert ein schwankendes Gleichgewicht, das mal zur einen, mal zur anderen Seite hin ausschlägt.

Wir schreiben den Beginn des Jahres 2017, den Beginn der Trump-Administration in Amerika, rechte Populisten streben in ganz Europa nach Macht. Gerade in diesen Zeiten sollte es jedem Einzelnen ein Anliegen sein, das Gute in uns selbst zu suchen. So lange die Menschlichkeit unser erstes Ziel bleibt, kann das Böse nicht triumphieren.