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Roman

Lily King – Writers & Lovers

Auf der Oberfläche geht im Leben der Protagonistin zuerst alles schief (Schwierigkeiten beim Schreiben des Romans, Suche nach einer neuen Unterkunft, zuerst Stress in der Arbeit, dann wird sie gefeuert und dazu noch die Sorge, an Krebs erkrankt zu sein). Dann löst sich im letzten Drittel alles Schritt für Schritt auf (der Roman ist fertig und schließlich findet sich auch eine Agentin, ein neuer Job als Lehrkraft an der High School, der Krebsverdacht erhärtet sich nicht).

Auf der mittleren Ebene ist Casey hin- und hergerissen zwischen zwei Männern, die Interesse bekunden. Einer ist erfolgreich, verwitwet mit zwei Kindern und 15 Jahre älter als sie, der andere in ihrem Alter und genau wie sie auf der Suche nach einem Weg zum Erfolg und unsicher, wo das Leben ihn hinführen soll.

Zwischen den Zeilen, sozusagen in den unteren Schichten geht es aber um Kreativität, um das Bedürfnis, sich auszudrücken, aber auch, mit dem eigenen Werk Erfolg zu haben und Anerkennung bei anderen zu finden. Eine Szene beschreibt eindrucksvoll den Zweifel daran, überhaupt etwas zu sagen zu haben. Können zwei Menschen, die sich im selben Bereich kreativ betätigen, überhaupt ein glückliches Paar sein? Was, wenn die eine oder der andere (mehr) Erfolg hat? Das Zusammenspiel oder die (Möglichkeit einer) Balance von Selbstverwirklichung und Beziehung ist das eigentliche Thema dieser Geschichte.

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Roman

Daniel Kehlmann – F

Alles steht in meiner Macht. Das Mysterium des freien Willens: Ich kann hineinbeißen, ich kann es lassen. Es liegt bei mir. Alles, was ich tun muss, damit es nicht geschieht, ist, es nicht zu tun.

Der Zweite schmeckt gar nicht mehr.

Ein Geocache beschäftigt sich mit Kunstbetrug in der Literatur und da die Buchtitel in der Cache Description stehen und nicht erraten werden müssen, ist das hier auch kein Spoiler. Das zweite zu lesende Buch Der letzte Weynfeldt habe ich schon im Februar gelesen, die Lösung des Rätsels ist nun vollbracht.

Das Buch beginnt mit den drei Brüdern Martin, Eric und Iwan, deren Vater Arthur sie zur Vorstellung eines Hypnotiseurs schleppt, obwohl er selbst davon überzeugt ist, dass Hypnose bei ihm nicht funktioniert. Nach der Vorstellung verlässt er seine Familie und beginnt ein neues Leben mit dem Ziel „nichts zu tun“. Die Frage nach dem freien Willen und wie freiwillig eine Freiwilligkeit, die von gesellschaftlichen Zwängen und Erwartungen beeinflusst ist, überhaupt sein kann, zieht sich durch dieses Buch. Was wir wollen (oder denken zu wollen), wird von so vielen Faktoren beeinflusst, Medien überschlagen sich damit, uns einreden zu wollen, was wir wollen. Was wir wollen, ist fluid und in ständiger Veränderung begriffen.

„Aber man kann Menschen nicht dazu bringen, etwas zu tun, das sie nicht tun wollen?“

Er zuckte mit den Schultern. Unter uns gesagt, was heiße das eigentlich, etwas wollen oder nicht. Wer wisse schon, was er wolle, wer sei im Reinen mit sich. Man wolle so viel und jeden Moment etwas anderes.

Die späteren Kapitel erzählen davon, wie es den drei Brüdern in ihrem Leben ergeht und alle drei leben auf ihre eigene Weise in einer Art Selbstbetrug: Martin als ungläubiger Pfarrer, der nur im Essen noch Freude findet; Eric, der als Vermögensberater das Geld seiner Kunden verspielt hat und dies nun zu vertuschen versucht; und Iwan, der Bilder malt, die er in einem komplizierten Konstrukt als die Werke eines anderen vermarktet.

Die teilweise zeitliche und personelle Überlappung der Geschichten, die jeweils aus unterschiedlicher Perspektive erzählt werden, lassen die Leser*in einzelne Ereignisse reflektieren und neu bewerten. Während Martin im Stillstand verharrt, nehmen Erics und Iwans Leben eine miteinander verflochtene Wendung mit (zumindest für mich) unbefriedigendem Ausgang.

Die Kunstwelt ist voller liebenswürdiger Menschen, voller Enthusiasten, voll von Sehnsucht und Wahrhaftigkeit. Es ist die Kunst selbst, als heiliges Prinzip, die es leider nicht gibt.

 

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Roman

Martin Suter – Der letzte Weynfeldt

Ein Literatur-Geocache hat mich zu diesem Werk greifen lassen, das ich dann überraschend schnell weggelesen habe. Eigentlich gibt es in dem Buch keine wirklich sympathischen Protagonist*innen. Der titelgebende Adrian Weynfeldt wird als langweiliger Spießer beschrieben, der von seinem Freundeskreis nur geduldet wird, weil er alle zum Essen einlädt (und auf andere Arten finanziell unterstützt). Dass die „Freunde“ Weynfeldt derart ausnutzen, lässt diese als gierige, oberflächliche Personen dastehen. Die Begegnung mit Lorena stürzt Weynfeldt in eine Situation der Unsicherheit. Lorena selbst schlägt sich mit Gaunereien wie Ladendiebstahl und Erpressung durch und scheint ihr Interesse an Weynfeldt nur vorzutäuschen. Bis zum großen Finale bleibt offen, ob Weynfeldt das gefälschte Bild in die Auktion genommen hat und ob Lorena vielleicht doch echte Gefühle für ihn entwickelt hat. Das klingt nach einem eher gemächlichen Spannungsbogen, hat mich aber tatsächlich gut unterhalten.

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Kurzgeschichten Roman

Tove Jansson – Fair Play

In fact, it felt good having things unfinished, a little as if she had just moved in and didn’t have to take the thing so seriously.

Beim Lesen dieses Buchs wurde mir wieder einmal klar, wie wenig ich mit dem Konzept der Kunst bzw. der Rolle der Künstler*innen anfangen kann. Mein persönliches Arbeiten ist geprägt von dem Wunsch, Dinge zu erledigen, To-Dos abzuhaken und das soll in der effizientesten Weise wie möglich geschehen. Der künstlerische Ansatz, der in diesem Buch (und im obigen Zitat) beschrieben ist, ist ein mir völlig fremdes Konzept. Ich fühle mich immer unwohl angesichts der vielen halbfertigen Dinge, die sich für mich wie unerledigt anfühlen. Es fällt mir schwer, angefangene Projekte als Möglichkeiten zu sehen, als Konzepte, die sich noch entwickeln können, die mehr Zeit erfordern. Zeit meint in diesem Fall nicht Arbeitszeit, die gefunden und in das Projekt investiert werden muss und dann ist das Projekt irgendwann erledigt, sondern Entwicklungszeit, um andere Inspirationen zu finden, die dann das Konzept verfeinern und ein klareres Bild von einer zuerst diffusen Idee ergeben.

This novel is about creativity from the very start – about how you take a day, the same as all the other old one-after-the-other days, and make it really new and fresh, no matter what age you are, what life you’re in.

Das Buch beschreibt in kurzen Geschichten die Beziehung von Mari und Jonna, Freundinnen, Partnerinnen (?), die zusammen leben und jede für sich künstlerisch arbeiten. Das beinhaltet so vieles, das in wenigen Worten beschrieben wird, die unheimlich viel Raum für Interpretation lassen.

Mari sat down and wrote. When she was done, she went into the studio and asked if she could read it aloud.

Manche dieser Geschichten lassen so viel Raum, dass ich für das, was zwischen den beiden Protagonistinnen passiert, keine Erklärung finden konnte. Das obige Zitat stammt aus einer Geschichte, in der Mari über einem schwierigen Brief brütet. Eine Frau fragt sie nach dem Sinn des Lebens und Mari weiß nicht, was sie antworten soll. Nun könnte die Geschichte die verschiedenen Sinnmöglichkeiten, die uns das Leben anbietet, untersuchen; sie zeigt uns aber stattdessen, dass es Momente gibt, in denen eine Beziehung frustrierend sein kann, in denen die Menschen, die uns am nächsten stehen, uns gewissermaßen mit unseren Problemen und Entscheidungen allein lassen. Laut der Einleitung sind Liebe und Arbeit die großen Themen der Autorin. Beides beinhaltet schwierige und frustrierende Momente und gleichzeitig so viel Potential, das wir an manchen Tagen ausschöpfen können und an anderen nicht.

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Roman

Ottessa Moshfegh – My Year of Rest and Relaxation

Eine hohe Erwartungshaltung – und sei sie auch noch so diffus – kann so ziemlich jede Erfahrung zu einer Enttäuschung machen. Möglicherweise ist mir das mit diesem Buch passiert, das im vergangenen Jahr auf jeder Empfehlungsliste auf Lithub dabei war. In meiner Erinnerung waren diese Empfehlungen alle mit Begeisterung behaftet, ohne auch nur einen Blick auf möglicherweise missverständliche oder problematische Aspekte zu werfen. Meine Meinung zu diesem Buch ist eher durchwachsen.

Being pretty only kept me trapped in a world that valued looks above all else.

Die Protagonistin ist eine – laut eigener Beschreibung – überdurchschnittlich attraktive junge Frau, akademisch gebildet, finanziell abgesichert aufgrund des Erbes ihrer verstorbenen Eltern und trotz all dieser Privilegien zutiefst unglücklich. Sie fühlt sich in ihrer Arbeit in einer Kunstgalerie nicht wertgeschätzt und nutzlos und zweifelt an der Sinnhaftigkeit ihres Tuns und Daseins. Ihrem Hadern mit sich selbst und der Welt versucht sie mit Medikamenten zu entgehen. Sie findet eine dubiose Psychiaterin, die sie mit einem Medikamentencocktail versorgt, der es ihr ermöglichen soll, den Großteil ihrer Zeit zu schlafen.

I wanted to hold on to the house the way you’d hold on to a love letter. It was proof that I had not always been completely alone in this world. But I think I was also holding on to the loss, to the emptiness of the house itself, as though to affirm that it was better to be alone than to be stuck with people who were supposed to love you, yet couldn’t.

Im Verlauf des Buches werden immer mehr Teile ihrer Vergangenheit enthüllt, die Hinweise geben, wie es zu dieser Welt- und Selbstmüdigkeit gekommen ist. Das Verhältnis zu den Eltern war oberflächlich intakt, jedoch von einer Lieblosigkeit geprägt, die es einem Kind nicht erlaubt, ein gesundes Verhältnis zu sich selbst zu entwickeln. Nach dem Tod beider Eltern steht das geerbte Elternhaus als Sinnbild für alles Verlorene, auch das, was niemals vorhanden war.

She sipped and poured and went on about how “it’s all about your attitude,” and that “positive thinking is more powerful than negative thinking, even in equal amounts.”

Neben der Protagonistin und der Psychaterin gibt es noch eine weitere Figur, eine Freundin der Protagonistin, die aus dem Leser unverständlichen Gründen an ihr festhält. Diese Frauenfreundschaft ist geprägt von gegenseitigem Neid und dem Wunsch nach Verständnis, nach Gesehen-Werden und Angenommen-Werden mit all seinen Fehlern, wie es der Protagonistin von ihren Eltern verwehrt blieb. Es bleibt am Ende unklar, ob dieser Wunsch in Erfüllung geht oder an der Realität der unterschiedlichen Lebensumstände scheitert. 

Sometimes friends are better than family, because you can say anything. Nobody gets mad. It’s a different kind of love.

Das Buch endet mit einer Kunstaktion, in der die Protagonistin ihr eigenes Dasein nahezu auslöscht mit dem Ziel, am Ende wiedergeboren zu werden in ein neues Leben. Die Satire über die Sinnlosigkeit der Kunstszene führt sich an dieser Stelle selbst ad absurdum. Rückblickend könnte das der Grund für die große Begeisterung über dieses Buch sein. Es fühlt sich intellektuell an und birgt Spielraum für Interpretation. 

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Essays

Olivia Laing – The Lonely City

Sameness, especially for the immigrant, the shy boy agonisingly aware of his failures to fit in, is a profoundly desirable state; an antidote against the pain of being singular, alone, all one, the medieval root from which the word lonely emerges. Difference opens the possibility of wounding; alikeness protects against the smarts and slights of rejections and dismissal.

Ein Spontankauf, vor Monaten in Berlin. Etappenweise gelesen, denn wer kann Einsamkeit schon auf längere Zeit aushalten? Die Autorin beschreibt anhand der Lebensgeschichten von sehr verschiedenen Künstlern das Phänomen der Einsamkeit und wie es sich in der künstlerischen Auseinandersetzung Bahn bricht. Sie beschreibt etwa die sich physisch manifestierende Einsamkeit in einem Gemälde von Edward Hopper. Ihre Beschreibung der Positionen der Personen zueinander und des Lichteinfalls in das nahezu leere Gebäude hat mich die Einsamkeit in dem Bild fühlen lassen, schon bevor ich es mir im Internet angesehen habe.

A weak or damaged ego cannot integrate, because it is too afraid of being overwhelmed by destructive feelings, which threaten to endanger or annihilate the prized and carefully preserved good object.

Nicht jeder, der allein ist, ist auch gleichzeitig einsam. Es gibt Menschen, die besser mit sich selbst allein sein können, als andere. Das mag teilweise Veranlagung sein, kann aber auch ein Sozialisationseffekt sein. Gerade bei Künstlern könnte ich laienhaft annehmen, dass sie sowohl die Auseinandersetzung mit der Außenwelt (als Inspiration) als auch das Alleinsein mit ihren Gedanken brauchen, um künstlerische Werke hervorbringen zu können. Dies beschreibt die Autorin anhand verschiedener Künstler, sie hat jedoch auch ein Gegenbeispiel gefunden, Henry Darger, der seine Werke zeit seines Lebens im Verborgenen geschaffen hat und dessen Kunst erst nach seinem Tod als solche erkannt wurde. Was wiederum die Frage aufwirft, ob Kunst erst durch Anerkennung als solche zur Kunst wird. Hat Henry Darger sich mit seinen Geschichten und Collagen nur beschäftigt, um in seiner Einsamkeit nicht den Verstand zu verlieren? Seine Werke zeigen teilweise beunruhigende Wesenszüge, die erahnen lassen, dass ihm der Wahnsinn vielleicht gar nicht so fremd war.

Loss is a cousin of loneliness. They intersect and overlap, and so it’s not surprising that a work of mourning might invoke a feeling of aloneness, of separation. Mortality is lonely.

Ein intensives und trauriges Kapitel beschäftigt sich mit dem Beginn der AIDS-Krise in den 1980ern. Die Krankheit trat gehäuft in männlich geprägten Künstlerkreisen auf, in denen Homosexualität und Drogengebrauch damals verbreitet waren. Die Krankheit und ihre Übertragungswege waren zu dieser Zeit unbekannt, wenn sich Anzeichen zeigten, war der Tod unausweichlich. Da die Wege der Ansteckung nicht bekannt waren, wurden Betroffene isoliert, in vielen Krankenhäusern nicht behandelt und oft sogar von Freunden und Familie im Stich gelassen.

Auf der letzten Seite schreibt die Autorin sinngemäß: „Einsamkeit ist persönlich, sie ist aber auch politisch. Einsamkeit ist kollektiv, ist eine Stadt.“ Die Großstadt ist eine perfekte Visualisierung für die Einsamkeit, gerade in der Großstand gibt es kaum eine Möglichkeit, wirklich allein zu sein, es sind immer Menschen überall und sei es hinter der dünnen Wand der eigenen Wohnung. Trotzdem kann eine Großstadt der einsamste Ort der Welt sein.

Im Angesicht des Todes ist jeder Mensch einsam. Selbst wenn geliebte Menschen zur Stelle sind, bleibt der Tod ein Schritt, den jeder Mensch allein tun muss.

We are in this together, … what matters is solidarity.

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Roman

Muriel Barbery – The Elegance of the Hedgehog

People aim for the stars, and they end up like goldfish in a bowl. I wonder if it wouldn’t be simpler just to teach children right from the start that life is absurd.

Zwei besondere Protagonistinnen bevölkern diese Geschichte: Madame Michel arbeitet als Concierge in einem von reichen Menschen bewohnten Haus. Sie beschäftigt sich mit Literatur, Philosophie und Kunst, versteckt jedoch ihre Intelligenz hinter dem einfachen Benehmen, das ihrer Meinung nach einer Concierge zusteht. Die zweite Protagonistin ist die zehnjährige Paloma. Wie Madame Michel ist sie deutlich intelligenter als ihre Familie annimmt und will sich daher nicht mit den Banalitäten des „normalen“ Lebens ihrer Eltern und ihrer Schwester befassen. Sie versteckt sich und plant ihren baldigen Selbstmord.

In diese Anfangssituation platzt der Tod eines Bewohners und kurz danach die Ankunft des Nachmieters. Für beide Protagonistinnen steht damit eine große Veränderung ins Haus. Madame Michel wird herausgefordert, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen (und diese hinter sich zu lassen) während Paloma nach dem Sinn des Lebens und ihrer eigenen Zukunft sucht. Eine bittersüße Geschichte mit einem überraschenden Ende.

What does Art do for us? It gives shape to our emotions, makes them visible and, in so doing, places a seal of eternity upon them, a seal representing all those works that, by means of a particular form, have incarnated the universal nature of human emotions.

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Roman

Ali Smith – How to be both

I know, she says. But it kind of doesn’t matter, does it, that we don’t know his name. We saw the pictures. What more do we need to know? It’s enough just that someone painted them and then one day we came here and saw them. No?

Im ersten Teil geht es um George, eine Jugendliche, die um ihre Mutter trauert, die vor kurzer Zeit wegen eines Unfalls gestorben ist. Der Leser folgt Georges Gedankengängen, die sich an viele Gespräche mit ihrer Mutter erinnert. Diese werden mit Georges Gegenwart verflochten, die hauptsächlich aus Sorgen um ihren Vater und ihren Bruder und mehr oder weniger pflichtbewussten Therapiesitzungen bestehen. Zumindest so lange, bis H(elena) in ihr Leben tritt.

I have this need, H is saying.
What need? George says.
To me more, H says.
More what? George says.
Well, H says and her voice sounds strangely altered. More.

Im zweiten Teil wird das Leben des Künstlers (der Künstlerin?) beschrieben, der das Fresko gemalt hat, von dem Georges Mutter so fasziniert war, dass sie mit ihren beiden Kindern nach Ferrara flog, um es zu bewundern. Dieser Teil ist wirr und teilweise in Fragmenten verfasst, die es schwierig machen, den Überblick zu behalten.

She was repressed and respectable and anarchic and rude and unexpected, she was trivial and wild both at once, like a bad girl from school. And she was lovely. She was attentive, sweet to me. And there was something, some glimmer of something.

Von diesen Fakten abgesehen ist das Buch durchzogen von einer künstlerischen Aura, einem intensiven Blick auf Kunstwerke und deren Bedeutung. Der Titel kann unterschiedlich verstanden werden, es geht darum, wie man gleichzeitig Künstler und Mutter sein kann, aber auch die Lesart Ehepartner und Elternteil oder Tochter und Schwester ist möglich.

Im ersten Zitat geht es um den Künstler, dessen Name nicht bekannt ist. In einem späteren Gespräch stellt George auch die Frage, ob der Künstler auch eine Frau gewesen sein könnte. Für die Zeit, in der das Fresko entstanden ist, wäre das äußerst unüblich, jedoch kann sich der heutige Betrachter dessen keinesfalls sicher sein. An dieser Stelle muss ich einfach dem folgenden Blog Post vorgreifen, weil es so gut passt: Man kann nie wissen, was bleibt.

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Roman

Gyrðir Elíasson – Am Sandfluss

Wie zu erwarten war, ist die EM schon lange eine entfernte Erinnerung, aber die Buchempfehlungen von zeit.de begleiten mich noch länger.

Eine Woche nachdem ich diese Geschichte zu Ende gelesen habe, weiß ich noch immer nicht, was ich darüber schreiben soll, ohne das Ende zu spoilern. Ohne das Ende ergibt es nämlich keinen Sinn. Ein einsamer Künstler im Wald, in einer Wohnwagensiedlung mit Sommerfrischlern, zu denen er keinen Kontakt hat. In eine Begegnung mit einer rot gekleideten Frau fantasiert er sich Bedeutung hinein. Mit seinen Bildern wird er zunehmend unzufriedener. Die Beziehung zu seiner Familie ist zerrüttet, sein Sohn kommt zu Besuch, jedoch bleibt die Begegnung oberflächlich. Es wird Herbst. Die Sommerfrischler reisen ab, der Maler bleibt allein zurück.

Macht Einsamkeit verrückt? Gibt es Momente im Leben, die man nur mehr in Einsamkeit ertragen kann? Gibt es einen Punkt im Leben, an dem man nicht mehr zurück kann in das, was man bisher für sein Leben gehalten hat? Gibt es eine Möglichkeit für einen Neubeginn? Jedem, der sich diese Fragen stellt, rate ich dringend, sie nicht in einer einsamen Wohnwagensiedlung im Wald zu erörtern, sondern in Gesellschaft.

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Erfahrungsbericht

Silvia Bovenschen – Sarahs Gesetz

Sarahs Leben, mein Leben, unser Leben in memoriam, in der Abfolge einzelner Ereignisse schier unendlich, aufs Ganze, ein Wimpernschlag nur.

Es handelt sich um ein sehr persönliches Buch. Meine Kategorisierung unter Erfahrungsbericht will vom Gefühl her nicht ganz passen, aber da die Autorin ihr Leben mit und die Geschichte ihrer Freundin Sarah erzählt, handelt es sich um eine wahre Geschichte. Die Erzählung in kurzen Kapiteln, Erinnerungen, wie man sie im Gespräch mal schnell erzählt, passt sehr gut zu dieser sehr persönlichen Geschichte.

Die Autorin selbst leidet seit ihrer Jugend an Multipler Sklerose. Mit zunehmendem Alter kann sie den Alltag nicht mehr allein bewältigen, der Zusammenzug mit der Freundin ist bereits geplant, muss jedoch aus gesundheitlichen Gründen früher stattfinden. Die pflegerischen Tätigkeiten, die ihre Freundin zweifellos auch übernommen hat sowie die Auswirkungen der Krankheit auf das gemeinsame Leben werden nur am Rande gestreift.

Viel mehr fokussiert die Autorin auf die Geschichte ihrer Freundin: was hat sie zu dem Menschen gemacht, der sie heute ist? Die Kindheit, die früh zerbrochene Beziehung zu den Eltern, die frühe Auseinandersetzung mit Kunst, die lebenslange Beschäftigung mit künstlerischen Themen, die Erfolge und auch die gescheiterten Projekte. All diese kleinen Puzzleteile machen die Persönlichkeit der Freundin aus. Es ist keine Verherrlichung ihrer Person, sondern ein ehrliches Portrait, das auch ihre Ecken und Kanten zeigt.

Die Autorin erwähnt auch, dass sie selbst Europa niemals verlassen hat. Obwohl die Freundin oft auf Auslandsreisen ging, um neue Erfahrungen zu machen, künstlerische Inspiration zu finden, Studien zu betreiben, hat sie selbst kaum das Bedürfnis, die Welt zu bereisen. Mit dieser Lebenseinstellung kann ich inzwischen auch etwas anfangen. Die Erkenntnis, dass es nicht möglich sein wird (und unfassbar anstrengend wäre), die ganze Welt zu bereisen und gleichzeitig in der Heimat verwurzelt zu sein und ehrliche, lang andauernde Freundschaften zu pflegen, hat es mir leichter gemacht, zu akzeptieren, dass ich viele Teile der Welt nur in Fernsehdokumentationen sehen werde.

Wer in die Fremde geht, will sich bereichern, er will reicher werden, schlimmstenfalls reicher an Bodenschätzen, bestenfalls reicher an Eindrücken, an Wissen, an Erfahrung, zuweilen gibt es auch die Empfehlung, in die Fremde zu gehen, um sich selbst kennenzulernen: Alternativtourismus mit therapeutischer Effizienz.

Im letzten Teil des Buches hat die Autorin Texte versammelt, die sie für Ausstellungskataloge der Künstlerin Sarah Schumann verfasst hat. Diese haben mir wieder mal eindeutig klar gemacht, dass ich von Kunst absolut gar nichts verstehe. In einem Text über die Porträts ihrer Freundin schreibt sie etwa:

Aber diese visuelle Wahrhaftigkeit ist nicht justiert. Sie markiert in ihrem Wechsel zwischen überscharfer Kontur und Schemenhaftigkeit unsere heiklen Versuche, einen Menschen in seiner Einzigartigkeit zu vergegenwärtigen, immer changierend zwischen innerer Gewissheit und unfassbarer Flüchtigkeit.

Natürlich ist mir die Bedeutung der einzelnen Worte klar, aber die Zusammensetzung will für mich selbst beim Betrachten eines Bildes der Künstlerin absolut keinen Sinn ergeben. Muss man Kunst erst studieren oder sich zumindest lebenslang damit beschäftigen, um einen Zugang dazu finden zu können? Wird man mit einem künstlerischen Mindset geboren oder lernt Mensch das im Laufe seiner Kindheit und Jugend bzw. eigentlich seines ganzen Lebens? Kann man Künstler werden oder wird man als Künstler geboren?