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Roman

Donna Tartt – Der Distelfink

CN dieses Buch: Terrorismus, Explosion, Tod der Eltern, Drogenmissbrauch, Alkoholmissbrauch, Suizidgedanken, Glücksspiel, Betrug, Depression, Gewalt, Mord, Schusswaffen
CN dieser Post: –


In all dem nach irgendeinem Sinn zu suchen, erscheint unglaublich bizarr. Vielleicht sehe ich ein Muster nur, weil ich zu lange hingestarrt habe. Andererseits, um Boris zu paraphrasieren, vielleicht sehe ich ein Muster, weil es da ist.

Dieses Buch habe ich auf meinem eBook-Reader schon im Weihnachtsurlaub ausgelesen und obwohl ich es irre gut finde, verschwindet es schon langsam aus meiner Erinnerung. Was mich wieder daran erinnert, warum ich diese Posts eigentlich schreibe …

Ein schicksalhafter Nachmittag in einem Museum in New York. Weder der Junge noch die Mutter sollten dort sein, als eine Explosion passiert, die die Leben mehrerer Personen beenden und die der Überlebenden miteinander verweben wird. Im Zentrum steht das Gemälde „Der Distelfink“, das vom jugendlichen Ich-Erzähler im Chaos nach der Explosion aus dem Museum entwendet wird. Fortan bestimmt das versteckte Gemälde (zuerst für zerstört gehalten, später von Expert:innen und Kunstpolizei weltweit gesucht) immer wieder subtil seinen Lebensweg. Seine (mehr oder weniger) zufällig geschaffenen Verbindungen mit der Familie Barbour, die ihn nach der Explosion bei sich aufnimmt; Pippa, die ebenfalls die Explosion überlebt hat; und Hobie, der bei der Explosion seinen langjährigen Geschäftspartner verloren hat, bringen ihn immer wieder nach New York zurück und steuern sein Leben in unterschiedliche Richtungen. Immer begleitet von dem Gedanken an den Distelfink, der seiner Freiheit beraubt ein Gemälde ziert, das nun niemand betrachten kann, weil das Gemälde selbst seiner Freiheit beraubt und versteckt wurde.

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English Roman

David Levithan – Love Is the Higher Law

This, I think, is how people survive: Even when horrible things have been done to us, we can still find gratitude in one another.

Auch wenn ein Buch über die Auswirkungen von 9/11 auf den ersten Blick eher deprimierend ausfallen sollte, gelingt es dem Autor, die Perspektive auf positive Bereiche zu richten. Die negativen Auswirkungen wie der „Krieg gegen den Terror“ und die dafür notwendige Aufrüstung sind weithin bekannt. David Levithan hingegen lässt seine jugendlichen Protagonisten dorthin schauen, wo Menschen Trost finden und sich gegenseitig Trost spenden, unabhängig davon, wo sie herkommen, wo sie hingehen oder welche Hautfarbe sie haben. Er lässt sie zweifeln – aber nicht verzweifeln – an der Unberechenbarkeit des menschlichen Handelns und an der Ungewissheit des Lebens, die uns daran hindern könnte, überhaupt morgens aufzustehen, wäre unser Gehirn nicht in der Lage, auf aktuell anstehendes praktisches Handeln zu fokussieren. Auch im Angesicht des Undenkbaren geht das Leben weiter. Irgendwie.

We keep waiting for the next attack, and then we go and make the next attack. … Now I still want to know what I can do. It’s never enough, and it feels like nothing.

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Roman

Marc Elsberg – Black Out

Wenn erst einmal alle französischen AKWs abgeschaltet waren, musste La Grande Nation für Stunden, wenn nicht Age auf ein Gutteil ihrer Energieproduktion verzichten.

Vor Monaten hatte ich ein Interview mit dem Autor Marc Elsberg in einer Zeitschrift gelesen und gleich daran gedacht, wie schwierig es gewesen sein muss, all die Informationen zu recherchieren, um diese Geschichte so glaubhaft wie möglich zu erzählen. Elsberg hat sich wirklich viel Mühe gegeben, um die Details möglichst realistisch wiederzugeben. Er erzählt aus der hauptsächlich aus der Perspektive von Piero Manzano, mit ihm startet das Buch, er wird in weiterer Folge eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Geschichte spielen.

Schon heute stellte die wachsende Anzahl von Windkraft- und Solaranlagen eine zunehmende Bedrohung der Netzstabilität dar. Gänzlich unkontrollierbar würden die Zustände, wenn künftig jeder Haushalt, gar jeder Mensch ein eigenes Minikraftwerk würde und immer dann Strom ablieferte, wenn er einen Überschuss produzierte.

Wäre das Buch ein Film (was zweifellos noch folgen wird), würde man es einen Episodenfilm geben. Unterschiedlichste von der Katastrophe betroffene Personen werden ein Stück ihres Weges begleitet, um dann wieder an einen Ort zu springen, um zu zeigen, was dort vorgeht. So wird etwa die Perspektive eines Kraftwerksmitarbeiters in Ybbs-Persenbeug gezeigt oder die Perspektive einer Pressesprecherin des Innenministeriums, die die Katastrophe aus politischer Sicht betrachtet.

Tatsache ist, dass es eine Broschüre des Innenministeriums gibt, in der empfohlen wird, ein batteriebetriebenes Radio zu Hause zu haben. Aber wer von Ihnen hat so etwas? Und wenn, wer besitzt auch die notwendigen Batterien? Wir haben uns an eine Welt gewöhnt, die mit Fernsehen, Internet und Mobiltelefonen funktioniert. Einige von Ihnen besitzen vielleicht gar keine Festnetzanschlüsse mehr.

Was mir persönlich etwas gefehlt hat, ist die Perspektive einer ganz normalen Familie. Was tut eine Mutter, die ihren Kindern nichts zu essen zubereiten kann? Die vielleicht nicht mal Wasser zuhause hat? Was tut eine Mutter mit einem kleinen Baby ohne Wasser, um Milchpulver zuzubereiten? Der Autor schreckt nicht davor zurück, dramatische Situationen zu zeigen und seine Protagonisten Piero und Shannon auch mal in eine brenzlige Situation geraten zu lassen. Auf der Suche nach Nahrung wird ihr Auto von einem bewaffneten Mann gestohlen, sie stehen hilflos auf der Straße und landen letztendlich in einem hoffnungslos überfüllten Obdachlosenasyl.

„Kein System wird jemals absolut sicher sein“, wand sich der Technikvorstand. „Aber wir gehen weit über alle Industriestandards hinaus.“

Sein Blick auf die Technik ist sicher nicht in allen Details korrekt, man darf davon ausgehen, dass sich ein Autor auch einige künstlerische Freiheiten erlauben kann, um die Geschichte nicht ausufern zu lassen. Er blickt jedoch durchaus kritisch auf die Verantwortlichen, auf die Manager der Energiebetriebe, die für die Sicherung ihrer Anlagen nicht ausreichend Geld zur Verfügung stellen. Auch Überprüfungen der tatsächlich vorhandenen Sicherheitsvorkehrungen werden oft mangels Personal und Geld gar nicht durchgeführt. Und man muss sich bewusst sein: Absolute Sicherheit ist nicht möglich. Und Sicherheit kostet Geld.

„… Die wahre Brisanz eure vielen Verantwortlichen erst in den letzten Jahren bewusst. Und natürlich ist es auch eine Kostenfrage. Sicherheit kostet Geld.“

Seit ich selbst versuche, mich mit der Sicherheit meines Netzwerks und meines Computers mehr auseinanderzusetzen, wird mir immer mehr klar, dass man eigentlich Spezialist auf diversen Gebieten sein müsste, um auch nur halbwegs sicher sein zu können, dass man seine Daten nicht nach China schickt oder aufgrund einer Sicherheitslücke offen im Internet stehen hat (wie dieser Tage bei REWE geschehen). Auch dafür gilt natürlich, dass absolute Sicherheit niemals möglich sein wird, aber wenn mit Daten von Kunden und Mitarbeitern so fahrlässig umgegangen wird wie bei der Salzburg AG, dann kann jeder halbwegs mit Computern befasste Mensch sich ausrechnen, was für eine Dunkelziffer hier herrscht, wie viele Datenlecks erst viel zu spät oder überhaupt niemals bemerkt werden.

In Gesprächen mit Freunden und Bekannten, die sich mit dem Thema noch nicht so intensiv auseinandersetzen bzw. gesetzt haben, bemerke ich immer wieder die Frustration, die mitschwingt, das Gefühl, nichts tun zu können, weil der Aufwand so enorm ist, weil man kaum eine Chance hat, sich in den Riesenberg der Systeme und Protokolle einzulesen, um auch nur eine Illusion von Sicherheit erzeugen zu können. Mir geht es nicht ähnlich. Bei der letzten Cryptoparty vor Weihnachten im MetaLab hatte ich erstmals von Panopticlick gehört, seitdem geht mir nicht aus dem Kopf, wie ich meinen Browser unsichtbarer machen kann. Und doch fehlt mir die Zeit, um mich wirklich intensiv damit auseinander zu setzen. Ein paar Firefox-Addons sind schnell installiert, aber wenn die gewünschte Webseite dann nicht funktioniert, greife ich dann doch wieder zum weniger abgesicherten Browser. Weil Mensch ja so nicht arbeiten kann …

Trotz allem will ich nicht aufhören, es weiter zu versuchen und ich akzeptiere auch bei anderen keine Resignation. Wer es nicht versucht, hat bereits verloren. Wie bei allem im Leben. Wenn mal was nicht gleich klappt, muss man es eben weiter versuchen. Einfach den Kopf in den Sand zu stecken und zu sagen, ich hab eh nichts zu verbergen und sich das auch noch erfolgreich einzureden, ist nicht akzeptabel.

Vier Tage erst, dachte er, und unsere Nerven liegen bereits blank. Er schloss die Augen, und zum ersten Mal seit seiner Kindheit betete er. Bitte, wenn es dich gibt, mach, dass es unseren Eltern gutgeht!

Obwohl die „normalen“ Schicksale fehlen, haben die ganz persönlichen Dramen der Protagonisten durchaus Gänsehautfaktor. Der Herzinfarkt, der nicht behandelt werden kann, weil kein Arzt da ist. Die Evakuierung des Gebiets rund um den Atomreaktor, die Gewalt und Verzweiflung, die überhandnimmt, je länger die Katastrophe dauert. Marc Elsberg ist es gelungen, einen sowohl technisch als auch menschlich spannenden Thriller zu schreiben, der gleichzeitig aufrüttelt und unterhält. Ich hab mich nicht nur einmal gefragt, wie lange ich im Falle eines Stromausfalls durchhalten würde. Wie lang der kleine Gaskocher wohl ausreichen würde, um Dosen aufzuwärmen, wie lange die Wasserreserven wohl ausreichen würden, wie viele Kerzen noch da sind und wie lange die Batterien der Taschenlampe wohl halten würden. Es ist sicher kein Fehler, seine persönliche Infrastruktur mal auf Katastrophentauglichkeit zu überprüfen. Ein Festnetztelefon werd ich mir trotzdem nicht mehr anschaffen.

Jedes Ende war ein Anfang. Wie Ruinen, die sich der Dschungel zurückholte, würden sich die Menschen ihr Leben wieder erobern.

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Sachbuch

Ilija Trojanow, Juli Zeh – Angriff auf die Freiheit

Anti ACTA Demo, 25. Februar 2012, vor dem Parlament, Wien

Man kann sich lebhaft vorstellen, wie eine islamistische Zelle namens „Hessischer Dschihad“ bibbernd in einem Kellerraum in Gießen hockt und sich vor der Rasterfahndung versteckt – erstaunlich rat besaitet, die potentiellen Selbstmordattentäter. Ebenso erstaunlich, wie gut der Innenminister mit dem „islamistischen Potenzial“ und dessen intimen Sorgen ist.

In „Angriff auf die Freiheit“ setzen sich Ilija Trojanow und Juli Zeh ausführlich mit der Entwicklung Richtung Überwachungsstaat auseinander, vermeintlich ausgelöst durch den Terrorismus, der seit dem 11. September 2001 vermehrt durch die Köpfe der Menschen spukt. Der obige Ausschnitt bezieht sich auf die Aussage des deutschen Innenministers, das Instrument der Rasterfahndung hätte eine abschreckende Wirkung auf das so genannte „islamistische Potenzial“. Der Tonfall wird hier schon deutlich klar.

Diese auf den ersten Blick plausible Begründung erweist sich als abwegig, wenn man bedenkt, dass in einem Zeitraum von fünf Jahren (2001 bis 2006) nicht mehr als sechs gefälschte Pässe des alten Modells in Umlauf kamen. Darüber hinaus ist kein einziger Fall bekannt, in dem Terroristen gefälschte Pässe bei sich trugen.

Stück für Stück nehmen die Autoren die Begründungen auseinander, die Politiker und Medien für die Verschärfung von Überwachungsmaßnahmen ins Feld führen. Dabei ist etwas der biometrische Reisepass, in dem unter anderem die Fingerabdrücke gespeichert werden, ein Thema. Der Bevölkerung wird suggeriert, dass diverse Maßnahmen ihre Sicherheit erhöhen würden, obwohl dies einerseits nicht der Fall ist – ja, die Sicherheit kann gar nicht erhöht werden, wie sicher kann man sein? – und andererseits der Datenschutz und die Privatsphäre des Einzelnen völlig außer Acht gelassen wird.

Ein Journalismus, der seine gesellschaftliche Verwantwortung in den Hintergrund treten lässt, schadet der Demokratie. Ein ins Bockshorn gejagter Bürger ist nicht „mündig“ und wird sich nicht als freier, aufgeklärter, selbstbewusster Mensch an politischen Prozessen beteiligen. … Angst ist das wichtigste Instrument von Diktaturen, die ihre Bevölkerung terrorisieren, um Ausbeutungsverhältnisse zu stabilisieren. Wo Angst zum Mittel der Politik wird, stimmt etwas nicht. Wirklich freie Medien dürfen nicht an den gleichen Strippen ziehen wie die Politik, und wenn hundertmal gilt: Angst sells.

Neben den (oft unwissenden) Politikern, die Überwachung den Vorzug vor Datenschutz geben, ist einerseits der Bürger, der (vermeintlich) „nichts zu verbergen hat“, andererseits der nach Schlagzeilen heischende Journalist das „Feindbild“ der Autoren. Es gilt, den mündigen Bürger zur Freiheit und zur Selbstbestimmung zu erziehen, da helfen Medien oft eher den Politikern, indem sie deren Aussagen unreflektiert weitergeben ohne die freie Meinungsbildung zu fördern und auch den Gegenargumenten Raum zu geben.

Ein Privatmann ist nicht wie der Staat an die Menschenwürde, an Verhältnismäßigkeit oder Unschuldsvermutung gebunden. In einer Notwehrsituation wird ihm als seltene und schwerwiegende Ausnahme zugestanden, in panischer Selbstverteidigung um sich zu schlagen. Doch ein Staat, der panisch um sich schlägt, richtet Verheerendes an. Er ist keine Demokratie, sondern ein Staat des Ausnahmezustands.

Gerade im Umgang mit Terroristen wird oft vergessen, dass es sich bei diesen auch um Menschen handelt. Die Politik und auch die Medien fördern diesen Unterschied gezielt. Wer kann sagen, dass er die in Guantanamo ohne Gerichtsverhandlung oder Verurteilung gefolterten und inhaftierten potentiellen „Terroristen“ als Menschen betrachtet, die auch als solche behandelt werden müssen? Jeder Einzelne muss sich Tag für Tag vor Augen führen, dass für jeden Menschen unabhängig von seinen Taten die Gesetze der Menschenwürde gelten müssen. Was immer dieser Mensch auch getan haben mag. Eine Botschaft, die nicht genug betont werden kann.