Clay Shirky – Here Comes Everybody

… the point is that once a group has come together, those kinds of issues of community control aren’t simple.

Der Autor beschreibt in diesem Buch die neuen Möglichkeiten der Gemeinschaftsbildung, die sich über das Internet und die darauf basierende Software ergeben. Er untersucht dabei die Entstehung von weltweit erfolgreichen Projekten wie zum Beispiel der Wikipedia oder dem Betriebssystem Linux.

…groups are not just simple aggregations of individuals.

Ein langes Kapitel beschäftigt sich mit der Veränderung des Zeitungswesens aufgrund der „neuen Medien“. Der Autor vergleicht die Veränderungswirkung des Internets mit derjenigen, die sich durch die Veränderung des Buchdrucks ergeben hat. Bis zu diesem Zeitpunkt konnten Bücher nur in mühsamer Handarbeit kopiert werden. Die Kirche versuchte, die Verbreitung des Buchdrucks zu verhindern, weil sie um ihr Monopol fürchtete. Der Beruf des Schreibers starb zwar tatsächlich durch den Buchdruck langfristig aus, es wurden jedoch unzählige neue Tätigkeiten geschaffen und durch die wesentlich erweiterten Zugriffsmöglichkeiten auf Informationen auf Papier erweiterte sich auch die Zielgruppe. Ängste vor dem Aussterben (der Zeitungen, des Journalismus, bestimmter Professionen) sind auch heute durch die Veränderungen auf Basis des Internets allgegenwärtig.

Communications tools don’t get socially interesting until they get technologically boring. The invention of a tool doesn’t create change; it has to have been around long enough that most of society is using it.

Das obige Zitat referenziert vage auf die Erfindung der Wiki-Software, die jedoch erst durch das Projekt freie Enzyklopädie globale Verbreitung erlangte. Der Autor legt dar, dass die Erfindung einer Software (einer Technologie, einer Kommunikationsmethode) allein noch keine Veränderung hervorruft. Es muss sich eine kritische Masse an NutzerInnen finden, die diese Technologie für ihre Zwecke nutzen und dadurch wiederum das Medium selbst verändern.

Increased options for communication in groups don’t just mean we will get more of the patterns we already recognize; they also mean we will also get more new kinds of patterns. More is different, even for people who understand that more is different, which explains in part our persistent difficulties in getting technology predictions right.

Mit Voraussagen hält sich der Autor weise zurück. Das Buch stammt aus dem Jahr 2008 und in den vergangenen 10 Jahren haben sich zweifellos noch viele weitere Veränderungen ergeben, die in einer aktualisierten Ausgabe Platz fänden. Ausgeklammert werden hier großteils die negativen Auswirkungen der vereinfachten Gruppenbildung im Internet wie zB Hatespeech und Cybermobbing. Das Buch zeichnet ein hoffnungsfrohes Bild unserer digitalisierten Gegenwart und Zukunft, ohne dabei auf die Ungleichheiten hinzuweisen, die selbstverständlich auch in diesem Bereich existieren. Ein etwas kritischerer Blick wäre mir persönlich lieber gewesen.

Ulrich Beck, Elisabeth Beck-Gernsheim – Fernliebe

Die Beiträge zur Gesellschaftstheorie, die heute international die größte Aufmerksamkeit finden, folgen einem anderen Muster. Ihr Ziel ist es, angesichts eines Chaos sozialer Ereignisse und Phänomene, die uns überrollen, einen konzeptionellen Orientierungsrahmen zu schaffen mit den Mitteln einer generalisierten Diagnose der sich rapide verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse.

Im Rahmen der Auseinandersetzung mit Ulrich Becks Risikogesellschaft ist mir dann auch dieses Buch in die Hände gesprungen, das zum Glück deutlich einfacher zu lesen war. Die Autoren entwerfen hier das soziologische Konzept der Weltfamilien und erläutern in unzähligen Variationen, wie solche Weltfamilien entstehen, was sie von traditionellen Familien unterscheidet und mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben. Dabei werden auch viele gesellschaftliche Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte gestreift, deren Zusammenhänge für den Nicht-Soziologen oft nicht auf der Hand liegen.

…, den verschiedenen Varianten von Weltfamilien ist eines gemeinsam, eine Irritation: Sie passen nicht zusammen mit unseren bisherigen Vorstellungen von dem, was den Charakter der Familie ausmacht, was zur „Natur der Familie“ gehört, immer und überall. Sie stellen einige unserer vertrauten, als selbstverständlich vorausgesetzten Grundannahmen von Familie in Frage.

Die Themen sind fast ausschließlich solche, die sehr polarisierende Gefühle hervorrufen. Zum Beispiel Heiratsmigration gibt es etwa sehr reißerische Medienberichte, die das schlimme Schicksal von Frauen ausschlachten, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben als Katalogbräute in ein westliches Land verschachert werden. Selten wird jedoch hinterfragt, welches Leben diese Frauen führen würden, wären sie in ihrem Herkunftsland geblieben.

Eine andere Art der Weltfamilie bilden Familien, in denen ein oder sogar beide Elternteile im (reicheren) Ausland arbeiten, um die zurück gelassenen Kinder zu ernähren. Ihren eigenen Kindern entfremdete Mütter kümmern sich als Kindermädchen um die Kinder reicher Eltern, damit diese ihrem Beruf nachgehen können. Diese reichen Familien können sich dabei noch der Illusion hingeben, einen Beitrag zur Entwicklungshilfe zu leisten.

„Appetit wird geweckt von der Möglichkeit“, hat der Technikphilosoph Hans Jonas schon vor Jahrzehnten gesagt. Dies belegt die gegenwärtige Expansion des Kinderwunsches. Mit der Pluralisierung der Lebensformen erweitert sich die Klientel der Reproduktionsmedizin.

Die Möglichkeiten und Folgen der Reproduktionsmedizin hat Ulrich Beck schon in Risikogesellschaft besprochen. Hier werden noch detaillierter die Entwicklungen im Bereich Familie beleuchtet. Die Tatsache, dass Menschen heutzutage auch noch in höherem Alter Kinder bekommen können, verändert die Gesellschaft auf vielfältige Weise. Die Entscheidung für eine Familie wird oft verschoben bis zu dem Zeitpunkt, an dem es auf natürlichem Wege nicht mehr klappt.

Anders betrachtet entspringen aus den Möglichkeiten der Samenspender und Leihmütter Kinder, die sich später nach den Grundlagen ihrer Identität fragen. Die genetischen Anlagen können nicht außer Acht gelassen werden. Auch wenn ein Kind zwei vollwertige „soziale“ Elternteile hat, wird irgendwann die Frage nach den biologischen Eltern ein Thema. Die Reproduktionsmedizin wird kritisch beleuchtet: Unterschiedliche gesetzliche Regelungen erlauben ein beinahe unkontrolliertes Ausnutzen der medizinischen Möglichkeiten. Die in westlichen Gesellschaften verbotene Leihmutterschaft etwa ist in Indien erlaubt und hat sich zu einem regelrechten Wirtschaftszweig entwickelt. Die psychologischen Folgen für die Leihmütter, die die Kinder, die sie 9 Monate in ihrem Körper wachsen lassen, oft nicht mal zu Gesicht bekommen, werden von der anderen Seite, den Wunsch-Eltern scheinbar nicht bedacht.

Was im Verständnis der Mehrheitsgesellschaft „Integration“ heißt, bedeutet im Verständnis der Minderheit: Wieviel Vergessen der eigenen Sprache und Herkunft ist notwendig, um dazuzugehören? Wie wird es möglich, sich dem zu widersetzen?

Ein wichtiger Teil der Kategorie Weltfamilien sind Ehegemeinschaften zwischen Menschen unterschiedlicher ethnischer und/oder nationaler Herkunft. Sie sind mit spezifischen Problemen konfrontiert. Neben den tatsächlich bestehenden Konflikten, die sich aus der unterschiedlichen Herkunft und damit der Sozialisation in unterschiedlichen Kulturen ergeben, haben sie auch mit Anfeindungen der Gesellschaft zu rechnen. Der Verdacht der Scheinehe schwebt oft nicht nur angedeutet über ihnen, viele Hürden sind zu überwinden, bevor eine solche Ehe überhaupt geschlossen werden kann. Und eine Ehe ist oft nötig, damit die Partner zusammenleben können. Dies kehrt den Prozess, der sich in westlichen Gesellschaften etabliert hat – kennenlernen, zusammenleben, ausprobieren, wie und ob das gemeinsame Leben funktioniert, dann erst Ehe, Haus, Kinder – um, und macht eine Ehe notwendig, damit das gemeinsame Leben und Ausprobieren überhaupt erst stattfinden kann.

Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen in einem größeren Kontext hat mir bis jetzt einige interessante Erkenntnisse gebracht. Dabei stelle ich mir auch die Frage, ob sich so mancher Konflikt vermeiden ließe, wenn mehr Menschen einen Blick über den Tellerrand ihres eigenen Lebens wagen und sich intensiver mit den Schicksalen anderer Menschen auseinander setzen würden. Die modernen Medien liefern uns dazu alle Möglichkeiten, es gibt keine Ausrede mehr dafür, sich zu verstecken und den Kopf in den Sand zu stecken.

Ursula März – Für eine Nacht oder fürs ganze Leben

Einsamkeit spaltet das Zeitempfinden: Die Stunden und die Tage dehnen sich zu lang, die verbleibenden Jahre erscheinen zu kurz, um doch noch einen Umsturz herbeizuführen.

Via Lithub schaffte es dieses Buch auf meine Leseliste. Der clever gewählte Titel wiederum schaffte es, mir etwas vorzugaukeln, was das Buch eigentlich nicht einlöst. Große Dramen, große Liebesgeschichten hatte ich mir vorgestellt. Tatsächlich sind Ursula März’ Geschichten so nahe an der Realität, dass sie dann doch mehr berühren, als es die großen Dramen vielleicht gekonnt hätten. Gerade heute hatte ich den Gedanken, dass Rose und Jack, die Protagonisten aus Titanic, wohl kaum so ein berühmtes Liebespaar geworden wären, wäre er nicht beim Untergang ertrunken. Sie hätten sich vermutlich auch darüber gestritten, wer den Müll hinunterbringt oder wären am Unterschied zwischen ihren Gesellschaftsklassen gescheitert.

Ähnliche Themen finden sich auch in diesem Buch. Die Autorin erzählt in fünf Geschichten von fünf Charakteren, lässt jedoch auch viele eigene Erlebnisse einfließen. Wieviel wahrer Kern darin steckt, lässt sich natürlich trefflich spekulieren, doch die Geschichten lesen sich so lebensnah, dass jeder sofort selbst an seine Jugendliebe denken muss. Die erste Geschichte über einen Mann, der sich via Seitensprung-Agentur auf eine Frau einlässt, die auf anderem Wege niemals sein Typ geworden wäre, hat mich nicht besonders mitgerissen, die zweite Geschichte über eine pensionierte Postbeamtin, die sich noch bis zum 70er Zeit gibt, um einen Mann zu finden, jedoch umso mehr. Sie kämpft damit, sich auf das Unbekannte einzulassen und aus ihrem persönlichen einsamen Trott zu entkommen. Sie ist überzeugt, es zu wollen und tut doch eher das Gegenteil, verschenkt ihre Chancen und fürchtet sich vor dem Blick über den Tellerrand. Das Ende der Geschichte zeigt eine neue Frau anhand des Symbols einer Zuckerdose – ein überzeugendes Bild der Veränderung.

Die zweite Geschichte, die mich besonders ansprach, hat ebenfalls eine Frau zur Protagonistin. Eine Lebenskünstlerin, die niemals zögert, eine Frau, die weiß, was sie will und auch weiß, wie sie es bekommt und wenn es damit mal nicht klappen sollte, einfach aufsteht und weitermacht. Eine Frau, wie wir alle gern mal sein möchten. Sie entscheidet sich jedoch für den unkonventionellen Weg, ihre kubanische Urlaubsliebe heiraten und in Deutschland gemeinsam leben zu wollen und sieht sich mit allen möglichen Schwierigkeiten konfrontiert. Die Einreiseformalitäten und Beweise, dass es sich nicht um eine Scheinehe handelt, machen hiervon nur einen kleinen Teil aus. Noch viel mehr kämpft sie mit dem Misstrauen ihres Umfelds, dem ständigen Warten auf ihr Scheitern, dem Zweifeln an ihrer Liebe, das sie schließlich selbst zum Zweifeln bringt. Kann selbst die größte Liebe diese Umstände aushalten? Oder wie es die Autorin an einer Stelle formuliert: war es das wert?

Jaron Lanier – Wenn Träume erwachsen werden

Jaron Lanier gilt laut Wikipedia als Vater des Begriffs Virtuelle Realität. Von 1984 bis 1990 betrieb er das Unternehmen VPL Research und beschäftigte sich intensiv mit den damaligen Möglichkeiten der Virtual Reality. In diesem Sammelband sind Texte und Interviews von damals bis zur Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels im Oktober 2014 an ihn vereint. Als Einleitung dient seine Dankesrede zu diesem Anlass, in der er unterschiedliche Punkte anspricht und auch versucht, eine Lanze für das Buch zu brechen (man muss sich nach seinem Publikum richten):

Im Internet gibt es ebenso viele Kommentare über das Internet wie Pornografie und Katzenfotos, aber in Wirklichkeit können nur Medien außerhalb des Internets – insbesondere Bücher – Perspektiven und Synthesen aufzeigen. Das ist einer der Gründe, warum das Internet nicht zur einzigen Plattform der Kommunikation werden darf.

In meinen Augen zeigt sich hier ein Widerspruch: warum sollte das Internet nicht geeignet sein, um Perspektiven und Synthesen aufzuzeigen? Wenn wir zurückgehen in die Zeit vor der weltweiten Verbreitung des Internets und denselben Schluss auf den Buchmarkt anwenden, kommen wir wohl kaum zum selben Ergebnis. Nur Medien außerhalb des Buchs können Perspektiven und Synthesen für das Buch aufzeigen? Wohl kaum. In der Hauptbücherei Wien habe ich zwei Regale gefunden, die nur mit Büchern über Bücher oder Büchern über das Lesen gefüllt sind. Seinem daraus gezogenen Schluss stimme ich wiederum zu: Das Internet sollte nicht die einzige Plattform der Kommunikation werden. Es zeigt sich bereits jetzt, dass Menschen, die nicht auf Facebook sind, den Anschluss an Freundeskreise verlieren, weil Einladungen nur mehr dort ausgesprochen werden und auf Abweichler einfach vergessen wird. Das ist nur ein Anfang der Auswirkungen dieser unberechenbaren gesellschaftlichen Entwicklungen.

Ich glaube, wir wissen heute einfach noch nicht genug, um Lösungen für das langfristige Puzzle Frieden zu finden. Das mag negativ klingen, aber eigentlich ist es eine ganz klar optimistische Aussage, denn ich glaube, dass wir immer mehr über den Frieden lernen.

In derselben Rede kommt Lanier über einige weit geschwungene rhetorische Bögen auch auf das Thema Frieden zu sprechen (Friedenspreis, siehe oben). Er kritisiert das Rudelgefühl, den Frieden unter Clans, da diese Rudel stets in Konkurrenz zueinander stehen und so niemals ein langfristiger Frieden für alle entstehen kann.

In einem Interview aus dem Jahr 1987 hat Lanier gewissermaßen Pokémon Go vorhergesagt, obwohl er sich als Kommunikationsgerät eine Art Sonnenbrille vorstellte. Das Konzept der Datenbrille konnte sich bekanntlich bisher nicht durchsetzen.

In den frühen Versionen wird man die virtuelle Realität nur sehen können, wenn man sich darin befindet. Später wird es raffiniertere Versionen geben, bei denen man virtuelle und reale Objekte miteinander verbinden kann. Man könnte dann eine Zeit lang in einer gemischten Realität leben und würde seine reale Umgebung wahrnehmen, als ob man eine Sonnenbrille tragen würde, hätte aber auch virtuelle Elemente, die in die reale Welt hineingemischt würden.

In einem der Essays macht sich der Autor Gedanken darüber, wie man als Besucher einer virtuellen Welt mit dieser interagieren kann. Er formuliert dabei sehr schön, warum Sprache dafür ungeeignet ist:

Sprache ist sehr beschränkt. Sprache ist ein sehr enger Strom durch die Ebene der Realität. Sie lässt vieles aus. Oder eigentlich lässt sie gar nichts aus, aber sie ist ein Strom aus kleinen, eigenständigen Symbolen, und die Welt besteht aus Kontinuität und Gesten. Sprache kann Dinge über die Welt andeuten, aber kein Gemälde ließe sich je nur mit Worten beschreiben, und so verhält es sich auch mit der Realität.

Dies lässt sich in bemerkenswerter Weise darauf ummünzen, warum unsere heutigen Sprachassistenten wie Siri oder Cortana nur in sehr eingeschränktem Rahmen nützlich sind. Von den Datenschutz- und Überwachungsbedenken möchte ich an dieser Stelle gar nicht erst anfangen. Diese Bedenken vertrat Lanier zwar auch schon im letzten Jahrtausend, allerdings zeigt er sich in vielen Texten davon überzeugt, dass Daten (zum Beispiel über Gewohnheiten von Personen, wie Facebook sie sammelt) zwar verfügbar sein sollten, aber die einzelnen Personen dafür einen Preis festlegen sollen können. Zum Thema Privatsphäre hält er in einem späteren Text fest:

Das Problem mit Gesetzen zum Schutz der Privatsphäre ist, dass sie höchstwahrscheinlich nicht befolgt werden. Die Statistik mit großen Datenmengen ist wie eine Sucht, und Vorschriften zum Schutz der Privatsphäre sind so wirkungsvoll wie Alkohol- oder Drogenverbote.

Diese Behauptung hat sich leider in den vergangenen Jahren immer wieder bestätigt. Das Thema Privatsphäre wird in Wien übrigens im Rahmen der Privacy Week des Chaos Computer Club Wien vom 24. bis 30. Oktober 2016 in vielen Veranstaltungen an unterschiedlichen Standorten von allen Seiten beleuchtet.

Bereits 2003 spricht Lanier in einem Interview darüber, was die Entstehung eines Massenmediums mit der jüngeren Generation anstellt. Die Folgen daraus zeigten sich etwa im Arabischen Frühling 2011 in Ägypten sowie in der türkischen Revolution um den Gezi-Park und den Taksim-Platz 2013.

Wenn sich in einer Gesellschaft zum ersten Mal ein Massenmedium entwickelt, dreht die Propaganda durch. Europa, Japan und Amerika haben diese Entwicklung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollzogen und dabei zwei Weltkriege ausgetragen. China machte diesen Prozess während der Kulturrevolution durch. Die muslimische und die afrikanische Welt sind gerade mittendrin. Sie erleben derzeit die volle Wucht moderner Propaganda. Die Leute drehen einfach durch, und es dauert eine Generation, bis sie sich daran gewöhnt haben, bis sie desensibilisiert sind. … Darauf kann man nur mit Technologie reagieren. Das ist die einzig erdenkliche Möglichkeit, mehrere Millionen Menschen rasch einzubeziehen und ihnen Bildung zu vermitteln.

Einen interessanten Beitrag zur chinesischen Kulturrevolution gab es kürzlich bei WRINT.

Wenn man Lanier Texte im Zeitverlauf liest, spürt man deutlich, wie auf die hoffnungsfrohen Jahre der Technologieüberzeugung im Ende des letzten Jahrhunderts eine Ernüchterung folgt. Einerseits konnten durch Computer auf einmal viele Menschen neue Dinge tun, allerdings fielen unzählige Arbeitsplätze weg. Speziell die Musikindustrie hat einen deutlichen Umbruch erlebt, die Buchindustrie befindet sich jetzt noch darin. Großkonzerne kontrollieren unsere Daten und generieren daraus Milliardengewinne. Und doch hat uns die künstliche Intelligenz noch lange nicht unterworfen und jeden Tag geht die Sonne auf. Das digitale Zeitalter wird uns auch weiterhin mit Veränderungen und Herausforderungen konfrontieren, die jede Entwicklung mit sich bringt.

Marc Elsberg – Black Out

Wenn erst einmal alle französischen AKWs abgeschaltet waren, musste La Grande Nation für Stunden, wenn nicht Age auf ein Gutteil ihrer Energieproduktion verzichten.

Vor Monaten hatte ich ein Interview mit dem Autor Marc Elsberg in einer Zeitschrift gelesen und gleich daran gedacht, wie schwierig es gewesen sein muss, all die Informationen zu recherchieren, um diese Geschichte so glaubhaft wie möglich zu erzählen. Elsberg hat sich wirklich viel Mühe gegeben, um die Details möglichst realistisch wiederzugeben. Er erzählt aus der hauptsächlich aus der Perspektive von Piero Manzano, mit ihm startet das Buch, er wird in weiterer Folge eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Geschichte spielen.

Schon heute stellte die wachsende Anzahl von Windkraft- und Solaranlagen eine zunehmende Bedrohung der Netzstabilität dar. Gänzlich unkontrollierbar würden die Zustände, wenn künftig jeder Haushalt, gar jeder Mensch ein eigenes Minikraftwerk würde und immer dann Strom ablieferte, wenn er einen Überschuss produzierte.

Wäre das Buch ein Film (was zweifellos noch folgen wird), würde man es einen Episodenfilm geben. Unterschiedlichste von der Katastrophe betroffene Personen werden ein Stück ihres Weges begleitet, um dann wieder an einen Ort zu springen, um zu zeigen, was dort vorgeht. So wird etwa die Perspektive eines Kraftwerksmitarbeiters in Ybbs-Persenbeug gezeigt oder die Perspektive einer Pressesprecherin des Innenministeriums, die die Katastrophe aus politischer Sicht betrachtet.

Tatsache ist, dass es eine Broschüre des Innenministeriums gibt, in der empfohlen wird, ein batteriebetriebenes Radio zu Hause zu haben. Aber wer von Ihnen hat so etwas? Und wenn, wer besitzt auch die notwendigen Batterien? Wir haben uns an eine Welt gewöhnt, die mit Fernsehen, Internet und Mobiltelefonen funktioniert. Einige von Ihnen besitzen vielleicht gar keine Festnetzanschlüsse mehr.

Was mir persönlich etwas gefehlt hat, ist die Perspektive einer ganz normalen Familie. Was tut eine Mutter, die ihren Kindern nichts zu essen zubereiten kann? Die vielleicht nicht mal Wasser zuhause hat? Was tut eine Mutter mit einem kleinen Baby ohne Wasser, um Milchpulver zuzubereiten? Der Autor schreckt nicht davor zurück, dramatische Situationen zu zeigen und seine Protagonisten Piero und Shannon auch mal in eine brenzlige Situation geraten zu lassen. Auf der Suche nach Nahrung wird ihr Auto von einem bewaffneten Mann gestohlen, sie stehen hilflos auf der Straße und landen letztendlich in einem hoffnungslos überfüllten Obdachlosenasyl.

„Kein System wird jemals absolut sicher sein“, wand sich der Technikvorstand. „Aber wir gehen weit über alle Industriestandards hinaus.“

Sein Blick auf die Technik ist sicher nicht in allen Details korrekt, man darf davon ausgehen, dass sich ein Autor auch einige künstlerische Freiheiten erlauben kann, um die Geschichte nicht ausufern zu lassen. Er blickt jedoch durchaus kritisch auf die Verantwortlichen, auf die Manager der Energiebetriebe, die für die Sicherung ihrer Anlagen nicht ausreichend Geld zur Verfügung stellen. Auch Überprüfungen der tatsächlich vorhandenen Sicherheitsvorkehrungen werden oft mangels Personal und Geld gar nicht durchgeführt. Und man muss sich bewusst sein: Absolute Sicherheit ist nicht möglich. Und Sicherheit kostet Geld.

„… Die wahre Brisanz eure vielen Verantwortlichen erst in den letzten Jahren bewusst. Und natürlich ist es auch eine Kostenfrage. Sicherheit kostet Geld.“

Seit ich selbst versuche, mich mit der Sicherheit meines Netzwerks und meines Computers mehr auseinanderzusetzen, wird mir immer mehr klar, dass man eigentlich Spezialist auf diversen Gebieten sein müsste, um auch nur halbwegs sicher sein zu können, dass man seine Daten nicht nach China schickt oder aufgrund einer Sicherheitslücke offen im Internet stehen hat (wie dieser Tage bei REWE geschehen). Auch dafür gilt natürlich, dass absolute Sicherheit niemals möglich sein wird, aber wenn mit Daten von Kunden und Mitarbeitern so fahrlässig umgegangen wird wie bei der Salzburg AG, dann kann jeder halbwegs mit Computern befasste Mensch sich ausrechnen, was für eine Dunkelziffer hier herrscht, wie viele Datenlecks erst viel zu spät oder überhaupt niemals bemerkt werden.

In Gesprächen mit Freunden und Bekannten, die sich mit dem Thema noch nicht so intensiv auseinandersetzen bzw. gesetzt haben, bemerke ich immer wieder die Frustration, die mitschwingt, das Gefühl, nichts tun zu können, weil der Aufwand so enorm ist, weil man kaum eine Chance hat, sich in den Riesenberg der Systeme und Protokolle einzulesen, um auch nur eine Illusion von Sicherheit erzeugen zu können. Mir geht es nicht ähnlich. Bei der letzten Cryptoparty vor Weihnachten im MetaLab hatte ich erstmals von Panopticlick gehört, seitdem geht mir nicht aus dem Kopf, wie ich meinen Browser unsichtbarer machen kann. Und doch fehlt mir die Zeit, um mich wirklich intensiv damit auseinander zu setzen. Ein paar Firefox-Addons sind schnell installiert, aber wenn die gewünschte Webseite dann nicht funktioniert, greife ich dann doch wieder zum weniger abgesicherten Browser. Weil Mensch ja so nicht arbeiten kann …

Trotz allem will ich nicht aufhören, es weiter zu versuchen und ich akzeptiere auch bei anderen keine Resignation. Wer es nicht versucht, hat bereits verloren. Wie bei allem im Leben. Wenn mal was nicht gleich klappt, muss man es eben weiter versuchen. Einfach den Kopf in den Sand zu stecken und zu sagen, ich hab eh nichts zu verbergen und sich das auch noch erfolgreich einzureden, ist nicht akzeptabel.

Vier Tage erst, dachte er, und unsere Nerven liegen bereits blank. Er schloss die Augen, und zum ersten Mal seit seiner Kindheit betete er. Bitte, wenn es dich gibt, mach, dass es unseren Eltern gutgeht!

Obwohl die „normalen“ Schicksale fehlen, haben die ganz persönlichen Dramen der Protagonisten durchaus Gänsehautfaktor. Der Herzinfarkt, der nicht behandelt werden kann, weil kein Arzt da ist. Die Evakuierung des Gebiets rund um den Atomreaktor, die Gewalt und Verzweiflung, die überhandnimmt, je länger die Katastrophe dauert. Marc Elsberg ist es gelungen, einen sowohl technisch als auch menschlich spannenden Thriller zu schreiben, der gleichzeitig aufrüttelt und unterhält. Ich hab mich nicht nur einmal gefragt, wie lange ich im Falle eines Stromausfalls durchhalten würde. Wie lang der kleine Gaskocher wohl ausreichen würde, um Dosen aufzuwärmen, wie lange die Wasserreserven wohl ausreichen würden, wie viele Kerzen noch da sind und wie lange die Batterien der Taschenlampe wohl halten würden. Es ist sicher kein Fehler, seine persönliche Infrastruktur mal auf Katastrophentauglichkeit zu überprüfen. Ein Festnetztelefon werd ich mir trotzdem nicht mehr anschaffen.

Jedes Ende war ein Anfang. Wie Ruinen, die sich der Dschungel zurückholte, würden sich die Menschen ihr Leben wieder erobern.

Daniel Suarez – Kill Decision

Not even twenty-four hours had elapsed since she’d been lying in blissful ignorance on a lumpy cot in Africa. Hard to believe that that humid, cramped little cabin, along with everything in it – along with her foreseeable future – had been incinerated in a flash. None of this seemed real. Not even the room she stood in.

Manchen Autoren kann ich gar nicht genug nachschmeißen. So uneingeschränkt begeistert wie von Daniel Suarez bin ich allerdings selten. Bisher habe ich jedes seiner Bücher gekauft, verschlungen und dann an meinen Bruder weitergereicht (wenn ich mich recht erinnere, brachte mich der sogar auf Daemon). So auch wieder mit diesem hier. Da ich jedoch nicht mehr rechtzeitig vor seinem Geburtstag fertig wurde, hab ich mir gleich noch die Kindle Edition geleistet. Und die beiden Vorgänger auch gleich dazu …

He adjusted the rearview mirror to meet her gaze. “Happy now, Professor? The monsters of the deep know you by name.”
She knelt and looked up at him. “I didn’t have a choice. You gave me no good reason to trust you.“
“Smart people are always difficult. Always looking for answers. And the answers always lead to more questions.“

Unschuldig ins Chaos gestürzt wird diesmal die Ameisenforscherin Linda McKinney. Ihre Forschung über die aggressiven Weberameisen wird zur Steuerung von Kampfdrohnen missbraucht und bringt sie in Lebensgefahr und in die Hände von Odins geheimer Kampftruppe …

They nodded to McKinney and immediately resumed their duties.

Odins Team hält eisern zusammen. Aufgrund ihrer Kenntnisse und der ihr drohenden Gefahren bleibt Linda keine andere Wahl, als sich dem Team anzuschließen. Aber sie gehört nicht dazu. Vor dem Kampfeinsatz übt das Team ein Ritual, an dem sie nicht teilnimmt, das sie nur beobachten kann. Stellvertretend für Linda fühlte ich mich ausgeschlossen, beobachtete an mir ein unmittelbares Unbehagen, nicht zum Team zu gehören.

„… If there’s a valuable brand to protect – whether it’s a person or a dish soap – these fuckers are out there protecting it, shaping the narrative. I mean … who the fell follows dish soap on twitter? How does anyone believe that shit’s real?“

Wie aus den Vorgängerwerken von Daniel Suarez bekannt, beschäftigt er sich intensiv mit politischen und sozialkritischen Motiven der menschlichen Persönlichkeit. Ein Nebenschauplatz ist eine PR-Firma, die sich dem Verbreiten bzw. Promoten von Produkten oder Persönlichkeiten verschrieben hat. Und ja, ich frage mich auch immer wieder, warum Menschen auf Facebook Produkte oder Firmen liken. Spätestens seit der Schwedenbombenrettung und der Wiedererscheinung des Tschisi-Eis (man sollte meinen, dass die Intensiv-Facebooker zu jung sind, um sich daran zu erinnern) glaubt die breite Masse an die Rettungskraft des Social-Media-Riesen. Kluge PR-Firmen sind in der Lage, diese Daten in Formen und Weisen zu nutzen, die selbst dem erfahrenen Mediennutzer Schauer über den Rücken treiben.

„Do you normally leave your doors unlocked and your alarms deactivated?“ – „I didn’t want you to break anything. I’m having a party tomorrow night.“

Auch das Thema Überwachung ist natürlich mit den Drohnen eng verknüpft. Gerade in Österreich gibt es hier ein ständiges Hin und Her. Wenn Innenministerin Johanna Mikl-Leitner Drogen-Haartests zulassen will, aber empört aufschreit, wenn ihre SPÖ-Kollegin Bures die Autobahnkameras zur Überwachung der (nicht funktionierenden) Rettungsgasse nutzen will. Denn genau das ist das Problem: sind die Kameras mal da, warum sie nicht für alles Mögliche nutzen?

Although, this is the problem with a surveillance state; once you build it, it always grows. Do you realize how many industries use this data? How many people are busy building the systems to gather and analyze it? How much economic activity that’s generating?

Nicht zuletzt will der neue Heeresminister Gerald Klug nun auch Drohnen für das österreichische Bundesheer anschaffen. Unbewaffnet selbstverständlich. Aber wenn man liest, was sich die Verantwortlichen für die Beobachtung von Demonstrationen vorstellen, kann einem schon schlecht werden. Etwa Reinhard Zmug von der Luftzeugabteilung des Bundesheers wird zitiert:
Bei Menschenansammlungen würden die Drohnen aus deeskalierend wirken: „Sie beobachten die Leute von oben, und am Boden sieht man nicht allzu viele Soldaten.” So würden auch weniger schnell Konflikte entstehen. „Denn wenn eine Drohne 300 Meter entfernt von Ihnen fliegt, sehen Sie sie nicht mehr. Sie ist so klein und hell, man hört sie auch kaum mehr”, erklärt Zmug. Die Menschen würden demnach auch gar nicht merken, dass sie beobachtet werden. (diepresse.com)

Nicht merken, dass man beobachtet wird … eine Horrorvorstellung in meinen Augen. Suarez Killerdrohnen treiben die Bedrohung in beängstigender Art und Weise auf die Spitze. Und doch fällt es nicht schwer zu glauben, dass sie in geheimen Fabriken vielleicht bereits gebaut werden …

Peter Morville & Louis Rosenfeld – Information Architecture for the World Wide Web

Were you expecting a single definition? Something short and sweet? A few words that succinctly capture the essence and expanse of the field of information architecture? Keep dreaming!

Auf eine Art und Weise war dieses Buch schon outdated, als ich es vor Jahren bestellte und ins Regal stellte. Wenn man sich heute die 2007 zuletzt aktualisierten Screenshots anschaut, kann man herzlich darüber schmunzeln. Doch viele der verbreiteten Weisheiten sind nach wie vor gültig und sollte sich so mancher, der im Web zu tun hat, hinter die Ohren schreiben.

Das Buch beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Aspekten von Informationsarchitekturen und geht dabei weit über die oft gehypten Begriffe Usability oder User Experience hinaus. Es beschreibt umfangreich die Wichtigkeit von funktionalen Organisations-, Labeling- und Navigationssystemen. Auch Metadaten und Suchsysteme bilden wichtige Kapitel im gesamten Kosmos.

Bis auf die letzten Kapitel (zwei tatsächlich nicht mehr ganz taufrische Beispiele aus der Praxis) habe ich alle Kapitel mit Interesse gelesen und wurde immer wieder überrascht, wie aktuell und allgemeingültig die Erkenntnisse zu den unterschiedlichen Web-relevanten Themen sind. Auch wenn sich das Web täglich verändert und erneuert, ändern sich die Menschen, die es benutzen, nicht in demselben Tempo. Für einen Basisüberblick über Webarchitekturen und deren Bestandteile ist dieses Buch nach wie vor ein guter Tipp.

Klaus Raab – Wir sind online – wo seid ihr?

Tautropfen made with Olloclip and CAM+

Eines haben wir eben doch ganz unzweifelhaft gemeinsam, egal ob wir 16 oder 32 sind: dass wir zu Beginn des digitalen Zeitalters groß geworden sind und die neuen Möglichkeiten selbstverständlich zu nutzen verstehen, ohne zwangsläufig alle wahnsinnig technikaffin und immer nur erreichbar zu sein. Und dass die fortschreitende Digitalisierung für uns gleiche Bedingungen schafft, unter denen wir die Gesellschaft, in der wir leben wollen, organisieren.

Noch ein Manifest aus der und für die Netzgemeinde. Mit den aus Christian Stöckers Nerd Attack bekannten Elementen, die dann zumeist zu einer Rechtfertigung irgendeines Teils der so genannten Netzkultur führen:

– Verherrlichung der guten alten Zeit, als nicht jeder Trottel einen Computer hatte:

Man konnte Mixtapes lesen wir persönliche Briefe. Sie kündeten vom Suchen und Finden der Freundschaft und manchmal auch der Liebe. Wer Musik kopiert, hat demnach Freunde und geht früher oder später eine Bindung ein, aus der irgendwann einmal Kinder hervorgehen, die dann auch Musik kaufen

– Rechtfertigung oder zumindest Erklärungsversuch, warum die Netzgemeinde von Männern dominiert wird:

Ob Lillifee und Hartplastikmachos der Grund dafür sind, dass Frauen später geschlossen in der Küche stehen und Männer in den Krieg ziehen wollen – ich weiß nicht so recht. Vielleicht wird da der Einfluss des Rests der Gesellschaft etwas unterschätzt.

– Anglizismen und das Treiben von Schindluder mit der deutschen Sprache:

Es gibt allerdings Bedeutungsunterschiede zwischen den Anglizismen und den vermeintlichen restdeutschen Synonymen, weshalb man nun einmal sagen kann, dass „Fun“ und „Womanizer“ das deutsche nicht zurückdrängen, sondern reicher machen: Es bereitet Vergnügen, an einem lauen Sommerabend auf dem mit edlem Efeu gezierten Balkon zu sitzen, eine Schale schmackhafter gebratener Auberginen vor sich, und sich an Schopenhauers Wutreden zu laben. Fun ist es dagegen, RTL2 zu sehen. Und George Clooney ist ein Womanizer. Schürzenjäger treten bei Hansi Hinterster auf.

Offen bleibt die Frage, für wen diese Bücher eigentlich geschrieben werden. Braucht die Netzgemeinde diese Rückblicke und Analysen ihrer eigenen Geschichte und ihres eigenen Lebens. Will man den „Offline“ das Internet mittels eines Buches erklären? Das erinnert an „Internet for Dummies“ … Die heutige Jugend rebelliert nicht mehr? Kann man die Jugend nicht Jugend sein lassen … andererseits dürfte die Jugend sich für derartige Schreibwerke ohnehin nicht interessieren. Entbehrlich.

Ilija Trojanow, Juli Zeh – Angriff auf die Freiheit

Anti ACTA Demo, 25. Februar 2012, vor dem Parlament, Wien

Man kann sich lebhaft vorstellen, wie eine islamistische Zelle namens „Hessischer Dschihad“ bibbernd in einem Kellerraum in Gießen hockt und sich vor der Rasterfahndung versteckt – erstaunlich rat besaitet, die potentiellen Selbstmordattentäter. Ebenso erstaunlich, wie gut der Innenminister mit dem „islamistischen Potenzial“ und dessen intimen Sorgen ist.

In „Angriff auf die Freiheit“ setzen sich Ilija Trojanow und Juli Zeh ausführlich mit der Entwicklung Richtung Überwachungsstaat auseinander, vermeintlich ausgelöst durch den Terrorismus, der seit dem 11. September 2001 vermehrt durch die Köpfe der Menschen spukt. Der obige Ausschnitt bezieht sich auf die Aussage des deutschen Innenministers, das Instrument der Rasterfahndung hätte eine abschreckende Wirkung auf das so genannte „islamistische Potenzial“. Der Tonfall wird hier schon deutlich klar.

Diese auf den ersten Blick plausible Begründung erweist sich als abwegig, wenn man bedenkt, dass in einem Zeitraum von fünf Jahren (2001 bis 2006) nicht mehr als sechs gefälschte Pässe des alten Modells in Umlauf kamen. Darüber hinaus ist kein einziger Fall bekannt, in dem Terroristen gefälschte Pässe bei sich trugen.

Stück für Stück nehmen die Autoren die Begründungen auseinander, die Politiker und Medien für die Verschärfung von Überwachungsmaßnahmen ins Feld führen. Dabei ist etwas der biometrische Reisepass, in dem unter anderem die Fingerabdrücke gespeichert werden, ein Thema. Der Bevölkerung wird suggeriert, dass diverse Maßnahmen ihre Sicherheit erhöhen würden, obwohl dies einerseits nicht der Fall ist – ja, die Sicherheit kann gar nicht erhöht werden, wie sicher kann man sein? – und andererseits der Datenschutz und die Privatsphäre des Einzelnen völlig außer Acht gelassen wird.

Ein Journalismus, der seine gesellschaftliche Verwantwortung in den Hintergrund treten lässt, schadet der Demokratie. Ein ins Bockshorn gejagter Bürger ist nicht „mündig“ und wird sich nicht als freier, aufgeklärter, selbstbewusster Mensch an politischen Prozessen beteiligen. … Angst ist das wichtigste Instrument von Diktaturen, die ihre Bevölkerung terrorisieren, um Ausbeutungsverhältnisse zu stabilisieren. Wo Angst zum Mittel der Politik wird, stimmt etwas nicht. Wirklich freie Medien dürfen nicht an den gleichen Strippen ziehen wie die Politik, und wenn hundertmal gilt: Angst sells.

Neben den (oft unwissenden) Politikern, die Überwachung den Vorzug vor Datenschutz geben, ist einerseits der Bürger, der (vermeintlich) „nichts zu verbergen hat“, andererseits der nach Schlagzeilen heischende Journalist das „Feindbild“ der Autoren. Es gilt, den mündigen Bürger zur Freiheit und zur Selbstbestimmung zu erziehen, da helfen Medien oft eher den Politikern, indem sie deren Aussagen unreflektiert weitergeben ohne die freie Meinungsbildung zu fördern und auch den Gegenargumenten Raum zu geben.

Ein Privatmann ist nicht wie der Staat an die Menschenwürde, an Verhältnismäßigkeit oder Unschuldsvermutung gebunden. In einer Notwehrsituation wird ihm als seltene und schwerwiegende Ausnahme zugestanden, in panischer Selbstverteidigung um sich zu schlagen. Doch ein Staat, der panisch um sich schlägt, richtet Verheerendes an. Er ist keine Demokratie, sondern ein Staat des Ausnahmezustands.

Gerade im Umgang mit Terroristen wird oft vergessen, dass es sich bei diesen auch um Menschen handelt. Die Politik und auch die Medien fördern diesen Unterschied gezielt. Wer kann sagen, dass er die in Guantanamo ohne Gerichtsverhandlung oder Verurteilung gefolterten und inhaftierten potentiellen „Terroristen“ als Menschen betrachtet, die auch als solche behandelt werden müssen? Jeder Einzelne muss sich Tag für Tag vor Augen führen, dass für jeden Menschen unabhängig von seinen Taten die Gesetze der Menschenwürde gelten müssen. Was immer dieser Mensch auch getan haben mag. Eine Botschaft, die nicht genug betont werden kann.

Terezia Mora – Der einzige Mann auf dem Kontinent

Mellow Yellow Flower

Das permanente Angebundensein an den Datenstrom ist mir nicht lästig und überfordert mich keinesfalls. Wenn nichts davon da ist – das überfordert mich.

Terezia Mora zeigt uns einen Protagonisten als hin- und hergerissenen Mann. Stressiger Job, herausfordernde Freundschaften, sensible Frau, die seine Aufmerksamkeit fordernd. Sie erzählt Episoden aus der Vergangenheit, so erinnert sich der Protagonist Darius Kopp etwa in Rückblenden an einen psychischen Zusammenbruch seiner damaligen Lebensgefährten, der schließlich zu einem Heiratsantrag seinerseits führte. Sie hypersensibel, er always on und untrennbar mit der Welt verbunden – man fragt sich bald, ob das gutgehen kann?

Die Idee war brillant, verwegen, Kopps Herz schlug ein schnelleres Tempo an, er riss die Augen auf: staubige, dunkle Balken. Es kommt doch heraus. Es kommt immer alles heraus. Nein, das stimmt nicht. Manches nie … Wozu reicht mein Mut? Das ist nicht die Frage, sondern: Wie findet meine Moral das? Er schloss sanft die Augen.

Sein fragiles berufliches Gerüst wird erschüttert von einer unterwarteten Barzahlung eines Kunden. Niemand außer ihm weiß von dem Geld. Sein Arbeitgeber schuldet wiederum Darius Kopp jede Menge Geld für Spesen und Versicherungszahlungen. Was soll mit dem Bargeld im Karton geschehen? Niemand muss davon erfahren. Aber Darius Kopp hat Skrupel. Und versucht trotz allem, das Richtige zu tun. Was immer das auch sein mag.

Er rannte ins Café hinein, Selbstbedienung, er rannte an den Tischen vorbei, direkt an die Theke, wie ist er auf den Barhocker gekommen, keine Erinnerung, auf einmal saß er drauf. Er keuchte, nicht vor Anstrengung, sondern vor Erleichterung darüber, dass er diesen Hafen gefunden hatte. Essen, Trinken, Internet.

Hier fühlt sich der gemeine Nerd/Geek leicht solidarisch, wobei ich von mir selbst behaupten möchte, dass ich so hysterisch selten in ein WLAN-Café gestürmt bin. Doch in einer fremden Stadt kann das Internet schon Heimat sein, wo es keine andere Heimat gibt. Für Darius Kopp scheint es ein Zufluchtsort zu sein, auch wenn ihn dort weder Erleuchtung noch Erleichterung seiner schwierigen Entscheidungen erwarten.

Er hätte gern einen Lachanfall bekommen, einen hysterischen Lachanfall, dass er hätte taumeln und sich krümmen müssen und aufpassen, dass er nicht wieder in die Kartonwand geriet, aber es gelang ihm nicht.

Während Darius Kopp mit seiner Familie und seinen anderen arbeits- und partnerschaftlichen Sorgen beschäftigt ist, hat der Leser das Geld der Armenier im Karton längst vergessen. Ein kluger Schachzug, denn gleich der Kartonwand stürzt auch Darius Kopps Leben Stück für Stück ein. Verfolgen Sie den Zusammenbruch eines Lebens und was am Ende wirklich wichtig ist. Gespalten.