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Roman

Petra Piuk – Toni und Moni

CN: Gewalt (Beziehungsgewalt, Gewalt gegen Kinder und Tiere, sexuelle Gewalt), Alkoholmissbrauch, Mord, Suizid


Die einen oder anderen ahnen es vielleicht: wieder ein Buch aus meiner Liste der österreichischen Literatur-Geocaches. So langsam wird es Zeit, dass ich auch mal wieder welche suchen gehe. Die Liste der gelösten Mysteries ist inzwischen wieder so lange wie vor der #52in2025-Aktion. Die #52in2026 habe ich sträflich vernachlässigt. Ich mache den viel zu heißen Sommer verantwortlich.

In der Heimat gibt es: ein gutes Essen, ein gutes Trinken und gute Menschen. Aber keine Gutmenschen. Das darf man bitte nicht verwechseln.

Der Untertitel „Anleitung zum Heimatroman“ parodiert bereits, was sich im obigen Zitat abzeichnet: Es handelt sich eher um einen Anti-Heimatroman, in dem sich noch dazu die Autorin Petra Piuk (als sie selbst), die Frau Schriftstellerin, die Großcousine als Feindbild der Dorfgemeinschaft (zwei Alter Egos der Autorin) und die Lektorin Tanja um das Wesen eines erfolgreichen Heimatromans duellieren. Auch die Leser:innenschaft kommt in Form von Leser:innenbriefen zu Wort.

Während ein Heimatroman traditionell schöne Landschaft, gute Menschen und eine überschaubare Liebesgeschichte mit einem Happy End in Form (zumindest) einer Hochzeit zu haben hat, wird in dieser Satire auf den Heimatroman der Bodensatz der patriarchalen Gesellschaft, die sich gerade in den kleinen Dörfern so hartnäckig gehalten hat (oder hält?) in den Vordergrund gerückt. Männer machen, was sie wollen; Frauen haben zu funktionieren und die Klappe zu halten. In der Person des Toni zeigt sich deutlich, wie sich diese Einstellung von einer Generation auf die andere überträgt. Toni meint, ein Recht auf die Moni zu haben, in die er seit seiner Kindheit verliebt ist. Dieses Recht nimmt er sich notfalls auch mit Gewalt, was dann zu dem gewünschten Schein-Happy-End führt, denn schließlich muss die schwangere Moni nun den Toni heiraten, anstatt in der bösen Großstadt ihrem Berufswunsch nachzugehen.

Um seinen1 Zweck nicht zu verfehlen, sollte eine Patronenhülse immer gefüllt sein. Im Gegensatz zu einer WORTHÜLSE, die auch LEER sein kann. Eine leere Bierhülse hingegen sollte man umgehend durch eine volle ersetzen. 

Das Buch ist in kürzesten Kapiteln verfasst. Fortschritte der „Handlung“ des Heimatromans wechseln sich ab mit Vor-, Zwischen- und Schlussbemerkungen, Aussagen der Dorfbewohner:innen (zum Beispiel zu geeigneten Erziehungsmaßnahmen wie der „gesunden Watschen“), Liedtexten (aus Radio Schlagerglück) und Ausschnitten aus Zeitungsartikeln. Dazu gehört zum Beispiel eine Aufzählung von Nachrichten-Headlines, die allesamt so genannte „Familientragödien“ beschreiben (was heute eigentlich Femizid genannt werden sollte wird). Auch andere „aktuelle“ Themen werden angerissen. Ein „Mensch ärgere dich nicht“-Spiel macht die Autorin zu einer Metapher für die Flucht von Verzweifelten übers Mittelmeer (bezugnehmend auf die Flüchtlingskrise in Europa 2015/2016). An anderer Stelle zitiert sie den FPÖ-Politiker Norbert Hofer, der während seiner Kandidatur zum Bundespräsidenten 2016 mit folgender Aussage aufhorchen ließ: „Sie werden sich noch wundern, was alles geht!“

Eine Tracht gibt es nicht nur in Form von Prügel, sondern auch in Form von Kleidung. Und die Kleidertracht ist schön im Gegensatz zur Tracht Prügel, die aber manchmal sein muss, weil WAS SEIN MUSS, MUSS SEIN. Darüber herrscht im Dorf Eintracht. 

Gewürzt wird dieses bereits sehr vielseitige Potpourri mit einer umfangreichen Auswahl all der Redewendungen, die sich von Generation zu Generation weiter vererben („WAS AUF DEN TISCH KOMMT, WIRD GEGESSEN“ oder „SO ETWAS KOMMT IN DEN BESTEN FAMILIEN VOR“). Die Redewendungen sind in Versalien gesetzt.

Zum Ende hin rutscht die Geschichte in den Keller des schwarzen Humors ab. Was allerdings nur konsequent ist, wenn die Natur der Geschichte als Anti-Heimatroman bedacht wird. Was bleibt, ist eine tiefgreifende Frustration über die Auswüchse des Patriarchats, das sich so hartnäckig in unserem Alltag festklammert.

  1. Müsste das nicht ihren Zweck heißen? Die Hülse verfehlt ihren Zweck?  ↩︎
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Roman

Kathleen Glasgow – Girl in Pieces

CN: Das dürfte das erste Mal sein, dass ich ein Buch in der Hand halte, das bereits eine Inhaltswarnung mitbringt:

This book contains material which some readers may find distressing, including discussions of self-harm (cutting), depression, sexual and physical assault, rape, violence, alcoholism, drug use, and suicide.


“Everyone has that moment, I think, the moment when something so … momentous happens that it rips your very being into small pieces. And then you have to stop. For a long time, you gather your pieces. And it takes such a very long time, not to fit them back together, but to assemble them in a new way, not necessarily a better way. More, a way you can live with until you know for certain that this piece should go there, and that one there.”

Während ich einen Anfang für diesen Text suche, geht mir immer wieder der Text auf dem Cover durch den Kopf, ein Blurb von Nicola Yoon: “A haunting, beautiful and necessary book”. Diese Geschichte tut weh, sie nimmt mit, sie hinterlässt Spuren. Autorin Kathleen Glasgow lässt ihre Protagonistin Charlotte durch die Hölle gehen. Mehr als einmal.

Die Erzählstruktur spiegelt in gewisser Weise Charlottes aktuellen mentalen Zustand wieder. Das Buch beginnt mit kurzen „Kapiteln“, teilweise nur eine halbe Seite, die illustrieren, wie Charlotte immer wieder nur kurz und desorientiert aus ihrem Traumazustand aufwacht. Sie findet sich in einer Klinik wieder, zusammen mit anderen Mädchen, die sich wie Charlotte selbst verletzen. Die Kapitel werden länger (und später wieder kürzer), im selben Maß wie sich Charlottes Zustand verändert.

Kurz vor ihrer überstürzten Entlassung aus der Klinik nimmt Charlotte mit einem früheren Freund Kontakt auf. Er lädt sie nach Tucson ein, wo sie vorübergehend in seiner Wohnung leben kann. Charlotte hat keine anderen Möglichkeiten. Stück für Stück erkämpft sie sich in Tucson ein neues Leben. In Rückblenden erfährt die Leser:in von Charlottes Vergangenheit, von all den grausamen und zerstörenden Dingen, die dazu geführt haben, dass Charlotte nach einem Suizidversuch in der Klinik gelandet ist.

Schließlich findet Charlotte auch Zugang zu ihrem künstlerischen Ich, das in all dem Chaos ihres Lebens keine Möglichkeit zur Entfaltung hatte. Verschiedene Mentor:innen ermutigen sie, sich nicht nur mit der Technik ihres Zeichnens, sondern auch mit ihren Emotionen auseinanderzusetzen. In ihrer Kunst lernt sie, auszudrücken, was sie früher nur durch Selbstverletzung aus ihrem Körper und ihrer Seele entlassen konnte.

Ich weiß nicht, wem ich dieses Buch empfehlen soll (und wem nicht). Mich hat es extrem berührt und ich habe das Gefühl, vielleicht ein Stück mehr zu verstehen, was Menschen dazu bringen kann, sich selbst zu verletzen. Gleichzeitig ist es in all seiner Grausamkeit ein hoffnungsvolles Buch. Charlotte ist bereits zu Beginn des Buchs an einem Tiefpunkt angelangt. Sie kämpft sich mühsam weiter. Und sammelt Stück für Stück die Teile ihres zerbrochenen Ichs wieder ein. Um schließlich ein neues Ich daraus zu schaffen. Das Buch zeigt, dass dies möglich ist, auch wenn es noch so unmöglich aussieht.

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Roman

Rosa Liksom – Abteil Nr. 6

CN: Alkoholmissbrauch, sexuelle Belästigung, Rassismus, Prostitution


Letzte Woche ergab sich eine Gelegenheit zu einem kurzen Abstecher in die Hauptbücherei. Mangels Vorbereitung suchte ich in meiner Liste an Literaturgeocaches so lange, bis ich zwei Bücher gefunden hatte, die aktuell in der Hauptbücherei verfügbar waren.

Dieses Buch las ich gleich am nächsten Abend in einem Rutsch zu Ende. In einem Zug der transsibirischen Eisenbahn teilen sich eine namenlose junge Frau und ein namenloser Mann ein Zugabteil. Während der Mann immer wieder mehr oder weniger unangenehme Geschichten aus seinem Leben erzählt, erfährt die Leser:in über die junge Frau beinahe nichts. Nur schemenhafte Rückblenden geben Einblicke in ihr Leben in der Zeit vor der Abfahrt des Zuges.

Obwohl sich der Mann teilweise extremst ekelhaft verhält und die junge Frau auch belästigt, nutzen die beiden die Pausen des Zuges in den größeren Bahnhöfen für gemeinsame Ausflüge. Die junge Frau scheint nicht zu wissen, was sie mit sich allein anfangen soll. Sie lässt sich ziellos treiben, scheinbar ohne eigenen Willen. Bis zum Schluss erfährt die Leser:in nicht, warum sie sich eigentlich auf dieser Reise befindet, die im Buch im mongolischen Ulan-Bator endet (das eigentlich nicht auf der Strecke der transsibirischen Eisenbahn Eisenbahn liegt).

Der Schluss bietet eine Art Ausblick, aber keine Auflösung. Da es sich hier aber irgendwie um ein Road Movie im Zug handelt und die Beschreibungen der abgelegenen Gegenden sehr spannend sind, fühlte ich mich ausgezeichnet unterhalten.

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English Essays Sachbuch

Olivia Laing – The Trip to Echo Spring

CN dieses Buch: Alkoholismus, Sucht, Suizid
CN dieser Post: Alkoholismus


Olivia Laing habe ich in einem meiner liebsten Buchgeschäfte (Shakespeare and Sons in Berlin) entdeckt, es war ein reiner Spontankauf: The Lonely City. Mit ihrem Roman Crudo konnte ich nicht so viel anfangen, aber ihre Non-Fiction-Texte sind in meinen Augen unschlagbar. Es scheint, egal, mit welchem Thema sie sich befasst, sie findet die Verbindung zwischen den unterschiedlichen Aspekten und betrachtet die beteiligten Personen mit Empathie, Verständnis und Mitgefühl, jedoch ohne die sprichwörtliche rosarote Brille.

Controlling the imagination is one thing, but what if as well as telling yourself soothing stories you found a substance, a magical substance, that could do it for you, providing what you might call mechanical relief from the mechanical oppressions of modern life? This is the practice Petros Levounis termed self-medication: the use of alcohol to blot out feelings that are otherwise unbearable.

In diesem Buch untersucht sie die Verbindungen zwischen Alkoholkonsum und dem Schreiben anhand der Lebensgeschichten von sechs Schriftstellern, die zu unterschiedlichen Zeiten zwischen 1896 und 1988 gelebt haben. Teilweise ergeben sich dabei natürlich Überschneidungen und Bekanntschaften. Besonders interessant finde ich, dass sich die Autorin den beschriebenen Personen im Rahmen eines Road Trips nähert, der sie auf Umwegen durch die USA führt. Sie besucht dabei Orte, die für die verschiedenen Autoren (ja, leider ausschließlich Männer) von besonderer Bedeutung waren. Zwischen dem tiefen Eintauchen in die Leben und Lebenswerke der Schriftsteller erzählt sie daher auch von ihren Erlebnissen und Begegnungen, von Menschen und Gesprächen, von Beobachtungen und Gefühlen, die ihre Reise prägen. Ein literarischer Road Trip sozusagen. Was Besseres kann es für mich eigentlich kaum geben.

The overwhelming infantile wail of that need need need, too urgent even for punctuation. If you carry that sense of starvation – for love, for nourishment, for security – with you into adulthood, what do you do? You feed it, I suppose, with whatever you can find to stave off the awful, annihilating sense of dismemberment, disintegration, of being torn apart, of losing the integrity of the self.

Auch ein psychologischer Anteil kommt nicht zu kurz. Aus den Biographien und Korrespondenzen der Schriftsteller versucht sie, die Motivationen und Voraussetzungen zu ergründen, die zum Alkoholmissbrauch und schließlich lebensbedrohlichem Alkoholismus führen. Dabei spielen nicht nur genetische Faktoren eine Rolle, sondern auch die soziale Entwicklung im Verlauf der Kindheit. Sie zitiert etwa eine Studie, die einen Zusammenhang zwischen Ergebnissen eines Trauma-Scores und der späteren Wahrscheinlichkeit eines Suchtverhaltens nachweist (Vincent J. Felitti: The Origins of Addiction: Evidence from the  Adverse Childhood Experiences Study).

Later, she [Deborah Kerr in der Rolle der Hannah in The Night of the Iguana] delivers one of the most beautiful lines in all Williams’s work: ‘Nothing human disgusts me unless it’s unkind.’ So much of him is in that statement: tolerant, non-judgmental, determined to drag out into the light all the shameful clutter of psychopathology our species has evolved.

Die besprochenen Autoren waren mir teilweise bekannt (F. Scott Fitzgerald – The Great Gatsby habe ich selbst schon gelesen, A Streetcar Named Desire habe ich in der deutschen Übersetzung Endstation Sehnsucht irgendwann vor langer Zeit im Rahmen des Theaters der Jugend auf der Bühne gesehen, zu Ernest Hemingway gab es in meiner Schulzeit ein Referat über Der alte Mann und das Meer), teilweise kenne ich sie zwar namentlich, aber nicht anhand ihrer Werke (John Cheever, John Berryman, Raymond Carver).

Erläutert wird außerdem das 12-Schritte-Programm von Alcoholics Anonymous. Ich war einigermaßen überrascht, dass diese Organisation bereits 1935 gegründet wurde, sie besteht also schon so lang, dass die jüngeren der hier besprochenen Autoren bereits an Meetings teilgenommen haben. Die Erfahrungen dieser Autoren bilden somit auch einen Einblick in die frühen Jahre dieser Organisation.

Das titelgebende Echo Spring ist übrigens kein Ort im klassischen Sinn, sondern tatsächlich eine Metapher für den Schnapsschrank (im engl. Liquor Cabinet). Olivia Laing wirft in diesem Buch deutlich mehr als einen Blick auf ein schwieriges Thema, das Generationen von Frauen, Männern, Kindern und Familien betrifft. Sie analysiert Mechanismen und stellt schonungslos dar, welche Zerstörungskraft Alkoholmissbrauch und Alkoholismus entfalten können (sowohl auf den Körper der Betroffenen, als auch auf ihren Geist und ihre sozialen Beziehungen). Gleichzeitig lässt sie die Möglichkeit der Gesundung (im engl. recovery) nicht außer acht.

We’re all of us like that boy sometimes. I mean we all carry something inside us that can be rejected; that can look silver in the light. You can deny it, or try and throw it in the garbage, by all means. You can despise it so much you drink yourself halfway to death. At the end of the day, though, the only thing to do is to take a hold of yourself, to gather up the broken parts. That’s when recovery begins. That’s when the second life – the good one – starts. 

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Memoir

Abigail Thomas – What Comes Next and How to Like It

After a nap or in the middle of the night I wake up and realize I have no idea what town I’m in or what street I live on. Which direction are my feet pointing, which way is north, where are the windows and doors in this bedroom? It takes me a moment, but then there are the warm bodies and sweet snores of my dogs, and I know it doesn’t really matter where I am.

Der Lithub-Artikel, aus dem ich mir dieses Buch notiert hatte, ist inzwischen auch schon fast zwei Jahre alt. Die Autorin des Artikels, Mary Laura Philpott, hat 2019 mit I Miss You When I Blink selbst ein Memoir veröffentlicht, das ich auch auf der Leseliste habe. In dem Artikel argumentiert sie mit der Nachfrage nach Büchern, die „normale“ (hier ist das Wort schon wieder …) Lebensgeschichten thematisieren. Ihrem Standpunkt schließe ich mich an: Menschen wollen nicht nur Sensationsgeschichten lesen, sie wollen Bücher lesen, in denen sie sich selbst (oder eine frühere oder vielleicht sogar zukünftige Version von sich selbst) wiederfinden.

They pull down books in which they find some version of themselves as they are now or were in the past or hope to be one day.

What Comes Next and How to Like It ist eben keine Sensationsgeschichte. Die Autorin beschreibt ihr Alltagsleben, mit ihrer Familie, ihren Hunden, ihrer Kunst (Malen und Schreiben) und ihren Schwierigkeiten. Sie thematisiert den Alterungsprozess, den spürbaren Verfall ihres Körpers, aber auch ihre (immer wieder scheiternden) Versuche, ihre schlechten Angewohnheiten in den Griff zu bekommen. [Ich möchte an dieser Stelle keine Wertung darüber abgeben, ob es sich bei dem thematisierten problematischen Alkoholkonsum bereits um eine Sucht handelt, das geht aus dem Buch nicht hervor und ist im Allgemeinen eine sehr große Grauzone.]

There is only what is. Anger is a distraction. Anger removes me from grief, and the opportunity to be helpful.

Das Buch besteht aus zumeist sehr kurzen Episoden, manchmal nur eine halbe oder eine ganze Seite, wenige Kapitel sind mehrere Seiten lang. Dadurch gewinnen die Alltagsbeobachtungen eine bestimmte Klarheit, als würde die Leserin durch eine Lupe auf bestimmte Aspekte des Lebens der Autorin schauen. Die Kürze der einzelnen Kapitel kann aber auch als Metapher auf die Kürze des Lebens allgemein gelesen werden. Unsere Wahrnehmung von Zeit verändert sich im Verlauf des Alterungsprozesses, ist aber auch abhängig von dem, was wir mit unserer Zeit anfangen. Tage, die wir mit Sinn füllen, erscheinen uns kurz, während Tage, die wir mit Warten (zum Beispiel auf das Ergebnis einer medizinischen Untersuchung) verbringen (müssen), sich endlos anfühlen.

Es sind keine banalen Alltagsbeobachtungen, sondern Reflexionen darauf, wie sich Geschehnisse anfühlen. Wir erfahren, wie sich die Autorin fühlt, wenn sie von der Affäre und später der Krebserkrankung ihrer Tochter erfährt. Sie reflektiert intensiv ihre persönlichen Beziehungen zu ihrer Familie und ihrem Freund Chuck; sie betrachtet ihre Wunden, um sie heilen zu sehen. Es ist ein sehr persönlicher Prozess, der mir die Idee des eigenen Schreibens wieder etwas näher gelegt hat. Wer wie ich schreibend seine Gedanken ordnet, wird in diesem Buch bestimmt die eine oder andere Version von sich selbst wiederfinden.

Randnotiz: An dieser Stelle möchte ich endlich mal den großartigen Podcast 3 Books with Neil Pasricha empfehlen. Ich habe inzwischen die ersten zehn Episoden gehört (der Podcast erscheint monatlich, aktuell sind 48 Episoden verfügbar) und jede Folge hat mich in irgendeiner Form persönlich berührt. Neil Pasricha befragt in jeder Folge eine Person nach ihren three most formative books. Die Gespräche drehen sich aber nicht ausschließlich um Bücher, sondern auch um persönliche Interessen, die Beziehung zu Büchern oder zur Buchbranche allgemein. Ein absoluter Lichtblick in meinem Podcatcher.

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Jugend Roman

Julie Buntin – Marlena

We knew that time would force us into sacrifices – we wanted to flame out before making the choices that would determine who we became. When you were an adult, all the promise of your life was foreclosed upon, every day just a series of compromises mitigated by little pleasures that distracted you from your former wildness, from your truth.

Die Autorin beschreibt in diesem Buch eine lebensprägende Jugendfreundschaft zwischen zwei Mädchen. Eines überlebt, das andere nicht. Das klingt gerade wie eine sehr langweilige Geschichte und tatsächlich gibt es Stellen im Handlungsverlauf, die absehbar sind. Das Ende wird vorweggenommen, die erwachsene Erzählerin blickt zurück auf ihre Jugendfreundschaft mit Marlena. Das Spannende daran sind die vielen Erlebnisse, die in der Jugendzeit einen Einfluss auf die Menschen haben. Große Teile der Persönlichkeit sind unfertig, Jugendliche suchen nach ihrem Platz in der Welt und probieren aus, wohin und zu wem sie passen. Die Menschen, an denen sie sich orientieren, üben einen bleibenden Einfluss aus, der sich noch schwerer wieder abschütteln lässt, wenn die Person nicht mehr am Leben ist. Eine komplexe Geschichte, die sich auch in mehr Absätzen nicht sinnvoll beschreiben ließe.

I wanted to be her most important person, because she was mine.

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Erzählung

Nick Flynn – Bullshit Nights

Jedes Jahr seines Lebens ist ein Kapitel, das Leben selbst ist ein Buch.

Was tun, wenn der eigene Vater obdachlos wird? Selbst wenn dieser Vater abwesend war, keine Alimente zahlte, sich nicht um seine Kinder kümmerte, bleibt er doch der Vater? Diese Frage stellt sich der Autor Nick Flynn, der in diesem Buch (laut Klappentext) seine eigene Lebensgeschichte in manchmal blumige (ein Theaterstück über betrunkene Weihnachtsmänner und ihre Töchter) und manchmal weniger blumige (die Beschreibungen der Prozeduren im Obdachlosenheim) Worte fasst.

Auch hier zeigt ein Episodencharakter, dass es sich um Erinnerungen handelt und nicht um eine stringente Romanhandlung: Fragmente von Kindheitserinnerungen, Geschichten und Fotos, Momentaufnahmen eines Lebens, an die man sich auch Jahrzehnte später noch erinnert, weil sie sich emotional eingegraben haben. Bei den geradlinig erzählten Kapiteln stellt sich so schnell das Gefühl ein, hier einen erfundenen oder zumindest geschönten Teil vor sich zu haben.

Zwischen den Zeilen findet sich dann die wahre Geschichte: die Ziellosigkeit, die mit Obdachlosigkeit einhergeht. Es gibt keine Zukunft jenseits der Nacht, die der Obdachlose überstehen muss, ohne dass ihm auch noch die letzten Besitztümer geraubt werden. Dieselbe Ziellosigkeit prägt auch die Mitarbeiter des Obdachlosenheims. Nur sehr wenige Obdachlose schaffen es nach einer längeren Zeit auf der Straße wieder zurück in ein geregeltes Leben. Die Arbeit im Obdachlosenheim besteht also auch nur im Erhalten eines unbefriedigenden Status quo. Eine Verbesserung, irgendwelche Möglichkeiten für die Zukunft sind nicht in Sicht. Und doch muss es jeden Tag weiter gehen. Je nach Blickwinkel eine hoffnungslose oder hoffnungsvolle Aussicht. Es kommt immer ein neuer Tag.

Mein Vater, der in einem Pappkarton geschlafen hat, besteht auf zwei Millionen, besteht auf eine Scheune, um das Projekt, das sein ganzes Leben bestimmt, das Buch, an dem er schon vor meiner Geburt schrieb, anfangen oder vollenden zu können.

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English Roman

James Frey – A Million Little Pieces

I turn and I slowly walk away and I don’t look back. It has always been a fault of mine, but it is the way I am. I never look back. Never.

Hätte ich bei diesem Buch vorher auch nur ansatzweise gewusst, worum es geht, hätte ich vermutlich nicht zugegriffen. Aber die Erinnerung an das andere Buch dieses Autors, das ich voriges Jahr gelesen hatte – Strahlend schöner Morgen, nach wie vor würde ich diesen Roman beinahe jedem empfehlen – und der Titel, der mich gerade in diesem Moment auf eine besondere weiße angesprochen hatte, ließen mich blind auf „Jetzt kaufen“ klicken.

Dieser Roman ist autobiografisch geschrieben, er wird erzählt aus der Perspektive des 23-jährigen James Frey. Natürlich hat mich auch interessiert, ob er da wirklich aus seinem eigenen Leben schreibt. Die Wikipedia meint hierzu, er hätte zwar Erfahrungen mit Drogensucht und Entzug gemacht, jedoch hätte es auch Zweifel an der Authentizität der beschriebenen Erlebnisse gegeben. Mein erster Gedanke wäre zu diesem Thema, dass man sich Teile der grausamen Geschichten, die in A Million Little Pieces erzählt werden, nicht ausdenken kann oder nicht ausdenken möchte. Andererseits mag auch hier schlicht und einfach eine Melange aus eigenen Erlebnissen und den Geschichten anderer die Grundlage ergeben haben. Gefühlsmäßig würde ich annehmen, dass jeder Autor so arbeitet, zum Vorwurf machen kann man es wohl nur, wenn der Autor tatsächlich behauptet, er hätte alles erlebt. Doch so ist A Million Little Pieces nicht erzählt.

Will this song exist when the beating stops. Will one stay when one is gone, can one live without the other. Does it matter. It does. I have to believe in something. It is holding me together.

James landet als komplettes Wrack in der besten Entzugsklinik Amerikas. Er trinkt sich seit Jahren täglich ins Koma und hat auch bereits mit jeder anderen erhältlichen Droge Erfahrungen gemacht. Nach einem Sturz von der Feuertreppe ist sein Gesicht verletzt, einige Zähne sind an- oder ausgeschlagen. Unfähig, irgendwelche Entscheidungen zu treffen, lässt er den Entzug über sich ergehen. Die dramatischen Ergebnisse der ärztlichen Untersuchung lassen James vorerst nachdenklich werden: wenn er mit seinem bisherigen Leben weitermacht, hat er keine 3 Monate mehr zu leben. Verlässt er die Entzugsklinik jetzt, kann er sich auch direkt ins Grab legen. Ein harter Schlag auch für James Eltern, die vom Ausmaß des Drogenkonsums ihres Sohnes bisher nichts wussten.

We have to hold on to what we have left. Fight for it. Cherish it. Try to survive it. Try to love it.

Weniger die tatsächlichen Erlebnisse in der Entzugsklinik sind das Spannende an diesem Roman. Vielmehr ist es der Einblick in die Gefühlswelt eines Süchtigen. In knappen Worten beschreibt der Autor den Rausch der Sucht, the fury, wie James es für sich nennt, die nahezu unüberwindbare Kraft, die ihn antreibt, die ihn nach einem Drink lechzen und vom Drogenrausch träumen lässt. Der Autor schont den Leser nicht, James komplexe Gefühlswelt gegenüber seinen Eltern und schließlich Lilly, in die er sich verliebt und die er in weiterer Folge entgegen aller Vorschriften retten wird, nachdem sie die Klinik verlassen hat.

When I see you the World stops. It stops and all that exists for me is you and my eyes staring at you. There’s nothing else. No noise, no other people, no thoughts or worries, no yesterday, no tomorrow. The World just stops, and it is a beautiful place, and there is only you. Just you, and my eyes staring at you.

Wenn man die Perspektive erweitert, geht es natürlich nicht um den Entzug an sich. Zu Beginn sieht James keinen Grund, am Leben zu bleiben. Mit jedem Tag fällt ihm das Leben leichter, er entscheidet sich für einen Versuch. Und findet schließlich alles, wofür es sich zu leben lohnt: Freundschaft und Liebe. Er entscheidet sich für das Leben.

I know I am strong. I know I am strong enough to confront what I fear and I know I am strong enough to hold on until the fear goes away. I believe this in my heart.

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Krimi Roman

Jo Nesbo – Der Fledermausmann

„Ich bin mit Zwei-Griff-Punkt aufgewachsen und einer Symphonie nie näher gekommen als mit Gruppen wie Yes oder King Crimson. Ich höre keine Musik aus dem letzten Jahrhundert, okay? Alles vor 1980 ist für mich Steinzeit.“

Die Anfangsgeschichte von Harry Hole. Im ersten Roman erklärt Jo Nesbo nicht nur, wie man den Nachnamen eigentlich ausspricht („Holy“ sagen zumindest die Australier) sondern auch wie Harry zum Alkoholiker wurde. Denn die Vorgeschichte ist vor dem ersten Roman passiert. Hier ist Harry bereits ein rehabilitierter Ermittler, der nach Australien geschickt wurde, um fürs Erste von der Bildfläche zu verschwinden und harmlos beschäftigt zu werden. Doch aus dem harmlosen Mordfall wird schnell ein Blutbad, mit dem Harry persönlich zu kämpfen hat …

Ich sitze hier in einer Bar, dachte Harry, und höre einem Transvestiten zu, der mir eine Vorlesung über australische Politik hält. Plötzlich fühlte er sich in etwa ebenso zu Hause wie Harrison Ford in der Barszene in Star Wars.

Bin schon sehr gespannt auf den nächsten Fall. Der lässt einen einfach nicht mehr los …

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Krimi Roman

Bernhard Aichner – Leichenspiele

Vadim, daneben Max und Baroni. Sie tranken.
Über die letzten drei Tage redeten sie nicht, über die Toten, sie wollten sich in diesem Moment keine Gedanken darüber machen, was passieren würde, würden sie Vadim die Wahrheit sagen. Sie wollten sich einfach einen Moment lang um nichts kümmern, sich gehen lassen, sie wollten einfach nur kurz stillstehen, abtauchen, sich leicht fühlen, unbeschwert. Kurz wollten sie auch ohne Sorgen sein, keine Probleme haben, keine Entscheidungen treffen, einen Moment lang wollten sie einfach nur unwissend sein, dumm sein, sich unbeschwert trinken, ohne nachzudenken, keine Minute nach vorn, nicht an morgen, nicht an die Leichen in der Gerichtsmedizin, nicht an Anton. An nichts wollten sie denken. Sie tranken einfach. Bis es dunkel wurde.
Nur drei Männer an der Bar und volle Gläser neben der Autobahn.

Na, da hätten wir mal wieder einen abgründigen Krimihelden wider Willen. Der Totengräber Max hat im vorhergehenden Buch offenbar seine Frau verloren und verkriecht sich an einem weit entfernten Strand. Sein bester Freund Baroni steckt in Schwierigkeiten und holt Totengräber Max zurück auf seinen Friedhof und damit direkt in ein äußerst tödliches Ränkespiel. Denn Organhändler wollen Baronis Notlage ausnutzen und Max soll die Leichen auf dem Friedhof vergraben. Dass das nicht lange gutgehen kann, erklärt sich von selbst.

Besonders geschickt stellen sich die Freunde nicht an, weder im Umgang mit den Leichen, noch im Ermitteln. Wie auf dem Präsentierteller laufen sie letztendlich in die Arme des Mörders und kommen doch mit dem Schrecken davon (das dürfte nicht zuviel verraten sein, den Helden einer Krimireihe bringt man nicht leichtfertig um). Ein alkoholgeschwängerter Krimi um Ausschweifungen aller Art, auf seine (unkorrekt österreichische) Art originell, auch wenn man beim Lesen schon mal den Kopf schüttelt über Max und Baroni, die von einer unangenehmen Situation in die nächste stolpern. Immer den nächsten Schnaps in Sicht …