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Roman

Sigrid Nunez – The Friend

CN: Gewalt, Trauma, Krieg, Suizid, Trauer


Some would say that, after all, the one sure way for an artist to know his work had failed was if everyone “got” it.

Vor Weihnachten war ich schon fast mit diesem Buch zu Ende, dann ist es so lange liegen geblieben, dass ich es tatsächlich ein zweites Mal gelesen habe. Und auch seitdem ist wieder unendlich Zeit vergangen …

Die Ich-Erzählerin reflektiert über den Suizid eines Freundes, der ihr noch dazu seinen riesigen Hund „hinterlassen“ hat. Es handelt sich um eine Deutsche Dogge, die auch auf dem Cover abgebildet ist, allerdings deutlich kleiner, als diese Hunde in der Realität sind. Während sie sich immer tiefer in ihrer Trauer verstrickt, schreibt sie gleichzeitig über die Beziehungen, die Menschen mit ihren vierbeinigen Weggefährten führen. Dabei kommen auch die Beobachtungen der täglichen Verrichtungen nicht zu kurz. Die Aufmerksamkeit, die sie in der Öffentlichkeit auf sich zieht, wenn sie den großen Hund spazieren führt, ist ihr besonders zuwider.

Das Buch ist eine Version der „Trauerarbeit“, die Beschreibung eines Wegs, wie das Leben nach einem großen Verlust weitergehen kann. Ähnliches findet sich zB bei Joan Didion – The Year of Magical Thinking oder Nora McInerney – No Happy Endings (beides Memoir, also keine Romane!). Der Ansatz von Sigrid Nunez, die Trauer des Tiers mit der Trauer des Menschen zu verbinden und unterschiedliche kulturelle Repräsentationen von Trauer in ihren Roman einzuflechten, ist hier das Besondere.

You can’t hurry love, as the song goes. You can’t hurry grief, either.


Überblick über die Ausstellung, links und rechts sind drei Tische aneinander gereiht, darauf liegen verschiedene Bücher

In der Hauptbücherei in Wien sind noch bis 27. Februar Die schönsten Bücher des Jahres 2022 aus verschiedenen Ländern ausgestellt (Eintritt frei). Folgende Bücher sind mir besonders aufgefallen:

ein Buch liegt aufgeschlagen auf einem Tisch, auf der linken Seite des Buches sind drei Fotos verteilt, dabei sticht das Bild der Müllverbrennungsanlage in Spittelau hervor (Info zum Buch im Blog Text)

Barbara Gielesberger: Aussteigen bitte! Wien entdecken mit der U6. Anhand von Analogfotos entlang der U-Bahn-Linie U6 lädt die Autorin zum Aussteigen und Entdecken ein.

ein Buch liegt aufgeschlagen auf einem Tisch, links ein ganzseitiges Foto eines dreieckigen Muschelstücks, rechts ein ganzseitiges Foto eines Schneckenhauses, die Öffnung zeigt nach oben (Info zum Buch im Blog Text)

Nina Canell, Giulia Rispoli, Sally O’Reilly: Shell Reader. Dieses dicke Werk besteht zum Großteil aus ganzseitigen Fotos von Muscheln und Schnecken. Am Ende finden sich einige Texte, die vermutlich das Projekt erklären, vor Ort hatte ich leider keine Zeit für eine genauere Inspektion. Das Buch ist mir zuerst wegen des minimalistischen Covers und dem interpretierfähigen Titel ins Auge gefallen. Dann hätte ich am liebsten stundenlang in den Fotos geblättert. Das Buch wurde auch von der deutschen Stiftung Buchkunst zum schönsten Buch des Jahres gewählt.

ein Buch liegt aufgeschlagen auf einem Tisch, auf der rechten Seite ist eine ganzseitige Illustration zu sehen, sie zeigt einen Vogel, der dabei ist seine Küken zu füttern, aus dem Schnabel des Elternvogels ragt aber statt Futter eine menschliche Figur heraus, die eine Trompete spielt (Info zum Buch im Blog Text)

Lucia Bondar and Pictoric Club (Hg.): Illustration in Ukraine. Das farbenfrohe Cover dieses Buchs sticht ins Auge. Auf einem dunkelrosa Hintergrund wird ein sehr kleiner Mensch von einem sehr großen gelb-grünen Tiger bedroht. Das Buch bietet einen Überblick über Illustrationskünstler:innen aus bzw. in der Ukraine. Definitiv ein Buch, in dem ich mich verlieren könnte.

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Roman

Eva Schmidt – Ein langes Jahr

CN dieses Buch: Suizid, tödliche Krankheit
CN dieser Post: –


Auch dieses Buch entstammt einer Recherche zu einem Literatur-Geocache. Ich habe es gern gelesen, da es im Format von miteinander verwobenen Kurzgeschichten geschrieben ist. Es erzählt Episoden aus unterschiedlichen Perspektiven von Menschen, die in derselben Nachbarschaft wohnen, aber sich zumeist gar nicht oder nur sehr flüchtig kennen. Trotzdem herrscht eine Art gegenseitige Anteilnahme vor, es gibt Verständnis für die schwierigen Lebenssituationen (Scheidung, Krankheit, Trennung, Verlust von Mobilität, etc.). Gefallen hat mir auch der große Anteil an Hunden, die im Text vorkommen. Leicht zu lesen und am Ende dann doch überraschend traurig.

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English Essays

Rebecca Solnit – A Field Guide to Getting Lost

CN dieses Buch: Drogenmissbrauch, Tod, Verlust, Trauer
CN dieser Post: Hund, Abschied


In Benjamin’s terms, to be lost is to be fully present, and to be fully present is to be capable of being in uncertainty and mystery. And one does not get lost but loses oneself, with the implication that it is a conscious choice, a chosen surrender, a psychic state achievable through geography.

Essays von Rebecca Solnit gehen irgendwie immer tiefer als die anderer Autor:innen. Der Titel dieses Buches wirft alleine schon Fragen auf: Was ist gemeint mit getting lost / verloren gehen / verschwinden / sich verlieren? Warum ist eine Anleitung nötig, um diesen Zustand der Verlorenheit zu erreichen? Warum ist dieser Zustand überhaupt erstrebenswert? Diesen Fragen widmet sich unter anderem der erste Essay, aus dem das obige und untenstehende Zitat stammen. Nach Walter Benjamin ist der Zustand der Verlorenheit auch ein Zustand der vollständigen Präsenz, für den sich der Mensch auch bewusst entscheiden muss. Diese Beschreibung macht deutlich, dass der hier gemeinte Zustand der Verlorenheit keine realen Erfahrungen wie das Sich-Verlaufen in einer unbekannten Gegend meint. Gemeint ist hingegen ein Geisteszustand, der nur durch bewusstes Sich-Verlieren herbeigerufen werden kann. Der Definition dieses Zustands folgt die Frage, wie wir ihn erreichen können, um in diesem Zustand dann die Möglichkeit zu neuen Erkenntnissen zu finden.

The question then is how to get lost. Never to get lost is not to live, not to know how to get lost brings you to destruction, and somewhere in the terra incognita in between lies a life of discovery.

Die weiteren Essays befassen sich mit verschiedenen Themen, die diesem Zustand verwandt sind.

  • Der Verlust der eigenen Identität in anderen Kulturen, worunter Menschen leiden, die einen Wechsel zwischen Kulturen (zumeist unfreiwillig) absolviert haben und wie diese Veränderungen eine Distanz schaffen gleichzeitig zur Herkunftskultur, aber auch zur neuen Lebenswelt.
  • Das Bedürfnis von Nähe und Distanz, das sich bei den meisten Menschen im Verlauf der Lebensspanne verändert (Kinder brauchen viel Nähe, ältere Menschen mehr Distanz).

The blue of distance comes with time, with the discovery of melancholy, of loss, the texture of longing, of the complexity of the terrain we traverse, and with the years of travel.

  • Viele andere Künstler:innen werden zitiert, etwa Yves Klein, der sich in seinem künstlerischen Schaffen so intensiv mit der Farbe Blau befasst hat, dass er schließlich den von ihm erschaffenen Blauton unter dem Namen Namen International Klein Blue (IKB, =PB29, =CI 77007) patentieren ließ. Blau beschreibt Solnit als Farbe, die das Immaterielle und Entfernte symbolisiert und damit immer eine Distanz zwischen Künstler:in und Betrachter:in herstellt.

Andere Essays befassen sich mit dem Gefühl der Freiheit, den weißen, unerforschten Flecken auf Landkarten (terra incognita) oder der Bedeutung von Gebäuden (und wie sie manchmal zu lost places werden). Im Großen und Ganzen will die Autorin jedoch den Leser:innnen Mut machen, sich auch auf unbekanntes Terrain zu begeben, die eigenen Grenzen zu überschreiten und Risiken einzugehen. Weil wir auch verlieren, wenn wir nichts tun.

But fear of making mistakes can itself become a huge mistake, one that prevents you from living, for life is risky and anything less is already loss.


Hund Melly steht im Abendlicht auf einem Feldweg

Wir verabschieden uns von unserem geliebten Flauschmonster Melly. Nach Monaten der Krankheit wurde unsere Prinzessin am 20. September 2022 von ihrem Leiden erlöst. Unsere  wird immer in unseren Herzen bleiben.

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Memoir

Abigail Thomas – What Comes Next and How to Like It

After a nap or in the middle of the night I wake up and realize I have no idea what town I’m in or what street I live on. Which direction are my feet pointing, which way is north, where are the windows and doors in this bedroom? It takes me a moment, but then there are the warm bodies and sweet snores of my dogs, and I know it doesn’t really matter where I am.

Der Lithub-Artikel, aus dem ich mir dieses Buch notiert hatte, ist inzwischen auch schon fast zwei Jahre alt. Die Autorin des Artikels, Mary Laura Philpott, hat 2019 mit I Miss You When I Blink selbst ein Memoir veröffentlicht, das ich auch auf der Leseliste habe. In dem Artikel argumentiert sie mit der Nachfrage nach Büchern, die „normale“ (hier ist das Wort schon wieder …) Lebensgeschichten thematisieren. Ihrem Standpunkt schließe ich mich an: Menschen wollen nicht nur Sensationsgeschichten lesen, sie wollen Bücher lesen, in denen sie sich selbst (oder eine frühere oder vielleicht sogar zukünftige Version von sich selbst) wiederfinden.

They pull down books in which they find some version of themselves as they are now or were in the past or hope to be one day.

What Comes Next and How to Like It ist eben keine Sensationsgeschichte. Die Autorin beschreibt ihr Alltagsleben, mit ihrer Familie, ihren Hunden, ihrer Kunst (Malen und Schreiben) und ihren Schwierigkeiten. Sie thematisiert den Alterungsprozess, den spürbaren Verfall ihres Körpers, aber auch ihre (immer wieder scheiternden) Versuche, ihre schlechten Angewohnheiten in den Griff zu bekommen. [Ich möchte an dieser Stelle keine Wertung darüber abgeben, ob es sich bei dem thematisierten problematischen Alkoholkonsum bereits um eine Sucht handelt, das geht aus dem Buch nicht hervor und ist im Allgemeinen eine sehr große Grauzone.]

There is only what is. Anger is a distraction. Anger removes me from grief, and the opportunity to be helpful.

Das Buch besteht aus zumeist sehr kurzen Episoden, manchmal nur eine halbe oder eine ganze Seite, wenige Kapitel sind mehrere Seiten lang. Dadurch gewinnen die Alltagsbeobachtungen eine bestimmte Klarheit, als würde die Leserin durch eine Lupe auf bestimmte Aspekte des Lebens der Autorin schauen. Die Kürze der einzelnen Kapitel kann aber auch als Metapher auf die Kürze des Lebens allgemein gelesen werden. Unsere Wahrnehmung von Zeit verändert sich im Verlauf des Alterungsprozesses, ist aber auch abhängig von dem, was wir mit unserer Zeit anfangen. Tage, die wir mit Sinn füllen, erscheinen uns kurz, während Tage, die wir mit Warten (zum Beispiel auf das Ergebnis einer medizinischen Untersuchung) verbringen (müssen), sich endlos anfühlen.

Es sind keine banalen Alltagsbeobachtungen, sondern Reflexionen darauf, wie sich Geschehnisse anfühlen. Wir erfahren, wie sich die Autorin fühlt, wenn sie von der Affäre und später der Krebserkrankung ihrer Tochter erfährt. Sie reflektiert intensiv ihre persönlichen Beziehungen zu ihrer Familie und ihrem Freund Chuck; sie betrachtet ihre Wunden, um sie heilen zu sehen. Es ist ein sehr persönlicher Prozess, der mir die Idee des eigenen Schreibens wieder etwas näher gelegt hat. Wer wie ich schreibend seine Gedanken ordnet, wird in diesem Buch bestimmt die eine oder andere Version von sich selbst wiederfinden.

Randnotiz: An dieser Stelle möchte ich endlich mal den großartigen Podcast 3 Books with Neil Pasricha empfehlen. Ich habe inzwischen die ersten zehn Episoden gehört (der Podcast erscheint monatlich, aktuell sind 48 Episoden verfügbar) und jede Folge hat mich in irgendeiner Form persönlich berührt. Neil Pasricha befragt in jeder Folge eine Person nach ihren three most formative books. Die Gespräche drehen sich aber nicht ausschließlich um Bücher, sondern auch um persönliche Interessen, die Beziehung zu Büchern oder zur Buchbranche allgemein. Ein absoluter Lichtblick in meinem Podcatcher.

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Sachbuch

Dirk Lenzen – Jeder Hund kann gehorchen lernen

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Der Hund schließt sich dem Zweibeiner an, der ihm als Ranghöchster imponiert. Auf der anderen Seite wird er jedem „rangniedrigeren“ Zweibeiner sofort die Beute streitig machen und sich danach wichtigeren Dingen zuwenden. Das ist seine Natur. Er testet in jedem Moment seine Rudel-Position und nutzt sie für sich.

Vermutlich kann keiner beurteilen, ob er selbst ein guter Rudelführer ist. Der Hund kann es uns ja nicht sagen. Rückblickend nach einem Jahr mit Hund kann ich allerdings etwas darüber reflektieren, wie es bei uns gelaufen ist. Natürlich kann ich nicht sagen, ich wäre fertig mit der Hundeerziehung. Denn mein Hund ist weder gut erzogen, noch bin ich eindeutig ihr Rudelführer. Aber immerhin haben wir uns zusammengelebt. Und ich mich ein Stück damit abgefunden, dass unsere dominante Hündin vermutlich ihr Leben lang versuchen wird, die Rudelführung an sich zu reißen. Und der „rangniedrigere“ Zweibeiner liegt ihr sowieso zu Füßen …

Der Leckerchensegen stachelt den Beutetrieb und das Konkurrenzverhalten derHunde an, sodass es in der Folge zu schweren Beißereien kommen kann. Und zwei streitende Konkurrenten wird man kaum auseinanderbringen, indem man ihnen noch mehr Leckerchen hinwirft.

Am Anfang hab ich mir viele gute Tipps geben lassen, die meisten beinhalteten die Gabe von Belohnung, nachdem der Hund etwas richtig gemacht hatte. Das brachte mich in meinem ungeduldigen Wesen und meiner Naivität schnell zum Ausruf: „Aber wie soll ich ihr denn was geben, wenn sie nie was richtig macht?“ Dass mir damals selbst nicht klar war, was eigentlich richtig und sinnvoll wäre, muss ich heute rückblickend zugeben. Dass die Belohnungsbestechung bei unserem Hund nicht die richtige Erziehungsmethode ist, weiß ich jedoch auch (und nicht nur, weil mir dieses Buch dies bestätigt und erläutert hat).

Der Grund dafür liegt im Sozialverhalten der Menschen: Wir wollen andere durch Liebe und Freundlichkeit überzeugen und an uns binden – und nur wenn es nicht anders geht durch Zurechtweisung. Aber: Der Hund ist kein Mensch und versteht das natürliche Sozialverhalten seiner Art deutlich besser.

Immerhin bekam ich also hier bestätigt, dass Hundeerziehung auch ohne ständiges Füttern und das Herumtragen von Extrawurstwürfeln in allen Jackentaschen möglich sein muss. Inzwischen fühlt sich unser kleines Biest auch so an mich gebunden, dass sie auf Ruf zu mir kommt, ohne das Wissen, gleich gefüttert zu werden. Auch erleichternd: der Hinweis, dass es den perfekt erzogenen Hund nicht gibt:

Entscheidend ist dabei nur, dass Ihr Hund an der locker durchhängenden Leine läuft und nicht zieht. Und dass er beim Freilauf auf „Komm!“ und „Hier!“ hört, und zwar so gut, dass Sie ihn in acht von zehn Situationen (zum Beispiel Kaninchen, andere Hunde, gefährliche Straße) abrufen können. 100 Prozent schafft kaum ein Hund.

Dass es auf den Tonfall ankommt, war mir schnell klar. Unsere kleine Herzensbrecherin weiß genau, welche Menschen ihr wohlgesonnen sind und erkennt den „Ja, so ein lieber Hund“-Tonfall sofort und mit 100% Zuverlässigkeit. Sie reagiert gut auf Pfiffe, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen, und nimmt Befehle nur dann wahr, wenn sie auch im Befehlston ausgesprochen werden.

Hunde können sich zwar einfache Wörter merken und sie mit etwas verknüpfen, aber sie achten zugleich sehr genau darauf, wie man sie ausspricht. So würde der Hund ein tiefes, scharfes, knappes und lautes „Fein!“ vollkommen entgegengesetzt auffassen, während ein erfreutes, sanftes und lang gezogenes „Aus!“ oder „Pfui!“ eher positiv ankäme. Will sagen: Wer richtig betont, erzieht besser und schneller.

Lenzens alternative Hundeerziehungsmethode per Leinenruck klingt verlockend, konnte ich jedoch mit unserer Hündin, die an Geschirr und Flexileine bereits gewöhnt ist, bisher nicht erfolgreich praktizieren. Ein kurzer Versuch mit beiden Leinen im Gepäck und Wechsel erwies sich als äußerst umpraktikabel. Im Stadtverkehr geht sie inzwischen ziemlich brav an der kurzen Leine, doch sie ist gewohnt, bei jeder Grünfläche etwas mehr Auslauf zu bekommen und ich wüsste nicht, warum sie den nicht kriegen sollte. Wir wollen unseren Hund ja beschäftigt halten und ihr Gelegenheit geben, die Welt zu erkunden. Das geht mit der Flexileine natürlich besser.

Sie klopfen Ihrem Hund per Leinenruck „auf die Schulter“, holen ihn von der Ablenkung weg und gewinnen seine Aufmerksamkeit. Das funktioniert nur dann optimal, wenn die Leine mit einem Halsband verbunden ist. Ist sie dagegen in ein Geschirr eingehakt, kommt das durch die Bewegung im Handgelenk ausgelöste Leinensignal beim Hund nur sehr abgeschwächt bzw. überhaupt nicht an. Er ist somit nur bedingt erziehbar und wird sich oft noch stärker in das Geschirr hängen.

Auch wenn mir nahestehende Menschen immer wieder sagen, dass der Hund nach einem Jahr total geprägt ist auf seine Hauptbezugsperson und man sich natürlich sehr geschmeichelt fühlt von diesem Gedanken, finde ich es angenehmer, zu wissen, dass der Hund auch mal eine Woche Urlaub bei anderen Bezugspersonen versteht ohne dass die Hund-Halter-Beziehung Schaden nimmt oder der Hund „beleidigt“ ist. Natürlich erwische ich mich aber auch immer noch dabei, dem Hund menschliche Gefühle und Regungen anzudichten. Ausgeprägte Mimik und Körpersprache des Tiers verleiten einfach zur Interpretation.

Natürlich ist es wichtig, dass wir ein inniges und von Vertrauen geprägtes Verhältnis zu unserem Hund haben. Aber so wichtig, dass unser Hund nicht mal ein paar Tage oder Wochen ohne uns auskommen kann, sind wir nicht – auch wenn uns dieser Glaube ein wohliges Gefühl gibt. Dieses Gefühl ist aber zugleich eitel und egoistisch, weil dahinter der Gedanke steht: „Ich bin für meinen Hund unersetzlich.“

Inzwischen beobachte ich meinen Hund intensiv im Kontakt mit anderen Hunden. Mir war lange nicht klar, warum sie sich bei manchen komplett entspannt und bei anderen total durchgeknallt benommen hat. Bald konnte ich beobachten, dass sie mit übermütigen Welpen nicht klarkommt, das Herumgespringe und Geprassel taugt ihr nicht. Dass sie aber auch andere Hunde, die sie zuerst neugierig und freundlich beschnuppert, dann plötzlich anknurrt, konnte ich nicht so schnell zuordnen. Auch dafür hat Lenzen eine passende Erklärung:

Irrtum Nr. 21: „Meine Hündin ist eine Zicke.“
Falsch! Die Eigenschaften, die wir Menschen einer „Zicke“ zuschreiben (launisch, selbstverliebt, arrogant etc.) lassen sich unmöglich auf die Hundewelt übertragen. „Zickiges“ Verhalten bei Hündinnen ist vielmehr als Dominanz- oder Abwehrreaktion auf einen anderen Hund zu erklären, der bei Geruchskontrolle und Co. zu forsch und zu schnell Kontakt aufnimmt.
Dabei können Hündinnen genauso wenig „zickig“ sein wie trotzig oder eifersüchtig. Was bei Begegnungen mit vierbeinigen „Zicken“ tatsächlich passiert, ist Folgendes: Wenn sich ein Hund einer dominanten Hündin nach dem Motto „Hallo, hier bin ich! Wer bist du denn?“ forsch nähert und sie beschnüffeln will, kann es sein, dass ihr das zu weit geht. Also zeigt sie Zähne, um zu signalisieren: „Lass das, ich will das nicht, du kommst mir zu schnell zu nahe!“ Und wenn der oder die andere daraufhin nicht ablässt, schnappt die dominante Hündin eben kurz zu, um sich (artgerecht) Respekt zu verschaffen. Die gleiche Reaktion könnte auch eine Hündin zeigen, die eher unterwürfig ist. In diesem Fall wäre das Zähnezeigen und Schnappe allerdings keine Dominanzgeste, sondern eine Abwehrhaltung, weil die Hündin vielleicht selten andere Hunde trifft und deshalb etwas mehr Zeit braucht, um Kontakt aufzunehmen.

Mit dem Jagdtrieb müssen wir uns wohl offiziell abfinden:

In meiner Hundeschule erlebe ich immer wieder, dass Halter ihre Weimaraner und Co. ins Training bringen, um ihnen „den Jagdtrieb abzugewöhnen“. Doch das ist ein Ding der Unmöglichkeit, denn „Jagdtrieb abgewöhnen“ funktioniert nicht. Wenn diese rassespezifischen Eigenschaften nicht artgerecht „genutzt“ werden, geht der Hund – je nachdem, wie stark der Trieb ausfällt – eben allein jagen.

Einzige Erlaubnis für Belohnungstraining (ich wehre mich gegen den Begriff „Leckerchen“): wenn der Hund Kunststücke machen soll:

Wenn ein Hund sich unterordnen soll, ist die gleichzeitige Gabe eines Leckerchens (=das Überlassen von „Beute“) kontraproduktiv. Andererseits werden Hunde, die sich gerade unterordnen bzw. unterwerfen, niemals durch einen Ring springen oder ein anderes Kunststück vorführen. Kunststücke macht ein Hund nur, wenn wir ihn begeistern können. Leckerchen sind in solchen Fällen als notwendiger Motivationskick erlaubt. Lediglich die gewünschte Aktion wird durch Gabe eines Leckerchens plus lobende Stimmlage positiv bestärkt.

Für mich ein großer (aber wichtiger) Rückschlag: die von unserem Hund heiß geliebten Zerrspiele um das Fetzi verstärken ihr dominantes Verhalten. Machen wir nach wie vor. Aber die Beute gehört am Ende nicht dem Hund …

Ganz wichtig: Auch wenn das Zerrspiel für Filmhund Gysmo in diesem Fall Sinn macht, sollte es im normalen Alltag für einen Familienhund tabu sein. Ein Hund, der an etwas zerrt – sei es ein Apportierseil oder Herrchens Schal – baut automatisch Aggressionen auf. Und wenn der Hund gar ein Zerrspiel mit Herrchen oder Frauchen gewinnt, wird er sich im Alltag verstärkt dominant verhalten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir sicher Glück haben mit unserer alltagskompatiblen Hündin. Viele Probleme, die ich von anderen Hundehaltern im Laufe der Zeit erzählt bekommen habe, traten bei uns gar nicht auf. Unser Hund liebt das Auto und steigt in jede Straßenbahn und jeden Aufzug ein. Sie bleibt problemlos allein zu Hause und hält es auch im Büro mal einige Stunden aus. Sie kommt mit größeren Kindern problemlos klar (auch da hört sie schließlich „so ein lieber Hund!“ und nimmt sofort die Wedel-Streichel-Haltung ein) und scheint nach wiederholtem Kontakt mit dem Krabbelkind einer Freundin auch langsam zu kapieren, dass sie der Kleinen lieber aus dem Weg gehen sollte. Da ich mich selbst ständig zwischen Selbstbeherrschung und Lockerlassen entscheide, trifft das auch auf meinen Umgang mit dem Hund zu. Komplett und streng durchorganisiert wird unser Leben nie sein (wer will das schon?). Aber hoffentlich weiter so, dass auch die dominante Hündin ihren Platz kennt.