Emmi Itäranta – Der Geschmack von Wasser

Schon wieder ein zutiefst gesellschaftskritischer Roman. Die Geschichte spielt in einer fernen Zukunft, die Protagonistin Noria und ihre Familie blicken immer wieder zurück auf die „Alte Zeit“ und fragen sich, warum die Menschen damals so sorglos mit den Ressourcen der Erde umgegangen sind. Ölkriege haben große Teile der Erde unbewohnbar gemacht, viele Rohstoffe finden sich nur noch auf Mülldeponien, Trinkwasser wird immer knapper und von der Armee verwaltet und rationiert.

Norias Vater ist Teemeister, er pflegt die alte Tradition der Teezeremonie, Noria als einziges Kind wird als seine Nachfolgerin ausgebildet. Schon zu Beginn erfährt Noria von ihrem Vater das Familiengeheimnis: als Teemeisterin ist sie auch für den Schutz der geheimen Quelle verantwortlich, aus der ihre Familie den Großteil des Wassers für die Teezeremonien und ihren Garten bezieht. Das Wissen um und die Verwendung dieses Wassers sind illegal, ein „Wasserverbrechen“. Jede illegale Wasserleitung wird bestraft, was mit den Menschen geschieht, bleibt jedoch im Dunkeln.

Schnell ist klar, dass diese Quelle kein Geheimnis bleiben kann, die Not wird größer, der Wassermangel treibt die Menschen zu immer verzweifelteren Taten. Noria versucht, „das Richtige“ zu tun und steht bald vor der Frage, ob es richtig ist, sich an die Gesetze zu halten oder an ihr eigenes Moralgefühl.

Schön beschrieben finde ich die Szenen, in denen Noria und ihre Freundin Sanja alte Geräte reparieren, die sie auf der Mülldeponie finden. Ein paar CDs („silberne Scheiben“) bringen die beiden Mädchen auf die Spur eines alten Geheimnisses. Hier wird Hackermentalität vom Feinsten porträtiert.

In der Bücherei hatte ich das Buch überraschend in der Abteilung Jugendliteratur gefunden (die Systematik in der Bücherei überfordert mich noch immer, ich muss mal jemanden bitten, mir das zu erklären). Für mich ist es aber eines jener Jugendbücher, die zum Nachdenken anregen auf eine Art, die Erwachsene oft auch sehr dringend gebrauchen könnten. Einem aufmerksamen Jugendlichen wird die Kritik nicht entgehen, die uns daran erinnern soll, aufmerksam mit unserer Welt, unserer Erde umzugehen. Für einen Erwachsenen sollte es jedoch genauso ein Weckruf sein, vielleicht sogar noch wichtiger, da Erwachsene meist größere Gestaltungsmöglichkeiten haben.

In diesem Zusammenhang ist mir auf Twitter kürzlich diese Petition über den Weg gelaufen. Gerade Konzerne wie Nespresso sind es, die des Profits wegen alle Bedenken über Bord werfen. Verändern kann dies nur der einzelne Mensch, in dem er dieses Produkt nicht kauft. Auch der Preis kann kein Grund sein, denn die Kaffeekapseln sind aufs Kilo gerechnet deutlich teurer als ein Kilo Fairtrade-Kaffee aus dem Weltladen. Nur wenn jeder Einzelne nachdenkt, seinen eigenen Lebensstil immer wieder hinterfragt und nach Alternativen sucht, kann eine Zukunft, wie sie in diesem Buch geschildert wird, abgewendet werden. Jeder Einzelne zählt.

Reading Challenge: A book set in the future

Randnotiz: Auf Goodreads hatte ich wegen eines anderen Reading Challenge Themas geschmökert und dann auch geschaut, in welcher Kategorie ich dieses Buch unterbringen könnte. Dabei ist mir aufgefallen, dass das Titelbild der englischen Ausgabe deutlich sprechender und verstörender gestaltet ist, als das der deutschen Ausgabe, auf der man nur den blauen Kreis sieht, mit dem die Häuser der Wasserverbrecher gekennzeichnet werden.

Angela S. Choi – Hello Kitty muss sterben

Wenn Stöckelschuhe nicht so wehtäten, würde ich sie niemals tragen. Ja, ich mag, wofür die Schmerzen stehen. Die Körperlichkeit des Lebens. Das Gefühl, dass dieser Hülle aus Fleisch und Knochen eine echte Seele innewohnt.

Dieses Werk stammt aus der Hello-Kitty-Phase des Waldläufers. Im ersten Kapitel philosophiert die Ich-Erzählerin Fiona Yu, Amerikanerin mit chinesischen Wurzeln, über den Verlust bzw. das Fehlen ihres Jungfernhäutchens. Kurzfristig fühlte ich mich an Charlotte Roches Feuchtgebiete erinnert. Aber tatsächlich entpuppt sich diese Geschichte schnell als eine psychologische Tour-de-force. Die Suche nach dem Jungfernhäutchen führt Fiona zu einem ehemaligen Schulkollegen, der sich recht bald als psychopathischer Serienmörder entpuppt. Stück für Stück enthüllt Fiona seine Vorgeschichte. Als Schüler landete er im Jugendknast, nachdem er eine Highschool-Beauty angezündet hatte. Nach dem Jugendknast machte er eine Karriere als Schönheitschirurg, was ihn schließlich wieder mit Fiona zusammenführt. Sean lässt Fiona seine Opfer aussuchen und nimmt sie mit zum Segeln, wo er seine Opfer stückchenweise entsorgt. Fiona selbst wird von ihren traditionsbewussten Eltern zu Dates geschickt und soll schließlich gegen ihren ausdrücklichen Willen einen Mann heiraten, mit dem sie nichts verbindet. Hier hören die Absurditäten aber noch lange nicht auf …

Irgendwie konnte ich lange keinen rechten Bezug zur Geschichte finden und tatsächlich hat mich erst das recht überraschend eintretende Ende zu einer diesbezüglichen Erkenntnis gebracht. Als Zwischendurch-Unterhaltung nach langen Arbeitswochen hatte ich eigentlich dazu gegriffen, das hat nicht so funktioniert, wie ich mir das erwartet hatte. Fehlt einem die anarchische Herangehensweise, muss man sich immer wieder fragen, warum Fiona sich all diese Absurditäten bieten lässt und nicht die Initiative ergreift. Bis sie dann die Initiative ergreift und plötzlich das Buch zünde ist. Der Knalleffekt funktioniert, aber so richtig befriedigend fand ich die Geschichte dann doch nicht.