Shannon Leone Fowler – Travelling with Ghosts

I wanted to see what survival looked like.

Bei diesem Buch handelt es sich um einen Erfahrungsbericht, was im Amerikanischen Memoir gennant wird. Die Autorin beschreibt den Verlust ihres Partners in jungen Jahren durch einen nicht vorhersehbaren Zusammenstoß mit einer besonders gefährlichen Quallenart. Alternierend erzählt sie die Zeit direkt vor und nach seinem Tod sowie die Monate danach, in denen sie weiter reist und dabei versucht, ihren weiteren Lebensweg zu finden.

In ihrer Erzählung konzentriert sich die Autorin sehr auf ihre inneren Zustände. Das ist verständlich, geht es doch in erster Linie um die Trauerbewältigung. Das obige Zitat bezieht sich auf ihre Reise ins damals (2002/2003) nachkriegsgebeutelte und von Minenfeldern umzingelte Sarajevo. Als Frau alleine in eine solche Gegend zu reisen, ohne lokale Sprachkenntnisse, in einer Zeit, als das Internet gerade in speziellen Cafés zu finden war, erscheint als großes Risiko. Falls ihr auf dieser Reise mehr zugestoßen ist, als nur die Begegnung mit einem Exhibitionisten in Budapest, erwähnt sie es nicht. (Dass diese Erfahrung unangenehm war, möchte ich nicht schmälern, es ist jedoch bei Weitem nicht das Schlimmste, das einer allein reisenden Frau passieren kann.)

Es sind jedoch nicht nur die großen Probleme, die einen allein auf Reisen befallen, ich hätte gerne mehr erfahren über die alltäglichen Dinge. Aber vielleicht denkt eine Frau, die bereits so viele Reisen unternommen hat, nicht mehr darüber nach, allein in einem fremden Land in ein Café zu gehen, in dem ausschließlich Männer sitzen. Das Fehlen von Sprachkenntnissen und damit die Möglichkeit, sich mit anderen zu verständigen, beschreibt sie zuerst als Erleichterung. Auf den ersten Blick als Fremde identifiziert zu werden, nicht dazu zu gehören, macht ihr nichts aus, es scheint sie von Erwartungen, die sie nicht zu erfüllen vermag, zu befreien.

Vielleicht ist das der große Vorteil, wenn man allein verreist. Es gibt keine persönlichen Erwartungen mehr, niemanden, dessen Erwartungen man entsprechen muss. Auf die Erwartungen der Gesellschaft lässt sich ohnehin großteils verzichten. Für mehr Reisen im Alltag. Auch ohne die Lebenskrise davor.

Everything was different, and there were times when every step did feel like an ordeal. But there’d also been the moments of kindness and beauty I’d never anticipated. There were moments when nothing seemed to make sense, and moments I wouldn’t truly understand for many years.

Barry Jonsberg – Das Blubbern von Glück

Ich fragte Erdferkel-Fisch um Rat hinsichtlich des Umgangs mit Wasser, denn Seekrankheit zu vermeiden, muss zu ihren Spezialgebieten gehören. Ihr war jedoch nicht nach Kommunikation, sodass ich keine Antwort erhielt.

Nach dieser Lektüre muss ich sagen: wenn auch nur ein winziger Anteil der Jugendbücher so gut sind wie dieses, sollte ich mich mehr in dieser Abteilung umsehen. Eine überzeugende Kurzrezension hatte mich zu diesem Werk greifen lassen, es soll ein Weihnachtsgeschenk für das Patenkind sein. Zum Glück hatte ich die Zeit, es vorher selbst zu lesen, weil dieses Vernügen ist gerade in der kalten, stressigen Weihnachtszeit absolut unverzichtbar.

Heldin ist die zwölfjährige Candice Phee. Sie ist seltsam und weiß das auch selbst, hat aber keinerlei Probleme damit (dieses Selbstbewusstsein hätten wir wohl alle gern). Candice’ Familie ist zerrüttet. Ihre Schwester starb am plötzlichen Kindstod, ihre Mutter hat sich davon niemals erholt und leidet an unbehandelten Depressionen. Ihr Vater ist mit ihrem reichen Onkel Brian wegen eines Patents zerstritten. Aber Candice will alles ins Reine bringen und nimmt dabei so manches Risiko auf sich. Von allen ihren Abenteuern berichtet sie ihrer („vermeintlichen“) amerikanischen Brieffreundin Denille (für deren ausbleibende Antworten Candice stets neue Entschuldigungen erfindet).

Jede Figur in diesem Buch ist so sorgfältig charakterisiert, wie man es selten in einem Roman für Erwachsene findet. Candice nimmt Anteil am Leben all ihrer Mitmenschen. Ihre Lehrerin mit dem Kullerauge (Candice empfiehlt ihr eine Augenklappe, um vom Kullerauge abzulenken), ihr Freund Douglas (aus einer anderen Dimension) sowie dessen Faksimile-Eltern und schließlich die Klassenzicke, die sich von Candice’ ungebrochenem Optimismus überrumpeln lässt.

Jetzt erwarte ich mit Spannung das Feedback des Patenkindes, um meine Meinung mit einer Stimme aus der Zielgruppe abzugleichen. Vorerst: meine uneingeschränkte Empfehlung für alle Altersgruppen.

Außerdem wurde heute das neue Quietdrive-Album The Ghost of What You Used to Be veröffentlicht. Nicht nur das Cover Art gefällt mir sehr gut, auch die Songs machen uneingeschränkt glücklich. Zum Reinhören: Without my hands.

Nina George – Das Lavendelzimmer

Es war kein Roman im klassischen Sinne, sondern eine kleine Geschichte über die verschiedenen Arten der Liebe. Mit wundersamen, erfundenen Worten und durchdrungen von einer großen Lebensfreundlichkeit. Die Melancholie, in er darin von der Unfähigkeit erzählt wurde, jeden Tag wirklich zu leben, jeden Tag als das zu begreifen, was er war, nämlich einzigartig, umwiederholbar und kostbar – oh, diese Schwermut war ihm so vertraut.

Vielleicht kein lebensverändernder Roman, aber immerhin ein Roman über Veränderungen im Leben. Mir hatte schon Nina Georges Mondspielerin sehr gefallen. Das Thema spiegelt sich auch in diesem Roman wieder. Hier ist es der Buchhändler Jean Perdu, der die letzten 21 Jahre in einer Art Dämmerschlaf verbracht hat, seit ihn seine Geliebte Manon verlassen hat. Als in Perdus Haus eine neue Bewohnerin einzieht, werden die alten Wunden wieder aufgerissen. Jean macht sich mit seinem Boot auf den Weg, um Manon zu finden und sich Stück für Stück von der Vergangenheit zu verabschieden.

Perdu wollte, dass sich Anna wie in einem Nest fühlte. Dass sie sich der Unendlichkeit bewusst wurde, die Bücher boten. Es würden immer genug da sein. Sie würden nie aufhören, einen Leser, eine Leserin zu lieben. Sie waren das Verlässliche in allem, was unberechenbar war. Im Leben. In der Liebe. Nach dem Tod.

Nicht nur Jean Perdu macht eine Entwicklung durch. Seinen Kunden auf seinem Bücherschiff reicht er die richtigen Bücher, die ihnen in der aktuellen Lebensphase beistehen sollen (wenn ich so einen Buchhändler hätte, das wäre ein Traum …). Der Schriftsteller Max leidet nach seinem ersten erfolgreichen Roman an einer Schreibblockade und sucht mit Anleitung von Jean nach dem wahren Sinn des Lebens (und findet natürlich die Liebe). Für die weiteren Figuren hat scheinbar die Kreativität oder die Liebe der Autorin nicht ausgereicht. Auf einer Tangoveranstaltung greifen Jean und Max den Flussschiffer Cuneo auf, der sie fortan begleitet. Anschließend ziehen sie die nach meiner Ansicht schwierigste Figur aus dem Wasser: die Verlegerin Samy. Hier hätte ich mir mehr Personencharakteristik gewünscht. Cuneos Geschichte beschränkt sich auf die (nicht ganz der Wahrheit entsprechende) Suche nach einer Frau, die er vor Jahren getroffen hat, sowie auf die Umsetzung der Kochrezepte und die Beschreibung der Lust am Genuss. Auf diesem Gebiet hatte die Mondspielerin auch einiges mehr zu bieten. Bei Samy ist das Fehlen einer differenzierteren Personencharakteristik noch deutlicher zu spüren. Ihre Figur ist wichtig für Jeans Suche bzw. ihr Erscheinen verändert das, was er dann findet, elementar. Warum ist sie ins Wasser gesprungen? Warum verliebt sie sich spontan in Cuneo? Was treibt diese Figur an? Welche Abgründe verstecken sich in ihr? Es fühlt sich an, als ob nach der ausführlichen Beschreibung der zentralen Figuren Jean, Manon und Max nicht mehr ausreichend Platz (?) oder Inspiration da war, um auch die Nebenfiguren mit Geschichte und Hintergrund auszustatten.

Es heißt bei Sanary, dass man über das Wasser in den Süden fahren muss, um Antworten auf Träume zu bekommen. Und dass man sich dort wieder finden kann, aber nur, wenn man auf dem Weg dorthin verloren geht, ganz und gar verloren. Vor Liebe. Vor Sehnsucht. Vor Angst. Im Süden lauscht man dem Meer, um zu begreifen, dass sich Lachen und Weinen genau gleich anhören und die Seele manchmal weinen muss, um glücklich zu sein.

Außerdem hätte ich mir gewünscht, auch noch Catherines Geschichte zu lesen. Auch sie muss eine große Veränderung durchgemacht haben, während Jean auf Reisen ist und ihr ständig Briefe und Postkarten schreibt. Wie erlebt sie diese Zeit, während Jean, der ihr sofort ans Herz gewachsen ist, sein neues Leben sucht? Wie fühlt es sich an für sie, warten zu müssen, bis oder ob Jean es schafft, sich von seiner Vergangenheit zu verabschieden? Sie hat keine Garantie, dass er überhaupt zu ihr zurückkehrt. Was macht sie in dieser Zeit, wie beschäftigt sie sich, wie findet sie selbst ein neues Leben?

Ich schreibe, um besser zu denken. Für alles andere geht mir so oder so die Sprache verloren.

Die tote Manon hingegen ist präsent. Nicht die wenigen Auszüge aus ihrem Tagebuch, mehr die Erinnerungen von Jean machen sie lebendig. Doch erst, als er sich von ihr löst, kann er selbst ein neues Leben beginnen. Angesichts des ersten Zitats, das schon ganz am Anfang des Buches vorkommt, als wir Jean, den literarischen Pharmazeuten, gerade erst kennenlernen, ist es eigentlich faszinierend, dass er 21 Jahre seines Lebens wegwerfen konnte und gleichzeitig die Bedeutung der Südlichter so einen wichtigen Platz in seinem Leben einnimmt. Aber am Ende ist natürlich klar, warum die 21 Jahre dramaturgisch notwendig sind. Trotz der gefühlten Mängel hat mich das Buch durch mehrere Tage immer wieder berührt, der Schreibstil der Autorin ist luftig, es gelingt ihr, sowohl die Flusslandschaften der Loire, die Strandortschaft Sanary-sur-Mer als auch ein Ratatouille so zu beschreiben, dass man sich selbst sofort auf den Weg machen will. Wobei ich mich wieder frage, warum mich diese Aufbruchsgeschichten so mitreißen. Nächsten Sommer war so eine Geschichte, die mich letzten Sommer mit auf die Reise genommen hat. Nachtzug nach Lissabon passt auch sehr gut in diese Kategorie. Das Aufbrechen in eine ungewisse Zukunft, das Unterwegs-Sein gefällt mir in Büchern immer sehr gut. Vermutlich, weil ich mich selbst nicht traue, mich einfach auf den Weg zu machen, ohne zu wissen, wo ich abends übernachten werde. Vielleicht ist der Zeitpunkt aber auch einfach noch nicht gekommen.

London’s only floating bookshop Word on the Water has been saved from closure

Michel Rostain – Als ich meine Eltern verließ

Und die Schonfrist für einen neuen Verstorbenen, die Zeit, in der alles an ihn erinnert, in der man in Tränen ausbricht, sobald der Name fällt, wie lang ist die? Hundert Tage, ein Jahr, drei Jahre? Wir werden das objektiv beurteilen können.

Allein schon die Sichtweise macht auf den Leser einen seltsamen Eindruck. Der tote Sohn beschreibt die Reaktion seiner Eltern auf seinen Tod. Wie es dazu kam, wie ihn eine plötzliche Krankheit aus dem Leben riss. Für die Eltern ist der Tod des Kindes das Schlimmste, was ihnen passieren kann. Ihr Leben wird niemals wieder dasselbe sein.

Vielleicht habe ich auf nichts verzichtet. Vielleicht doch. Ja und?

Die Zweifel der Eltern: Hätte unser Sohn gerettet werden können, hätten wir den Arzt früher gerufen, wäre die Krankheit früher erkannt worden? Haben wir alles für unseren Sohn getan? Wie kann es sein, dass unser Kind tot in diesem Sarg liegt und wir noch leben?

Nichts und niemand bereitete sich auf den Kampf vor, weder ihn noch mich. Absoluter Frieden während einer innigen Unterhaltung am Montagabend, es lebe die Telefongesellschaft. Und der unsichtbare, reißende Fluss des Todes. Es lebe nichts.

Trotz des traurigen Themas blitzen in der Beschreibung der unorthodoxen Begräbnisfeierlichkeiten Witz, Ironie und sogar funkenweise Sarkasmus auf. Ja, die Trauer kann für Außenstehende auch lächerlich wirken. Niemand kann den Schmerz nachempfinden, den Eltern am Grab ihres Kindes erleben. Niemand kann die Reaktionen eines anderen Menschen auf den Tod eines Kindes beurteilen. Es ist auch ein Kampf um das eigene Leben. Weiterleben, obwohl das eigene Kind nicht mehr lebt. Ein wichtiges Buch.

An etwas zu glauben ist für den Kampf von grundlegender Bedeutung.

Jonathan Tropper – Mein fast perfektes Leben

Radieschen

Ich benenne sie nach ihren Artgenossen aus irgendwelchen Kinderbüchern. Anschließend tue ich alles in meiner Macht Stehende, um ihnen den Schädel einzuwerfen, denn sie führen mir vor Augen, wo ich selbst gerade bin: gestrandet in diesem Leben, das ich niemals geplant hatte.

Wir steigen an einem dunklen Punkt in Dougs Leben ein. Seine Frau Hailey ist bei einem Flugzeugabsturz umgekommen. Doug trauert. Er wirft mit Steinen nach frei laufenden Kaninchen, muss sich mit Haileys pubertierendem Sohn Russ herumschlagen und sich den Hilfsversuchen seiner Familie widersetzen. Zu viel für einen einsamen Witwer?

„Du hast deine Frau verloren, Douglas, und es bricht mir das Herz, mit ansehen zu müssen, wie schlecht es dir geht. Aber ich verliere meinen Mann jeden Tag aufs Neue. Und ich kann noch nicht einmal um ihn trauern.“

Wir verfolgen, wie Doug Schritt für Schritt ins Leben zurückfinden muss. Seine Familienverhältnisse explodieren und lassen nicht mehr zu, dass sich Doug mit seiner Trauer allein in seinem Haus verkriecht. Er übernimmt die Verantwortung für Russ, als dessen Vater mit seiner neuen Frau nach Florida zieht. Seine Schwester Claire verkracht sich mit ihrem Mann Stephen und zieht bei Doug ein. Und schließlich muss er auch einsehen, das seine Mutter mit seinem demenzkranken Vater Tag für Tag leidet. Letztlich geht es um die Akzeptanz der eigenen Gefühle und Gedanken. Denn Doug fühlt sich auch noch schuldig, wenn er langsam wieder ins Leben zurückfindet.

Mein ganzes Leben wird richtig toll, und das alles nur, weil Hailey bei einem Flugzeugabsturz gestorben ist. Ich weiß nicht genau, wann es passieren wird, aber irgendwann wird der Tag kommen, an dem ich die Grenze überschreite. … Der Gedanke, dass ich dieser Mensch werden könnte, der die Zeit nicht zurückdrehen will, selbst wenn er sie dadurch retten könnte …

Das alles beschreibt Jonathan Tropfer mit beißendem Humor und ausreichend Sarkasmus, sodass aus der Trauergeschichte in Züruck ins Leben wird und man die Veränderung in Dougs Verhalten nicht nur liest, sondern sogar spürt. Und dann auch noch eine grandios verschriftlichte Datingkatastrophe, wie man sie sich nicht mal in den schlimmsten RomComs vorstellt … alle Facetten des Lebens und der menschlichen Gefühle spiegeln sich in diesem Roman und seinen detailliert gezeichneten Figuren wieder. Es gibt keine Statisten, selbst der gehörnte Ehemann Dave Potter erhält seinen großen Auftritt. Wie das Leben selbst.

„So ist das Leben nun mal. Es gibt keine Happy Ends, nur glückliche Tage, glückliche Momente. Das einzige Ende ist der Tod, und glaub mir, niemand stirbt glücklich. Solange man noch nicht sterben muss, zahlt man dafür eben den Preis, dass sich alles ständig ändert. Das Einzige, worauf man sich verlassen kann, ist die Tatsache, dass man sich auf nichts verlassen kann.“