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Roman

Karen Thompson Walker – Die Träumenden

CN dieses Buch: Krankheit, Sterben, Tod
CN dieser Post: Krankheit


Es ist ein seltsam pandemisches Buch, aber in seiner Gesamtheit dann wieder genauso hoffnungsvoll wie schrecklich. Am College einer amerikanischen Kleinstadt bricht eine noch unbekannte Krankheit aus, die die Erkrankten in einen Schlafzustand versetzt, aus dem sie vorerst nicht mehr erwachen. Aus einem einzelnen Fall werden mehrere und dann schnell viele und damit nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Die Autorin webt in ihre Geschichte all die Reaktionen ein, die wir seit dem Beginn der Covid19-Pandemie innerhalb unserer Gesellschaften gesehen haben. Hilfsbereitschaft trotz Angst vor den eigenen Nachbarn, Selbstlosigkeit im Angesicht des Risikos, Zweifel ob der Wertigkeit des eigenen Lebens gegenüber dem Leben von anderen. Ablehnung der Zwangsmaßnahmen, die getätigt werden, um die Krankheit einzudämmen, Zweifel an Wissenschaft und Regierung, Glaube an Verschwörungsmythen anstatt rationalem und menschlichem Denken und Handeln. Das moralische Dilemma steht ständig zwischen den Zeilen.

Das Buch wechselt zwischen verschiedenen Protagonisten, die in unterschiedlicher Form von der Krankheit betroffen sind (entweder selbst erkrankt oder mittelbar durch eine Erkrankung in der Familie oder als Ärzt:innen, Pflegende, Helfer:innen). Diese Episodenhaftigkeit hat mir gefallen, es lässt unterschiedliche Perspektiven zu, die jedoch miteinander verwoben sind. Das Ende lässt vieles offen und scheint doch eindeutig auf eins hinzuweisen: Das Leben geht weiter.

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English Roman

Cormac McCarthy – The Road

CN dieses Buch: Gewalt, Sterben, Tod, Mord
CN dieser Post: –


Even now some part of him wished they’d never found this refuge. Some part of him always wished it to be over.

Von den Dystopien hab ich jetzt echt mal genug. In diesem Buch sind ein namenloser Mann und sein namenloser Sohn auf einer Straße unterwegs in den Süden. Eine Apokalypse unbekannter Quelle scheint das Land heimgesucht zu haben, nur wenige Menschen sind unterwegs, Lebensmittel sind knapp und schwer zu finden. Im Süden erhoffen sich die beiden Reisenden eigentlich nur wärmeres Wetter. Im Norden wird ihnen die Kälte das Leben bald unmöglich machen.

Ich musste das Buch zwischenzeitlich pausieren und dann in Sprints fertig lesen, weil ich mich nicht erinnern kann, jemals ein Buch so voller Verzweiflung und Resignation gelesen zu haben. Jeder einzelne Tag, jede einzelne Stunde, jeder einzelne Handgriff scheint für die beiden Reisenden eine einzige Qual zu sein. Wie aus obigem Zitat zu entnehmen ist, ist selbst das Entdecken eines Luftschutzkellers mit Massen an Vorräten kein wirklicher Grund zur Freude. Das Ende hab ich mir die ganze Zeit nicht vorstellen können. Und wusste dann auch nicht, was mir das Buch eigentlich sagen wollte.

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English Roman

Mary Adkins – When You Read This

CN dieses Buch: tödliche Krankheit (Krebs), Sterben, Alkoholismus, Sucht
CN dieser Post: tödliche Krankheit (Krebs), Sterben


I’m not sure I believe in regret. Everyone has regret, but that doesn’t mean the choices we made were mistakes, or that we even could have acted differently. It just means we look back and feel like we could have.

Kürzlich habe ich entdeckt, dass die OverDrive eLibrary auch randomisiert Bücher anzeigen kann. Da ich mich gerade mit keinem der verfügbaren Werke aus meiner Liste anfreunden konnte, zog ich diesen Joker und stieß dabei auf dieses Buch. Zuerst angesprochen haben mich natürlich das Cover und der Titel. Der Beschreibungstext tat dann das Übrige dazu.

Trotz der traurigen Grundprämisse – Protagonistin Iris erhält im Alter von 33 Jahren eine erschütternde Krebsdiagnose mit der Prognose weniger verbleibender Monate bis zu ihrem Tod – bespricht der Roman die daraus resultierenden Themen mit einer Leichtigkeit, die jedoch nicht ins Groteske abgleitet. Das alles wird in Form von E-Mails, Textnachrichten und Blog Posts erzählt, die zwischen den Hinterbliebenen (Iris’ Schwester Jade, Iris’ Mutter, Iris’ Boss Smith, Iris’ Partner Richie) und weiteren Personen (Smiths Hipster-Intern Carl, Smiths gegenwärtige oder prospektive Kundschaften) bzw. Unternehmen (Dating Website, Online Therapie) verschickt werden. Selten habe ich so gelacht über die E-Mail einer Pizza-Lieferung. Aus dem Kontext heraus sagt diese kurze E-Mail einfach viel mehr aus, als tatsächlich in den Wörtern steht.

We’ll be at your door in 45 minutes or less! Click here to track your pizza!

Menschen, die sich gerade selbst in einem Trauerprozess befinden, finden sich vielleicht zu sehr in einzelnen Situationen wieder. Je nach persönlicher Betroffenheit und Lebenssituation kann das hilfreich oder schmerzhaft sein. Das muss jede:r für sich selbst entscheiden.

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English Erfahrungsbericht

Matt Haig – Reasons to Stay Alive

CN dieses Buch: psychische Erkrankungen, Depression, Suizid, Selbstverletzung
CN dieser Post: psychische Erkrankungen, Depression, Suizid


In diesem Buch erzählt der Autor von seiner eigenen Zeit der Krankheit. Scheinbar von einem Tag auf den anderen plagen ihn Panikattacken und eine massive Depression, die ihm Stück für Stück allen Lebenswillen nimmt. Dass dieses Buch existiert, ist schon mal ein ausreichender Beweis dafür, dass eine solche Krankheit auch überwunden bzw. überlebt werden kann. Vorausgesetzt, sie wird ernst genommen. Unterstützung durch nahestehende Menschen ist natürlich ebenfalls essentiell.

Aus seiner eigenen Erfahrung berichtet der Autor von typischen Reaktionen, Gedanken, Erlebnissen, in denen sich vermutlich viele Menschen, die von ähnlichen Krankheiten betroffen sind oder waren, wiederfinden. Ich möchte ein paar Beispiele herausgreifen, von denen ich denke, dass sie für Menschen, die nicht in dieser Situation sind oder waren, schwer nachvollziehbar sind. Für das Verständnis der Krankheit sind sie jedoch extrem wichtig:

But with depression and anxiety the pain isn’t something you think about because it is thought. You are not your back but you are your thoughts. 

Psychische Erkrankungen sind unsichtbar. Der Vergleich mit einem gebrochenen Bein drängt sich auf. Jede:r kann sehen, dass da ein Gips am Bein hängt, dass die Person in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt ist, möglicherweise Schmerzen hat, dass diese Person Hilfe braucht. Depression ist von außen nicht sichtbar. Und der betroffene Mensch kann sich davon auch nicht lossagen. Das gebrochene Bein kann ich für die notwendige Zeit schonen, Krücken benutzen, meine Gedanken und meinen Geist anderweitig beschäftigen. Bei psychischen Erkrankungen geht das kaum. Die Krankheit ist in den Gedanken, sie betrifft die eigene Persönlichkeit viel direkter als zum Beispiel ein gebrochenes Bein. (Ich hatte noch nie ein gebrochenes Bein, ich bitte um Verzeihung, falls dieser Vergleich die Realität eines gebrochenen Beins verharmlost.)

Actually, depression can be exacerbated by things being all right externally, because the gulf between what you are feeling and what you are expected to feel becomes larger.

Von außen betrachtet, scheint der psychisch erkrankten Person nichts zu fehlen. Gerade wenn es aber keinen sichtbaren Auslöser gibt (wie zum Beispiel ein Verlust in der Familie oder eine andere Art von Krise), kann sich die betroffene Person erst recht in eine Abwärts-Spirale begeben. „Es geht mir doch eigentlich gut. Mein Leben ist ausgezeichnet. Warum bin ich trotzdem nicht glücklich?“

In einem späteren Absatz kommt in diesem Zusammenhang auch der Begriff meta-worry ins Spiel: Wir sorgen uns oft um irgend etwas, um die Zukunft, um unsere Familie, um die möglichen Nebenwirkungen einer Impfung (um mal ein aktuelles Beispiel heranzuziehen). Was bei Menschen mit Angststörungen und/oder Depressionen jedoch auch noch dazu kommen kann, ist die Sorge aufgrund der Sorge. „Jetzt mache ich mir schon wieder Sorgen, ich sollte mir keine Sorgen machen, …“, also Sorge aufgrund der Sorge ergibt Meta-Sorge.

Das Ende des Buchs fokussiert dann auf die Erkenntnisse, die der Autor durch die Bewältigung seiner Krankheit gewinnen konnte. Manche davon können möglicherweise hilfreich sein für Menschen, die selbst gerade unter einer psychischen Erkrankung leiden. Die folgenden drei Zitate möchte ich für sich selbst sprechen lassen:

[Depression] is not you. It is simply something that happens to you. And something that can often be eased by talking. Words. Comfort. Support.

Don’t worry about the time you lose to despair. The time you will have afterwards has just doubled its value. 

[Depression] may be a dark cloud passing across the sky, but – if that is the metaphor – you are the sky. You were there before it. And the cloud can’t exist without the sky, but the sky can exist without the cloud.

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English Erfahrungsbericht Memoir

Maggie O’Farrell – Ich bin, ich bin, ich bin

CN dieses Buch: Tod, Sterben, lebensbedrohliche Krankheit, chronische Krankheit, Gewalt (Überfall)
CN dieser Post: Tod, Krankheit


Die Menschen, von denen wir lernen, nehmen einen besonderen Platz in unserer Erinnerung ein. Ich war keine zehn Minuten Mutter, als der Mann zu mir kam, aber er lehrte mich mit einer einzigen kleinen Geste das fast Wichtigste am Elternsein: Zugewandtheit, Intuition, Berührung, und dass man oft nicht einmal Worte braucht.

Die Autorin reflektiert über den Verlauf ihres Lebens anhand von gefährlichen Begegnungen (der Untertitel im englischen Original: 17 Brushes with Death). Irritierend fand ich dabei, dass die einzelnen Kapitel nicht chronologisch sortiert sind. Mit einer Jahreszahl überschrieben lassen sie sich natürlich einordnen, ich musste jedoch immer mal überlegen, wie alt die Autorin denn nun zum Zeitpunkt dieses Kapitels gewesen sein mag.

Besonders berührt bzw. empört hat mich die Beschreibung der Geburt des ersten Kindes der Autorin. Durch die Nachwirkungen ihrer Erkrankung an Enzephalitis als Kind weiß sie schon vorab, dass eine natürliche Geburt sie und das Kind in Lebensgefahr bringen wird. Der zuständige Gynäkologe tut ihre Bedenken ab und wirft ihr auch noch vor, sich einen Kaiserschnitt erschleichen zu wollen, um es sich selbst leichter zu machen. Die Geburt endet schließlich mit einem Notkaiserschnitt.

Als Kind dem Tod so nah gewesen zu sein und dann das Leben neu geschenkt zu bekommen hat mich viele Jahre lang verwegen gemacht, nonchalant gegenüber dem Risiko, geradezu tollkühn. […] Das lag nicht etwa daran, dass mein Leben für mich keinen Wert gehabt hätte, im Gegenteil, ich wollte um jeden Preis alles mitnehmen, was es zu bieten hatte.

Natürlich habe ich beim Lesen über meine eigenen Erfahrungen nachgedacht. Und dabei festgestellt, dass ich dem Tod vermutlich noch nie so nah gewesen bin. Gleichzeitig ist mir wiederum aufgefallen, dass ich einfach nicht so risikofreudig bin. Seit diesem einen Fallschirmsprung (der mir ein schmerzhaftes Trommelfellhämatom einbrachte) habe ich allen Extremsportarten entsagt. Noch immer habe ich Europa nicht verlassen, war daher auch noch nie in „gefährlichen Gegenden“. (Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass Wien-Favoriten keine gefährliche Gegend ist, auch wenn manche Menschen das anders sehen.) Vermutlich habe ich einfach ein anderes Risikobewusstsein bzw. plane gern für alle möglichen Eventualitäten voraus. Trotzdem oder gerade deshalb lese ich vermutlich gerne die Erzählungen von risikofreudigeren Frauen, die in ihrem Leben andere Wege gehen (zuletzt: Torre DeRoche – Love with a Chance of Drowning).

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English Erfahrungsbericht Memoir

Susannah Cahalan – Brain on Fire: My Month of Madness

CN dieses Buch: psychische Erkrankung, lebensbedrohliche Erkrankung
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[… ] my immune system had gone haywire and had begun attacking my brain.

Die Autorin beschreibt in diesem Buch ausführlich ihren Krankheitsverlauf. Ihre Symptome ergeben kein deutliches Krankheitsbild, es braucht mehrere Wochen und viele verschiedene Ärztinnen und Ärzte, bis ihre Krankheit endlich einen Namen (und damit auch eine Therapiemöglichkeit) hat. Als Auslöser für ihre Symptome (Halluzinationen, Anfälle, psychotische Episoden, …) stellt sich schließlich eine seltene Form der Enzephalitis (Gehirnentzündung) heraus.

Will I be as slow, dour, unfunny, and stupid as I now felt for the rest of my life? Will I ever again regain that spark that defines who I am?

Der Diagnoseprozess, den ich hier so verkürzt in einem Absatz wiedergebe, nahm im realen Leben mehrere Wochen Zeit in Anspruch. Der Rehabilitationsprozess danach erforderte einige Monate, in denen sich die Autorin ständig fragte, ob sie jemals zu „ihrem alten Selbst“ zurückfinden würde. (Ich sehe eine interessante Parallele zu der aktuell gängigen Begrifflichkeit „zurück in die Normalität“ zu wollen.) Was dabei auch sehr deutlich wird: der Diagnoseprozess ist erst der Anfang. Selbst nach gefundener und bestätigter Diagnose dauert es noch, bis eine geeignete Therapie gefunden werden kann und dann auch tatsächlich anschlägt. Ein Rehabilitationsprozess ist ein tägliches Greifen nach dem kleinsten Strohhalm, ein ständiges Zweifeln an den eigenen Fähigkeiten und dem Glauben an die eigene Zukunft.

Now, I think that this shame emerged out of the precarious balancing act between fear of loss and acceptance of loss. Yes, I could once again read and write and make to-do lists, but I had lost confidence and a sense of self. Who am I?

Am Ende kommt die Autorin zum Schluss, dass sie natürlich nicht zu ihrem alten Selbst zurückfinden kann. Weil die Erfahrung dieser beängstigenden und seltenen Krankheit sie verändert hat. Ihre wesentlichen Persönlichkeitsanteile sind jedoch erhalten geblieben. Und die kann sie nun nutzen, um zusammen mit der Erfahrung ihrer Krankheit Bewusstsein zu schaffen, ihre Geschichte öffentlich zu machen und zu teilen, um somit anderen Betroffenen Orientierungsmöglichkeiten zu bieten.

The girl in the video is a reminder about how fragile our hold on sanity and health is and how much we are at the utter whim of our Brutus bodies, which will inevitably, one day, turn on us for good. I am a prisoner, as we all are. And with that realization comes an aching sense of vulnerability.

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Jugend Roman

Karl Bruckner – Sadako will leben

CN dieses Buch: Krieg, Krankheit, Sterben, Hunger
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Und sie starrten alle mit versteinerten Gesichtern blicklos ins Leere, gebannt und gelähmt von dem leisen Erahnen einer Katastrophe, wie die Welt sie noch nie erlebt hatte.

Letztens habe ich angefangen, mein Bücherregal etwas auszudünnen und Bücher, die ich wohl nicht mehr lesen werde, in den offenen Bücherschrank zu tragen. Dabei fiel mir dieses Buch aus meiner Kindheit in die Hände. In meiner Erinnerung war es Schullektüre, eine von denen, die mich nachhaltig beeindruckt hat. Obwohl ich mich schon frage, ob ich damals wirklich die ganze Tiefe verstehen habe können.

„Auch ich habe nur meine Pflicht getan! Nur meine Pflicht! Mich darf man nicht anklagen. Mich nicht! Ich war ein treuer Soldat meines Kaisers.“

Die ersten zwei Drittel des Buches erzählen semifiktional über die Kriegszeit knapp vor dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima am 6. August 1945. Viele historische Details sind erhalten (der US-Stützpunkt Tinian, der Name des abwerfenden Flugzeugs Enola Gay). Aus unterschiedlichen Perspektiven beschreibt der Autor diese Kriegszeit, in der manche Japaner schon wussten, dass sie kurz vor der Kapitulation stehen, während andere einfach nur gegen den Hunger und ums Überleben kämpften. Er lässt die beteiligten Personen an ihren Handlungen zweifeln und sich vor sich selbst rechtfertigen. Die Pflicht, gehorsam zu sein und Befehle auszuführen, spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Und sieh mich an! Bin ich ein böser Mensch? Du sagst nein, aber ich sage dir – wäre ich im Krieg ein Bombenschütze gewesen und man hätte mir befohlen, mit einem Flugzeug aufzusteigen und eine Atombombe auf eine Stadt zu werfen, hätte ich gehorchen müssen.

Im letzten Drittel schließlich wird die Zeit des Aufbaus nach dem Ende des Kriegs thematisiert. Sadakos Vater gelingt es, sein Geschäft wieder aufzubauen, die Familie scheint gesund zu sein, bei den meisten Menschen bricht die Strahlenkrankheit innerhalb von fünf Jahren nach der Strahlenbelastung aus. Sadako jedoch ist krank. Im Krankenhaus will sie 1000 Kraniche aus Goldpapier falten. Wenn sie 1000 Kraniche gefaltet hat, wird sie überleben. Das ist der Teil des Buchs, der mir in all diesen Jahren am besten in Erinnerung geblieben ist. Diese falsche Hoffnung, dieser Glaube an ein Wunder, an eine Rettung, selbst wenn jeden Tag die Fakten dagegen sprechen. Diese falsche Hoffnung, die aber gleichzeitig einen Menschen am Leben halten kann, länger, als der Körper eigentlich erlaubt.

Das Buch werde ich zurück ins Regal stellen. Wir dürfen einfach niemals vergessen, was für ein unvorstellbares Leid damals so vielen Menschen zugefügt wurde. Das darf nie wieder passieren.

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English Roman

Sylvia Plath – The Bell Jar

The big questions: how to sort out your life, how to work out what you want, how to deal with men and sex, how to be true to yourself and how to figure out what that means – those things are the same today.

Zu Beginn muss ich zugeben, dass ich über Sylvia Plath, ihr Leben oder ihren einzigen Roman The Bell Jar absolut nichts wusste. Ich wusste nicht mal, was die Wortkombination Bell Jar überhaupt bedeutet. Aus dem Buch habe ich dann erfahren, dass es sich um eine Glasglocke handelt (ich musste an jene denken, in der in Die Schöne und das Biest die Rose langsam ihre Blätter verliert). Etwas erstaunt war ich dann, als ich schon in der Einleitung von Frances McCullough aus dem Jahr 1996 las, dass dieses Buch im englischsprachigen oder amerikanischen Sprachraum als weibliches Pendant zu J. D. Salingers Fänger im Roggen gehandelt wird (… it quickly established itself as a female rite-of-passage novel, a twin to Catcher in the Rye). Beide Bücher beschäftigen sich mit dem Übergang von der jugendlichen Lebensphase in die Erwachsenenphase. Der Fänger im Roggen war eines der Bücher, an die ich mich erinnere, weil die gesamte Klasse sie im Deutschunterricht damals lesen musste. Viele andere Bücher wurden jeweils nur in der Form durchgenommen, dass ein*e Schüler*in sie lesen und dann ein Referat darüber halten musste. Neben Der Fänger im Roggen erinnere ich mich an Gernot Wolfgrubers Herrenjahre und Die neuen Leiden des jungen W. von Ulrich Plenzdorf. Als „weibliches Gegengewicht“ hatten wir in meiner Erinnerung Elfriede Jelineks Die Klavierspielerin.

Während der Lektüre fragte ich mich dann natürlich, warum The Bell Jar damals nicht in unserem Literaturkanon vorkam. Ich habe seit meiner Kindheit extrem gern gelesen und auch schwierigere Werke, die eigentlich nicht meiner Altersklasse entsprachen, konnten mich im Allgemeinen nicht erschrecken. Mit Elfriede Jelinek wusste ich jedoch nichts anzufangen. Und The Bell Jar erschien mir jetzt als wesentlich sinnvollere Alternative für mich und meine damaligen Altersgenossen. (Wobei ich immer noch lieber The Giver vorschlagen würde …)

I could have called down and asked for a breakfast tray in my room, I guess, but then I would have to tip the person who brought it up and I never knew how much to tip.

Was Sylvia Plath in The Bell Jar meisterhaft gelingt, ist die Darstellung der das ganze Leben umfassenden und erdrückenden Unsicherheit, die uns auf der Suche nach uns selbst zurückhält und manchmal sogar erstickt. Ihre Schilderung der Protagonistin Esther in ihrem Zustand der Orientierungslosigkeit, Verzweiflung und Depression hat mich tief beeindruckt. Dass ihre Beschreibung der Depression auf ihren eigenen Erfahrungen beruht, macht die Geschichte noch umso mehr glaubhafter. Das obige Zitat stammt aus dem Beginn des Romans, wo Esther noch scheinbar in die Gesellschaft passt und ihren Weg irgendwie vor sich sieht. Doch selbst da zeigt sich ihre Unsicherheit, ihr Versuch, in die Gesellschaft zu passen und nicht negativ aufzufallen, schon in kleinen Gesten, die sie von den anderen Mädchen in ihrer Gesellschaft abheben.

The trouble was, I hated the idea of serving men in any way. I wanted to dictate my own thrilling letters.

Gleichzeitig findet sich in diesem Roman etwas deutlich Feministisches; unter anderem die Frage, warum das sexuelle Verhalten von Frauen und Männern mit zweierlei Maß gemessen wird. Das wird auch ausführlich erläutert in diesem Lithub-Artikel über eine neu erschienene Biographie über die Autorin. Auch Kritik über ihre Verwendung von rassistischen Begriffen findet dort ihren Platz, wobei ich denke, dass ihre Verwendung von bestimmten Begrifflichkeiten auch in ihrem zeitlichen Kontext gesehen werden muss. Das soll keine Entschuldigung sein, aber ich kann einfach nicht einsehen, warum wir Astrid Lindgren verurteilen sollten, weil Pippi Langstrumpf 1945 keinen Südseekönig, sondern einen Begriff, den wir heute nicht mehr nennen wollen/sollen, zum Vater hatte. Es ist wichtig, sich mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen und sie nicht zu ignorieren, es kann aber in meinen Augen kein Grund sein, um das gesamte Werk einer Autorin zu verdammen.

Lange Rede, kurzer Sinn: The Bell Jar beschreibt eine junge Frau, die auf der Suche ist und daran beinahe zerbricht. Auf der Suche nach dem richtigen Lebensweg, auf der Suche nach sich selbst, auf der Suche nach Verständnis, auf der Suche danach, wahrgenommen zu werden, so wie sie ist. Ich wünschte wirklich, ich hätte das in meiner Jugendzeit lesen dürfen.

To the person in the bell jar, blank and stopped as a dead baby, the world itself is the bad dream.

A bad dream.

I remembered everything.

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English Erfahrungsbericht

Paul Kalanithi – When Breath Becomes Air

What makes life meaningful enough to go on living?

Erstmals habe ich ein Buch gelesen, das im 3 Books Podcast von Neil Pasricha erwähnt wurde. Allerdings erst, nachdem ich auch das Gespräch mit Lucy Kalanithi, der Witwe des Autors, im Podcast von Kate Bowler Everything happens gehört habe. Und dann kam noch ein bißchen Zufall hinzu.

Im ersten Teil des Buchs reflektiert der Autor über seine Entscheidung, Neurochirurg zu werden. Sein Studium der Literatur führte ihn eher zu mehr Fragen als Antworten und sein Streben, „to understand how the brain could give rise to an organism capable of finding meaning in the world“ ließ sich aus Büchern nicht erfüllen. Fragen nach der Bedeutung, nach dem, was unser Leben lebenswert macht, treiben ihn schließlich zum Medizinstudium und bis an den Punkt, an dem er selbst eine Krebsdiagnose erhält.

It would mean setting aside literature. But it would allow me a chance to find answers that are not in books, to find a different sort of sublime, to forge relationships with the suffering, and to keep following the questions of what makes human life meaningful, even in the face of death and decay.

Im zweiten Teil gehen seine Reflexionen noch deutlich tiefer. Er versucht Antworten darauf zu geben, wie sich unser Leben durch die Diagnose einer unheilbaren Krankheit verändert. Er wägt ab: Was würde ich tun, wenn ich wüsste, dass ich noch 6 Monate, 1 Jahr oder 10 Jahre zu leben hätte? Die Antworten auf diese Fragen fallen sehr unterschiedlich aus. Was ist noch wichtig, wenn wir wissen, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt? Der zweite Teil enthält auch eine in meinen Augen sehr ausgefeilte Argumentation, warum sich der Glaube an Gott und der Glaube an Wissenschaft nicht gegenseitig ausschließen. Das folgende Zitat gibt nur den Schluss wieder, die Herleitung ist jedoch in meinen Augen das eigentliche Meisterstück.

It is to say, though, that if you believe that science provides no basis for God, then you are almost obligated to conclude that science provides no basis for meaning and, therefore, life itself doesn’t have any.

Das letzte Kapitel ist von Lucy Kalanithi geschrieben und erzählt von Pauls letzten Tagen und ihrer Erinnerung an ihn und wie er durch das Buch und in der gemeinsamen Tochter und den Erinnerungen der Menschen weiterlebt. Sie beschreibt, dass seine Krankheit tragisch war, aber sein Leben selbst keine Tragödie. Sie erzählt von seinem Versuch, weiterzuleben, nicht auf der Suche nach einer unwahrscheinlichen Heilung, sondern auf der Suche nach einem Leben, dass immer noch Raum für bedeutungsvolle Momente bietet.

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English Roman

Rory Powers – Wilder Girls

Sometimes if I close my eye, I forget what’s changed. And Raxter isn’t a rush of gunpowder and hunger anymore. It’s boredom, an idleness burrowing deep.

Während einer globalen Pandemie ein Buch zu lesen, in dem eine Gruppe von Mädchen und Frauen wegen einer mysteriösen Krankheit auf einer Insel in Quarantäne um ihr Leben kämpft, mag bei manchen ein eher ungutes Gefühl auslösen. Für mich kam dieses Gefühl aber eigentlich erst am Ende des Buchs, wozu ich leider nicht mehr schreiben kann, ohne den Spaß am Lesen zu verderben.

Die Krankheit verläuft in Schüben und lässt die Mädchen mit körperlichen Veränderungen (ein zugeschwollenes Auge, eine zweite Wirbelsäule, Hautveränderungen) zurück. Auch Tiere und Pflanzen sind betroffen, eine „Wildheit“ scheint von allem Infizierten Besitz zu ergreifen.

Die Mädchen klammern sich an ihre Erinnerungen, an die wenigen Momente, in denen sie (nie genug) zu essen haben und die Gemeinschaft, die sie trotz aller Entbehrungen zusammenhält. Schon als Hetty zum ersten Mal auf die Suche nach Byatt geht, frage ich mich, was sie denn wohl tun wollen, wenn Hetty Byatt findet. Eine Flucht von der Insel erscheint aussichtslos, ein Überleben außerhalb der vor den Tieren schützenden Mauern der Schule ebenso. Die Autorin lässt ihre drei Protagonistinnen Fehler machen, aber auch auf unterschiedliche Art über sich hinaus wachsen.

Die Geschichte endet mit der quälenden Unsicherheit der Zukunft, die wir alle in den letzten Monaten schmerzlich kennengelernt haben.