Catalin Dorian Florescu – Der Mann, der das Glück bringt

Die Veröffentlichung der neuen Onleihe-App der Büchereien Wien (kürzlich in diesem Blog Post etwas ausführlicher beschrieben) hat mich dazu inspiriert, die ältere Liste mit Büchern, die ich mal lesen wollte (die ich in den vergangenen Monaten durch eine neuere Liste in einem anderen Organisationssystem abgelöst hatte), nochmal durchzugehen und zu prüfen, ob ich von den Altlasten nun etwas in der Virtuellen Bücherei ausleihen kann. Tatsächlich habe ich da einiges gefunden und möchte nun auch (wieder) Zeit in diese älteren Buchnotizen investieren.

Die heutige Empfehlung stammt aus dem Jahr 2016, ist also noch gar nicht so alt. In diesem Blog Post gibt Andreas Paschedag, Programmleiter im Berlin Verlag, Tipps, wie angehende BuchautorInnen einen für sie passenden Verlag finden können (in meinen Augen recht realitätsnah und praktisch) und empfiehlt außerdem ein paar Bücher, darunter war übrigens auch das oben bereits verlinkte Little Beach Street Bakery.

Das Buch fühlt sich zuerst etwas angestaubt an, die Zeitungsjungen, der Kohlenkeller, der Fluss, es wirkt etwas wie bei Charles Dickens geborgt. Es beginnt mit der Geschichte eines Jungen, der Großvater genannt wird. Wie sich bald herausstellt, ist das kein Spitzname, sondern ein Verweis auf die Familienverbindungen, die sich im weiteren Verlauf der Geschichte mehr oder weniger entwirren werden. In alternierenden Kapiteln wird parallel zu Großvaters Entwicklung eine Geschichte aus dem tiefsten Donaudelta in Rumänien erzählt. Die Stadt Sulina (OSM) ist auch heute noch nur per Schiff zu erreichen. Über Wikipedia habe ich ein Foto eines Leuchtturms aus dem Jahre 1802 gefunden. Auf dem Foto leuchtet neben dem Leuchtturm eine bunte Infotafel. Gäbe es diese nicht, könnte das Foto durchaus auch Jahrzehnte älter sein.

Die Geschichte überspringt viele Zeitetappen und führt schließlich Elena mit der Asche ihrer Mutter in einem Gurkenglas bei sich nach New York. Als sie sich endlich entschlossen hat, die Asche ihrer Mutter vom Turm des World Trade Centers aus zu verstreuen, steht sie beim Ausgang der U-Bahn-Station und beobachtet den Einsturz des ersten Turms. Das Ende des Buches lässt jedoch die Katastrophe vorbeiziehen und fokussiert auf die zwei Protagonisten: Elena, die versucht, ihre Mutter loszulassen und ihr eigenes Leben zu leben, und Ray, den Enkel des Jungen, der zu Anfang des Buchs bereits Großvater genannt wird, der auf seine eigene Art mit seiner dunklen Familiengeschichte kämpft.

Charles Scott Richardson – Das Ende des Alphabets

Der Protagonist Ambros Zephyr erhält eine niederschmetternde Diagnose: er leidet an einer unbekannten und daher unbehandelbaren Krankheit. Es bleibt ihm noch ein Monat zu leben. Sein erster Impuls lässt ihn eine Reise planen, Orte von A bis Z will er in dem verbleibenden Monat gemeinsam mit seiner Frau Zipper besuchen. Im Hinblick auf meine letzte Reise (Polen, 3 Städte in 8 Tagen) musste ich unwillkürlich daran denken, wie unmöglich dieses Vorhaben ist und was für eine anstrengende Art, seine letzte verbliebene Zeit auf Erden zu verbringen.

Zu dieser Erkenntnis gelangen auch Ambrose und Zipper. In Rückblenden wird die Geschichte ihrer Liebe erzählt, was sie zusammengebracht hat, was sie trennt, was die Verbindung zwischen ihnen ausmacht. Das Buch entspricht im Großen und Ganzen dem, was man sich von der Thematik erwarten würde: eine Meditation darüber, was ein Menschenleben ausmacht und was im Leben wirklich wichtig ist.

Kate Bowler – Everything Happens for a Reason and Other Lies I’ve Loved

Die Autorin reflektiert in diesem Buch über ihre Erfahrungen und ihren Umgang mit der Diagnose Darmkrebs. Ihre Situation lässt sie anders denken über Lebenspläne und Lebensqualität, über persönliche Beziehungen und die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Wieviel Zeit vergeuden wir täglich mit Ärger über unwichtige Dinge? So viele Wünsche und Träume verschieben wir auf eine Zukunft, die vielleicht niemals kommt. Erst im Angesicht einer potentiell tödlichen Krankheit wird klar, dass wir aus jedem Tag das Beste machen können und das, was uns glücklich macht, nicht auf später verschieben dürfen.

She is working harder than anyone I have ever known, but her selflessness has caused her to surrender too much of herself to “someday”. And now someday has come, at least for me.

Als gläubiger Mensch erhält sie viel Feedback von ihrer Kirchengemeinde und nach einem online veröffentlichten Artikel über ihre Situation auch von völlig Fremden. Der Titel des Buches verweist auf die vielen wohlgemeinten, aber nicht hilfreichen Ratschläge, die sie in ihrer Situation von Bekannten und Fremden erhalten hat. Ein Ansatz dabei ist, dass jede Situation eine Prüfung ist, die Gott uns stellt und die uns stärker machen soll. Wesentlich schwieriger zu verarbeiten ist die Perspektive, dass die Krankheit eine Strafe für begangene Sünden oder nicht ausreichend intensiven Glauben ist. Viele Menschen berichten ihr auch von ihren eigenen Problemen, die sie im Allgemeinen als wesentlich schlimmer erachten als das Schicksal anderer. Daraus folgt zwar die Erkenntnis, dass das Leben für jeden irgendwie schwer ist (that life is hard for everyone), aber macht das die eigene Situation in irgendeiner Form besser? Wie ich kürzlich bei Barry Schwartz in The Paradox of Choice gelesen habe, machen uns Vergleiche jeder Art – speziell mit dem Leben anderer Menschen – immer unglücklich.

I have still, somehow, clung to the idea that I am able to save myself.

Jede schwierige Situation im Leben gibt uns Gelegenheit, zu wachsen und daraus zu lernen. Die Autorin fragt sich im Angesicht ihrer potentiell tödlichen Krankheit, ob sie jemals eine vollständige Person sein wird (wondered if I would ever be one, whole person). Was kann uns überhaupt zu einer vollständigen Person machen? Im Rahmen meiner jüngsten Krise habe ich begonnen, mich mit Selbstakzeptanz zu beschäftigen und der Frage nachzugehen, ob das eigene unperfekte Selbst eigentlich schon genug ist. Auch wenn wir uns täglich verändern und an unseren Lebenserfahrungen wachsen, können wir jemals genug oder ganz sein? Wenn wir es jetzt noch nicht sind, welche Erfahrung könnte dazu führen, dass wir ganz werden? Eine Frage, die mich vermutlich noch länger beschäftigen wird.

James Dashner – The Fever Code

In diesem weiteren Teil der „Maze Runner“-Reihe wird aufgelöst, wie es dazu kam, dass Thomas und Theresa zuerst an der Erschaffung des Irrgartens mitgearbeitet haben und schließlich selbst darin landen. Wirklich viel Neues wird dabei nicht enthüllt, dass WICKED ein falsches Spiel mit seinen Subjekten spielt, war bereits aus den vorangegangenen Büchern klar. Es werden Lücken aufgefüllt und einzelne Details erklärt. Rein inhaltlich gesehen wären jedoch die beiden Prequels nicht notwendig gewesen, den krönenden Abschluss gab es bereits in The Death Cure.

Elizabeth Strout – My Name is Lucy Barton

It was the sound of my mother’s voice I most wanted; what she said didn’t matter. And so I listened to the sound of her voice; until these past three days it had been a long time since I had heard it, and it was different.

Im Zuge eines 9-wöchigen Krankenhausaufenthalts reflektiert die Titelfigur Lucy Barton über ihr Leben. Ihr Mann besucht sie nur sehr ungern im Krankenhaus, die Kinder sind eingeschüchtert vom Aussehen der kranken Mutter. Eine Überraschung ist der Besuch von Lucys Mutter, mit der sie in den vergangenen Jahren kaum Kontakt hatte. Aus den Gesprächen und den Analysen der Gespräche zwischen Mutter und Tochter erfährt der Leser von den ärmlichen Verhältnissen, in denen Lucy aufwuchs, von der Abhängigkeit, der mangelnden Wärme und Liebe der Elteren, des täglichen Überlebenskampfs der Armut. Diese Faktoren prägen Lucys Leben mit ihrem Ehemann und ihren Kindern und formen ihre Perspektive auf die Welt.

In den Erzählungen springt sie zwischen Zeitebenen hin und her und erzählt teilweise auch Episoden, die erst lange nach diesem Krankenhausaufenthalt, der als eine Art Zäsur, als Wendepunkt in ihrem Leben fungiert, stattfinden. Die Begegnung mit einer Autorin, bei der Lucy später einen Schreibworkshop absolviert, inspiriert sie dazu, sich mit ihrem Leben schreibend auseinanderzusetzen. Diese Aufarbeitung ermöglicht ihr schließlich das Aufbrechen verinnerlichter Perspektiven und einen neuen Blick auf ihr Leben.

James Dashner – The Kill Order

Das vierte Buch der Maze-Runner-Serie, das eigentlich ein Prequel zu den drei vorangegangenen Büchern darstellt, war in meinen Augen bisher das Schwächste. Schon im vorhergehenden Buch drehten sich große Teile einzig um den blutigen und schmerzhaften Kampf gegen Menschen, die aufgrund der Krankheit Stück für Stück ihren Verstand verlieren. In diesem Prequel geht es praktisch nur noch von einer Kampfszene zur nächsten. Gegen Ende werden dann doch einige Neuigkeiten enthüllt, die aber nur wenig dazu beitragen, das Gesamtbild der Geschichte zu beeinflussen. Im fünften und letzten Teil werden sich dann hoffentlich die entsprechenden Informationen verstecken, die die Ideen und Gründe hinter dem Irrgarten transparenter machen.

Ayobami Adebayo – Stay With Me

Women manufacture children and if you can’t you are just a man. Nobody should call you a woman.

Dieses Buch erzählt eine komplexe Familiengeschichte in Nigeria. Zentral ist das Dreiecksverhältnis zwischen der Haupterzählerin Yejide, ihrem Ehemann Akin (Teile des Buches werden auch aus seiner Sicht erzählt) und Akins Bruder Dotun. Eine wichtige Rolle spielen jedoch auch die Eltern der Protagonisten, speziell Akins und Dotuns Mutter, die einen enormen gesellschaftlichen Druck über ihre Schwiegertochter heraufbeschwört. In dieser Gesellschaft gilt eine Frau nur solange etwas, wie sie ihrem Mann Kinder schenkt. Geschieht das nicht, wird dem Mann eine Zweitfrau (oder Drittfrau oder Viertfrau) zur Seite gestellt (von den Eltern des Mannes).

A man is not something you can hoard to yourself; he can have many wives, but a child can have only one real mother. One.

Yejide droht unter dem eigenen Kinderwunsch, der Angst, ihren Mann zu verlieren und dem Druck der Schwiegermutter zusammenzubrechen. Akin, der keine Zweitfrau möchte und sich nur grollend den Anforderungen seiner Mutter fügt, findet schließlich eine andere Lösung, um die Kinderlosigkeit und damit Yejides Leiden zu beenden. Eine Lösung, die alle drei Betroffenen jedoch noch lange beschäftigen wird.

The reasons why we do the things we do will not always be the ones that others will remember.

Das Thema des Verlustes und der Angst davor zieht sich durch all die beschriebenen Jahre in dieser Geschichte. Können wir uns eines Menschen überhaupt sicher sein? Wieviel Schmerz und Verlust kann ein Mensch aushalten und sich trotzdem immer wieder auf neue Beziehungen und damit das erneute Risiko eines Verlustes einlassen? Das Buch wirft auch Fragen über unerfüllten Kinderwunsch auf. Welche Mittel sind zulässig, um ein Kind in die Welt zu bringen? Welche Moralvorstellungen werden über Bord geworfen, um neues Leben in die Welt zu setzen? Kann aus einer Tat, die aus falschen Motiven begangen wurde, trotzdem etwas Gutes entstehen? Fragen, die noch lange nach den letzten Worten dieses Buches in der Leserin nachklingen.

James Dashner – The Death Cure

But let me ask you this – are you telling me that the lives of a few aren’t worth losing to save countless more?

Im dritten Teil der Maze-Runner-Serie sind Janson und seine Komplizen von WICKED fest davon überzeugt, dass die einzige Chance, um eine Behandlung für das tödliche Flare-Virus zu entwickeln und damit das Überleben der Menschheit zu sichern, im Vollzug des Experiments liegt. Thomas, Minho und Newt weigern sich jedoch, die Operation vornehmen zu lassen, die ihnen ihre Erinnerungen zurückgeben soll. Es gelingt ihnen, zu fliehen und sich nach Denver durchzuschlagen. Denver erscheint zuerst als sichere Stadt, Einwohner und Besucher werden akribisch auf die Krankheit getestet und doch gibt es immer wieder Fälle der tödlichen Krankheit.

He almost wanted to laugh at the irony. They had made him a killer … to save people?

Thomas wird mit den schwersten Entscheidungen konfrontiert, die ein Mensch treffen kann. Ist es gerechtfertigt, einen Freund zu töten, um ihn von seinem Leid zu erlösen? Ist es wert, das Leben eines Einzigen zu opfern, um damit (möglicherweise) viele zu retten? Diese essentiellen Fragen gehen zwar beinahe im Chaos der untergehenden Welt verloren, bleiben aber doch länger im Gedächtnis hängen.

James Dashner – The Scorch Trials

About the sun flares and the disease and how different things might be now that they knew they were being tested or experimented on.

Im zweiten Teil der Maze Runner Serie haben Thomas und seine Mitstreiter herausgefunden, dass sie Teil eines Experiments sind, das dazu beitragen soll, eine Heilmethode für eine Krankheit zu finden, die den Großteil der Menschheit erfasst hat. Diese Krankheit führt zu langsamem Verfall des Gehirns und endet in einem Zustand, der weniger menschlich als zombiehaft anmutet. Sie wissen jetzt, dass sie beobachtet werden, dass jede ihrer Handlungen protokolliert wird und das verändert ihr Verhalten. Sollen sie gehorchen und die Aufgabe erfüllen, die ihnen die mysteriöse Organisation WICKED zugewiesen hat? Wem können sie noch vertrauen? Wartet am Ende ihrer Reise tatsächlich die versprochene Heilung?

Estelle Laure – But then I came back

For all the bad days you could ever have, there will be other beautiful days. Don’t you want to stick around and see where the adventure leads?

Dieses Zitat stammt eigentlich nicht direkt aus dem Buch sondern aus dem am Ende angeschlossenen Interview mit der Autorin, in dem sie erklärt, warum sie sich überhaupt mit dem Thema Nahtoderfahrung auseinandersetzen wollte. Die Frage ist berechtigt, schließlich ist es sowohl für die Betroffenen als auch für die Angehörigen eine aufreibende und prägende Erfahrung. Wissenschaftlich ist dieser Bereich wenig erforscht, da es kaum Möglichkeiten gibt, eine solche Situation unter Laborbedingungen zu untersuchen. Es gibt wenig Erkenntnisse darüber, warum manche Menschen aus einem Koma wieder erwachen und andere nicht. Gerade die Erfahrungen von Menschen in so einer Situation lassen sich schwer dokumentieren, da sie in höchstem Maße subjektiv sind. Menschen, die aus einem Koma erwachen, sind oft beeinträchtigt, zumindest zu Beginn, auch wenn sie später vielleicht ihre Kräfte vollständig wiedererlangen.

Das Buch beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Prozess des Zurückkommens. Damit meine ich jedoch nicht den Vorgang des Erwachens sondern den des Zurückfindens ins Leben. Die Protagonistin Eden hat nach einem Unfall einen Monat im Koma gelegen. Anschließend muss sie nicht nur Stück für Stück ihre körperlichen Kräfte zurück gewinnen, auch ihre Seele muss sich mit ihrer neuen Lebenssituation zurecht finden. Sie stellt ihr bisheriges Leben in Frage, fühlt sich ziellos und kämpft mit der essentiellen Frage, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Das Koma und das Wiedererwachen bildet für sie eine existentielle Zäsur in ihrem Leben. Doch gerade diese Zwangspause und die lange Zeit der Rekonvaleszenz danach geben ihr schließlich eine Klarheit, die sie ohne dieses Ereignis möglicherweise niemals oder erst viel später in ihrem Leben erreichen hätte können. Eine Hymne an das Leben.