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Roman

Sarah Waters – Fingersmith

Bei meinem ersten Ausflug in die Bücherei-Zweigstelle Hernals hatte ich gleich einen ganzen Stapel Bücher mitgenommen, damit sich das Ganze auch auszahlt. Dieses war das Letzte dieser Bücher, die anderen habe ich schon retourniert und dabei auch gleich einen neuen (kleineren) Stapel nach Hause gebracht.

Einerseits war es das dickste Buch im Stapel und andererseits konnte ich mich nicht mehr erinnern, warum dieses Buch überhaupt in meiner Liste stand. Zusätzlich hat sich die Geschichte als sehr langwierig erwiesen. Das erste Drittel zieht sich erstaunlich in die Länge, danach werden die Geschehnisse des ersten Drittels nochmal aus der Perspektive der zweiten Protagonistin erzählt. Das ist einerseits ein zur Geschichte passender literarischer Kniff, der den Cliffhanger am Ende des ersten Drittels Schritt für Schritt erklärt, bringt aber andererseits die Handlung noch langsamer vorwärts.

Das Ende hält dann immerhin einige überraschende Wendungen bereit, das gesamte Tempo, das vorher gefehlt hat, steckt in den Auflösungen am Schluss. Eine Zusammenfassung der Ereignisse verbietet sich wie bei einem guten Thriller.

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Essays Memoir

Rebecca Solnit – The Faraway Nearby

He represents artists, makers, parents, and gods, but also something more essential, the self and its limits, for at a deeper level the monster is not his creation so much as it is the self he will not face, not own, not know.

Die Autorin und Journalistin Rebecca Solnit war mir über Lithub aufgefallen, sie veröffentlicht dort immer wieder durchdachte und komplexe Texte und ich bin mir sicher, dass The Faraway Nearby auch auf einigen Empfehlungslisten aufgetaucht ist. In dieser Sammlung von Essays setzt sich die Autorin auf einer sehr persönlichen Ebene mit der Alzheimer-Erkrankung ihrer Mutter und ihrer eigenen Krebserkrankung auseinander. Sie untersucht das menschliche Selbst, ihre eigenen Erfahrungen werden zum Ausgangspunkt von Überlegungen über Gefühlsphänomene wie Trauer oder Einsamkeit. In diese Betrachtungen webt sie literarische Beispiele ein wie etwa Mary Shelley’s Frankenstein (auf das sich das obige Zitat bezieht) oder die Geschichte von Siddhartha Gautama, dem Begründer Buddhismus.

Time always wins; our victories are only delays; but delays are sweet, and a delay can last a whole lifetime.

Die Alzheimer-Erkrankung der Mutter nimmt einen großen Platz in diesem Buch ein. Die Autorin beschreibt ausführlich und berührend, wie die Person, die sie als ihre Mutter kannte, Stück für Stück verschwindet und zu einer anderen Person wird, einer Fremden. Das Phänomen, dass Alzheimer-Erkrankte im fortgeschrittenen Stadium ihre Angehörigen nicht mehr erkennen, wird somit auch umgekehrt: auch die erkrankte Person ist für ihre Angehörigen nicht mehr erkennbar. Dieses (Nicht-)Erkennen spielt sich auf einer anderen Ebene ab, ist jedoch für die Angehörigen ein langwieriger Verarbeitungsprozess. Symbolisch für den körperlichen Verfallsprozess im Allgemeinen steht ein Haufen Marillen vom Baum im Garten der Mutter, der zuerst eine zusätzliche Belastung zu sein scheint und später eingekocht im Glas als Erinnerungsobjekt dient.

There is always someone whose suffering is greater than yours. The reproaches are often framed as though there is an economy of suffering, and of compassion, and you should measure yourself, price yourself, with the same sense of scarcity and finite resources that govern monetary economies, but there is no measure of either.

Es sind viele Absätze wie das vorige Zitat, die dieses Buch in meinen Augen so großartig machen. In den einzelnen Essays bezieht sich die Autorin auf so viele Probleme unserer aktuellen Gesellschaft, sie bringt ein Thema auf, beschreibt es ausführlich anhand von aktuellen und literarischen Beispielen, dreht es herum, lässt den Leser von allen Seiten darauf schauen und fasst es anschließend auf so kurze Art zusammen, dass diese Sätze wie eine Glühbirne aufleuchten. Die oben beschriebene economy of suffering habe ich in anderen Umgebungen bereits beschrieben gehört, aber noch nie in so eindrücklichen Worten. Der Kapitalismus definiert somit sogar unseren Umgang mit dem Leiden von Menschen, mit unserem eigenen Leiden. Dazu passt auch die folgende Beschreibung, wie die Meinungen und Ideen von anderen Menschen unser Leben beeinflussen:

We live as literally as that inside each other’s thoughts and work, in this world that is being made all the time, by all of us, out of beliefs and acts, information and materials. Even in the wilderness your ideas of what is beautiful, what matters, and what constitutes pleasure shape your journey there as much as do your shoes and map also made by others.

Niemand kann sich frei machen von gesellschaftlichen Erwartungen. Wir haben diese im Rahmen unserer Sozialisation verinnerlicht und selbst, wenn wir uns noch so bemühen, unserem Milieu zu entkommen und anders zu sein (oder zu werden), können wir diese verinnerlichten Werte nicht hinter uns lassen. Auf diesen verinnerlichten Werten basieren wiederum alle unsere täglichen Urteile über die Welt, über andere Menschen und ja, auch über uns selbst.

Zum Abschluss möchte ich noch ein Zitat bringen, das in meinen Augen sehr gut illustriert, warum für mich die Beschäftigung mit Kunst oft so frustrierend ist (wie ich in diesem Blog Post am Beispiel einer Ausstellung im ZKM Karlsruhe exemplarisch beschrieben habe). Das konnte ich selbst bisher noch nie so gut in Worte fassen: Kein Kunstwerk steht für sich allein, es basiert auf früheren Werken, auf einem Dialog zwischen der Künstler*in und der Vergangenheit, aber auch auf einem Dialog mit der aktuellen Gesellschaft. Wer die Sprache nicht spricht, wird nicht verstehen können, worauf sich ein Kunstwerk bezieht, wird die Verbindungen nicht sehen können, durch die die Künstler*in ihr Werk mit anderen Ideen verknüpft. Manche Kunstwerke funktionieren auch ohne die Kenntnis dieser Verbindungen und stehen für sich allein. Das ist jedoch eher die Ausnahme:

Part of the opacity of visual art for so many people is that each work of art functions as a statement in the long conversation of art making, responding to what has come before by expanding upon or critiquing or subverting it. To walk into an exhibition can be like walking into the middle of a conversation that doesn’t make sense unless you know who’s talking and what was said earlier or know the language that’s being spoken, though some artworks speak directly and stand alone.

 

 

 

 

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Roman

Ashley Herring Blake – How to Make a Wish

Dieses Buch stammt wieder mal aus einer Empfehlungsliste von Parnassus. Die Lorbeeren:

This is the book I wanted with all my heart when I was a teen.

Auch wenn meine Jugend keine Parallelen zur Geschichte aufweist, hat mich das Buch doch sehr berührt. Es spricht so viele Themen an, mit denen junge Menschen im Prozess des Erwachsenwerdens konfrontiert werden:

  • Ein schwieriges Verhältnis zu den Eltern. Die Protagonistin Grace lebt mit ihrer Mutter, die nach dem Tod des Vaters ihr Leben nicht mehr vollständig in den Griff bekommt. Grace fühlt sich verantwortlich, beider Leben zu managen und ihre Mutter auch noch vor zu großem Schaden durch Alkoholismus zu bewahren. Sie wird zerrieben zwischen den Plänen für ihr eigenes Leben und dem Verantwortungsgefühl für ihre Mutter.
  • Unsicherheit über die eigene Zukunft. Grace möchte Pianistin werden, eine Audition an einer renommierten New Yorker Musikschule entscheidet darüber, ob sie der Verwirklichung ihres Traums ein Stück näher kommt.
  • Freundschaften verändern sich. Grace’s Freundschaft mit Luca wird auf eine harte Probe gestellt, als Luca eine Beziehung mit Kimber beginnt und somit weniger Zeit und Aufmerksamkeit für Grace aufbringen kann.
  • Sexuelle Identität. Grace fühlt sich sowohl zu Mädchen als auch Burschen hingezogen. Das Klarwerden über die eigene sexuelle Orientierung wird im Buch wenig thematisiert, es wird mehr oder weniger trocken festgestellt, Grace ist bisexuell, das fühlt sich für sie richtig an und damit ist das eben so. Die Vorurteile, die damit nach wie vor verbunden sind (das Häufigste: bisexuelle Menschen wären tatsächlich homosexuell, wollen das aber nicht zugeben), werden nicht thematisiert. (Das wäre aber möglicherweise tatsächlich zu viel gewesen für die ohnehin schon schwer belastete Geschichte.)
  • Selbstzweifel. Grace fühlt sich von ihrer Mutter nicht geliebt und gibt sich dafür selbst die Schuld. Wenn sie nur besser wäre, würde ihre Mutter ihr auch mehr Aufmerksamkeit schenken.

Das Buch endet filmreif mit einem dramatischen Höhepunkt und einem versöhnlichen Ausklang, der in die Zukunft blicken lässt.

Hier gibt’s zum Abschluss noch ein Beispiel dafür, wie sich verschiedene Geschichten begegnen und dadurch vertiefen. Grace übt für ihre Audition die Fantasie in C-Dur von Robert Schumann. Dieses Stück war auch Teil eines Konzertabends, den Mademoiselle ReadOn in diesem Blog Post sehr eindrücklich beschreibt.

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Krimi Roman

Bernhard Aichner – Leichenspiele

Vadim, daneben Max und Baroni. Sie tranken.
Über die letzten drei Tage redeten sie nicht, über die Toten, sie wollten sich in diesem Moment keine Gedanken darüber machen, was passieren würde, würden sie Vadim die Wahrheit sagen. Sie wollten sich einfach einen Moment lang um nichts kümmern, sich gehen lassen, sie wollten einfach nur kurz stillstehen, abtauchen, sich leicht fühlen, unbeschwert. Kurz wollten sie auch ohne Sorgen sein, keine Probleme haben, keine Entscheidungen treffen, einen Moment lang wollten sie einfach nur unwissend sein, dumm sein, sich unbeschwert trinken, ohne nachzudenken, keine Minute nach vorn, nicht an morgen, nicht an die Leichen in der Gerichtsmedizin, nicht an Anton. An nichts wollten sie denken. Sie tranken einfach. Bis es dunkel wurde.
Nur drei Männer an der Bar und volle Gläser neben der Autobahn.

Na, da hätten wir mal wieder einen abgründigen Krimihelden wider Willen. Der Totengräber Max hat im vorhergehenden Buch offenbar seine Frau verloren und verkriecht sich an einem weit entfernten Strand. Sein bester Freund Baroni steckt in Schwierigkeiten und holt Totengräber Max zurück auf seinen Friedhof und damit direkt in ein äußerst tödliches Ränkespiel. Denn Organhändler wollen Baronis Notlage ausnutzen und Max soll die Leichen auf dem Friedhof vergraben. Dass das nicht lange gutgehen kann, erklärt sich von selbst.

Besonders geschickt stellen sich die Freunde nicht an, weder im Umgang mit den Leichen, noch im Ermitteln. Wie auf dem Präsentierteller laufen sie letztendlich in die Arme des Mörders und kommen doch mit dem Schrecken davon (das dürfte nicht zuviel verraten sein, den Helden einer Krimireihe bringt man nicht leichtfertig um). Ein alkoholgeschwängerter Krimi um Ausschweifungen aller Art, auf seine (unkorrekt österreichische) Art originell, auch wenn man beim Lesen schon mal den Kopf schüttelt über Max und Baroni, die von einer unangenehmen Situation in die nächste stolpern. Immer den nächsten Schnaps in Sicht …

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Roman

Kathrin Gerlof – Alle Zeit

Osterschnee

Es ist erstaunlich, dass ich in diesem Buch keine Zitate gefunden habe, die ich als charakteristisch für die Geschichte empfinde. Andererseits kann man es auch so interpretieren, dass ich so in die Geschichte gezogen wurde, dass ich darauf einfach nicht mehr geachtet habe.

Die Sprache ist einfach, Alltagssprache sozusagen, Kathrin Gerlof erzählt eine Geschichte, wie sie die Familiengeschichte der Nachbarin sein könnte. Vier Frauen sind Protagonistin dieser Geschichte, sie repräsentieren 4 Generationen einer Familie. Die Älteste, Klara, lebt vereinsamt im Altenheim und verfällt zusehends der Demenz. Die jüngste, Juli, ist soeben selbst im zarten Teenageralter Mutter geworden und sucht nach der Urgroßmutter, die ihr tatsächlich so nah ist. Die beiden dazwischen, Julis Mutter Elisa sowie deren Mutter Henriette, sind kürzlich bei einem Autounfall verstorben. Doch auch ihre Geschichte wird in einer Rückblende erzählt. So entfaltet sich ein Familienpanorama, das Platz für unterschiedlichste Blickwinkel auf das Leben bietet. Nebenschauplätze sind die Krebserkrankung der Kellnerin, die im Park das Verbindungsglied zwischen Juli und Klara sein könnte, sowie die späte Liebe von Klara und Aaron, die sich aus dem Altenheim davonstehlen, um ein bißchen Glück zu erleben. Man fühlt mit allen beschriebenen Personen mit, Antagonisten fehlen vollkommen (sieht man von einer unfreundlichen Pflegerin im Altenheim ab), und doch ist die Geschichte reich an Konflikten unter den beschriebenen Frauen. Eine Meisterleistung, diese tief im Leben verwurzelte Geschichte, die den Blick öffnet für die Perspektiven der unterschiedlichen Generationen. Leseempfehlung.