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Jugend Roman

Jesse Andrews – Me and Earl and the Dying Girl

„Urrrnngh.“

„What is that noise.“

„Regretful polar bear.“

Im Gegensatz zu vielen anderen Jugendbüchern, die sich zwar mit schwierigen Themen befassen, aber nicht wirklich die Sprache der Jugend sprechen, zeichnet sich dieses Buch durch eine betont flapsige Sprache aus. Das kann (für die etwas gealterte Leserin) in manchen Momenten etwas anstrengend wirken, bringt aber schön zum Ausdruck, wie sich das Leben von Jugendlichen tatsächlich darstellt. Und führt zu unfassbar lustigen Situationen und Konversationen.

Der erzählende Protagonist beschreibt etwa ausführlich seine intensiven Versuche, mit allen auf seiner Highschool existierenden Gruppen ein neutrales Verhältnis zu haben, nirgends dazuzugehören, nirgends negativ aufzufallen und sich aus allen Konflikten herauszuhalten. Dieser Versuch wird torpediert durch seine entstehende Freundschaft mit der krebskranken Rachel. Herbeigeführt wird diese Entwicklung durch seine Mutter, die ihm nahelegt, eine vormals bestehende lose Bekanntschaft mit dem nun erkrankten Mädchen wiederzubeleben.

Ausführlich beschrieben wird zwischen den Zeilen, wie schwierig uns im Allgemeinen der Umgang mit kranken Menschen fällt. Mitleid scheint fehl am Platz, so zu tun, als wäre alles in Ordnung wird mit fortschreitender Krankheit unmöglich. Greg überlässt Rachel sein Verzeichnis mit möglichen weiterführenden Schulen, in seinem Verständnis, damit Rachel sich selbst eine Schule aussuchen kann (die sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht besuchen wird können). Rachel sucht stattdessen für Greg eine Filmschule aus. An der er sich nicht bewerben will, weil er sich selbst nicht für geeignet hält.

Die zweite Komponente ist Gregs Freundschaft mit Earl, der mit abwesenden Eltern und ruppigen älteren Brüdern aufwächst und seine Perspektive als Manager bei Wendy’s sieht. Die Freundschaft mit der kranken Rachel verändert beide.

Am Ende verwirklicht die Geschichte natürlich genau das, was sie zu Anfang behauptet, nicht sein zu wollen: eine Geschichte über die lebensverändernde Bedeutung von Freundschaft, Krankheit und dem Sterben eines geliebten Menschen.

Randnotiz:

Was für eine wunderbare Sammlung. Man bekommt sofort Reisefieber und will sich Bücher in beide Jackentaschen stopfen, um gleich loszuziehen.

Vor Jahren hatte ich die Idee, etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen, ich habe dann damals auch begonnen, alle Bücher hier im Blog mit den Städten und Ländern zu taggen, mit denen sie in Verbindung stehen. Jetzt gibt es hier bei Lit Cities eine Karte, wo Städte mit Büchern verknüpft sind, eine sehr schöne Umsetzung dieser Idee. Via Mademoiselle ReadOn.

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Memoir

Kate Bowler – Everything Happens for a Reason and Other Lies I’ve Loved

Die Autorin reflektiert in diesem Buch über ihre Erfahrungen und ihren Umgang mit der Diagnose Darmkrebs. Ihre Situation lässt sie anders denken über Lebenspläne und Lebensqualität, über persönliche Beziehungen und die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Wieviel Zeit vergeuden wir täglich mit Ärger über unwichtige Dinge? So viele Wünsche und Träume verschieben wir auf eine Zukunft, die vielleicht niemals kommt. Erst im Angesicht einer potentiell tödlichen Krankheit wird klar, dass wir aus jedem Tag das Beste machen können und das, was uns glücklich macht, nicht auf später verschieben dürfen.

She is working harder than anyone I have ever known, but her selflessness has caused her to surrender too much of herself to “someday”. And now someday has come, at least for me.

Als gläubiger Mensch erhält sie viel Feedback von ihrer Kirchengemeinde und nach einem online veröffentlichten Artikel über ihre Situation auch von völlig Fremden. Der Titel des Buches verweist auf die vielen wohlgemeinten, aber nicht hilfreichen Ratschläge, die sie in ihrer Situation von Bekannten und Fremden erhalten hat. Ein Ansatz dabei ist, dass jede Situation eine Prüfung ist, die Gott uns stellt und die uns stärker machen soll. Wesentlich schwieriger zu verarbeiten ist die Perspektive, dass die Krankheit eine Strafe für begangene Sünden oder nicht ausreichend intensiven Glauben ist. Viele Menschen berichten ihr auch von ihren eigenen Problemen, die sie im Allgemeinen als wesentlich schlimmer erachten als das Schicksal anderer. Daraus folgt zwar die Erkenntnis, dass das Leben für jeden irgendwie schwer ist (that life is hard for everyone), aber macht das die eigene Situation in irgendeiner Form besser? Wie ich kürzlich bei Barry Schwartz in The Paradox of Choice gelesen habe, machen uns Vergleiche jeder Art – speziell mit dem Leben anderer Menschen – immer unglücklich.

I have still, somehow, clung to the idea that I am able to save myself.

Jede schwierige Situation im Leben gibt uns Gelegenheit, zu wachsen und daraus zu lernen. Die Autorin fragt sich im Angesicht ihrer potentiell tödlichen Krankheit, ob sie jemals eine vollständige Person sein wird (wondered if I would ever be one, whole person). Was kann uns überhaupt zu einer vollständigen Person machen? Im Rahmen meiner jüngsten Krise habe ich begonnen, mich mit Selbstakzeptanz zu beschäftigen und der Frage nachzugehen, ob das eigene unperfekte Selbst eigentlich schon genug ist. Auch wenn wir uns täglich verändern und an unseren Lebenserfahrungen wachsen, können wir jemals genug oder ganz sein? Wenn wir es jetzt noch nicht sind, welche Erfahrung könnte dazu führen, dass wir ganz werden? Eine Frage, die mich vermutlich noch länger beschäftigen wird.

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Roman

Amanda Brooke – Für immer und einen Tag

Neue Panik wallte in ihr auf, weil sie spürte, dass ihr die Zeit zwischen den Fingern zerrann.

Eine traurige Geschichte habe ich mir da aus der Onleihe gefischt, muss eine Impulsauswahl gewesen sein. Obwohl es gut gemacht ist, dass der persönliche Bezug der Autorin erst am Ende erläutert wird, lüfte ich hier zu Beginn das Geheimnis: der Sohn der Autorin starb im Alter von 3 Jahren an Krebs. Sie hat eine Inspiration daraus gemacht und so hoffentlich ihre Trauer überwinden können.

Angst durchfuhr sie, als ihr klar wurde, dass das Morgen ihr wieder entrissen wurde und damit all ihre Hoffnungen, Träume und närrischen Einfälle. Alles dahin.

Emma kämpft bereits seit 5 Jahren gegen einen Hirntumor und erfährt nun, dass der Krebs zurückgekehrt ist. Sie und ihre Familie haben gehofft, und nun scheint alle Hoffnung zu schwinden. Wenig Behandlungsmöglichkeiten bleiben übrig, Emmas Mutter will nichts unversucht lassen.

Die Wahrheit ist, dass ich keine großen Ziele habe, jetzt nicht mehr.

Die Autorin beschreibt eindrucksvoll und mitfühlend, wie Emma damit hadert, was sie im Leben alles nicht mehr haben kann. Gleichzeitig erkennt Emma Tag für Tag, was sie bereits alles hatte. Als Ausgleich beginnt sie, ihre Lebensgeschichte zu schreiben, wie sie verlaufen hätte können, wäre sie vom Krebs geheilt. Sie schreibt sich eine Fantasiewelt, mit der die Realität kaum mithalten kann. Schließlich vermischen sich Traum und Fantasie immer mehr, der Gehirntumor verschafft Emma Wahrnehmungsstörungen und reißt sie immer mehr aus ihrem gewohnten Leben.

Niemand kann mir eine Atempause von dieser Tortur verschaffen, nicht einmal für einen Tag, nicht einmal für eine schäbige Stunde, selbst wenn sie es wollten, und einige wollen es, das weiß ich. Dieses Ding in meinem Kopf ist die ganze Zeit da.

Meine Beschreibung klingt kitschig und streckenweise ist es das Buch auch. Emma wird stärker dargestellt, als es die meisten Menschen wohl sein können, stets bleibt sie aufrecht und unterstützt ihre Familie dabei, den Verlust zu verarbeiten, der noch gar nicht eingetreten ist. Die Autorin gönnt ihrer Protagonistin nur wenige Momente der Schwäche. Und doch gelingt es ihr, die Angst zu transportieren, die ein Mensch unweigerlich empfinden muss, wenn er weiß, dass der Tod bereits auf der Schwelle steht. Auch die Frage „warum ich?“, die Sorge um die zurückbleibende Familie, den Wunsch, alles ins Reine zu bringen, alle diese Gefühle werden nicht ausgespart. Der märchenhafte Kitsch mag nötig sein, um all das erträglich zu machen.

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Roman

John Green – The fault in our stars

Or is the only value in passing the time as comfortably as possible? What should a story seek to emulate, Augustus? A ringing alarm? A call to arms? A morphine drip?

Seit einiger Zeit folge ich dem Tumblr Problems of a book nerd. Wie ich drauf gekommen bin, weiß ich auch nicht mehr, aber das war der Post, der mich irgendwie total reingezogen hat. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass dieses Buch interessant sein könnte und man lässt sich ja auch gern von der eigenen Filter Bubble inspirieren. Und ich wurde nicht enttäuscht. Gerade noch rechtzeitig vor dem Film habe ich das Buch gelesen. Die ganze Film-Publicity hätte ich natürlich eh nicht mitbekommen, hätte ich nicht zufällig über die QI Elves bemerkt, dass John Green auch twittert. Dann konnte ich das Musikvideo von Troye Sivan nicht anschauen, weil es hätte ja das Ende Spoilern können … und auf der anderen Seite wollte ich das Buch nur in ganz kleinen Häppchen lesen, weil mir schnell klar war, dass es sowas Schönes nicht so oft gibt. Über den Inhalt werde ich nach Möglichkeit gar nichts schreiben, um niemandem seine Experience zu verderben.

And then there are books like An Imperial Affliction, which you can’t tell people about, books so special and rare and yours that advertising your affection feels like a betrayal.

Schon die ersten Seiten haben gereicht, um mir klar zu machen, dass hier eine ganz besondere Stimmung herrscht. Der luftig-lockere Schreibstil erinnerte mich an die vermeintliche Harmlosigkeit von The particular sadness of lemon cake. Obwohl das Thema so traurig ist, bleibt der Humor auch noch im Angesicht des Todes am Leben.

The other thing about Kaitlyn, I guess, was that tit could never again feel natural to talk to her. Any attempts to feign normal social interactions were just depressing because it was so glaringly obvious that everyone I spoke to for the rest of my life would feel awkward and self-conscious around me, except maybe kids like Jackie who just didn’t know any better.

Es gibt viele Momente, wo man sich einfach nicht vorstellen kann, wie jemand, der nicht selbst eine tödliche Erkrankung erlebt oder überlebt hat, so einfühlsam über das Thema schreiben kann. Die Tatsache, dass man immer anders ist. Dass man unheilbar krank ist, dass keine Chance auf Verbesserung besteht. Dass man nie wieder ganz zur Gesellschaft gehören wird. Dass man nie mehr normal sein wird.

I hated hurting him. Most of the time, I could forget about it, but the inexorable truth is this: They might be glad to have me around, but I was the alpha and omega of my parents’ suffering.

Oder das schlechte Gewissen, was man seinen Angehörigen durch die Krankheit zumutet. Das kann sicher niemand nachvollziehen, der nicht selbst in der Situation ist. Ganz bestimmt nicht die Eltern.

I wanted to know that he would be okay if I died. I wanted to not be a grenade, to not be a malevolent force in the lives of people I loved.

Es hat über zwei Wochen gedauert, nachdem ich das Buch fertig gelesen hatte, bis ich überhaupt daran denken konnte, diesen Post zu schreiben. Es ist eines dieser Bücher, die man lieber für sich behalten möchte, weil sie so besonders sind, dass man niemandem beschreiben kann, warum. Und man will auch das Risiko nicht eingehen, dass es dem anderen dann vielleicht nicht gefällt. Daher traue ich mich beinahe keine Leseempfehlung auszusprechen. Aber absolut. Ein heißer Kandidat für das Buch des Jahres 2014.