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English Krimi Roman

Louise Penny – Still Life

CN dieses Buch: Mord
CN dieser Post: Mord


When the prayer stick got back to Myrna she offered it to the Golden Retriever. For the first time in a week, since Jane had died, Clara saw Lucy’s tail wag. Once. She gently took the stick in her teeth. And held it there. Her tail gave another tentative wag.

Die Aussicht auf eine Reihe von aktuell 17 Büchern hat mich zu dem Zeitpunkt irgendwie gerade angesprochen. Bekannte Charaktere für eine längere Zeit lang um sich zu haben, hat definitiv etwas für sich. Und was für Charaktere die Autorin hier erschaffen hat … sowohl das Team der Kriminalist*innen, als auch jede*r einzelne Dorfbewohner*in wird als Persönlichkeit mit Stärken und Schwächen, Träumen und Ängsten gezeigt. Für den zweiten Teil stehe ich auf der Warteliste.

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Roman Thriller

Patricia Highsmith – Der talentierte Mr. Ripley

CN dieses Buch: Mord
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Sie waren keine Freunde. Sie kannten sich nicht. Darin sah Tom die entsetzliche Wahrheit, sie galt für alle Zeiten, für alle Menschen, die er künftig noch träfe: jeder hat vor ihm gestanden, wird vor ihm stehen, und er wird immer und immer wieder wissen, dass er sie niemals kennt, und das schlimmste ist, dass er immer eine Zeitlang die Illusion haben wird, er kennte sie, er und sie seien völlig im Einklang miteinander und eins.

Ein Klassiker des Thriller-Genres, den ich mir aus dem offenen Bücherschrank mitgenommen habe. Ich fand es sehr beeindruckend, wie detailliert die psychische Verwirrung des Protagonisten Tom Ripley dargestellt wird. Das beginnt mit dem Gefühl, keinen Menschen jemals kennen zu können (siehe Zitat oben) und steigert sich dann in Hass auf Dickie und Marge, die scheinbar seinem Glück im Wege stehen.

Tom schwitzte, ihm war heiß unter seinen Kleidern, aber auf der Stirn war es kalter Schweiß. Er hatte Angst, aber nicht vor dem Wasser, es war Dickie, vor dem er Angst hatte. Er wusste, er würde es tun, er würde sich jetzt nicht mehr zurückhalten, vielleicht konnte er sich nicht mehr zurückhalten, und er wusste, es könnte vielleicht schiefgehen.

Eindringlich beschrieben sind auch die Gefühlszustände, die zum ersten Mord führen. Der Zweite ist dann lediglich eine Konsequenz unglücklicher Umstände. Die Tom jedoch kaum Sorgen bereitet. Die ihm bekannten Personen, die ebenfalls von diesen Morden betroffen sind, hält er klinisch auf Abstand. Schuldgefühle sind keine vorhanden.

Hätte er doch nur seine Besichtigungen alle allein gemacht, dachte Tom, hätte er es doch nur nicht so eilig gehabt und wäre nicht so gierig gewesen, hätte er doch nur nicht das Verhältnis zwischen Dickie und Marge so dämlich falsch beurteilt, oder hätte er doch einfach gewartet, bis sie sich aus freien Stücken getrennt hätten – dann wäre nichts von all dem passiert, und er hätte sein Leben lang mit Dickie zusammenbleiben können, hätte reisen und leben und sein Leben genießen können bis ans Ende seiner Tage. 

Nicht eingestandene Homosexualität ist ebenfalls ein zentrales Motiv. Tom möchte gleichzeitig (wie) Dickie sein bzw. Dickies Leben führen, als auch Dickies Partner sein und sein Leben mit ihm zu verbringen. Beides wird im Verlauf der Geschichte mehr oder weniger unmöglich. Wobei das offene Ende auch andere Interpretationen zulässt.

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Krimi Roman

Bernhard Aichner – Totenhaus

CN dieses Buch: Mord, Folter, Verstümmelung, Suizid
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Es war alles zu viel. Auf die Euphorie, dass er mit ihr sprach, folgte die Ernüchterung. Blum hatte ihre eigene Geschichte, die sie in die Knie zwang und nach unten zog, da war kein Platz mehr für Mitgefühl, für das Leid der anderen. Viel zu viel alles.

Es ist knapp über fünf Jahre her, dass ich den ersten Roman über die Bestatterin und Mörderin Blum gelesen habe. Warum ich jetzt gerade zu diesem dicksten Buch auf dem Regal gegriffen habe, kann ich auch nicht recht sagen. Es fällt mir gerade schwer, aus den ganzen Optionen (das Regal der ungelesenen Bücher, die Wishlist in Libby, die Wishlist in Onleihe, die Tabelle, in der ich mir interessante Bücher notiere) etwas auszuwählen, das ich gerade wirklich lesen möchte. Möglicherweise ist nach über einem Jahr Pandemie der Moment gekommen, an dem ich tatsächlich genug gelesen habe. Wobei der Mai halt bisher wetterbedingt auch einfach sehr lese-intensiv war …

Die rachsüchtige Blum zeigt in diesem zweiten Roman andere Seiten. Sie verfolgt einen zufällig entdeckten Hinweis auf ihre Vergangenheit und gerät damit in eine ganz andere Familiengeschichte, die nicht die ihre ist, jedoch bei näherer Betrachtung um nichts besser. Sie lässt sich von ihren Gefühlen leiten, bis zu dem Punkt, wo nichts mehr zusammenpassen will. Sie steht vor dem Abgrund und will nur noch ihre Kinder retten. In diesem Buch erschien mir ihre Gewalt mehr als Notwehr und weniger als Rache, wobei das natürlich nicht in allen Situationen stimmt. Das Bild der mörderischen Protagonistin wird jedenfalls differenzierter. Es ist nicht bloß eine Fortsetzung mit einer neuen Mordgeschichte, es ist ein vertiefter Einblick.

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Krimi Roman

Simone Buchholz – Blaue Nacht

CN dieses Buch: Mord, Drogensucht
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Ein ungewöhnlicher Krimi. Eine Staatsanwältin ermittelt (interessante Perspektive) gegen die unbekannten Täter sowie über das unbekannte und schweigsame Opfer. Ein Kommissar in Pension, ein Kommissar im Dienst. Vermeintlich oder tatsächlich geläuterte Verbrecher. Unmengen von Alkohol. Ein scheinbar unbefriedigendes Ergebnis. Ein buchstäblicher Knalleffekt am Ende.

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English Roman

Rachel Kushner – The Mars Room

CN dieses Buch: Mord, Gewalt, Stalking, sexuelle Handlungen, Suizid, Drogenmissbrauch
CN dieser Post: Erwähnung von Stalking


Prison was a place where you had to be strong to get through each day. […] To stay sane, that was the thing. To stay sane you formed a version of yourself you could believe in. 

In letzter Zeit passiert es mir immer wieder, dass ich ein Buch von meiner Bookmark-Liste in der Libby-App auswähle, weil es gerade verfügbar ist, ohne dass ich mich noch erinnern könnte, warum ich es überhaupt auf die Liste gesetzt habe oder worum es in dem Buch überhaupt geht. Der Titel dieses Buchs The Mars Room deutet nämlich kaum darauf hin, dass sich die Geschichte zu großen Teilen im Frauengefängnis abspielt.

Schon der erste Absatz zieht die Leserin direkt in die Geschichte hinein und stellt sowohl die Protagonistin Romy Hall, als auch ihren Status als Insassin eines Frauengefängnisses sowie ihren aktuellen Aufenthaltsort in einem Überstellungstruck in wenigen Sätzen klar. In den weiteren Kapiteln wird teilweise aus Romys Perspektive erzählt, aber auch andere Personen kommen zu Wort. Besonders bedrückend ist dabei die Perspektive durch die Augen und den Geist Kurt Kennedys, die kurz vor Ende auflöst, weswegen Romy überhaupt im Gefängnis gelandet ist.

I have no plans at all. The thing is you keep existing whether you have a plan to do so or not, until you don’t exist, and then your plans are meaningless. But not having plans doesn’t mean I don’t have regrets.

Thematisiert werden auch die speziellen Schwierigkeiten von transsexuellen Personen im Gefängnissystem. Dort gibt es kein diverses Geschlecht, es gibt nur weiblich und männlich. Menschen, die sich in diesen binären Kategorien nicht wiederfinden, sind gerade im Gefängnissystem unvorstellbaren Anfeindungen und Gefahren ausgesetzt. Als Parallele in der realen Welt lassen sich die Erlebnisse von Whistleblowerin Chelsea Manning erwähnen.

Randnotiz: Beim titelgebenden Mars Room handelt es sich um einen Strip Club. Romy beschreibt ihre männlichen Kunden als wandelnde Brieftaschen, die es möglichst effizient auszunehmen gilt. Eine andere Perspektive auf die Arbeit in einem (realen) Strip Club liefert diese Folge des Podcasts Death, Sex & Money, in der eine Tänzerin erklärt, dass sie ihre Arbeit hauptsächlich als therapeutisch begreift. Ein interessanter Einblick in eine Art Parallelwelt, die viele von uns vermutlich nur aus der verzerrten Darstellung in den Medien kennen.

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Krimi Roman

Thomas Glavinic – Der Kameramörder

CN dieses Buch: Mord, Sterben, Gewalt an Kindern
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Heinrich stellte fest, es sei widerlich. Er fragte, ob ich etwas einzuwenden hätte, wenn er die Aufnahme kurz anhalte, da er sich aus der Küche noch eine Portion Vanilleeis zu holen beabsichtige.

Ein kurzer Krimi als Lückenfüller (und ein kurzer Post, um Spoiler zu vermeiden). Thematisiert wird neben dem offensichtlichen Mord aus dem Titel die Sensationsgeilheit, mit der viele Menschen auf einen Aufsehen erregenden Mord direkt in ihrem Umfeld reagieren. Kritisiert werden dabei außerdem die Medien, die es sich nicht nehmen lassen, Sensationsvideos zu veröffentlichen, egal wie traumatisierend sich das auf das Publikum auswirken kann.

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Krimi Roman

Colin Cotterill – Briefe an einen Blinden

CN dieses Buch: Mord, Pathologie, Geschlechtsteile
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„[…] Man misst seinen Erfolg nicht daran, ob man die Welt verändert hat, sondern an dem, was man in seinem unmittelbaren Umfeld hat bewirken können. […] In unserem Alter“, sagte sie, „konzentriert man sich auf die kleinen Dinge und versucht, sie möglichst gut zu machen.“

Da ich etwas Unterhaltsames lesen wollte, griff ich als Nächstes zur Reihe um Dr. Siri Paiboun, Pathologe in Laos. Obwohl in diesem Buch eigentlich drei Fälle gelöst, drei verschiedene Geheimnisse entfaltet und untersucht werden, hat es mich erstaunlich unberührt gelassen. Es fühlt sich irgendwie mehr wie Donna Leon an als wie Henning Mankell.

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Krimi Roman

David Lagercrantz – Verfolgung

Aber diese Forscher – und allen voran ein gewisser Professor der Soziologie namens Martin Steinberg – waren der Meinung, dass wir mehr oder weniger zwangsläufig von äußeren Umständen beeinflusst würden. Ein bestimmter Muttertyp, bestimmte soziale und kulturelle Faktoren sollten mehr oder weniger automatisch einen bestimmten Menschenschlag hervorbringen. Aber so ist es nicht – bei Weitem nicht. Der Mensch ist viel komplexer.

Der Start in den zweiten Teil der Fortsetzung der Millenium-Reihe von David Lagercrantz nach Stieg Larsson ist überraschend, die Leserin findet die Protagonistin Lisbeth Salander im Gefängnis wieder. Diese Geschichte erweist sich als erstaunlich dicht, sie enthält eine Vielzahl gesellschaftlicher und sozialer Probleme und zusätzliche Protagonist*innen, die mit Lisbeths Kindheit und Jugend in Zusammenhang stehen.

Im obigen Zitat nehme ich Bezug auf ein soziologisches Experiment, dem Lisbeth, ohne es zu wissen, angehörte. Ich musste dabei darüber nachdenken, wie viel ich in meinen 6 Semestern Bildungswissenschaft über die ethischen und moralischen Schwierigkeiten mit soziologischen Experimenten gelernt habe. Es ist im Prinzip unmöglich, das Verhalten von Menschen unbeeinflusst zu beobachten: Es ist ethisch nicht vertretbar, Menschen ohne ihre Einwilligung zu beobachten. Sobald Menschen allerdings wissen, dass sie beobachtet werden, reagieren sie anders, als sie es ohne das Wissen, dass sie beobachtet werden, getan hätten. Unterschiedliche Formen von Bias wurden hierbei untersucht und definiert.

In der Gestalt der Familie Kazi wird auch ein religiöser Aspekt zum Thema; ein Bereich, der in meiner (kürzlich aufgefrischten) Erinnerung in den ersten drei (bzw. vier) Bänden keine Rolle spielte. Wobei eher die Kritik an der fundamentalistischen Auslegung des Korans durch die männlichen Familienmitglieder und die damit in Zusammenhang stehende Unterdrückung von Lisbeths Gefängnisnachbarin Faria Kazi im Vordergrund steht.

Jedenfalls handelt es sich hier um eine gelungene Fortsetzung der Reihe, die auf deutlich weniger Seiten als der vierte Band (in meinem Fall in der Onleihe-App mit angepasster Schriftgröße: Band 4: ~830, Band 5: –530) eine sehr dichte Kriminalgeschichte präsentiert, die (Achtung, es folgt ein Minispoiler) die Auflösung von Lisbeths Konfrontation mit ihrer Schwester Camilla in den 6. Band verschiebt.

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Krimi Roman

Thomas Raab – Still

Wo suchen? War es immer ein und derselbe Täter? Welches Täterprofil verfolgen? Und vor allem, welches Opferprofil? Jeden hätte es treffen können, jeden, der im Verborgenen dunkle Seiten aufzuweisen hatte. Nur, wer hatte das nicht?

Von Thomas Raab habe ich bereits zwei Romane aus der Metzger-Reihe gelesen (Der Metzger muss nachsitzen und Der Metzger sieht rot). Bei Still handelt es sich ebenfalls um einen Krimi, allerdings mit ganz anderem Schreibstil und Aufbau der Geschichte. Der Autor zeichnet ein differenziertes Profil einer verstörten Persönlichkeit. Er lässt seinen Protagonisten Karl Heidemann ein Moralempfinden entwickeln, das auf logischen Grundlagen basiert, aber trotzdem dem in unserer Gesellschaft anerkannten Ideal diametral entgegensteht. Während Karl ein völlig eigenes Empfinden dem Phänomen Sterben und Tod gegenüber entwickelt, leiten ihn in anderen Fragen von Recht und Unrecht rein seine Gefühle. Beides verwebt sich zu einem spannenden Bild mit einem überraschenden Ende.

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English Jugend Roman

Suzanne Collins – The Ballad of Songbirds and Snakes

It frightened and infuriated him. This breaking of the contract. This invitation to chaos and all that could follow.

Mehrere Wochen musste ich warten, bis ich dieses Prequel zur Hunger Games-Serie (deutsch: Die Tribute von Panem) lesen konnte. Die Wartezeit hat sich gelohnt, wenn auch das Ergebnis anders ausfiel als erwartet.

Die Geschichte spielt zur Zeit der 10. Hungerspiele, ganze 65 Jahre vor der Zerstörung der Regentschaft des Kapitols durch Katniss Everdeen und ihre Unterstützer*innen. Enthüllt werden viele Details über die Rebellion, die überhaupt erst zur Erfindung der Hungerspiele geführt hat. Sowohl im Kapitol als auch in den Bezirken sind die Auswirkungen des Krieges omnipräsent. Einst wohlhabende Familien wie die von Coriolanus und Tigris kämpfen um den Erhalt ihres Status, während Profiteure des Krieges durch die Rüstungsindustrie als Aufsteiger gefeiert werden und ihren Reichtum nutzen, um Macht auszuüben.

Die Liebesgeschichte fand ich zuerst etwas zu stereotypisch. Das charismatische Mädchen, dem kaum eine Chance auf einen Sieg zugetraut wird, und ihr Mentor, der sich von ihren Reizen bezaubern lässt, sind gleichzeitig das unwahrscheinlichste und wahrscheinlichste Liebespaar in einer derartigen Konstellation. Das Ende jedoch lässt dann durchscheinen, was ohnehin von Anfang an klar gewesen zu sein schien.

Zwischen den Zeilen erzählt die Autorin, wie das Streben nach Macht Menschen dazu treibt, Dinge zu tun, die sie nie für möglich gehalten hätten. In die Enge getrieben entscheiden sich die einen für ihre Werte, für Freiheit und den Kampf gegen die Macht, während andere Kontrolle über das Chaos und den Kampf um den Erhalt der eigenen Privilegien über die Freiheit stellen.