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Roman

Beate Maly – Gold aus der Wiener Werkstätte

CN: Mord, Blut, Prostitution, Armut


Dieses Buch habe ich tatsächlich gewonnen. Bei einer Verlosung in einem Blog. Später habe ich auch noch herausgefunden, dass ich den Autor dieses Blogs von einer früheren Arbeitsbeziehung her persönlich kenne. Was für ein schräger Zufall.

Als ich schrieb, dass ich dieses Buch gewinnen will, dachte ich aber, es würde zu einer anderen Reihe von Beate Maly gehören, der über die pensionierte Lehrerin Ernestine und den Apotheker Anton, hier im Blog zuletzt Mord auf der Donau. Diese Reihe spielt zur selben Zeit, in Wien kurz nach der Jahrhundertwende. Die wiederkehrenden Protagonist:innen sind hier der Ermittler Max von Krause und die ehemalige Fälscherin Lili Feigl (die sich offensichtlich in einem früheren Roman bereits begegnet sind).

Die Mord-Geschichte könnte vom ein psychologischen Hintergrund her auch aus einer Folge Criminal Minds stammen, die Ermittlungsmethoden sind jedoch deutlich anders. Max von Krause kämpft gegen seine Vorgesetzten, um die moderne (!) Technik des Fingerabdrucksvergleichs und der Fotografie in polizeilichen Ermittlungen einsetzen zu dürfen. Das Tempo der Geschichte ist gemächlich, wir erfahren viel Hintergrund über die Familien von Max und Lili. Auch das historische Wien wird ausführlich beschrieben, viele Schauplätze wecken in mir Erinnerungen (zumeist an Geocaches).

Mein Fazit: Blutiges Verbrechen, aber ansonsten cozy crime mit Wiener Lokalkolorit.

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Roman

Rebecca Makkai – I have some questions for you

CN (möglicherweise unvollständig): Femizid, sexuelle Belästigung, Tod von Vater und Bruder, Drogenmissbrauch, Depression, Patriarchat, Mobbing


Suddenly, she was every sister of every murdered girl they ever put on the news

Allein schon den Rahmen der Geschichte zu beschreiben, erscheint kompliziert. Die Erzählerin Bodie Kane kommt als Erwachsene zurück an das Internat, das sie als Jugendliche besucht hat, um dort zwei Sonderkurse zu betreuen. Während ihrer Schulzeit dort wurde ein Mädchen ermordet – ein Trauma, das Bodie nie ganz losgelassen hat. Im Rahmen ihres Podcast-Workshops wird das Thema von einer Schülerin aufgegriffen und Bodies Zweifel an der Schuld des verhafteten Täters schlagen Wurzeln in den Köpfen der Jugendlichen. Wichtig ist auch, dass Bodie ihre Erzählung an einen ehemaligen Lehrer richtet, den sie verdächtigt. An ihn richten sich die Fragen aus dem Titel des Buchs.

Neben dieser, aber auch durch diese Geschichte ist das Buch eine umfassende Reflexion über das Patriarchat und das männliche Gesellschaftsbild, das Fälle wie diesen ermöglicht. Im Buch werden immer wieder Beispiele von sexuellem Missbrauch oder Femizid aufgezählt: so viele Fälle, bei denen die Täter davon kommen, bei denen den Opfern die Schuld gegeben wird. All die faulen Ausreden, die wir schon tausendfach gehört haben (sie hätte sich nicht so anziehen sollen, sie hätte nicht allein unterwegs sein sollen, sie hätte nicht so viel trinken sollen, …) und die davon ablenken wollen, dass ein Mann einer Frau Gewalt angetan hat.

In einer Nebenhandlung wird Bodie mit dem Thema auf andere Art konfrontiert. Ihr Ex-Mann wird öffentlich beschuldigt, Jahre früher eine Frau belästigt zu haben und wird dadurch Ziel eines Shitstorms. Dadurch wird auch das Problem falscher Anschuldigungen angeschnitten und Bodie muss ihre eigenen Glaubenssätze hinterfragen. Warum glaubt sie anderen Frauen, aber nicht dieser? Warum relativiert sie das Geschehen, weil jetzt ihr Ex-Mann und durch den öffentlichen Aufschrei auch das gemeinsame Unternehmen unter Beschuss steht? Ihre persönliche Betroffenheit ermöglicht eine neue Perspektive auf das leider so präsente Thema.

Via Kaltmamsell bin ich auf diesen Text von Jasmin Schreiber gestoßen: Die Schuldvermutung. Darin nennt sie Zahlen und aktuelle Beispiele, stellt aber eben auch Überlegungen zur Unschuldsvermutung dar, die oft als Schuldvermutung gegenüber dem Opfer ausgelegt wird.

Doch wie spricht man darüber, Opfer beispielsweise sexueller oder häuslicher Gewalt geworden zu sein? Denn diese Frauen müssen sich fragen, ob ihre Aussage juristisch haltbar ist. Ob sie glaubwürdig klingen werden. Ob ihre Vergangenheit gegen sie verwendet werden kann.

Jasmin Schreiber endet mit einem Aufruf an all die Männer, die „keine von denen“ sein wollen. Ich schließe mich dem an: Ihr „anständigen“ Männer, schaut nicht weg und macht den Mund auf, wenn ihr etwas beobachtet oder hört. Weist andere Männer darauf hin, wenn sie frauenfeindliche, sexistische Witze machen. Stellt euch nicht (nur) an die Seite der Frauen, stellt euch vor sie und tragt euren Teil zu einer gerechteren Gesellschaft bei. Überlegt euch bei der nächsten Wahl, welcher Partei ihr zutraut, für eine Gesellschaft zu arbeiten, die Frauen und Mädchen ernst nimmt. Sprecht mit euren Freunden und Familienmitgliedern und positioniert euch. Es gibt so viel zu tun.

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Krimi Roman

Tove Alsterdal – Sturmrot

CN: Demenz, Vergewaltigung, Mord, Feuer, Sturm, Hass im Netz, Aufruf zu Gewalt, Suizid in der Familie (in der Vergangenheit)


Ein Mensch ohne Jagdmesser ist verdächtiger als einer mit, zumindest nördlich des Dalälven.

Ein alter Mann wird ermordet aufgefunden – von seinem Sohn, der als Jugendlicher ein Gewaltverbrechen begangen haben soll. Für Nachbar:innen und Öffentlichkeit ist klar, es kann nur der Sohn selbst gewesen sein. Bei den Leser:innen wird jedoch von Anfang an Zweifel gesäht. Nicht nur am jetzigen Verbrechen sondern auch an jenem, das viele Jahre zuvor passiert sein soll …

Auf den ersten Blick hatte mir die Benennung der drei Bücher nach Farben gefallen (es folgen Erdschwarz und Nebelblau). Leider hat die „Farbe“ Sturmrot in der Geschichte überhaupt keine Bedeutung. Ein Sturm kommt vor; ein Feuer wird gelegt; der Zusammenhang ist eher lose. Leider ist mir auch die Ermittlerin Eira Sjödin nicht wirklich sympathisch. Es wirkt zu bemüht, sie sympathisch wirken zu lassen mit der dementen Mutter, um die sie sich kümmert, dem Bruder, der mit einer schwierigen Lebenssituation kämpft, dem Kollegen, mit dem sie eine Art Affäre beginnt, obwohl sie weiß, dass er eine Freundin hat und so weiter und so fort.

Ungefähr bei der Hälfte des Buchs wurde mir ein wesentliches Detail der Auflösung klar. Danach war ich etwas interessierter an der Geschichte und wie sich alles zusammenfügen würde. Leider fügt sich nicht alles zusammen, Vergangenes kann nicht ungeschehen gemacht werden, Menschen werden wegen Handlungen verurteilt, die gar nicht passiert sind, während andere davonkommen. Nach dem Lesen blieb mir ein Gefühl des Frusts. Vielleicht wird in den weiteren Bänden darauf Bezug genommen. Ob ich das herausfinden werde, kann ich aktuell jedoch nicht sagen.

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English Fantasy Roman

Robert Jackson Bennett – The Tainted Cup

CN: Body Horror, Mord, Krankheit, Tod, Gewalt, Korruption


In unserem Mini-Buchclub hatten wir andere für den Hugo Award nominierte Bücher bevorzugt, gewonnen hat letztes Jahr schließlich dieses Werk. Nach einer kleinen Fantasy-Auszeit haben wir uns jetzt entschlossen, doch noch wissen zu wollen, wie uns dieses Werk gefällt. Vorab gesagt: Ich finde es sehr gut geschrieben, mein Favorit bleibt jedoch John Wiswell – Someone You Can Build a Nest in.

Die Welt dieses Buchs bietet einige interessante Facetten. Das Königreich wird von Titanen bedroht, die sich aus dem Meer heranschleichen und die gigantischen Mauern zu zerstören suchen, die sie vom Eindringen ins Landesinnere abhalten sollen. Diese Bedrohung schwebt stets über den Ermittlungen, durch die Protagonist Din und seine „Chefin“ Ana einen merkwürdigen Todesfall aufklären sollen. Zentral ist außerdem, dass die Menschen (und Tiere) dieser Welt mittels aus den Leichnamen der Titanen entwickelter Mittel körperlich oder geistig verändert werden, um ihnen bestimmte Eigenschaften zu verleihen. Din selbst hat die Fähigkeit eines Engravers – eine Art fotografisches Gedächtnis, bei dem Erinnerungen mit Düften verbunden werden, um sie zu einem späteren Zeitpunkt exakt wieder abrufen zu können. Die Veränderungen sind jedoch auch immer mit negativen Folgen verbunden – wie zum Beispiel Erinnerungslücken im Fall eines älteren Engravers.

Aus dem einen Todesfall werden schnell mehrere, es entwickelt sich eine Murder-Mystery-Geschichte mit vielen Zutaten, die sich auch in Real-World-Mordermittlungsgeschichten wiederfinden. Natürlich spielt die Formel „Geld + Macht = Korruption“ eine Rolle; natürlich versuchen sich manche auf den Rücken anderer zu bereichern. Die Pflanze, die im Mordfall eine Rolle spielt, kann in anderer Verwendung auch als Biowaffe eingesetzt werden, was eine Terrorismus-Verbindung heraufbeschwört (à la „wieviel von dem Zeug brauchst du, um eine Stadt zu vergiften?“).

The Empire is strong because it recognizes the value in all our people […].

Das Thema der bewussten Veränderung im Hinblick auf bestimmte Aufgaben wird am Ende in eine versöhnliche Richtung aufgelöst. Ana betont dabei, dass sie alle ihre deutlich als autistisch lesbaren Eigenschaften bereits vor ihrer Veränderung hatte. Es ist ihr innerstes Wesen; ihre Veränderung trug nur dazu bei, ihre bereits vorhandenen Eigenschaften im Sinne des Königreichs besser nutzen zu können. Wir entscheiden selbst, was wir aus unseren gegebenen Eigenschaften machen.

The person an enhancement is paired with is just as important as what enhancement they get. And we get some say in what kind of person we are, Din. We do not pop out of a mold. We change. We self-assemble

Als Murder Mystery fand ich die Geschichte wirklich unterhaltsam und interessant geschrieben. Bezüglich Originalität gewinnt aber in meinen Augen mit deutlichem Abstand das bereits oben erwähnte Someone You Can Build a Nest in. Wir sind gespannt auf die diesjährigen Hugo Award Nominees. (Nominations Open Through March 28, 2026. Announcement wahrscheinlich irgendwann im April.)

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Fantasy Roman

Eleanor Bardilac – Knochenblumen welken nicht

CN: sexuelle Belästigung (verbal), Gore (Sezieren von menschlichen Schädeln), Töten eines Tiers und Verspeisen seines Herzens (Flashback), Charaktertod, Blut, Gewalt

[Ich finde es sehr angenehm, die Content Notices aus dem Buch abschreiben zu können, die Autorin hat sie sogar kapitelweise aufgelistet. 💜]


Um mich wieder mehr ins Lesen zu bringen, griff ich zu einem Buch auf der „falschen“ Seite des Regals der ungelesenen Bücher. Es handelt sich um jene Bücher, die erst seit diesem Jahr im Regal stehen und damit nicht zu meiner Buch-Challenge #12in2025 zählen. Das Experiment hat jedoch gefruchtet und ich fühle mich wieder mehr im Fluss sowohl fürs Lesen als auch fürs Schreiben. Dieses Buch ist außerdem in den Leseempfehlungen enthalten, die ich im April 2014 gesammelt habe. Danke an dieser Stelle auch an das liebe Wesen, das mir drei Bücher aus seiner Sammlung geliehen hat, von denen nun nur noch zwei auf der „falschen“ Seite des Regals stehen.

Die Geschichte spielt in einer Fantasie-Welt, deren Gesellschaft von einer zunehmenden Spaltung zwischen magischen und nicht-magischen Wesen bestimmt ist. Zu Beginn wird die Protagonistin Aurelia als magisch entlarvt, was ihre Eltern durch Medikamente und Isolation zu verbergen versuchten. Aurelia landet nun im magischen Teil der Gesellschaft, wodurch ihr Weltbild zutiefst in Frage gestellt wird. Dadurch lernt auch die Leser:in mehr über das Wesen dieser Welt, ihre Regeln und Gebräuche, ihre Stärken und Schwächen. Dieses Worldbuilding erfordert Zeit und Raum; die Mordfälle, in die Aurelia als Zeugin verwickelt ist, werden lange Zeit in den Hintergrund gedrängt.

Was mir zuerst zu langsam vonstatten ging, wurde aber mit der Zeit zu einem äußerst angenehmen Gefühl. Aurelia lernt verschiedene Wesen der magiebegabten Welt kennen, darunter finden sich Repräsentationen, die in vielen anderen Romanen kaum vorkommen: Wesen mit Behinderungen (zum Beispiel mit einer Beinprothese aufgrund einer Kriegsverletzung), Wesen, die auf besondere Art kommunizieren (zum Beispiel Gebärdensprache), Wesen, die aufgrund ihrer speziellen Magiebegabung selbst in der Welt der Magie eher an den Rand gedrängt werden. Die Autorin lässt Aurelia in der Begegnung mit dieser unbekannten Welt ihre eigenen Werte und ihre eigenen Persönlichkeitszüge hinterfragen. In dieser Auseinandersetzung wächst sie an sich selbst, was sich am Ende des Buchs ganz deutlich in ihren Entscheidungen zeigt.

Schwäche zu zeigen hatte noch nie zu ihren Stärken gehört, und sie hasste es, dass sie sich nicht besser unter Kontrolle hatte, dass der Lärm und die Leute und die Weite der Stadt sie so verrückt machten, dass sie selbst hier unter anderen Magiebegabten nicht normal sein konnte.

Vermutlich aus aktuellem Anlass hatte ich sehr viel Spaß mit der Idee des magischen Hauses, das sich selbstständig an seine Bewohner:innen anpasst. Diese undefinierbare magische Präsenz mag gruselig erscheinen (Überwachung?), für Aurelia empfindet sie aber offensichtlich freundschaftliche Gefühle und steht ihr helfend zur Seite. Mehr gelesen hätte ich gern vom magischen Skelett-Affen und dem Geist, der in der Schlafzimmeruhr lebt. Diese Ideen wurden für mein Gefühl nur angerissen und hätten durchaus mehr Backstory bzw. eine Rolle in der Auflösung vertragen können.

Im Vergleich zum langsamen Aufbau der Geschichte erschien mir das Ende dann zu abrupt (als wäre der Autorin die Zeit ausgegangen). Dies bleibt jedoch ein verschmerzbarer Wermutstropfen an diesem sonst sehr gelungenen Stück Fantasy-Literatur. Die Idee einer Welt, in der viele Menschen versuchen, das Richtige zu tun, auch wenn es sich manchmal im Einzelnen extrem falsch anfühlt, liegt vielen Geschichten zugrunde, ich persönlich finde sie hier besonders gut umgesetzt.

Randnotiz: In Wien Penzing wird gerade eine genossenschaftlich organisierte Buchhandlung begründet. Es soll auch ein 3. Ort für die Gegend werden. Ich habe das Crowdfunding unterstützt, vielleicht ist das ja auch was für euch.

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Krimi Roman

Ursula Poznanski – Stimmen

CN: Mord, Gewalt, Blut, psychische Krankheit, Krankenhaus, Trauma, sexuelle Handlungen


Dieses Buch hatte ich mir schon lange für den Urlaub aufgehoben, am Strand wollte ich mich nicht konzentrieren, sondern einfach nur in eine Geschichte versinken. Zweiter Vorteil war, dass ich das Buch aus dem Bücherschrank hatte und somit auch einfach an meine Reisebegleitung weiterreichen konnte.

Der Kriminalfall, den Bea Kaspary und ihre Kollegen (sie ist die einzige Frau im Team und meint ständig, sich behaupten zu müssen) zu lösen haben, erweist sich als komplex und interessant gestaltet, hier sehe ich deutlich die Stärken von Autorin Ursula Poznanski (auch bereits in Saeculum). Genervt hat mich hingegen die eingewobene Romanze mit einem der bereits erwähnten Teamkollegen. Der Verlauf dieser Beziehung war dermaßen vorhersehbar inklusive des Endlich-Miteinander-Ins-Bett-Fallens als kathartischer Augenblick nach einem tätlichen Angriff auf Bea. Nicht zu vergessen die Verletzung an der Hüfte, die ihr zwar beim Anziehen einer Jeans Schmerzen bereitet, aber dann wie durch Zauberhand bei der Bettakrobatik nicht stört.

Meine Reisebegleitung beklagte außerdem, dass viele Erzählstränge unaufgelöst bleiben, sie hätte sich gewünscht, auch über die weiteren Geschichten der Nebenfiguren zu lesen. Dass es sich bei diesem Buch um den dritten Band einer Serie handelt, habe ich erst im Nachhinein herausgefunden. Gut für mich, jetzt muss ich mich gar nicht erst bemühen, mit dem ersten Band anzufangen … Da müsste schon ein entsprechender Geocache daher kommen, den ich aber aktuell aus Gründen nicht extra suchen werde.

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Krimi Roman

Volker Kutscher – Rath

CN: Nationalsozialismus, Gewalt, Folter, Konzentrationslager, Mord, Novemberprogrome, Antisemitismus, Ableismus, Zwangssterilisation


Deutschlands innere Feinde geben keine Ruhe, und auch der äußere Feind hebt immer wieder drohend sein Haupt und mahnt uns, wachsam zu sein. 

Lange Monate habe ich auf den letzten Roman der Rath-Reihe gewartet. Und ich kann nur sagen, dass Volker Kutscher einen großartigen Abschluss seiner Reihe abgeliefert hat. Bei diesem historischen Hintergrund kann es natürlich kein Happy End geben (wer die anderen Bücher kennt, wird hier kaum einen Spoiler sehen). Und doch bringt gerade das allerletzte Kapitel einen Handlungsstrang zwar nicht mit Gerechtigkeit zum Abschluss, aber zumindest mit Vergeltung.

Volker Kutscher lässt seine Protagonist:innen immer wieder fassungslos beobachten (oder erleben), wie im neuen Deutschland plötzlich keine Gesetze mehr zu gelten scheinen. Das beginnt bei Fritze, der nicht mitmachen will, als seine HJ-Schar einen jüdischen Fußballverein aufmischen soll.

Nicht gegen Wehrlose, nicht gegen Menschen, die überhaupt nichts verbrochen hatten. Gegen den inneren Feind gehe es, hatte Scharführer Kramer gesagt, aber wie konnte ein jüdischer Fußballverein, der sich an alle Gesetze hielt, der innere Feind sein?

Das betrifft aber auch Charly, die nach dem Verrat eines Kollegen in einem Straflager landet, wo sie anstatt eines Anwalts einen Peitschenhieb ins Gesicht erhält. Von höchster Stelle wird sie nach einigen Wochen nicht nur aus der Lagerhaft befreit sondern auch wieder als Kommissarin in der Weiblichen Kriminalpolizei beschäftigt. Eine sehr unerwartete Wendung.

Ja, er wollte zurück nach Hoboken, dort mit Marion und seinem Bruder endlich wieder leben, in einem freien Land mit Rede- und Pressefreiheit. In einem Land, wo niemand die Wahrheit als Lügenhetze oder Greuelpropaganda bezeichnete.

Gereons Bruder Severin ist ebenfalls wieder in Deutschland, um dem sterbenden Vater die letzte Ehre zu erweisen. Er wird aufgrund seiner Ähnlichkeit mit Gereon nach dem Begräbnis verhaftet, was jedoch erst aufgedeckt wird, als der einarmige Erzfeind Tornow Rath verhören will und sofort feststellt, dass es nicht der gesuchte Rath ist. Auch Severin ist fassungslos angesichts der Behandlung, die ihm als unbescholtenem, amerikanischem Staatsbürger zuteil wird. Seine Empörung wird ihm zum Verhängnis. Dass Severin sich nach den USA zurücksehnt, wo Rede- und Pressefreiheit gilt, hat angesichts der heutigen politischen Lage einen besonders bitteren Beigeschmack.

Auf der Uhlandstraße herrschte eine seltsame Stimmung. Die Geräuschkulisse war anders als sonst, und sie fragte sich, was da so anders war. Aus der Ferne Gejohle, scheppernde, klirrende Geräusche. Brandgeruch in der Luft. Die Stimmung, gerade noch lebensfroh in der Bar, hatte plötzlich etwas Apokalyptisches.

Das Buch endet mit der Reichskristallnacht den Novemberpogromen. (Ich lese gerade auf Wikipedia, dass der Begriff Reichskristallnacht als euphemistisch kritisiert wird, ich habe es in der Schule noch so gelernt.) In vielen kurzen Kapiteln wird beschrieben wie die Protagonist:innen, aber auch viele Nebenfiguren, die in diesem Buch eine Rolle spielten, diese dramatische Wendung der Weltgeschichte erleben. Hier wird noch ein anderer Aspekt deutlich, der sich ebenfalls in die Fassungslosigkeit angesichts des Erlebten einreiht: Die gleichgültige Reaktion der arischen Nachbarn angesichts der Gewalt gegen ihre jüdischen Mitbürger. („Die Lehmanns haben nicht aufgemacht.“)

Andreas Preusse hat in seinem Schreibgewitter ebenfalls eine Rezension zum Buch geschrieben, die ich erst jetzt gelesen habe. Seiner Bewertung und Argumentation stimme ich zu, er benennt viele Einzelheiten, die ich selbst besonders gelungen finde.

Die Tötung ist keine reine Rache-Szene á la Italo-Western, sondern ein Sinnbild der fortschreitenden Enthemmung, die von den Nazis auf gewöhnliche Bürger ausstrahlt.
(Andreas Preusse, Schreibgewitter)

Nicht zustimmen kann ich jedoch seinem Kritikpunkt, dass Gereon Rath in den letzten beiden Büchern in den Hintergrund getreten sei. Für mich war Charly schon seit dem Beginn der Reihe als Persönlichkeit gleich wichtig wie Gereon. Zuerst hat sie hauptsächlich sein Privatleben beeinflusst, aber in den späteren Romanen auch immer mehr in den Kriminalfällen mitgemischt. Da Gereon in die USA geflohen ist und für tot erklärt wurde, ist es nur folgerichtig, dass er sich nicht mehr offen in das Geschehen einmischen kann. Gereon hat sich lange gleichgültig gegenüber dem neuen Regime verhalten, während Charly von Anfang an dagegen war. Für mich war es total logisch, dass sie nicht aufgibt und bis zum Ende für die Menschlichkeit und gegen die unmenschliche Gewalt des Nationalsozialismus kämpft.

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Krimi Roman

Maria Masella – Blumen für die Toten

CN: Mord, Gewalt, Prostitution (vielleicht noch anderes, ich erinnere mich nicht mehr genau, sorry)


Ihr Blick durchbohrt mich. Sie hasst Leute, die ihre Machtstellung ausnutzen. Genau wie meine Mutter ist sie im Grunde ihres Herzens Anarchistin.

Der Start einer Krimi-Reihe angesiedelt in Genua, auf die ich im Zuge meiner Geocaching-Recherchen für die nächste Reise gestoßen bin. Für mich wird es aber auch das letzte Buch der Reihe sein, es hat mir leider nicht besonders gefallen. Verweise wie die Nutzung von Disketten verorten das Buch in einer anderen Zeit (die italienische Originalausgabe erschien 2005), mir haben die unkommentierte und unwidersprochene Wiedergabe von Alltagsrassismus und der chauvinistische Einschlag des Kommissars den letzten Rest an Interesse verdorben. Der Kriminalfall ist eine Anhäufung von Elementen (zB Pakete mit Hinweisen an den Ermittler, Nutzung der Blumensprache), die anderswo bereits interessanter eingesetzt worden sind. Das Ende kommt plötzlich, ohne wirklich etwas aufzulösen. Nicht meins.

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English Roman

Kate Mosse – The Taxidermist’s Daughter

CN: Unfall, Krankheit, Gedächtnisverlust, Konservieren toter Tiere, Mord


The belief that in death, beauty could be found. The belief that through the act of preservation, a new kind of life was promised. Immortal, perfect, brillant, in the face of the shifting and decaying world.

Nach meiner Meinung ist das nicht ihr bestes Werk, also genau genommen ziemlich schwach im Vergleich zu den anderen, die ich bisher gelesen habe. Mit Connie Gifford gibt es wieder eine starke weibliche Hauptfigur, die sich nicht von den im damaligen Großbritannien für Frauen geltenden ungeschriebenen Regeln aufhalten lässt. Trotz ihres Gedächtnisverlusts aufgrund eines Unfalls, den sie als Kind erlitten hat, kümmert sie sich um ihren Vater, hält dessen Werkstatt und Geschäft aufrecht und führt natürlich auch den Haushalt, wie es sich für eine Dame in ihrer Stellung gehört. Über der Bergung einer Leiche verliebt sie sich Hals über Kopf in Harry, der ihr bei dieser schweren Aufgabe zufällig zur Seite steht.

Der Plot um das lange zurückliegende Verbrechen, das zu Connies Unfall geführt hat, ist in weiten Teilen gut ausgeführt, weist aber in anderen Teilen deutliche Schwächen auf. Die dramatischen Wetterverhältnisse im letzten Teil der Geschichte dienen als eine Art Deus ex machina, um Täter:innen, Opfer und Bewesie verschwinden zu lassen, was wiederum den verbleibenden Mitwisser:innen ermöglicht, ihr Leben in einem Epilog glücklich weiterzuführen.

Ich empfehle Das verlorene Labyrinth.

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Krimi Roman

Fritz Lehner – Seestadt

CN: Mord, Gewalt, Geschwurbel


Ein wegen Totschlags verurteilter Mörder (ja, genau so meine ich das) wird mit Fußfessel auf Bewährung entlassen und fristet nun ein neues geregeltes Leben als „Aura-Chirurg“ im neuen Wiener Stadtviertel Seestadt. Kundschaft für seine Aura-Chirurgie findet er genug in der Bevölkerung des neuen Stadtteils, der sich angeblich über einem früheren Kriegsschauplatz befindet. Das Herumschneiden in der Aura seiner Patient:innen ist ihm jedoch bald nicht mehr genug. Der Fund eines Bajonetts kombiniert mit einer Idee für das perfekte Alibi gibt den Ausschlag zur neuen Mordserie, die die Seestadt erschüttern wird …

Viel Lokalkolorit, von dem ich sicher nach nur wenigen Besuchen (zB 2015) in der Seestadt nicht alles verstanden habe. Die Erzählung aus der Perspektive des Mörders lässt unter anderem die anderen zwielichtigen Gestalten der Geschichte normal wirken, geradeso als wären die Opfer die eigentlichen Fremdkörper in der Seestadt. Ein amüsanter Krimi für Menschen, die sowas mögen.