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Erzählung

Volker Kutscher, Kat Menschik (Illustr.) – Moabit

CN: Gewalt, Mord


Volker Kutscher fügt seiner Serie um Kommissar Gereon Rath einige Ergänzungen hinzu, ausgestattet mit Illustrationen von Kat Menschik. Im Mai habe ich bereits Mitte gelesen und dabei auch schon über den Illustrationsstil geschrieben. Hier zeigen die Illustrationen oft zeitgemäße Werbebotschaften zum Beispiel für Kohle Tabletten (sic!), den Magenbitter Kümmerling oder die Juno-Zigaretten, die Charly später in den Büchern rauchen wird.

Die Geschichte wird von drei Personen erzählt: Zuerst kommt der Schränker Adolf Winkler zu Wort, ein Berufsverbrecher vom Ringverein Berolina, der viel auf seine Ganovenehre hält. Eine Zusammenarbeit „mit Zuhältern und Drogenhändlern“ kommt für seinen Ringverein nicht in Frage. Saubere (Ein-)„Brüche, bei denen niemand zu Schaden kommt“, sind das Geschäft der Berolina.

Der Schränker entkommt im Gefängnis nur knapp einem Mordanschlag, er wird in letzter Sekunde gerettet vom Oberaufseher Christian Ritter. Der ist natürlich der Vater von Charlotte Ritter, die in diesem Buch gerade ihr Abitur abgeschlossen hat und fleißig übt, um als Stenotypistin Geld zu verdienen. Außerdem hat sie gerade ihre Freundin Greta kennen gelernt, mit der sie in den späteren Büchern auch zusammenwohnt. Heimlich schlägt sie sich mit ihr in den Tanzlokalen Berlins die Nächte um die Ohren.

Es ist ein Blick in eine Zeit vor den Ereignissen der Rath-Serie, in ein 1927, das noch nicht vom Nationalsozialismus geprägt ist. Und doch wirft das Ende bereits die Schatten voraus, die wir von den Büchern der Rath-Serie bereits kennen.

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Roman

Jacqueline Harpman – I Who Have Never Known Men

CN: Gefangenschaft, Einsamkeit, Krebs, Tod, Mord, Suizid


Perhaps I have tried to create time through writing these pages. I begin, I fill them with words, I pile them up, and I still don’t exist because nobody is reading them. 

Vermutlich werd ich auf Lithub von diesem Buch gelesen haben, im Juli 2022 wurde dort ein Excerpt geposted. Das Buch hatte ich seit Längerem auf meiner Liste, vor einiger Zeit habe ich dann ein Hold gebucht, weil das Buch immer langfristig vergeben und damit also sehr gefragt war. Daraus hatte ich wiederum geschlossen, es wäre ein aktuelles Werk, obwohl das französischsprachige Original bereits im Jahr 1995 erschienen ist und die Autorin 2012 verstorben ist. Gerade wurde eines ihrer anderen Werke We Were Forbidden auf englisch (neu?) veröffentlicht. Parnassus hat ein Interview mit der Übersetzerin Ros Schwartz geführt: A Creative Act, Period: An Interview with Translator Ros Schwartz.

Eine Gruppe von 40 Frauen wird in einem Bunker in einem Käfig gefangen gehalten. Die Jüngste von ihnen erzählt diese Geschichte. Sie beschreibt zuerst die Bedingungen der Gefangenschaft: Die Frauen werden immer von drei Wächtern beaufsichtigt. Sie dürfen sich gegenseitig nicht berühren, sie dürfen sich nicht selbst etwas antun. Sie erhalten gerade so viel Wasser und Nahrung, dass sie überleben können. Alle außer der Erzählerin erinnern sich an ihr Leben vor der Gefangenschaft, aber keine weiß, warum sie gefangen gehalten werden oder wie sie an diesen Ort gekommen sind.

Eines Tages ertönt während des Wachwechsels ein Alarmsignal, die Wärter verschwinden, die Protagonistin ergreift ihre Chance und die Frauen entkommen ihrem Käfig. An der Oberfläche finden sie ein weites, ebenes Land, von den Wächtern keine Spur. Bei ihren Erkundungsgängen finden die Frauen weitere Bunker wie den, aus dem sie entkommen sind. Der einzige Unterschied: in allen anderen Bunkern sind die Gefangenen nicht entkommen.

Whether it was their fault or not, they’d gone mad by force of circumstance, they’d lost their reason because nothing in their lives made sense any more. 

Die Frauen haben ihren Käfig verlassen und sind trotzdem weit entfernt von der Welt, an die sie sich erinnern. Sie wissen nicht mal, ob sie auf einem anderen Planeten sind. Aus den Vorräten in den Bunkern können sie sich versorgen, sie bauen Häuser und bauen sich ein neues Leben auf. Und doch bleibt es immer nur ein Überleben. Zuerst sterben die Älteren unter ihnen; mit den Jahren erkrankt eine nach der anderen an der Aussichtslosigkeit und Eintönigkeit ihres Lebens, am gänzlichen Loslassen aller Hoffnung und aller Erwartungen.

There had been so much hope when we’d escaped from the prison, and then this slow dissipation, the gradual abandonment of all expectations, a defeat that had killed everything without a battle. She wondered when it had dawned on us that we were as much prisoners out in the open as we had been behind bars.

Das ist eines dieser Bücher mit einer vorangestellten Einleitung, die eigentlich am Ende stehen sollte. Ich habe die Einleitung erst nachträglich gelesen, sie nimmt Bezug auf viele Ereignisse der Handlung und erklärt diese zusätzlich. Ich selbst habe viele Parallelen, die Sophie Mackintosh in der Einleitung zieht, gar nicht wahrgenommen. Sie schreibt, dass die Protagonistin ein Beispiel dafür ist, wie ein Mensch sich entwickelt, der ohne Kultur, ohne soziale Konstrukte, ohne Wissen aufwächst. Was wird aus einem Menschen, der zurückgeworfen auf seinen eigenen Kern in Isolation erwachsen wird? Diesen Teil kann ich noch nachvollziehen, Mackintosh schreibt aber auch, dass die Frage, ob die Frauen jemals eine Antwort gefunden hätten, wenn sie nur länger und weitläufiger gesucht hätten, gar nicht beantwortet werden soll. Sie meint, es ginge eigentlich um den Prozess des Damit-Fertig-Werdens, um das Verständnis von uns selbst.

Would they have found the answers over a distant horizon, even if decades in the future? […] It’s a puzzle that cannot be solved, isn’t supposed to be solved, because it is in the process of grappling with it that we discover the point of ourselves. (Introduction by Sophie Mackintosh, 2019)

Schon aufgrund der Situation, dass eine einsame Person ihre Geschichte aufschreibt, drängt sich die Erinnerung an Marlen Haushofer – Die Wand auf. Ähnlich ist auch, dass durch die ungewöhnlichen Lebensumstände Alltagssituationen gleichzeitig ausgeschaltet werden und analysiert werden können. Ich erinnere mich, dass Haushofers Protagonistin beschreibt, wie unbedeutend ihre Weiblichkeit nun ist, da sie allein im Wald mit ihren Tieren lebt. Bei Harpman geht es darum, wie die Situtation sich auf die Frauen auswirkt, aber auch wie sich die Protagonistin, die nicht nur keine Männer, sondern auch kein Leben vor dem Käfig kannte, von ihren Mitgefangenen unterscheidet. Da sich die Frauen im Käfig nicht berühren dürfen, wurde auch die Protagonistin als Kind nie umarmt oder durch Berührungen getröstet. Berührungen bleiben ihr zeitlebens zuwider. Sie kennt keine sozialen Traditionen, sie lehnt sich auf dagegen, dass sie als Jüngere den Befehlen der älteren Frauen gehorchen soll. Die Abwesenheit einer Vergangenheit scheint sie gleichzeitig stärker zu machen. Den Tod ihrer letzten Mitgefangenen empfindet sie nicht als Verlust. Es verschafft ihr Freiheit, sich nicht mehr um eine andere Person kümmern zu müssen.

We had survived the prison, the plain and the loss of all hope, but the women had discovered that survival is no more than putting off the moment of death.

Aber auch die Erzählerin wird alt, ohne der Lösung des Rätsels wirklich näher zu kommen. Die Fragen bleiben unbeantwortet.

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English Roman

Jesmyn Ward – Sing, Unburied, Sing

CN dieses Buch: Drogenmissbrauch, Krebs, Krankheit, Sterben, Erwähnung von Vergewaltigung, Mord
CN dieser Post: –


Home is about the earth. Whether the earth open up to you. Whether it pull you so close the space between you and it melt and y’all one and it beats like your heart.

Eine fantastische Familiengeschichte, die verschiedene Generationen und Zeitebenen miteinander verwebt. Neben der harschen Alltagsrealität, in der Jojo und seine Schwester Kayla mit ihrer Mutter Leonie und deren Freundin Misty auf dem Weg sind, um ihren Vater Michael nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis abzuholen (und gleichzeitig eine Ladung Drogen zu transportieren), erinnert sich Jojos Großvater Pop an seine Zeit im selben Gefängnis, die er gemeinsam mit einem jungen Mann (noch ein Kind nach heutigen Begriffen) namens Richie verbrachte. Daraus entspinnt sich eine Familiengeschichte, die es möglich macht, Geister von Verstorbenen sprechen zu lassen, ohne dass dies wie ein völliges Abdriften ins Fantastische aussieht. Manche Romane schaffen diese Gratwanderung, aus einer völlig tristen Alltagsbeschreibung in diese Parallelwelt auszuweichen, ohne dabei ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. Die Auflösung zum Titel am Ende des Buches hat mir sehr gut gefallen.

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Roman

Jacquelyn Mitchard – The Good Son

CN dieses Buch: Drogenmissbrauch, Tod, Totschlag, Suizid, Suizidgedanken, Gewalt
CN dieser Post: Drogenmissbrauch, Totschlag, Tod, Gewalt


No part of this process was easy, no part was going the way I had hoped it would. But I had no choice.

Dieses Buch beginnt an dem Tag, als Theas Sohn Stefan aus dem Gefängnis entlassen wird. Er wurde für schuldig befunden, seine Freundin Belinda unter Einfluss von Drogen erschlagen zu haben. Die Anklage lautete auf Totschlag, Stefan war vor diesem Vorfall unbescholten und hat sich in seiner Zeit im Gefängnis mehr als vorbildlich verhalten. Als er nach etwas mehr als zwei Jahren auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen wird, beginnt für ihn und seine Familie eine Zeit, die sich als noch schwerer erweist als die Zeit, die er tatsächlich im Gefängnis verbracht hat.

In Rückblenden wird erzählt, was zu der aktuellen Situation geführt hat. In Gesprächen wird die Beziehung zwischen Stefan und Belinda beleuchtet, es wird hinterfragt, was zu dieser Gewalttat geführt haben kann (so ungerechtfertigt sie natürlich ist) und Stück für Stück enthüllt, welche Gefühle die einzelnen beteiligten Personen in diesem Drama erleben und verarbeiten müssen.

Before today, was it because deep down, despite my stance to the contrary, I was ashamed of my son? Yes. A part of me resented the way his wrongdoing had muddied up my security, my serenity, my own space on earth. And now, the door to our front porch suddenly looked like the portal to hell.

Gegenüber der Protagonistin Thea, die ihren verurteilten Sohn weiter liebt, obwohl er ihr manchmal Angst macht, steht Jill, die Mutter der ermordeten Belinda. Ihre Trauer begräbt und befeuert sie in einer fortwährenden Kampagne gegen den Mörder ihrer Tochter im Rahmen einer von ihr gegründeten Organisation, die auf Gewalt in Beziehungen aufmerksam machen soll. Stefan selbst kann sich an die Ereignisse in der Todesnacht von Belinda nicht erinnern, davor sagt er, niemals gewalttätig gegenüber ihr oder einer anderen Person gewesen zu sein, was jedoch viele nicht glauben.

Die Geschichte geht sehr in die Tiefe und beleuchtet sowohl die Gefühle der beiden Mütter, als auch die Gefühle des verurteilten Sohns, der sich das Verbrechen an seiner Freundin selbst nicht erklären kann und damit weiterleben muss, dass etwas geschehen ist, für das er verantwortlich ist und dass er nicht rückgängig machen kann. Es ist ein Lebensereignis, das nicht nur sein Leben in ein eindeutiges Vorher und Nachher spaltet. Dieses Buch erzählt von Menschen in Lebenssituationen, die wir alle niemals erleben wollen. Und hilft dabei, sich bewusst zu machen, dass nicht immer alles so eindeutig ist, wie es uns scheint.

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English Roman

Rachel Kushner – The Mars Room

CN dieses Buch: Mord, Gewalt, Stalking, sexuelle Handlungen, Suizid, Drogenmissbrauch
CN dieser Post: Erwähnung von Stalking


Prison was a place where you had to be strong to get through each day. […] To stay sane, that was the thing. To stay sane you formed a version of yourself you could believe in. 

In letzter Zeit passiert es mir immer wieder, dass ich ein Buch von meiner Bookmark-Liste in der Libby-App auswähle, weil es gerade verfügbar ist, ohne dass ich mich noch erinnern könnte, warum ich es überhaupt auf die Liste gesetzt habe oder worum es in dem Buch überhaupt geht. Der Titel dieses Buchs The Mars Room deutet nämlich kaum darauf hin, dass sich die Geschichte zu großen Teilen im Frauengefängnis abspielt.

Schon der erste Absatz zieht die Leserin direkt in die Geschichte hinein und stellt sowohl die Protagonistin Romy Hall, als auch ihren Status als Insassin eines Frauengefängnisses sowie ihren aktuellen Aufenthaltsort in einem Überstellungstruck in wenigen Sätzen klar. In den weiteren Kapiteln wird teilweise aus Romys Perspektive erzählt, aber auch andere Personen kommen zu Wort. Besonders bedrückend ist dabei die Perspektive durch die Augen und den Geist Kurt Kennedys, die kurz vor Ende auflöst, weswegen Romy überhaupt im Gefängnis gelandet ist.

I have no plans at all. The thing is you keep existing whether you have a plan to do so or not, until you don’t exist, and then your plans are meaningless. But not having plans doesn’t mean I don’t have regrets.

Thematisiert werden auch die speziellen Schwierigkeiten von transsexuellen Personen im Gefängnissystem. Dort gibt es kein diverses Geschlecht, es gibt nur weiblich und männlich. Menschen, die sich in diesen binären Kategorien nicht wiederfinden, sind gerade im Gefängnissystem unvorstellbaren Anfeindungen und Gefahren ausgesetzt. Als Parallele in der realen Welt lassen sich die Erlebnisse von Whistleblowerin Chelsea Manning erwähnen.

Randnotiz: Beim titelgebenden Mars Room handelt es sich um einen Strip Club. Romy beschreibt ihre männlichen Kunden als wandelnde Brieftaschen, die es möglichst effizient auszunehmen gilt. Eine andere Perspektive auf die Arbeit in einem (realen) Strip Club liefert diese Folge des Podcasts Death, Sex & Money, in der eine Tänzerin erklärt, dass sie ihre Arbeit hauptsächlich als therapeutisch begreift. Ein interessanter Einblick in eine Art Parallelwelt, die viele von uns vermutlich nur aus der verzerrten Darstellung in den Medien kennen.

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Krimi Roman

David Lagercrantz – Verfolgung

Aber diese Forscher – und allen voran ein gewisser Professor der Soziologie namens Martin Steinberg – waren der Meinung, dass wir mehr oder weniger zwangsläufig von äußeren Umständen beeinflusst würden. Ein bestimmter Muttertyp, bestimmte soziale und kulturelle Faktoren sollten mehr oder weniger automatisch einen bestimmten Menschenschlag hervorbringen. Aber so ist es nicht – bei Weitem nicht. Der Mensch ist viel komplexer.

Der Start in den zweiten Teil der Fortsetzung der Millenium-Reihe von David Lagercrantz nach Stieg Larsson ist überraschend, die Leserin findet die Protagonistin Lisbeth Salander im Gefängnis wieder. Diese Geschichte erweist sich als erstaunlich dicht, sie enthält eine Vielzahl gesellschaftlicher und sozialer Probleme und zusätzliche Protagonist*innen, die mit Lisbeths Kindheit und Jugend in Zusammenhang stehen.

Im obigen Zitat nehme ich Bezug auf ein soziologisches Experiment, dem Lisbeth, ohne es zu wissen, angehörte. Ich musste dabei darüber nachdenken, wie viel ich in meinen 6 Semestern Bildungswissenschaft über die ethischen und moralischen Schwierigkeiten mit soziologischen Experimenten gelernt habe. Es ist im Prinzip unmöglich, das Verhalten von Menschen unbeeinflusst zu beobachten: Es ist ethisch nicht vertretbar, Menschen ohne ihre Einwilligung zu beobachten. Sobald Menschen allerdings wissen, dass sie beobachtet werden, reagieren sie anders, als sie es ohne das Wissen, dass sie beobachtet werden, getan hätten. Unterschiedliche Formen von Bias wurden hierbei untersucht und definiert.

In der Gestalt der Familie Kazi wird auch ein religiöser Aspekt zum Thema; ein Bereich, der in meiner (kürzlich aufgefrischten) Erinnerung in den ersten drei (bzw. vier) Bänden keine Rolle spielte. Wobei eher die Kritik an der fundamentalistischen Auslegung des Korans durch die männlichen Familienmitglieder und die damit in Zusammenhang stehende Unterdrückung von Lisbeths Gefängnisnachbarin Faria Kazi im Vordergrund steht.

Jedenfalls handelt es sich hier um eine gelungene Fortsetzung der Reihe, die auf deutlich weniger Seiten als der vierte Band (in meinem Fall in der Onleihe-App mit angepasster Schriftgröße: Band 4: ~830, Band 5: –530) eine sehr dichte Kriminalgeschichte präsentiert, die (Achtung, es folgt ein Minispoiler) die Auflösung von Lisbeths Konfrontation mit ihrer Schwester Camilla in den 6. Band verschiebt.

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Erzählung

Nick Flynn – Bullshit Nights

Jedes Jahr seines Lebens ist ein Kapitel, das Leben selbst ist ein Buch.

Was tun, wenn der eigene Vater obdachlos wird? Selbst wenn dieser Vater abwesend war, keine Alimente zahlte, sich nicht um seine Kinder kümmerte, bleibt er doch der Vater? Diese Frage stellt sich der Autor Nick Flynn, der in diesem Buch (laut Klappentext) seine eigene Lebensgeschichte in manchmal blumige (ein Theaterstück über betrunkene Weihnachtsmänner und ihre Töchter) und manchmal weniger blumige (die Beschreibungen der Prozeduren im Obdachlosenheim) Worte fasst.

Auch hier zeigt ein Episodencharakter, dass es sich um Erinnerungen handelt und nicht um eine stringente Romanhandlung: Fragmente von Kindheitserinnerungen, Geschichten und Fotos, Momentaufnahmen eines Lebens, an die man sich auch Jahrzehnte später noch erinnert, weil sie sich emotional eingegraben haben. Bei den geradlinig erzählten Kapiteln stellt sich so schnell das Gefühl ein, hier einen erfundenen oder zumindest geschönten Teil vor sich zu haben.

Zwischen den Zeilen findet sich dann die wahre Geschichte: die Ziellosigkeit, die mit Obdachlosigkeit einhergeht. Es gibt keine Zukunft jenseits der Nacht, die der Obdachlose überstehen muss, ohne dass ihm auch noch die letzten Besitztümer geraubt werden. Dieselbe Ziellosigkeit prägt auch die Mitarbeiter des Obdachlosenheims. Nur sehr wenige Obdachlose schaffen es nach einer längeren Zeit auf der Straße wieder zurück in ein geregeltes Leben. Die Arbeit im Obdachlosenheim besteht also auch nur im Erhalten eines unbefriedigenden Status quo. Eine Verbesserung, irgendwelche Möglichkeiten für die Zukunft sind nicht in Sicht. Und doch muss es jeden Tag weiter gehen. Je nach Blickwinkel eine hoffnungslose oder hoffnungsvolle Aussicht. Es kommt immer ein neuer Tag.

Mein Vater, der in einem Pappkarton geschlafen hat, besteht auf zwei Millionen, besteht auf eine Scheune, um das Projekt, das sein ganzes Leben bestimmt, das Buch, an dem er schon vor meiner Geburt schrieb, anfangen oder vollenden zu können.

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Roman

Ornela Vorpsi – Das ewige Leben der Albaner

Auch wenn der Titel anders klingt: Ornela Vorpsi ist eine Meisterin der poetischen Verknappung. Ihre Szenen der albanischen Kindheit der 1980er Jahre leuchten. Erstaunlich, bei der kommunistischen Agonie, von der sie erzählen. (Zeit.de)

Irgendwie bringe ich bei diesem Buch die Beschreibungen von anderen mit der Realität nicht in Einklang. Der obige Absatz aus den Zeit.de-Empfehlungen aus verschiedenen Ländern zu Fußball-EM-2016 bezieht sich hauptsächlich auf den humoristischen Aspekt, den manche der Episoden tatsächlich enthalten. Mir fiel es jedoch schwer, angesichts der vielen harten, kalten und grausamen Details ein Leuchten in den Szenen zu sehen. Auch der Klappentext verspricht Ähnliches (die schreiben doch voneinander ab, oder?).

Ornela Vorpsi erzählt vom Heranwachsen eines aufgeweckten Mädchens in der archaisch-verrückten Welt Albaniens.

Einen roten Faden bildet die Geschichte des abwesenden Vaters, der als politischer Gefangener im Gefängnis sitzt. Nach seiner Entlassung findet er keinen Zugang mehr zu seiner Familie, die Kluft der Erlebnisse, die zwischen ihnen liegt, scheint unüberwindbar.

Was der Klappentext also archaisch-verrückt nennt, klang für mich eher wie die Beschreibung eines grausamen Alltags, in dem weder für Freude noch für jegliches Abweichen vom Althergebrachten Platz ist. Eine Gesellschaft, die mir kein guter Platz für aufgeweckte Mädchen zu sein scheint.

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Musical Roman

Manuel Puig – Der Kuss der Spinnenfrau

Seit Jahren hatte ich diesem Roman im Regal stehen, irgendwann gekauft, weil ich ja immer gerne die Basis lese, aus der ein Musical gemacht wurde. Tatsächlich habe ich Der Kuss der Spinnenfrau aber nie auf der Bühne gesehen. Das Stück wurde im Oktober 1992 in London uraufgeführt und schon Ende 1993 fand die deutschsprachige Erstaufführung in Wien statt. Meine Musical-Erfahrung begann jedoch erst 1995 mit Elisabeth.

Die dramatische Geschichte macht dieses Musical eher unattraktiv für Intendanten im deutschsprachigen Raum. Viele Verantwortliche gehen leider nach wie vor davon aus, dass ein Musical unterhalten muss und wenn es schon ein dramatisches Thema sein darf, dann hält man sich an die erfolgreichen Klassiker wie West Side Story oder Anatevka.

Wenn man sich die Zusammenfassung der Spinnenfrau durchliest, fragt man sich unwillkürlich, wie überhaupt jemand darauf kommen kann, dass sich dieses Buch als Basis für ein Musical eignet. Texter Fred Ebb beschreibt es in The Art of the American Musical folgendermaßen:

The fact is there was something about that material that inspired me. I felt that it was really interesting; it was very daring, it was bold, it was essentially terrifically romantic, and it offered a great contrast between the harsh reality of prison and the wonderful fantasy of a man’s imagination.

Fred Ebb, The Art of the American Musical

Zwischen der harschen Gefängniswelt und den farbenfrohen Filmwelten, die Molina in seinen Erzählungen auferstehen lässt entsteht ein scharfer Kontrast, der wiederum auf der Bühne eine Aufteilung in Charaktersongs und große Musicalnummern ermöglicht.

Interessant ist jedoch, dass die Spinnenfrau Aurora, die im Musical das prägende Element ist, im Buch gar nicht vorkommt. Zu Beginn erzählt Molina Valentin einen Film über eine Pantherfrau und erst in einem Dialog gegen Ende des Buches, kurz vor Molinas Entlassung, bezeichnet Valentin Molina selbst als Spinnenfrau. Im Wikipedia-Artikel heißt es, die Handlung weiche nur in wenigen Details von der Romanvorlage ab. Diese Details erscheinen mir jedoch als wesentlich, gerade der unterschiedliche Schluss macht eine ganz andere Geschichte daraus. Molinas Entscheidung, sich Valentins revolutionärer Gruppe anzuschließen (oder eben nicht), prägt die komplette Beziehung der beiden. Von einem Happy End kann man so oder so nicht sprechen. Hoffentlich ergibt sich eine Gelegenheit, das Musical irgendwo in Europa zu sehen, das Buch weckt großes Interesse an der theatralischen Umsetzung.

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Roman

Viktor Martinowitsch – Paranoia

Zur Vermeidung ungewollter Straftaten ruft der Autor dazu auf, von der Lektüre dieses Buches Abstand zu nehmen, wohl wissend, dass er es im Grunde besser gar nicht erst geschrieben hätte.

Für die Reading Challenge brauchte ich auch ein verbotenes Buch, das erschien mir zuerst wie eine schwierige Aufgabe, in Österreich werden heutzutage wohl kaum noch Bücher verboten. Doch schon recht bald spülte mir der Newsfeed eine Meldung entgegen, die ich mir für diesen Zweck notierte: Viktor Martinowitsch auf der Verbotsliste.

Der Roman beginnt mit einigen Observierungsprotokollen des Ministeriums für Staatssicherheit. In einer leeren Wohnung werden Briefe unter der Tür durchgeschoben. Im nächsten Kapitel beginnt der regimekritische Schriftsteller Anatoli Newinski eine Affäre mit einer unbekannten Frau, die er in einem Café kennenlernt. Der romantisch veranlagte Anatoli wirft liebeskrank all sein Dasein in dieses Verhältnis. Bis er entdeckt, dass die geliebte Jelisaweta Beziehungen zu höchsten Regierungskreisen hat.

Von diesem Punkt an erfährt der Leser die Geschichte wieder aus Observierungsprotokollen. Anatoli und Jelisaweta setzen ihre Affäre in einer Wohnung fort, die vom Ministerium für Staatssicherheit komplett überwacht wird. Stück für Stück kann man beobachten, wie auch die geheimen Treffpunkte der beiden (wo wir Seifenblasen gemacht haben) von den Observierenden entschlüsselt werden. Die Liebenden verstecken sich in dieser Wohnung und fühlen sich wie in einer Seifenblase. Sie ahnen, befürchten bereits, wissen aber nicht, wollen nicht wissen, dass alle ihre Bewegungen und Gespräche aufgezeichnet werden, ja, sogar ihr Müll durchsucht wird.

Ihr ganzer Schrecken und ihre Allwissenheit sind nur aus unserer Paranoia geboren. Wir müssen nur aufhören, uns vor ihnen zu fürchten, schon können wir sie nicht mehr ernst nehmen. Was kann uns denn passieren? Im schlimmsten Fall?

Anatoli wird herausfinden, was im schlimmsten Fall passieren kann. Die überraschende Wendung, die das Buch im letzten Drittel nimmt, ist so verstörend, dass ich nichts vorwegnehmen will. Nach meiner Meinung sollte dieses Buch dringend in Schulen gelesen werden. Vor 15 Jahren (aktuelle Informationen dazu habe ich nicht) wurde in der Oberstufe versucht, mittels 1984 den Jugendlichen die Gefahren eines totalitären Staates und der damit einhergehenden Überwachung zu verdeutlichen. Bei mir kam das Verständnis dafür erst Jahre später an. Zu dystopisch, zu weit weg, vielleicht sogar zu weichgespült ist Orwells Vision im Vergleich zu den knallharten Observierungsprotokollen in Paranoia. Der Leser erlebt ein reales Land im heutigen Europa. Der Autor selbst wurde bei einer Lesung verhaftet und wartet nun auf die Anklage. Er sagt dazu: „Ich weiß bis heute nicht, was mir vorgeworfen wird.“ Neuere Informationen zu dieser Anklage habe ich im Netz nicht finden können. Was auch wiederum einiges aussagt.

Interessante Einblicke bietet auch dieser Tagesspiegel-Artikel (Spoiler-Alarm: am Ende des Artikels wird vom Inhalt deutlich mehr verraten als hier).

Pflichtlektüre sollte Paranoia auch für alle sein, die nichts zu verbergen haben. Selbst dann, wenn man sich tatsächlich nach den herrschenden Gesetzen und den eigenen Moralvorstellungen nichts vorzuwerfen hat, ist es für Außenstehende mit Zugang zu den privatesten Informationen und Gesprächen (und damit ausgesprochenen Gedanken) ein Leichtes, bekannte Fakten zu verdrehen und daraus eine vollständig andere Situation zu konstruieren. In Martinowitschs Paranoia gibt es keine Privatsphäre mehr. Die beobachteten Subjekte bemühen sich um Heimlichkeit und werden doch vom ersten Moment an ständig beobachtet. Die Geschichte erläutert ganz deutlich, wie sich das Gefühl des Beobachtet-Seins auf die Psyche auswirkt.

Schließen möchte ich mit diesem Snowden-Zitat:

Arguing that you don’t care about the right to privacy because you have nothing to hide is no different than saying you don’t care about free speech because you have nothing to say.

Reading Challenge: A banned book