Amanda Palmer – The Art of Asking

Um ehrlich zu sein, ich hatte mich mit Amanda Palmer und ihrer Musik bisher nicht besonders befasst. Coin Operated Boy hab ich damals™ (2009) mitbekommen, wurde mir aber durch die Verwendung in einer TV-Werbung eines Fruchtsirupherstellers effektiv verleidet. Im Anschluss an das Lesen des Buches hab ich mir die dazugehörige Playlist durchgehört und kann jetzt sagen, dass mir ihre neueren Werke auch deutlich besser gefallen.

Das Buch befasst sich weit ausholend mit allen Fragen zum Thema Bitten: wer darf um Hilfe bitten, worum darf jemand bitten, wer darf wen um Hilfe bitten und wie funktioniert das Ganze überhaupt. Viele Menschen haben Skrupel, um Hilfe jeglicher Art zu bitten. Ich kann das persönlich gut nachvollziehen, ich möchte auch niemandem zur Last fallen. Ähnliches schrieb auch die Kaltmamsell kürzlich in ihrem Blog: es fällt ihr nicht leicht, um Hilfe zu bitten, meistens fällt es ihr zu spät ein, dass das überhaupt eine Option ist. Und einige Tage später erzählt sie dann von einer Nachbarin:

Eine verhältnismäßig neue Nachbarin (etwa in unserem Alter) kennengelernt: Sie klingelte, weil sie ihren Wohnungsschlüssel in der Arbeit vergessen hatte. Und fragte, ob sie ihre schwere Tasche bei uns unterstellen könne, um schnell zurück ins Büro und zu ihrem Schlüssel zu radeln. (So verhalten sich also Menschen, für die das Bitten um Hilfe eine naheliegende Option ist – toll!)

Die Gründe, warum viele Menschen sich mit dem Bitten schwer tun, sind vielfältig:

… die Angst, sich verletzbar zu machen, die Angst vor Zurückweisung, die Angst bedürftig oder schwach zu wirken. Die Angst, der Gemeinschaft zur Last zu fallen, statt sie zu bereichern.

Es gibt jedoch auch die andere Seite des Bittens: das Geben und das Helfen. Wer nicht bittet, dem wird nicht geholfen (werden können). Gleichzeitig kann eine Bitte auch als Geschenk an die Person betrachtet werden, die um Hilfe gebeten wird. Nicht nur das Geben und Helfen ist ein Geschenk und eine Gabe. Auch das Bitten ist eine Gabe. Es gibt der anderen Person das Gefühl, etwas Gutes, Wichtiges und Sinnvolles tun zu können. Das Gefühl, gebraucht zu werden. Und manchmal auch das Gefühl, ein Teil von etwas Größerem zu sein.

Das Buch beleuchtet in mehr oder weniger chronologischer Form die Entwicklung von Amanda Palmers Karriere von ihren Anfängen als lebende Statue über die frustrierenden Erfahrungen mit ihrer Plattenfirma (zu Zeiten der Dresden Dolls) und schließlich ihren großen Erfolg mit Crowdfunding: ihre Kickstarter-Kampagne war die Erste, die die Millionen-Marke erreichte. Damit verwoben sind aber auch ihre persönlichen und privaten Erfahrungen: ihre eigenen Skrupel, sich von ihrem (berühmten) Ehemann Neil Gaiman in knappen Zeiten finanziell aushelfen zu lassen, aber auch das Bitten um eine Umarmung im richtigen Moment. Sie beschreibt Freundschaften, die auf der Basis des Einanderhelfens entstanden sind und verknüpft dies mit einer intensiven Betrachtung der Frage, was Vertrauen ausmacht und wie wichtig Vertrauen ist, wenn es darum geht, eine Person um etwas zu bitten.

Als Einstieg für Interessierte ist dieser TED-Talk von Amanda Palmer zu empfehlen, der die Grundzüge des Konzepts „Bitten und Crowdfunding im Music Business“ in 13 Minuten anschaulich erklärt. Die bereits per Crowdfunding finanzierten Alben von Amanda Palmer sind auf Bandcamp als „free / name your price“ zum Download zu finden. Für langfristige Unterstützung von Musikern, Podcastern, Künstlern aller Art, hat sich aktuell Patreon etabliert, auch hier ist Amanda Palmer zu finden.

Abschließen möchte ich mit diesem Zitat, ein weiteres Puzzleteil zur Antwort auf die Frage, was eigentlich Kunst ist:

Man ist ein Künstler, wenn man sagt, dass man einer ist. Und man ist ein guter Künstler, wenn man jemandem ein tiefes Gefühl oder eine unerwartete Erfahrung beschert.

PS: Warum sind die Zitate auf deutsch? Ich habe die deutsche Version des Buches von einem Freund geliehen bekommen, ich empfehle jedoch die Lektüre des englischen Originals, die deutsche Übersetzung ist stellenweise schmerzhaft.

James Dashner – The Death Cure

But let me ask you this – are you telling me that the lives of a few aren’t worth losing to save countless more?

Im dritten Teil der Maze-Runner-Serie sind Janson und seine Komplizen von WICKED fest davon überzeugt, dass die einzige Chance, um eine Behandlung für das tödliche Flare-Virus zu entwickeln und damit das Überleben der Menschheit zu sichern, im Vollzug des Experiments liegt. Thomas, Minho und Newt weigern sich jedoch, die Operation vornehmen zu lassen, die ihnen ihre Erinnerungen zurückgeben soll. Es gelingt ihnen, zu fliehen und sich nach Denver durchzuschlagen. Denver erscheint zuerst als sichere Stadt, Einwohner und Besucher werden akribisch auf die Krankheit getestet und doch gibt es immer wieder Fälle der tödlichen Krankheit.

He almost wanted to laugh at the irony. They had made him a killer … to save people?

Thomas wird mit den schwersten Entscheidungen konfrontiert, die ein Mensch treffen kann. Ist es gerechtfertigt, einen Freund zu töten, um ihn von seinem Leid zu erlösen? Ist es wert, das Leben eines Einzigen zu opfern, um damit (möglicherweise) viele zu retten? Diese essentiellen Fragen gehen zwar beinahe im Chaos der untergehenden Welt verloren, bleiben aber doch länger im Gedächtnis hängen.

Carlos Ruiz Zafón – Der Mitternachtspalast

Die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass die Zukunft ihr unerträglich viel Zeit geben würde, die Fehler der Vergangenheit zu bereuen.

Dieses Buch steht seit über zwei Jahren bei mir im Regal (damals hatte ich mir tatsächlich eine Kaufnotiz per Post-It ins Buch geklebt, eine Angewohnheit, die sich nicht lange gehalten hat). Zur Ablenkung brauchte ich eine Geschichte, die unterhält, ohne zu viel Hirnkapazität zu erfordern und Carlos Ruiz Zafon erschien mir hier als passend. Erst während des Lesens hatte ich mich daran erinnert, dass das letzte Buch, das ich von ihm gelesen hatte (Der dunkle Wächter), mich nicht sonderlich begeistert hatte.

Auch bei diesem Buch handelt es sich um einen klassischen Schauerroman. Es beginnt als Krimi, stellt sich jedoch bald als Gruselgeschichte heraus. Gleich mehrere Versionen hat sich der Autor für die Vorgeschichte der Protagonisten Ben und Sheere einfallen lassen, die von den beiden und ihren Freunden im Verlauf des Buches aufgedeckt werden. Unerwartete Wendungen, spannende Szenen in einem verfallenen Bahnhofsgebäude und ein Phantom, das direkt aus den Katakomben der Oper entfleucht sein könnte, garantieren eine hohe Verfilmbarkeit des Materials. (Während ich nach einer potentiellen Verfilmung im Internet suche, stelle ich fest, dass es sich dabei wohl um den zweiten Teil der Nebel-Trilogie handelt, dessen dritten Teil ich bereits gelesen habe. Die Trilogie scheint jedoch keine direkten Verknüpfungen untereinander zu haben.)

Wer sich an der Existenz von Geistern und deren Rachegelüsten nicht stört (oder sich vielleicht sogar daran erfreut), kann mit diesem Buch ein paar unterhaltsame Stunden verleben. Nicht mehr und nicht weniger.

Paulus Hochgatterer – Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen

Julian schaut ein wenig verwirrt. „Es gibt Menschen, die haben keine Seele“, sagt der Ire, „wenn man auf sie hinhaut, ist es Sachbeschädigung.“

Zuerst habe ich mich gefreut, als ich relativ problemlos den Literaturcache über Paulus Hochgatterer zuordnen konnte. Kein Wunder, eines der gesuchten Werke habe ich schon gelesen (und – ich bin mir ziemlich sicher – auch besessen). In der Hausbibliothek hab ich es dann nicht gefunden, aber wozu haben wir denn die Büchereien Wien?

Die kurze Geschichte erzählt von drei Freunden, die gemeinsam am Wochenende zum Fliegenfischen fahren und ist angefüllt mit Psychologenwitzen und psychologischen Insiderscherzen, die mit dem Fach Vertraute vermutlich auf jeder Seite schallend lachen lassen. Man kann es spüren, dass zwischen den Zeilen deutlich mehr versteckt ist, leider fehlt mir das Wissen über Symbole und Traumdeutung und all die Zwischentöne der Männerfreundschaft. Da wird über das Mädchen fantasiert, dass das Frühstück bringt, die Frage geklärt, ob der Fisch überhaupt getötet werden darf, Konkurrenzkampf laut und heimlich ausgelebt und auch tüchtig getrunken. Wenn man mehr von Psychologie versteht, dürfte das Buch ein richtiger Knüller sein, für mich war es zumindest eine kurzweilige Unterhaltung (und natürlich ein Drittel des Weges zum Cache!).

Silvia Bovenschen – Sarahs Gesetz

Sarahs Leben, mein Leben, unser Leben in memoriam, in der Abfolge einzelner Ereignisse schier unendlich, aufs Ganze, ein Wimpernschlag nur.

Es handelt sich um ein sehr persönliches Buch. Meine Kategorisierung unter Erfahrungsbericht will vom Gefühl her nicht ganz passen, aber da die Autorin ihr Leben mit und die Geschichte ihrer Freundin Sarah erzählt, handelt es sich um eine wahre Geschichte. Die Erzählung in kurzen Kapiteln, Erinnerungen, wie man sie im Gespräch mal schnell erzählt, passt sehr gut zu dieser sehr persönlichen Geschichte.

Die Autorin selbst leidet seit ihrer Jugend an Multipler Sklerose. Mit zunehmendem Alter kann sie den Alltag nicht mehr allein bewältigen, der Zusammenzug mit der Freundin ist bereits geplant, muss jedoch aus gesundheitlichen Gründen früher stattfinden. Die pflegerischen Tätigkeiten, die ihre Freundin zweifellos auch übernommen hat sowie die Auswirkungen der Krankheit auf das gemeinsame Leben werden nur am Rande gestreift.

Viel mehr fokussiert die Autorin auf die Geschichte ihrer Freundin: was hat sie zu dem Menschen gemacht, der sie heute ist? Die Kindheit, die früh zerbrochene Beziehung zu den Eltern, die frühe Auseinandersetzung mit Kunst, die lebenslange Beschäftigung mit künstlerischen Themen, die Erfolge und auch die gescheiterten Projekte. All diese kleinen Puzzleteile machen die Persönlichkeit der Freundin aus. Es ist keine Verherrlichung ihrer Person, sondern ein ehrliches Portrait, das auch ihre Ecken und Kanten zeigt.

Die Autorin erwähnt auch, dass sie selbst Europa niemals verlassen hat. Obwohl die Freundin oft auf Auslandsreisen ging, um neue Erfahrungen zu machen, künstlerische Inspiration zu finden, Studien zu betreiben, hat sie selbst kaum das Bedürfnis, die Welt zu bereisen. Mit dieser Lebenseinstellung kann ich inzwischen auch etwas anfangen. Die Erkenntnis, dass es nicht möglich sein wird (und unfassbar anstrengend wäre), die ganze Welt zu bereisen und gleichzeitig in der Heimat verwurzelt zu sein und ehrliche, lang andauernde Freundschaften zu pflegen, hat es mir leichter gemacht, zu akzeptieren, dass ich viele Teile der Welt nur in Fernsehdokumentationen sehen werde.

Wer in die Fremde geht, will sich bereichern, er will reicher werden, schlimmstenfalls reicher an Bodenschätzen, bestenfalls reicher an Eindrücken, an Wissen, an Erfahrung, zuweilen gibt es auch die Empfehlung, in die Fremde zu gehen, um sich selbst kennenzulernen: Alternativtourismus mit therapeutischer Effizienz.

Im letzten Teil des Buches hat die Autorin Texte versammelt, die sie für Ausstellungskataloge der Künstlerin Sarah Schumann verfasst hat. Diese haben mir wieder mal eindeutig klar gemacht, dass ich von Kunst absolut gar nichts verstehe. In einem Text über die Porträts ihrer Freundin schreibt sie etwa:

Aber diese visuelle Wahrhaftigkeit ist nicht justiert. Sie markiert in ihrem Wechsel zwischen überscharfer Kontur und Schemenhaftigkeit unsere heiklen Versuche, einen Menschen in seiner Einzigartigkeit zu vergegenwärtigen, immer changierend zwischen innerer Gewissheit und unfassbarer Flüchtigkeit.

Natürlich ist mir die Bedeutung der einzelnen Worte klar, aber die Zusammensetzung will für mich selbst beim Betrachten eines Bildes der Künstlerin absolut keinen Sinn ergeben. Muss man Kunst erst studieren oder sich zumindest lebenslang damit beschäftigen, um einen Zugang dazu finden zu können? Wird man mit einem künstlerischen Mindset geboren oder lernt Mensch das im Laufe seiner Kindheit und Jugend bzw. eigentlich seines ganzen Lebens? Kann man Künstler werden oder wird man als Künstler geboren?

David Nicholls – One Day

Erst kürzlich habe ich mich gefragt, ob diese Reading Challenge so eine gute Idee war. Nach knappen 5 Monaten zeichnet sich kein großer Erfolg ab, irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass ich über den Sommer so viel aufholen werde können, dass sich das irgendwie ausgeht.

Andererseits hat es mir einen neuen Blick in manche Nischen beschert. Da ich in meinen eigenen Beständen und Listen kein Buch mit einer Zahl im Titel finden konnte, habe ich an einem Abend eine entsprechende Liste auf Goodreads durchgeblättert und mich schließlich für dieses Buch entschieden. Hauptsächlich, weil es im englischen Original in der Wiener Hauptbücherei verfügbar war. Und damit habe ich einen echten Glücksgriff getätigt, zu dem ich auf anderem Wege vermutlich nicht gekommen wäre.

Das Buch beschreibt das Leben von Emma und Dexter über einen Zeitraum von insgesamt 20 Jahren. Der dramaturgische Kniff dabei: wir sehen Emma und Dexter jeweils an einem Tag des Jahres, dem 15. Juli, die Zeit dazwischen wird teilweise nacherzählt, großteils jedoch ausgeblendet. Es beginnt am Tag der Abschlussparty, als Emma und Dexter nach einer Party die Nacht miteinander verbringen. Und endet 19 Jahre später. In dieser Zeit erleben beide viele Wendungen in ihrem Leben, auch ihr Verhältnis zueinander erlebt Ups and Downs, andere Menschen treten in die Leben der beiden und verlassen es wieder.

Es gab so viele Momente, in denen ich buchstäblich laut aufseufzen musste, weil eine Chance verpasst wurde oder eine Situation sich so vertraut anfühlte, dass man beim Lesen körperlichen Schmerz verspürt. Das liegt zum einen an der lockeren Sprache, flott und witzig geschrieben, zum anderen daran, dass einem beide Hauptpersonen (obwohl sich Dexter teilweise zu einem ziemlichen Mistkerl entwickelt) so sympathisch sind, dass man sie gerne glücklich sehen will. Ob zusammen oder allein.

Der Autor beschreibt etwa launig Emmas Gefühle bezüglich der in ihrem Freundeskreis multipel auftretenden Familiengründungen. Die freie Singlefrau Anfang 30, scheinbar beneidet von den unausgeschlafenen Müttern:

Of course, she can’t say any of this out loud. There’s something unnatural about a woman finding babies or, more specifically, conversation about babies, boring. They’ll think she’s bitter, jealous, lonely. But she’s also bored of everybody telling her how lucky she is, what with all that sleep and all that freedom and spare time, the ability to go on dates or head of to Paris at a moment’s notice. It sounds like they’re consoling her, and she resents this and feels patronized by it. It’s not like she’s even going to Paris!

Die Bewertung, ob sich Männer eher mit der männlichen Hauptfigur Dexter identifizieren können, muss ich anderen überlassen, mir persönlich war Emma deutlich sympathischer. Sie ist zwar nicht fehlerlos gezeichnet (was ja an sich schon wieder unsympathisch wäre), jedoch macht sie keine offensichtlich gravierenden Lebensfehler wie Dexter, der durch seine TV-Karriere in eine Alkohol- und Drogensucht hineinrutscht, die sein Leben über mehrere Jahre dominiert. Oft hatte ich als Leser das Gefühl, Dexter hätte mehr Glück, als er verdient, während ich Emma jede Wendung zu ihren Gunsten von Herzen vergönnen konnte.

Abschließend sei zu sagen (hoffentlich ohne zu spoilern), dass sich der Autor nicht um ein Ende herumdrückt. Im letzten Drittel hatte ich die dringende Befürchtung, es kann nur auf ein Happy End (im Sinne von endlich zusammen, happily ever after …) hinauslaufen. Diese hat sich nicht bestätigt, das Ende passt perfekt. Leseempfehlung.

Reading Challenge: A book with a number in the title

Gavin Extence – Das unerhörte Leben des Alex Woods

Ich glaube, eine Geschichte zu erzählen, ist der Versuch, die Komplexität des Lebens begreiflicher zu machen. Es ist das Bemühen, Ordnung von Chaos zu trennen, Muster von Willkür. Andere Mittel dafür sind Tarot und Wissenschaft.

Dieses Buch wurde in der Zeitschrift Wiener erwähnt, rückblickend finde ich das eine sehr interessante Wahl. Es erscheint mir streckenweise beinahe wie ein Jugendroman, obwohl das Thema Krankheit und Sterbehilfe für manche Jugendliche möglicherweise etwas zu schwierig sein könnte.

Der titelgebende Alex Woods ist ein starker Charakter und das von Beginn an. Als Zehnjähriger trifft ein Meteorit sein Haus, Alex wird davon getroffen und wird zu einer kleinen Medienberühmtheit. Als Langzeitwirkung trägt er eine Epilepsie davon, die er in den kommenden Jahren zu beherrschen lernen muss.

Auf der Flucht vor den starken Sportlercharakteren seiner Schule, die ihn sekkieren, landet er im Garten von Mr. Petersen. Nach einigen Startschwierigkeiten finden der alte allein lebende Herr und der naive, introvertierte Schüler in Kurt Vonnegut einen gemeinsamen Freund. Alex ist von seinen Büchern so begeistert, dass er einen Vonnegut-Lesekreis gründet. Obwohl die Bücher nur am Rande gestreift werden, habe ich jetzt den Eindruck, ich hätte möglicherweise eine existenzielle Ebene der Vonnegut-Bücher übersehen.

„Also glauben Sie nicht, dass Gott das Gehirn erschaffen hat?“, wollte ich wissen.
„Nein, das glaube ich nicht“, antwortete Dr. Enderby. „Ich glaube, das Gehirn hat Gott erschaffen. Denn das menschliche Gehirn, wie wunderbar es auch sein mag, ist immer noch fehlbar – wie wir beide sehr gut wissen. Es ist ständig auf der Suche nach Antworten, aber selbst wenn es so funktioniert, wie es sollte, sind die Erklärungen, die es liefert, nur selten vollkommen – besonders wenn es sich um die großen, komplizierten Fragen des Lebens handelt. Das ist der Grund, warum wir es pflegen müssen. Wir müssen ihm Raum geben, damit es sich entwickeln kann.“

Alex versucht immer, die bestmöglichen Entscheidungen zu finden und das Richtige zu tun. Das Leben stellt ihn auf eine harte Probe, als bei Mr. Petersen eine tödliche Krankheit diagnostiziert wird, deren Verlauf nur verlangsamt, aber weder aufgehalten noch rückgängig gemacht werden kann. Bevor es ihm gelingt, die richtige Entscheidung zu treffen, treffen sowohl Alex als auch Mr. Petersen einige falsche Entscheidungen.

Ein großartig geschriebener Roman mit fein ausgearbeiteten Charakteren, der ein schwieriges Thema behandelt, ohne dabei religiöse Gedanken auch nur vorkommen zu lassen. Moral hat mit Religion nichts zu tun. Man braucht keine Religion, die einem sagt, was das Richtige ist. Ein Loblied auf die Freiheit, selbst über sein Leben zu bestimmen.

Reading Challenge: A popular author’s first book
(Es ist der Debütroman von Gavin Extence, der inzwischen in England sehr populär ist. Das muss gelten ;-)

Sonia Laredo – Das Glück der Worte

Denn um aus meinem Leben ein Kunstwerk zu machen, muss ich meine Fehler bewusst korrigieren und aus ihnen lernen. Obwohl ich manchmal denke, dass es ganz angenehm sein kann, auch mal den Mut zu verlieren.

Wieder ein Buch, das zu großen Teilen in einer Buchhandlung spielt (zuletzt Mr. Penumbra’s 24-hour book store) mit einer Protagonistin, die (zu Beginn) nur ihre Bücher liebt. Außerdem spielt das Buch in Spanien, also insgesamt keine allzu schlechte Ausgangsposition. Trotzdem driftete mir das Buch teilweise zu sehr ins unrealistisch Märchenhafte ab. Der blumige Schreibstil spricht mich an und macht mich dann teilweise sprachlos ob der kompletten Abgehobenheit von der Realität.

Das Leben bietet verschiedene Möglichkeiten, völlig unterschiedliche Wege; und der Weg, für den man sich entscheidet, führt einen in einen ganz bestimmten Hafen.

Die Geschichte spielt im Heute. Die Protagonistin Brianda verliert ihren Job als Lektorin in Madrid und bricht ohne groß nachzudenken (!) ihre Zelte ab, um aufs Land zu fahren. Sie landet in einem idyllischen Dorf am Jakobsweg, wo ein Buchhändler, der sich zur Ruhe setzen will, einen Nachfolger für sein Geschäft sucht. Er nimmt Brianda bei sich auf, gibt ihr jedoch die Auflage, dass sie erst den in der Buchhandlung versteckten Schatz (!) finden muss, bevor sie seine Nachfolgerin werden kann. Als Brianda ihren Mietwagen in der nächstgelegenen Stadt zurückgeben möchte, landet sie in einem Sturm und schließlich mit einem fremden Mann in einer Blockhütte. Die spröde Brianda lässt sich verführen (!) und wird natürlich schwanger. Natürlich bleibt es nicht bei dieser Begegnung. Der Fremde lebt in Nuba und ist mit einer Verrückten verheiratet. Verrückt geworden aufgrund des Verlustes des gemeinsamen Sohnes, wie man sich in der Stadt erzählt.

Es gibt Dinge, die nicht in unserer Macht stehen. Wunder können wir nur bei uns selbst bewirken, nicht bei anderen … Manchmal sind die anderen wie der Mond. Auch wenn sie viel näher sind, können wir sie dennoch nicht berühren.

Stück für Stück deckt Brianda die Geschichte auf. Naiv kauft sie das Haus, in dem der Junge ertrunken sein soll. Die Schwangerschaft nimmt sie stoisch zur Kenntnis, obwohl ihr Auskommen in kleinster Weise gesichert ist und das Kind keinen Vater haben wird, obwohl dieser in nächster Umgebung lebt (!). Ihre Schwangerschaft macht Brianda zum Zielobjekt der verrückten Ehefrau. Briandas passive Art lässt sie sehenden Auges ins Unglück laufen.

Nach meinem Empfinden krankt die Geschichte am Konflikt, ein modernes Märchen sein zu wollen. Brianda zweifelt nicht, hinterfragt nicht, so viele Erkenntnisse scheinen vorhersehbar und erst das überraschende Finale zeigt, dass doch etwas mehr hinter der Geschichte steckt. So weit könnte ein ungeduldiger Leser aber vielleicht nie kommen.

Musikalische Randnotiz: Kürzlich flog mir wieder eine erfreuliche Album-Neuveröffentlichung zu. Vertical Horizon hatte ich leidenschaftlich gehört, zum Beispiel finden sich You’re a god und I’m still here auf meinen Favourites-Alben. Das neue Album Echoes from the underground kann nach mehrmaligem Hören mit den Favourites nicht ganz mithalten, macht mir aber trotzdem so große Freude, dass ich aufpassen muss, mit den Podcasts nicht völlig ins Hintertreffen zu geraten. Es wird Zeit für den Frühling. Urlaub wäre auch nicht schlecht.

Reading Challenge: A book by a female author

Barry Jonsberg – Das Blubbern von Glück

Ich fragte Erdferkel-Fisch um Rat hinsichtlich des Umgangs mit Wasser, denn Seekrankheit zu vermeiden, muss zu ihren Spezialgebieten gehören. Ihr war jedoch nicht nach Kommunikation, sodass ich keine Antwort erhielt.

Nach dieser Lektüre muss ich sagen: wenn auch nur ein winziger Anteil der Jugendbücher so gut sind wie dieses, sollte ich mich mehr in dieser Abteilung umsehen. Eine überzeugende Kurzrezension hatte mich zu diesem Werk greifen lassen, es soll ein Weihnachtsgeschenk für das Patenkind sein. Zum Glück hatte ich die Zeit, es vorher selbst zu lesen, weil dieses Vernügen ist gerade in der kalten, stressigen Weihnachtszeit absolut unverzichtbar.

Heldin ist die zwölfjährige Candice Phee. Sie ist seltsam und weiß das auch selbst, hat aber keinerlei Probleme damit (dieses Selbstbewusstsein hätten wir wohl alle gern). Candice’ Familie ist zerrüttet. Ihre Schwester starb am plötzlichen Kindstod, ihre Mutter hat sich davon niemals erholt und leidet an unbehandelten Depressionen. Ihr Vater ist mit ihrem reichen Onkel Brian wegen eines Patents zerstritten. Aber Candice will alles ins Reine bringen und nimmt dabei so manches Risiko auf sich. Von allen ihren Abenteuern berichtet sie ihrer („vermeintlichen“) amerikanischen Brieffreundin Denille (für deren ausbleibende Antworten Candice stets neue Entschuldigungen erfindet).

Jede Figur in diesem Buch ist so sorgfältig charakterisiert, wie man es selten in einem Roman für Erwachsene findet. Candice nimmt Anteil am Leben all ihrer Mitmenschen. Ihre Lehrerin mit dem Kullerauge (Candice empfiehlt ihr eine Augenklappe, um vom Kullerauge abzulenken), ihr Freund Douglas (aus einer anderen Dimension) sowie dessen Faksimile-Eltern und schließlich die Klassenzicke, die sich von Candice’ ungebrochenem Optimismus überrumpeln lässt.

Jetzt erwarte ich mit Spannung das Feedback des Patenkindes, um meine Meinung mit einer Stimme aus der Zielgruppe abzugleichen. Vorerst: meine uneingeschränkte Empfehlung für alle Altersgruppen.

Außerdem wurde heute das neue Quietdrive-Album The Ghost of What You Used to Be veröffentlicht. Nicht nur das Cover Art gefällt mir sehr gut, auch die Songs machen uneingeschränkt glücklich. Zum Reinhören: Without my hands.

Anna Gavalda – Nur wer fällt lernt fliegen

Gibt es in Galaxien Springfluten wie im Meer oder sah nur ich sie? Tanzte die Milchstraße durch die Nacht? Eine riesige Raveparty guter Feen, die mir massenhaft Goldstaub auf den Kopf streuten, um meine Batterien wieder aufzuladen?

Wieder mal die Quelle nicht notiert … in irgendeinem Mainstream-Medium (könnte aber auch Twitter gewesen sein) hatte ich Kritisches über Anna Gavaldas neuestes Werk gelesen. Gleich in der Onlinebücherei reserviert und auch recht bald erhalten. Die Kritik kann ich teilen und dann auch wieder nicht.

Billie und Franhck liegen nach einem Sturz verletzt in einer Felsspalte. Es wird Nacht, doch Billie verzweifelt an sich selbst und beginnt, einem Stern (und damit dem Leser) ihrer beider Lebensgeschichte zu erzählen. Mich hat streckenweise schockiert, wie kalt mich Billies traurige Lebensgeschichte gelassen hat: von der Mutter verlassen, bei den Stiefeltern im Wohnwagen aufgewachsen (was man in Amerika Trailerpark nennen würde), nie genug zu essen gehabt, von sauberer Kleidung gar nicht zu sprechen. Keine Chance auf eine anständige Schulbildung, damit kaum Möglichkeiten, aus dem Elend rauszukommen. Man hat das Gefühl, man hätte das alles schon so oft gehört.

Auch das habe ich von ihm gelernt … Die heimtückische Art, mit der sich der Zweifel in völlig unerwarteten und bizarren Momenten anschleicht, vor allem bei Menschen, die viel stabiler sind als man selbst.

Franhck selbst kommt aus besserem Haus, kann sich jedoch nicht von seinem tyrannischen Vater lösen, der natürlich niemals erfahren darf, dass Franhck Männer liebt und ihm niemals Enkel schenken wird. Wegen seiner sexuellen Orientierung wird Franhck diskriminiert und terrorisiert, Billie rettet ihn aus einer gefährlichen Situation. Quintessenz: zwei Außenseiter, die sonst niemanden haben, klammern sich aneinander und meistern gemeinsam das Leben.

Man wird in der Liebe oft betrogen, oft verletzt und oft unglücklich, aber man liebt. Und wenn man an seinem Grab steht und sich umdreht, um einen Blick zurückzuwerfen, sagt man sich: Ich habe oft gelitten, habe mich manchmal geirrt, aber ich habe geliebt.

Ich gebe also der Kritik recht, dass die Story nicht dramatisch originell ist, wobei gerade die Rahmenhandlung für den Sturz in die Felsspalte durchaus Witz hat. Doch der wahre Wert dieser Geschichte liegt nach meiner Ansicht in der liebevollen Charakterisierung der beiden Außenseiterfiguren, die mich stellenweise an Zusammen ist man weniger allein (ein Hoffnungsschimmer für alle Lebenslagen) erinnert hat. Somit ist Nur wer fällt, lernt fliegen vielleicht nicht der beste Gavalda-Roman, eine negative Bewertung möchte ich aber auch nicht aussprechen. Jeder Leser urteile selbst.