Katja Lange-Müller – Drehtür

Zu helfen weckt ein seltsames Verlangen in dir, aber eines, das gestillt werden kann, so betörend, dass du es wieder tun willst und wieder und immer wieder. … Wenn du zum Helfen berufen oder eben ermächtigt bist, ist es tröstlich und herausfordernd, jemandem zu begegnen, dem es schlechter geht als dir selbst, am besten viel schlechter.

Die Autorin Katja Lange-Müller untersucht in diesem Buch das sogenannte Helfersyndrom. Ihre Protagonistin Asta wurde aus ihrem Helferjob zwangsbeurlaubt, steht nun am Flughafen außerhalb der Drehtür und weiß nicht weiter. Sie beobachtet die Menschen am Flughafen, bis sie einen findet, der sie an jemanden aus ihrer Vergangenheit erinnert. Asta selbst scheint keine Bedürfnisse zu haben. Sie hätte in diesem Moment alle Möglichkeiten, ihr Leben neu zu beginnen, aber sie schafft es nicht, ihren Fokus von anderen Menschen zu lösen und auf sich selbst zu richten.

Immerhin, die Kranken, zur Not auch die Überlebenskranken, bieten dir, Schwester, Pfleger, Arzt, das Größte und Großartigste, meinetwegen Geilste von allem: die Macht, zu helfen, die Hilfsmacht also, und eine noch mächtigere, mitunter sogar übermächtige Macht, die, Respekt zu erfahren – und Bewunderung, rückhaltlose Bewunderung, von allen Seiten.

Anderen Menschen zu helfen, ist niemals völlig altruistisch. Es beinhaltet immer auch das gute Gefühl, etwas Wertvolles für die Gesellschaft oder zumindest für einen einzelnen Menschen geleistet zu haben und damit eine Legitmation der eigenen Person. Auf der einen Seite wäre es fatal, wenn dieses Bedürfnis, Selbstlegitimation aus der Hilfe für andere zu gewinnen, von einem Tag auf den anderen versiegen würde. Wo wäre unsere Gesellschaft ohne Menschen, die helfen, die auf den eigenen Vorteil vergessen, die ihre eigenen Bedürfnisse für einen Zeitraum zurückstellen, um anderen einen Fortschritt oder in manchen Fällen auch das simple Überleben zu ermöglichen? Gleichzeitig darf das Helfen nicht zum Selbstzweck werden. Wer sich selbst in der Unterstützung anderer Menschen verliert, wird eines Tages zusammenbrechen. Eine schwierige Balance, die die Autorin in diesem Roman auf geschickte und literarisch ansprechende Weise analysiert.

Ulrich Beck – Risikogesellschaft

Zu Beginn meines Weiterbildungsprojekts im vergangenen Jahr hatte ich die mit dieser Thematik verbundenen Bücher hier ausgeklammert. Inzwischen möchte ich aber nicht darauf verzichten, zumindest die thematisch verwandten Bücher hier zu dokumentieren, weil es für mich eine völlig neue spannende Richtung und Sichtweise auf das Leben und die Gesellschaft darstellt.

Zu Beginn etwas Kontext: Der deutsche Soziologe Ulrich Beck erlangte mit seinem 1986 erschienenen Buch Risikogesellschaft internationale Beachtung. Er thematisiert darin umfassend die gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich in Verbindung mit zunehmenden Umweltproblemen und der Globalisierung ergeben. 31 Jahre nach seiner Erscheinung ist dieses Werk noch immer ein vergleichsweise aktueller Beitrag im Bereich der Sozialisationstheorien. Die gesellschaftlichen Veränderungen, die der Autor analysierte, sind inzwischen weit fortgeschritten, viele seiner Prognosen können als erfüllt angesehen werden.

Möglichst kurz gefasst könnte man sagen, dass Beck den Glauben an den Fortschritt kritisiert. Er beschäftigt sich ausführlich damit, dass viele technologische Entwicklungen einfach umgesetzt werden, ohne an die Veränderungen zu denken, die sich daraus für die Umwelt und die Gesellschaft ergeben. Ein damals aktuelles Thema war das Waldsterben aufgrund von Luftverschmutzung und unkontrollierter Abgabe von Giftstoffen an das Grundwasser. Aus heutiger Sicht hat sich zumindest in den entwickelten Gesellschaften Mitteleuropas einiges in diesem Bereich verbessert, gleichzeitig hat die Leugnung des Klimawandels in vielen anderen Ländern nach wie vor Hochkonjunktur. Der Autor führt umfassend aus, welche Rolle die Wissenschaft, die Forschung und die in diesem Bereich tätigen Unternehmen spielen. Er deckt die Verflechtungen auf und argumentiert etwa, dass die Festlegung von Schadstoff-Grenzwerten gleichzeitig eine Legitimation eines bestimmten Maßes an Umweltverschmutzung darstellt.

Im sozialen Bereich beschäftigt sich der Autor mit den Veränderungen, die das Fortschreiten der Industrialisierung für die Lebensformen der einzelnen Menschen mit sich gebracht hat. Die Emanzipation der Frau hat zu umfassenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt geführt, die Politik hinkt diesen Veränderungen immer hinterher. Er argumentiert sehr pointiert, dass viele moderne Männer zwar inzwischen in Worten selbstverständlich die Gleichstellung der Frau proklamieren, in der Praxis hängen jedoch Mann und Frau doch zumeist in ihren traditionellen Rollen fest. An dieser Tatsache hat sich nach meiner Ansicht auch bis heute nicht viel verändert.

Ein Ausblick in die Zukunft ist stets eine schwierige Sache, meine eigene Einschätzung ist jedoch, dass wir uns heute mit der Digitalisierung bereits mitten in der nächsten Phase der gesellschaftlichen Veränderung befinden. Auch jetzt schreitet die technologische Entwicklung schneller voran, als der einzelne Mensch und die Politik mithalten können. Es bleibt spannend, zu beobachten, welche gesellschaftlichen Veränderungen sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zeigen werden.

Gayle Forman – Just one year

I have wondered: If you could know going in that twenty-five years of love would break you in the end, would you risk it? Because isn’t it inevitable? When you make such a large withdrawal of happiness, somewhere you’ll have to make an equally large deposit. It all goes back to the universal law of equilibrium.

Fortsetzungen können nie so gut sein wie das Original, das trifft auch auf diese Fortsetzung von Just one day zu. Es kann wohl kaum als Spoiler gelten, dass Willem im ersten Teil Allyson natürlich nicht absichtlich sitzen hat lassen. Am Ende des ersten Teils wissen wir bereits, dass er im Krankenhaus war, dass ihn irgendetwas gehindert hat, zurückzukommen. Im zweiten Teil erfahren wir den Rest der Geschichte aus Willems Sicht und seine eigene Entwicklung in diesem Jahr bis zu dem Moment, als Allyson plötzlich vor seiner Wohnungstür steht.

Tatsächlich erlebt Willem in seinem Leben eine im Vergleich zu Allyson umgekehrte Veränderung. Während Allyson sich von ihrer Familie (bzw. von ihrer überbehütenden Mutter) ablöst, findet Willem einen neuen Zugang zu seiner Mutter. Der rastlose Reisende wird zum Suchenden und findet schließlich etwas ganz anderes, als er selbst denkt und als der Leser erwartet. Auch das Ende ist gelungen, obwohl ich mir wirklich sehr einen Epilog (oder ein weiteres Buch) gewünscht hätte.

It’s like that moment of pause when I step out of a train station or bus station or airport into a new city and it’s nothing but possibility.

Markus Zusak – I am the messenger

Usually we walk around constantly believing ourselves. ‘I’m ok,’ we say. ‘I’m all right.’ But sometimes the truth arrives on you, and you can’t get it off. That’s when you realize that sometimes it isn’t even an answer – it’s a question. Even now, I wonder how much of my life is convinced.

Es gibt Geschichten, die kann man einfach nicht ansatzweise wiedergeben, weil man ohne zu spoilern das Feeling nicht einfangen kann. Das ist definitiv so eine Geschichte. Es ist unmöglich, den Protagonisten Ed und seine Veränderung im Rahmen der Geschichte zu beschreiben, ohne zu viel zu verraten. Eine großartig erzählte Geschichte. Es gibt kaum eine Wendung, die der Leser kommen sehen kann, jede Seite hält eine neue Überraschung bereit, mit der unmöglich zu rechnen war.

Zu behaupten, das Buch wäre selbst eine Nachricht (message) wäre zu plakativ und würde der Geschichte nicht gerecht. Leseempfehlung.

Lisa Williamson – The Art of Being Normal

“But normal is such a stupid word,” I say, anger suddenly rising in my belly. “What does it even mean?”
“It means fitting in,” David replies simply.

Im Moment fallen die Artikel aus Zeitgründen etwas kürzer aus: dieses Buch ist absolut großartig. Es beschreibt das Leben von zwei Jugendlichen, die nicht wie alle anderen sind. Jugendliche sind grausam, wie wir wissen, daher behalten beide ihr Geheimnis für sich. So lange es eben geht …

Das Thema ist sperrig und es hätte grandios schief gehen können. Stattdessen ist der Autorin ein herzerwärmendes, ehrliches Buch gelungen. Die Charaktere sind vielschichtig und nicht nur die beiden Hauptpersonen machen im Verlauf der Geschichte eine enorme Entwicklung durch. Erwachsenwerden und seinen eigenen Platz im Leben finden ist schwierig genug. Und noch schwieriger, wenn man aus irgendeinem Grund nicht in die breite Masse passt. Ein mutiges Buch, das dazu aufruft, sich selbst treu zu bleiben entgegen aller Widerstände.

A. M. Homes – This book will save your life

Anhil spread his assortment of dishes across the counter. “People should pay more attention. Everyone wants attention, but no one wants to give attention.”

Ein Zufallsgriff in der Bücherei. Aus meiner Liste war nichts verfügbar (ich muss mich endlich mal zusammennehmen und nach dem Hungerkünstler fragen), nach etwas uninspiriertem Regal-Hopping griff ich dann zu diesem Buch und suchte das Weite.

“You can’t escape yourself,” Nic says. “Everyone has a history.”

Richard ist reich, einsam und gelangweilt. Plötzlich fühlt er unerträglichen Schmerz, der sich jedoch weder lokalisieren noch auf irgendeine Erkrankung zurückführen lässt. Dieser Schmerz reißt ihn aus seiner durchorganisierten Routine (die Ernährungsberaterin bringt seine ausgewogenen Mahlzeiten, die Personal Trainerin beaufsichtigt seine Fitness, die Haushälterin Cecilia kümmert sich um das Haus, und so weiter). Stück für Stück weicht Richard von den gewohnten Pfaden ab. Den im ersten Zitat oben erwähnten Anhil lernt Richard im Donut Shop kennen, den Anhil betreibt. Er ist nur der Erste von vielen Menschen, die Richards Leben in den kommenden Wochen entscheidend verändern wird.

Natürlich ist Richard ein durch und durch privilegierter Mensch. Er hat keinerlei Geldsorgen und wirft bis zum Ende nur so mit Scheinen um sich. Ich hatte eigentlich erwartet, dass er bankrott geht und dadurch dann geläutert wird. Aber das wäre vielleicht zu plakativ gewesen. Obwohl Richard zu Beginn scheinbar alles hat, hat er in Wirklichkeit nichts. Am Ende jedoch hat er Menschen gefunden, die ihm wichtig sind, die Beziehung zu seinem Sohn wieder aufgenommen, einen Lebensinhalt gefunden.

“History changes, you can’t hold on to anything.”

Ein Roman über den Sinn des Lebens, allerdings ausreichend hintergründig versteckt, so dass man sich nicht ständig an mit dem Holzhammer ausgeteilten Lebensweisheiten aufreibt.

Ellen Sussmann – An einem Tag in Paris

Dieser Roman beschreibt den lebensverändernden Tag von drei Privatlehrern und ihren Schülern in Paris. Alle Schüler sind mit ihrem Leben unzufrieden, manche haben dazu mehr Grund, andere weniger. Durch gefinkeltes Lenken ihrer Figuren gelingt es der Autorin, alle Personen am Ende des Tages am selben Ort zusammenzubringen, wo sie sich jedoch nicht begegnen und doch irgendwie zusammen sind. Angenehm plätschernde Unterhaltungsliteratur mit nicht völlig belangloser Geschichte.

Karen Thompson Walker – Ein Jahr voller Wunder

Draußen konnte ich die Stimmen kleinerer Kinder hören. Ein Ball klatschte aufs Pflaster. Durch das Fenster glaubte ich, etwas Dunkles vom Himmel fallen zu sehen.

Die Weihnachtszeit hat es mit sich gebracht, dass ich wieder mal wochenlang nicht zum Lesen gekommen bin und noch weniger zum Schreiben. Daher ist es tatsächlich schon Wochen her, dass ich dieses Buch fertig gelesen habe. In Erinnerung geblieben ist mir in erster Linie das ärgerliche Verhalten der Onleihe. Ich hatte gegen 22.00 festgestellt, „das Buch läuft heute ab, das sollt ich noch fertig lesen“. Gesagt, getan, leider fehlten mir dann um Mitternacht noch 13 (!) Seiten und mit Schlag 00.01 war die nächste Seite nach dem Umblättern einfach schwarz. Kurz geärgert, dann geschaut, ist das Buch noch verfügbar, da es das war, gleich nochmal ausgeliehen. Am nächsten Tag dann habe ich es fertig gelesen und wegen dieser Blödheit war das Buch dann weitere zwei Wochen für andere Leser blockiert, weil zurückgeben kann man es ja nicht, wenn man ausgelesen hat. Wenn man schon versucht, das Verhalten einer Papierbibliothek abzubilden (jedes Buch kann immer nur von einer Person zu einer Zeit ausgeliehen werden, so ein Unsinn), dann sollte man auch die Möglichkeit geben, wenigstens einen einzigen Tag zu verlängern, meinetwegen sogar mit einer Strafgebühr. Oder ein Tag gratis, wenn man mehr will, Strafgebühr. Wenn ich mir vorstelle, das wäre ein sehr gefragtes Buch gewesen, das ich danach für Wochen nicht mehr ausleihen hätte können, hätte ich mich wegen der 13 Seiten schon verdammt geärgert.

Zurück zum Buch: Die Welt wird aus den Angeln gehoben. Wissenschaftler stellen fest, dass sich die Erdrotation verlangsamt hat. Tage und Nächte werden dadurch länger. Nach ersten panikartigen Hamsterkäufen fangen die Menschen an, sich zu arrangieren. Es bricht keine große Katastrophe aus, doch Stück für Stück verändert sich das komplette Leben. Je länger die Tage und Nächte werden, umso mehr wirkt sich die Veränderung auf den Lebensalltag aus. Schließlich wird die Uhrenzeit ausgerufen, der Großteil der Bevölkerung hält sich weiterhin an den 24-Stunden-Tag, obwohl dies dazu führt, dass oft bei Licht geschlafen wird („weiße Nächte“) und an anderen Tagen das Leben in voller Dunkelheit abläuft.

Berichtet wird all das aus den Augen des Mädchens Julia. Für sie ändert sich mit einem Moment alles. Im ersten Panikausbruch muss ihre beste Freundin mit der Familie nach Utah ziehen. Als sie nach mehreren Monaten zurückkommt (die Welt ist schließlich doch nicht untergegangen), hat sie sich verändert und will mit Julia nicht mehr befreundet sein. Julia wird zur Außenseiterin. Diese Situation jedoch bringt sie schließlich ihrem Schwarm Seth näher, der schon vor der Veränderung seine Mutter verloren hat, und schließlich an dem durch die Verlangsamung ausgelösten Leiden erkrankt.

Julia beobachtet scheinbar unbeteiligt die Affäre ihres Vaters mit einer Nachbarin, die sich der Uhrzeit widersetzt und als Außenseiterin von allen anderen Nachbarn geschnitten wird. Auch der Tod des Großvaters wird teilnahmslos erzählt. Das ganze Buch strahlt eine Ruhe aus, wie sie in so einem Extremfall kaum von irgendjemandem erlebt werden kann. Man denkt an Panik, man erwartet menschliche Dramen (die auch nicht fehlen, jedoch werden sie unaufgeregt präsentiert). Es ist ein ruhiges Buch, trotz des dystopischen Themas liegt der Fokus auf den menschlichen Emotionen, auf den Beziehungen, die sich durch Extremsituationen zwar verändern, aber im Prinzip bleiben Menschen Menschen und Gefühle lassen sich nicht abschalten oder gehen verloren, nur weil die Sonne nicht jeden Tag aufgeht.

EDIT 29. März 2014: 99U hat mir einen TED Talk von Karen Thompson Walker zugetragen, der sich als sehr interessant herausgestellt hat: How Facing Fear Is Like Reading A Book. Ich hatte mich erst während des Talks daran erinnert, dass ich ihr Buch gelesen habe. Sie beschreibt anhand eines Beispiels, dass unsere Ängste oft irrational sind. Wir fürchten uns mehr vor dem, was wir uns gut vorstellen können, obwohl gerade diese Ängste meist nicht besonders große Gefahr sind, real zu werden. Mir ist sofort ein Beispiel aus meinem näheren Umfeld eingefallen: Wir fürchten uns vielmehr davor, überfallen zu werden oder dass bei uns eingebrochen wird, obwohl keiner von uns zur Risikogruppe gehört. Dieselben Menschen trinken (wissentlich) zu viel Alkohol und rauchen und machen sich über die naheliegenden gesundheitlichen Risiken kaum Gedanken. Wir verdrängen es, weil wir uns nicht vorstellen können, wie wir an Lungenkrebs oder Leberzirrhose erkranken. Das passiert nur anderen und solange wir diese Situation nicht zumindest in unserem näheren Umfeld erlebt haben, können wir es uns nicht vorstellen. Wohingegen der Einbrecher, der in unsere Privatsphäre eindringt, eine sehr „reale“ – also gut vorstellbare – Gefahr ist. Ich kann diesen Talk nur empfehlen, ich habe in dieser Beschreibung nicht zuviel verraten, es lohnt sich auf jeden Fall.

Edgar Rai – Sonnenwende

Ihr Beinkleid ist so unauffällig wie eine Tarantel auf einer Sachertorte, Gnädigste.

Nach meinem Glückserlebnis mit Nächsten Sommer, das ich binnen drei Tagen komplett verschlungen hatte, weil das Feeling so schön war, hoffte ich auf einen weiteren Glücksmoment mit einem anderen Roman von Edgar Rai, der sich in der Onlinebücherei anbot. Vorab gesagt: bei Weitem nicht so befriedigend wie das Roadmovie, das mich vom Reisen träumen ließ.

Tom und Wladimir arbeiten gemeinsam an der Renovierung von Wohnungen. Keiner von beiden hat einen fixen Job, Wladimir lässt sein Studium schleifen, für Tom ist es auch nur ein Übergangsjob, weil er nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen will. Tom steckt in einer abgekühlten Beziehung mit Helen, mit der er schon so lange zusammen ist, dass er sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen kann. Wladimir hingegen fliegt von Blume zu Blume und hat täglich eine andere Flamme im Blick. Eine emotionale Beziehung zu einer Frau ist für ihn unvorstellbar.

Es war die Idee ihrer Beziehung, die er nicht loslassen konnte.

Obwohl Tom weiß, dass er Helen nicht so liebt, wie er es eigentlich möchte, fällt es ihm schwer, sich von ihr loszureißen. Die Erkenntnis, dass es nicht Helen als Person ist, die ihm nahe steht, scheint ihn weiterzubringen. Oft ist es nicht der Mensch, sondern das, wofür er steht, das einem unverzichtbar ersteht. Sicherheit. Geborgenheit. Trügerischer Alltag. Man muss sich nicht so anstrengen. Das alles kann in Langzeitbeziehungen die Liebe ersticken und beide Partner so fesseln, dass sie nicht mehr klar sehen können und nicht mehr wissen, ob sie den Menschen an ihrer Seite lieben oder die Idee der Beziehung.

Wenn er hinabblickte, kreisten seine Gedanken um sie, und wenn sie zum Himmel hinaufsah, wusste sie, dass er dort oben an sie dachte. Das war die reinste Liebe, die es geben konnte.

Eine Nebenfigur ist Ada, die in der Wohnung unter Wladimir lebt. Sie hört Tom auf Wladimirs Klavier spielen und denkt sich eine Liebe aus, die nur in ihrer Vorstellungswelt existiert. Traurig, aber möglicherweise tatsächlich die reinste Liebe, die es geben kann. Nämlich die illusionistische, eingebildete, erfundene Liebe. Echte Liebe ist nämlich schwierig und schmutzig und schmerzhaft. Und herausfordernd und anspruchsvoll und lebensverändernd. Und erfüllend und unfassbar und unglaublich.

Tom wusste, dass er die Oberfläche erreichen würde, aber das wusste man unter Wasser auch und konnte die Panik doch nicht unterdrücken.Es dauerte lange, bis er dahinterkam, dass er nicht so sehr den Verlust Helens betrauerte, sondern die glücklichen Momente, die sie miteinander erlebt hatten. Den Unterschied zu erkennen war nicht leicht, und oft half es auch nicht viel.

Was wiederum etwas anderes ist, als um etwas zu trauern, was hätte sein können. Es ist traurig, zu sehen, dass Tom am Ende seiner Beziehung zu Helen beinahe zerbricht. Obwohl man als Leser schon zu Beginn zu wissen meint, dass diese Beziehung nur noch eine Hülle ist, wird klar, dass Veränderung in jedem Fall schmerzhaft ist. Der Leser erfährt von Toms und Helens Seitensprüngen und kann sehen, dass sich beide nur voneinander entfernen können. Dass es besser für sie wäre. Und trotzdem möchte man hoffen, dass auch in Langzeitbeziehungen eine Beziehungstiefe möglich ist.

Am Ende steht Tom allein da und Wladimir hat sich Hals über Kopf verliebt und will heiraten. Beide haben sich verändert. Adas Schicksal wird offen gelassen. Eigentlich geht es genauso um Veränderung und Entwicklung wie in Nächsten Sommer. Nur nicht ganz so hoffnungsfroh und befriedigend.

„Heißt es nicht, der Weg ist das Ziel?“
„Es gibt kein Ziel. Es gibt nur … Unruhe.“
Er hätte auch „Sehnsucht“ sagen können, doch das würde ihm nie über die Lippen kommen.

Sarah Kuttner – Mängelexemplar

Regenbogen über Großmugl Umgebung

Trotzdem bin ich ganz verliebt in mein In-Therape-Sein. Ich glaube fest an das Prinzip: Leiden für den Erfolg, bin zuversichtlich und rede viel mit Freunden, von denen sich sogar ein bis zwei als alte Hasen auf diesem Gebiet entpuppen. Wir veranstalten stundenlange Hobbypsychologentreffs.

Wer ohne Vorkenntnisse in diesen Roman startet, erwartet am Anfang eine typische Frauen-Coming-of-Age-Geschichte. Caro steckt in einer lieblosen Beziehung und weiß das auch selbst, nur fehlt ihr der Mut zur Trennung, zum Alleinsein. Beruflich läuft es auch gerade nicht so gut, eine Veränderung muss her. Als ihr schließlich die Trennung vom kaltherzigen Philipp gelingt, wird die Angst vor dem Alleinsein zu einer allgemeinen Angst inklusive Panikattacken. Der erste Weg führt zur Psychotherapie, wo sich Caro noch in ihrer Therapiebedürftigkeit gefällt und tapfer Witze über ihr angeknackstes Selbst reißt.

Kann ich nicht, will ich nicht. Ich kann akzeptieren, dass andere Menschen tatsächlich gern Pizza mit Ananas essen oder R’n’B mögen oder Drogen nehmen. Aber dass sie Freunden nicht zuhören können oder wollen, unbeirrbar pessimistisch sind und nicht bereit, zu geben, was sie nehmen, akzeptiere ich nicht. Das ist einfach falsch.

Die Analyse der Therapeutin scheint zu helfen, doch schließlich muss Caro doch zugeben, dass sie Hilfe braucht und zu ihrer Mutter ziehen. Allein kommt sie in ihrer Wohnung nicht zurecht. Ständig versucht sie, tapfer zu sein, will nicht zugeben, dass sie alleine nicht klarkommt. Schließlich verschreibt ihr ein Psychiater Antidepressiva, die gegen die Angstanfälle helfen sollen.

Aber er hat recht. Vielleicht ist das die einzige Form, etwas wirklich zu akzeptieren: nicht mehr drüber nachdenken. Sich helfen lassen und die Verantwortung abgeben. Sich mit dem Ist-Zustand abfinden. Nicht mehr kämpfen.

Ein langer Weg liegt vor Caro, es scheint ihr besser zu gehen, doch immer wieder holt die Krankheit sie ein. Ein Übergangsmann hilft ihr weiter, doch nur kurzfristig. Doch letztendlich kann erst die Erkenntnis, dass man sich mit der Krankheit abfinden, sie akzeptieren muss, den Aufbruch in ein neues Leben ermöglichen. Ein Augen öffnender Roman, der psychische Krankheiten für viele Außenstehende verständlicher machen kann.