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Jugend Roman

Chloë Rayban – Cyber Love

CN dieses Buch: Andeutungen sexueller Handlungen
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Achtung! Kann Spuren von CYBER enthalten!

Manchmal enthalten diese Telefonzellen, in denen Bücher getauscht werden können, auch echt spezielle Stücke. In dieser Bücherzelle stieß ich zuerst auf „Das Computerbuch für Frauen“ (ein Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert mit sehr interessanten Screenshots) und schließlich auf diesen Cyber-Roman. Das Cover zeigt einen psychedelischen Hintergrund, eine Tastatur, einen Ausschnitt aus Die Geburt der Venus von Botticelli (die Scham ist zusätzlich durch ein @-Zeichen verdeckt), eine Tastatur, ein suchendes Gesicht mit großen Ohrringen und eine bunte Blume, die an ein bestimmtes Zeitalter erinnern soll. Falls das noch nicht gereicht haben sollte, überzeugte mich der Klappentext. Der letzte Satz daraus:

Eine verrückte Zeitreise und eine chaotische Liebesgeschichte im Zeichen des Internet. (sic!)

Zeitreisen via Internet also. Klischees ohne Ende. Fragwürdige Rollenbilder. Gezwungene Jugend- und Internetsprache (inkl. Akronymverzeichnis am Ende). Was ist ein Cyberer? Verschwörungstheorien.

Er runzelte die Stirn und fuhr fort: »Wenn du raufgeladen bist, dann kannst du einfach rumsurfen. In der Datei bist du nur eine Information, genau wie alles andere. Zeit und Raum bedeuten nichts mehr. Du könntest auf ewig immer im Internet surfen.«

Mit dem Thema Zeitreise beschäftigt sich auch die Netflix-Serie Dark, deren Ende ich kürzlich konsumieren durfte. Ich war ja da schon unzufrieden mit der Tatsache, dass eine Zeitschleife derart konstruiert werden kann, dass eine Person gleichzeitig die Mutter und die Tochter von einer anderen Person sein kann. Dieses Buch setzt dem allerdings die Krone auf: Die Tochter reist (versehentlich) in die Vergangenheit und findet sich dann in der Situation wieder, ein Aufklärungsgespräch (inkl. dem anschließenden Kauf von Kondomen) mit ihrer eigenen Mutter zu führen.

»Diese Leute behaupten allen Ernstes Folgendes: Alles, was wir sind, was uns zusammenhält, wie etwa Gedächtnis und Motivation, sogar unsere Körperzellen wären einfach nur eine Ansammlung von Daten. […] Wenn sie einmal eingegeben wurden, sind sie nicht mehr in unserer Zeit oder unserem Raum.«

Großen Spaß hatte ich schließlich mit meiner persönlichen Zeitreise. Die Protagonistin landet in einem Kapitel am Londoner Sloane Square. Dort stand bereits im Jahr 1956 das Royal Court Theatre, in dem 1973 die Uraufführung der Rocky Horror Show stattfand. Bei meiner ersten London-Reise im Jahr 1998 bestand ich darauf, diesem Theater einen Besuch abzustatten. Wie auf dem untenstehenden Foto zu sehen ist, war leider die komplette Fassade hinter einem Baugerüst versteckt. Hinweisen möchte ich jedoch auf das unauffällige Toilet-Schild am linken Rand im unteren Drittel, das mir offenbar beim Fotografieren nicht aufgefallen war.

Sloane Square 1998
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Roman

Daniel Glattauer – Gut gegen Nordwind

Tastatur mit Rose - E-Mail-Lovestory (c) Rosel Eckstein / PIXELIO

Leo, Leo, Leo, angenommen, der Abend ist schöner, als Sie erwarten. Angenommen, Sie verlieben sich in die Frau, die Sie sehen, in die Mimik, die ihre Ironie begleitet, in den Ton ihrer Worte, in die Bewegungen ihrer Hände, in die Augen, in die Haare (Busen klammere ich aus), in ihr rechtes Ohrläppchen, in ihr linkes Schienbein, ganz egal. Angenommen, Sie spüren, dass uns beide doch viel mehr verbindet als der Internet-Server, dass es kein Zufall gewesen sein konnte, dass wir aneinandergeraten sind. – Leo, kann es nicht sein, dass Sie mich wieder sehen wollen? Kann es nicht sein, dass Sie mit mir zusammen bleiben wollen? Kann es nicht sein, dass Sie mit mir leben wollen?

Ein Beziehungsroman der Internet-Generation. Emmi und Leo lernen sich durch eine fehlgeleitete E-Mail kennen und führen mit der Zeit immer längere Gespräche miteinander. Zu einem Treffen kommt es jedoch lange nicht.

Während Leo Single ist, hat Emmi Mann und Kinder. Für sie ist es ein Spiel, ein Flirt, ein Ausbruch aus Ihrer Alltag gewordenen Ehe (mit einem älteren Ehemann). Als Leo ihr im Rausch seine Sehnsucht gesteht, bekommt sie erst Angst, findet aber dann Gefallen an der Leidenschaft des Unbekannten. Sie spielt mit ihm und vernachlässigt gleichzeitig ihre Familie. Emmi ist eindeutig die Böse in diesem Spiel, obwohl es niemals zum tatsächlichen Betrug kommt. Das geht soweit, dass sich Emmis Mann schließlich in die Konversation einschaltet und Leo bittet, den Kontakt einzustellen. 

Leo entschließt sich letztendlich, den Kontakt abzubrechen, jedoch soll es davor noch ein erstes und letztes Treffen geben. Nach langen Gesprächen willigt Emmi schließlich ein, sich auf das Treffen und den blinden, anonymen Kuss einzulassen. Lest das Buch und vor allem den Schluss selbst. Die Buchstaben fließen nur so dahin und die überschaubare Länge der einzelnen E-Mails machen das Buch außerdem perfekt für den öffentlichen Nahverkehr.