Sergio Bambaren – Die blaue Grotte

Diese Seiten werden dir die Kraft geben, das Leben zu leben, das Du gewählt hast, und sie werden Dir das Gefühl geben, dass ich immer bei Dir bin, egal, wo Du bist, und egal, wo ich nun bald sein werde.

Sergio Bambaren (2010 hatte ich Ein Strand für meine Träume gelesen) beschreibt in diesem Band seine Erlebnisse auf einer Lesereise durch Europa. Parallel erzählt er die Lebensgeschichte des Heiligen Franz von Assisi. Die Kurzfassung: Franz von Assisi entstammte einer reichen Familie, entschied sich jedoch, sein Leben wie Jesus Christus in Armut zu verbringen, er wanderte als Prediger durch Italien und fühlte sich der Natur verbunden. Ich erinnere mich an eine Dokumentation über sein Leben, die ich vor vielen Jahren im Religionsunterricht gesehen habe: Brother Sun and Sister Moon. Der Titelsong dröhnt mir heute noch in den Ohren.

Denn ich weiß nun, dass wir immer dorthin gelangen, wo wir hinmüssen, wenn wir uns von den Fesseln des „normalen“ Lebens befreien und unseren eigenen Weg gehen. In meinem Fall habe ich eben auf die Stimme meines Herzens gehört und bin weitergefahren.

Der Autor beschreibt seine Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen auf seiner Reise. Da er im überlaufenen Assisi nicht die erhoffte Ruhe findet, landet er nahe Capri in einem Hotel, das zufällig in einem Gebäude eingerichtet ist, in dem im 13. Jahrhundert von Franz von Assisi ein Kloster gegründet wurde. Auf seiner Reise lernt er viele Menschen kennen, manche geplant, manche zufällig, wie etwa einen Obdachlosen, der ihm (ungewollt, man könnte beinahe sagen: zufällig) eine neue Perspektive vermittelt.

Zu viel denken ist wie billiger Fusel – es tötet die Gehirnzellen. Daher: leben und leben lassen. Und seinen eigenen Weg gehen.

Während des Lesens schwankte ich ständig zwischen dem Gefühl, sofort selbst auf Reisen gehen zu wollen (in letzter Zeit wieder ein häufiger Begleiter) und dem Gedanken, dass diese übertriebene, zur Schau gestellte glückselige Spiritualität einfach nicht wahr sein kann. Mit etwas Abstand betrachtet ist es wahrscheinlich so ähnlich wie mit der Facebook Timeline. In der Facebook (oder Twitter oder Whatsapp oder Instagram …) Timeline zeigen die Benutzer nur die Teile ihres Lebens, die schön sind: das gute Essen, der neue Kugelgrill, das neue Motorrad, den schönen Radausflug. Was man als Leser / Freund / Beobachter nicht sieht, sind die vielen normalen Momente dazwischen, die das Leben wirklich ausmachen. Auch Sergio Bambaren wird auf seiner Reise nicht nur spirituelle Erfahrungen und schöne Begegnungen erlebt haben, sondern auch die Langeweile beim Warten auf den Flug, den Ärger über rücksichtslose Menschen, vielleicht sogar Heimweh oder den kurzfristigen Wunsch, diese Reise niemals angetreten zu haben.

Trotzdem schadet es nicht, sich selbst immer wieder daran zu erinnern, dass es wichtig ist, die schönen Momente im Leben nicht nur zu genießen, sondern sie auch zu erkennen. Damit meine ich nicht die oben erwähnten Highlights, die wir ins Internet hinausschreien, sondern die kleinen Momente des Alltags: den Hund streicheln, Kaffee trinken, die Kinder lachen sehen, Müsli mit frischen Erdbeeren essen. Manche schaffen es vielleicht sogar, das Gras wachsen zu hören. ;-)

Reading Challenge: A book with a colour in the title

Karin Michalke – Rosa macht blau

Ehrlich gesagt bin ich fast ein bißchen wütend. Ewig hatte ich dieses Buch auf der Liste, weiß natürlich nicht mehr, wo es herkam, hatte es lange nicht bestellt, weil es mehr kostete als Standardtaschenbücher. Dann hab ich’s bei meiner letzten (im doppelten Wortsinn: ich bestelle jetzt in meiner lokalen Buchhandlung) Amazon-Buchbestellung draufgeworfen. Und was habe ich bekommen? Eine dumme Frau, abhängig und hilflos, die sich im Leben nicht zurechtfindet. Davon habe ich grad echt genug.

Gerade frage ich mich wieder, ob ich manchmal zu oberflächlich lese. Aber im Falle von Rosa gibt es keinen Hintergrund. Sie fällt vom Zaun und verliebt sich in Marco, der zufällig mit dem Rad vorbeifährt. Diese lächerliche Jugendverliebtheit behält Rosa bei, bis Marco schließlich die Hochzeit mit Langzeitfreundin Marion bekannt gibt. Rosa lässt sich daraufhin vom Italiener Maurizio verführen. Prinzipiell kein Fehler, tut es ihr doch gut und richtet ihr Selbstwertgefühl auf. Doch als Maurizio im Herbst zurück nach Italien fährt und sich nur mit einem schnulzigen Abschiedsbrief verabschiedet, hat die naive Rosa nichts anderes zu tun als ihm zu folgen und von einem gemeinsamen Leben und einer gemeinsamen Wäscheleine zu träumen.

Natürlich könnte man jetzt Rosas Naivität und Vorsicht gegenüber Männern schieben auf das Wissen, dass ihre Mutter vom Chef belästigt wurde. Natürlich kann es eine Rolle spielen, dass Rosa ihren Vater nicht kannte. Aber es gibt einfach keinen logischen Grund, an einer lächerlichen Jugendverliebtheit festzuhalten und so sein Leben zu verschwenden. Nein, ich versteh’ nicht, was uns die Autorin damit sagen will. Aus der Reihe „es ist nie zu spät, sein Leben zu ändern“ habe ich schon deutlich inspirierte Werke gelesen (sehr zu empfehlen Nina George). Obwohl sich das Buch sehr angenehm liest und man stets auf den Knalleffekt wartet, kann ich keine Empfehlung aussprechen.

Peter Henisch – Mortimer und Miss Molly

Hinkünftig werde ich bei Empfehlungen aus Frauenzeitschriften wieder vorsichtiger sein. Hier hat mich entweder eine romantische Stimmung mitgerissen oder der/die Redakteur(in) und ich haben einfach nicht denselben Geschmack.

Die Geschichte fängt gut an, aus Mortimer und Molly kann etwas werden. Mortimer ist amerikanischer Soldat. Sein Flugzeug wird von den Deutschen abgeschossen, er muss mit dem Fallschirm abspringen und landet in Miss Mollys Garten. Das könnte jetzt ein schlechter Porno werden oder eine durchdacht entwickelte Liebesgeschichte. Doch diese wird nicht erzählt. Erzählt wird stattdessen die Geschichte von Julia und Marco, die sich 40 bis 50 Jahre später in Siena kennenlernen, den Sommer miteinander verbringen, dabei Mortimer kennenlernen und den Anfang seiner Geschichte hören, und dann versuchen, eine Fernbeziehung am Leben zu halten. Was mehr schlecht als recht gelingt. Und irgendwann nicht mehr.

Auch wenn die Geschichte lebhaft und bunt erzählt wird, hat sie mich leider nicht mal ein winziges Bißchen mitreißen können. Der Schluss hat mich dann erst recht genervt zurückgelassen. Leider ein Fehlgriff.

Marco Balzano – Damals, am Meer

„Man braucht Mut, um anzufangen, zu glauben. Und ich fürchte, die Kraft, sich ganz dem Unbekannten zu überlassen, die habe ich nicht.“

Keine Ahnung, wie mir das passieren konnte. Auf einmal hatte ich zwei Bücher gleichzeitig in Arbeit (eins auf Papier, eins am Kindle), die sich mit einem oberflächlich ähnlichen Thema beschäftigten. Beide spielen in Italien, Protagonist ist jeweils ein junger Mann, der seinen Platz im Leben sucht, scheinbar ziellos herumwandert und nicht weiß, wo er hingehört. Das erste dieser Bücher war der letzte Post (Fabio Volo: Zeit für dich und Zeit für mich) und ich habe das Gefühl, dass ich schon so kurz danach anfange, es anders zu sehen. Vor allem das überraschende, offene Ende stört mich zunehmend. Wieder eine Parallele. Denn auch Damals, am Meer hört auf einmal auf. Es gibt keine Richtung, es scheint, als wäre der junge Mann um nichts schlauer, als er zu Anfang des Buches war. Möglicherweise habe ich nicht ausreichend zwischen den Zeilen gelesen, aber ich konnte keine Entwicklung feststellen.

Man sah, dass er rundum Stücke von sich suchte, aus den Schuljahren, aus seiner Jugend. Großvater nicht. Großvater Leonardo suchte einen untergegangenen Hafen, seine Stadt unter dem Meer, die beim plötzlichen Einbrechen einer Welle wieder an die Oberfläche käme.

Großvater, Vater und Sohn machen sich auf den Weg, um eine Altlast der Familie loszuwerden, eine Wohnung in einer Stadt am Meer, die schon lange von niemandem mehr benutzt wird und alle Familienmitglieder drücken sich vor der Verantwortung, nach dem Rechten zu sehen. Schließlich ist des der Großvater, der die Entscheidung trifft, dass die Wohnung verkauft werden muss. Großvater und Vater wollen sich der Sache annehmen, der Sohn schließlich fährt mit, da er als Lehrer im Sommer sowieso nichts zu tun hat und auch noch auf Arbeitssuche ist. Es hätte ein Roadmovie werden können (das hatte ich wohl beim Kauf gehofft) und fühlt sich in manchen Passagen auch ein bißchen danach an. Etwa der Umweg zu einem Kloster, um einen alten Freund des Großvaters zu besuchen, verspricht deutliches Potenzial, dass der geplante Weg verlassen werden könnte. Vielleicht wird doch alles anders?

Zwischen den Zeilen werden Bruchstücke der Familiengeschichte erzählt. Während der Großvater noch immer den lokalen Dialekt der Ortschaft am Meer spricht und sich mit „hochitalienisch“ eher schwer tut, muss sich der Vater anstrengen, um sich an die Worte des lokalen Dialekts zu erinnern, der Sohn spricht den Dialekt gar nicht, er ist in Mailand aufgewachsen und war in der Ortschaft am Meer immer nur über den Sommer zu Besuch. Kleine und größere Konflikte werden ausgetragen. Für den Großvater ist es eine Abschiedsreise. Er muss annehmen, dass er nach dem Verkauf der Wohnung nie mehr hierher kommen wird. Vermutlich werden Vater und Sohn das auch nicht, aber ihnen bleibt immerhin noch mehr Zeit. Das Begräbnis eines Freundes des Großvaters, der erst wenige Tage zuvor verstorben ist, trübt die Stimmung zusätzlich.

Am Ende wird die Wohnung verkauft. Es ist keine interessante Information, kein Spoiler, denn die Wohnung ist nur ein Symbol für den Abschied von der Vergangenheit. Vielleicht ist es doch ein Roadmovie. Denn der Weg zählt, das Ziel ist letztlich nicht so wichtig und auch unspektakulär. So gesehen dann doch wieder eine Lebensweisheit. Weise verpackt in eine Reise. Also doch ein Roadmovie.

Fabio Volo – Zeit für dich und Zeit für mich

Ich erwartete eine Antwort von meinem Vater. Er aber blieb stumm, stützte dann die Hände auf den Tisch, stand auf und ging wortlos nach nebenan, wo er sich in seinen Sessel setzte und den Fernseher einschaltete.

Einen anderen Roman von Fabio Volo (Einfach losfahren) hatte mir ein wichtiger Mensch empfohlen. Jetzt stelle ich gerade wieder fest, wie wichtig das Aufschreiben meiner Gedanken zu den Büchern ist. In meiner Erinnerung hatte ich hauptsächlich das seltsame Ende, dieses plötzlich scheinbar Allwissende, wie Beziehungen funktionieren und auf einmal sind alle glücklich und haben nie wieder Probleme. Das ärgert mich jetzt noch immer. Eigentlich sogar noch mehr.

Der Klappentext von Zeit für dich und Zeit für mich verspricht Ähnliches:
Lieben und sich lieben lassen – Lorenzo fällt beides schwer. Doch kann man es lernen?

Ja, es geht wieder um die Entwicklung eines jungen Mannes, der versucht, seinen Platz im Leben zu finden. SPOILER ALERT! Diesmal geht es nicht ausschließlich gut aus … Lorenzo wurde von seiner Freundin verlassen. Das beschäftigt ihn, er kann sich nicht erklären, warum diese Beziehung schief gegangen ist. Parallel wird Lorenzos Beziehung zu seinen Eltern, speziell zu seinem Vater erzählt. Der Schwerpunkt verschiebt sich zusehends auf die Erklärung, warum aus Lorenzo der Mann geworden ist, der er heute ist. Von seinem Vater (scheinbar) nicht geliebt, jedenfalls nicht wertgeschätzt, versucht Lorenzo aus der Armut seiner Eltern auszubrechen, etwas Besseres aus seinem Leben zu machen. Damit verärgert er den Vater noch mehr und bricht schließlich nahezu alle Brücken ab.

Diese zerrüttete Vater-Sohn-Beziehung wird als Grund für das Scheitern von Lorenzos Beziehung interpretiert. Es scheint mir etwas zu leicht, die Schuld am eigenen Scheitern den Eltern zuzuschieben. Trotzdem stimmt es mich so nachdenklich, dass ich angefangen habe, nachzudenken, ob ich nicht selbst ein Muster in meinem Leben mitschleppe, das auf der Beziehung zu meinen Eltern beruht. Um das wirklich herauszufinden, wär’s wohl an der Zeit für eine Therapie … bei vielen Bekannten, deren Eltern geschieden sind und dabei vielleicht noch einen Rosenkrieg auf den Schultern ihrer Kinder ausgetragen haben, tut man sich leicht, von außen zu analysieren. Bei sich selbst ist das fast gar nicht möglich. Schon allein wegen der Angst, was man möglicherweise herausfinden könnte. Im „schlimmsten“ Fall würde man auch noch herausfinden, dass man dagegen etwas tun könnte, das eigene Muster durchbrechen, aus der Wohlfühlzone ausbrechen, ins Flugzeug steigen und nach Amerika fliegen, als Kellnerin in einem Diner arbeiten, um damit dann genauso unglücklich zu sein.

Es ist zu einfach, die eigene Schwäche durch die Fehler der Eltern zu rechtfertigen. Jeder ist für sein eigenes Handeln verantwortlich. Und sollte versuchen, es besser zu machen.

An dem Tag, als er mich besuchte, um die Balkonpflanzen auf Vordermann zu bringen, hat mein Vater die längste Reise seines Lebens unternommen. An dem Tag hat er sich für mich entschieden.

Am Rande: Beim Verlinken auf Amazon habe ich entdeckt, dass in der Kindle Edition auf dem Titelblatt „Zeit für die Liebe“ steht. Vermutlich hätte ich das Buch bei diesem Titel überhaupt nie gekauft …

Michael Dibdin – Vendetta

I wandered off, neither knowing nor caring where I went. All places were equal now. My feet brought me here, like a horse that knows its own way home. He would be far away, I thought, speeding through the corridors of light in his big white car.

Nur sehr langsam kommt die Geschichte um Aurelio Zen in Gang. Da es sich dabei wiederum um eine Reihe handelt, langweilt sich vermutlich der Leser, der mit der Person bereits bekannt ist, noch mehr während der langen Beschreibungen der Arbeitskollegen, der Situation von Zens Mutter und seiner hoffnungslosen Verliebtheit in Kollegin Tania.

Erst als Zen in korrupten, politischen Untiefen zu versinken droht und schließlich allein nach Sardinien geschickt wird, obwohl ihm ein Mordkommando auf den Fersen ist, kommt etwas Schwung und Dynamik in die Handlung. Eine erste Klimax ergibt die herrlich bewerkstelligte Demaskierung von Zens Inkognito (er ist als Schweizer Reto Gurnter unterwegs). Der tatsächlich Höhepunkt folgt auf dem Fuß, wobei sich hier schließlich das Gefühl durchsetzt, der Autor hätte es „zu Ende bringen wollen“. Die Einzelheiten erklärt Zen seiner Kollegenschar, hier wäre eine etwas raffiniertere Auflösung wünschenswert gewesen.

Alles in allem nicht das schlechteste Werk, das Amazon letztes Jahr zu Weihnachten verschenkt hat. Wird sich zeigen, ob ich noch schaffe, alle zu lesen, bevor dieses Jahr wieder Weihnachten vor der Tür steht …

Donna Leon – Nobilta

Venedig (c) robe68/SXC

Das altrömische Thema fand drinnen seine Fortsetzung, denn Patta saß im Profil und präsentierte seine wahrhaft römische Imperator-Nase. Als er den Kopf zu Brunetti umwandte, wich das Kaiserliche etwas eher Schweinsähnlichem, was daher kam, dass Pattas Augen mit der Zeit immer tiefer in dem ewig gebräunten Gesicht verschwanden.

Wie man auch meinen vorherigen Posts zu den Brunetti-Krimis entnehmen kann, fällt mir meistens nicht viel ein. Würde man das beschriebene Verbrechen nacherzählen, wäre der ganze Spaß verdorben. Wie so oft ergibt sich die Auflösung erst auf den letzten Seiten, während vorher Kapitel über Kapitel nichts zu passieren scheint. Es bleibt ein ums andere Mal nur dies zu sagen: wer diese Art von Krimis schätzt, wird daran nichts auszusetzen haben. Ich selbst zähle mich bedingt zu dieser Gruppe. Für mich ist ein Brunetti-Krimi eine willkommene Abwechslung, wo nicht allzuviel Denkarbeit nötig ist, denn das Tempo, indem Brunetti die Kriminalfälle löst, reicht im Allgemeinen aus, um den Leser gerade beim Thema zu halten, aber nicht zu sehr zu beschäftigen. So kann man auch mal eine Woche Pause machen und hat keine schlaflosen Nächte, weil man den Mörder noch nicht kennt. Schließlich entfaltet sich auch hier eine Ebene unter dem offensichtlichen Mord, Motive, die mit dem Opfer nur bedingt zu tun haben. Ein geschickt getarnter, manchmal etwas langatmig aufgedeckter Kriminalfall für Kommissar Brunetti.

Salvatore Niffoi – Die barfüßige Witwe

Endstation made with Cam+

„Aber wenn wir alt sind, haben wir uns dann immer noch so lieb wie jetzt?“
„Wir haben uns auch noch lieb, wenn wir gestorben sind, Mintò!“

Es erscheint als bemerkenswerte Ironie, dass es Salvatore Niffoi einerseits gelingt, dieses Versprechen sterben zu lassen und andererseits in der Erfüllung dieses Versprechens andere sterben zu lassen. Es entspinnt sich eine Liebesgeschichte zwischen Mintonia und Micheddu, der im trostlosen Sardinien der Zwischenkriegszeit vom Kleinkriminellen schließlich zum gesuchten Banditen wird. Gegen die Widerstände der Familien heiraten die beiden, versuchen sich in der kargen Landschaft ein Leben aufzubauen. Doch eine Intrige reißt sie auseinander: das Buch beginnt mit dem Tod Micheddus, er wurde ermordet, angeblich in Notwehr. Seine Frau will dies natürlich nicht glauben. In ihrer Lebensbeichte erzählt sie die Entstehung dieser unmöglich scheinenden Liebe, angefangen von ihrer Kindheit über die Heirat und die trostlose Zeit ihrer Ehe, die sie zumeist getrennt verbringen, Micheddus schließlich unleugbar werdende Affären, bis zur Zeit nach Micheddus Tod. Sein zweites Kind trägt Mintonia noch im Bauch.

Nur Blut sag ich in meinen Augen, bitteres Blut, das mir glühend in den Kopf stieg. Tziu Imbeces Ratschläge, das Beispiel von Mannai Gantina, die in ihrem Leben keine einzige Fliege getötet hatte, die Bücher, die ich wie Brot unter den Eichen konsumiert hatte, der Unterricht bei Mastru Ramiro liefen an mir herunter wie Wasser auf den wächsernen Blättern der Steineiche. In mir kochte ein ursprünglicher Hass, der sich von nichts und niemandem bändigen ließ.

Letztendlich lässt sich der Hass nur durch Rache beruhigen. Auge um Auge, so hält es die Familienjustiz in diesen dunklen Tagen in einsamen Dörfern, wo es kaum eine Zukunft gibt, schon gar nicht für Mintonia, die Frau des ermordeten Banditen Micheddu. Ihre Rache erschüttert und berührt zugleich. Eine einfühlsame Geschichte über eine unmögliche Liebe.

Donna Leon – Venezianische Scharade

Neustiftgasse 05:18 (Cam+, So Emo)

Padovani öffnete fast augenblicklich und streckte Brunetti die Hand entgegen. Sein Händedruck war fest und warm, er zog Brunetti ins Haus. „Komm aus der Hitze. Ich muss verrückt sein, jetzt nach Rom zurückzufahren, aber wenigstens hat meine Wohnung dort eine Klimaanlage.“

Commissario Brunetti ist diesmal auf der Suche nach dem Mörder eines Transvestiten und begibt sich zu diesem Zwecke selbst ins Rotlichtmilieu. Aber nicht nur die Untiefen des venezianischen Prosituiertenmilieu bergen Hinweise, schließlich landen die Ermittlungen eher in hohen Finanzkreisen. Brunettis Familie urlaubt einstweilen in den kühleren Bergen. Soviel zudem. Ein typischer Brunetti?

Paolo Giordano – Die Einsamkeit der Primzahlen

Viola(c)gklinek/SXC

Es waren die anderen, die zuerst bemerkten, was Alice und Mattia selbst erst viele Jahre später begreifen sollten. Sie lächelten nicht und blickten in verschiedene Richtungen, als sie das Zimmer betraten, doch sie hielten einander fest an den Händen, und so war es, als flössen ihre Körper durch die sich berührenden Arme und Finger unablässig ineinander über.

Alice und Mattia sind Außenseiter – beide leiden unter einem Kindheitstrauma und haben Schwierigkeiten, sich in die Gesellschaft einzugliedern. Das führt sie schließlich zusammen. Beide haben keine anderen Bezugspersonen und sind so gewissermaßen aufeinander angewiesen. Mattia hat als Kind seine Zwillingsschwester Michela im Park zurückgelassen und leidet deshalb an unüberwindbaren Schuldgefühlen. Alice erlitt bei einem Skiunfall eine Beinverletzung und hinkt seither. Ihre Komplexe bekämpft sie durch Magersucht. Mattia öffnet sich schließlich und erzählt Alice von seiner verlorenen Schwester. Kurz darauf nimmt er eine Stelle im Ausland an und lässt Alice zurück.

So saß er da und verlor langsam den Kontakt zu dem Geschriebenen; die Symbole, die kurz zuvor noch durch die Bewegung seines Handgelenks aufs Papier geflossen waren, kamen ihm nun fremd vor, erstarrt in einem Raum, zu dem ihm der Zugang verwehrt war. Im Dunkel des Zimmers füllte sich sein Kopf wieder mit düsteren, bedrängenden Gedanken, und meistens griff er dann zu einem Buch, schlug es an einer beliebigen Stelle auf und begann zu lernen.

Alice arbeitet in einem Fotogeschäft und heiratet den jungen Arzt Fabio. Als dieser jedoch Kinder haben möchte, zerbricht die Beziehung. Der Kontakt zwischen Alice und Mattia ist langsam abgerissen. Als Alice jedoch glaubt, Mattias Schwester gesehen zu haben, ruft sie ihn zurück und Mattia kommt prompt.

So sah man es in Filmen, und so geschah es in der Wirklichkeit, tagtäglich. Die Menschen nahmen sich, was sie haben wollten, klammerten sich an die meist wenigen Gemeinsamkeiten und bauten darauf ihr Leben auf. Hier bin ich, musste er zu Alice sagen oder wieder gehen, abreisen mit dem ersten Flug, verschwinden, zurück an jenen Ort, wo er in all den Jahren keinen festen Grund unter die Füße bekommen hatte.

Die düstere Stimmung dieses Romans reicht bis zur letzten Seite, ein Happy-End ist den beiden einsamen Protagonisten nicht vergönnt. Bis ins kleinste Detail beschreibt er die Abgründe, die sich in den Seelen seiner Personen auftun. Auch wenn beide schließlich einen Weg finden, ein scheinbar normales Leben zu führen, bleiben ihre Beziehungen zu anderen Menschen stets oberflächlich und unbefriedigend. Ein trauriges Stück, das unsere Gesellschaft widerspiegelt, in der unangepasste Menschen kaum eine Chance haben.

Weitere Informationen: Paolo Giordano @ Wikipediaaus.gelesenRezension und ausführliche Inhaltsangabe von Dieter Wunderlich