Categories
English Roman

Marilynne Robinson – Lila

CN dieses Buch: Gewalt (mit einem Messer und angedeuteter Todesfolge)
CN dieser Post: –


And somehow she found her way to the one man on earth who didn’t see it. Or maybe he saw it the way he did because he had read that parable, or poem, or whatever it was.

Im dritten Teil von Marilynne Robinsons Gilead-Serie erfährt die Leserin die Vorgeschichte von Lila, die in den ersten beiden Büchern als Frau von Reverend John Ames eher eine Nebenrolle spielt. Bisher wurde sie als stille, bedachte, freundliche Frau beschrieben. Ein niedriger Bildungsgrad, aufgrunddessen sie sich aus den religiösen Diskussionen zwischen Ames und Boughton heraushält, wurde nur angedeutet. In diesem Buch wird nun beschrieben, wie Lilas Leben verlief, bevor sie in Gilead auf den Reverend traf und mit ihm ein neues Leben begann.

“But if God really has all that power, why does He let children get treated so bad? Because they are sometimes. That’s true.”

Auch in diesem Buch werden viele religiöse Themen angeschnitten. Einerseits traut sich Lila kaum, Dinge zu fragen, weil sie sich zu dumm fühlt, andererseits interessiert sie sich für den Glauben des Mannes, in den sie sich verliebt hat. Sie versucht, die Welt und das Leben auf eine Weise zu verstehen, die ihr bisher aufgrund ihrer Herkunft verschlossen war. Und natürlich stellt sie sich auch die Frage, wie dieser allmächtige Gott es zulassen kann, dass Kinder hungern, schlecht behandelt werden, so viel Leid ertragen müssen. Wie auch in vielen anderen Werken fehlt auch hier eine auch nur halbwegs hilfreiche Erklärung. Der Reverend vertröstet Lila mit einem Gedicht auf ein späteres Gespräch, um sie nicht mit den Antworten abzuspeisen, die er üblicherweise anderen Menschen gibt, die ihm in ihrem Leid diese Frage stellen.

[…] Robinson is saying that O’Connor writes beautifully even though her imagination is appalling. But how can we judge a writer’s imagination except by way of her writing? If the writing is beautiful, how can the imagination be otherwise? What does Robinson really mean?

Das obige Zitat stammt aus dem kürzlich veröffentlichten Lithub-Artikel On the Case for Meanness in Fiction von Brock Clark. Der Text vergleicht die Notwendigkeit bzw. die Sinnhaftigkeit von kindness im Leben sowie im Schreibprozess von Autor*innen. Er zitiert dabei eine Kontroverse zwischen Marilynne Robinson und Flannery O’Connor, die eher die Meinung vertritt, dass compassion für schreibende Menschen vollkommen überbewertet ist. Der Text argumentiert unter anderem damit, dass ein auf kindness und compassion basierendes Schreiben (wie es Marilynne Robinson praktiziert), gleichzeitig ein langweiliges Schreiben ist (und daher in langweiligen Geschichten resultiert). Nach der Lektüre von Gilead war ich ja unter anderem überrascht, dass in dem Buch kaum etwas passiert. In dieser Wahrnehmung hat mich der oben zitierte Artikel bestätigt, er ist daher eine interessante Ergänzung zur Lektüre von Marilynne Robinson.

Categories
English Roman

Pamela Erens – Eleven Hours

Dieses kurze Werk dreht sich um zwei Frauen: Lore, die in dieser Nacht ihr Kind zur Welt bringen wird und Franckline, die als Krankenschwester auf der Entbindungsstation arbeitet und Lore während ihres Geburtsprozesses begleitet. Während Lore ihre Wehen durchmacht (die unterschiedlichen Schmerzen und Gefühle, die dabei aufkommen, werden ausführlich beschrieben), erfährt die Leserin auch Hintergrundgeschichten über beide. Franckline ist selbst schwanger und hat große Angst, ihr Baby zu verlieren, da sie bereits eine Fehlgeburt erlebt hat. Lore denkt an den Kindsvater, den sie wegen einer Dreiecksgeschichte mit ihrer Freundin Julia aus ihrem und dem Leben des Kindes verbannt hat. Wobei das Problem eigentlich nicht die Dreiecksgeschichte zu sein scheint, denn Lore liebt(e) Julia ja auch, sondern die Heimlichkeit, der Betrug, den Lore nun beiden geliebten Menschen nicht verzeihen kann. Die Schmerzen des Geburtsprozesses lassen sie an ihrer Entscheidung zweifeln, dem Kind als alleiniges Elternteil genügen zu können.

Das Aufschneiden des Rings, den Lore sich selbst gekauft hat, und der nun ihrem geschwollenen Finger die Blutzufuhr abschnürt, steht symbolisch für einen Abschied von ihrem früheren Leben. Sie wird ab jetzt nicht mehr dieselbe Lore sein, die sie war, sie wird ab jetzt Mutter sein und damit für immer an ihr Kind gebunden. Eine Bindung, die sich nicht so einfach zerstören lässt wie die Beziehung zum Kindsvater und ihrer Freundin.

Obwohl es also oberflächlich um den Geburtsprozess geht, stehen daneben auch die Beziehungsthemen, die zu komplizierten Verhältnissen führen und die Ängste und Zweifel, die Frauen am Rande der Mutterschaft plagen.

Categories
Roman

Valerie Fritsch – Winters Garten

Den Menschen stand die zerstörerische Wirkung des Schlafes ins Gesicht geschrieben. Die Nerven der Schlaflosen waren längst zerrüttet, und die Ohren der Träumer taub. Die Nächte traumatisierten die ganze Stadt, darum standen die Bewohner irgendwann lieber an den Fenstern, als sich hinzulegen.

Auf die Beschreibung einer Kindheit auf dem Land, dem Überfluss an Natur, an Familie, an Freiheit folgt der Verfall dieses Gartenparadieses, in Abwesenheit des Protagonisten Anton Winter, der in die Stadt gezogen ist, um dort Vögel zu züchten. Die Stimmung verdüstert sich zusehends, denn der Weltuntergang steht bevor. Was bleibt im Leben noch wichtig, wenn das Leben ein Ablaufdatum hat? Wie kann das Leben weitergehen? Kinder werden geboren, die keine Zukunft haben. Entfremdete Menschen finden zueinander. Menschen, die sich zuvor nicht kannten, finden zueinander. Das Leben reduziert sich auf das Wesentliche.

[Die Kinder] spielten Tag und Nacht, und niemand verbot es ihnen, denn sie mussten ja nichts mehr werden, vor allem nicht erwachsen.

Categories
Roman

Michael Stavaric – stillborn

Schwierig. Eigentlich wollte ich nicht erwähnen, dass ich diesen schmalen Band wochenlang herumgetragen habe, ohne überhaupt damit zu beginnen. Weil die Kindle-Lektüre einfach bequemer war. Schon das Cover mit dem toten Eichhörnchen weckt Unbehagen. Während ich das schreibe, erinnere ich mich an den Fund eines Eichhörnchen-Skeletts im Wald auf der Suche nach einem Geocache. Hatte mir kurzfristig ganz schön die Stimmung verhagelt.
Hinzu kommt die Vorgeschichte. Eine Kollegin hatte den Autor interviewt und mir erzählt, er wäre etwas schwierig in der Handhabung. Zwei Monate später sollte ich ihn dann selbst (für ein anderes Medium) interviewen und das Telefonat gestaltete sich … Naja, schwierig.

Atme, atme ganz tief durch, starte den Wagen, ab durch die Mitte, die Kunden warten. Ich fahre, Ampel von Links, zweiter Gang, Hund von rechts,läuft über die Straße, der will es wirklich wissen. Nicht so wie ich, halbherzig, halsstarrig, vielleicht auch einfach nur müde.

Das Buch selbst ist … Naja, schwierig. Ich bin kein Freund dieser gehetzten Schreibweise, die vermutlich die Flüchtigkeit der Gedanken verdeutlichen soll. (Als Hörbuch ist das bestimmt total unangenehm …) Der Leser sieht die Welt nur durch die Augen bzw. die Sinne der Protagonistin Elisa. Es vermischt sich ihre hochkomplexe Gefühlswelt (sie fühlt sich totgeboren, kalt, als Betrügerin, die nur so tut, als wäre sie am Leben) mit gleich mehreren Kriminalfällen. Elisa arbeitet als Maklerin, immer wieder werden ihrem Maklerbüro anvertraute Wohnungen angezündet. Der Ermittler Georg, mit dem Elisa ein Verhältnis beginnt, erzählt ihr von einer Mordserie in ihrer Heimatstadt. Als Elisa dort zur Schule ging, verschwanden 5 Mädchen. Ihre Leichen wurden mitabgeschnittenen Zeigefingern im Wald gefunden.
Natürlich wird der Leser schnell die scheinbar Verrückte Elisa verdächtigen. Wer in so einer wilden Gedankenwelt lebt, muss doch auch im realen Leben Wahnsinniges tun? Das Herauslesen der Ereignisse aus dem Gedankenchaos ist mühsam, führt aber zu einem überraschenden Ende.

Es passt nur vage zu Elisa (die nicht glauben kann, dass jemand SIE je lieben könnte – also passt es eigentlich doch), muss aber trotzdem in diesen Blog Post. Diese Woche hat mich ein Tweet mit Link zu einem Blog Post sehr nachdenklich gemacht.
Was mich daran »aufwühlt«, ist die Annahme, man könnte irgendwann eine Punkt erreichen, an dem man merkt: »Ha! Jetzt bin ich ein fertiger, erwachsener Mensch, mit mir selbst im Reinen, jetzt kann ich jemand anderen lieben!« (im Blog Post heißt es schlicht »a fully grown person who loves themselves wholly«)
1. Die meisten Menschen müssen wohl sehr alt werden, um diesen Zustand zu erreichen. Wollen wir solange warten? Ich nicht.
2. Ich hoffe, ich werde diesen Zustand nie erreichen. Es muss doch immer etwas Neues geben, noch etwas zu Lernen, noch etwas herauszufinden, über sich selbst, über das Leben. Es wäre doch furchtbar, wenn man mit allem fertig wäre.
3. Viel persönliches Wachstum (eine bessere deutsche Wortwahl für personal growth fällt mir gerade nicht ein) kann man doch nur in der Interaktion mit anderen Menschen erreichen. Ich bin mir sicher, aus jeder meiner gescheiterten Beziehungen etwas Wichtiges fürs Leben gelernt zu haben. Hätte ich auf diese Erfahrungen verzichten sollen, um zuerst ein »ganzer Mensch« zu werden. Ganz bestimmt nicht.

Ich stimme hingegen zu, dass es wichtig ist, mit sich selbst klarzukommen. Wie wir alle wissen, ist das nicht immer leicht und es gibt bessere und schlechtere Tage. Man muss nicht »fertig entwickelt« sein, um einen Partner zu finden. Mit dem richtigen Partner wird die Entwicklung vielleicht anders verlaufen. Und wenn man aus gescheiterten Beziehungen nur gelernt hat, was man nicht will oder wie man es in Zukunft nicht mehr machen sollte, dann ist das auch schon ein wichtiger Beitrag zur persönlichen Entwicklung.

Categories
Roman

David Safier – Mieses Karma

Erinnere mich, dass David Safier eine Hype-Phase erlebte, damals hatte ich das ignoriert, wie ich das seit Längerem mit Hype-Büchern bzw. Autoren machen. Nun flog mir dieser Roman quasi gratis zu und nach 1Q84 dachte ich mir, dass etwas Leichtes zur Auflockerung nicht schaden könnte. Und Überraschung: obwohl der Leser um einiges schneller als die Hauptfigur erkennt, worum es hier geht und dass die Selbstsucht der als Ameise wiedergeborenen Kim Lange ihr weder Glück noch gutes Karma bringen wird, gelingen dem Autor immer wieder erstaunliche und überraschende Wendungen. Etwa der Auftritt des bekannten Verführers Casanova, ebenfalls als Ameise wiedergeboren und von nun an hilfreicher Weggefährte von Kim, sorgt für kontinuierliches Vergnügen und Amüsement. Happyend natürlich inkludiert ;) Intelligente Unterhaltung ist möglich.

Categories
Roman

John Irving – Gottes Werk und Teufels Beitrag

Blüten am Herrensee in Litschau

Und mit dieser Entdeckung – dass ein Fötus bereits mit acht Wochen einen Gesichtsausdruck hat – fühlte sich Homer Wells in Gegenwart dessen, was andere eine Seele nennen.

John Irving ist seit Langem ein Garant für gut durchdachte Erzählungen, Lebensgeschichten, die ohne platte Moral auskommen und ein Thema nicht mit dem Holzhammer, sondern durch Geschichten, Erlebnisse, menschliche Reaktionen erklären. Da der Roman schon 1985 erschienen ist, könnte man annehmen, dass er Staub ansetzt, doch das genaue Gegenteil ist der Fall.

Die Geschichte beginnt mit der Jugend von Dr. Larch, seiner Vorgeschichte, wie er im Waisenhaus St. Clouds landet und wie seine Einstellung zum Thema Abtreibung zustande kommt. Er fühlt sich schuldig am Tod einer Frau, der er die Operation verweigert hat, diese Entscheidung beschäftigt ihn für sein gesamtes weiteres Leben. Ein Waisenjunge namens Homer Wells wird schließlich zum Ziehsohn Dr. Lachs, er wird nicht adoptiert (trotz vergeblicher Versuche) und soll sich schließlich „nützlich machen“. Als Lehrling und Assistent unterstützt er Dr. Larch bei Geburten als auch Abtreibungen. Bis er zu erkennen meint, dass die ungeborenen Kinder eine Seele haben.

Homers Schicksal reist schließlich im weißen Cadillac nach St. Clouds. Candy und Wally sind wegen einer Abtreibung gekommen und laden Homer ein, sie auf ihre Apfelplantagen zu begleiten (vorerst für den Sommer), doch Homer bleibt und verändert damit nicht nur sein eigenes Schicksal, sondern natürlich das von Candy, Wally und seiner Jugendfreundin aus St. Clous, Melony. Bis Homer nach St. Clous zurückkehrt, vergeht ein halbes Leben. Letztendlich erkennt Homer auf vollkommen unaufgeregte Weise, dass er Dr. Larch unrecht getan hat und seine eigene Einstellung nicht uneingeschränkt gültig ist. Ein zeitloses Meisterwerk.