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Yun Ko-Eun – The Disaster Tourist

CN: Tod, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, Naturkatastrophen (Tsunamis, Erdbeben, Hurrikans, Vulkanausbrüche, Dürre usw.)


Now, if disaster disappears from Mui, life disappears too […] Mui was a thirsty island planning a huge scam to survive, creating holes out of nothing.

Eine interessante Idee, deren Tiefe sich erst im Verlauf der Geschichte erschließt: Yona arbeitet für einen Reiseveranstalter, der Gruppenreisen in Katastrophengebiete anbietet. Die Konkurrenz in ihrer Firma ist groß. Als sie sich wegen sexueller Belästigung über ihren Vorgesetzten beschwert, wird ihr ein bezahlter Urlaub in Form einer der Reisen des Unternehmens in Aussicht gestellt. Yona betrachtet nun die Kund:innenseite ihres Unternehmens: Es sind eigenartige Charaktere, die diese Reise gebucht haben. Mit der Insel selbst und den lokalen Einwohner:innen scheint ebenfalls etwas nicht zu stimmen. Das bestätigt sich, nachdem Yona auf der Rückreise verloren geht und ohne ihren Pass nicht nach Korea zurückreisen kann. Sie kann nur zurück auf die Insel, wo sie jedoch ganz und gar nicht willkommen ist. Denn die Einheimischen führen ein Schauspiel auf für die Tourist:innen; ihr eigenes Leben leben sie, wenn keine Fremden auf der Insel zu Gast sind.

Yonas verlängerter Aufenthalt auf der Insel Mui entwickelt sich zunehmend surreal. Vom Hotelmanager wird sie schließlich in den großen Plan eingeweiht: Die gesamte Insel plant eine neue Katastrophe, um wieder in den Fokus des Interesses zu gelangen und neue Tourist:innen anzulocken. Die gesamte Wirtschaft der Insel hängt am Katastrophentourismus. Der Schriftsteller, der mit Yona die Gruppenreise besucht hat, schreibt dafür ein Skript. Für jede:n Inselbewohner:in ist darin eine Rolle vorgesehen. Dass dafür auch jede Menge Menschen sterben müssen, wird zuerst verdeckt durch den Plan, vorhandene (aus anderen Gründen verstorbene) Leichen zu verwenden. Die ungewöhnlich hohe Rate an Autounfällen mit Todesfolge auf der Insel hat damit wohl nichts zu tun …

Zwischen den Zeilen steht viel mehr, als ich hier jetzt wiedergeben kann. Mich hat am Beginn des Buchs die Beschreibung der koreanischen Arbeitskultur bedrückt: diese harte Konkurrenz zwischen Mitarbeiter:innen, die ständige Gefahr, aufgrund mangelnder Performance aussortiert zu werden, die Unmöglichkeit, die sexuelle Belästigung überhaupt zu thematisieren, weil es mehr Probleme für das Opfer bedeutet. (Schon wieder das Patriarchat … siehe letzter Post …) Gleichzeitig spielt aber auch der Kapitalismus eine wichtige Rolle. Es ist die Notwendigkeit, die Wirtschaft irgendwie am Laufen zu halten, die die Einwohner:innen von Mui zu solchen absurden Ideen und Handlungen zwingt.

Achtung, ab hier Spoiler!

Erst spät in der Geschichte wird Yona (und mir als Leserin) klar, dass auch sie eine Rolle im Skript des Schriftstellers inne hat. Als Teil eines tragischen Liebespaars soll sie nach dem Tod des Geliebten während der Katastrophe gebrochen nach Korea zurückkehren. Sie fleht den Schriftsteller an, den Geliebten zu retten. Da die Geschichte aber trotzdem ein tragisches Liebespaar braucht, hat diese Änderung für Yona unerwartete Folgen.

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Sang Young Park – Love in the Big City

CN: Alkoholmissbrauch, Schwangerschaftsabbruch, Homophobie, Krankheit (Krebs, HIV), Tod eines Elternteils, Gewalt Suizidversuch, sexuelle Handlungen


Each of us is a universe and, as part of the large universe, we live and move and have relations with each other isn’t that fascinating?

Der Autor erzählt aus dem Leben homosexueller Männer in Seoul. Auch wenn Homosexualität in Südkorea mit Einschränkungen legal ist, spielen Diskriminierung und Ausgrenzung eine große Rolle. Eine Szene existiert, in der sich Männer vernetzen und doch haben manche homosexuelle Männer auf der Straße Angst, als solche erkannt zu werden.

These words came up to my mouth, but I couldn’t let them out. I had a feeling that they would kill what we had in an instant, that such words would only drive us further apart.

Im Verlauf des zweiten Teils (von vier) kämpfte ich kontinuierlich mit der Frage, ob das jetzt dieselbe Erzählperson ist wie im ersten Teil. Am Ende des zweiten Teils hatte ich diese Frage immer noch nicht gelöst und verlor die Geduld. Der Verlagstext bestätigt, dass es sich um dieselbe Person handeln soll. In den Acknowledgements am Ende schreibt der Autor jedoch „Young, who narrates the four stories in this book, is simultaneously the same person and different people“. So betrachtet hatte ich mich dann doch wiederum nicht getäuscht und meine Verwirrung war angebracht. Insofern lassen sich die vier Teile als episodische Beschreibungen von queerem Leben in Südkorea begreifen.

Richtig erraten hatte ich dann endlich auch, dass der Begriff hyung etwas wie Bruder meint, wobei dabei im Slang dann eher Bro gemeint sein dürfte.