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English Erfahrungsbericht Sachbuch

Atul Gawande – Being Mortal

CN dieses Buch: unheilbare Krankheit, Alter, Sterben, Einsamkeit, Depression, Armut
CN dieser Post: unheilbare Krankheit, Alter, Sterben, Depression


How did we wind up in a world where the only choices for the very old seem to be either going down with the volcano or yielding all control over our lives?

Der Autor und Mediziner Atul Gawande befasst sich in diesem Buch mit der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens und den Problemen, Schwierigkeiten und Fragen, die sich Menschen stellen, wenn sie sich der Endlichkeit ihres Lebens stellen müssen. Anhand von Beispielen aus seiner eigenen Familie, aber auch vieler Schicksale seiner Patient:innen sucht er nach einem Weg, wie Menschen am Ende ihres Lebens bestmöglich betreut werden können.

She felt incarcerated, like she was in prison for being old.

Viele ältere Menschen stehen irgendwann vor dem Problem, dass sie sich allein in ihrem eigenen Zuhause nicht mehr ausreichend versorgen können. Inzwischen gibt es viele Möglichkeiten, dass diese Menschen Hilfe bekommen und so lange wie möglich im eigenen Zuhause leben können (in Niederösterreich zum Beispiel durch das Hilfswerk). Denn das Leben im eigenen Zuhause ist für viele alte Menschen der wichtigste Faktor für die eigene Lebensqualität.

The key word in her mind was home. Home is the one place where your own priorities hold sway. At home, you decide how you spend your time, how you share your space, and how you manage your possessions. Away from home, you don’t.

Mit dem eigenen Zuhause geht die Autonomie und Freiheit, über das eigene Leben zu entscheiden, Hand in Hand. In Pflegeheimen sind die Bewohner:innen mit strengen Zeitplänen konfrontiert, Abweichungen von diesen sind aufgrund der Unterbesetzung des Pflegepersonals und der straffen Organisation nahezu unmöglich. Das Aufgeben-müssen dieser Autonomie führt bei vielen alten Menschen umgehend in eine Depression und Lebensmüdigkeit. Aus institutioneller Sicht geht es in erster Linie darum, die Sicherheit der alten Menschen zu garantieren. Oft finden das auch die Angehörigen wichtiger als die Freiheit, eigene Entscheidungen treffen zu können.

Our lives are inherently dependent on others and subject to forces and circumstances well beyond our control. […] Whatever the limits and travails we face, we want to retain the autonomy – the freedom – to be the authors of our lives.

In einem weiteren Kapitel erklärt der Autor die Wichtigkeit der Palliativmedizin und der Hospizbewegung. Viele Menschen schrecken allein vor der Option zurück, da sie davon ausgehen, dass es dann nur noch ums Sterben geht (ich hatte das bisher auch so verstanden). In diesem Buch wird jedoch der Unterschied zwischen der traditionellen Medizin und der palliativen Betreuung anders erklärt: Konfrontiert mit einer schweren Krankheit setzen wir uns Therapien aus, die uns jetzt unsere Lebensqualität kosten (Operationen, Chemotherapie, Intensivpflege), um Zeit später zu gewinnen. In der Hospizpflege hingegen geht es darum, den Menschen JETZT ein möglichst erfülltes Leben zu ermöglichen. Der Zeithorizont verschiebt sich von der Zukunft in die Gegenwart.

This is what it means to have autonomy – you may not control life’s circumstances, but getting to be the author of your life means getting to control what you do with them.

Das Thema klingt sehr traurig und ich hatte das Buch auch lange auf der Liste. Jetzt hat es für mich aber gepasst und mir auch etwas Hoffnung gegeben.

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English Roman

Laura Imai Messina – The Phone Box at the Edge of the World

CN dieses Buch: Tsunami, Trauer
CN dieser Post: Tsunami, Trauer


Eine wundervolle Geschichte, die ich seit Längerem auf meiner Liste hatte. Jetzt ist das Buch in der  virtuellen OverDrive eLibrary der Büchereien Wien aufgetaucht und ich habe gleich zugegriffen.

From the window the sky seemed to spill over Mt Fuji, the clouds strangling its slopes. The train ran along the base of the mountain, the pairs of tracks snaking closer together than venturing apart again.

Das Buch erzählt vom Verlust und von der Trauer um die verlorenen Menschen, von der Hilflosigkeit, von der Depression, vom Verlust jeglicher Perspektive auf irgendeine Art von Zukunft.

She had been wrong. It isn’t just the best things that come to an end, but also the worst.

Und es erzählt von der Heilung, von den winzigen Momenten, wo uns klar wird, dass das Leben doch weiter geht, dass wir weiterleben dürfen, ohne die Menschen zu vergessen, die wir verloren haben. Sie werden immer Teil unseres Lebens bleiben, auch wenn wir neue Menschen in unser Leben lassen, die nicht Teil des gemeinsamen vergangenen Lebens waren. Es erzählt von den kleinen Schritten, die tagtäglich unseren Weg bestimmen. Dass wir geliebt werden unabhängig davon wie hübsch oder ordentlich wir sind.

Ultimately, that was what he wished for everyone who came there – that each person would find a place where they could tend to their pain and heal their wounds. That place would be different for each one of them.

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English Erfahrungsbericht Memoir

Maggie O’Farrell – Ich bin, ich bin, ich bin

CN dieses Buch: Tod, Sterben, lebensbedrohliche Krankheit, chronische Krankheit, Gewalt (Überfall)
CN dieser Post: Tod, Krankheit


Die Menschen, von denen wir lernen, nehmen einen besonderen Platz in unserer Erinnerung ein. Ich war keine zehn Minuten Mutter, als der Mann zu mir kam, aber er lehrte mich mit einer einzigen kleinen Geste das fast Wichtigste am Elternsein: Zugewandtheit, Intuition, Berührung, und dass man oft nicht einmal Worte braucht.

Die Autorin reflektiert über den Verlauf ihres Lebens anhand von gefährlichen Begegnungen (der Untertitel im englischen Original: 17 Brushes with Death). Irritierend fand ich dabei, dass die einzelnen Kapitel nicht chronologisch sortiert sind. Mit einer Jahreszahl überschrieben lassen sie sich natürlich einordnen, ich musste jedoch immer mal überlegen, wie alt die Autorin denn nun zum Zeitpunkt dieses Kapitels gewesen sein mag.

Besonders berührt bzw. empört hat mich die Beschreibung der Geburt des ersten Kindes der Autorin. Durch die Nachwirkungen ihrer Erkrankung an Enzephalitis als Kind weiß sie schon vorab, dass eine natürliche Geburt sie und das Kind in Lebensgefahr bringen wird. Der zuständige Gynäkologe tut ihre Bedenken ab und wirft ihr auch noch vor, sich einen Kaiserschnitt erschleichen zu wollen, um es sich selbst leichter zu machen. Die Geburt endet schließlich mit einem Notkaiserschnitt.

Als Kind dem Tod so nah gewesen zu sein und dann das Leben neu geschenkt zu bekommen hat mich viele Jahre lang verwegen gemacht, nonchalant gegenüber dem Risiko, geradezu tollkühn. […] Das lag nicht etwa daran, dass mein Leben für mich keinen Wert gehabt hätte, im Gegenteil, ich wollte um jeden Preis alles mitnehmen, was es zu bieten hatte.

Natürlich habe ich beim Lesen über meine eigenen Erfahrungen nachgedacht. Und dabei festgestellt, dass ich dem Tod vermutlich noch nie so nah gewesen bin. Gleichzeitig ist mir wiederum aufgefallen, dass ich einfach nicht so risikofreudig bin. Seit diesem einen Fallschirmsprung (der mir ein schmerzhaftes Trommelfellhämatom einbrachte) habe ich allen Extremsportarten entsagt. Noch immer habe ich Europa nicht verlassen, war daher auch noch nie in „gefährlichen Gegenden“. (Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass Wien-Favoriten keine gefährliche Gegend ist, auch wenn manche Menschen das anders sehen.) Vermutlich habe ich einfach ein anderes Risikobewusstsein bzw. plane gern für alle möglichen Eventualitäten voraus. Trotzdem oder gerade deshalb lese ich vermutlich gerne die Erzählungen von risikofreudigeren Frauen, die in ihrem Leben andere Wege gehen (zuletzt: Torre DeRoche – Love with a Chance of Drowning).

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English Roman

Katy Simpson Smith – The Everlasting

CN dieses Buch: Mord, Folter, selbstverletzendes Verhalten, Gewalt gegen Tiere, lebensbedrohliche Erkrankung (MS), Abtreibung

CN dieser Post: zum Abschluss ein Zitat über selbstverletzendes Verhalten, wird nochmal vorher gewarnt


The necessary experiment: determining if ostracods were not merely hardy survivalists but had evolved to prefer the bitter taste of civilization. If nature, like faith, was a human construction.

Eine Geschichte auf vier verschiedenen Zeitebenen, verbindende Elemente sind einerseits die Örtlichkeit Rom bzw. Umgebung sowie der Fischhaken, der in allen Zeitebenen eine Rolle spielt. Weiters haben alle Protagonist*innen massiv mit ihren Selbstzweifeln oder gesellschaftlichen Anforderungen zu kämpfen.

  • Der von seiner Frau entfremdete Forscher, dem die Abwesenheit von seiner Tochter die Gefühle zu rauben scheint und der schließlich mit einer erschreckenden Diagnose konfrontiert wird (Jetztzeit).
  • Die gelangweilte Ehefrau auf der Suche nach wahrer Liebe in einer Zeit und Gesellschaft, in der Ehen rein aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen geschlossen werden (16. Jh.).
  • Ein alternder Mönch, der aufgrund einer Andeutung homosexueller Zuneigung als Jugendlicher von seiner Familie ins Kloster verstoßen wurde und nun die Aufgabe hat, in der Krypta des Klosters über die verwesenden Toten zu wachen (9. Jh.).
  • Eine junge Frau, die in den Versprechen einer neuen Religion Antworten auf alle Fragen ihres Lebens findet und deshalb zur Märtyrerin wird (1. Jh.).

Because if you are not always, always yourself, you will lose the ability to breathe.

Das Buch wurde in einem Sammelpost auf Lithub (den ich mir leider nicht gespeichert habe) mit solchen Worten empfohlen, die mich dazu brachten, das Buch sofort herunterzuladen, nachdem ich gesehen hatte, dass es in Libby verfügbar war. Jetzt wüsste ich gerne, welche Worte das waren und in welcher Stimmung ich in diesem Moment war. Vielleicht hatte ich mir auch einfach etwas anderes vorgestellt. Ich weiß noch immer nicht genau, was ich von diesem Buch halten soll.

There was always time to make different decisions, or else there was never time; once she spoke, it was impossible in the tightly woven fabric of the world that she had ever not spoken.

Nach dem kommenden Trennstrich folgt ein kurzer Abschnitt mit Zitaten aus dem Buch zum Thema selbstverletzendes Verhalten.


His tears were made of sulfur. He yanked his hand back and slapped himself so hard his sight went briefly starry. The pain was on the ouside now, and felt so much better there. So much clearer. He hit himself again.

Sehr berührt haben mich diese beiden Zitate mit der Beschreibung des Gefühls bei selbstverletzendem Verhalten. Den Schmerz nach außen bringen; über einen winzigen Teil der Welt Kontrolle haben; etwas fühlen, irgendetwas fühlen, auch wenn es Schmerz ist. Mir fehlt die Vorstellungskraft, um solche Handlungen nachzuempfinden. Diese beiden Zitate haben es mir aber etwas besser erklärt.

Man versus body, the hook a tool, his one hand opening the other, wanting that red as evidence he could make a choice, that in his whirlpool life he had some measure of control, the pain a reminder he was alive and feeling was good, feeling was to be savored, not suppressed, that even hurt was better than numb.

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Jugend Roman

Karl Bruckner – Sadako will leben

CN dieses Buch: Krieg, Krankheit, Sterben, Hunger
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Und sie starrten alle mit versteinerten Gesichtern blicklos ins Leere, gebannt und gelähmt von dem leisen Erahnen einer Katastrophe, wie die Welt sie noch nie erlebt hatte.

Letztens habe ich angefangen, mein Bücherregal etwas auszudünnen und Bücher, die ich wohl nicht mehr lesen werde, in den offenen Bücherschrank zu tragen. Dabei fiel mir dieses Buch aus meiner Kindheit in die Hände. In meiner Erinnerung war es Schullektüre, eine von denen, die mich nachhaltig beeindruckt hat. Obwohl ich mich schon frage, ob ich damals wirklich die ganze Tiefe verstehen habe können.

„Auch ich habe nur meine Pflicht getan! Nur meine Pflicht! Mich darf man nicht anklagen. Mich nicht! Ich war ein treuer Soldat meines Kaisers.“

Die ersten zwei Drittel des Buches erzählen semifiktional über die Kriegszeit knapp vor dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima am 6. August 1945. Viele historische Details sind erhalten (der US-Stützpunkt Tinian, der Name des abwerfenden Flugzeugs Enola Gay). Aus unterschiedlichen Perspektiven beschreibt der Autor diese Kriegszeit, in der manche Japaner schon wussten, dass sie kurz vor der Kapitulation stehen, während andere einfach nur gegen den Hunger und ums Überleben kämpften. Er lässt die beteiligten Personen an ihren Handlungen zweifeln und sich vor sich selbst rechtfertigen. Die Pflicht, gehorsam zu sein und Befehle auszuführen, spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Und sieh mich an! Bin ich ein böser Mensch? Du sagst nein, aber ich sage dir – wäre ich im Krieg ein Bombenschütze gewesen und man hätte mir befohlen, mit einem Flugzeug aufzusteigen und eine Atombombe auf eine Stadt zu werfen, hätte ich gehorchen müssen.

Im letzten Drittel schließlich wird die Zeit des Aufbaus nach dem Ende des Kriegs thematisiert. Sadakos Vater gelingt es, sein Geschäft wieder aufzubauen, die Familie scheint gesund zu sein, bei den meisten Menschen bricht die Strahlenkrankheit innerhalb von fünf Jahren nach der Strahlenbelastung aus. Sadako jedoch ist krank. Im Krankenhaus will sie 1000 Kraniche aus Goldpapier falten. Wenn sie 1000 Kraniche gefaltet hat, wird sie überleben. Das ist der Teil des Buchs, der mir in all diesen Jahren am besten in Erinnerung geblieben ist. Diese falsche Hoffnung, dieser Glaube an ein Wunder, an eine Rettung, selbst wenn jeden Tag die Fakten dagegen sprechen. Diese falsche Hoffnung, die aber gleichzeitig einen Menschen am Leben halten kann, länger, als der Körper eigentlich erlaubt.

Das Buch werde ich zurück ins Regal stellen. Wir dürfen einfach niemals vergessen, was für ein unvorstellbares Leid damals so vielen Menschen zugefügt wurde. Das darf nie wieder passieren.

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English Roman

Marylinne Robinson – Home

CN dieses Buch: Alkoholismus, Alter, Sterben
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Maybe she kept the bible out of sight because she was afraid that if he spoke to her that way again she would have to tell him she had no certain notion what a soul is. She supposed it was not a mind or a self. Whatever they are. She supposed it was what the Lord saw when His regard fell upon any of us. But what can we know about that?

Als ich im Oktober mit Gilead begonnen hatte, bemerkte ich erst in der Libby App, dass es sich dabei um eine Serie handelt. Je mehr ich dann gelesen hatte, umso mehr fragte ich mich, wie es hier wohl weitergehen würde. Und die Antwort darauf ist: es geht tatsächlich nicht weiter. In Home erzählt die Autorin erneut dieselbe Zeitspanne, allerdings aus einer anderen Perspektive. Es werden Details enthüllt, die den Blickwinkel aus dem ersten Roman korrigieren bzw. erweitern, speziell auf den im ersten Buch zweifelhaft dargestellten Charakter Jack. Einerseits wird einiges über seine Lebensumstände enthüllt, worüber im ersten Buch nur spekuliert wurde. Andererseits wird das zweite Buch aus der Sicht von Jacks Schwester Glory erzählt und zeigt uns so deutlich mehr davon, was im Haus der Boughtons tatsächlich vorgeht.

Did she choose to be there, in that house, in Gilead? No, she certainly did not. Her father needed looking after, and she had to be somewhere, like every other human being on earth. What an embarrasment that was, being somewhere because there was nowhere else for you to be.

Aus dem Blickwinkel von Reverend Ames in Gilead wirkt Jack wie ein Unruhestifter, der scheinbar zum Spaß religiöse Debatten vom Zaun bricht. In Home wird jedoch klar, dass Jack einfach zutiefst an sich selbst, seiner Familie und deren Glauben zweifelt und eigentlich für sich selbst einen Zugang zum Glauben sucht. Er braucht die Möglichkeit, dass ihm nicht nur sein Vater und seine Schwester seine begangenen Fehler verzeihen werden, sondern dass auch seine Seele gerettet werden kann. Er fragt, ob es Menschen gibt, die böse geboren werden und dann ein entsprechendes Leben leben und unweigerlich in der Hölle landen werden. Er fragt sich, ob er selbst so ein von Grund auf schlechter Mensch ist oder ob es für ihn noch eine Chance gibt, sein Leben zum Besseren zu verändern. Die Antwort bleibt aus.

And his head fell, and it was real regret. He was so tired of himself.

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Roman

Marilynne Robinson – Gilead

I’ve often been sorry to see a night end, even while I have loved seeing the dawn come.

Dieses Buch stand lange ganz oben auf der Liste der interessanten Bücher, was hauptsächlich daran liegen dürfte, dass ich es zu dem Zeitpunkt hinzugefügt hatte, als ich das letzte Mal meine diesbezüglichen Aufzeichnungen in ein anderes System (aktuell ein Spreadsheet mit Filtermöglichkeit danach, wo die jeweiligen Bücher verfügbar sind) transferiert hatte. Das dürfte im Sommer 2016 gewesen sein.

Mir war nicht bewusst gewesen, dass es sich um eine Reihe handelt (Gilead – Home – Lila), von der aktuell gerade der vierte Band mit dem Titel Jack erschienen ist. Obwohl ich große Schwierigkeiten hatte, mich in dieses Buch wirklich hineinzuversetzen, bin ich nun trotzdem neugierig, wie daraus eine Reihe werden soll.

Another morning, thank the Lord. A good night’s sleep, and no real discomfort to speak of.

Der Ich-Erzähler des Romans ist ein Mann am Ende seines Lebens, er fühlt das schrittweise Versagen seines Körpers und versucht, dankbar für jeden weiteren Tag zu sein, den er mit seiner deutlich jüngeren Frau und seinem Sohn verbringen kann. Er ist außerdem Priester und hadert mit sich selbst und den (negativen) Gefühlen, die er dem Sohn des Freundes (Jack) entgegenbringt. Das Geschriebene ist an den eigenen Sohn gerichtet, der diese Aufzeichnungen nach dem Tod des Vaters erhalten soll, dient aber eigentlich dem Nachsinnen über das Altern, über das Zurücklassen von Menschen, über das Gute und Böse an sich.

But are there people who are simply born evil, live evil lives, and then go to hell?

Passend zur „aktuellen Situation“ fand ich eine kurze Passage, die die Zeit der Spanischen Grippe beschreibt:

We lost so many of the young people. And we got off pretty lightly. People came to church wearing masks, if they came at all. They’d sit as far from each other as they could.

Notiert hatte ich mir das Buch übrigens aufgrund einer Empfehlung von Nick Hornby in All You Can Read. Er schreibt sinngemäß, dass die Begleitumstände, in denen wir Bücher lesen, unsere Wahrnehmung davon beeinflussen: ein Phänomen, das ich auch immer wieder an mir wahrnehme. Er schreibt über den Seelenfrieden, der sich in Gilead ausbreitet und den er zu diesem Zeitpunkt gerade dringend brauchte. Möglicherweise hätte ich mehr daraus ziehen können, hätte ich mir diese Empfehlung vorher nochmal durchgelesen und nicht die ganze Zeit darauf gewartet, dass etwas passiert. Es ist weniger eine Geschichte als eine Meditation über die Themen, die am Ende unseres Lebens noch wichtig sind und wie wir mit diesen Frieden machen können.

If you think how a thing we call a stone differs from a thing we call a dream – the degrees of unlikeness within the reality we know are very extreme, and what I wish to suggest is a much more absolute unlikeness, with which we exist, though our human circumstance creates in us a radically limited and peculiar notion of what existence is.

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English Erfahrungsbericht Memoir

Joan Didion – The Year of Magical Thinking

Yet I had always at some level apprehended, because I was born fearful, that some events in life would remain beyond my ability to control or manage them. Some events would just happen. This was one of those events. You sit down to dinner and life as you know it ends.

Die Autorin beschreibt in diesem Buch ihren Trauerprozess, das Jahr ihres Lebens nach dem überraschenden Tod ihres Ehemanns John. Während sie zu Beginn geradezu analytisch den Abend beschreibt, an dem er zuhause beim Abendessen einen Herzinfarkt erleidet, von den rasch eintreffenden Rettungskräften nicht reanimiert werden kann und im Krankenhaus schließlich für tot erklärt wird, geht sie in den weiteren Kapiteln deutlich intensiver auf ihren eigenen Gefühlsprozess ein. Auch darin zeigt sich schon, dass Trauer in verschiedenen Phasen abläuft. (Auf die 5 Phasen des Trauerns nach Elisabeth Kübler-Ross will ich hier nicht eingehen, wer sie noch nicht kennt, kann das an anderer Stelle nachlesen.) Der Titel des Buches spielt auch darauf an, dass die Autorin, wie sie selbst sagt, noch Monate danach trotz des Wissens, dass ihr Mann tot ist, irgendwie auf seine Rückkehr wartet.

That I was only now beginning the process of mourning did not occur to me.
Until now I had been able only to grieve, not mourn. Grief was passive. Grief happened. Mourning, the act of dealing with grief, required attention.

Die beiden Begriffe grief und mourn habe ich gerade im Wörterbuch nachgeschlagen. Zu übersetzen ist beides mit dem Wort Trauer bzw. trauern, aber es zeigt sich auch im Deutschen, dass das Nomen grief/Trauer eher einen Zustand, eine Emotion darstellt, die uns ergreift und die wir passiv erleben. Das Verb to mourn/trauern drückt hingegen eine Tätigkeit aus, die aktive Beschäftigung mit dem Verlust der geliebten Person.

Nor can we know ahead of the fact (and here lies the heart of the difference between grief as we imagine it and grief as it is) the unending absence that follows, the void, the very opposite of meaning, the relentless succession of moments during which we will confront the experience of meaninglessness itself.

Trauer, wie wir sie uns vorstellen, so lange sie uns nicht betrifft, ist nicht dasselbe wie Trauer, wenn sie uns dann tatsächlich ergreift. Die Autorin beschreibt wortreich, wie die Abwesenheit ihres Mannes sie in ein Gefühl der Bedeutungslosigkeit abgleiten lässt, wie die Kleinigkeiten des Alltags plötzlich bedeutungslos werden durch die Nicht-mehr-Vorhandenheit der geliebten Person.

We built fires even on summer evenings, because the fog came in. Fires said we were home, we had drawn the circle, we were safe through the night.

Das obige Zitat habe ich notiert, weil es für mich so ein bekanntes Gefühl beschreibt. Eine Freundin empfindet Ähnliches, wenn am Abend alle ihre Kinder in ihren Betten liegen und sie sich eine Kerze anzündet und die Stille genießt. Mir geht es so, wenn der Hund neben mir auf der Couch leise schnarcht. Es ist ein Sicherheitsgefühl in unserer eigenen kleinen Welt, das uns in diesem Moment von allen Gefahren der Welt abzuschirmen scheint. Und das trotzdem von einem auf den anderen Moment gestört werden kann. Das ist es, was die Autorin im ersten Zitat ganz oben meint (das sich im Verlauf des Buches immer wieder wiederholt, weil es den zentralen Moment illustriert): You sit down to dinner and life as you know it ends.

I realized today for the first time that my memory of this day a year ago is a memory that does not involve John.

Nach einem Jahr hat sich schließlich die Perspektive verändert. Die Autorin ist nahezu unzufrieden mit der Distanz, die sie zum gemeinsamen Leben mit ihrem verstorbenen Mann entwickelt hat. Und doch lässt sich ein Weiterleben vermutlich anders nicht bewerkstelligen.

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English Erfahrungsbericht

Paul Kalanithi – When Breath Becomes Air

What makes life meaningful enough to go on living?

Erstmals habe ich ein Buch gelesen, das im 3 Books Podcast von Neil Pasricha erwähnt wurde. Allerdings erst, nachdem ich auch das Gespräch mit Lucy Kalanithi, der Witwe des Autors, im Podcast von Kate Bowler Everything happens gehört habe. Und dann kam noch ein bißchen Zufall hinzu.

Im ersten Teil des Buchs reflektiert der Autor über seine Entscheidung, Neurochirurg zu werden. Sein Studium der Literatur führte ihn eher zu mehr Fragen als Antworten und sein Streben, „to understand how the brain could give rise to an organism capable of finding meaning in the world“ ließ sich aus Büchern nicht erfüllen. Fragen nach der Bedeutung, nach dem, was unser Leben lebenswert macht, treiben ihn schließlich zum Medizinstudium und bis an den Punkt, an dem er selbst eine Krebsdiagnose erhält.

It would mean setting aside literature. But it would allow me a chance to find answers that are not in books, to find a different sort of sublime, to forge relationships with the suffering, and to keep following the questions of what makes human life meaningful, even in the face of death and decay.

Im zweiten Teil gehen seine Reflexionen noch deutlich tiefer. Er versucht Antworten darauf zu geben, wie sich unser Leben durch die Diagnose einer unheilbaren Krankheit verändert. Er wägt ab: Was würde ich tun, wenn ich wüsste, dass ich noch 6 Monate, 1 Jahr oder 10 Jahre zu leben hätte? Die Antworten auf diese Fragen fallen sehr unterschiedlich aus. Was ist noch wichtig, wenn wir wissen, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt? Der zweite Teil enthält auch eine in meinen Augen sehr ausgefeilte Argumentation, warum sich der Glaube an Gott und der Glaube an Wissenschaft nicht gegenseitig ausschließen. Das folgende Zitat gibt nur den Schluss wieder, die Herleitung ist jedoch in meinen Augen das eigentliche Meisterstück.

It is to say, though, that if you believe that science provides no basis for God, then you are almost obligated to conclude that science provides no basis for meaning and, therefore, life itself doesn’t have any.

Das letzte Kapitel ist von Lucy Kalanithi geschrieben und erzählt von Pauls letzten Tagen und ihrer Erinnerung an ihn und wie er durch das Buch und in der gemeinsamen Tochter und den Erinnerungen der Menschen weiterlebt. Sie beschreibt, dass seine Krankheit tragisch war, aber sein Leben selbst keine Tragödie. Sie erzählt von seinem Versuch, weiterzuleben, nicht auf der Suche nach einer unwahrscheinlichen Heilung, sondern auf der Suche nach einem Leben, dass immer noch Raum für bedeutungsvolle Momente bietet.

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English Roman

Rory Powers – Wilder Girls

Sometimes if I close my eye, I forget what’s changed. And Raxter isn’t a rush of gunpowder and hunger anymore. It’s boredom, an idleness burrowing deep.

Während einer globalen Pandemie ein Buch zu lesen, in dem eine Gruppe von Mädchen und Frauen wegen einer mysteriösen Krankheit auf einer Insel in Quarantäne um ihr Leben kämpft, mag bei manchen ein eher ungutes Gefühl auslösen. Für mich kam dieses Gefühl aber eigentlich erst am Ende des Buchs, wozu ich leider nicht mehr schreiben kann, ohne den Spaß am Lesen zu verderben.

Die Krankheit verläuft in Schüben und lässt die Mädchen mit körperlichen Veränderungen (ein zugeschwollenes Auge, eine zweite Wirbelsäule, Hautveränderungen) zurück. Auch Tiere und Pflanzen sind betroffen, eine „Wildheit“ scheint von allem Infizierten Besitz zu ergreifen.

Die Mädchen klammern sich an ihre Erinnerungen, an die wenigen Momente, in denen sie (nie genug) zu essen haben und die Gemeinschaft, die sie trotz aller Entbehrungen zusammenhält. Schon als Hetty zum ersten Mal auf die Suche nach Byatt geht, frage ich mich, was sie denn wohl tun wollen, wenn Hetty Byatt findet. Eine Flucht von der Insel erscheint aussichtslos, ein Überleben außerhalb der vor den Tieren schützenden Mauern der Schule ebenso. Die Autorin lässt ihre drei Protagonistinnen Fehler machen, aber auch auf unterschiedliche Art über sich hinaus wachsen.

Die Geschichte endet mit der quälenden Unsicherheit der Zukunft, die wir alle in den letzten Monaten schmerzlich kennengelernt haben.