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Roman

Jeanette Winterson – Frankissstein

Progress is a series of accidents, of mistakes made in a hurry, of unforeseen consequences.

In diesem Buch fließen mehrere Zeitebenen ineinander, die die Frage nach dem Ursprung des Lebens und gleichzeitig dem Leben nach dem Tod aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Dieses Ineinanderfließen spiegelt schon der Titel wider, in dem der bekannte Name Frankenstein durch einen Kiss unterbrochen und gleichzeitig verknüpft wird.

Frankenstein was a vision of how life might by created – the first non-human intelligence.

Eine Zeitebene folgt der Autorin Mary Shelley und ihren Gedanken, die zur Erfindung von Dr. Frankenstein und seinem Monster führten. Die historisch bekannten Fakten scheinen im Buch richtig wiedergegeben, im Vordergrund stehen jedoch die Fragen, die auch im Buch Frankenstein behandelt werden: was ist Leben? Die Kreatur, das von Victor Frankenstein erschaffene Monster, ist das Leben? Wenn es Leben ist, dann drängt sich als nächste Frage eine Wertigkeit in den Vordergrund: ist das Leben dieses Monsters gleich viel wert wie das Leben eines Menschen?

In weiterer Folge wird die Frage auch mit der Art und Weise verbunden, wie Menschen traditionell Leben erschaffen: Mary verliert mehrere Kinder an diverse Krankheiten und auch daraus lässt sich die Frage konstruieren, ob Menschen überhaupt Leben erschaffen sollten, wenn doch der Tod immer schon programmiert ist.

Only the human mind can accomplish the leap of thought that is a leap of genius.

Auf einer heutigen Zeitebene folgen wir Ry auf eine Konferenz, auf der die Zukunft der künstlichen Intelligenz und Robotik im Vordergrund steht. Es folgt eine (möglicherweise zu ausführliche) Erörterung des Themas Sexroboter. Die Frage, ob Roboter ein Bewusstsein haben könnten oder sollten, stellt sich bei den Gefährtinnen, die Hersteller Ron hier anpreist, (vorerst) kaum: sie sprechen 200 Worte und sind als moderne Sklavinnen programmiert. Aber wie wird es sich auf unsere Gesellschaft auswirken, wenn wir die Gesellschaft von servilen Robotern der anderer Menschen vorziehen? Werden gesellschaftliche Umgangsformen überholt, weil Roboter keinen Wert darauf legen? Werden ganze Wirtschaftszweige unnötig und stattdessen neue entstehen?

Randnotiz: Zum Thema Roboter und freier Wille kann ich die Serie Westworld sehr empfehlen. Es sei allerdings die Warnung ausgesprochen, dass es einige wirklich sehr brutale Szenen gibt.

If data is the input and the rest is processing, then humans aren’t so special after all. 

Auf der oben genannten Konferenz spricht auch der Wissenschaftler Victor Stein, der in einem geheimen Labor in einem ehemals militärischen Komplex in Tunneln unter der Stadt Manchester daran arbeitet, das menschliche Bewusstsein zu konservieren. Die Idee der Kryokonservierung ist nicht neu, die erste Konservierung wurde vor über 50 Jahren durchgeführt. Bis jetzt ist jedoch unklar, wie das Bewusstsein nach dem Auftauen wiederbelebt werden kann. Victor Stein argumentiert als Wissenschaftler gegen die Notwendigkeit eines Körpers an sich. Wenn das Bewusstsein vom Erhalt eines Körpers, vom Befriedigen der elementaren Bedürfnisse befreit wäre, wären dann nicht größere geistige Leistungen möglich? Wie würde das Leben für ein derartiges körperloses Bewusstsein aussehen? Oder sich anfühlen? Unser Bewusstsein ist an das Gefühl der Körperlichkeit gewöhnt. Müssten wir ein Körperlichkeitsgefühl künstlich erzeugen, damit das Bewusstsein die Körperlosigkeit überhaupt aushält? Stein transportiert ein mechanistisches Welt- und Menschenbild, Emotionen und Motivationen sind ihm im behavioristischen Sinne egal.

That’s not what I meant. I meant that we are freaks according to the behaviour of the world.

Als Transmann stellt Ry (Ry als Abkürzung von Mary) ein menschliches Brückenglied dar. Einerseits finde ich es sehr begrüßenswert, eine Transperson als Charakter im Buch zu haben, andererseits bin ich unsicher, ob die Darstellung der mit dem Trans-sein verbundenen Gefühle authentisch sein kann. Die sich entwickelnde Liebesgeschichte zwischen Ry und Victor Stein hat für mich einen Unterton, ein Gefühl, als ob Ry in seiner Transheit objektiviert würde. Vielleicht ist das aber auch ein überzogener Anspruch, die Authentizität der Darstellung einer erfundenen Person überhaupt beurteilen zu wollen.

He will steal life from the gods. At what cost?

Ethische oder religiöse Bedenken schweben auf einer Metaebene durch das ganze Buch. Was sollen Menschen tun dürfen, wo werden Grenzen gesetzt und wo müssen/dürfen/sollen sie durchbrochen werden? Technikfolgenabschätzung als Bremse der Wissenschaft, welchen Wert hat Fortschritt an sich?

Das Buch wirft auf eine sehr unterschwellige Art mehr Fragen auf als es Antworten gibt. In den Dialogen zeichnet sich deutlich ab, dass die Autorin intensiv recherchiert hat und durch ihre Charaktere verschiedene Perspektiven zum Thema sprechen lässt.

Schließen möchte ich mit dem folgenden Zitat, weil es in so starkem Kontrast steht zum Gotteskonzept, das Octavia E. Butler in Parable of the Sower und Parable of the Talents zum Leben erweckt. Ist Gott tatsächlich unveränderlich oder Veränderung? Ist beides gleichzeitig möglich?

Everything changes, said Claire. I change. You change. God changes not.

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Roman

Marjana Gaponenko – Wer ist Martha?

Mit einem verzückten Lächeln schaut Lewadski durch das Opernglas auf die Bühne und sieht – nichts. Er schaut viel weiter, er schaut in seine eigene Freude hinein.

Zu Anfang des Buches erhält der Protagonist Lewadski ein Todesurteil: Krebs. Der Professor der Ornithologie verweigert sich dem Rat des Arztes und bricht stattdessen nach Wien auf, um seine letzte Zeit auf Erden zu genießen. Seine Erlebnisse gleiten zusehends ins Illusionäre ab, immer absurder werden die Gespräche, die der menschenscheue Lewadski mit anderen Menschen im Hotel in Wien führt. Für mich gab es einen Knackpunkt, an dem ich plötzlich sicher war, dass es sich hier um Träume oder Visionen handelt und ab diesem Punkt fragte ich mich dann, ob Lewadski überhaupt nach Wien gefahren ist oder ob schon von Anfang an die Diagnose seinen Geist verwirrt hat. Antworten darauf gibt der Roman keine. Vieles bleibt der Vorstellungskraft der Leser*in überlassen. 

Es war der Zauber des Abschieds, ein Versprechen, das sich fern von dieser Welt erfüllen wollte.

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Erfahrungsbericht Memoir

Nora McInerney – No Happy Endings

Diesen Post habe ich lange nicht schreiben können, weil es mir schwer fällt, alles zu erklären, was daran besonders und wertvoll ist. Weil ich diesen Post aber schreiben möchte, gibt es nach einer kurzen Anmerkung zum Inhalt nur eine Aufzählung der wichtigsten Punkte mit den dazugehörigen Zitaten.

Die Autorin erzählt in diesem Buch von ihren Lebenserfahrungen mit dem, was landläufig als Schicksalsschläge bezeichnet wird. Die Kurzfassung: Innerhalb sehr kurzer Zeit stirbt ihr Ehemann an einem Hirntumor, sie erleidet eine Fehlgeburt und ihr Vater stirbt. Wie sie damit umgeht und was sie in dieser Zeit empfindet, lässt sich nicht in Kurzfassung beschreiben, ich kann nur jedem, der sich mit Trauerbewältigung befassen möchte (und irgendwann werden wir alle an einen Punkt kommen, an dem wir das müssen), dieses Buch ans Herz legen. Weil es nicht nur von den traurigen Zeiten und den Momenten erzählt, in denen wir nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll, sondern auch davon, dass das Leben trotzdem weitergeht. Sie gibt Impulse zu vielen weiteren Lebensbereichen, diese folgen nun in kurzen Anmerkungen.

I have always had the gift of knowing what other people should do, and the charming habit of either giving them my unsolicited point of view or being irrationally upset with them for not living up to my unspoken expectations.

Erwartungen, wie wir denken, dass wir in bestimmten Situationen reagieren oder generell handeln sollten. Diese Erwartungen können von außen an uns herangetragen werden, oft sind es aber auch wir selbst, die diese Erwartungen an uns stellen. Wir gönnen uns keine Pause, weil wir denken, dass wir noch mehr tun könnten, wir setzen uns selbst unter Druck, wenn wir den (erfundenen) Erwartungen nicht gerecht werden.

Here’s a newsflash, my male friends. “Smile” is not a way to actually cheer a person up. It’s a way to tell them “please adjust your face to my preferences.” And it isn’t expected of men the way it is of women.

Speziell aus dem Umgang mit Trauer erwachsen Erwartungen, mit denen wir vorher nicht konfrontiert waren und die uns zwangsläufig in diesen schwierigen Momenten überfordern.

You don’t need to be this person’s everything because they already have a rich, full life outside of you.

Niemand sollte ALLES für eine andere Person sein oder sein müssen. Diese Erwartungshaltung kann eine Beziehung bis zum Zerbrechen belasten.

Because you’ll realize that having a relationship doesn’t mean sacrificing everything you enjoy at the altar of love.

Eine Beziehung ist nicht unser ganzes Leben. Beziehungen enden und das Leben geht weiter.

Of course people are shocked that Matthew can handle the fact that I love another man while I also love him. We’re used to people having loved before, we aren’t used to the idea that those loves could coexist, that they could happen at the same time.

Warum fällt es unserer Gesellschaft so schwer, zu akzeptieren, dass Menschen gleichzeitig mehr als eine Person lieben können? Wenn Menschen Kinder bekommen, hören sie doch auch nicht auf, die Menschen, die bisher in ihrem Leben wichtig waren, zu lieben. Und wir hören auch nicht auf, eine verstorbene Person zu lieben.

For a long time, love felt like something that I had to earn, that could be taken from me at any time for bad behaviour.

Liebe sollte nicht verdient werden müssen. Jeder Mensch sollte für sich selbst geliebt werden, ohne erst etwas dafür tun zu müssen.

Don’t confuse love with time, or attention, or anything else that can be quantified.

Liebe ist kein Topf voller Essen, der irgendwann zu Ende geht und dann ist für die Nachkommenden nichts mehr übrig. Liebe ist nicht messbar in mit der anderen Person verbrachter Zeit oder der Aufmerksamkeit, die der anderen Person entgegengebracht wird. Zeit ist endlich, Liebe ist unendlich.

I wasn’t seeing something new, I was seeing something that was always there, but that I’d been able to ignore because it didn’t affect me directly.

Oft verhindern unsere eigenen Privilegien, dass wir strukturelle Probleme erkennen können. Diese Erkenntnis habe ich selbst in den letzten Jahren immer wieder gemacht und Nora McInerney bringt dies hier so eindeutig auf den Punkt, wie ich es bisher nirgendwo sonst gelesen habe.

[The world] will be changed by what we teach this next generation of kids.

Gesellschaftlicher Wandel braucht Zeit. Die Welt, die Gesellschaft, alles, was sich langfristig verändern soll, kann nur dadurch verändert werden, was wir unseren Kindern über die Welt erzählen und welche Perspektive wir ihnen dadurch auf die Umstände in unserer Gesellschaft mitgeben.

Things change when people care enough to change them, and people can change, when they care to.

Dinge verändern sich nicht von allein, nur Menschen verändern Dinge. Dinge verändern sich nur dann, wenn Menschen sich ausreichend Mühe geben, um tatsächlich etwas zu verändern. Veränderung ist anstrengend und manchmal schmerzhaft für die einzelne Person. Wir müssen Geduld haben, denn Veränderung braucht Zeit.

Just the idea of having someone openly dislike me or my work held me back.

Diese Beschreibung trifft auf mich nach wie vor zu. Wenn wir uns aber verstecken und unsere Ideen und Werke bei uns behalten, damit sie niemand kritisieren kann, dann verstecken wir auch uns selbst vor der Welt.

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Roman

Valerie Fritsch – Winters Garten

Den Menschen stand die zerstörerische Wirkung des Schlafes ins Gesicht geschrieben. Die Nerven der Schlaflosen waren längst zerrüttet, und die Ohren der Träumer taub. Die Nächte traumatisierten die ganze Stadt, darum standen die Bewohner irgendwann lieber an den Fenstern, als sich hinzulegen.

Auf die Beschreibung einer Kindheit auf dem Land, dem Überfluss an Natur, an Familie, an Freiheit folgt der Verfall dieses Gartenparadieses, in Abwesenheit des Protagonisten Anton Winter, der in die Stadt gezogen ist, um dort Vögel zu züchten. Die Stimmung verdüstert sich zusehends, denn der Weltuntergang steht bevor. Was bleibt im Leben noch wichtig, wenn das Leben ein Ablaufdatum hat? Wie kann das Leben weitergehen? Kinder werden geboren, die keine Zukunft haben. Entfremdete Menschen finden zueinander. Menschen, die sich zuvor nicht kannten, finden zueinander. Das Leben reduziert sich auf das Wesentliche.

[Die Kinder] spielten Tag und Nacht, und niemand verbot es ihnen, denn sie mussten ja nichts mehr werden, vor allem nicht erwachsen.

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Jugend Roman

Jesse Andrews – Me and Earl and the Dying Girl

„Urrrnngh.“

„What is that noise.“

„Regretful polar bear.“

Im Gegensatz zu vielen anderen Jugendbüchern, die sich zwar mit schwierigen Themen befassen, aber nicht wirklich die Sprache der Jugend sprechen, zeichnet sich dieses Buch durch eine betont flapsige Sprache aus. Das kann (für die etwas gealterte Leserin) in manchen Momenten etwas anstrengend wirken, bringt aber schön zum Ausdruck, wie sich das Leben von Jugendlichen tatsächlich darstellt. Und führt zu unfassbar lustigen Situationen und Konversationen.

Der erzählende Protagonist beschreibt etwa ausführlich seine intensiven Versuche, mit allen auf seiner Highschool existierenden Gruppen ein neutrales Verhältnis zu haben, nirgends dazuzugehören, nirgends negativ aufzufallen und sich aus allen Konflikten herauszuhalten. Dieser Versuch wird torpediert durch seine entstehende Freundschaft mit der krebskranken Rachel. Herbeigeführt wird diese Entwicklung durch seine Mutter, die ihm nahelegt, eine vormals bestehende lose Bekanntschaft mit dem nun erkrankten Mädchen wiederzubeleben.

Ausführlich beschrieben wird zwischen den Zeilen, wie schwierig uns im Allgemeinen der Umgang mit kranken Menschen fällt. Mitleid scheint fehl am Platz, so zu tun, als wäre alles in Ordnung wird mit fortschreitender Krankheit unmöglich. Greg überlässt Rachel sein Verzeichnis mit möglichen weiterführenden Schulen, in seinem Verständnis, damit Rachel sich selbst eine Schule aussuchen kann (die sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht besuchen wird können). Rachel sucht stattdessen für Greg eine Filmschule aus. An der er sich nicht bewerben will, weil er sich selbst nicht für geeignet hält.

Die zweite Komponente ist Gregs Freundschaft mit Earl, der mit abwesenden Eltern und ruppigen älteren Brüdern aufwächst und seine Perspektive als Manager bei Wendy’s sieht. Die Freundschaft mit der kranken Rachel verändert beide.

Am Ende verwirklicht die Geschichte natürlich genau das, was sie zu Anfang behauptet, nicht sein zu wollen: eine Geschichte über die lebensverändernde Bedeutung von Freundschaft, Krankheit und dem Sterben eines geliebten Menschen.

Randnotiz:

Was für eine wunderbare Sammlung. Man bekommt sofort Reisefieber und will sich Bücher in beide Jackentaschen stopfen, um gleich loszuziehen.

Vor Jahren hatte ich die Idee, etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen, ich habe dann damals auch begonnen, alle Bücher hier im Blog mit den Städten und Ländern zu taggen, mit denen sie in Verbindung stehen. Jetzt gibt es hier bei Lit Cities eine Karte, wo Städte mit Büchern verknüpft sind, eine sehr schöne Umsetzung dieser Idee. Via Mademoiselle ReadOn.

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Roman

Charles Scott Richardson – Das Ende des Alphabets

Der Protagonist Ambros Zephyr erhält eine niederschmetternde Diagnose: er leidet an einer unbekannten und daher unbehandelbaren Krankheit. Es bleibt ihm noch ein Monat zu leben. Sein erster Impuls lässt ihn eine Reise planen, Orte von A bis Z will er in dem verbleibenden Monat gemeinsam mit seiner Frau Zipper besuchen. Im Hinblick auf meine letzte Reise (Polen, 3 Städte in 8 Tagen) musste ich unwillkürlich daran denken, wie unmöglich dieses Vorhaben ist und was für eine anstrengende Art, seine letzte verbliebene Zeit auf Erden zu verbringen.

Zu dieser Erkenntnis gelangen auch Ambrose und Zipper. In Rückblenden wird die Geschichte ihrer Liebe erzählt, was sie zusammengebracht hat, was sie trennt, was die Verbindung zwischen ihnen ausmacht. Das Buch entspricht im Großen und Ganzen dem, was man sich von der Thematik erwarten würde: eine Meditation darüber, was ein Menschenleben ausmacht und was im Leben wirklich wichtig ist.

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Memoir

Kate Bowler – Everything Happens for a Reason and Other Lies I’ve Loved

Die Autorin reflektiert in diesem Buch über ihre Erfahrungen und ihren Umgang mit der Diagnose Darmkrebs. Ihre Situation lässt sie anders denken über Lebenspläne und Lebensqualität, über persönliche Beziehungen und die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Wieviel Zeit vergeuden wir täglich mit Ärger über unwichtige Dinge? So viele Wünsche und Träume verschieben wir auf eine Zukunft, die vielleicht niemals kommt. Erst im Angesicht einer potentiell tödlichen Krankheit wird klar, dass wir aus jedem Tag das Beste machen können und das, was uns glücklich macht, nicht auf später verschieben dürfen.

She is working harder than anyone I have ever known, but her selflessness has caused her to surrender too much of herself to “someday”. And now someday has come, at least for me.

Als gläubiger Mensch erhält sie viel Feedback von ihrer Kirchengemeinde und nach einem online veröffentlichten Artikel über ihre Situation auch von völlig Fremden. Der Titel des Buches verweist auf die vielen wohlgemeinten, aber nicht hilfreichen Ratschläge, die sie in ihrer Situation von Bekannten und Fremden erhalten hat. Ein Ansatz dabei ist, dass jede Situation eine Prüfung ist, die Gott uns stellt und die uns stärker machen soll. Wesentlich schwieriger zu verarbeiten ist die Perspektive, dass die Krankheit eine Strafe für begangene Sünden oder nicht ausreichend intensiven Glauben ist. Viele Menschen berichten ihr auch von ihren eigenen Problemen, die sie im Allgemeinen als wesentlich schlimmer erachten als das Schicksal anderer. Daraus folgt zwar die Erkenntnis, dass das Leben für jeden irgendwie schwer ist (that life is hard for everyone), aber macht das die eigene Situation in irgendeiner Form besser? Wie ich kürzlich bei Barry Schwartz in The Paradox of Choice gelesen habe, machen uns Vergleiche jeder Art – speziell mit dem Leben anderer Menschen – immer unglücklich.

I have still, somehow, clung to the idea that I am able to save myself.

Jede schwierige Situation im Leben gibt uns Gelegenheit, zu wachsen und daraus zu lernen. Die Autorin fragt sich im Angesicht ihrer potentiell tödlichen Krankheit, ob sie jemals eine vollständige Person sein wird (wondered if I would ever be one, whole person). Was kann uns überhaupt zu einer vollständigen Person machen? Im Rahmen meiner jüngsten Krise habe ich begonnen, mich mit Selbstakzeptanz zu beschäftigen und der Frage nachzugehen, ob das eigene unperfekte Selbst eigentlich schon genug ist. Auch wenn wir uns täglich verändern und an unseren Lebenserfahrungen wachsen, können wir jemals genug oder ganz sein? Wenn wir es jetzt noch nicht sind, welche Erfahrung könnte dazu führen, dass wir ganz werden? Eine Frage, die mich vermutlich noch länger beschäftigen wird.

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Roman

Gavin Extence – Das unerhörte Leben des Alex Woods

Ich glaube, eine Geschichte zu erzählen, ist der Versuch, die Komplexität des Lebens begreiflicher zu machen. Es ist das Bemühen, Ordnung von Chaos zu trennen, Muster von Willkür. Andere Mittel dafür sind Tarot und Wissenschaft.

Dieses Buch wurde in der Zeitschrift Wiener erwähnt, rückblickend finde ich das eine sehr interessante Wahl. Es erscheint mir streckenweise beinahe wie ein Jugendroman, obwohl das Thema Krankheit und Sterbehilfe für manche Jugendliche möglicherweise etwas zu schwierig sein könnte.

Der titelgebende Alex Woods ist ein starker Charakter und das von Beginn an. Als Zehnjähriger trifft ein Meteorit sein Haus, Alex wird davon getroffen und wird zu einer kleinen Medienberühmtheit. Als Langzeitwirkung trägt er eine Epilepsie davon, die er in den kommenden Jahren zu beherrschen lernen muss.

Auf der Flucht vor den starken Sportlercharakteren seiner Schule, die ihn sekkieren, landet er im Garten von Mr. Petersen. Nach einigen Startschwierigkeiten finden der alte allein lebende Herr und der naive, introvertierte Schüler in Kurt Vonnegut einen gemeinsamen Freund. Alex ist von seinen Büchern so begeistert, dass er einen Vonnegut-Lesekreis gründet. Obwohl die Bücher nur am Rande gestreift werden, habe ich jetzt den Eindruck, ich hätte möglicherweise eine existenzielle Ebene der Vonnegut-Bücher übersehen.

„Also glauben Sie nicht, dass Gott das Gehirn erschaffen hat?“, wollte ich wissen.
„Nein, das glaube ich nicht“, antwortete Dr. Enderby. „Ich glaube, das Gehirn hat Gott erschaffen. Denn das menschliche Gehirn, wie wunderbar es auch sein mag, ist immer noch fehlbar – wie wir beide sehr gut wissen. Es ist ständig auf der Suche nach Antworten, aber selbst wenn es so funktioniert, wie es sollte, sind die Erklärungen, die es liefert, nur selten vollkommen – besonders wenn es sich um die großen, komplizierten Fragen des Lebens handelt. Das ist der Grund, warum wir es pflegen müssen. Wir müssen ihm Raum geben, damit es sich entwickeln kann.“

Alex versucht immer, die bestmöglichen Entscheidungen zu finden und das Richtige zu tun. Das Leben stellt ihn auf eine harte Probe, als bei Mr. Petersen eine tödliche Krankheit diagnostiziert wird, deren Verlauf nur verlangsamt, aber weder aufgehalten noch rückgängig gemacht werden kann. Bevor es ihm gelingt, die richtige Entscheidung zu treffen, treffen sowohl Alex als auch Mr. Petersen einige falsche Entscheidungen.

Ein großartig geschriebener Roman mit fein ausgearbeiteten Charakteren, der ein schwieriges Thema behandelt, ohne dabei religiöse Gedanken auch nur vorkommen zu lassen. Moral hat mit Religion nichts zu tun. Man braucht keine Religion, die einem sagt, was das Richtige ist. Ein Loblied auf die Freiheit, selbst über sein Leben zu bestimmen.

Reading Challenge: A popular author’s first book
(Es ist der Debütroman von Gavin Extence, der inzwischen in England sehr populär ist. Das muss gelten ;-)

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Roman

Amanda Brooke – Für immer und einen Tag

Neue Panik wallte in ihr auf, weil sie spürte, dass ihr die Zeit zwischen den Fingern zerrann.

Eine traurige Geschichte habe ich mir da aus der Onleihe gefischt, muss eine Impulsauswahl gewesen sein. Obwohl es gut gemacht ist, dass der persönliche Bezug der Autorin erst am Ende erläutert wird, lüfte ich hier zu Beginn das Geheimnis: der Sohn der Autorin starb im Alter von 3 Jahren an Krebs. Sie hat eine Inspiration daraus gemacht und so hoffentlich ihre Trauer überwinden können.

Angst durchfuhr sie, als ihr klar wurde, dass das Morgen ihr wieder entrissen wurde und damit all ihre Hoffnungen, Träume und närrischen Einfälle. Alles dahin.

Emma kämpft bereits seit 5 Jahren gegen einen Hirntumor und erfährt nun, dass der Krebs zurückgekehrt ist. Sie und ihre Familie haben gehofft, und nun scheint alle Hoffnung zu schwinden. Wenig Behandlungsmöglichkeiten bleiben übrig, Emmas Mutter will nichts unversucht lassen.

Die Wahrheit ist, dass ich keine großen Ziele habe, jetzt nicht mehr.

Die Autorin beschreibt eindrucksvoll und mitfühlend, wie Emma damit hadert, was sie im Leben alles nicht mehr haben kann. Gleichzeitig erkennt Emma Tag für Tag, was sie bereits alles hatte. Als Ausgleich beginnt sie, ihre Lebensgeschichte zu schreiben, wie sie verlaufen hätte können, wäre sie vom Krebs geheilt. Sie schreibt sich eine Fantasiewelt, mit der die Realität kaum mithalten kann. Schließlich vermischen sich Traum und Fantasie immer mehr, der Gehirntumor verschafft Emma Wahrnehmungsstörungen und reißt sie immer mehr aus ihrem gewohnten Leben.

Niemand kann mir eine Atempause von dieser Tortur verschaffen, nicht einmal für einen Tag, nicht einmal für eine schäbige Stunde, selbst wenn sie es wollten, und einige wollen es, das weiß ich. Dieses Ding in meinem Kopf ist die ganze Zeit da.

Meine Beschreibung klingt kitschig und streckenweise ist es das Buch auch. Emma wird stärker dargestellt, als es die meisten Menschen wohl sein können, stets bleibt sie aufrecht und unterstützt ihre Familie dabei, den Verlust zu verarbeiten, der noch gar nicht eingetreten ist. Die Autorin gönnt ihrer Protagonistin nur wenige Momente der Schwäche. Und doch gelingt es ihr, die Angst zu transportieren, die ein Mensch unweigerlich empfinden muss, wenn er weiß, dass der Tod bereits auf der Schwelle steht. Auch die Frage „warum ich?“, die Sorge um die zurückbleibende Familie, den Wunsch, alles ins Reine zu bringen, alle diese Gefühle werden nicht ausgespart. Der märchenhafte Kitsch mag nötig sein, um all das erträglich zu machen.

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Roman

John Green – The fault in our stars

Or is the only value in passing the time as comfortably as possible? What should a story seek to emulate, Augustus? A ringing alarm? A call to arms? A morphine drip?

Seit einiger Zeit folge ich dem Tumblr Problems of a book nerd. Wie ich drauf gekommen bin, weiß ich auch nicht mehr, aber das war der Post, der mich irgendwie total reingezogen hat. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass dieses Buch interessant sein könnte und man lässt sich ja auch gern von der eigenen Filter Bubble inspirieren. Und ich wurde nicht enttäuscht. Gerade noch rechtzeitig vor dem Film habe ich das Buch gelesen. Die ganze Film-Publicity hätte ich natürlich eh nicht mitbekommen, hätte ich nicht zufällig über die QI Elves bemerkt, dass John Green auch twittert. Dann konnte ich das Musikvideo von Troye Sivan nicht anschauen, weil es hätte ja das Ende Spoilern können … und auf der anderen Seite wollte ich das Buch nur in ganz kleinen Häppchen lesen, weil mir schnell klar war, dass es sowas Schönes nicht so oft gibt. Über den Inhalt werde ich nach Möglichkeit gar nichts schreiben, um niemandem seine Experience zu verderben.

And then there are books like An Imperial Affliction, which you can’t tell people about, books so special and rare and yours that advertising your affection feels like a betrayal.

Schon die ersten Seiten haben gereicht, um mir klar zu machen, dass hier eine ganz besondere Stimmung herrscht. Der luftig-lockere Schreibstil erinnerte mich an die vermeintliche Harmlosigkeit von The particular sadness of lemon cake. Obwohl das Thema so traurig ist, bleibt der Humor auch noch im Angesicht des Todes am Leben.

The other thing about Kaitlyn, I guess, was that tit could never again feel natural to talk to her. Any attempts to feign normal social interactions were just depressing because it was so glaringly obvious that everyone I spoke to for the rest of my life would feel awkward and self-conscious around me, except maybe kids like Jackie who just didn’t know any better.

Es gibt viele Momente, wo man sich einfach nicht vorstellen kann, wie jemand, der nicht selbst eine tödliche Erkrankung erlebt oder überlebt hat, so einfühlsam über das Thema schreiben kann. Die Tatsache, dass man immer anders ist. Dass man unheilbar krank ist, dass keine Chance auf Verbesserung besteht. Dass man nie wieder ganz zur Gesellschaft gehören wird. Dass man nie mehr normal sein wird.

I hated hurting him. Most of the time, I could forget about it, but the inexorable truth is this: They might be glad to have me around, but I was the alpha and omega of my parents’ suffering.

Oder das schlechte Gewissen, was man seinen Angehörigen durch die Krankheit zumutet. Das kann sicher niemand nachvollziehen, der nicht selbst in der Situation ist. Ganz bestimmt nicht die Eltern.

I wanted to know that he would be okay if I died. I wanted to not be a grenade, to not be a malevolent force in the lives of people I loved.

Es hat über zwei Wochen gedauert, nachdem ich das Buch fertig gelesen hatte, bis ich überhaupt daran denken konnte, diesen Post zu schreiben. Es ist eines dieser Bücher, die man lieber für sich behalten möchte, weil sie so besonders sind, dass man niemandem beschreiben kann, warum. Und man will auch das Risiko nicht eingehen, dass es dem anderen dann vielleicht nicht gefällt. Daher traue ich mich beinahe keine Leseempfehlung auszusprechen. Aber absolut. Ein heißer Kandidat für das Buch des Jahres 2014.