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Erfahrungsbericht Memoir

Nora McInerney – No Happy Endings

Diesen Post habe ich lange nicht schreiben können, weil es mir schwer fällt, alles zu erklären, was daran besonders und wertvoll ist. Weil ich diesen Post aber schreiben möchte, gibt es nach einer kurzen Anmerkung zum Inhalt nur eine Aufzählung der wichtigsten Punkte mit den dazugehörigen Zitaten.

Die Autorin erzählt in diesem Buch von ihren Lebenserfahrungen mit dem, was landläufig als Schicksalsschläge bezeichnet wird. Die Kurzfassung: Innerhalb sehr kurzer Zeit stirbt ihr Ehemann an einem Hirntumor, sie erleidet eine Fehlgeburt und ihr Vater stirbt. Wie sie damit umgeht und was sie in dieser Zeit empfindet, lässt sich nicht in Kurzfassung beschreiben, ich kann nur jedem, der sich mit Trauerbewältigung befassen möchte (und irgendwann werden wir alle an einen Punkt kommen, an dem wir das müssen), dieses Buch ans Herz legen. Weil es nicht nur von den traurigen Zeiten und den Momenten erzählt, in denen wir nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll, sondern auch davon, dass das Leben trotzdem weitergeht. Sie gibt Impulse zu vielen weiteren Lebensbereichen, diese folgen nun in kurzen Anmerkungen.

I have always had the gift of knowing what other people should do, and the charming habit of either giving them my unsolicited point of view or being irrationally upset with them for not living up to my unspoken expectations.

Erwartungen, wie wir denken, dass wir in bestimmten Situationen reagieren oder generell handeln sollten. Diese Erwartungen können von außen an uns herangetragen werden, oft sind es aber auch wir selbst, die diese Erwartungen an uns stellen. Wir gönnen uns keine Pause, weil wir denken, dass wir noch mehr tun könnten, wir setzen uns selbst unter Druck, wenn wir den (erfundenen) Erwartungen nicht gerecht werden.

Here’s a newsflash, my male friends. “Smile” is not a way to actually cheer a person up. It’s a way to tell them “please adjust your face to my preferences.” And it isn’t expected of men the way it is of women.

Speziell aus dem Umgang mit Trauer erwachsen Erwartungen, mit denen wir vorher nicht konfrontiert waren und die uns zwangsläufig in diesen schwierigen Momenten überfordern.

You don’t need to be this person’s everything because they already have a rich, full life outside of you.

Niemand sollte ALLES für eine andere Person sein oder sein müssen. Diese Erwartungshaltung kann eine Beziehung bis zum Zerbrechen belasten.

Because you’ll realize that having a relationship doesn’t mean sacrificing everything you enjoy at the altar of love.

Eine Beziehung ist nicht unser ganzes Leben. Beziehungen enden und das Leben geht weiter.

Of course people are shocked that Matthew can handle the fact that I love another man while I also love him. We’re used to people having loved before, we aren’t used to the idea that those loves could coexist, that they could happen at the same time.

Warum fällt es unserer Gesellschaft so schwer, zu akzeptieren, dass Menschen gleichzeitig mehr als eine Person lieben können? Wenn Menschen Kinder bekommen, hören sie doch auch nicht auf, die Menschen, die bisher in ihrem Leben wichtig waren, zu lieben. Und wir hören auch nicht auf, eine verstorbene Person zu lieben.

For a long time, love felt like something that I had to earn, that could be taken from me at any time for bad behaviour.

Liebe sollte nicht verdient werden müssen. Jeder Mensch sollte für sich selbst geliebt werden, ohne erst etwas dafür tun zu müssen.

Don’t confuse love with time, or attention, or anything else that can be quantified.

Liebe ist kein Topf voller Essen, der irgendwann zu Ende geht und dann ist für die Nachkommenden nichts mehr übrig. Liebe ist nicht messbar in mit der anderen Person verbrachter Zeit oder der Aufmerksamkeit, die der anderen Person entgegengebracht wird. Zeit ist endlich, Liebe ist unendlich.

I wasn’t seeing something new, I was seeing something that was always there, but that I’d been able to ignore because it didn’t affect me directly.

Oft verhindern unsere eigenen Privilegien, dass wir strukturelle Probleme erkennen können. Diese Erkenntnis habe ich selbst in den letzten Jahren immer wieder gemacht und Nora McInerney bringt dies hier so eindeutig auf den Punkt, wie ich es bisher nirgendwo sonst gelesen habe.

[The world] will be changed by what we teach this next generation of kids.

Gesellschaftlicher Wandel braucht Zeit. Die Welt, die Gesellschaft, alles, was sich langfristig verändern soll, kann nur dadurch verändert werden, was wir unseren Kindern über die Welt erzählen und welche Perspektive wir ihnen dadurch auf die Umstände in unserer Gesellschaft mitgeben.

Things change when people care enough to change them, and people can change, when they care to.

Dinge verändern sich nicht von allein, nur Menschen verändern Dinge. Dinge verändern sich nur dann, wenn Menschen sich ausreichend Mühe geben, um tatsächlich etwas zu verändern. Veränderung ist anstrengend und manchmal schmerzhaft für die einzelne Person. Wir müssen Geduld haben, denn Veränderung braucht Zeit.

Just the idea of having someone openly dislike me or my work held me back.

Diese Beschreibung trifft auf mich nach wie vor zu. Wenn wir uns aber verstecken und unsere Ideen und Werke bei uns behalten, damit sie niemand kritisieren kann, dann verstecken wir auch uns selbst vor der Welt.

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Jugend Roman

Jesse Andrews – Me and Earl and the Dying Girl

„Urrrnngh.“

„What is that noise.“

„Regretful polar bear.“

Im Gegensatz zu vielen anderen Jugendbüchern, die sich zwar mit schwierigen Themen befassen, aber nicht wirklich die Sprache der Jugend sprechen, zeichnet sich dieses Buch durch eine betont flapsige Sprache aus. Das kann (für die etwas gealterte Leserin) in manchen Momenten etwas anstrengend wirken, bringt aber schön zum Ausdruck, wie sich das Leben von Jugendlichen tatsächlich darstellt. Und führt zu unfassbar lustigen Situationen und Konversationen.

Der erzählende Protagonist beschreibt etwa ausführlich seine intensiven Versuche, mit allen auf seiner Highschool existierenden Gruppen ein neutrales Verhältnis zu haben, nirgends dazuzugehören, nirgends negativ aufzufallen und sich aus allen Konflikten herauszuhalten. Dieser Versuch wird torpediert durch seine entstehende Freundschaft mit der krebskranken Rachel. Herbeigeführt wird diese Entwicklung durch seine Mutter, die ihm nahelegt, eine vormals bestehende lose Bekanntschaft mit dem nun erkrankten Mädchen wiederzubeleben.

Ausführlich beschrieben wird zwischen den Zeilen, wie schwierig uns im Allgemeinen der Umgang mit kranken Menschen fällt. Mitleid scheint fehl am Platz, so zu tun, als wäre alles in Ordnung wird mit fortschreitender Krankheit unmöglich. Greg überlässt Rachel sein Verzeichnis mit möglichen weiterführenden Schulen, in seinem Verständnis, damit Rachel sich selbst eine Schule aussuchen kann (die sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht besuchen wird können). Rachel sucht stattdessen für Greg eine Filmschule aus. An der er sich nicht bewerben will, weil er sich selbst nicht für geeignet hält.

Die zweite Komponente ist Gregs Freundschaft mit Earl, der mit abwesenden Eltern und ruppigen älteren Brüdern aufwächst und seine Perspektive als Manager bei Wendy’s sieht. Die Freundschaft mit der kranken Rachel verändert beide.

Am Ende verwirklicht die Geschichte natürlich genau das, was sie zu Anfang behauptet, nicht sein zu wollen: eine Geschichte über die lebensverändernde Bedeutung von Freundschaft, Krankheit und dem Sterben eines geliebten Menschen.

Randnotiz:

Was für eine wunderbare Sammlung. Man bekommt sofort Reisefieber und will sich Bücher in beide Jackentaschen stopfen, um gleich loszuziehen.

Vor Jahren hatte ich die Idee, etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen, ich habe dann damals auch begonnen, alle Bücher hier im Blog mit den Städten und Ländern zu taggen, mit denen sie in Verbindung stehen. Jetzt gibt es hier bei Lit Cities eine Karte, wo Städte mit Büchern verknüpft sind, eine sehr schöne Umsetzung dieser Idee. Via Mademoiselle ReadOn.

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Roman

Charles Scott Richardson – Das Ende des Alphabets

Der Protagonist Ambros Zephyr erhält eine niederschmetternde Diagnose: er leidet an einer unbekannten und daher unbehandelbaren Krankheit. Es bleibt ihm noch ein Monat zu leben. Sein erster Impuls lässt ihn eine Reise planen, Orte von A bis Z will er in dem verbleibenden Monat gemeinsam mit seiner Frau Zipper besuchen. Im Hinblick auf meine letzte Reise (Polen, 3 Städte in 8 Tagen) musste ich unwillkürlich daran denken, wie unmöglich dieses Vorhaben ist und was für eine anstrengende Art, seine letzte verbliebene Zeit auf Erden zu verbringen.

Zu dieser Erkenntnis gelangen auch Ambrose und Zipper. In Rückblenden wird die Geschichte ihrer Liebe erzählt, was sie zusammengebracht hat, was sie trennt, was die Verbindung zwischen ihnen ausmacht. Das Buch entspricht im Großen und Ganzen dem, was man sich von der Thematik erwarten würde: eine Meditation darüber, was ein Menschenleben ausmacht und was im Leben wirklich wichtig ist.

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Roman

Nina LaCour – We Are Okay

I used to cry over a story and then close the book, and it all would be over. Now everything resonates, sticks like a splinter, festers.

Einer der Nachteile an digitalen Büchern ist ja, dass man vorher nicht abschätzen kann, wie lange sie sein werden. Nach den ersten paar Seiten schaue ich meist, wieviel Prozent ich bereits gelesen habe und das gibt mir dann einen Hinweis, wie lang das Buch wohl sein wird. Bei diesem Buch stellte ich fest, dass es überraschend kurz ist und trotzdem werden so viele unterschiedliche Themen behandelt, die für Jugendliche relevant sein können (Anders-Sein, zwischen freundschaftlichen und romantischen Gefühlen unterscheiden, Unsicherheit über die eigene Geschlechtsidentität oder sexuelle Orientierung, Zugehörigkeitsgefühl, Einsamkeit, …).

Der Leser lernt die Hauptperson Marin kennen, die gerade an ihrem College alleine die Winterferien beginnt, weil sie (scheinbar) keine Familie hat, mit der sie die Weihnachtsferien verbringen kann. Stück für Stück erfährt der Leser vom komplizierten Verhältnis zur besten Freundin Mabel, dem Geheimnis von Marins jüngst verstorbenem Großvater und der großen Einsamkeit, die so schwer auf Marin lastet, dass sie niemanden mehr an sich heranlassen kann.

Das Ende kommt überraschend und hat zumindest bei mir das Gefühl hinterlassen, dass auch die dunkelsten und einsamsten Tage vorbeigehen und es immer einen Weg gibt.

Everything’s a gift and we’ll be alright.

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Roman

Neil Gaiman – American Gods

„Gods are great“, said Atsula, slowly, as if she were comprehending a great secret. „But the heart is greater. For it is from our hearts they come, and to our hearts they shall return …“

In diesem monumentalen Roman beschäftigt sich der Autor mit Göttern und Mythen. Aus amerikanischer Sicht sind die meisten Götter eingewandert, sie stammen beispielsweise aus Irland (Leprechauns) und sind mit den irischen Einwanderern, die an sie glauben, nach Amerika gekommen. Wenn diese Gottheiten nun ihre Anhängerschaft Stück für Stück verlieren, geraten sie in Vergessenheit.

All they had in common was a look, a very specific look. It said, You know me; or perhaps, You ought to know me. An instant familiarity that was also a distance, a look, or an attitude – the confidence that the world existed for them, and that it welcomed them, and that they were adored.

Das große Thema des Buches ist nun ein (vermeintlicher) Kampf zwischen alten und neuen Göttern. Der Protagonist Shadow wird nach drei Jahren aus dem Gefängnis entlassen und muss feststellen, dass sein sorgfältig vorbereiteter Plan (Rückkehr zu seiner Frau, Job im Fitness-Center seines Freundes) in Stücke zerbrochen ist. Seine Frau und sein Freund wurden bei einem Autounfall getötet. In diesem Schockzustand wird Shadow von Mr. Wednesday aufgelesen, der ihm einen Job und somit eine Beschäftigung, eine Lebensmöglichkeit anbietet. Schon am zweiten Tag dieser Beschäftigung wird Shadow von den neuen Göttern in einer Limousine bedroht. Der Autor lässt diese Götter namenlos bleiben, ihre Handlanger nennen sich Mr. Town, Mr. World und Mr. Stone und scheinen keine Persönlichkeit zu haben. Sie haben keine Geschichte, ihre Energie stammt rein aus der Gegenwart. Durch das Vernichten der alten Götter hoffen sie auf noch mehr Popularität, die sie am Leben hält.

He hoped he would live through this, but he was willing to die, if that was what it took to be alive.

Eine der Geschichten (als Traum von Shadow erzählt) beschreibt ein Gottwesen namens Ifrit, das Besitz von einem anderen Körper, einer anderen Person, einem anderen Leben nimmt. Die Geschichte kam mir bekannt vor und tatsächlich hat Neil Gaiman hier einen Mythos verwendet und auf moderne Art neu erzählt. Gerade wegen dieser Umgangsweise mit spirituellen Inhalten (die von vielen Gläubigen als respektlos empfunden werden kann) wurde der Roman kontrovers aufgenommen, wie der Autor selbst in seinem Vorwort schreibt.

After this there would be no more obligations, no more mysteries, no more ghosts.

Die Geschichte besteht jedoch nicht nur aus Mythen, sondern hält einige spannende Wendungen bereit, die für mich als Leserin nicht vorhersehbar waren. Es entwickelt sich ein fesselndes Gesamtkonzept, das zwischen den Zeilen auch noch ein Plädoyer für religiöse Toleranz beinhaltet.

In einem Interview am Ende des Buches outet sich Neil Gaiman übrigens als einer derjenigen, der nie genug Zeit hat für alle Dinge, die er gerne tun möchte:

There is not enough time, and I wind up just wanting to do things that I don’t have time for. There are so many things that I’d love to do, and I have to put off, or that it’s a matter of me choosing, when really I’d love to do both. And if only time were infinitely stretchy, I could.

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Erfahrungsbericht

Caitlin Doughty – Fragen Sie Ihren Bestatter

Es war, als hätte ich mein Leben lang nur Zugriff auf ein beschränktes Gefühlsspektrum gehabt, als wäre ich wie eine Flipperkugel zwischen den Engen der Skala hin und her geschnellt. Bei Westwind wurde meine emotionale Bandbreite schlagartig erweitert. Ich erlebte Augenblicke der Euphorie und der Verzweiflung, die ich nie für möglich gehalten hätte.

Die Autorin schafft es sehr geschickt, ihre persönlichen Erfahrungen als Mitarbeiterin im Krematorium in eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem kulturellen Phänomen des Bestattungswesens zu verpacken, ohne dabei den Humor zu verlieren. Diese Form der (sachlichen) Beschäftigung mit einem bestimmten Thema anhand eigener Erfahrungen gefällt mir zunehmend besser. Caitlin Doughty hat keine Scham dabei, sich als unerfahrene Kremationsmitarbeiterin auch selbst auf die Schaufel zu nehmen, und beschreibt hingebungsvoll all ihre Zweifel an ihren eigenen Fähigkeiten und den Mechanismen der amerikanischen Bestattungskultur. Von der Kremierung Obdachloser auf Staatskosten bis zur Einbalsamierung prominenter Menschen vor der Bestattung auf einem Nobelfriedhof (in Kalifornien gibt es sowas selbstverständlich) ist alles dabei.

Wenn man das Thema wirklich an sich heranlässt, dann kommt man nicht umhin, sich zu fragen, was man eigentlich über die Bestattungskultur im eigenen Land weiß. Ich selbst war als Studierende zuletzt auf einem Begräbnis, wobei ich zugeben muss, dass mir damals mehr die gesellschaftlichen Erwartungen an mich Sorge bereiteten als die Trauer um die zu Begrabende (es handelte sich um eine nahe Verwandte meines damaligen Lebensgefährten). Der grundlegende Ablauf einer traditionellen Bestattung auf einem katholischen Friedhof mit vorangehender Trauerfeier und darauf folgendem Leichenschmaus ist mir ein Begriff, jedoch fehlt mir jegliche Vorstellung davon, welche Möglichkeiten neben dieser traditionellen Variante in Österreich sonst noch möglich sind.

Tatsächlich habe ich vor einigen Monaten ein handschriftliches Testament verfasst, das dafür sorgen soll, im Falle meines plötzlichen Ablebens nicht mit mir verwandte Menschen mit einem Teil meines Erbes zu bedenken. Was mit meinem Körper dann geschehen soll, war mir jedoch damals nicht in den Sinn gekommen, und ist mir auch heute noch gleich. Wenn meine Familie sich einen Ort wünscht, an dem sie mich besuchen kann, soll sie diesen haben. Ob das nun ein Platz im Familiengrab ist oder eine Urne hinter einer Steinwand oder ein Baum, den sie auf einer Lichtung im Wald pflanzen, scheint für mich selbst keinen großen Unterschied zu machen. Diese Dinge sind wichtig für die Hinterbliebenen. Aber nicht für den Verstorbenen, der sich zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon an einem ganz anderen Ort befindet. Wo auch immer das dann sein mag …

Der Sinn von Kultur besteht darin, Antworten auf die großen Fragen der Menschheit zu liefern: Leben und Tod. Als jungem Mädchen hatte mir meine Kultur zwei Dinge weiszumachen versucht: zum einen, dass es für uns alle am besten ist, den Tod im Verborgenen zu halten – eine fette Lüge, wie ich während meiner Arbeit bei Westwind begriffen hatte, einem Bestattungsunternehmen, das letztlich auch nur Teil jener großen Verschwörung war, den Tod komplett unter den gesellschaftlichen Teppich zu kehren.

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Roman

Audrey Schulman – Die Farben des Eises

Die Fotografin Beryl reist mit einer kleinen Gruppe nach Churchill in Kanada, um Eisbären zu fotografieren. Ziel des Auftraggebers sind möglichst ungestellte Fotos der sich dort versammelnden Eisbären aus nächster Nähe.

Zwei Faktoren haben mich an diesem Buch fasziniert. Zum einen der Detailreichtum, mit dem die Autorin die Natur dieses unwirtlichen Landes beschreibt. Die titelgebenden Farben des Eises werden gar nicht im Detail behandelt, doch das Gefühl der Weite in dieser schneebedeckten Landschaft beschreibt sie ausführlich. Auch Beryls Begegnungen mit den Eisbären sind in einem teilweise erschreckenden Detailreichtum beschrieben, die Autorin beschreibt den Geruch der Bären, wie sich deren Fell anfühlt sowie ihre unbeholfenen Reaktionen auf die Menschen. Eisbären haben keine natürlichen Feinde und erkennen daher den Menschen auch nicht als solchen. Der Leser darf mit Beryl mitstaunen, die trotz der intensiven Vorbereitung auf ihre Reise von der riesigen Körperlichkeit der Bären überrascht ist. Wenn man Eisbären in Naturdokumentationen sieht, fehlt zumeist ein Maßstab. Ohne ein Auto oder einen Baum zum Größenvergleich sehen die tapsigen Bären deutlich kleiner und ungefährlicher aus, als sie sind.

Der zweite Faktor sind die menschlichen Beziehungen innerhalb des Teams, dass sich auf die Reise macht, um die Bären zu erforschen. Als einzige Frau unter Männern hat es Beryl natürlich nicht leicht. Stück für Stück enthüllt sich auch ein Konflikt zwischen dem mutmaßlich schwulen David und dem seine Männlichkeit betonenden Butler. Als vierter im Bunde ist Jean-Claude als lokaler Führer mit dabei. Er soll für die Sicherheit der Expedition sorgen. In einem für arktische Verhältnisse gerüsteten Bus sollen die vier auf engstem Raum drei Wochen lang die Bären beobachten und dokumentieren. Die Autorin beschreibt sensibel die schwelenden Konflikte zwischen den unterschiedlichen Persönlichkeiten und wie sich diese schließlich bis zur Katastrophe steigern. Spannend bis zum bitteren Ende.

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Jugend Roman

Lydia Rood – Mohnkind

Es ist sehr viel fehlgeschlagen in meinem Leben. Aber es sind vor allem die kleinen Fehlschläge, die stechen, wenn ich schlafen will.

Dieses Buch habe ich in meiner Jugend unzählige Male gelesen (wie viele andere). Damals hatte ich dieses Gefühl noch nicht, dass ich ein neues Buch verpasse, wenn ich eines nochmal lese, das ich bereits kenne. Vielleicht hatte ich auch nie genug zu lesen.

Die zwölfjährige Pava erhält einen Brief von ihrer Mutter, die gestorben ist, als Pava zwischen einem und zwei Jahre alt war. In Pavas Leben spielte die verstorbene Mutter bisher keine große Rolle, ihr Vater hat längst eine neue Frau, Manon, die die Mutter von Pavas jüngerem Bruder Thomas ist. Der Brief verwirrt Pava, denn ihre Mutter präsentiert sich als verletzliche Frau, die im Leben nur eines wollte: geliebt zu werden. Gleichzeitig schreibt sie darüber, dass Eltern von ihren Kindern nichts zu erwarten haben. Eltern müssen ihre Kinder lieben, denn sie haben sie schließlich in die Welt gesetzt, wohingegen Kinder ihren Eltern nichts schulden.

Nicht nur Pava muss sich mit dem Brief auseinandersetzen, auch ihr Vater, Manon und Thomas werden hineingezogen in die Vergangenheit. Die Autorin beschreibt unterschiedliche Stufen von Eifersucht, Schmerz und Erinnerung. Vermutlich habe ich das Buch auch deshalb so oft gelesen, weil es trotz des traurigen Themas so leicht dahinfließt. Über den Verlust eines Familienmitglieds zu schreiben, erscheint mir als besondere schreiberische Kunst, dies dann noch für Kinder verständlich zu machen, wie eine unüberwindbare Aufgabe. Doch auch in Das Blubbern von Glück findet sich die für Kinder wichtigste Botschaft: Das Leben geht weiter. Die Erinnerung lebt weiter.

Reading Challenge: A book from your childhood

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Roman

Margarita Kinstner – Mittelstadtrauschen

Wie leicht haben es doch diejenigen, die nicht mehr auf der Suche nach der großen Liebe sind, die die Suche entweder aufgegeben haben oder sich mit dem begnügen, was sie einst gefunden haben.

Irgendwann voriges Jahr hatte ich diesen Roman in der Onleihe der Büchereien Wien angefangen. Dann ergab es sich, dass ich so komplett keine Zeit zum Lesen hatte, dass nach zwei Wochen die Frist abgelaufen war und ich nur 50 Seiten geschafft hatte. Da bereits so viele Reservierungen vorhanden waren, hatte ich es damals für mich ad acta gelegt. Praktischer Zufall, dass ich es jetzt in meiner lokalen Buchhandlung fand und sofort die richtigen Schlüsse zog.

Der Kauf hat sich in jedem Fall gelohnt. Mit einfühlsamem Witz beschreibt die Autorin ihre Figuren, die auf verschlungenen Wegen alle miteinander verknüpft sind. So etwa in der Mitte des Buches, als beinahe beiläufig eines der schicksalsträchtigsten Verwandtschaftsverhältnisse enthüllt wird, musste ich mir im Geiste kurz alle Namen vorsagen, um sicher zu sein, dass das jetzt wirklich so zusammenpasst.

Im Mittelpunkt stehen Joe, Marie und Gery. Zu Beginn des Buches ist Joe bereits tot, er hat sich wieder einmal von einer Brücke in den Donaukanal fallen lassen und ist diesmal nicht mehr aufgetaucht. Gery macht sich Vorwürfe, denn er war dabei, hat sich aber nichts gedacht, weil Joe ständig solche Späße veranstaltet. Marie war damals bereits Joes Exfreundin und steckt nun in einer neuen Beziehung, ihre Gedanken sind jedoch noch immer beim toten Joe.

Joe antwortete erst, als sie wieder ausstiegen. „Solange wir nach einem Sinn suchen, werden wir nie glücklich sein, verstehst du? Erst wenn dir alles egal ist, lebst du wirklich.“

Rund um dieses Dreigespann entwickelt die Autorin ein Geflecht anderer Figuren, die Impulse geben, aber auch eine eigene Geschichte haben, wie etwa die alte Hedi, der Gery das Essen auf Rädern liefert und sich mit ihr anfreundet. Ihre Lebensgeschichte ist es, die alle beschriebenen Personen zusammenführt.

Über das Ende kann ich wirklich nichts verraten, weil alles so schön zusammenpasst. Sicher kommt einem manche Wendung aus Hollywood-Filmen bekannt vor, aber nichtsdestotrotz ist es schön ausgedacht und beschrieben, sodass man wirklich nur auf hohem Niveau jammern könnte. Anstatt zu jammern empfehle ich das Buch als lockere Sommer- wie Winterlektüre.

Reading Challenge: A book you started but never finished

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Roman

Paul Murray – Skippy stirbt

Nach und nach dämmert einem die schreckliche Wahrheit – dass die Zukunft nicht die Achterbahnfahrt sein wird, die man sich vorgestellt hat, dass die Welt der Eltern, die Welt, in der man abwaschen, zum Zahnarzt gehen und am Wochenende im Baumarkt Bodenfliesen kaufen muss, weitgehend das ist, was die Leute meinen, wenn sie „Leben“ sagen.

Es ist kein Spoiler, wenn ich hier gleich am Anfang verbreite, dass Skippy tatsächlich stirbt und zwar schon auf den ersten 12 Seiten. Wie es dazu kommt und was in den Wochen und Monaten vor Skippys Tod passiert, ist der Inhalt der ersten Hälfte des Buches. Der Leser lernt Skippys Umwelt in der katholischen Burschenschule Seabrook in Dublin kennen. Skippy ist ein Außenseiter mit wenigen Freunden, sein Verhältnis zu seinen Eltern ist nicht besonders gut, aus der Schwimmmannschaft will er aussteigen. Und schließlich verliebt er sich in Lori, die die benachbarte Mädchenschule besucht.

Eigentlich ist Skippy nur dem Titel nach der Protagonist dieses Romans, denn im zweiten Teil, der die Ereignisse nach seinem (für seine Umwelt) überraschenden Ableben beschreibt, kommt er nur noch in der Erinnerung derer vor, die ihn kannten und deren Leben Skippys Tod für immer beeinflusst hat. Fein gezeichnet beschreibt der Autor, wie sich die von den Medien zur tragischen Julia stilisierte Lori in die Magersucht flüchtet. Wie Skippys Zimmergenosse Rupprecht sich zuerst in Donuts vergräbt und dann auf wissenschaftlichem Wege versucht, mit dem Verlust seines Freundes fertigzuwerden. Wie Skippys Lehrer Howard Fallon mit seinem Gewissen ringt, weil er (mehr oder weniger) unfreiwillig Mitglied eines Vertuschungskomplotts (katholische Burschenschule, muss man mehr sagen?) geworden ist. Wie Carl, der ebenfalls in Lori verliebt ist, sich von dem toten Jungen verfolgt fühlt und mehr und mehr im Drogensumpf versinkt.

Es ist so, verstehst du, in jedem Ofen ist ein Feuer. Na ja, und in jedem Grashalm ist ein Grashalm, der sozusagen darauf brennt, ein Grashalm zu sein. Und in jedem Baum ist ein Baum, und in jeder Person ist eine Person, und in dieser Welt, die so langweilig und stinknormal aussieht, ist, wenn du genau hinschaust, eine total spannende, magische, schöne Welt. Und alles, was du wissen willst, oder alles, was in deinem Leben passieren soll, alle Antworten sind genau da, wo du jetzt bist.

Ins Regal stellen möchte ich dieses Buch direkt neben Ich bin Charlotte Simmons. Nicht nur der Umfang des Buches und das Setting an einer Schule verbinden die beiden Romane in meinen Augen miteinander. Es ist mehr das Thema, dieses Sich-Zurechtfinden-Müssen in einer Welt, die sich ständig ändert, die den Jugendlichen täglich neue Aufgaben stellt, die sie bewältigen müssen und von denen sie sich manchmal überfordert fühlen. Beide Romane zeigen auf, dass man Fehler machen und aufstehen und noch mehr Fehler machen kann. Wichtig ist nur, dass man wieder aufsteht und weitermacht. Erstaunlicherweise gelangt auch Skippy stirbt zu einem versöhnlichen Schlusspunkt, der kaum noch zu erwarten war.

Aber solche Sachen wie die Welt-in-dieser sind so groß, die kann man nicht allein im Kopf behalten. Man braucht wen, der einen daran erinnert, oder dem man davon erzählen kann, und man muss es einander immer wieder erzählen, das ganze Leben lang.

Reading Challenge: A book based entirely on its cover
(Spontankauf am Flohmarkt)