Neal Stephenson – Cryptonomicon

Fast 1.200 Seiten und jetzt weiß ich nicht, was ich darüber schreiben soll. Eine unglaublich ausführliche Geschichte über mehrere Jahrzehnte, die Kapitel springen zwischen unterschiedlichen Perspektiven in unterschiedlichen Zeitzonen herum, zu Beginn ist es schwierig, den Überblick zu bewahren. Mit der Zeit findet sich die Leserin einfacher zurecht, der Autor verwendet auch leicht unterschiedliche Schreibstile für die unterschiedlichen Personen in ihren vollständig verschiedenen Lebenslagen. Richtige Sympathien haben sich bei mir beim Lesen nicht eingestellt, zu weit weg erschienen mir die abgehobenen Probleme sowohl der Techniker, die zuerst nur mit einer neuartigen Idee schnell reich werden wollen, als auch der Soldaten und Generäle im Krieg, die stets nur die Zerstörung und/oder das Gold im Blick haben.

Auch wenn ich inzwischen der ganzen E-Book-Technologie spektisch gegenüberstehe (wegen der Datenschutz-Probleme), zeigt sich hier ganz deutlich, warum der E-Book-Reader doch eine gute Erfindung war. Einen Papier-Wälzer von 1.200 Seiten kann man beinahe nur in liegender Position lesen.

Mo Hayder – Tokio

Bei Krimis ist es immer schwer, etwas über das Buch zu schreiben, ohne zu Spoilern. Bei diesem ist es fast unmöglich. Die Studentin Grey ist gerade in Tokyo gelandet. Sie ist auf der Suche nach einem chinesischen Professor, von dem sie vermutet, dass er im Besitz eines Films ist, nach dem sie seit Jahren sucht. Sie ist allein in der Stadt, auf sich gestellt, kennt niemanden und hat kein Geld. Ihr Motiv, warum sie sich diesem Risiko und diesen Strapazen aussetzt, ohne jedwede Garantie auf Erfolg, bleibt bis zu den letzten Seiten im Dunkeln. Eine Meisterleistung. Obwohl Stück für Stück Teile ihrer Vergangenheit enthüllt werden, die letztendlich ein schlüssiges Motiv ergeben, kann der Leser bis zum Schluss nicht erraten, was mit ihr geschehen ist. Natürlich hat sie auf ihrer Reise viel Glück. Aber auch ihre Beharrlichkeit verhilft ihr schließlich zum Erfolg. In einem Hostessenklub verdient sie sich ausreichend Geld, um in Tokio überleben zu können. Die Auflösung am Ende des Buches fügt vieles zusammen, es wirkt aber nie gekünstelt (Deus ex machina), sondern wie von vornherein vorgesehen. Eine Technik (oder nennen wir es Präzision), die nicht viele Krimiautoren so perfekt beherrschen. Das exotische Ambiente von Tokio gemischt mit den Rückblenden aus dem Tagebuch des Professors im kriegsgeschüttelten China machen die Spannung perfekt. Ich weiß schon, wem ich dieses Buch weiterreichen werde.

Mario Vargas Llosa – Das böse Mädchen

Ich verliebte mich wie ein Mondkalb in Lily, was die romantischste Form des Verliebtseins ist – man sagte auch: sich total verknallen–, und erklärte mich ihr dreimal in jenem unvergesslichen Sommer.

Mit diesen Worten beginnt eine lebenslange Liebe für Ricardo. Das einzige Ziel des jungen Peruaners ist es, nach Frankreich auszuwandern und in Paris zu leben. Das geliebte Mädchen hingegen verlangt nach mehr: nach Geld, Glamour, Lebensart, Stil, Erfolg. Sie wird Ricardo später mangelnden Ehrgeiz vorwerfen. Und obwohl sie (vielleicht?) nach den falschen Sternen greift, hat sie recht, wenn sie ihm später sagen wird, dass sie nie mit dem zufrieden sein wird, was sie hat und immer mehr wollen wird.

Ich winkte ihr zu, und sie hob die Hand, in der sie den geblümten Sonnenschirm trug. Ich brauchte sie nur zu sehen, um zu begreifen, dass ich sie in all diesen Jahren nicht einen einzigen Augenblick vergessen hatte und dass ich genauso verliebt in sie war wie am ersten Tag.

Als Rahmen gibt der Autor seiner Geschichte die Geschichte Europas, immer wieder mit Blicken nach Peru, dem Heimatland des Erzählers Ricardo. Die Jahre vergehen, Europa verändert sich, während Ricardo stets derselbe zu bleiben scheint. Es ist schwer zu beschreiben. Während man bei Freunden und Bekannten Veränderungen in ihren Einstellungen oft deutlich wahrnimmt, erkennt man sie im eigenen Leben nicht immer sofort, weil sie schleichend Einzug halten. Ähnlich ist es mit den veränderten Stimmungen von Ricardo, der sich und seiner Liebe zum bösen Mädchen treu bleibt, auch wenn er in Hippiekreise gerät …

Es war etwas Sympathisches an ihrem Pazifismus, ihrer Naturliebe, ihrem Vegetarismus, ihrer emsigen Suche nach einem spirituellen Leben, das ihrer Ablehnung der materialistischen Welt mit ihren gesellschaftlichen und sexuellen Vorurteilen Transzendenz verleihen sollte. Doch all das war anarchisch, spontan, ohne Zentrum oder Führung, selbst ohne Ideen, denn die Hippies – zumindest diejenigen, die ich näher kannte – behaupteten zwar, sie würden sich mit der Dichtung der Beatniks identifizieren – Allen Ginsberg trug auf dem Trafalgar Square vor Tausenden junger Leute seine Gedichte vor und sang und tanzte Hindu-Tänze –, aber in Wahrheit lasen sie sehr wenig oder überhaupt nicht. Ihre Lebensanschauung beruhte nicht auf Denken und Vernunft, sondern auf den Gefühlen: auf dem feeling.

Jedes Mal, wenn Ricardo erneut vom bösen Mädchen verlassen wird, jedes Mal, wenn sie sich erneut auf die Suche nach etwas anderem, etwas scheinbar Besserem begibt, schilt er sich selbst, dass er sich wieder auf sie eingelassen hat und noch, wenn er sie wiederfindet, weiß er, dass es eine Dummheit ist, sich nochmal auf sie einzulassen. Doch er ist verliebt wie ein Mondkalb. Seine Gefühle wechseln intensiv zwischen Höhen und Tiefen.

Ich lag Stunden so da, mit leerem Kopf, schlaflos, fühlte mich wie der letzte Dreck, voll stupider Einfalt, naiver Dummheit. … Selbst das Kino, die Konzerte, das Lesen, die Schallplatten waren eher Formen, die Zeit auszufüllen, als Dinge, die mich wie früher begeisterten. Auch deshalb grollte ich Kuriko. … Durch ihre Schuld waren die Freuden, die aus dem Leben etwas mehr als eine Summe routinemäßiger Verrichtungen machen, in mir erloschen. Bisweilen fühlte ich mich wie ein alter Mann.

Natürlich nimmt er sich nach einem besonders schlimmen Verrat vor, nie mehr mit ihr zu sprechen, sie endgültig aus seinem Leben zu verbannen. Natürlich scheitert er daran.

Ich besänftigte meine Schuldgefühle, indem ich mir sagte, dass dies in keinem Fall ein Rückfall wäre. Ich würde wie ein entfernter Freund mit ihr sprechen; meine Kälte wäre der beste Beweis dafür, dass ich mich wirklich von ihr befreit hatte. … Es gab keinen Grund, überrascht zu sein: es war genau das passiert, von dem du immer wusstest, dass es passieren würde.

Ich würde wirklich gerne die Geschichte aus der Sicht des Mädchens lesen. Sie selbst hat in ihrem Leben einiges mitgemacht, einiges ertragen. Nur durch den Einsatz ihres Körpers kann sie sich durchs Leben schlagen. Schließlich landet sie selbst in einer Beziehung mit einem Mann, dem sie unterlegen ist, dem sie sich sogar soweit unterwirft, dass sie damit ihre Beziehung zu Ricardo aufs Spiel setzt. Der sie schließlich psychisch krank und verletzt zurück lässt.

Jetzt, da diese Geschichte endlich abgeschlossen war.

Ricardo hat nie die Gelegenheit herauszufinden, ob ihre Liebe im Alltag Bestand haben kann, denn das böse Mädchen verlässt ihn immer wieder lange bevor er ihrer überdrüssig werden kann.

Wann weiß man, dass eine Liebe abgeschlossen ist? Kann man sich jemals sicher sein? Wenn man jemanden wirklich geliebt hat, kann die größte Verletzung ein Leben lang halten? Ist eine derart intensive Abhängigkeit die wahre Liebe? Oder ist es wahre Liebe, wenn man auch den gemeinsamen Alltag über längere Zeit aushält? Fragen ohne Antwort.

Haruki Murakami – 1Q84

Wir begreifen die Zeit als eine sich endlos fortsetzende Linie und agieren auf der Grundlage dieser fundamentalen Erkenntnis. Und da bisher keine besonderen Mängel oder Widersprüche daran zu entdecken waren, gilt sie wohl als empirisch erwiesen.

Hach, was für ein schöner Roman, ich weiß gar nicht, was ich schreiben soll, ohne etwas zu verraten … aus den Weihnachtsgeschenken 2011 von Amazon war das hier auf jeden Fall das Highlight, Buch 3 hab ich mir dann sofort gekauft, als ich mit Buch 1+2 durch war und ich bin froh, dass ich so lange gewartet hab und dann alles in einem lesen konnte …

Der Grund dafür ist klar: um Tango weiterzusehen. Aus diesem Grund bin ich auf dieser Welt. Oder von der anderen Seite betrachtet: Aus diesem Grund ist diese Welt in mir. Wahrscheinlich handelt es sich um ein sich endlos spiegelndes Paradox. Ich bin ein Teil dieser Welt, und diese Welt ist ein Teil von mir.

Murakami war mir ja in manchen Fällen zu abgehoben, in meiner Erinnerung konnte ich mit Kafka am Strand nicht recht was anfangen, der Blick zurück auf meinen damaligen Blog-Beitrag belehrt mich nun eines Besseren. Auch in 1Q84 geht es um eine Parallelwelt, hier ist sie sogar titelgebend. Erst spät erschließt sich Stück für Stück, dass die zwei Monde nur in der neuen Welt existieren, dass nicht jeder sie sehen kann und manche Dinge werden gar nicht aufgelöst. Doch in diesem Fall hat mich das nicht gestört, da die Gesamtkomposition einfach so gut ist. Ein Volltreffer. In jeder Hinsicht.

T.C. Boyle – Die Frauen

Olgivanna erkannte die Mopsnase, das feste Kinn, den zusammengekniffenen, unersättlichen Mund und den überdimensionalen Turban, der ihr über die Augenbrauen gerutscht war – und dann die Augen selbst, schreckhaft geweitet, als würde sie schon ihr Leben lang wieder und wieder mit einer Nadel gestochen.

Da stocherte ich wieder mal in der Onlinebibliothek der Büchereien Wien um, diesmal mit den Suchkriterien „Bestleiher“ und „verfügbar“. Stieß auf diesen Roman und dachte mir, bei T.C. Boyle kann ja nichts falsch sein. Und lag richtig und auch falsch. Falsch war an dieser Stelle jedoch nur der Zusammenhang von 560 Seiten und nur zwei Wochen Leihfrist, was mich einigermaßen ins Schwitzen brachte …

„Geh doch!“ schrie sie und rannte zur Tür, in der erhobenen Hand den Teller mit dem Bries, den sautierten champignons de laforêt und der Sherrysauce, die sie persönlich zubereitet hatte. „Geh doch, du Scheißkerl!“ Und dann flog der Teller ihm hinterher und beschrieb über dem mondbeschienen Vorgarten eine tropfende Parabel, bis er auf dem Bürgersteig zerschellte und das, was darauf gewesen war, den Vögeln und Eichhörnchen und Kreaturen der Nacht zum Fraß diente.

Als Hauptfigur erwählt T.C. Boyle den amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright und dessen Frauenbeziehungen sind das Thema des Romans. Er erzählt allerdings nicht chronologisch, sondern beginnt mit Wrights dritter Frau Olgivanna. Aus ihrer Sicht können wir auch bereits einen Blick auf ihre Vorgängerin Miriam werfen. Eine Drama Queen vom Feinsten, die wir schließlich noch näher kennenlernen und so etwas besser verstehen können, was Frank an dieser morphiumsüchtigen Verrückten finden konnte.

Ihm stand der Sinn vor allem nach Harmonie, und er war entschlossen, sie diesmal herzustellen und nicht nur zu nehmen, sondern auch zu geben, denn er hatte die lange, zermürbende Qual ihrer Abwesenheit ertragen müssen. Wenn er sie verwöhnen musste, wenn er hier und da ein Kissen oder hin und wieder ein französisches Essen ertragen musste – na, wennschon.

Doch der wahre Höhepunkt ist schließlich die Geschichte von Mama. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Ehe lässt Frank seine erste Frau Kitty sitzen (ihre Geschichte erschien dem Autor offenbar nicht interessant genug), um mit seiner Seelenverwandten Mama ein neues Leben zu beginnen. Zu diesem Zeitpunkt weiß der Leser bereits, dass diese Liebe in einer Katastrophe enden wird, kennt jedoch nicht die Details.

Und sie versicherte ihnen, dass er zurückkehren werde, sobald es ihm gelungen sei, sich zu bezwingen und die Schlacht zu gewinnen, die er nun heldenhaft schlagen werde, für sie und seine Kinder. Und dass, wenn er erst zurückgekehrt war – und sie glaubte tatsächlich, ganz unabhängig von der Leidenschaft des Augenblicks, an seine Rückkehr –, alles sein werde wie zuvor.

Allen Frauen, die mit Frank Lloyd Wright in Verbindung stehen, ist der Terror der Presse sicher. Die prüden Amerikaner verurteilen ihn wegen seiner Vorstellungen der Liebe, die über der Ehe steht. Sowohl Mama, als auch Miriam und Olgivanna erwarten zuerst, mit ihrer wahren Geschichte Verständnis von Presse und Bevölkerung zu ernten und werden doch nur durch den Schmutz gezogen und der Lächerlichkeit preisgegeben. Ein harter Preis, den sie für die Beziehung zu Frank zahlen müssen.

Die Geschichte nicht chronologisch zu erzählen erweist sich nicht nur als zufälliger Glücksgriff, sondern geradezu als eine sich aufdrängende Idee. Was könnte sich für den Schluss besser eignen als das flammende Inferno, das einen entscheidenden Wendepunkt im Leben des berühmten Architekten darstellt? Der Roman lehnt sich nur lose an die Lebensgeschichte des berühmten Architekten, zu ergründen, welche Teile nun Fakten darstellen, erscheint müßig. Wie so oft hat T.C. Boyle einen packenden Roman geschrieben, der die Menschen in den Mittelpunkt stellt und das Leben an sich in allen seinen Facetten feiert.

Kazuo Ishiguro – Damals in Nagasaki

Margeriten

„So war mein Mann eben, Etsuko. Sehr streng, und sehr patriotisch. Er war nie besonders rücksichtsvoll. Aber er kam aus einer sehr angesehenen Familie, und meine Eltern hielten ihn für eine gute Partie. Ich habe mich nicht gewehrt, als er mir verbot, Englisch zu lernen. Es schien mir schließlich gar nicht mehr sinnvoll.“

Es ist eine seltsame Welt, die sich in diesem Roman entfaltet. Mich verstörte ziemlich von Anfang an die Distanz, mit der die Autorin die Geschehnisse schildert. Durch die unterschiedlichen Zeitebenen – die Mutter Etsuko mit ihrer Tochter Niki in England, die junge Etsuko, schwanger mit ihrem ersten Kind in Japan, hoffnungsvoll in die Zukunft blickend – scheint die Hauptfigur Etusko in Distanz zu ihrem eigenen Leben zu stehen. Wie man es vielleicht in so einer Situation – mehr als 20 Jahre später, am anderen Ende der Welt lebend – selbst empfinden könnte.

Seit Langem habe ich wieder ein Buch vom Wühltisch gekauft, im Kurzurlaub in Klagenfurt. Angezogen hat mich der bunte Umschlag, dann der Titel, japanische Kultur hat ja auf die Nerdgemeinde seit Längerem eine große Anziehungskraft und ich schließe mich da selbst nicht aus. Es scheint Japan in vielem eine andere Welt zu sein. Die hohe Selbstmordrate, die hohen Ansprüche, die die Menschen an sich selbst stellen, die Höflichkeit, ständige Achtsamkeit, um nur niemanden zu beleidigen. Selbst im Streit vollkommene Umgangsformen zu bewahren, das kennt man in Europa und speziell in Österreich so nicht. Diese Höflichkeit prägt in zweiter Linie die Geschichte in diesem Buch.

Der Klappentext verspricht schließlich, dass Etsuko „sich ihrer Vergangenheit stellen“ muss, das konnte ich jedoch im Buch eher nur in der Theorie erahnen. „Erschüttert taucht sie ein in eine Welt der Erinnerungen, Träume und Illusionen und blickt zurück auf die Zeit damals in Nagasaki, nicht lange nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Welt, die sie kannte, in Trümmern lag …“. Von diesen Trümmern bekommt man als Leser nicht recht viel mit, auch der Konflikt, wegen dem Etsuko schließlich Japan verlassen hat, wird nur angedeutet. Probleme werden nicht thematisiert, selbst in emotionalen Momenten ist Zurückhaltung angesagt. In diesem Sinn ist das Buch vielleicht authentisch, vielleicht aber auch nicht. Als Außenstehender kann man das nicht beurteilen. Und so mag die Geschichte Einsichten liefern oder auch nicht. Kryptisch.

Haruki Murakami – Kafka am Strand

Misstrauische Katze

„Ich verstehe sehr gut, was du fühlst“, sagt er. „Doch darüber musst du selbst nachdenken und befinden. Niemand kann das an deiner Stelle tun. So ist es eben mit der Liebe, junger Kafka. Himmelhoch jauchzend bist du allein, zu Tode betrübt bist du auch allein. Dein Körper und dein Herz müssen es ertragen.“

Der Begleiter meines unfreiwilligen Tagesaufenthalts am Pariser Flughafen Orly. In diesen Stunden hab ich nur das erste Drittel dieses Buchs geschafft, aber danach konnte ich es beinahe nicht mehr aus der Hand legen. Verflochten sind die Geschichten des 15-jährigen Kafka Tamura und des alten Nakata. Obwohl zwischen den beiden hauptsächlich Gegensätze bestehen, verbindet sie eine seltsame  Fügung des Schicksals.

Kafka verlässt sein Zuhause, um vor seinem Vater und dem Ödipus-Fluch, den dieser ihm auferlegt hat, zu fliehen. Seine Reise nach Takamatsu ist nur die erste Station einer Entwicklung. Sein Weg führt ihn in die Komura-Gedächtnisbibliothek, wo er sich in eine Frau verliebt, die im buchstäblichen Sinn seine Mutter sein könnte. Erst langsam werden die Verbindungen enthüllt.

„Das heißt, wenn du im Wald bist, wirst du nahtlos zu einem Teil des Waldes. Wenn du im Regen stehst, wirst du Teil des Regens. Wenn es morgen ist, wirst du Teil des Morgens. Wenn du mit mir zusammen bist, wirst du ein Teil von mir. So eben. Einfach ausgedrückt.“

Mit fortschreitender Handlung gerät die Geschichte immer mehr ins Reich der Fantasie. Nakatas Kampf mit dem Katzenmörder Johnnie Walker scheint einem noch eine bizarre Episode oder ein Traum zu sein, auch, dass Nakata mit Katzen sprechen kann, wird eher als Spleen verbucht. Mit der Zeit muss der Leser jedoch erkennen, dass dies nur der Einstieg in diese andere Welt neben der Welt darstellt. Auch Nakata macht sich auf den Weg nach Takamatsu, er und Kafka treffen jedoch niemals aufeinander.

Sie sieht hinunter auf die Tasse, die sie mit beiden Händen umschlossen hält. „Nein, leider werde ich nicht mehr da sein.“ – „Aber was willst du dann, dass ich dort mache?“ – „Insbesondere eines.“ Sie hebt den Kopf und sieht mir in die Augen. „Ich will, dass du dich an mich erinnerst. Solange du dich an mich erinnerst, können mich alle anderen ruhig vergessen.“

Kafka lernt auf seinem Weg nicht nur einiges über die Liebe und Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Sein Begleiter Oshima gibt allerlei Weisheiten mit auf den Weg. Und auch Hoshino, der Nakata auf seinem Weg begleitet, erkennt seine Fehler und lässt sich zum Besseren belehren. Wie seine Erkenntnis voranschreitet, ist beinahe noch interessanter, da Nakata seine Weisheit nicht mit Worten sondern mit Taten mitteilt.

„Wir alle verlieren ständig Dinge, die uns wichtig sind“, sagt er, nachdem das Klingeln aufgehört hat. „Wichtige Gelegenheiten und nachdem das Klingeln aufgehört hat. „Wichtige Gelegenheiten und Möglichkeiten, oder unwiederbringliche Gefühle. Das mach das Leben aus. Aber in unserem Kopf – oder vielleicht sogar der Kopf selbst – ist ein kleines Zimmer, in dem diese Dinge als Erinnerungen aufbewahrt bleiben. Ein Zimmer wie unsere Bibliothek. Und um über unseren genauen geistigen Zustand auf dem Laufenden zu sein, müssen wir die Karteikarten in diesem Zimmer ständig ergänzen. Wir müssen es reinigen, lüften und das Blumenwasser wechseln. Anders ausgedrückt, man lebt auf Ewigkeit in seiner eigenen Bibliothek.“

Zenkei Shibayama – Zen – Eine Blume spricht ohne Worte

Am nächsten Morgen nahm er alle seine Berichte und Aufzeichnungen über die Diamant-Sutra, die er mitgebracht hatte, verbrannte sie vor dem Kloster und erklärte: “Alles Wissen oder Lernen ist, verglichen mit der Tiefe der Erfahrung, wie ein Tropfen Wasser, der ins Meer fällt.”

“Jeder wird vor dem Spiegel in gleicher Weise behandelt. Er macht keinen Unterschied zwischen reich und arm. Er lässt nicht den Reichen und Vornehmen schön erscheinen, weil er etwas Besonderes sei. Er macht den Armen nicht besonders hässlich. Männer und Frauen, Alte und Kinder werden vor dem Spiegel gleich behandelt. ……… Ein solches unbeflecktes klares Bewusstsein, das durch und durch rein ist und völlig unparteiisch, ohne irgendeinen Unterschied, wird Buddha-dharma oder Selbst-Natur genannt. Zen lehrt, dass wir menschlichen Wesen ursprünglich diese Buddha- oder dharma-Natur in uns selbst besitzen.

Eines Tages ging er die Straße entlang und traf einen Bettler, dem er schon öfters begegnet war. Ohne viel zu überlegen, sagte er: “Guten Morgen!” Aus irgendeinem Grund antwortete der Bettler: “Gibt es einen Morgen, der nicht gut ist?”

Das Leben der Schönheit offenbart sich in der schöpferischen Kraft eines freien natürlichen Menschen, und diese Schöpferkraft erstrahlt aus der Tiefe seiner alles umfassenden Aktivität, in der er das zum Idol Erhobene vernichtet.

Eine grundlegende Einführung in den Zen-Buddhismus, der in China und Japan praktiziert wird und sich in erster Linie auf die Erfahrung stützt. Gleichnisse verdeutlichen, dass alles Wissen im Vergleich zur persönlichen Erfahrung unbedeutend ist. 

Fazit: Interessantes Thema, ansprechend aufbereitet.